Rückzug und Forschung

Ja. Stimmt vollkommen. Wir sind begünstigt. Wir leben relativ einsam am Land, neben einem Wald. Oberhalb eines plätschernden Flusses. Mit wildem Garten, in dem schon wegen der Bienen alles so sein darf wie es die Natur will. Und wir Menschen, wir dürfen jederzeit und immer hinaus. Auch jetzt in einer Zeit, wo die Vorsichtsmaßnahmen um einen Corona Virus Menschen dazu anhalten, drinnen und daheim zu bleiben.

Ich möchte dir – und vielleicht auch deinem Kind – etwas erzählen und auf diesem Weg mit dir teilen. So hast auch du etwas von unserem Ausflug. Wir haben heute nämlich etwas entdeckt. Da hüpft mein Herz, obwohl ich mehr ahne als ich weiß. Link am Ende des Artikels.

Doch schön der Reihe nach. Mein Mann, unser Sami und ich, wir werden jetzt jeden Tag in den Wald gehen. Teil dieser Quarantäne-Struktur, die zu uns passt und niemandem schadet. Und gut für uns winterliche Werkstatthocker. Weil Sami so vertieft in seine Schularbeiten ist, machen wir unseren ersten Ausflug mit Katze(n) und Sammelsack. Es könnte ja sein. Altholz und Wurzeln. Du kennst uns. Sammlerin und Sammler, notorisch und unbelehrbar. Wir gehen hinunter an die Gurk, einen ganz anderen Weg als sonst. Und dann sehe ich es von weitem. Biberspuren. Aber nicht so kleine, vorsichtige. Sondern dieser Biber nagt ordentlich. Dicke Späne liegen rund um eine sehr dicke Weide. Ich schätze, in ein paar Tagen ist der Stamm durchgenagt. Flussabwärts hat er sich scheinbar die Zähne ausgebissen an einer Doppelweide und bei der Hälfte aufgegeben. Flussaufwärts finden wir nicht nur ein Flussholzparadies an einer Wassertränke für die Sommerkühe. Ich träume davon, dass das auch die Biberburg ist. Ich finde überall Elfenkrokusse im weichen, angespülten Sand. So sagt Frau Google zu diesen Schönheiten. Ausgewilderte, zarte Wesen mit hauchdünnen lila Blütenblättern. Dieses Novemberhochwasser hat ein kleines Paradies hinterlassen.

Natürlich sehen wir keinen Biber weit und breit. Nachtaktiv sind diese Wesen, das habe ich schon gehört. Kommen nur in der Dämmerung und dann in der Nacht. Es lässt uns nicht los. Und wir schauen gemeinsam mit Sami, was es online über Biber zu finden gibt. Und das ist die Krönung des heutigen Tages. Eine geniale Dokumentation aus Frankreich. Mit so ähnlich Biberbegeisterten wie wir es sind. Prädikat: unbedingt anschauen. Und dein Kind weiter über Biber forschen lassen. Ich hoffe, der Landbesitzer entdeckt die hiesigen Spuren nicht so schnell und der Biber kann hier leben. Und wir können weiter forschen. Und noch mehr hoffe ich, diesen bezaubernden Wesen irgendwann mal in echt zu begegnen. Hast du Biber in deiner Nähe? Und durftest du sie schon beobachten! Bitte erzähl mir davon!

Innere Stimmen und das Jetzt

Es geht mir gut. Innen drinnen. Unten drunter. Innen ist Klarheit, ist Ruhe. Weite und Zuversicht. Lust am Leben und Lust am Tun. Und zugleich erlebe ich mich im Alltag, vorm Einschlafen, beim Aufwachen wie ein aufgescheuchtes Hendel, dass von Nachrichten bezüglich Pandemien, Menschen auf der Flucht, vom Entsetzen vor sexistischen und zutiefst frauenverachtenden Texten im Rudel mit anderen Aufgescheuchten flattert und zittert und zwischendurch emotional vollkommen ausklinkt. Von diversen Existenzängsten und den üblichen Selbstsabotagewesen, die latent auf Futtersuche sind, einmal ganz zu schweigen. Die bringen mich in diesen Tagen eher zum Lachen. Ich habe vor ein paar Tagen so geweint wie schon lange nicht mehr. Das Fass zum Überlaufen brachten Bilder von flüchtenden Menschen, Frauen, Männern, Kindern an der griechischen Grenze. Vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben habe ich angesichts dieser Bilder das Gefühl gespürt, dass es irgendwann reicht, dieses Erdenleben. Dass es auch für mich vorstellbar wird, dass er kommt. Dieser Zeitpunkt. Dieser Zeitpunkt zu sagen: „Danke, es genügt mir dann. Danke für all die Erfahrungen. Wir entwickeln uns als Menschheit nicht weiter. Ich kann keinen nachhaltigen Beitrag leisten, der wirklich etwas verändert. Ich bin müde. Ich fühle mich vollkommen hilflos. Mir tut alles weh vor Mitgefühl, und ja, all ihr Coaches und Mentoren, ich leide mit! Ich spüre den Schmerz meiner Schwestern und Brüder. Und ich mag nicht mehr.“

Was mir hilft? Ausweinen. Einen Tag lang. Oder länger, wenn es nötig sein sollte. Meiner erwachsenen Tochter zuhören, die mir am Telefon all die Sachen sagt, die ich ihr sagen würde, wenn sie zusammen bricht. Bloß nichts zurückhalten von all dem Schmerz. Spüren, bis in die letzte Zelle. Die Ohnmacht, die Wut, die Hoffnung und die Liebe für alles, was auf diesem Planeten leben will. Ich packe die Gleichgültigkeit nicht mehr. Die Selbstverliebtheit, die in unseren Wohlstands-Breiten epidemieartig um sich greift. Statt den Nächsten zu lieben wie uns selbst lieben manche Menschen nur sich selbst. Yeah, gut haben wir das gelernt in all den gutgemeinten Selbsthilfe- und Selbstliebekursen. Narzissmus an den Hebeln der Macht. Und mitten unter uns. Wir zerstören den nächsten, verbal und wirtschaftlich, bevor er uns etwas weg nimmt. Mir einzugestehen, ja genau, ich kann gerade überhaupt nichts tun. Ich, die Macherin, die Anpackerin und Voraus-Rennerin. Ich wirke nur in meinem direkten, kleinen Umfeld. Und bin nicht immer sicher, dass es gut ist, was ich tue. Auch ich mache Fehler. Schätze Dinge falsch ein. Ich „faste“ social media in diesen Tagen. Freiwillig, ohne große Ankündigung. Zwei Drittel der Kommentare dort machen mich unglücklich und ich bin der Argumentationen so müde, in denen es nur darum geht, Recht zu bekommen. Das schlagkräftigere Argument zu haben. Den anderen zu vernichten. Oder es besser zu wissen und ihm einen weiteren Selbsthilfekurs aufzudrängen. Nein. Danke.

Es hilft mir, mich auf meine klare innere Stimme, auf meinen inneren Ruf auszurichten. Ich bin Künstlerin. Ich bin so zur Welt gekommen und ich habe das sehr lange sehr erfolgreich überhört. In meiner Fantasie entstehen lebensgroße Wesen und Texte, die all das ausdrücken, was ich derzeit empfinde. Einiges wird das Licht dieser Welt erblicken. Da sind tragische und anklagende Wesen dabei. Aber auch humorvolle und augenzwinkernde. Sie und ich, wir beschäftigen uns mit dem, was hinter dem Alltäglichen schwer fassbar und oft unsichtbar ist. Und wie so oft im Leben, wenn mensch auf seine innere Stimme hört, so geschieht es auch jetzt. Eines fügt sich zum anderen. Eine Einladung zur Kunstausstellung hier. Ein Angebot für kostbarstes textiles Material dort. Tiefgehende Gespräche mit Menschen, ihre andere Sicht auf das Leben, die meine Batterien aufladen und meine Fantasie wieder bunter machen. Und Kinder. Volksschulkinder, die Träume haben für ihr Leben in einer Stadt. Für das, was sie mitgestalten wollen. Für ein Leben, das sie hier leben möchten. Und die Erkenntnis, wie dankbar ich sein kann, dass ich lebe, wie ich lebe. Dass ich eine Wahl habe. Dass ich sagen kann, was ich denke. Und sogar die Möglichkeit habe, anderen Menschen zu helfen, wenn sie um Hilfe bitten. Nicht weil ich muss. Sondern weil es möglich ist.

Wie ihr im Titelbild sehen könnt, helfen mir auch „unsere“ gefiederten Freunde, die die neue Futterstation vor meinem Atelierfenster fast zweitäglich leeren. So viele verschiedene Meisenarten. Die lärmenden Spatzenschwärme, die zwar für Aufregung sorgen aber irgendwie nicht ans Futter heran gelassen werden. Außer im Rudel. Ein wunderschönes Kleiberpärchen, das sich artgerecht von oben rennend Futter holt, während sich unten die pickenden Horden auf die zarten Krallen treten. Es ist laut da draußen. Und abends vorm Schlafengehen bekomme ich wunderbare Ständchen zu hören. Das Leben geht weiter. So lange es dauert. Und es ist nicht immer nur schön und positiv und rosarot. Sondern verwirrend und schmerzhaft zugleich. Rollercoaster. Ich weiß das. Ich lebe schon fünf Jahrzehnte und ein paar Jahre mitten unter euch.

Die Bienen und die Kinder

Noch ist es draußen kalt und feucht. Der Graupelschauer hat schöne Punktmuster auf den Asphalt gezeichnet. Die Sonne beginnt zu wärmen. Leute, der Frühling ist schon so nahe. Drinnen summt es wie in einem Bienenstock. Große Fenster lassen viel Tageslicht in die Gänge und Klassen. Schöne Farben, Holz, das übliche Sammelsurium von Winterjacken, Stiefeln und Handschuhen. Vor sieben Jahren ist die Schule hierher gesiedelt. „Wir haben ein Hochbeet gebaut“, erzählt mir eine Pädagogin des Friesacher Schulzentrums. Ich sehe einen großen Rosmarinstrauch, das Hochbeet aus Palettenholz. Ein Insektenhotel, das an der Wand der Mittelschule lehnt. Eines, das in das Hochbeet des Volksschulmodells integriert ist. Ein paar Sträucher, Bäume. Viel Gras. Viele Steine. Die Schuldirektorin erzählt mir von Gartenmodellen, die Kinder vor Jahren entwickelt haben, um ihren Schulgarten lebendiger zu gestalten. Von einer Studentin, deren gute Ideen zwar gut geheißen. Aber nie umgesetzt wurden. Ich speichere alle Infos vorsorglich in meinem Gedächtnis. Hier sind wir mit unseren Ideen willkommen.

„Ist das die Sumsi?“ „Nein, das ist doch die Maja!“ „Aber geh, das ist der Willi!“ Ich sitze in einer lebendigen, aufgeregten Kinderschar von Acht- und Neunjährigen. Wir diskutieren, ob Bienen Nester bauen wie die Wespen. Ob beim Puppentheater Schauspieler sichtbar sind oder sich verstecken müssen. Ob Musik und Tanz dazu gehört. Oder nicht. Ich höre viele Geschichten von Bienen- und Wespenstichen. Und dass sie, die Bienen, „das Gelbe aus den Blumen holen“. Tja, lieber Egon. Nächste Woche bist du als Bienenexperte für Wildbienen dran, dir von uns allen Löcher in den Bauch fragen zu lassen. Und vielleicht finden wir auch einen Bienennamen, der zu unserer (Wild)Biene an meiner Hand passt.

Und wisst ihr was? Ich bin glücklich. Das ist genau mein Element. Wie ich es liebe, mit diesen neugierigen, interessierten Wesen zu arbeiten. Voller Vertrauen gehen sie in die Übungen, die ich heuer aus dem tollen Handbuch „Spiel- und Theater Grundschule“ des Schulverlags Hamburg aussuche. Wieder so ein Glücksfund im Internet! Wir erleben heute Kinder in der vierten und fünften Schulstunde, die einander kaum ausreden lassen vor lauter Begeisterung. „Ich weiß was, ich weiß was!“ pulsiert durch das kindliche Lernsystem. Und das will geteilt werden, und zwar flott. Junge Leute, die schon so viel wissen, selbst wenn Zusammenhänge noch nicht erforscht sind. Kinder wollen nur eines – dazu lernen, ihr Wissen weitergeben. Das ist natürlich in ihnen angelegt. Dieses Bedürfnis, diese Welt zu verstehen, dazu zu gehören. Sich als sinnvollen, erwünschten Teil dieser Welt zu verstehen. Ich werde nie kapieren, warum ihnen Erwachsene diese Kompetenz des Wollens absprechen. In diesem Alter ist sie spürbar noch da.

Wir werden sehen, welche Puppen an Stäben, an Händen oder vor uns her getragen wir heuer entwickeln. Welche Geschichten die Kinder zu erzählen haben. Ich bin einfach dankbar, dass ich hier wieder auftanken und selbst Mensch sein darf. Und dass ich die Kinder mit meiner eigenen Begeisterung anstecke, das Beste aus sich herauszuholen. Onwards!

Wiederauferstehung der fetzigen Stoffpuppe

Ragdoll sagen die englischsprechenden Menschen zu dieser Urform der Puppe. Für meine Ohren klingt das schöner als Fetzen- oder Lumpenpuppe. Sprache ist Geschmacks- und Auslegungssache. Fast in allen Kulturen auf diesem Planeten wurden Lumpenpupen hergestellt. Aus natürlichen Materialien mit interessant geformten Holzstöcken, Steinen oder Gräsern. Verbunden mit Pelz und Leder, später mit Wolle, Stoffresten und allerlei Fundmaterial. Die Puppenmacherinnen und Puppenmacher von heute spielen mit den natürlichen, einfachen Formen. Große Menschen und kleine Menschen. Und manchmal auch miteinander.

Die letzten zwei Tage bin ich gemeinsam mit der Mosaikkünstlerin Angela, der Holztrumm-Künstlerin Ruth und mit dem Meisterdrechsler Alfred Teil der Interreg-Veranstaltungsreihe STREAM. Erinnert ihr euch an den Muttertag im Archeologiepark Livelet? Genau diese Menschen kommen nun als große Gruppe ein Wochenende zu Besuch nach St. Veit an der Glan und präsentieren ihre Mosaikkünstlerin Carolina. Und die temperamentvolle italienische Musikgruppe Na Fouia, die wir live hören.

Wirklich berührt und auch angerührt bin ich nach zwei Tagen hochkonzentrierten Arbeitens, was das Herstellen von textilen Wesen mit Kindern macht. Einmal mehr in meinem Leben, wenn ich in Gruppen arbeite. Die Puppen werden von den Kindern fast im Alleingang vorgezeichnet, als Papierschnitt freigestellt und auf gebrauchte Kleidungsstücke gesteckt. Für viele ist es ein Tag Arbeit, um mit dem Wesen fertig zu werden. So viele kleine Arbeitsschritte. Der Körper, die Gliedmaßen, alles wird mit Füllwatte gestopft, Augen und Mund und Nase sind zu malen. Von den Kindern wird Einiges an Fingergeschick gefordert. Sie bauen innerhalb ganz kurzer Zeit Beziehung zu diesen Wesen auf. Da geht es ihnen wie mir in meinem Atelier. Die Puppe beginnt, ihre Ideen zu übermitteln, sich einzumischen, macht Vorgaben. Wir staunen alle, was für interessante Wesen das Licht der Welt erblicken. Mit kariertem Körperstoff, blau, grün, rosa. Ausnahmslos alle Haare sind lang. Und bis auf einen Jungen sind Mädchen die Erschafferinnen.

Ich muss mich immer wieder zurücknehmen, weil die Kinder alles selbst machen wollen, was sich nur irgendwie zeitlich ausgeht. Einige lernen in diesen zwei Tagen das Nähen, weil es sonst niemand für sie macht. Andere malen so rasant Augen und Nase und Mund hin, dass mir schwindelig wird. Und immer, immer passt die Puppe zum Kind. Fällt anderen auf, wie ähnlich sich die Erschafferin und das Wesen sind. Zum ersten Mal werde ich von allen Seiten gefragt, ob ich das nicht öfter machen könnte. Na klar, ich werde mir etwas einfallen lassen.

Die Kinder erzählen, beginnen bereits mit den halbfertigen Puppen zu spielen. Ich höre, dass Winterkleidung herzustellen sein wird, es soll ja wieder kälter werden. Und ob das vielleicht im Werkunterricht in der Schule geht? Auch die Erwachsenen erzählen aus der Schulzeit. Und wirklich nicht alle haben schöne Erinnerungen an die Zeit des Werkens, des kreativen Tuns. Jedes Mal beim gemeinsamen Tun entsteht dieses Feld, in dem sich Menschen zeigen, wie sie sind. Mit ihren Verletzungen, mit ihren schönen Erinnerungen, mit dem, wie sie heute sind. Ganz wunderbare, tiefgehende Gespräche entstehen, obwohl so intensiv gearbeitet wird. Ganz schwer zu beschreiben, was hier entsteht. Aber es scheint zu nähren, zu kräftigen und die Menschen in ihrem Sein zu unterstützen.

Proben und spielen

Nun sind wir soweit. Wirklich, wirklich. Die letzten Proben gehen heute zu Ende. Unsere Pop-Up-Werkstatt ist nur mehr Proberaum, die Handwerkerinnen und Handwerker haben ihre Geräte abgeholt, der Raum ist grundgereinigt. Berührend, welch großartige Entwicklungsschritte die Kinder und wir noch machen. Ein Kind hat plötzlich arg mit Lampenfieber zu tun. Drei andere überraschen uns vollkommen mit neuen, lebendigen Auftritten, neuen Formulierungen der Textpassagen. Die Musikstücke gehen jetzt mit links. Sogar in der Jausenpause draußen in der Fußgängerzone entstehen spontane Theatereinlagen. Mir ist noch immer zum Heulen vor Freude, weil leise Kinder sichtbar geworden sind und sich in ihren Körpern wohl fühlen. Wie sehr ich hoffe, dass einige Naturtalente in den nächsten Jahren unterstützt werden, einige der Kinder haben erstaunliches Potenzial. Hinter und vor der Bühne.

Bei den öffentlichen Proben vorbeischauende Erwachsene und Kinder bleiben fasziniert stehen. Ja, wirklich, die Kinder haben alle Handpuppen selbst gemacht. Und ja, tatsächlich, das Stück haben sie selbst geschrieben. Und gell, es ist schön, wenn eine Einkaufsstraße mit Kindergelächter erfüllt wird. Die Nachbarin bringt für die Kinder Schwimmarmbänder vorbei. Der italienische Eiscafebesitzer versorgt uns Erwachsene mit Coffeinnachschub. Ein Urlauberehepaar bedauert, dass es heute Abend abreist, so gern hätten sie die Kinder noch einmal live gesehen. Gestern bekommen die Kinder eine Spontandemonstration des mobilen Drehorgelspielers aus Meiselding zu sehen und zu hören. Wir begegnen uns am Hauptplatz mit unseren mobile Bühnen und er spielt uns zum Abschied ein Zigeunerlied.

Morgen Freitag und am Samstag um jeweils zehn Uhr sind wir mit unseren Abschlussaufführungen in der Innenstadt unterwegs. Wir haben unsere Standorte in den Schatten verlegt, es zahlt sich aus, gleich bei der ersten Station vor der Werkstatt dabei zu sein. Sitzgelegenheiten nicht vergessen, und vielleicht einen Sonnenschirm. Die Kinder sind bestmöglich vorbereitet und motiviert. Wir Erwachsene feiern bereits heute, dass alle Kinder unersetzliche Teile des Projektes geworden sind. Das war unsere Intention – dieses Ausschöpfen ihrer vielseitigen kreativen Möglichkeiten. Möge die Gesundheitsfee mit uns sein und ihnen morgen die Bühne geben, die sie verdienen. Und möge die eine oder andere Wolke uns vor allzu heißer Sonne schützen.

Hinter den Kulissen

Jetzt ist die Zeit, da sich hinter der Probenwelt mindestens so viel tut wie auf den Bühnen in und vor dem upgecycelten Kastentheater. Kommt mal ein bisschen mit hinter diese Glitzerwelt.

Letzten Freitag gehe ich mit drei Mädchen ins hiesige Bürgermeistervorzimmer, um unsere Veranstaltung anzumelden. Gemeinsam mit den freundlichen Damen checken wir ab, ob wir bei unserer mobilen Veranstaltung jemandem im Weg sein könnten. Wir verändern einen problematischen Standplatz gegen einen besseren. Überprüfen, ob wir Strom bekommen können. Als der Bürgermeister überraschend auftaucht und den Kindern die Hand schüttelt, freuen die sich volle. Und noch mehr, als er ihnen Gutscheine in die Hand drückt. Ja, die Veranstaltung wird beworben. Ja, natürlich dürfen wir bei Regen im Rathaushof spielen. Und schon ist der Chef wieder weg. Die Kinder staunen. Und ich bin so konzentriert, keine Frage zu vergessen, dass es kein Foto gibt.

Eva, die Lehrerin, führt perfekte Listen, damit wir nichts übersehen. Die Listen werden nachjustiert, ergänzt und korrigiert. Ich bin inzwischen froh, dass wir diese Listen haben. Mein Hirn ist nicht mehr das Jüngste. Und das Projekt wird immer größer. Und dann noch ein bisschen größer. Eva ist es auch, die das Radiointerview nächste Woche einfädelt. Sie hat sehr viel Verantwortung für die Probearbeit rund um die Szenen und für das Üben der Musikstücke übernommen. Ohne so eine geniale Pädgagogin wäre ein Projekt in dieser Dimension gar nicht umsetzbar. Wir sind einhellig der Meinung, dass wir noch ein Jahr weiter machen könnten, weil so viele Entwicklungsschritte stattfinden. Nicht nur bei den Kindern! Viktoria ist ständig und bei allen Proben da, ausgleichend, beruhigend, beobachtend und mit anpackend, wenn Hilfe benötigt wird. Sie wirkt wie ein Fels in der Brandung, auch die Kinder lieben sie heiß und vertrauen sich ihr an. Unsere wissenschaftliche Begleiterin, Hemma, ist da, so oft es ihre intensive Ausbildung zulässt. Auch sie hat stark die Rolle des Beobachtens, des Helfens, wenn frau gebraucht wird. Wir sind sehr gespannt auf ihren Bericht. Ich bin permanent anwesend. Mache Fotos, versuche mir Situationen zu merken, über die ich später bloggen könnte. Höre den Kindern zu, schaue mir ihre Performances an und biete meine Hilfe an. Höre mir so bezaubernde Geschichten an, sehe die Entwicklungsschritte, höre die selbstbewussteren Stimmen, spüre die Freude und manchmal auch die Frustration der Kinder. In dieser heißen Phase muss ich mir jede Nadel, jeden Stift, jedes kleine Detail aufschreiben, das noch gebraucht wird. Ich staune, wie sehr wir als Gruppe zu einem Team mit Helfern zusammen gewachsen sind. Dreamteam. Aber klassisch.

Die zweite Hälfte der Buttons mit den bezaubernd gezeichneten Kinderraben wird heute von mir gepresst. Ihr Verkauf soll uns dabei unterstützen, mit den Kindern ein massives Danke-Sommer-Fest zu feiern. Ich hab schon ein schlechtes Gewissen – mein Mann verbringt auch viele Stunden vorm Computer. Spinnende Druckerdrüsen, abweichende Größenangaben zwischen Hardware und Software und andere technischen Problemchen fordern ihn volle. Nebenbei entsteht das so einladende Plakat und kleine Flyer, die wir in den Geschäften rund um den Hauptplatz austragen und verteilen werden. Für diese Papiere brauchen wir Logos, Kostenvoranschläge und einen kühlen Kopf. Und immer wieder fällt uns ein Fehler auf. Diskutieren wir auf Whatsapp, wie das Ergebnis aussehen soll. Und ob die Kinder eh einverstanden sein werden. Hier wird spätestens klar – wir setzen um, was sie sich wünschen. Aber nun müssen auch die Erwachsenen voll ran. Die natürliche Arbeit der Kinder direkt in der Stadt ist messbar und unschätzbar wertvoll. Ihre und unsere Anwesenheit rund um die Pop-Up-Werkstatt bringen fremde Erwachsene dazu, mit uns allen zu reden. Und miteinander zu reden. Wir haben nun auch Herrchen und Frauchen des Hundes mit Plastikhuhn persönlich kennen gelernt, die uns schon aufgefallen sind. Kinder aller Altersstufen kleben tagsüber an den Auslagenschreiben und bestaunen die Filzraben. Auch wenn wir vis à vis beim Italiener sitzen und die Türen geschlossen sind. Dieses Projekt belebt die Stadt, das war unser heimlicher Wunsch. Wie sehr ich mir wünsche, dass so etwas in Zukunft öfter geschieht!

Die Subventionsabrechnung wartet auf ihren Abschluss. Das Versenden des Abschlussberichtes nach Wien, das Aussenden der Einladungen an Medien und ihre VertreterInnen stehen an. Alles kein Pipifax, sondern sehr nötig. Die Bühne ist so gut wie fertig, immer wieder müssen Kleinigkeiten nachjustiert oder schon repariert werden. Sie ist ein Traum geworden, mit gemaltem Vordergrund, stilechten roten und ausklappbaren Vorhängen mit goldgelben Borten, die mal wieder wie gerufen vor einer Woche von Maria Slama kamen, mit den fünf farbenfrohen von den Kinder entworfenen und gemalten Hintergründen, dem ausgeklügelten Brett im Showroom, um alles gut auf der Bühne unterzubringen, was nicht mit der Hand bespielt wird. Um diese Bühne darf man die hiesige Volksschule als zukünftige Benutzerin beneiden. Alles nur machbar, weil eine Lehrerin uns den wunderschönen Kasten zur Verfügung gestellt und mein Mann wieder einige Stunden in der Holzwerkstatt verbracht hat. Gott sei Dank hatte er einige Male Hilfe aus unserem tollen Team.

Apropos erste Reparaturen. Vorgestern stehen wir am Abend vor verschlossenen Geschäftstüren. Der Hauptschlüssel war sauber in zwei Teile zerbrochen. Nach meiner Explosion und anschließenden Implosion hilft uns am nächsten Tag der hiesige Schlüsseldienst von Gabi Köppl weiter. Der Hauseigentümer ist unerreichbar, die Kinder müssen in der gewohnten Umgebung weiter proben. Das Gute ist, dass dieser Stress für unfreiwillige Belebung in der Fußgängerzone sorgt. Sich ein weiterer Gast für die Aufführungen ankündigt, die Nachbarn voll Mitgefühl fragen, was denn passiert sei und wir intensiver miteinander in Verbindung treten. Es ist halt nicht immer alles schön, was das Leben daher bringt. Aber wir wünschen. Und es wird gespielt. Die Prüfung in Gelassenheit versemmle ich zu Beginn vollkommen. Stichwort Explosion. Stichwort Implosion. Mein Verantwortungsgefühl für das Projekt und das geliehene Objekt, das mir anvertraut ist, ist größer. Ich beruhige mich erst langsam wieder und bemerke, wie schwer ich mir selbst Fehler zugestehe.

Das war ein unvollständiger Rundgang hinter den Theaterbühnenvorhängen. Falls ihr uns in der Stadt besuchen kommen wollt, hier sind unsere Probentermine. Wir freuen uns, kommt einfach herein und hört zu. Ihr könnt gerne auch vorher anrufen oder uns über social media kontaktieren, weil sich die Dinge manchmal rasant ändern. Morgen proben die Kinder schon ab der ersten Stunde. Es wird spannend.

Raben, die Medien und andere Figuren

Letzte Woche erscheint der erste Medienbericht über die Fortschritte unseres Raben-Theater-Projektes in St. Veit. Danke Michaela Auer von der Mittelkärntenredaktion der Kleinen Zeitung für den lebendigen, umsichtigen Bericht über einen bereits drei Monate währenden Prozess, der nicht so einfach zu beschreiben ist!

Vergangenen Freitag ziehen wir so richtig mit Sack und Pack und Stromkabel und Nähmaschinen in das leerstehende Geschäft in der St. Veiter Innenstadt. Mittlerweile haben wir Licht und Strom und können das WC benutzen. Ein Riesenvorteil mit Sechs- bis Zehnjährigen. Die Kinder rasen mit ihrer Lehrerin Eva Maria Petschnig und unserer Praktikantin Hemma und den selbstgemachten Filzraben durch die Szenen. Die Puppentheaterbühne aus dem ausgeschnittenen Kasten ist noch improvisiert. Szene für Szene wird mit der vorhandenen Geschichte gespielt und improvisiert, Steigerungen im Ausdruck und im Schauspiel sind bemerkbar Viktoria und ich sitzen an den Nähmaschinen und kleiden die Handpuppen mit den schrägen Paperclayköpfen ein. Es stellt sich schnell heraus, dass das Gewölbe für dieses Miteinander zu gut funktioniert – der Lärmpegel ist enorm hoch. Nebenschichten an den Nähmaschinen müssen außerhalb der Probentage eingelegt werden, damit die NachwuchsschauspielerInnen vor allem eines tun können – üben, üben und noch einmal üben. Sprache, Ausdruck, die Haltung der Handpuppen. Und vor allem die eigene Haltung. Ein zum Publikum agierender Rücken schluckt Sprache und löst bei den Zuschauern aus den eigenen Reihen Unverständnis aus.

Viktoria hilft mir heute mit den Kinderkostümen. Es hat sich so entwickelt, dass das Theaterstück mit Handpuppen auf der Bühne und mit menschlichen Darstellern vor der Bühne umgesetzt wird. Keine kleine Herausforderung. Aber durchaus logisch. Also nähen wir einen zweiten Durchgang Kostüme. Upcycling as usual, dank Maria Slama stehen uns genau die richtigen Stoffe zur Verfügung. Aus diesem Fundus schöpfen wir noch eine Weile. Morgen hole ich mir die Handpuppen und mache sie fertig, mal sehen, ob mir wieder jemand Gesellschaft leistet. Ganz ehrlich – nun steigt die Spannung vor allem bei den Erwachsenen. Plötzlich wird doch ein Drehbuch nötig, damit WIR uns auskennen. Es entstehen Listen voller to-do’s und to-bring’s. Für die Erwachsenen wird klarer, welches Kind voraussichtlich in welche Rolle schlüpft, wer Organisatorisches übernimmt, wer Hintergründe ummontiert und wer sich gar nicht auf oder vor die Bühne traut. Ein ganz junger Maler kümmert sich derzeit um die Vorderseite des Puppentheaters und hat mit Bleistift seinen Entwurf auf die grundierte Platte gezeichnet. Alexander baut in der Werkstatt am beweglichen Untergrund der Bühne, eine Riesenherausforderung. Auch das sollte bereits diesen Freitag fertig sein. Wir werden sehen.

Presse und Pop-Up

Die Osterferien sind vorbei. Voller Begeisterung nehmen wir die getrockneten Paperclayköpfe in die Hand und glätten und formen noch ein wenig am Charakter der Handpuppenköpfe. Wie leicht die Dinger sind! Und wie ausdrucksstark!

Kurz entsteht Aufregung. Die Redakteurin einer Kärntner Tageszeitung ist gleich im Morgenkreis mit dabei, um ein Gefühl für unser Projekt zu bekommen. Benjamin und Franziska, zwei unserer großartigen Viert-Stufen-Kinder, wissen eine ganze Menge zu erzählen, als sie interviewt werden. Einmal mehr wird mir klar, auf wie vielen Ebenen unser Projekt wirkt. Einerseits profitieren besonders die stillen Kinder davon, dass sie sich eine Bühne nehmen und mit ihrer Stimme präsent sein dürfen. Andererseits praktizieren wir ständig Recycling und Upcycling und die Kinder sind wie nebenbei mitten im Tun, ohne dass wir ihnen lang und breit erklären müssen, wie pädagogisch und nachhaltig und sinnvoll es ist, dass sie mit alten Zeitungen Köpfe herstellen, aus gebrauchten Stoffen Handpuppenkörper herstellen und einen alten Kasten zur Puppentheaterbühne umbauen. Unsere Herbergsuche für einen Probe- und Arbeitsraum bei den Menschen auf der Stadtgemeinde hat uns zu einem tollen Leerstand mitten in der Innenstadt geführt. Unglaublich, wie entgegen kommend erwachsene Menschen sind, wenn es um Kinder und ihre Projekte geht. Zwei Monate nutzen wir Räume als Pop-Up, das heißt wir sind vorüber gehend da und dann wieder weg. Wie es aussieht hat die Großzügigkeit unseres Herbergsvaters sich bereits auf sein Leben ausgewirkt: der erste Interessierte hat sich die Räume für den Sommer angesehen. Das ist es, was mit der Bespielung und Belebung des Leerstandes ebenfalls geplant war: die praktische Sichtbarmachung kommunaler Intelligenz in der Entwicklung einer Kleinstadt. Und dass es in einer Innenstadt um Einkauf und Geschäfte gehen kann aber nicht muss. Die Kinder werden den Erwachsenen schon zeigen, was möglich ist.

Heute üben unsere Nachwuchsschauspieler den Einsatz ihrer Stimme. Paarweise geben sie Witze wieder, auch wenn sie nicht verstanden wurden. Hach, Kinder schlüpfen einfach in Rollen und spielen. Sie sind die geborenen Dadaisten. Zum ersten Mal hören wir die einstudierten Musikstücke mit Instrumenten. Hemma sagt, sie hat Gänsehaut, so schön klingt alles bereits. Am Ende des Vormittages packen wir Sitzkissen zusammen und wandern durch die Stadt zu unserem zukünftigen Arbeitsraum. Das ist ein Staunen und Jubeln. Ganz spontan, ohne Aufforderung einer Begleitperson haben die Kinder den Wunsch, eines der Rabenlieder zu singen. Und sie setzen sich durch. Ganz ohne Scheu stehen sie mitten am Herzog-Bernhard-Platz im schrägen Licht des heutigen Sahara-Sand-Himmels und geben ihr erstes Livekonzert des Projekts. Wir sind gespannt wie lange es dauert, bis die Italiener vom Eiscafé vis à vis auf uns aufmerksam werden…

Diese kurze Schulwoche nach längeren Ferien zeigt sich an den Kindern. Heute sind nicht wir müde, sondern sie. Und doch freuen sie sich auf die nächste Probe in den neuen Räumen. „Lisa, wir möchten gern Publikum spielen“, vertrauen mir zwei kichernde Schüler an. Oh wie recht sie haben. Auch die Aufführung, der Plan, wie unser Publikum quer durch die Stadt mitgenommen werden soll, ist noch zu proben. Aber das ist, frei nach Michael Ende, eine andere Geschichte, die ein anderes Mal weiter erzählt wird.

Glück und Monster

Ich sprudle und vibriere immer noch. So schön waren die drei Stunden mit den Kindern und Erwachsenen in der Klagenfurter wissens.wert.welt. Sie kamen, um sich fürs Jahr 2019 Glücksbringer zu nähen. Sie inspirierten sich in der Eröffnungsrunde gegenseitig. Altersheterogen. Sie gingen mit farbenfrohen Wesen aus upgecyceltem Material nach Hause. Wesen, die stärken und einem ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Es war einfach nur schön mit euch allen, mehr Worte brauchts grad gar nicht…

 

Kunst und Kreativität

Kennt ihr die Künstlerin Eva Hesse? Ich lese gerade ein Buch über sie, das mich sehr aufwühlt. Eine der letzten Skulpturen ihres künstlerischen und intensiven Lebens sind von der Decke hängende Tücher, mit Kunstharz und Material bearbeitet. Sie sagt von dieser Skulptur: „Das bin ich.“ Ohne sehr viel von ihr zu wissen glaube ich ihr. Uneingeschränkt. Der Kunstmarkt macht sie zu diesem Zeitpunkt zur Künstlerin. Sie erfährt die von ihr so ersehnte Anerkennung als sie dabei ist, diesen Planeten und ihren kranken Körper gezwungenermaßen für immer zu verlassen.

Die Kreative

Was ist das, Künstlerin, Künstler zu sein? Wir haben heute Morgen beim Frühstück lange darüber gesprochen. Sogar unser Neunjähriger bleibt sitzen, als sich unser intensives Gespräch um diese beiden Worte dreht, die in mir viel Altes triggern: was ist Kunst und was ist Kreativität? Für mich, nicht für andere Menschen. Ich habe viele Erklärungsversuche über beide Begrifflichkeiten gelesen und reflektiert. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn ich das tue, was ich gern tue. Es macht weiche Knie, rührt mich manchmal zu Tränen, macht alles weich und es fühlt sich einfach „richtig“ an, angekommen, dort, wo ich jetzt grade sein soll. Dieses Gefühl erleichtert mühsames Trennen von nicht gut angenähten Körperteilen der Puppen, die mich gerade beschäftigen. Es bringt beim Fotografieren neue Ideen, die vorher nicht da waren. Oder flüstert mir beim Schreiben die nächste Formulierung ein. Dieses Gefühl, diese Energie, die ich spüre, würde ich als kreative Energie, als meine Lebensenergie bezeichnen. Das ist mein innerer Motor, der mich morgens aufwachen und herzklopfend tun lässt.

Die Künstlerin

Und dann gibt es die Kunst. Und einen wirtschaftlich angetriebenen Kunstmarkt, der aus dem von Menschen geschaffenen Begriff „Kunst“, den KünstlerInnen und ihren Kunstwerken entstand. Wo es darum geht, Trends zu setzen, zu bedienen und Geld damit zu verdienen.

Ich habe meine eigene Geschichte dazu. Einerseits erlebe ich als Schülerin, dass ich zu feige bin, den Wechsel an eine Schule mit Internat in Graz umzusetzen, die mich gefördert hätte. Dann am eigenen Körper zu erleben wie es ist, als Kreative betrachtet und als Teilzeitkünstlerin fürs Wochenende und die Ferien eingeordnet zu werden. Und das zuzulassen. Parallel werde ich in einer angefangenen Ausbildung starr vor Schreck, als andere Frauen als „Hausfrauenkünstlerinnen“ ohne jedes Verständnis für Kunst abgewertet werden. Es tut mir heute noch leid, dass ich nicht in der Lage bin, einzugreifen. Die Angst, ebenfalls abgewertet zu werden, ist zu groß. Ich habe gerade erst entdeckt, dass ich nicht verrückt, sondern möglicherweise einfach „Künstlerin“ bin.

Ich habe in dieser Phase in Kursen und Unterweisungen gelernt, dass Kunst nicht gleich Kunst ist. Einige meinen gar, dass eigentlich nur als Kunst zu bezeichnen ist, wenn ihre Herstellung „weh tut“. Weiches Material zu bearbeiten sei keine Kunst, es müsse in der Bildhauerei also mindestens der härteste Granit oder Metall sein, damit Kunst entstehen könne. Es folgten viele Streitgespräche über diese Begrifflichkeiten und den Umgang mit der „Kunst“ im besonderen. Ich fange an, abstrakten Ausdruck von gegenständlichem Ausdruck zu unterscheiden, die Prozesse des Tuns mit dem eigenen Körper zu erleben und mich dabei zu beobachten und zu reflektieren. Und ich lerne durch Dozenten und eigene Recherche KünstlerInnen und ihre Biografien kennen, die mich begeistern und ermutigen.

Als ich eine Weile als Journalistin über regionale Kunst und ihre „Unterform“, das Kunsthandwerk, schreibe, erlebe ich, dass Menschen leichtfüßig auf diese Unterscheidung verzichten und mit ihrem handwerklichen Ausdruck nach außen zugehen und dazu Kunst zu sagen. Und wie verzweifelt es manche Menschen drängt, das Geschaffene auszustellen und als Künstler gesehen zu werden. Diese Verzweiflung kenne ich. Denn ich habe jahrzehntelang sicherheitshalber alles versteckt und vergessen, was in kreativen Prozessen auf vielen Ebenen entstand. So entging ich dem möglichen Ausgelachtwerden.

Dies und einiges Andere ist meine ganze persönliche Geschichte als Heranwachsende und Erwachsene. Diese Erfahrungen überschreibe ich jetzt in einer weiteren Runde mit genussvollen Erfahrungen. Weil ich dran bleibe, Puppen zu machen. Wobei die innere Kritikerin die böseste Feindin meiner Prozesse ist. Es ist eine Gratwanderung, ihr zuzuhören, wenn sie sich wie ein trotziges oder unsicheres Kind aufführt. Manchmal muss ich ihr den Mund stopfen, wenn sie massiv übergriffig wird und mich als Ganzes in Frage stellt und überwältigende Schamgefühle aktiviert und mir einredet, ich solle das lassen, das sei keine ernst zu nehmende Kunstform. Und dann gehts wieder ganz leicht und wir arbeiten wunderbar zusammen.

Die Puppen

Wozu schreibe ich das alles? Nun, kreatives Schreiben ist einerseits mein innerer roter Lebensfaden, der mir meinen Weg zeigt. Das Schreiben begleitet mich mein ganzes Leben, vom Tagebuch der Volksschülerin über die Morgenseiten oder die schriftlichen Reflexionen meines Lebens, wenn das Chaos groß ist. Als Journalistin war es ebenfalls sehr von Nutzen. Nein, keine großartige Literatur. Sondern ein kostbares tool, nicht aus den Schuhen zu kippen, wenn der Gegenwind stark wird.

Das Puppenmachen hat eine andere Qualität. Zur Herstellung einer Stoffpuppe ist viel weibliches Handwerk gefragt. Nähen, stricken, häkeln, sticken, filzen, malen, designen und entwerfen, weben, Färbepflanzen ziehen und ernten und anwenden, Stoffdruck, spinnen, Schnitte entwickeln, Prozesse fotografieren, darüber schreiben und sie digital teilen. Und eine Menge trial and error beim Ausprobieren. Ich bin in meinem Studio einfach glücklich, wenn ich tue. Die üblichen Aufs und Abs sind inklusive.

Vergangenen Freitag habe ich zum ersten Mal einen dreistündigen Puppenmacherkurs für Einsteiger im Rahmen unserer Vereinsarbeit angeleitet. Und voller Freude erlebt, dass die Herstellung einer kleinen, einfachen Stoffpuppe in anderen Menschen ähnliche Prozesse auslöst wie in mir. Als ich am Samstag bei einer spanischen Puppenmacherin sitze und sie mir zeigt, welche genialen Handgriffe sie sich im Laufe ihres Lebens als Puppenmacherei angeeignet hat, erzählt sie mir ihre sehr ähnliche Geschichte mit der Herstellung dieser Wesen. Uns eint erstaunlicherweise, dass wir die ausdrucksstarken Puppen der Kärntner Puppemacherin Elli Riehl verehren, die zu ihrer Zeit mit erstaunlich grobem Material so viel ausdrücken konnte.

Derzeit ist dieser Druck weg, ob ich Künstlerin oder Kreative bin. Ehrlich gesagt spielt es heute einfach keine Rolle. Einerseits steht das Wort Kunst für etwas. Und ist Kreativität das Wort für einen inneren, ganz natürlichen Prozess. Die Unterscheidung wird im beruflichen Kontext in Österreich vom Finanzamt, der Gewerbekammer oder der Sozialversicherungsanstalt gemacht. In England, in Skandinavien gibt es Puppenmacherzünfte und sind diese Menschen als Künstler anerkannt. Ich gehe meinen Weg einfach weiter.

Die Kraft der kreativen Energie fließt durch jeden Menschen. Schaue ich meiner Enkelin Jana zu, dann sehe ich das ganz deutlich. Es liegt an uns, ob wir diese in uns angelegte Kraft nutzen oder sie stauen und erfolgreich um uns herum umleiten. Ich war in Zweiterem jahrzehntelang äußerst kreativ und ausgesprochen erfolgreich. Ein viel anstrengender Weg als dem inneren Sehnen und Dehnen nachzugeben und das zu machen, was Herzklopfen erzeugt. Und einfach auch eine Möglichkeit, Erfahrungen zu machen.

Wenn ihr wollt, dann teile ich dieses Glück des Puppenmachens in Anfängerkursen mit euch und ihr könnt am eigenen Körper erleben, ob es zu euch passt oder nicht. Am 30. November gibt es um 15 Uhr in Klagenfurt die nächste Möglichkeit dazu.

Mama und Fuchs

Als ich heute am späten Nachmittag in zwei strahlende Augenpaare sehe weiß ich eines mit Sicherheit: dort hin geht mein Weg weiter. Es ist so ein großer Unterschied, ob wir unseren Kindern ein fertiges Tier oder eine Puppe im Supermarkt kaufen. Oder ob wir uns Zeit für einander nehmen, überlegen, wie wir so eine Herzenssache selbst nähen können. Und dann miteinander daran arbeiten und miterleben, wie so ein Wesen eine Seele bekommt.

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Es gibt sie, diese besonderen Kinder, die dein Herz auf der Stelle berühren. Pauli hat sich von seiner Mama zum Geburtstag gewünscht, uns zu besuchen und mit uns gemeinsam einen Fuchs zu nähen. Den ich vor einer Woche als Prototyp geübt habe und den jeder Mensch bei Misty’s Whimseys erstehen kann, derzeit sogar als free pattern. Wir haben es dieses Mal mit einem ganz besonderen Material zu tun. Sehr flauschig, sehr microfaserig würde ich mal meinen. Und vor allem mit zwei rechten Seiten. Keine Chance, den Trickmarker anzuwenden. Ich muss mein Uraltwissen übers Nähen anstrengen, dann fällt mir ein, dass wir früher Linien mit Heftfäden sichtbar gemacht haben. Mutter und Sohn legen sich mächtig ins Zeug, schneiden und heften. Wir sind bald alle übersät mit roten und weißen Stofffutzeln. Unser Jüngster bastelt an einem Kamelmonster aus einem Stück tierfellähnlichem Material aus der Stoffmusterserie von Maria.

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Fertig wird heute ausschließlich der Fuchs. Und das ist schon eine großartige Leistung. Einmal mehr erlebe ich, wie dieses handwerkliche und kreative Tun mit den eigenen Händen Menschen aktiviert, verbindet und beglückt. Ich muss mich gut konzentrieren, all die kleinen Einzelteile richtig aneinander zu fügen. Mein wunderbares Gehirn hat sich im Großen und Ganzen gemerkt, wie die logischen Schritte vor einer Woche aneinander gereiht werden. Bis nach dem Mittagessen halten die beiden Jungs gut durch. Danach müssen sie raus an die frische Luft, sich bewegen und rennen und miteinander spielen. Ich mache einen kapitalen Fehler, stopfe all die Gliedmaßen und den Fuchsschweif bereits aus und halte mich für besonders klug. Mir wird ganz anders, als ich dann die letzte Naht nähen soll und keine Chance mehr habe, alles unter das Maschinenfüsschen zu stopfen. Also – Handnaht.

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Fürs finale Stopfen und Lebendigmachen der Fuchshülle ist Pauli wieder zur Stelle. Diesem roten Fuchs nähen wir ein Säckchen mit alten Murmeln in den Bauch, damit er nicht ganz so leicht ist wie die braun geblümte Fuchsschwester. Gemeinsam mit seiner Mama wird konzentriert gearbeitet. Und wir staunen, wie viel Watte in so ein Wesen passt. Am Ende kleben wir die angenähten Augen noch an, weil sie uns zu sehr herum hängen. Jetzt ist Herr Fuchs fertig und kommt sofort in die Abendsonne mit zum Fotoshooting. Sowohl die Kinder als auch wir Erwachsenen als auch die Tiere verabschieden sich schweren Herzens. Ich höre, dass sich die Fuchsgeschwister Briefe schreiben werden. Ich lass mich überraschen.

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Kinder und Upcycling

Werfen Sie noch weg oder machen Sie schon Kunst?

UPCYCLING IM SCHUL.RAUM

Wir kommen zu Ihnen an die Schule, trennen Ihren Müll und machen daraus Kunst.

Warum?
Täglich fallen in Österreich Berge von kostbaren Rohstoffen direkt in den Müllcontainer und werden kosten- und energieintensiv entsorgt. Wir kommen zu Ihnen an die Schule, nutzen diese Rohstoffe, trennen gemeinsam mit den Kindern/Jugendlichen den verwertbaren Müll und entwickeln miteinander passende Projekte, die auf ihre Schule zugeschnitten sind.

Partner
Eigentlich will niemand Verwertbares wegwerfen. Überflüssiges Papier, textile Stoffe, Plastik, Metall belasten die Gemeinschaft und den Planeten. Müllvermeidung geht nicht von heute auf morgen. Es hat sich herumgesprochen, wie wir seit drei Jahren mit Menschen und ihrem Wegwerfmaterial kreativ umgehen. Wir haben Partner, die uns kostbare Materialien anbieten, die sie nicht (mehr) entsorgen. Diesen Schatz bringen wir als Zusatzmaterial mit.

Forschen und Erfinden
Wir sprechen mit den jungen Menschen über die Notwendigkeit und den Hintergrund von Ressourcenschonung unseres Planeten in Form von Re- und Upcycling und über die 17 globalen Nachhhaltigkeitsziele der UNO (SDG), zu denen sich Österreich 2016 verpflichtet hat. Wir arbeiten mit ihnen und ermutigen sie, in ihrer direkten Umgebung zu forschen und neue Dinge zu erfinden. Nicht nur darüber zu reden sondern auch selbst aktiv zu tun. Wir vermitteln einfach zu erlernende Arbeitsschritte und erschaffen neue Objekte von Wert. Objekte, die nicht ungeliebt im Regal verstauben sondern das Leben Ihrer Schule und der Ihnen anvertrauten Kinder durch den kreativen Prozess bereichern.

Kompetenz
Wir sind Künstler in den Bereichen Holz, Malerei, Textile Techniken und Fotografie. Drei Jahre lang haben wir gemeinsam mit Kindern und Erwachsenen ausprobiert, was alles im Rahmen von Re- und Upcycling geht. Nun kommen wir mit unserer erworbenen Kompetenz an Schulen, um unser Wissen und unsere Erfahrungen an Kinder und Pädagogen weiter zu geben.

Wie?
Wir nutzen das derzeitige Überangebot an Grundmaterialien und stellen mit leicht erlernbarem künstlerischem Geschick neue Produkte her. In unseren Workshops können aus alten Zeitungen Figuren oder Objekte in Pappmaché-Technik entstehen. Leuchtende Windlichterketten aus alten Konservendosen. Fantasievolle Skulpturen aus PET-Flaschen. Oder wir gestalten überhaupt eine Wand oder altes Mobiliar in Ihrem Gebäude um, indem wir es gemeinsam bearbeiten. Gerne gehen wir auch auf Ihre Ideen ein und entwickeln ein gemeinsames Ziel.

Wer?
Verein DER.RAUM
Projekt UPCYCLING IM SCHUL.RAUM
Lisa Engel 0650 9141271
Alexander Engel 0680 1343971
foto@lisaengel.at

Kosten
250€ pro Tag
Projektpreis über längere Zeit oder Nachmittagsbetreuung auf Anfrage

Möglichkeit der Teilunterstützung im Rahmen des Schulkulturbudgets mit Kulturkontakt Austria bis 20.10.2018
https://www.kulturkontakt.or.at/html/D/wp.asp?pass=x&p_title=5787&rn=110976

Möglichkeit der Teilunterstützung eines Großprojektes im Rahmen von „culture connected“ bis Ende November 2018 (wird in den nächsten Wochen auf Kulturkontakt Austria ausgeschrieben)
https://www.culture-connected.at/home/

Möglichkeit der Teilunterstützung im Rahmen einer europaweiten Dialogveranstaltung mit Kulturkontakt Austria im laufenden Schuljahr https://www.kulturkontakt.or.at/html/D/wp.asp?pass=x&p_title=5291&rn=106560

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Kreativität und Mathematik

Kommenden Samstag besucht mich ein kleiner Freund mit seiner Mama. Im Sommer habe ich miterleben dürfen, dass er eine echte Sternstunde an unserer Vereins-Nähmaschine erlebte. Mit seinen acht Jahren saß er konzentriert, ruhig und sicher an der großen Maschine und nähte seine ersten geraden Nähte und Ecken, in Zickzackstich und mit normalem Stich. Wir waren ihm vollkommen egal, er hatte auf uns vergessen. Die Nähmaschine, der Stoff und er. Zu seinem Geburtstag darf er sich sein erstes Stofftier mit unserer Hilfe zusammen nähen. Sicherheitshalber von mir voraus studiert und probiert und für kompliziert aber gut befunden. Meine für den Hausgebrauch geeigneten Nähkenntnisse erweitern sich bei jedem Stück, das ich nähe. Es ist wieder einmal ein englischer Schnitt. Was mich bei all den kleinen Nähten und Ecken und vorausschauenden Schritten so umhaut ist die Präzision, mit der so ein Schnitt und die Anleitung gemacht werden muss. Wie Rundungen angelegt werden, dass sie Rundungen sind. Wie das mit den sauberen Ecken funktioniert. Mathematik in Reinkultur. Bestechende Logik. Nicht der kleinste Fehler ist der Schöpferin des Fuchses unterlaufen. Schritt für Schritt stimmt die Anleitung. Hier findet ihr Misty Whimsies übrigens. Und ich entdecke gerade, es gibt ein Tutorial. Hach. Mal sehen, was ich noch verbessern kann. Frau Fuchs aus upgecyeltem Tischtuch- und Regalbretterstoff und mit Füllwatte unserer Partnerin Maria sieht für einen Prototypen sehr passabel aus. Ich freu mich schon auf den flauschigen Gesellen, der am Wochenende in der Werkstatt vom Tisch hüpfen wird.

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Vor zwei Wochen ergab es sich, dass ich mit einer Freundin – endlich! – ins Puppenmuseum der Elli Riehl in Villach ging. Mir sind die kleinen Persönchen der Puppenmacherin seit meiner Kindheit bekannt. In einem gut besuchten Gasthaus in Maria Saal gab es Vitrinen mit ihren Brauchtumspuppen. Ich weiß, dass ich sie mir genau ansah. Wir waren zwei oder drei Mal mit den Eltern dort. Das Ganze war ein bisschen schummrig, gemischt mit Suppengerüchen aus der Wirtshausküche. Danach war ich sicher, ich könnte das auch. Versuchte es voller Herzklopfen. Allein und geheim. Scheiterte am Muttertag kolossal und wagte es gar nicht, die Monster herzuzeigen, die hätten Puppen sein sollen. Ich schämte mich fast zu Tode. Mindestens fünfzehn Jahre lang rührte ich keine herzustellende Puppe mehr an. Erst jetzt wird mir klar, wo all meine irrationalen Schamgefühle beim Herstellen der Puppen herkommen. Manche Minitraumen verpassen wir uns letztendlich selbst. Darüber reden und weinen und dann lachen hätte sicher geholfen. Tat ich aber nicht. Und einmal mehr zeigt sich – Puppenmachen heilt. Mich.

Dieses Mal gehe ich mit ganz anderen Augen in diese Ausstellung mit den 700 Puppen. Wir haben Glück, am Wochenende sperrt das Museum für heuer zu und öffnet erst wieder am Muttertag 2019. Ebenfalls eine Tradition. Ausnahmsweise lässt uns die freundliche Betreiberin schon zu Mittag ins Haus. Meine Freundin sagt mir später, sie ist skeptisch gewesen. Weder von meinem Gefasel über Puppen während unserer gemeinsamen Ausbildung noch über diese Dame habe sie ein klares Bild gehabt. Sie ist einfach offen für Neues. Bei mir setzt beim Rundgang durch die Räume, beim Ansehen des Filmes über die Puppenmacherin das übliche Herzklopfen ein. Wie habe ich die Puppen doch einseitig in Erinnerung! Ja, es ist eine Menge Tracht und Brauchtum zu sehen. Und ja, das ist nicht so mein Ding. Aber diese handgestichelten Wesen leben! Sie lachen, sie weinen, sie sind schelmisch und grantig, unsicher und  strotzend vor Selbstbewusstsein. Die Märchenecke mit ihren Wesen, die Zwerge sind traumhaft schön gemacht. Elli Riehl hatte noch keine trockenfilzende, modellierende Filznadel zur Verfügung. Sie nutzte Baumwollwatte, in Kleister getunkten Flanell, Farbe und Drahtgestell für ihre Figuren, die sie Stich für Stich von außen abnähte und in Form brachte. Die genauen Skizzen und Zeichnungen an der Wand zeigen, dass sie eigentlich eine bildende Künstlerin war und die Welt des Kunstgewerbes, die in Österreich für solche Tätigkeiten schnell zugeordnet wird, schnell hinter sich ließ.  Ich mache Fotos von all den Figuren, die mich begeistern. Wage es nicht, sie hier zu teilen, die neue DSVO liegt mir immer noch ein bisschen im Magen. Lieber selber hinschauen und staunen und sich beeindrucken lassen! Ich komme gerne mit 😀

Schwer begeistert und sehr berührt unterhalten wir uns noch eine lange Weile mit der Betreiberin des Museums. Das ist nicht mein letzter Besuch in der Gemeinde Treffen bei Villach gewesen. Und vielleicht übertreibe ich, einmal mehr bedaure ich, nicht früher auf mein Sehnen und Dehnen bezüglich des Puppenmachens gehört zu haben. Fast spüre ich einen inneren Auftrag, mich mit der Puppenmacherin noch intensiver auseinander zu setzen. Und wie das Leben es so will, schickt es mir die üblichen bestätigenden Zufälle in Form von Büchern und kleinen Texten über diese interessante Frau ins Leben. Das kenne ich schon. Dran bleiben, heißt das. Einverstanden.

monstervegetarisch

Unser Jüngster verblüfft mich immer wieder. Er wächst ganz natürlich mit unserer händischen Arbeit, mit unseren kreativen Ausflügen ins Tun auf. So gesehen hat das Leben einen recht guten Platz für ihn ausgesucht. Seit ein paar Wochen ist es das Monsternähen, das ihn gepackt hat. Er zeichnet seine Figuren selbst. Malt sie mit meinem Trickmarker auf Stoff, fädelt und stichelt und trennt. Und bleibt dran. Dieses Mal biete ich meine Dienste an der Nähmaschine an und wir einigen uns, dass die bis zu einem Zentimeter großen Stiche auch als Heftnaht zu bezeichnen sind, damit ich an der Maschine besser weiß, wo es lang geht. Dass die Watte heraus quellen würde. Und dass man Arme und Beine nicht nur nähen sondern auch aus Fäden entstehen lassen kann. Und wie die einzunähen sind, damit das Umdrehen später so klappt, dass sie außen am Körper sind und nicht innen. Pure Logik. Pure Mathematik. Mit räumlichem Denken. Nun lassen sich die drei Hörnchen am Kopf auch gut ausstopfen. Mal sehen, ob das gestreifte Monster noch den wilden Mund bekommt oder ob das nächste Monster entstehen will. Das hier ist übrigens ein vegetarisches Streifenmonster. Mehr kann ich mich leider nicht mehr erinnern. Und ich schaffe es nicht, die Beschreibung auf der wie so oft genauen Skizze des jungen Designer’s zu entziffern. Mal sehen, ob der kleine Mann auch schon an die Maschine will. Bis jetzt ist er ganz zufrieden, mit der Hand zu nähen. Seine Feinmotorik verbessert sich sichtlich.

Kindertheater

Die Idee lässt mich einfach nicht los. Kindertheater. Marionetten selbst machen. Figuren grundsätzlich selbst machen. Der erste Prototyp einer drei- bzw. bei Bedarf vierfädigen Marionette hängt bereits herum, begeistert mich vom Aussehen wenig. Doch ein bisschen zu brav für unsere quirligen jungen Menschen. Ist in der Herstellung zu aufwändig für Kinderfinger, das müsste viel einfacher machbar sein. MIR macht die Herstellung Spaß. Sami war nur beim Filzen dabei, danach wurde es zu kompliziert für seine Finger.

Weil grad ein bisschen zu wenig Zeit ist zum Herumprobieren und Tun, träum ich von Pappmaché mit Kleister und selber leichte Figuren modellieren. Anleitungen und Tutorials hab ich mir schon angesehen. Das wird was für den Sommer, wenn es wieder warm ist und wir im Garten arbeiten können. Jetzt ists mir draußen ein bisschen zu nass. Mal sehen, was unsere Englandreise da an Inspiration zu bieten hat.

Mein Ex-Mann ist übrigens seit Monaten in Mexico. Und erzählt mir, dass es dort ebenfalls ein geniales Puppenmuseum mit alten, handgefertigten Puppen gibt. Mal sehen, was er da an Material mitbringen wird, bin schon sehr gespannt.

Als ich heute mit Amira und Samuel fantasiere und mit Händen und Füßen rede und tüftle und rede und mir die Kinder zeichnend zeigen, wo es lang geht, wird mir klar, dass es um Handpuppen gehen wird. Handpuppen, in die sie mit drei Fingern hinein schlüpfen können. Amira kennt keine Marionetten. Wir schauen uns im Internet ein paar Fotos an, ihre sonst überschäumende Begeisterung hält sich in Grenzen. Dat kannste knicken, liebe Lisa. Mal sehen, was wir aus alten Socken zusammenbringen. Ideen hab ich schon wieder massig…

Jedenfalls nimmt die Geschichte mit dem König Dagobert (hieß der nicht mal ganz anders?!) und seiner jetzt doch nicht an einer schweren Erkrankung verstorbenen Frau, die eigentlich seine Schwester ist, Formen an. Zu den vier Hauptfiguren, ihr erinnert euch, die guten Zwei, Jamie und Olivia, die bösen Zwei, Katzenplotz und Hotzenplotz, kommen jetzt zwei niedliche Hauskatzen dazu. Mir ist ihre Funktion noch vollkommen unklar, aber bin ich die Regisseurin? Nein. Ich frage nur. Und schreibe folgsam mit. Ein Regenbogen ist aufgetaucht, der auch irgendeine Wichtigkeit hat. Ahja, und eine Katze, die in einen Hügel gräbt, der mit Wasser gefüllt ist und deshalb erbärmlich und blubbernd um Hilfe miaut.

Fortsetzung folgt…

Cats and Dolls

Manche Tage sind schon besonders. Als ich heute Morgen schweren Kopfes aufwache, wohl wissend, ich muss die Mitschrift der letzten zwei Tage reinschreiben, damit irgendwas von all der Projekt- und Zeitmanagementtheorie verfügbar bleibt, hocke ich mich sofort vor den PC. Der Morgen graut gerade. Und danach – gebe ich mir frei. Kein Projekt heute, ein Tag ohne PC, mehr oder weniger. Das muss nach all dem tagelangen Aufsetzen und Schreiben von einem (!) Projektantrag drinnen sein.

Gesagt, getan. Prof. Dr. Gerald Hüther rät uns, die Puppen vor allem mit und für Kinder herzustellen. Und er meint damit Puppentheater. Solche Ideen, auf dich ich selber nie kommen würde, greife ich sofort auf. Und bevor wir uns beim Fest der Freude in Klagenfurt mit vielen Kindern darüber hermachen, übe ich ein bisschen im Vorfeld. Sami ist begeistert. Innerhalb von zehn Minuten steht ein supergeniales Drehbuch, gemindmappt und geclustert auf meinem Schmierzettel. Opa Alexander fabuliert heiter mit, wir haben eine Riesengaude. Die Geschichte ist mit so viel tagesaktuellem und politischem Bezug, dass mir zwischendurch die Spucke weg bleibt. Unsere Kinder bekommen viel mehr mit, als wir denken. Nur so viel: ein König und seine Königin und ein Reich voller guter und böser Katzen. Ganz sicher wird es Updates hier geben.

Apropos Katzen. Dieses Thema beschäftigt uns seit heute Mittag. Da wuselt ein aufgeregter Achtjähriger daher, eine Katze im Schlepptau. Aber nicht irgendeine Katze. Eine echte Grumpy Cat. Vorbiss. Lange Haare. Hellgrüne Augen. Perserin oder Angora, ich kenn mich da nicht so gut aus. Was aber das Wildeste ist: sie ist bis auf Kopf und Schweif komplett geschoren. Voller Zecken. Jammernd und wehklagend. Sieht mehr wie ein Pudel aus mit ihren bis zu den Pfoten rasierten und dann als Patscherl übrig gelassenen Haaren. So wie sich diese Katze an uns ranschmeißt ist mir relativ schnell klar, dass das eine ausgesetzte Katze ist. Vielleicht hängt es mit dem schwarzen Jeep zusammen, den ich um sieben Uhr herumfahren sah. Vielleicht auch nicht. Irgendwann sagt Sami, beim verlassenen Nachbarhaus im Stroh sei auch Futter. Futter?! Ja, ein Sack stehe da herum. Er saust rüber, kommt mit einem ganzen und einem fast leeren Sack Whiskas daher. Und einer Colaflasche voll Wasser. Am Ende stellt sich heraus, dass auch zwei Schüsseln dabei stehen. Irgendjemand hat sich wenigstens Mühe gemacht, dass das Tier ein paar Tage überlebt.

Während Sami und ich nadelfilzen und die ersten Marionettenkörper testweise und teilweise herstellen – hach, der junge Mann ist unverletzt – begutachtet Klein-Leonie (so muss sie heißen, Sami hat gewählt) das Gelände. Unsere Altkatze ist beleidigt. Nach dem Tod ihres Bruders war sie ein halbes Jahr die Solokatze hier am Hof. Nun kann sie sich wieder mit einer jungen, frechen und in allen Tonlagen knurrenden und jammernden Göre herumärgern. Sie taucht den restlichen Tag nicht mehr auf.

Mal sehen, ob Leonie bleiben darf oder ob sie wer sucht oder sie zu sehr ins Revier der Seniorkatze eindringt. Das werden die nächsten Tage zeigen. Im übrigen: das Wochenthema für unsere Foto-Challenge #derraum365 ist, tadaaaa, #cat 😀

 

Ende gut, alles gut

Ja, das Kostüm wurde fertig. Inklusive Kronenmütze mit Riesenschnabel des Phönix. Unser jüngstes bei uns lebendes Familienmitglied hat heute seine erste öffentliche, wunderschöne, bunte, laute und lärmende, verspielte und freundschaftliche Geburtstagfete gefeiert. Es tut einfach gut, ihn sozial so gut aufgenommen zu sehen. Seinen Platz zu erkennen in der Gruppe. Die Verbindungen zu erspüren, die sich in eineinhalb Jahren Schule aufgebaut haben. Müde und glücklich beende ich diesen Tag mit ein paar Bildern vom Entstehen und Sein eines Kostüms, das uns näher zueinander gebracht hat. Danke Leben.