Incredible, edible Todmorden

Ein Zufall führt uns auf unserer Reise in die erste essbare Stadt, von der ich in meinem Leben gelesen und gehört habe. Irgendwo in West Yorkshire auf der längeren Anfahrt nach Wales ist die Tankstelle wieder dran. Ich schlage unseren Autoatlas auf, suche unseren Standort, weil ich geografisch im United Kingdom ein geistiges Nackerpatzi bin – und entdecke den Namen der Stadt Todmorden nicht allzu weit entfernt. Das bei mir übliche Herzklopfen setzt ein. Irgendwas klingelt in mir. Wir googeln – und well, yeah – schmeißen alle Pläne über den Haufen, unsere App wird neu gefüttert und wir machen diesen Abstecher in eine Stadt, die wie Doppelmord klingt und so viel wie „Tottas Grenztal“ bedeutet.

Schon bei der abenteuerlichen Fahrt in der letzten Nacht fallen mir die vielen Schilder bezüglich Halifax auf. Kleiner Trigger für Insider. Und – ach. Keine Worte. Halifax also verfolgt mich ein wenig. Wir finden Dank unserer super funktionierenden englischsprachigen App einen Parkplatz direkt am Marktplatz. Und sehen sofort die ersten Hochbeete, Schilder und Hinweise auf eine essbare Stadt. Ebenso fallen mir Menschen auf, die an einem späten Vormittag unter der Woche offensichtlich arbeitslos sind und Alkohol trinken, es sind nicht wenige. Wir spazieren durch eine mit lokalen Waren angefüllte Markthalle, staunen, wie sehr auch hier Regionalität eine dominante Rolle spielt, ähnlich wie voriges Jahr in Totnes. Weil wir uns ein bissel planlos fühlen und mehr von der essbaren Stadt sehen wollen, fragen wir im hiesigen Tourimusbüro nach und erhalten eine supergenaue Karte mit der Möglichkeit, sich Todmorden zu erwandern. Schon nach zehn Minuten und den ersten Oasen in der Stadt treffen wir auf eine kleine Gruppe von vier Menschen. Später wird sich herausstellen, dass das Estelle Brown, ihres Zeichens Präsidentin der hiesigen Bewegung, und Freddie aus Deutschland sind, die mit einer Redakteurin und einem Fotografen für die französische Gartenzeitung „l’ami des jardins“ unterwegs sind. Wir lassen uns gern mitziehen und setzen den Rundgang professioneller angeleitet fort. Können Fragen stellen, bekommen Antworten und eine sehr persönliche Sicht auf das zehnjährige Projekt. Ja, die Arbeitslosigkeit sei hoch in der ehemaligen Tuchindustriestadt. Alkohol sei tatsächlich ein Problem, wie so oft in den größeren Städten dieser königlichen Insel. Und ja, die Anlagen werden genutzt und beerntet. Kanadische Wildgänse schnattern uns an, als wir ihnen zu nahe kommen. Schon wieder…

Ziemlich beeindruckend, was hier ehrenamtlich und aus der Zivilgesellschaft heraus entstanden ist. An der Calder entlang sehen wir unzählige und gut gepflegte Themenbeete mit Kräutern, Obstbäumen, Beerenbüschen und Gemüse. Die Calder ist schiffbar wie so viele Kanäle in England, hier funktionieren die Staustufen mechanisch, Hausboote gehören zum Stadtbild. Gegossen wird aus dem Fluss, die heurige Trockenheit ist auch hier eine Herausforderung. Hochbeete und Bäume und Sträucher finden sich auch direkt im urbanen Raum, neben Parkplätzen, an Straßenrändern. Immer versehen mit Schildern, mit Hinweisen, mit Ermutigungen, sich Essbares zu holen. Die Hochbeete vor der Polizeistation werden gerade genutzt, als wir ankommen. Nein, keine Genehmigung, einfach gebaut. Kein Ärger? Nein, ganz im Gegenteil, die Polizisten hätten eine Riesenfreude mit den hochgewachsenen Maispflanzen und lassen sich gerne damit fotografieren. Während zwei Männer in der Gruppe bereits Kochrezepte und Vergangenheit austauschen und dauernd ermahnt werden müssen, mal einen Zahn zuzulegen, erzählt Estelle vom neuen Gebäude, dass die Gruppe wenn ich es recht verstanden habe im Herbst beziehen wird. Mit Raum für Workshops, Miteinander und Weiterplanen. Ich bin schon sehr gespannt, lese auf facebook  unter Todmorden mit und wünsche euch Menschen vor Ort, dass auch diese Träume auf die Erde kommen. Ihr macht das schon.

Wir reden noch lange über Tauschkreise, Regionalwährungen, die Herausforderungen mit neuen Zuwanderern in einem Land, das mit Multikulturalität schon viel länger und bewusster umgeht als wir hier in Österreich, über die steigende Arbeitslosigkeit. Und einmal mehr schätze ich, dass ich Englisch in der Schule lernen durfte und jetzt wackelige aber nutzbare Brücken zu anderen Menschen damit bauen kann.  Danke Leben.

Nach drei Stunden geht auch in unsere Hirne kein Fuzzel Info mehr hinein, wir verabschieden uns voneinander. Beim Herumspazieren vorher ist uns eine antiquarische Buchhandlung mit Bushaltestelle und gemütlichem Lesesessel aufgefallen. Klar, da müssen wir noch hin. Alexander wirft sich in Pose. Und dann ergibt sich noch ein sehr intensives, langes Gespräch mit dem Geschäftsinhaber. Und nein, Puppenmacheranleitungen seien immer sofort weg, bedauert er. Tja, auch da unterscheidet sich England ganz massiv von Österreich. Hier muss man sie überhaupt außerhalb bestellen und suchen. Der alte Mann sieht so beeindruckend aus, als er auf einem einfachen Sessel, im Tageslicht der großen Auslagenscheibe, zwischen all seinen Bücherregalen sitzt. Natürlich würde ich ihn gerne fotografieren. Gerade rechtzeitig erzählt er mir seine persönliche Geschichte mit dem Fotografiertwerden, wir reden noch lange über Kunst im Allgemeinen und im Speziellen über das Arbeiten mit den Händen und haben noch einmal an diesem Tag das Gefühl, einen Seelenverwandten kennen zu lernen. Das Bild von ihm ist in meinem Kopf immer noch ganz leicht abrufbar… Was für ein schöner Mensch, was für eine innige Begegnung.

Ein wunderbares spätes englisches Frühstück in einem bezaubernden Café rundet diesen Ausflug ab. Danke Estelle und Freddie für diese feinen Stunden mit euch!

 

 

Vom Unterwegssein

Nach einem Rundgang durch den morgendlichen Garten, der sich noch unter 30 Grad präsentiert die Entscheidung: wir kaufen keinen Kuchen fürs Fest bei Freunden, wir backen ihn selber. Der Garten geht grad über vor Beeren und Obst. So gut das zu nutzen. Beim Zusammenrühren der Zutaten für Ribiseln, Brombeeren, Pfirsiche und Zwetschken, die darin versinken sollen, geht mir alles mögliche durch den Kopf. Dann schreibt ein Instagramer, dem ich folge, davon, dass im Bus zu leben nicht nur Sonnenuntergang, Gänseblümchen und Spaß bedeutet, sondern dass das Leben einen dabei auch ordentlich fordert. Damit meint er vor allem den Ausbau der Fahrzeuge. Falls es euch interessiert, dann schaut mal unter #instatravel bzw. #vanlife, was sich da so alles tut.

In mir war immer schon der Drang, unterwegs zu sein. Aufgewachsen in der Schattenseite unseres Hausberges in Spittal an der Drau in Kärnten war es mir zu eng, zu überschaubar und fühlte ich mich generell fehl am Platz. Als zugereiste Familie aus Klagenfurt hatten wir wenig Chancen, in die Gesellschaft aufgenommen zu werden. Ich fühlte mich nicht zu Hause. Eine Lungenentzündung brachte seinerzeit die erste Reise ans Mittelmeer. Und die überraschende Erfahrung: ich kann frei atmen, habe Platz zum Schauen, keine Berge, die die Sicht einschränkten. Das Meer, der Ozean, das Sein am Rande des Meeres, das gehört seither zu den lebensspendenden Momenten in meinem Leben. Meine Eltern waren voll eingeteilt mit ihrer beruflichen Arbeit. Mehrwöchiger Urlaub im Süden mit Wegfahren war wohl auch mit Hunden und drei Kindern kaum drin. Und ich glaube gar nicht besonders erwünscht. Abgesehen von der Notwendigkeit, für die Klienten da zu sein.

Vor drei Jahren – Romana, ich fasse es nicht, wie schnell die Zeit verfliegt – in Canada führten wir lange Gespräche übers Auswandern, Umziehen, Reisen, Unterwegssein. Und immer mehr wird mir seither klar, ich will möglicherweise gar nicht an einen bestimmten Punkt auf diesem Planeten ziehen, um glücklich zu sein. Sondern ich mag unterwegs sein. Ja, da höre ich sie wieder, meine fundamentalistischen Freundinnen und Freunde aus der Öko-Ecke, in der ich mich ja auch eingerichtet hab. Wer fliegt, hat überhaupt nichts kapiert. Auto ist natürlich auch bäh, der weniger treibstoffintensive Diesel auf langen Strecken ist mittlerweile ganz besonders pfui. Da ich nie gelernt habe, mit dem Pferd unterwegs zu sein, werde ich weiterhin mit dem Fahrzeug unterwegs sein. Denn wisst ihr was? Ich bin glücklich, wenn ich unterwegs bin. Bei mir ist der Weg das Ziel, auch wenn das keiner versteht – ich bin so gemacht. Und ich brauche mein Klimbim wie Kamera, Schreibzeug, Strick- und Nähzeug. Genieße es, meine kostbaren Rosentassen auch auf den dreckigsten Stationen zu nutzen, mein Besteck dabei zu haben, mein Bettzeug und meine Kleidung. Ich gehe unterwegs gerne zu Fuß und schlafe dann umso lieber im Fahrzeug, ganz besonders, wenn es regnet. Unperfekt. Das bin ich.

Manchmal denke ich, vielleicht sind wir Menschen gar nicht dazu geboren, sesshaft zu sein. Nein. Stop. Falsch. ICH bin nicht dazu geboren. In mir ist eine Zigeunerin, eine Nomadin, eine Reisende. Die neue Eindrücke und andere Kulturen braucht wie manche ihr gut gefülltes Bankkonto. Ich liebe es nicht, mich fremd zu fühlen. Und – es tut mir so gut, mich fremd zu fühlen. Über meinen Schatten zu springen. Es ist ein Erfolgserlebnis, Ängste zu überwinden und out of the box, vielleicht auch noch in einer fremden Sprache, um Hilfe zu bitten. Heuer waren es die schottischen midges, die das so klar aufzeigten. Wir baten nach einer Horrornacht auf einem Campingplatz tief in Schottland in einem Auto voll mit fliegenden Monstern, die das sonst so wirksame Moskitonetz unserer Autofenster locker passiert hatten, um Hilfe. Die midges verzogen sich im morgendlichen Tageslicht hinter die Verkleidung des Autos und verdauten glückselig unsere Proteine, die sie nächtens stundenlang aus unserer Haut gesäbelt hatten. In einem winzig kleinen Lebensmittelladen an der Küste am Weg zur Isle of Skye wartete Hilfe. Eine ältere Dame bedauerte uns und pries gute Mittel für die Haut und einen wirksamen Vernebelungsspray fürs Auto an. Ja, die zugegebenermaßen hohe Investition lohne sich, die zwei Dinge seien derzeit das Beste am Markt. Englisch in Schottland verstehe ich nur, wenn ich ganz entspannt zuhöre. Verstehen am besten ausschalten. In einem magischen Prozess ergibt sich aus Sprachmelodie und Worten und offen bleiben ein Sinn. So auch bei dieser Frau. Die Chemokeule wirkte im hermetisch abgeschlossenen Auto, trotz Skepsis. Wir bekamen noch andere wertvolle Tipps, weil wir jene fragten, die dort wohnen. Parkt am Meer im Wind – sie vertragen keinen Wind, der wirbelt sie davon. Schmiert euch ein – ja, das ist ein gutes Mittel, das ihr da gekauft habt. Und seid froh, dass die Pferdebremsen noch nicht da sind. Haha. Waren wir. Und dankbar für die schönen Gespräche, das Gelächter und Gerate, was gemeint sein könnte. Unbezahlbar und voll das Leben. Übrigens auch dankbar für den Hinweis auf eine App, die die Plage in Schottland in Prozenten benannte und Einfluss auf unsere Reiseroute nahm.

Ich persönlich kann mir vorstellen, noch mehr Zeit unterwegs zu verbringen. Auch arbeitend. Unser PKW derzeit ist praktisch und funktionell für Auszeiten, spielt sogar ein paar technische Stückerln für all die Ladenotwendigkeiten unserer Geräte. Ich träume trotzdem von einem selbst ausgebauten Bus, Marke egal, Hauptsache fahrsicher und treibstoffarm. Mit Büro und Kochmöglichkeit und minimalem Sanitärbedarf für unterwegs. Das Umbauen selbst finde ich spannend. Und das Unterwegssein sowieso. Das Irgendwo-Bleiben, mit den Menschen in Kontakt kommen, wie es heuer so viel öfter der Fall war. So schade, dass Campingplätze so teuer geworden sind. Mit dem Bus könnten wir nicht mehr unsichtbar irgendwo übernachten. Und andererseits bin ich entsetzt, wie viel Müll die Menschen aus dem Fenster schmeißen oder auf Parkplätzen liegenlassen, wenn sie unterwegs sind. Und das ist ganz sicher nicht nur Urlaubsmüll. Ich kann verstehen, dass all das Hinterherräumen eine Gesellschaft überfordert und sie deshalb Tourismusmaßnahmen ergreift, die das Müllproblem in den Griff kriegt.

Wir sind erst kurz wieder da, körperlich. Meine Seele ist noch in England, in Schottland und in Wales. Und von mir aus könnten wir schon wieder packen und weiter fahren. Derzeit machen wir Kurzausflüge im Urlaubsland Kärnten mit unserem jüngsten Familienmitglied. Dabei kommen wir langsam wieder an. Und stellen uns dem Sesshaftsein. Der wild wuchernde Garten unterstützt uns dabei sehr.

Unterwegs sein und bloggen

Tja, ich hab mir das leichter vorgestellt. Gemütlich am Abend vorm neuen, extra angeschafften Vereinstablet sitzen. Fotos hochladen. Fertig. Statt dessen ist der alte Laptop so alt, dass er nach dem Herunterladen von 7 Tagen Fotos einen fast leeren Akku hat. Beim Runterladen wäre gut gewesen, die extra kleinen mitgespeicherten Fotos auf der extra angeschaften card des neuen digitalen Datenträgers zu belassen, den Android dann auch lesen könnte. Dazu gelernt.

Allles andere funktioniert wie immer gut. Das umgebaute Auto ist auch ein Liegeschreibplatz, während draußen undefinierbare weiße schottische Mücken versuchen, alles zu pieksen, was menschlich atmet. Die neue App wayz führt uns im perfekten English durch das Land. Sie versagt nur, wenn in Glasgow eine Autobahn des Nächtens gesperrt wird und sie einen autobahnlosen Weg finden soll. Da springt dann wieder Frau Google ein und lernt nach zweimaligem Fahren an die gesperrte Ausfahrt, dass es nicht reicht, wenden vorzuschlagen. Sondern dass es leichter wird, sich dem intuitiven und spontanen Glasgowneuling, nämlich mir, unterzuordnen und dann wieder auf Datenbankwissen zuzugreifen. London und Glasgow mit Linksverkehr und einem kontinentalen Auto, das links zu lenken ist. Ich bastle mir einen Orden.

Dieses Mal sind wir wieder mit drei Schubladen unterwegs. Alexander hat eine fehlende am vorletzten Tag zusammengeschraubt. In Kendal leisten wir uns ein Tablett, ein echtes, analoges, um eine Art Tischplatte zu haben, die sich perfekt zwischen Lattenrost und mittlerer Lade verkeilen lässt. Eine Leiste am Bambusgestell mit Hutablage verhindert heuer, dass uns immer wieder Sachen auf den Kopf fallen. Die blickdichten Vorhänge sind zwei Jahre alt und gut. Der Trick mit den Moskitonetzen an den seitlichen Kippfenstern hält hoffentlich auch die schottischen Mücken draußen und ermöglicht Frischluft.

Nach drei Tagen unterwegs sein und Katzenwäsche gönnen wir uns heute einen Campingplatz mit warmer Dusche und Fön. Das nächste Mal wieder mit Stromanschluss, damit die Geräte nicht alle fahrend laden müssen. Lösungen warten nur darauf, von uns gefunden zu werden. Hey. Mittlerweile tippe ich wieder mit fast allen Fingern und komme besser voran als vor einer halben Stunde…

Freudenfest

Sonntag ist Ruhetag, Zeit für Herumsitzen, Reflektieren, Nachspüren. Das Freudenfest war unser viertes (!) Fest in Folge. Dieses Mal genial organisiert von Sabrina und Elke, wir sind glückliche Mitgeher gewesen. Allerdings jeden Tag von Anfang bis Ende vor Ort. Ich ziehe eine Menge neuer Erfahrungen aus diesem wunderschönen Fest.

Da ist die Erfahrung des „Ich-verkaufe-Nichts“ sondern „Ich-bin-da-und-zeige-mich-mit-dem-was-mich-Ausmacht“. Absolut kein Verkaufsdruck, einfach sein. Bereits am zweiten Tag setzte dieser Flow ein. Ich nähte an Jaani, meinem nächsten Elf, weiter. Ich war ausschließlich dafür da. Alexander zeichnete Ornamente oder beschriftete Tafeln für unsere Freunde vor Ort. Dabei führten wir so viele Gespräche wie gefühlt noch nie in meinem Leben. So viele neue Interessierte trugen sich in die neue DSVO-Liste ein, weil sie wirklich, wirklich Interesse an unserem Why-Not-Projekt in Waidmannsdorf haben und Teil davon werden wollen. Eine Glücksrede gleich zu Beginn des Festes. So viel herzwarmer Austausch, so viel Anvertrautes, so schöne Begegnungen. Shayan, den es zauberte, weil sein viertes Fahrrad geklaut wurde, bekam von Konrad am Samstag ein neues „Gebrauchtes“, generalüberholt und mit Ein-Monats-Gutschein geschenkt. Alles, alles Gute für dich und deinen neuen Sommerjob! Marlies stattete uns Frauen zwei Tage lang mit ihren geknöpfelten und trageleichten, formschönen Halsketten, Armbändern und Ringen aus. Wir waren ihre lebenden Modelle – und das mit Würde, schaut mal auf den Fotos. Meine erste Lesung in Brailleschrift, die ich erlebte. Und so hochwertige Lesungen von anderen Schriftstellerinnen. Kinder, die ihr Können ungeniert und voller Freude präsentierten. Der Kleidertausch – ein einziges Fest. Das Essen – wir haben drei Tage gegessen und getrunken wie die Königinnen und Könige. Und als klar war, dass Essen auch (Spenden)Geld braucht, flossen die nötigen Spenden in den Topf. Verantwortung Erde mit seinem großen Schenkstand, mit seinen freundlichen Erdlingen, die geduldig all die Fragen beantworteten. Seelensängerinnen, die ganz unterschiedliche Zugänge zum Heilgesang haben. Weil ein Abendmusiker am dritten Tag krank wurde, erschien die restliche Band auch nicht. Der Himmel sandte uns Jurii, der slowenischen Reggae playback tanzte und sang und strahlende Freude verbreitete. Und wir mittendrin. Drei Tage lang. Traumkonzerte, Lachen, Tanzen und Mitsingen. Einziger Wermutstropfen – an einem Nachmittag geschah ein gröberer Diebstahl, den keiner von uns Umstehenden und -sitzenden bemerkte. Ich zehre noch lange von diesen drei Tagen, so viel ist gewiss.

Sabrina und Elke haben die Devise ausgegeben: „Nach dem Freudenfest ist vor dem Freudenfest!“ Wenn du dich angesprochen fühlst, hol dir die Fahne, die Alexander gezeichnet hat und lade zum nächsten Freudenfest in deiner Clique, in deiner Umgebung, mit deinem Netzwerk – wir kommen gerne dazu. Von unserer Seite erst ab August – denn wir verabschieden uns jetzt in unsere Sommerpause. Ab 6. August findet ihr uns auf der Baustelle in Waidmannsdorf – immer Montags ab 9 Uhr. Kommt und besucht uns, wir freuen uns schon jetzt aufs kraftvolle Weitertun!

 

Miteinander feiern, why not?

Es ist halb Acht Uhr Morgens. Die Fotos für die Presse sind seit gestern bei unserer PR-Frau Bettina, damit ich jetzt Zeit und Muse habe, das Baustellenfest, aus dem ein Begegnungsfest wurde, Revue passieren zu lassen. So viele Eindrücke. So viele Menschen. So viele Emotionen und nächste mögliche Schritte. Überwältigend und schön zugleich.

Why not? So hieß das Laufhaus, das vielen Waidmannsdorfern noch gut in Erinnerung ist. In dem jetzt Maximilian mit seiner Fassl-Bar wirkt. Und hinter dem sich eine Kegelbahn versteckt, in der wieder Bewegung entsteht. Why not ist unser Arbeitstitel für alles, was sich rund um die alte Kegelbahn und das leerstehende alte Bauernhaus tut.

Die Studies und ihre Dozenten. Sie waren gestern schon vor uns in der ausgeräumten Kegelbahn. Und hatten alles dabei, was es für eine gelingende Ausstellung in dieser rauen Umgebung braucht. Helle Baustellenlampen, funktionierende Kabel, wunderschöne handgefertige Modelle von Visionen für den Platz, weiße Präsentationsplatten, Laptops voller Abläufe und Beschreibungen, tolle Plakate und riesige ausgedruckte Phasenpläne. Und jede Menge Wach-Sein. Das ist es, was mich an dieser Welt der Architektur nachhaltig inspiriert. Nicht nur, dass diese jungen Menschen von überall her auf diesem Planeten kluge Ideen haben, was sie aus Altem machen könnten. Und handwerkliche Fertigkeiten, die nichts mit dem Studium zu tun haben. Sondern dass sie kreativ und empathisch und achtsam vorgehen. In der Lage sind, auf verändernde Situationen einzugehen. Wir haben ihnen in unserer Begeisterung, so schnell als möglich Räume fürs erbetene Socializing zu schaffen, viel zu viel „Altes“ entsorgt. Es war bezeichnend, dass sie sich gestern vorwiegend in einem sehr alten und von uns wenig beachteten Raum des Bauernhauses aufhielten und auf den eigentlich unbequemen Fassl-Bänken hockten, die wir nicht entsorgt sondern gereinigt und aufgebaut hatten. Wenn ich mir rückblickend anschaue, wie unsere erste Präsentation im Winter bei VOBIS war, als wir miteinander starteten, dann an die zweite Präsentation an der FH in Spittal denke und mit der gestrigen vergleiche, dann sehe und spüre ich, was für einen intensiven gemeinsamen Weg wir bereits miteinander gehen. Ich freue mich darauf, mit euch im Sommer vor Ort zu sein. Und zu feiern. Und zu träumen, was wir noch alles umsetzen können. Wir haben noch lange nicht ausgeredet, jetzt geht es erst richtig los. Und Danke für den tollen Film, den Adnane von der gemeinsamen Zeit gemacht hat, für mich ist er jetzt schon Kult! Danke euch wundervollen Dozenten, die diese spürbare prozessuale Entwicklung des sozialen Bauens so hochprofessionell begleiten und immer wieder herunter auf die Erde holen. Danke für eure Formulierungen, eure großartigen Ideen für die Zukunft. Ich liebe dieses Miteinander, das meine gewohnte Sichtweise sprengt.

Die Helfer. Wo wären wir ohne euch? Wir wären wahrscheinlich entweder noch auf Raumsuche. Oder stünden ratlos vor einem möglichen Raum, der vollgestopft ist mit Altlasten und derzeit gerade nicht Benötigtem. Danke für euer tatkräftiges Anpacken, Ausräumen, Hin- und Herschleppen, Putzen und Reparieren, Kochen und Tanzen, Beraten und Dasein, wenn mal alles zu viel wird. Und Danke all den neuen Menschen, die schon am Vormittag vorbeigeschaut haben, weil am Nachmittag und Abend so viele andere Termine stattfanden. Ganz bestimmt tun wir miteinander weiter, wir freuen uns auf euch!

Die Kooperationspartner. Danke an das Besitzerpaar, das Michael vertraut und uns tun lässt, Danke fürs Kennenlernen gestern. Das war mein persönliches fehlendes Puzzleteil. Dann Konrad vom Verein „Das Lastrad“. Konrad war gestern durchgehend mit Radreparaturen beschäftigt. Er spricht nicht viel, er macht. Wenn ich ihn richtig verstanden habe, waren es zwölf Fahrräder, die er gestern richten konnte. Natürlich hat er auch unserer kleinen Freundin Amina Luft in einen Kinderradreifen gepumpt, als sie ihn darum bat. Konrad eben. Auch so ein Macher ist Maximilian vom Nachbarlokal Fassl. Danke, dass die Bewirtung mit Getränken durch deine Leute so reibungslos geklappt hat, und Danke auch für euren Besuch bei der Ausstellung! Dann Klaudia mit ihrer beeindruckend flexiblen internationalen Tanzgruppe „EinAnder“. So viel Begeisterung, Lebensfreude und Symbolik des Gemeinsamen ist ansteckend und zeigt genau das, wofür wir uns auf den Weg gemacht haben. Danke liebe Elke von Best of the Rest, dass du uns diese Riesenmengen an Geschirr und Besteck geliehen hast. Und Danke an die Menschen in den Büroräumen des Landes Kärnten, die uns in den letzten Wochen mit Rat und Tat zur Seite standen, dieses Projekt so zu beschreiben, dass es auch jene verstehen, die nicht direkt darin involviert sind. Niemals hätte ich mir vorgestellt, dass wir so aneinander und miteinander wachsen können. Auch wir aus der Startgruppe wachsen zu einem Team zusammen, lernen einander immer besser kennen und wissen langsam um unsere Stärken, Ecken und Kanten. Ganz schön vielseitig und ganz schön lebendig. Gruppe ist eine Riesenchance, viel über sich selbst zu lernen. Niemals reibungslos. Aber nicht zum ersten Mal in meinem Leben absolut bereichernd.

Und ein abschließendes Danke an euch Besucherinnen und Besucher gestern. Für uns war das der erste öffentliche Auftritt aus unserer „geschützten“ Ideenwerkstatt der letzten Monate. Danke für euer Feedback. Eure Bitte, das über den Stadtteil hinaus zu tragen, was wir hier vorhaben. Für eure Angebote, euch einzubringen, eure Bereitschaft, mit uns weiter zu gehen. Und dass ihr die ungewohnt kalten Temperaturen, Leute, es hatte am Abend nur mehr 15 Grad Celsius, ausgehalten habt. Es wird Zeit, dass unsere Decken fertig genäht werden. Dieser Sommer spielt alle Stückerln. Wir sichten und ordnen in den nächsten Tagen, welche Schätze es durch euch zu heben gibt. Und wie wir euch von Herzen gern einbinden.

Sprecht jeden von uns an, wenn ihr die Ausstellung der Studierenden selbst erleben wollt. Sie ist noch etwa drei Wochen zu besichtigen. Termine zu vereinbaren ist sinnvoll und möglich. Wir gehen sehr gerne mit euch durch die Ausstellung, organisieren auch Fachbegleitung aus der FH Kärnten/Spittal. Wir wünschen uns euer Feedback, eure Einschätzung, eure kritische Betrachtungsweise und eure Ideen.

Miteinander sauber machen

Heute ist also Weltflüchtlingstag. Von den Vereinten Nationen ausgerufen. Er betrifft uns alle. Seit 2015 spüren wir hautnah, was es für Menschen heißt, die Heimat zu verlassen. Was es für Menschen im Asylland heißt, sie in die Gesellschaft aufzunehmen. Was es grundsätzlich für Menschen heißt, sich mit dem Neuen, dem Fremden, dem Unkontrollierbaren, dem Unvorhergesehenen auseinander zu setzen.

Wir machen heute das, was wir immer machen. Das Naheliegendste. In der derzeitigen Situation Staub wischen. Malerflecken entfernen. Schilder putzen. Jene aufmuntern, die verzweifelt sind. Einander zuhören. Miteinander lachen. Lösungen suchen. Viel Wasser trinken, weil die Temperatur gegen 30 Grad Celsius klettert. Uns über unsere Freundin Franziska freuen, die den ganzen Arbeitstrupp auf ein Getränk einlädt. Und dann auch noch mit mir die Kegelbahnböden wischt, um weiteren Staub hinaus zu bekommen. Mit Alex, dem Architekten, neue und abseits vom Bautechnischen und Planerischen Ideen spinnen, wie wir die Kegelbahn noch vorm Winter weiter beleben können. Was für ein fröhlicher, ausgelassener Flow. Er misst die Baustelle der Kegelbahn aus, damit seine Studenten sich noch besser auf ihre Projektpräsentation vorbereiten können. Gordana putzt am „Why-Not“-Schild mit, das uns der Nachbar fürs Fest borgt. Sandro schleppt schwere Säcke von B nach C, nachdem sie gestern von A nach B geschleppt wurden und freut sich auf das Fußballspiel um zwei Uhr. Mohammed kommt überraschend spät und packt trotzdem noch mit an, bevor er zum Sprachcafé bei VOBIS muss, um dort sein Deutsch weiter zu schulen. Ahmad hat am Abend davor seine Brille vergessen und freut sich wie ein König, dass ich, die Hauptputze, weiß, wo sie ist. Tja, und ich komme nach drei Stunden endlich drauf, dass mein Smartphone, dass ich im Geist schon als verloren verabschiedet habe, draußen auf der neuen Bank in der Sonne schmort, weil ich es genau dort hingelegt habe, nachdem ich zwei Blechkuchen fürs Fest bei einer Tauschkreisfreundin bestellt habe. Nein, keiner hats angerührt. Ich war der Schussel. Und ich erkenne den Hausbesitzer nicht, der plötzlich da steht und mit uns redet, weil er dieses Mal nicht in Anzug und Krawatte gekommen ist. Tja.

Ich lasse euch ein paar Bilder da, an diesem Weltflüchtlingstag. Und wünsche mir von ganzem Herzen, dass Fluchtgründe lösungsorientiert angegangen werden und nicht gegen Menschen vorgegangen wird, die hier abwarten wollen, bis sie entweder zurück kehren oder hier in Österreich ein neues Leben anfangen können.

#tdz18 Gegenwart und Zukunft

Ja, wir waren da. Michaela und ich, mit unserem Puppenprojekt. Bei den Tagen der Zukunft 2018 in Arnoldstein vom Institut für Zukunftskompetenzen. Mit genialen Coaches und Expertinnen und Experten aus dem Alltag, empathisch, klug, erfahren und mit der Fähigkeit, zuzuhören.

Wenn ich gedanklich in einem Projekt drinstecke, mit anderen drüber rede, in der Werkstatt sitze und darüber nachdenke und versuche, die nächsten Schritte zu sehen, dann ist das eine Möglichkeit. Gruppe ist die andere. Es bedeutet, sich zu zeigen, sich zu öffnen. Draufzukommen, holla, wir haben uns eine Sprache angeeignet, die andere nicht mehr verstehen, weil sie in einer anderen Realität leben. Ich sehe manchmal den Wald vor lauter Bäumen nicht (mehr), das Naheliegende wird unsichtbar und ist oft genug die perfekte Lösung. Wir haben Zeit, auszuformulieren, was uns wichtig ist. Nachzufragen, was das Gegenüber nicht versteht. Oder, wie es Maria Maunz-Ranacher mit uns machte, eine papierene Struktur füllen. Die relativ schnell sichtbar macht, wo wir schon gut unterwegs sind. Und wo wir es noch nicht geschafft haben, hinzuschauen. Wir sind gut unterwegs. Schon die ganze Zeit. Aus dem kreativen Chaos der Ideen zu diesem Projekt ist eine derzeitige Struktur geworden, wo sogar chronologisch Schritte ablesbar sind. Keine der Ideen ist weg, sie sind logisch geordnet. Als speziell meine Formulierungen für den Pitch begannen, sehr hölzern und unlebendig zu werden, erinnerte ich mich an Maria’s Angebot zur Bewegung. Gott sei Dank. Bewegt und mit Frischluft außerhalb der Seminarräume gings leicht und fröhlich weiter. Seit letztem Donnerstag Abend ist für die nächste überschaubare Phase klar, wofür  der Prozess des Herstellens von Puppen und anderer Wesen steht. Wohin er führt. An wen wir uns mit diesem Angebot wenden. Wer sich mit uns vernetzen kann, damit das Angebot noch mehr vom Umfeld abdeckt und dem Weg auch andere Ziele gibt. Und dass die Herstellung einer Puppe keineswegs die kindische Sache ist, die ich immer wieder befürchte. Und Danke all den „Hummeln“, die kurz bei uns blieben und ihre Ideen da ließen, bevor sie zur nächsten Gruppe weiter zogen und dort ihre Impulse fallen ließen. Ihr ward immer genau am Punkt mit euren Wahrnehmungen, das war sehr hilfreich.

Überall, in allen 12 Projekten, wurde intensiv gearbeitet. Und wir hatten, wie immer zum Abschluss der Tage, am Ende eine Minute Zeit, unser Projekt zu präsentieren. Nein, ich mag dieses Pitchen, wie das neudeutsch genannt wird, überhaupt nicht. Und – es hat mir, wie immer, geholfen, eine sehr einfache Sprache zu finden und Menschen damit zu erreichen.

Danke, liebes Dreamteam rund um Harald und Cornelia, dass ihr dieses Schenken, dieses Geben und Nehmen möglich macht. Dass jede Teilnehmerin, jeder Teilnehmer durchgehend das Gefühl hatte, willkommen und wichtig zu sein. Danke all den Coaches, die sich jedes Jahr zur Verfügung stellen. Einfach so. Danke den Mitarbeitern der Gemeinde Arnoldstein und dem Burgherrn, der ununterbrochen für uns alle da war.  Und Danke Marco für das Foto von mir beim Pitch, nichts ist unmöglich mit Freunden! Mögen all die Projekte, die ich heuer gehört habe, blühen und gedeihen und andere anstecken, ihre Träume und Herzensangelegenheiten zum Wohle unseres Planeten und der Kinder dieser Gesellschaft, die nach uns hier leben wollen, zu verwirklichen.

 

 

Vielfalt und europäische Wurzeln

Gestern erst wurde mir so richtig klar, wie bunt unsere Kultur geworden ist. Wenn man seit fast drei Jahren täglich in diesem gesellschaftlichen Wandelprozess drin ist, dann wird alles alltäglich. Der ethnische und kulturelle Hintergrund zieht uns mehr an als er uns abstößt, wir sind so gemacht. Vielleicht hat es wirklich mit meinem multikulturellen, typisch europäischen Hintergrund, den ein Gentest sichtbar machte, zu tun, dass ich zwar Ängste vor dem Fremden wahrnehme, das Interesse an dem Neuen, Unerforschten, zu Erlebenden aber größer ist. Es zieht mich magisch an.

Was hat sich unmerklich verändert: wir haben unser Sprechtempo schon in den Deutschkursen reduziert, bemühen uns, deutlich zusprechen, viel zuzuhören, aktiv in Konflikte einzugreifen, wenn wir darum gebeten werden. Und nur dann. Eines der größten learnings. Wir lernen Namen auszusprechen, deren Konsonanten und Vokale unser Sprechsystem kaum herausbringt. Lachen miteinander darüber, dass es dem Kommunikationspartner mit unserer Sprache genau so geht. Probieren für unseren Gaumen fremde Geschmäcker aus. Manches kommt für immer in die Liste der Lieblingsspeisen, manches bleibt fremd. Wir spüren und erleben das Pulsierende, Lebendige, Herzliche, obwohl das für den gelernten Österreicher, die gelernte Österreicherin mit dem Bedürfnis nach Respektabstand eher suspekt ist. Natürlich auch mir, ich bin ja hier sozialisiert. Nie werde ich vergessen, dass wir damals im August 2015 zwischendurch einfach heimfahren mussten, um uns eine Stunde auszuruhen von all dem Temperament, all den Emotionen und der vollkommen ungewohnten Nähe zwischen den Menschen.

Nun mitzuerleben, dass auch bei den zugezogenen Menschen innerer und äußerer Wandel passiert, seit sie hier in Österreich um Schutz und Unterkunft angesucht haben. Manche Herzens-Menschen schmerzlich zu vermissen, die eine Weile Teil unseres Lebens waren, jetzt einerseits anderswo in Österreich leben und versuchen, neu anzufangen. Oder, viel tragischer, sie zurückgeschoben in ein Herkunftsland wie Afghanistan zu wissen, für das eine Reisewarnung für Menschen mit österreichischem Pass gilt. Nicht aber für Menschen, die vor vor genau diesem korrupten, kriminellen und fundamentalistischen System geflohen sind. Zu hören, dass tatsächlich Menschen aus den Privatquartieren abgeholt und in ein größeres Quartier in die Landeshauptstadt gebracht werden. Sie haben drei Tage Zeit, zu packen und alles aufzulösen. Oder es geht direkt nach Niederösterreich in die Schubhaft und dann in das Flugzeug zurück in ein Land, das manche kaum kennen, weil sie schon ein Leben lang auf der Flucht vor den Kontrollfreaks dieses Systems sind. Und sorry, ich muss das einmal in dieser Klarheit sagen – es sind auch gut integrierte, gut Deutsch sprechende Menschen, die das betrifft. Manche waren in erfolgsversprechenden Ausbildungen und Schulen. Manche intensiv auf der Suche nach Arbeit, nach Beitragen in unser System. Ich bin nicht einverstanden, diese Menschen abzuschieben. Punkt.

Ja, klar, es gibt Probleme hier in Österreich. Im Zusammenleben. Innerfamiliär. No Na Net. Glauben wir wirklich, wir hier hätten diese Probleme des Miteinanders vorher nicht gehabt? Österreich, die Insel der Seeligen? Wo Menschen zusammen leben, gibt es Konflikte. Und manchmal keine einfachen Lösungen. Und manchmal gibts grad keine Lösung. Das ist das Leben, es ist eine einzige Herausforderung. Wir sind lieber Teil der Lösungen als Teil des Problems. Danke lieber Martin Kirchner von den „Pioneers of Change“ – genau darum geht es. Du hast bei den Tagen der Zukunft ausgesprochen, wofür auch wir gehen. Auch wir stolpern immer wieder in dieses alte Denken und versuchen, aktuelle Probleme mit alten Lösungen zu lösen, die sich überlebt haben. Und ja, genau, auch uns zittern manchmal die Knie vor so viel Neuem und Ungewohnten. Und zu manchen Menschen bauen zwar wir keine Brücken, dafür schaffen es andere. Es braucht sehr viel Mut und Durchhaltevermögen, all die inneren Grenzen wahrzunehmen, sie manchmal zu schützen, weil sie nötig sind. Und manchmal tief Luft zu holen und drüber zu gehen. So viele innere blinde Flecken werden sichtbar, die gut unter Verschluss waren. So viele Vorurteile, die getriggert werden. Niemals hätte ich gedacht, dass der angekündigte gesellschaftliche Wandel auf diese Weise geschieht. Wir tun gut daran, uns mit unserer Kultur, mit unseren gesamteuropäischen Wurzeln daran zu beteiligen und uns nicht in gute alte Zeiten zurück zu sehnen, die es nie gab. Lernen wir Geschichte!

Wir haben ehrlich gesagt mit einem kleinen Fest unseres Kooperationspartners VOBIS  und der Klagenfurter Universität im Klagenfurter Lendhafen gerechnet. Selten in meinem Leben liege ich so falsch. Ich muss mich regelrecht von meinen dauerbesetzten zwei Nähmaschinen zum Upcyceln von Mustervorhängen und Möbelstoffen wegstehlen, um zumindest ein bisschen näher an die Bühne und unter die Menschen zu kommen. Unser europäisches Kulturerbe mischt sich stundenlang vollkommen selbstverständlich mit dem arabischen, persischen und afrikanischen Raum. Singend, tanzend, redend, gustierend und trinkend. Ansteckend, mitunter tragisch und dann wieder fröhlich und mitreißend komisch – voll das Leben. Meine Fotos können nur teilweise wiedergeben, wie bunt vielfältig der Nachmittag und Abend war. Der Hafen ist gesteckt voll. Mein Mann, der durch solche Veranstaltungen wieder in seine Jugend zurückversetzt wird, lässt sich glücklich im Gedränge treiben, wenn er nicht für mich an den Nähmaschinen aufpasst, dass kein Finger angenäht wird. Unser Achtjähriger taucht überhaupt nur auf, wenn er Hunger oder Durst hat. Er ist zu sehr damit beschäftigt, zu spielen und Kontakte zu knüpfen, wie nur Kinder das können.

Ina, die den „Völkerchor“ aus Völkermarkt mit mir so vielen bekannten und vertrauten Menschen leitet, spricht mich auf meine Puppen an. Sie meint die langgliedrigen, schmalen. Und erzählt mir von einer armenischen Puppenkultur, an die sie sich durch diese Wesen ganz intensiv erinnert fühlt. Fragt, ob ich denn interessiert sei daran, solche Puppen mit genau dieser traditionellen Kleidung herzustellen. Spürt ihr mein Herzklopfen? Ist das nicht magisch? Der „Völkerchor“ hatte, wie unser „Puppen.Raum“, bei den Tagen der Zukunft in Arnoldstein, ein professionelles Coaching gewonnen. Wir haben uns alle miteinander ein bisschen näher kennen gelernt. Nun wird sonnenklar, dass auch hier die neue, alte Verbindung zu Evelin gestärkt wird, mit der wir vor 11 (!) Jahren grenzenlos kochten, um Frauen hinterm Herd heraus zu holen und mit ihnen Deutsch zu sprechen. Jutta war damals die dritte Verbündete. Dort knüpfen wir wieder an. Oh ja, und ich werde wieder singen. Sabrina, Melanie, kommt ihr mit? Und oh ja, ich komme auch gern runter nach Völkermarkt und weihe euch in die Geheimnisse guter Fotografie ein. Grenzüberschreitend. Natürlich.

Kennt ihr den Film „Drachenläufer“ zufällig? Neben unserem Upcycling-Stand waren drei Männer unermüdlich am Bauen von afghanischen Flugdrachen. Ich muss mir das noch einmal in Ruhe zeigen lassen. Das ist eine traditionell afghanische Kunst, diese äußerst fragilen Gebilde aus Seidenpapier und Holzstäbchen und Leim herzustellen. Ach, und Konrad vom Verein „Das Lastrad“ war wie vereinbart mit seinem Reparaturanhänger da und erzählt mir in der Nacht, dass er innerhalb weniger Stunden zehn Fahrräder flott gemacht hat. So ist Konrad. Danke, dass du diesen Weg mit uns gemeinsam gehst. Der Herrenschneider Ahmad, der mit seiner herzlichen Freundlichkeit und seinen schönen Taschen auch in unserer Familie großen Eindruck hinterlässt, verspricht, mir seine Quelle bezüglich Nähmaschinenseide zu nennen, ich kann einen weiteren wichtigen Punkt auf meiner To-do-Liste abhaken. Und das hier musste ich auf Frau Google fragen: Die Piñatas sind bunt gestaltete Figuren, heutzutage aus Pappmaché, früher aus mit Krepp-Papier umwickelten Tontöpfen, die bei Kindergeburtstagsfeiern mit Süßigkeiten und traditionell mit Früchten (Mandarinen, Zuckerrohr, Guaven, Tejocotes, Jicamas, Erdnüssen) gefüllt sind. Sie sind in Mittelamerika bei Kindergeburstagen und zur Weihnachtszeit und in Spanien zu Ostern verbreitet. Auch am Fest der Vielfalt kennengelernt (Quelle: Google). Auch das haben wir gestern zum ersten Mal live erlebt. Ich treffe „alte“ Freunde aus meiner Mentorenausbildung und aus der Lais-Schule. Meine Freundin Stefanie macht Acroyoga, mittlerweile so gut, dass sie das herzeigt und ich sie wenigstens ein paar Minuten bewundern konnte. Wow. Alles neu. Alles nicht beängstigend sondern schön.

Eines möchte ich zum Abschluss noch loswerden: ich liebe es, zu feiern. Seit drei Jahren bekomme ich ein Gespür dafür, wie feiern noch geht. Dafür danke ich euch allen, ihr, die ihr ganz still und planlos geworden seid, wenn wir euch auf meine Geburtstags- oder auf Hochzeitsfeiern eingeladen haben. Wenn ihr auf unserem Sommerfest für Schwung gesorgt habt. Das soll eine Feier sein, habt ihr gefragt. Wieso die Menschen so leise seien. Wo denn die Musik sei, das stundenlange Tanzen, das tagelange Essen bis zum Umfallen und das Trinken. Und dann habt ihr uns mehrmals gezeigt, wie ihr euer Zuckerfest feiert. Oder beim Grillen das Leben feiert. Oder wie ihr euch freut und das feiert, wenn ein neues Kind das Licht der Welt erblickt. Oder ich habt mich auf eine tschetschenische Hochzeit eingeladen, die ich niemals in meinem Leben vergessen werde. Diese Kunst zu feiern, die solltet ihr weiter geben. Es ergänzt uns auf eine sehr lebendige, erdige und inspirierende Art und Weise.

Führerschein und Tropenhitze

Leute, heute schmelze ich. Ihr wahrscheinlich auch. Nach den vielen Unwettern und Regengüssen der letzten Wochen fühlt es sich in Kärnten mächtig schwül an. 31° Celsius ist eine feine Sommertemperatur. Das hier fühlt sich an wie Tropen.

Wir haben trotz Hitze unser Probemodul des geplanten Nähmaschinenführerscheins beendet. Ich bin mächtig stolz auf jene Frauen, die noch nie an einer Nähmaschine gearbeitet haben. Nach nur vier Einheiten sitzen sie selbstverständlich an den Geräten, machen schöne gerade Nähte, wo es vorgeschrieben ist. Und jene, die schon weiter sind, helfen nach ein bisschen Mut machen jenen, die noch zu lernen haben. Und das alles, bitte nicht zu vergessen, unter anderem mit Teilnehmerinnen aus dem arabischen und persischen Raum, die fasten. Nicht alle, aber doch einige. Am Freitag ist der Ramadan zu Ende, alle freuen sich schon aufs Fastenbrechen. Erst gegen Ende des Termins fällt mir, die heute zum ersten Mal voll mitnähen kann, ein, dass ich keine Fotos gemacht habe. Zut alors. Buchstäblich in letzter Minute, bevor alle aufräumen und aufbrechen, schaffen wir noch ein paar Bilder. Meine Güte, diese freundlichen, wissbegierigen und interessierten Frauen, sie fehlen mir schon jetzt…

Wir nähen am Wochenende mit euch ab 16 Uhr Aufbewahrungsboxen beim VOBIS-Jubiläums-Fest im Klagenfurter Lendhafen. Wir sind mit zwei Vereinsmaschinen da. Entweder bringt ihr selber Lieblingsstoffe oder alte Kleidung mit, die ihr umnähen wollt. Oder ihr wühlt in unseren Schätzen. Wenn ihr Nähseide habt, bitte mitbringen. Sonst schauen wir, was noch in unserem Fundus ist.

Das zweite Probemodul vor der Sommerpause startet kommenden Montag ab 10 Uhr. Drei Termine, der erste wieder mit meiner Freundin Renate Schlatter vom Verein unruhestandAKTIV in Villach, die mit euch Maschinen wartet, reinigt und nähbereit macht. Wir nähen wieder ein einfaches Nähstück zum Üben. Und arbeiten dann an einer weiteren Picknickdecke.

Im Herbst geht es weiter mit Modulen. Wir würden uns riesig freuen, wenn noch ein oder zwei Menschen aus der österreichischen Bevölkerung dazu kämen. Ihr wisst ja, wir bauen Brücken zwischen den Kulturen. Lasst euch mal von Franziska erzählen, wie sie den Kurs erlebt hat.

Sieben Uhr. Abend. Es ist in meinem Büro hier brüllend heiß, nach wie vor. Ich verkrieche mich in den Garten. Die Gelsen (zu hochdeutsch: Stechmücken) werden sich freuen.