Loslassen in Schritten

Festzustellen, dass es im ganzen Haus keinen Messbecher mit exakterer Einteilung als Viertel oder Halb gibt liegt einerseits am Chaos, das wir derzeit als unser „Normal“ bezeichnen. Und andererseits am Loslassen. Denn ziemlich sicher habe ich in in den letzten Wochen mindestens einen Messbecher verschenkt, verflohmarktet oder entsorgt. Kennst du ja. Lässt du nach Jahrzehnten irgendwas endlich los – dann brauchst du es. Garantiert. Da kann ich persönlich Gift drauf nehmen.

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Leben, wo andere Urlaub machen

Frühstücks.Raum

Frühstücken? Es ist so schön im Garten… Und ich möchte gleich jetzt die Puppenhaare machen…“ „Wir haben ein paar Tage kein Kind, komm. Lass uns was unternehmen. Und der Termin um 11 Uhr… Oder soll ich uns wirklich nur was vom Bäcker holen?“ First World Problems in Stoberdorf. Es ist am Morgen schon ganz schön warm. Wir sollten vielleicht. Wirklich. Könnten endlich mal. Müssten das ausnutzen. Na gut. Längsee. Wir frühstücken am Längsee, schauen in welchem der zwei Bäder mein veränderungsbegeisterter Cafetier-Freund mit seiner Genuss-Schmiede gelandet ist. Und dann sofort wieder nach Hause. Weiterarbeiten.

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Tierisches und Menschliches aus dem Paradies

Wir sitzen im Morgenlicht beim Frühstück vor meinem Atelier. Beim mehr oder weniger veganen Frühstück. Eine der grundsätzlichsten Umstellungen, die dieser Virus mit sich brachte, war die der Ernährung. Wir haben den Wechsel vom tierischen Eiweiß zum pflanzlichen Eiweiß noch keinen Moment bereut. Danke an meine Tochter Isabella.

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EPU und andere Abkürzungen

Nach sechs Stunden ist mein unternehmerisches Gründungsjahr 2019 als in Österreich noch nicht anerkannte Künstlerin in Spalten und Zahlen zerlegt. Einnahmen. Minus Ausgaben. Es wird hinten und vorne nicht reichen für einen Ausgleich aus dem Härtenotfallfond. Irgendwie schaffe ich das mit der SVS (Gewerbliche Sozialversicherung), andere Fixkosten habe ich glücklicherweise nicht. Und ich habe als ehemalige Pressefotografin und Journalistin gelernt, wie man bescheiden aber gut lebt, wenn man ständig wirtschaftlich am Limit entlang schrammt. Pimperlbuchhaltung für die Pimperlunternehmerin. Stimmt schon, was ein Facebook-User von uns Freischaffenden und EPUs so sagt. Wir sollen jetzt gefälligst daheim bleiben und nicht jammern. Keine Rücklagen gebildet? ja, was soll dann diese Scheinselbstständigkeit? Vor wenigen Jahren sah mich meine coachende Freundin als Chefin eines größeren Unternehmens, das Puppen herstellt. Ich. Mich. Nicht. Gar nicht. Ich bin keine begeisterte Konsumentin. Also fast nicht. Bücher. Material zum Tun. Weiterbildung und Reisen mit unserem selbst umgebauten Personenkraftwagen. Dafür gebe ich Geld aus. Für Fertiges fehlt mir meistens das Bedürfnis.

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Quarantäne und Wirtschaft

Meine „Wirtschaft“ ist aufgeräumt. Zwei Tage intensivsten Nähens für einen Alles-andere-als-Nähprofi liegen hinter mir. Langsam biegt sich mein Kreuz wieder gerade. Mein Arbeitsplatz mit Nähmaschine am tiefergelegten Tisch mit Hocker hat endgültig sein Ablaufdatum erreicht. Draußen in der Garage wartet der aufgehübschte Upcycling-Schreibtisch. Ein ehemaliger Arztschreibtisch aus Sperrholzresten, nach dem Krieg gebaut. Der Umbau vor etwa 10 Jahren verkleinerte das wuchtige Ding. Der weiße Anstrich vor vier Tagen gibt ihm nun das Aussehen, das er für mein Atelier haben muss. Meine Eckbank ist gemütlich, wandert aber zurück in den Seminarraum. Das wird mein Osterprojekt. Frühjahrsputz und so.

Als Mittwoch Morgen mein Handy brummt und mir signalisiert, ich möge einen Kommentar auf der homepage freigeben und kommentieren, ahne ich noch nichts. Ich bin VOR meinem Morgenkaffee. Und ich bin so ein Morgenmuffel, sei froh, dass du mir zu dieser Zeit nicht über den Weg läufst. Eine Dame schreibt mir „Ich möchte Masken bestellen“. Liebe Grüße und eine Telefonnummer. Mein Hirn, schlafgrantig, ächzt. Wo um Himmels Willen hab ich geschrieben, dass ich Masken mache? Bei meiner Coachin? Ich reiße mich zusammen, schreibe Unverfängliches und das Versprechen, mich zu melden.

Zehn Minuten später. Ich richte mir gerade meinen lebenserhaltenden Kaffee. Telefon. Eine total freundliche Frau erzählt mir, da wäre eine Artikel in der Kleinen Zeitung. Ob ich die Künstlerin sei, die auch Atemschutzmasken näht. Jetzt fällt der Groschen! Genau! Ich wurde ja letzte Woche interviewt. In dem Einerlei der Quarantäne habe ich das sofort wieder vergessen. Danke geschätzte Mittelkärnten Redaktion, das war ein super Bericht über Einige von uns, die nun das tun, was eben nötig ist. Genau. Nähen.

Zwei Tage lang rattern Maschine und Hirn. Natürlich geht auch mir der Einziehgummi aus. Die gewohnte gute Nähseide. Und mir wird so Einiges klar, was jetzt möglich ist. Nämlich andere fragen, ob sie noch Material haben. Beziehungsweise kreativ werden mit Ersatz für Ausgehendes. Danke Barbara für den Tipp mit den Jerseywürschteln, na klar! T-Shirt-ReUse! Und ich kann Garn eindrehen. Du weißt schon. Türgriff, Garnfäden, Bleistift – und drehen! Und irgendwann kann ich auch sagen: Danke, genug! Es gibt so viele andere Menschen, die diesen Dienst an der Gemeinschaft leisten und ihre Nähfähigkeiten zur Verfügung stellen. Ich muss nicht alles allein tun. Wir können die Arbeit gut untereinander verteilen. Wirtschaften miteinander. Wirtschaften ohne Wachstumszwang. Eine Form von Wirtschaften, das auch andere Menschen zum Zug kommen lässt. Frauen-Wirtschaft?

Als mir das so richtig klar wird, nehme ich Tempo aus dem Zuschnitt, aus dem ratternden Nähen wie im Schlaf. Bügle ich liebevoller jede Kante. Denke beim Nähen herzwarm an die zukünftigen Träger*innen. Wir haben ja immerhin ein Weilchen miteinander telefoniert, um uns über den Stoff und die Trageweise zu einigen. Ich höre von panischer Angst vor dem Virus bis zur Notwendigkeit, die Maske den ganzen Tag zu tragen. Ich nähe nicht für Geld. Ich nähe für Menschen, um Ängste zu verkleinern. Um Gesundheit zu erhalten. Um sie zu stärken. Und ja klar, die Post will sich den Transport bezahlen lassen. Ich verbrauche Material und Strom. Das wird ausgeglichen. Und ist so stimmig für mich, für meine Situation, die mit keiner einzigen anderen Situation von anderen Freiberufler*Innen oder EPUs zu vergleichen ist. So viel wird gerade sichtbar. Es ist überhaupt nicht nur zum Lachen.

Was mich durch diese Tage trägt ist Musik. Bis zum Anschlag aufgedreht. Oder leise im Hintergrund. Allein im Studio singe ich so laut vor mich hin, dass ich nicht einmal meinen Mann höre, der mich zu den Mittagessen ruft. Der blitzeblankeblaue Himmel aus meiner Kindheit. Freundliche Wölkchen, keine Streifen. Genau. Freundlichkeit. Die Freundlichkeit der Menschen. Unser Teilzeit-Hippie-Auto ist arg beleidigt, weil es nur mehr von Stoberdorf zur Volksschule. Von Stoberdorf zur Post. Von Stoberdorf zu Billa und Hofer. Fahren darf. Es ist daran gewöhnt, am Wochenende Richtung Meer zu düsen. Uns in sich zu beherbergen. Und was tut ein beleidigtes Auto? Genau. Nicht mehr anspringen. Der junge gelbe Engel lacht. Wie viele Kilometer das Auto schon hätte? Waaaaaas? So viel? Und dann ist es Gott sei Dank doch nur eine leere Batterie. Und wir müssen eine halbe Stunde sinnlos durch die Gegend fahren, um sie wieder zu laden. Okay, lieber Gefährte, ab sofort werden wir einmal in der Woche ausfahren. Mal sehen, wem wir das unterwegs erklären müssen. Ist ja doch sowas wie ein Zwangsausflug, gell?

Freundliche Handytelefonate mit Video tun mir gut. Mitten drin im Alltag von Freund*innen. Und ich bekomme snail mail aus Wien. Von der geliebten Tochter und Enkeltochter, die auf zwanzig Quadratmeter in der Quarantäne hocken. Eine so tolle Zeichnung. Eine so tolle Kette. Quarantäneschmuck. Restelverwertung, weil für die Kinderküche Spielnahrungsmittel aus selber gemachtem Salzteig hergestellt wurde.

Ich habe gefühlt drei Wochen Nähen gelernt. Petra, meine Lehrerin, sie wäre stolz auf mich. Meine alte Nähmaschine kann viel mehr, als ich ihr zutraue. Vor allem finde ich die Einstellung der Nadel in der Mitte, links und rechts sehr hilfreich. Es tut einer Maschine gut, sie zu reinigen. Ihr ab und an einen Tropfen Öl ins Getriebe zu gönnen. Zu meiner Freude ist heute das Packerl mit den Stickfüßchen gekommen. Dem free motion embroidering steht nun nichts mehr im Weg. Doch wie immer ist das eine andere Geschichte…

Mund Nasen Schutz

Quarantäne und ein Selbstversuch

Gehörst du zu denen, die eine Nähmaschine bedienen, um die verpflichtende Mund-Nasen-Bedeckung selber zu nähen? Oder unterstützt du regionale Klein(st)betriebe, indem du sie kaufst? Holst du dir dein verpflichtendes Teil beim Supermarkt? Ich habe mich die letzten Tage neben breitest angelegter Online-Recherche zum Thema Coronavirus und Covid19 auch mit Schnittmustern für diese Masken auseinander gesetzt. Jeden Tag kommen neuere, bessere, sicherere Schnitte. Mit und ohne Metall, eingenäht. Mit und ohne Tunnel zum Einschieben des Pfeifenputzers. Was ist besser, zweilagig, dreilagig oder sogar vierlagig für den Kohlefilter? Mit Gummi oder mit Bändern? Oder mit Abnähern angepasst, unterschiedlichste Größen? In einer Woche sind wir alle Expert*innen, jetzt ist vieles trial and error. Nebenbei erhalte ich eine Überdosis Theorie für, gegen und überhaupt. Einiges schrecklich nahe am rechten Gedankengut. Da höre ich von „Finanzeliten“, von einer arischen Rasse, die geschützt werden muss vor den Dunkelmächten. Finale Kämpfe. Nein, nicht mit dunklen Masken. Die sind hier auf diesem Planeten voll im Trend. Sondern grundsätzlich. Das muss ich erst verdauen. Ich bin ein denkendes und ein spürendes Wesen. Und durchaus in der Lage, selbst zu denken, zu hinterfragen und mir meine eigene Meinung zu bilden. Jeden Tag ein bisschen mehr.

Heute trage ich am Vormittag die beiden entzückenden, aus hellen Sommerstoffen genähten und gewölbten Ja-wie-nenne-ich-denn-die-rechtlich-richtig-Dinger zur Post. Eine große für meine Tochter. Eine kleinere für meine Enkelin. Niemand ist mit Maske unterwegs. Nicht vorm Postamt. Nicht drin. Die Schilder sind wie vorgestern. Abstand halten. Wie huste und niese ich korrekt. Hände waschen. Meine selbst genähte Dreifachmaske steckt in meiner Jackentasche. Die freundliche Postlerin schickt die beiden Dinger, aus denen ich ehrlich gesagt lieber was Anderes für Tochter und Enkelin genäht hätte, auf die Reise. Und ich beschließe einen ganz und gar freiwilligen Selbstversuch. Heute ist mein Tag dafür.

Mit der Maske in der Tasche und nicht vorm Gesicht betrete ich die Apotheke. Bloß nicht niesen, bloß nicht hüsteln. Starre Blicke von Kundinnen. Über der Wegwerfmaske. Nein, wohl fühle ich mich nicht. Ganz eindeutig, das wird nicht goutiert. Ich mache den Menschen Angst. Die Angestellte hinter ihrer deckenhohen Plexiglasabdeckung versteht mich nicht. Ich rufe meinen Bestellwunsch. Wir müssen beide lachen. Und ich bekomme meine Zeckenzange. Du, lieber Leser glaubst ja nicht, wer sich vorgestern in meiner Leiste einzugraben probierte. Der frühe Zeck fängt die Lisa.

Richtig wohl fühle ich mich nur im Auto. Meine Bakterien, meine Viren, mein Staub. Nächster Versuch. Ein Lebensmitteldiskonter. Wesentlich mehr atemgeschützte Menschen. Sogar welche, die allein im Auto sitzen. Ich wage es. Gummihandschuhe. Aber keine Maske vorm Gesicht. In der Jackentasche. Mit begegnen Malermasken, Sprayermasken und die von social media bekannten grünlichen Einwegdinger mit den drei Falten, die offensichtlich wirklich verteilt werden. Keine einzige selbst genähte Maske. Beim Ansteuern eines Regals der erste Hakenschlager. Ja genau. Mann mit Maske sprintet davon. Meine Hand zuckt zur Jackentasche. Soll ich? Halte ich es noch aus? „Ma, ich seh nix, meine Brille“, höre ich hinter mir. Möglicherweise Mutter und Tochter. Mit Einwegmasken. Ich halte Abstand, warte, bis ich ans Regal komme. Die Tochter sieht noch immer durch einen Nebel. Eigenartig, wie schwer man Menschen einschätzten kann, wenn man nur die Augen sieht. Ich fühle mich super unwohl. Blicke, die mir nicht gut tun. Dazwischen Todesmutige wie ich, ohne Maske. Wir schauen uns nicht in die Augen. Soll ich abbrechen? Ich merke, dass ich durch die Gänge hetze. Ich will hier raus. Bodenmarkierungen an der Kasse. Das ist neu. Ich gehöre ein bisschen mehr dazu, weil ich mich an das Gelbschwarz halte. Endlich ein Schutz der atemgeschützten Dame an der Kasse, obwohl die Plexiglasscheibe nicht bis vor mich, die Kundin, reicht. Ein Kistenturm, der es mir nicht mehr erlaubt, ihr mit dem Wagen zu nahe zu kommen. Oder sie mir. Umständlich fädle ich mir einen Weg für die Bankomatkarte hinter die Plexiglasscheibe.

Erleichtert verlasse ich diesen Diskonter. Beim nächsten stülpe ich mir meine mit Pfeifenputzerdraht (die Brillen!) selbst genähte Maske über Nase und Mund. Muss herum ziehen und herum drücken, damit die Brille tatsächlich nicht beschlägt. Und siehe da! Erleichterung! Ich darf ans Regal, ohne dass jemand flüchtet. Es gibt wieder sowas wie Augenkontakt. Dreilagig ist nicht so ohne beim Atmen. Ich verstehe Kritiker, die den Sinn der Masken anzweifeln. Oben und unten ist alles gut dicht. Seitlich – ich weiß nicht. Ich nähe mir heute noch eine andere Maske. Einfach, um es auszuprobieren. Dieser Einkauf ist wesentlich entspannter für mich als die anderen. Ich, die Freiheitsliebende. Ich gestehe mir das ein. Am Weg zum Auto ziehe ich mir so schnell als möglich die Handschuhe von den Fingern und achte darauf, meine Maske nicht zu berühren. Ich lege sie zum Trocknen vor die Windschutzscheibe. Sicherheitshalber. Nein, noch ein Geschäft probiere ich heute nicht mehr. Mir reicht es.

Fazit: Was auch immer sich später als richtig oder falsch heraus stellen wird: ich fühle mich wohler mit meiner selbstgenähten Maske, die die Umwelt nicht belastet. Und offensichtlich meine eigenen und die Ängste anderer nicht füttert. Aus upgecyceltem Material, das ich nicht extra anschaffe. Und ich bin ehrlich froh, wenn diese Zeit der Angst vorbei ist. Inzwischen nähe ich halt auch Masken für jene, die das nicht selber wollen oder können. Auf Spendenbasis für unseren gemeinnützigen Verein DER.RAUM, damit wir im Sommer und im Herbst weiter tun können. Wird vielleicht nötig sein, wenn diese Wirtschaft wieder aufgebaut werden muss. Doch das ist eine andere Geschichte.

Struktur und Quarantäne

Ja, es ist Struktur eingekehrt. Still. Heimlich. Aus der Stille, aus der Ruhe. Mit einem über die Jahre gewachsenen Freund*innen und familiären Netzwerk, das wie ich seine Fäden spinnt und mit mir diese Phase durchgeht. Mit den üblichen Aufs und Abs. Mit Gesprächen, Überlegungen, Mutzusprüchen. Und mit Videos, über die ich mich schlapp lachen kann.

Ganz gesund bin ich nicht in diesen Tagen. Ob es meine Empathie mit Menschen oder mein vorausschauender Umgang mit möglichen Symptomen ist kann ich nicht so recht beurteilen. Atemnot habe ich schon ein Leben lang, seit ich als Neunjährige eine saftige Lungenentzündung hatte. Von meiner Anämie will ich da jetzt gar nicht anfangen. Und ich huste seit November, derzeit wieder ein bisschen mehr. Mir fehlt es, im Garten zu sein. Und so wie es aussieht, gibt der Winter ein spätes Debut. Wir heizen wieder und alles spielt sich mehr im Hausinneren ab. Vielleicht raffe ich mich heute trotz allem auf und gehe mal wieder an den Fluss. Meinen Bronchien tut das sicher gut.

Meine Tage verlaufen relativ systematisch. Gemeinsames Frühstück mit meinen beiden Männern. Der Zehnjährige strahlt vor sich hin wie die Sonne. Und erzählt, was er von den Arbeitsaufträgen schon im Pyjama erledigt hat. Und dass er sich noch ein Video mit Turnübungen anschauen will. Aber er turnt herinnen. Weil, draußen ist es einfach zu grau und zu trüb. Zuhören, als mein Mann erzählt, dass in der WG einer seiner Töchter ein junger Mann Symptome hat. Quarantäne, nun auch außerhalb unserer vier Wände. Durchatmen. Einatmen. Ausatmen. Es war klar, dass auch solche Nachrichten kommen werden. Dass mein Sohn heute Morgen seinen angekündigten und frei gewählten Milizdienst im Kosovo antritt habe ich als liebende Mutter zu akzeptieren. Meine persönlichen Gefühle sind meine Gefühle und werden auch wieder vergehen.

Einheizen in meinem freundlichen Atelier, aufräumen, wegräumen. Zusammen räumen, was vom Vortag liegen geblieben ist. Mich daran hindern, schon wieder zu googeln, wie es in Spanien und in Italien, in den USA und speziell in London aussieht. Wie es den Kindern und Eltern in den Flüchtlingslagern zwischen Griechenland und der Türkei geht. Weiterhin Zurückhaltung auf Facebook, sonst sitze ich zwei Stunden später noch immer da. Die Töne am Handy ausschalten, auch das Vibrieren. Dauernd neue Meldungen. Sie sind auch ohne mich da. Ich schaue mir die Pressekonferenzen täglich auszugsweise an. Ich freue mich heute besonders darüber, dass wir als Stammkunden des Mittelkärntner Bioboten weiterhin versorgt werden. Sabine und Irmgard, ihr wisst gar nicht, wie gut uns eure Donnerstagskisten vor der Tür tun, psychisch und physisch. Hinterher wird Zeit sein, euch zu drücken.

Während ich handwerklich in irgendeine meiner vielen fantastischen Figuren eintauche und dran weiter arbeite, kehren meine Lebensgeister langsam zurück in meinen Körper. Beginne ich mich zu freuen, dass meine Enkelin und Tochter in Wien demnächst per whatsapp live mit mir sein werden. Dann darf ich wieder Bücher mitlesen und verstecken spielen. Meiner Enkelin aus 350 Kilometer Entfernung dabei zuschauen, wie sie auf abenteuerlich aufgeschichteten Matratzen in den engen zwanzig Quadratmetern einer Wohnungsquarantäne Purzelbäume und Rutschpartien veranstaltet oder mit dem Kindergarten telefoniert, weil der Hase dringend abgeholt werden muss. Wie schnell sie sich umgestellt hat! Mein jüngster Sohn ruft regelmäßig an. Nun gibt es auch positive Testungen in seiner Firma und die Dinge ändern sich. Wir werden uns der Armatur in der Küche widmen, da ist irgendwas so locker, dass der Hahn herauszufallen droht. Was gut ist (hoffentlich!), weil wir dann vielleicht auch den Fehler finden, warum unser Geschirrspüler partout nicht abpumpen will. Abenteuer Installation. Und wir als Laien werden vermutlich eine Menge dazu lernen. Und zu schätzen wissen dass es eine Zeit gibt, in der man einfach einen Installateur anruft und hofft, dass er Zeit hat.

Morgen treffen wir Puppenmacherinnen uns zum ersten Mal auf Zoom. Ein globales Treffen. Und der erste Termin seit zwei Wochen, an den ich mich halte. Ich bin sehr gespannt, wie das sein wird. Unser Make Along auf Facebook ist einer der Lebensfäden mit der Außenwelt, der mich beruflich nährt und wärmt.

Tag 14 unserer Quarantäne. Ein Zwischenbericht. Ich schicke meine herzlichen Grüße hinaus an euch alle!

Rückzug und Forschung

Ja. Stimmt vollkommen. Wir sind begünstigt. Wir leben relativ einsam am Land, neben einem Wald. Oberhalb eines plätschernden Flusses. Mit wildem Garten, in dem schon wegen der Bienen alles so sein darf wie es die Natur will. Und wir Menschen, wir dürfen jederzeit und immer hinaus. Auch jetzt in einer Zeit, wo die Vorsichtsmaßnahmen um einen Corona Virus Menschen dazu anhalten, drinnen und daheim zu bleiben.

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Innere Stimmen und das Jetzt

Es geht mir gut. Innen drinnen. Unten drunter. Innen ist Klarheit, ist Ruhe. Weite und Zuversicht. Lust am Leben und Lust am Tun. Und zugleich erlebe ich mich im Alltag, vorm Einschlafen, beim Aufwachen wie ein aufgescheuchtes Hendel, dass von Nachrichten bezüglich Pandemien, Menschen auf der Flucht, vom Entsetzen vor sexistischen und zutiefst frauenverachtenden Texten im Rudel mit anderen Aufgescheuchten flattert und zittert und zwischendurch emotional vollkommen ausklinkt. Von diversen Existenzängsten und den üblichen Selbstsabotagewesen, die latent auf Futtersuche sind, einmal ganz zu schweigen. Die bringen mich in diesen Tagen eher zum Lachen. Ich habe vor ein paar Tagen so geweint wie schon lange nicht mehr. Das Fass zum Überlaufen brachten Bilder von flüchtenden Menschen, Frauen, Männern, Kindern an der griechischen Grenze. Vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben habe ich angesichts dieser Bilder das Gefühl gespürt, dass es irgendwann reicht, dieses Erdenleben. Dass es auch für mich vorstellbar wird, dass er kommt. Dieser Zeitpunkt. Dieser Zeitpunkt zu sagen: „Danke, es genügt mir dann. Danke für all die Erfahrungen. Wir entwickeln uns als Menschheit nicht weiter. Ich kann keinen nachhaltigen Beitrag leisten, der wirklich etwas verändert. Ich bin müde. Ich fühle mich vollkommen hilflos. Mir tut alles weh vor Mitgefühl, und ja, all ihr Coaches und Mentoren, ich leide mit! Ich spüre den Schmerz meiner Schwestern und Brüder. Und ich mag nicht mehr.“

Was mir hilft? Ausweinen. Einen Tag lang. Oder länger, wenn es nötig sein sollte. Meiner erwachsenen Tochter zuhören, die mir am Telefon all die Sachen sagt, die ich ihr sagen würde, wenn sie zusammen bricht. Bloß nichts zurückhalten von all dem Schmerz. Spüren, bis in die letzte Zelle. Die Ohnmacht, die Wut, die Hoffnung und die Liebe für alles, was auf diesem Planeten leben will. Ich packe die Gleichgültigkeit nicht mehr. Die Selbstverliebtheit, die in unseren Wohlstands-Breiten epidemieartig um sich greift. Statt den Nächsten zu lieben wie uns selbst lieben manche Menschen nur sich selbst. Yeah, gut haben wir das gelernt in all den gutgemeinten Selbsthilfe- und Selbstliebekursen. Narzissmus an den Hebeln der Macht. Und mitten unter uns. Wir zerstören den nächsten, verbal und wirtschaftlich, bevor er uns etwas weg nimmt. Mir einzugestehen, ja genau, ich kann gerade überhaupt nichts tun. Ich, die Macherin, die Anpackerin und Voraus-Rennerin. Ich wirke nur in meinem direkten, kleinen Umfeld. Und bin nicht immer sicher, dass es gut ist, was ich tue. Auch ich mache Fehler. Schätze Dinge falsch ein. Ich „faste“ social media in diesen Tagen. Freiwillig, ohne große Ankündigung. Zwei Drittel der Kommentare dort machen mich unglücklich und ich bin der Argumentationen so müde, in denen es nur darum geht, Recht zu bekommen. Das schlagkräftigere Argument zu haben. Den anderen zu vernichten. Oder es besser zu wissen und ihm einen weiteren Selbsthilfekurs aufzudrängen. Nein. Danke.

Es hilft mir, mich auf meine klare innere Stimme, auf meinen inneren Ruf auszurichten. Ich bin Künstlerin. Ich bin so zur Welt gekommen und ich habe das sehr lange sehr erfolgreich überhört. In meiner Fantasie entstehen lebensgroße Wesen und Texte, die all das ausdrücken, was ich derzeit empfinde. Einiges wird das Licht dieser Welt erblicken. Da sind tragische und anklagende Wesen dabei. Aber auch humorvolle und augenzwinkernde. Sie und ich, wir beschäftigen uns mit dem, was hinter dem Alltäglichen schwer fassbar und oft unsichtbar ist. Und wie so oft im Leben, wenn mensch auf seine innere Stimme hört, so geschieht es auch jetzt. Eines fügt sich zum anderen. Eine Einladung zur Kunstausstellung hier. Ein Angebot für kostbarstes textiles Material dort. Tiefgehende Gespräche mit Menschen, ihre andere Sicht auf das Leben, die meine Batterien aufladen und meine Fantasie wieder bunter machen. Und Kinder. Volksschulkinder, die Träume haben für ihr Leben in einer Stadt. Für das, was sie mitgestalten wollen. Für ein Leben, das sie hier leben möchten. Und die Erkenntnis, wie dankbar ich sein kann, dass ich lebe, wie ich lebe. Dass ich eine Wahl habe. Dass ich sagen kann, was ich denke. Und sogar die Möglichkeit habe, anderen Menschen zu helfen, wenn sie um Hilfe bitten. Nicht weil ich muss. Sondern weil es möglich ist.

Wie ihr im Titelbild sehen könnt, helfen mir auch „unsere“ gefiederten Freunde, die die neue Futterstation vor meinem Atelierfenster fast zweitäglich leeren. So viele verschiedene Meisenarten. Die lärmenden Spatzenschwärme, die zwar für Aufregung sorgen aber irgendwie nicht ans Futter heran gelassen werden. Außer im Rudel. Ein wunderschönes Kleiberpärchen, das sich artgerecht von oben rennend Futter holt, während sich unten die pickenden Horden auf die zarten Krallen treten. Es ist laut da draußen. Und abends vorm Schlafengehen bekomme ich wunderbare Ständchen zu hören. Das Leben geht weiter. So lange es dauert. Und es ist nicht immer nur schön und positiv und rosarot. Sondern verwirrend und schmerzhaft zugleich. Rollercoaster. Ich weiß das. Ich lebe schon fünf Jahrzehnte und ein paar Jahre mitten unter euch.