Wege durch den Wald

Ein bewegter, aufregender, arbeitsamer Sommer geht mit dem ersten Schultag unseres Jüngsten zu Ende. Schon Montag Morgen zwei Meetings. Die drei M’s tun mir erstaunlich gut. Aha, Struktur, welcome back! Ich krame den verstaubten Kalender hervor, trage Termine ein und nach. Die Arbeit macht mir Freude, es fühlt sich richtig gut an, wieder in die Werkstatt und mein Dasein als Künstlerin zurück zu kehren. Neun Wochen grobe Hilfsarbeitertätigkeiten für mein neues Atelier sind genug. Vielleicht schaffe ich es noch vorm Winter mit dem Einziehen. Vielleicht auch nicht. Mein Liebster hat auch schon genug – wir werden unsere Energie nicht überstrapazieren. Niemand steht mit der Peitsche hinter uns, der Raum ist wind- und wasserdicht, was wir jetzt noch schaffen, ist leicht von innen zu erledigen.

Heute Morgen beschließe ich, endlich etwas für mich und meine Gesundheit zu tun und den Waldspaziergang zu machen, den ich seit neun Wochen konsequent verschiebe. DIE Hitze. DIE Baustelle. DER Sami. Schluss jetzt. Als ich zur Tür hinaus gehe, freut sich Katzenmama Minnie und will mich mit ihren sechs Jugendlichen begleiten. Ich habe alle Hände voll zu tun, allein los zu marschieren und rette mich mit einem Sprint durch die morgennasse Wiese. Puh, Kondition fühlt sich anders an. Ich hab ganz schön zu tun, wieder normal Luft zu kriegen. Super, die Schuhe sind waschelnass. Umkehren? Oh nein, ich habe die Katzen ausgetrixt, dieses Mal gehe ich eben mit nassen Füßen.

Schräg leuchtet die Sonne durch den wunderschönen Mischwald, den unser Nachbar hingebungsvoll hegt und pflegt. Seit dem letzten Spaziergang hat sich viel getan. Neue Lichtungen wurden mit frischen Ahorn- und ganz besonderen Eichenbäumchen bepflanzt, mit Esche und Birke und verschiedenen Nadelgehölzen. Der Boden zieht sich gerade selbst eine Erdbeerblätterwiese an, nächstes Jahr werden die Himbeeren als Folgepflanze alles zuwuchern. Ich besuche meine Lieblingsfeenplätze, ein paar neue kommen dazu. Das alles im Morgenlicht, das zart und hell durch das gar nicht herbstlichbunte sondern frühlingsgrüne Blattwerk leuchtet. Ein Traum. Mein Herzschlag ist jetzt schmerzfrei, ich atme tief und ruhig. Wald, du beste Therapeutin von allen! Natürlich habe ich die Kamera dabei. Wie gut es tut, allein zu gehen. Nicht zu reden. Zu spüren. Zu atmen. Den Gedanken beim Denken zuhören und sie wieder ziehen lassen. Schwere Gerätschaften der Waldarbeiter haben tiefe Furchen in den Wegen hinterlassen. Allesamt hundertprozentig mit Wasser gefüllt. Ich hüpfe und springe von Gatsch- zu Grasfläche, um nicht davon zu schwimmen. Das sind definitiv nicht die richtigen Schuhe. Kein Wunder, dass seit einer Weile kaum mehr Wanderer am Haus vorbei kommen. Aber so ist das eben mit der Waldwirtschaft, die Zeit der Holzarbeiter mit Hacke und Säge ist vorbei.

Ein junger Rehbock huscht davon, als er mich mit der Kamera herumtanzen sieht. Ein großer Feldhase duckt sich in sein Versteck und wartet, ob sich die Flucht vor mir lohnt. Eichelhäher, Tauben und Krähen flügeln klatschend zwischen den Bäumen herum und warnen die anderen Waldbewohner vor mir, dem Eindringling. Specht und Kleiber zerklopfen morsche Baumrinden auf der Suche nach essbarem Eiweiß. Das Kunstprojekt #forforest im Klagenfurter Stadion fällt mir ein. Bäume im Topf in einem Fußballstadion, nur von den Rängen aus zu bestaunen, wie wilde Tiere im Zoo. Ich mag das Projekt, passt es doch so perfekt in unsere Zeit, weil endlich ein erschrockenes Bewusstsein für diesen ausgebeuteten Planeten erwacht, der unser aller Lebensbasis bildet. Und mehr mag ich dazu gar nicht sagen. Gestern all die Fotos auf social media und in den Onlineportalen, die „Ich-war-da-Selfies“ der Besucher. Dieser künstliche Wald bewegt, provoziert, macht nachdenklich. Ein toller Künstler sagt mir einmal, Kunst sei nicht die Natur, sondern das, was wir durch unseren Eingriff daraus machen. So definiert sich wohl auch dieses Projekt. Wie immer regt sich hier draußen in der Natur mein Widerstand. Diese schönen Formen des frühlingshaft frischen Farns, das tolle gefärbte Springkraut mit seinen Körbchen, die alte knorrige Eiche, die ihre abgestorbenen Äste in unnachahmlicher Komposition in den Wald hinein streckt. Der kleine Fliegenpilz, der sich aus dem Moos reckt. Ich verstehe heute gut, was dieser Künstler gemeint hat. Er hat so Recht, es ist seine Wahrheit. Für mich ist die Natur der größte Künstler. Ich kopiere sie. Beide Sichtweisen haben Platz auf diesem Planeten. Und noch ein paar mehr.

Ich spüre tiefe Dankbarkeit, dass der Waldbesitzer hier so viel Umsicht und Pflege walten lässt. Abseits der tiefen Furchen bilden Moose und weiche Gräser eine grüne Schicht, die die schlammigen Wunden verbinden. Der Wald wird sich von den Eingriffen erholen. Immerhin pflanzt Mensch hier alles in neuer Vielfalt nach, was der Borkenkäfer und seine Freunde und die Menschen entsorgen. Es gibt hier kaum mehr Monokulturflächen. Und ich beschließe, dass diese Spaziergänge zu einem regelmäßigen Ritual werden sollen. Inklusive Morgenseiten. Doch das ist eine andere Geschichte, die ich ein anderes Mal erzähle.

Alte Türen für neue Eingänge

Eine liebe Bekannte hat vor ein paar Tagen darüber geschrieben, dass sich manche Türen im Leben schließen, damit sich andere öffnen. Und was für ein Glücksfall das manchmal ist. Auch wir haben heuer leichten Herzens eine Tür geschlossen, als wir auf unsere Sommer-Teilzeit-Hippie-Reise verzichten. Es passt einfach so gut in unser Leben, zu bauen und den Sommer hier vor Ort zu genießen. Kein Stundenplan, wenig berufliche Termine, Urlaub in Kärnten. Wir werden dafür seit Wochen vom Leben beschenkt. Sami ist megakreativ und tobt sich in vielen Richtungen aus. Wir bauen und schleifen und schrauben und tüfteln und malen. Heute beim Schleifen, Grundieren und Lackieren der zukünftigen Studiotüre wird mir erst bewusst, wie sehr dieses Bild der Türen zu meinem Leben passt. Wir hatten ja eine Tür in Aussicht, eine schöne aus Holz. Doppelt isolierverglast, geschenkt und sie sollte sogar bis zur anderen Haustür gebracht werden. Ein bisschen groß vielleicht für mein zartes Gartenstudio, aber auf jeden Fall dicht und kälte- und windabweisend. Und eine weitere Lichtquelle aus Nordwesten. Doch oft kommt es im Leben anders als mensch denkt. Ich grummle ein bisschen vor mich hin. Dann tue ich das, was ich meistens tue, wenn ich etwas nicht lösen kann – ich rede darüber, frage nach, ob wer was oder wen weiß.

In dieser speziellen Situation meldet sich meine Schwester Angelika aus dem oberösterreichischen Mühlviertel. Auch sie ist heuer mitten in einer Riesenbaustelle. Sie baut für eine Freundin aus, die das schöne alte Haus mit ihr teilen wird. Und tja, eine sehr, sehr alte Scheunentür mit Stock vom Schafstall bleibt übrig. Zufällig ziemlich genau die Maße, die ich suche. Zufällig will sie sie auf keinen Fall wegschmeißen. Und zufällig ist sie eine Woche später am Weg nach Kärnten und bringt mir das edle, alte Teil dieses Wochenende mit.

Diese Fahrt mit dem gewaltig schweren Teil in unserem Auto wird mir mein restliches Leben mahnend in Erinnerung bleiben. Ich muss mein ausgetüfteltes, gebundenes Vorhangsystem mit all seinen Raffinessen vollkommen abbauen, um die Türe halbwegs ins Auto zu bekommen. Alles geht gut, trotz Ächzen, Scheuern und herabrieselnder Schafstallreste. Und hart an den großzügig in diesem Auto verteilten Seitenairbags entlang. Nie wieder transportiere ich auf diese Weise einen Türstock mit Türe. Dieses Auto könnte Geschichten erzählen…

Als wir den noch unbehandelten Türstock in die Türöffnung stellen wissen wir – das ist es einfach. Diese Tür passt wie angegossen zu diesem Studio. Fast tut es uns leid, dass wir doch einiges der Patina abbürsten und übermalen werden, das verwitterte graue Holz ist wunderschön. Aber staubtrocken und nicht winterdicht. Also Upcycling as usual. Das kleine Fenster werden wir durch ein Isolierglasfenster ersetzen – yeah, Licht! Innen wird die Tür mit Isoliermaterial gedämmt und bekommt eine zweite Platte. Ich grundiere heute den ganzen Tag den Türstock und die Außenseite der Haustüre. Als dritten Anstrich bekommt das edle Stück einen englischen Anstrick mit einer Farbe, die abgelaufen nach Topfen riecht, aber noch immer ausgesprochen gut deckt. Das kennen wir schon, riecht ein paar Wochen arg streng und verflüchtigt sich irgendwann. Alexander baut in der Zwischenzeit am Rahmen des riesigen Westfensters, das immer mehr wie eines dieser schönen englischen Schaufenster aussieht. Und mir fallen die tollen Kreideglaszeichnungen ein, die wir im Vorjahr im Geschäften im Lake District am Weg nach Schottland an den Auslagenfenstern gesehen haben. In und um diesen Raum werde ich mich nicht nur textil sondern auch zeichnend und malend austoben.

Habe ich übrigens erzählt, dass wir bei einem Baufachmarkt grade noch lebende Pflanzen aus einem Container gerettet haben? So ein Glücksfall! Nun bin ich endlich stolze Betreuerin einer leicht ramponierten Cosmea, die mich mit meinem verstorbenen Vater verbindet, und die mir heuer sowas von abging. Einer traumhaft schönen nur schon verblühten Hortensie, die nach der Außenfertigstellung beim Stiegenaufgang zum Studio einen Schattenplatz bekommt. Einer riesigen Eisenhutpflanze, die seit ihrem Rückschnitt zwar mit den Schnecken kämpft (die mit Haus), aber wieder austreibt. Und diversen Iris- und Liliengewächsen, an die ich im Container hängend noch rangekommen bin. Ich sage Danke Leben. Und Leute, gebt einfach Bescheid, wenn ihr solche tollen Lebewesen los werden wollt, ein Hinweisschild genügt. Wir kommen gerne und bringen auch noch jede Menge Helfer mit und schenken euren verwelkenden Pflanzenwesen bunte, wilde und üppige Gärten, in denen sie sich erholen können. Insekten und alle möglichen anderen Lebewesen und vor allem wir freuen uns über neue ZwanderInnen!

August und ein Geburtstag

Habt ihr auch das Gefühl, dass es herbstelt? Birke und Kirsche werfen gelbe Blätter ab. Jeden Morgen, wenn ich über die neu gebaute Außenstiege meines immer weiter entstehenden Studios steige, liegen da neue, raschelnde Blätter. Außenstiege. Richtig gelesen. Keine wackelige und halbmorsche Hühnerleiter mehr. Und weil heute mein jüngster, kräftiger Sohn zum gemütlichen Sonntagsfrühstück vorbei schaut und uns hilft, kommen wir mit dem Einbau der upgecycelten Fensterscheiben, den fixen und denen mit Stock, gut weiter. Von sieben Fenstern sind nun fünf an Ort und Stelle, werden noch eingerichtet und dann verbrettert. Morgen kommen zwei weitere hinzu. Und nächste Woche kommt statt der versprochenen Eingangstüre eine Scheunentüre aus Oberösterreich, die mit ihren zarten Maßen und ihrer kleinen Scheibe perfekt in dieses kleine Außenstudio passen wird. Diese Art von Arbeit fordert mich ganz anders als das Entwerfen und Herstellen von textilen Skulpturen oder Stoffpuppen. Wir kommen viel langsamer voran, als ich mir das Anfang Juli gedacht hatte. Auch nicht wirklich was Neues für mich. Denken geht immer schneller als Tun. Ich spüre meine Wirbelsäule, ich spüre Muskeln an Körperstellen, die ich vergessen hatte. Ein Balken im Eingangsbereich ist mir sehr recht. Ich hänge dort gern ab, um meine Wirbel daran zu erinnern, was sich für sie gehört. Wir schwitzen. Trinken literweise Wasser. Ich bin nun Semiprofi in Hilfsarbeiten an der Kappsäge, im Zureichen der richtigen Schrauben mit noch richtigeren Bits. Ich lackiere schöner als vor fünf Wochen, auch wenn mein Baustellenleiter noch immer nicht zufrieden ist. Lack ist anders als Acrylfarbe. Vielleicht hab ich ja im September den Pinsel besser im Griff. Ich habe freiwillig die Aufgabe übernommen, auf der Baustelle für Ordnung zu sorgen. Deshalb bleibt uns auch kein Restelholz übrig. Meine Fotografenaugen und ich, wir finden jedes passende kleine Brettchen für Ecken und Abschlüsse. Auch wenns schon in die Brennholzschachtel gewandert ist. Wir hupfen in Sami’s Pool, wenn vor lauter Hitze gar nix mehr geht. Oder zergehen vor Liebe zu unseren Katzenbabies, die uns nun schon ganz frech auf der Baustelle besuchen kommen.

Ach die Katzen. Aus den sechs getigerten, rattengroßen Fellknäueln sind sechs höchst unterhaltsame, anspruchsvolle und fröhliche Familienmitglieder geworden. Mama Minnie ist in den Stillpausen vor ihnen nicht mehr sicher, sie turnen überall herum. Alles, was sich bewegt, wird attackiert. Im alten Nest in der Holzscheune hat sich Frau Igel zu ihnen einquartiert. Sie teilen ihr Futter miteinander. Nächste Woche kommen zwei Menschen, um sich weitere Katzen auszusuchen. Mindestens eine wollen wir behalten. Sami ist dauerbeschäftigt, die zutraulichen Seelchen haben ihn voll als einen der ihren akzeptiert.

Es gibt auch dunkle Wolken im Paradies. Ein entsetzlicher Autounfall vor einer Woche ganz in unserer Nähe macht einem klar, wie schnell das Leben zu Ende sein kann. Egal wie alt man gerade ist. Jemand setzt autofahrend eine Handlung, du bist gerade in der Nähe, es kracht. Und tja, das war es dann. Ein paar Stunden später vergifte ich mich mit Pflanzensamen einer meiner Lieblingspflanzen, die im Frühjahr zu meinen favorisierten ersten Wildkräuterpflanzen zählt. Jetzt hat sie in den Samen offensichtlich so viel Saponine, dass mein Stoffwechsel mit einer großangelegten Reinigung reagiert. Mein Magen spinnt noch ein wenig, die Verdauung erholt sich ganz langsam. Ich werde vorsichtiger und bin unendlich dankbar, dass es nur mich erwischt, meine Männer reagieren nur ganz schwach. Nebenbei ernte ich täglich mir gut bekannte Blüten und Blätter, die im Solartrockner vor sich hin rascheln und unseren sonnigen Wintertee ausmachen. Ganz ohne Experimente. Keine Lust, weitere Warnungen à la „Into the Wild“ zu erhalten. Aktuell trocknen Teerosen, Königskerzenblüten, Eibisch, Ringelblume, Aloisienkraut, Minze, Thymian und Rosengeranie vor sich hin. Die Lavendelblüten sind bereits in eine Schachtel gewandert, ich habe große Ambitionen, ihren wundervollen Geruch in textilen Figuren an euch weiterzugeben. Kommt Zeit, kommt Idee. Hab ich schon gesagt, dass ich es kaum erwarten kann, zurück in die Werkstatt zu dürfen? Mir fehlt das Nähen, das Filzen und das mit den Händen spüren, wie sich Wesen entwickeln. Bald…

Mein Herzallerliebster feiert morgen Geburtstag. Nein, er ist nicht von der Baustelle wegzubewegen, mit gutem Zureden nicht. Mit Drohungen sowieso nicht. Also gibts morgen ein Sommer-Geburtstags-Frühstück – und dann wieder Bautätigkeit im Paradies. Interessiert beobachtet von halbwüchsigen Tigerkatzen, es könnte ja Spielzeug zu Boden fallen. Und ab und zu unterstützt von unserem fast Zehnjährigen, der sich schon wieder auf den Lehrer und seine Freunde, nicht auf die Schule freut. Ein bisschen Zeit ohne Stundenplan haben wir ja noch. Habt noch gute Ferien oder kommt gut zurück aus euren Auszeiten!

Urlaub Daheim

Nein, keine Sorge. Keine Moralkeule nebst erhobenem Zeigefinger, keine triftigen Gründe außer vielleicht dass uns schade ist um das nicht so leicht verdiente Geld, dass im Juli und August ungefähr die Hälfte wert ist, wenn du in genau dieser Zeit auf Urlaub fahren musst. Wir haben nach einem fordernden Juni lange hin und her überlegt, ob wir auf unsere Sommerreise gehen oder nicht. Und – wir bleiben heuer im Sommer da. Uns geht’s erstaunlicherweise blendend. Kein Warten auf die Abreise, kein so schwer wieder Ankommen im Alltag, den wir eigentlich lieben. Nur ein bissel reduziertes Tempo. Wohnen im Wohnwagen, aufstehen mit Vogelgezwitscher, endlich mal ernten, was wir im Frühling säen und was den Frost in den Frühlingsnächten überlebt hat. Beeren vor allem, jetzt verfärben sich langsam auch die Marillen und die Tomaten. Der Wegwarte beim Blühen zuschauen. Die Maracuja bestaunen, die Tag für Tag eine Wahnsinnsblüte öffnet. Frühstücken auf der Wohnwagenterrasse. Dem Hufgeklapper von Pferden nachsinnen, den Katzenbabies beim Wachsen zuschauen. Menschen besuchen, die wir vermissen. Menschen beherbergen, die wir lieben. Dazwischen ein bisschen arbeiten und meine Tiny-House-Werkstatt weiter bauen und die Wohnwägen des großen und des kleinen Mannes adaptieren. In neuen Kinder- und Jugendbüchern zur Rezension lesen, Handpuppenbücher studieren und hoffentlich demnächst eine Figur bauen. Meine gedrahtete Figur aus Filz verfestigen und ins Leben kommen lassen. Dazwischen kurze Anfälle von Panik, dass der kalte Winter sicher demnächst da ist und wir dann heuer nicht unterwegs waren. Oder dass beinah ALLE Puppenmacherinnen auf diesem Planeten genau jetzt Puppen nähen. Bis auf die halt, die unterwegs sind oder Pause machen. Und dann beruhigende Gedanken ans Meer, das drei Autostunden entfernt geduldig auf uns wartet, auch in einem schönen, langen Herbst. Genug der Worte. Zur Social Media Überbrückung meines verlangsamten Gewissens ein paar Eindrücke unseres ersten Ferienmonates, der glücklicherweise noch nicht vorbei ist. Lasst es euch gut gehen. Und ja, unser Paradies ist für entspannte Besucherinnen und Besucher geöffnet!

Das Heute und Tage der Zukunft

Ja, ich habs wieder getan. Ich war bei den Tagen der Zukunft in Arnoldstein, veranstaltet vom Institut für Zukunftskompetenzen. Ich bin seit vielen Jahren entweder Teil des ehrenamtlichen Teams. Oder mit einem Projekt dabei. Oder ich mache beides, bin Teilnehmerin und Projekteinreicherin. Zehn Jahre. Zehn Jahre ist mir diese Seelenfamilie, die jedes Jahr größer wird, ans Herz gewachsen. Und wachse ich mit.

Heuer habe ich zum ersten Mal Schwierigkeiten, drei Tage dabei zu sein. Ein ORF-Interview für unser Puppen-Theater-Projekt lässt sich terminlich nicht anders einrichten als am Freitag Vormittag. Gott sei Dank ist Otto da, ein Kollege, der auch entweder als Coach oder als Fotograf oder als Filmer dabei ist. Er übernimmt meinen Freitag, ohne zu murren.

Heuer ist es für mich anders als sonst. Ist es die Gewohnheit, das Älterwerden, oder eine gewisse Routine? Ich empfinde die zwei ehrenamtlichen Fototage wie eine dringend nötige Auszeit vom Alltag. Tropennächte, glühend heiße Klosterruinenmauern, die Übernachtung im rasch umgebauten PKW, der im kühlenden Schatten großer Ahorne ganz in der Nähe der Klosterruine parkt. Idylle pur. Fotografieren kann ich fast im Schlaf. Meine Intuition funktioniert sowieso besser, wenn der Verstand und mein innerer Kritiker die Klappe halten. Und so bewege ich mich durch den heißen Mittwoch und den noch heißeren Donnerstag. Treffe fotografierend und austauschend alte FreundInnen und WegbegleiterInnen. Begegne Menschen, mit denen der Kontakt vor Jahren abriss. Lerne ganz neue Menschen kennen. Und weiß jetzt, was ein Chairwalk ist! Freue mich von Herzen über die jungen, vielfältigen, engagierten Menschen aus der Villacher CHS und aus der Klagenfurter Waldorfschule. Traut euch, redet, verschafft euch den Raum, gehört zu werden. Es ist eure Zukunft, um die es geht. Wir älteren Erwachsenen können locker einen Schritt zurück treten und euch mit all unseren Erfahrungen und unserem Wissen unterstützen, wenn ihr uns brauchen könnt. Junge Erwachsene gehen sowieso an eurer Seite. Nutzt das Angebot der engagierten Coaches, die euch dabei unterstützen, eure fantastischen Ideen umzusetzen. Und wundert euch nicht, dass einige von uns erst zuhören lernen. Viele Menschen wurden nie gehört. Das Geniale dieser Jahre ist, dass der Wandel begonnen hat. Erst jetzt ist die Zeit reif, auf die so viele seit Jahrzehnten warten. Erst jetzt stellt sich heraus, dass die Ideen der Spinner, der Träumer, der Visionäre der letzten Jahrzehnte euren Träumen von einer guten Zukunft sehr ähnlich sind. Das kann für Ältere echt frustrierend sein. Ich danke euch von Herzen für diese Tage, die ich genießen kann, weil ich sehe, höre und spüre, dass ihr in unserem Sinne übernehmt.

All das Leuchten zu fotografieren, all die Begegnungen, das ist es, warum ich jedes Jahr wieder dabei bin. Ich habe heuer keinen Auftrag, mich an den Fragen zu beteiligen, an der Lösungsfindung. Höre viel lieber zu, was an Ideen da ist, an umgesetzter Realität, an Lösungen, die bereits an die Herausforderungen des Lebens angepasst werden. Ich kaufe mir das aktuelle Buch Der Zukunftskompass meiner Freundin und Institutsgründerin, das sie auf ihren langen Reisen am Boot entwickelte. Die Coaches in Arnoldstein verwenden die zwölf Kompetenzen, die sie in diesem Buch vorstellt. Ich freue mich auf den Videomitschnitt der Abschlusspräsentationen, dort wird hörbar sein, wie diese menschlichen Kompetenzen praktisch anzuwenden und auszubauen sind.

Mit meiner Coachin des Vorjahres unterhalte ich mich über die Entwicklung, die mein Projekt in einem Jahr genommen hat. Von der geplanten ehrenamtlichen Puppenmacherin, die sich noch immer ein bisschen schämt, Puppen zu machen. Zur selbstständigen und zumindest am Papier angemeldeten Künstlerin, die mit visual stories & textile sculptures experimentiert. Ich erzähle ihr von den beinah aufdringlichen Zufällen mit Puppentheater und Co, von unserem genialen Rabenpuppentheater, das ein Stadtentwicklungsprojekt geworden ist. Sie lacht und fragt, ob ich mich eigentlich erinnere, wie mein Pitch aus dem Vorjahr ausgesehen hat. Tja. Ich habe meine beiden mitgebrachten Puppen miteinander reden lassen. Und ich habe das total vergessen! Auch die Ideen meiner damaligen Mitgeherin, die immer nur von Puppentheater redete, der meine Puppen zu sehr weibliches Handwerk und deshalb gar nie so richtig angenehm waren. Und jeder, dem ich in Arnoldstein erzähle, dass ich Spundus habe vor Theater und der Kombination Puppen und Theater, lacht mich fast aus. Es scheint mal wieder allen anderen klarer zu sein als mir, dass das mein Weg ist. Grad und weil ich aus (m)einer weiteren Komfortzone raus müsste. Ich spüre, dass der Widerstand verpufft…

Eine abschließenden Geschichte rund um meine Erlebnisse mit Puppentheater habe ich noch. Es war einmal vor ziemlich genau zwei Wochen, es können auch ein paar Tage mehr vergangen sein. Die wunderbare Andrea schenkt mir eine aus Tschechien importierte Marionette, die die Größe eines sechs Monate alten Kindes hat. Bei genauerem Zerlegen stellt sich heraus, dass diese bezaubernde Stoffpuppe vor allem aus Schaumstoff und PU-Schaum besteht. Alles ist handgemacht, jede Naht, jeder Schnitzer am Körper und am Kopf. Ich entwickle den Ehrgeiz, dass so eine Marionette auch aus Schafwolle machbar sein müsste. Außerdem borgt mir Andrea ein Buch, das 1966, in meinem Geburtsjahr, in vielen Sprachen zugleich veröffentlicht wird. „Puppentheater der Welt“, von Professor Jan Malik aus Prag. Ich trage es ständig mit mir herum und hüte es wie einen Schatz. Die mich kennen, wissen schon – meine mütterlichen Wurzeln werden wieder genährt. Meine multikulturelle Seele jubelt auf. Als ich im Buch blättere, begeistern mich nicht nur die Fotos unterschiedlichster Wesen. Diese Wesen wurden aus allen Ländern dieser Erde zusammengetragen. Im Jahr 1966! Zusammengestellt von der Union Internationale des Marionettes (UNIMA), die es ebenfalls noch gibt, auch mit einer Vertretung in Österreich. Von Puppentheater und Tschechien ganz zu schweigen, unsere Nachbarn haben das noch locker drauf. Ich sehe auch an meinen russischen Instagram-Favoriten, dass Osteuropa die Puppenmachertradition nie aufgegeben hat. Die tschechische Stoffpuppe sitzt mir derzeit gegenüber und schaut verständnisvoll. Abwartend. Sie fremdelt ein bisschen, so wie ich, wenn ich mich an eine neue Umgebung gewöhne. Danke liebes Leben, für diese so offensichtlichen Zufälle, die du mir brotkrumenartig auf meinen Weg zu mir selbst streust. Und danke Andrea, für deine Großzügigkeit und deine kluge Intuition!

Grenzüberschreitender Muttertag

Niemals regnet es bei dieser Veranstaltung. Sagte Michel von der Plattform Mittelkärnten vor ein paar Wochen. Dass es dann real wie aus Kübeln schüttet, verblüfft uns alle. Regen heißt in Schottland „liquid sunshine“. Und so war es auch an diesem Wochenende. Es war eine der schönsten Begegnungen mit KünstlerInnen und VeranstalterInnen für uns. Grenzüberschreitend und herzwarm. Doch ein bisschen der Reihe nach.

Am Samstag meiden wir wie üblich die Autobahn und fahren gemütlich übers Kanaltal und entlang des Tagliamento in Richtung der Provinz Treviso. Pordenone begeistert uns einmal mehr mit seinem südlichen Flair und seiner Lebendigkeit, mit seinem bunten Lebensmittel- und Kleidermarkt und den gepflegten Parkanlagen. Zum zweiten Mal kommen wir durch Vittorio Veneto und versprechen uns, beim nächsten Mal endlich auszusteigen und uns dieses beeindruckende Stück Altitalien zu gönnen. Dieses Mal müssen wir rasch weiter. Wir beziehen unser Luxuszimmer am Revine Lago. Werden wegen einer Hochzeitsgesellschaft in ein Appartement abseits vom Trubel gebracht. Und staunen, wie toll hier alte Balken und Hölzer in ein einladendes, cooles Raumdesign verarbeitet wurden. Bis jetzt hat das Wetter halbwegs gehalten. Doch nun beginnt es zu schütten. Wollen wir hoffen, dass das dem Hochzeitspaar wirklich Glück bringt. Für das erste Kennenlernen lesen wir von einer cantina in San Pietro di Feleto (TV). Wir fahren aus dem Regen hinaus in die sonnigen Weinberge. Zypressen und sanfte Hänge, wohin das Auge reicht. Wir fühlen uns wie in der Toskana. Und stellen fest, wir sind in einer echten Prosecco-Region gelandet. Zwei absolut ungeübte Alkoholtrinker. Das kann ja berauschend werden.

Als das Ortsendeschild von San Pietro vor uns auftaucht, finden uns recht zufrieden damit ab, dass wir dieses Mal sicher keinen Wein testen sondern direkt zur Konferenz fahren werden. Da biegen unsere Scouts Michel und Mara ums Eck. Im Konvoi fahren wir zum Bürgermeisteramt. Eine Projektleiterin nimmt uns mit und wir kosten den ungezuckerten (!) Prosecco, der überraschend hervorragend schmeckt. Die frische Salami und der Parmesan verpassen dem Alkohol eine gute Unterlage. Die grenzenlose Konferenz, an der auch ein Vertreter aus Gmünd teil nimmt, ist sprachlich auf Italienisch begrenzt. So schade. Mein Französisch reicht nicht aus, um alle Details zu verstehen. Doch wir bekommen mit, dass dieses Stream-Projekt, für das wir eingeladen wurden, genau zu uns passt. Kunst und Handwerk im ländlichen Raum, erstaunliche Entwicklungen durch ehrenamtliche Initiativen in kleinen Ortschaften, die mich an die Anfänge der Künstlerstadt Gmünd in Kärnten erinnern. Wir wissen bereits beim Betrachten der Präsentationen, dass wir uns die nächsten Monate an den Wochenenden in vielen kleinen Ortschaften Norditaliens herum treiben werden. Ein sehr spätes Abendessen, viel Austausch und Gelächter mit unseren neuen Kolleginnen und Kollegen, Sturm und Gewitter und ein gut geheiztes Zimmer bescheren uns eine kurze Nacht, bevor wir am Sonntag nach einem fulminanten Frühstück unseren künstlerischen Einsatz haben.

Am Muttertag hat der Revine Lago mindestens Hochstand. Das Wasser schwappt bereits in den wunderschönen archäologischen Park mit seinen gepflegten Lärchen-Pfahl-Bauten, ich komme mit dem vollgepackten Auto grad so durch die Pfützen zu unserem trockenen Arbeitsraum. Mit vier KünstlerInnen aus der Region machen wir künstlerisches Muttertagsprogramm für Familien. Eigentlich rechnen wir nicht damit, dass irgendwer bei dem Wetter einen Fuß vor die Türe setzt. Aber wir täuschen uns. Immer wieder tauchen Besucher mit Gummistiefeln und Regenmänteln auf. Wir reden mit Händen und Füßen, radebrechen auf English und mit den wenigen italienischen Brocken, die uns zur Verfügung stehen. Die italienischen Kinder, die dieses Mal unsere Gäste sind, kommen gemeinsam mit ihren Eltern in den Genuss einer Ein-zu-Eins-Betreuung von Alexander und mir und gehen mit ihrer bunten Stoffpuppe zur nächsten Station, der Mosaikkünstlerin Carolina Zanelli. Wir lernen anhand der Kinder viel über logische Arbeitsabläufe bei Puppenworkshops. Eine Mutter erzählt mir, dass sie gemeinsam mit ihrer Mutter und später mit der Großmutter Puppen hergestellt hat. Hier bei uns fällt es ihr wieder ein. Sie begeistert sich so sehr für diese einfachen Bindetechniken der Ragdoll. Eine andere Künstlerin erzählt mir von einer Puppenmacherin in Tramonti di Sotto. Dieser Ort und seine Mosaikexperimente stehen ohnehin ganz oben auf unserer aktuellen Wunschliste. Sie will uns miteinander bekannt machen. Der Korbflechter wird von Groß und Klein ebenso besucht wie der Portraitmaler und der junge Siebdrucker. Als wir den nassen aber wunderschönen Platz verlassen, gehen wir mit dem guten Gefühl, Wesensverwandte getroffen und Brücken über die Grenzen zwischen diesen Ländern der auslaufenden Alpen gebaut zu haben. Wir kommen bald wieder!

Nachruf und mehr

Als mir eine gemeinsame Bekannte vor ein paar Wochen die Parte wegen des plötzlichen Todes meiner Fotografenkollegin und langjährigen Bekannten Karin schickt, zieht es mir den Boden unter den Füßen weg. Zwei erwachsene Kinder, die die Mutter verlieren. Das ist etwas, was ich kaum ertrage. Eine Künstlerin durch und durch, deren Weg von heute auf morgen zu Ende ist. Ganz so plötzlich ist es nicht, enge Vertraute wissen um die Details ihrer Auseinandersetzung mit einer schweren Erkrankung. Zu denen zähle ich mich nicht, ich habe mir nur einiges zusammen gereimt. Ich bin froh und dankbar zu hören, dass Menschen in diesen letzten Monaten für Karin da sind. Eigentlich bin ich heute mit meiner Mutter in Ljubljana, will ein Glas Prosecco auf Karin zu trinken, wissend, wie gern sie dort war und fotografierte. Das Leben entscheidet anders. Wegen des auch in Slowenien strömenden Regens bin ich in Kärnten. Als wir heute im Klagenfurter Friedensforst mit einer Handvoll gemeinsamer Freunde und Bekannter über unsere unterschiedlichen Begegnungen mit Karin reden, wird sie noch einmal lebendig, höre ich sie lachen und reden. Was für ein schöner Ort an der Sattnitz. Karin’s Urne ruht neben einer jungen Buche in diesem lichten Grün, das Buchenwälder so an sich haben. Ein vom Tod von Karin vollkommen überraschter gemeinsamer Freund gibt sich einen Ruck. Sagt mir, dass er unregelmäßig meinen Blog liest und dass ich ihn mit meinen Worte erreiche. Und wie gern er Karin doch sagen würde, was er an ihr so schätzte. Dass wir so oft darauf vergessen, den Lebenden zu sagen, was wir an ihnen lieben. Sie lebt weiter. In ihren wunderschönen Kindern. In ihren eleganten und berührenden Fotos von Menschen, die sie unvergleichlich bearbeitete. Sie hat unsere Hochzeit vor vier Jahren mit berückend schönen Fotos eingefangen, ich hätte niemand anderen gefragt. Sie lebt weiter in ihrem Fotoprojekt mit Sternenkindern. In ihren selbst gebauten Musikinstrumenten, ihrer Musik. In so vielen Begegnungen und Auseinandersetzungen mit Menschen, von denen ich keine Ahnung habe. Ich bin traurig. Traurig, weil eine so talentierte Frau so früh geht. Weil wir einander nie mehr wiedersehen und uns nicht mehr austauschen können über unser Lieblingsthema Fotografie. Weil ich sicher auch viel zu wenig ausgedrückt habe, wie sehr ich dich und deine Kunst schätze. Danke, dass du in meinem Leben warst.

Was heute stark in mir nachschwingt ist Dankbarkeit. Und die Absicht, meinen  Freundinnen, Freunden und Weggefährten öfter zu sagen, was ich an ihnen so liebe und schätze. Dankbarkeit für die letzten drei prägenden Jahre, die mich verändert haben. Dankbarkeit für eine stetig wachsende Familie. Dass wir uns lieben und das immer wieder zum Ausdruck bringen.

Die letzten Tage meines persönlichen Lebens waren so angefüllt mit Begegnungen, mit Geschenken, mit diesen Zufällen, die das Leben uns in den Weg streut, damit wir unsere Bestimmung begreifen und ihr auch wirklich folgen, weil ein Zähnchen ins andere greift. Elizabeth Gilbert beschreibt das in ihrem Buch „Big Magic“ so genial.

Seit gestern weiß ich, dass der erste Kurs für selbst hergestellte Stoffpuppen im Oktober unter meiner Leitung stattfindet. Ich weiß noch nicht genau wo, aber auch das wird sich finden. Im gestrigen Gespräch mit einer Puppenmacherin habe ich letzte Bedenken über Bord geworfen, dass ich das nicht selbst anleiten kann. Ich kann. Und ich werde. Worauf soll ich noch warten. Das Ferlacher OTELO hat voriges Jahr von der Klagenfurter Waldorfschule eine große Materialspende kompakter Vlieswolle für genau diesen Zweck bekommen und sie nicht komplett aufgebraucht. Der Rest des Materials wandert nun großzügigerweise in unseren Verein. Damit habe ich überhaupt nicht gerechnet. Für jene Menschen, die sich das Material nicht leisten können und mit mir diese Stoffpuppen im Tun beforschen und praktisch erlernen wollen. Danke Monika, danke Laetitia, danke Hemma und Maria Regina, dass ihr mich so unterstützt. Danke auch dir, liebe Karin, dass du mir vor ein paar Monaten gesagt hast, wie schön du meine Puppen findest. Ich habe das tief in meinem Herzen aufbewahrt.

Incredible, edible Todmorden

Ein Zufall führt uns auf unserer Reise in die erste essbare Stadt, von der ich in meinem Leben gelesen und gehört habe. Irgendwo in West Yorkshire auf der längeren Anfahrt nach Wales ist die Tankstelle wieder dran. Ich schlage unseren Autoatlas auf, suche unseren Standort, weil ich geografisch im United Kingdom ein geistiges Nackerpatzi bin – und entdecke den Namen der Stadt Todmorden nicht allzu weit entfernt. Das bei mir übliche Herzklopfen setzt ein. Irgendwas klingelt in mir. Wir googeln – und well, yeah – schmeißen alle Pläne über den Haufen, unsere App wird neu gefüttert und wir machen diesen Abstecher in eine Stadt, die wie Doppelmord klingt und so viel wie „Tottas Grenztal“ bedeutet.

Schon bei der abenteuerlichen Fahrt in der letzten Nacht fallen mir die vielen Schilder bezüglich Halifax auf. Kleiner Trigger für Insider. Und – ach. Keine Worte. Halifax also verfolgt mich ein wenig. Wir finden Dank unserer super funktionierenden englischsprachigen App einen Parkplatz direkt am Marktplatz. Und sehen sofort die ersten Hochbeete, Schilder und Hinweise auf eine essbare Stadt. Ebenso fallen mir Menschen auf, die an einem späten Vormittag unter der Woche offensichtlich arbeitslos sind und Alkohol trinken, es sind nicht wenige. Wir spazieren durch eine mit lokalen Waren angefüllte Markthalle, staunen, wie sehr auch hier Regionalität eine dominante Rolle spielt, ähnlich wie voriges Jahr in Totnes. Weil wir uns ein bissel planlos fühlen und mehr von der essbaren Stadt sehen wollen, fragen wir im hiesigen Tourimusbüro nach und erhalten eine supergenaue Karte mit der Möglichkeit, sich Todmorden zu erwandern. Schon nach zehn Minuten und den ersten Oasen in der Stadt treffen wir auf eine kleine Gruppe von vier Menschen. Später wird sich herausstellen, dass das Estelle Brown, ihres Zeichens Präsidentin der hiesigen Bewegung, und Freddie aus Deutschland sind, die mit einer Redakteurin und einem Fotografen für die französische Gartenzeitung „l’ami des jardins“ unterwegs sind. Wir lassen uns gern mitziehen und setzen den Rundgang professioneller angeleitet fort. Können Fragen stellen, bekommen Antworten und eine sehr persönliche Sicht auf das zehnjährige Projekt. Ja, die Arbeitslosigkeit sei hoch in der ehemaligen Tuchindustriestadt. Alkohol sei tatsächlich ein Problem, wie so oft in den größeren Städten dieser königlichen Insel. Und ja, die Anlagen werden genutzt und beerntet. Kanadische Wildgänse schnattern uns an, als wir ihnen zu nahe kommen. Schon wieder…

Ziemlich beeindruckend, was hier ehrenamtlich und aus der Zivilgesellschaft heraus entstanden ist. An der Calder entlang sehen wir unzählige und gut gepflegte Themenbeete mit Kräutern, Obstbäumen, Beerenbüschen und Gemüse. Die Calder ist schiffbar wie so viele Kanäle in England, hier funktionieren die Staustufen mechanisch, Hausboote gehören zum Stadtbild. Gegossen wird aus dem Fluss, die heurige Trockenheit ist auch hier eine Herausforderung. Hochbeete und Bäume und Sträucher finden sich auch direkt im urbanen Raum, neben Parkplätzen, an Straßenrändern. Immer versehen mit Schildern, mit Hinweisen, mit Ermutigungen, sich Essbares zu holen. Die Hochbeete vor der Polizeistation werden gerade genutzt, als wir ankommen. Nein, keine Genehmigung, einfach gebaut. Kein Ärger? Nein, ganz im Gegenteil, die Polizisten hätten eine Riesenfreude mit den hochgewachsenen Maispflanzen und lassen sich gerne damit fotografieren. Während zwei Männer in der Gruppe bereits Kochrezepte und Vergangenheit austauschen und dauernd ermahnt werden müssen, mal einen Zahn zuzulegen, erzählt Estelle vom neuen Gebäude, dass die Gruppe wenn ich es recht verstanden habe im Herbst beziehen wird. Mit Raum für Workshops, Miteinander und Weiterplanen. Ich bin schon sehr gespannt, lese auf facebook  unter Todmorden mit und wünsche euch Menschen vor Ort, dass auch diese Träume auf die Erde kommen. Ihr macht das schon.

Wir reden noch lange über Tauschkreise, Regionalwährungen, die Herausforderungen mit neuen Zuwanderern in einem Land, das mit Multikulturalität schon viel länger und bewusster umgeht als wir hier in Österreich, über die steigende Arbeitslosigkeit. Und einmal mehr schätze ich, dass ich Englisch in der Schule lernen durfte und jetzt wackelige aber nutzbare Brücken zu anderen Menschen damit bauen kann.  Danke Leben.

Nach drei Stunden geht auch in unsere Hirne kein Fuzzel Info mehr hinein, wir verabschieden uns voneinander. Beim Herumspazieren vorher ist uns eine antiquarische Buchhandlung mit Bushaltestelle und gemütlichem Lesesessel aufgefallen. Klar, da müssen wir noch hin. Alexander wirft sich in Pose. Und dann ergibt sich noch ein sehr intensives, langes Gespräch mit dem Geschäftsinhaber. Und nein, Puppenmacheranleitungen seien immer sofort weg, bedauert er. Tja, auch da unterscheidet sich England ganz massiv von Österreich. Hier muss man sie überhaupt außerhalb bestellen und suchen. Der alte Mann sieht so beeindruckend aus, als er auf einem einfachen Sessel, im Tageslicht der großen Auslagenscheibe, zwischen all seinen Bücherregalen sitzt. Natürlich würde ich ihn gerne fotografieren. Gerade rechtzeitig erzählt er mir seine persönliche Geschichte mit dem Fotografiertwerden, wir reden noch lange über Kunst im Allgemeinen und im Speziellen über das Arbeiten mit den Händen und haben noch einmal an diesem Tag das Gefühl, einen Seelenverwandten kennen zu lernen. Das Bild von ihm ist in meinem Kopf immer noch ganz leicht abrufbar… Was für ein schöner Mensch, was für eine innige Begegnung.

Ein wunderbares spätes englisches Frühstück in einem bezaubernden Café rundet diesen Ausflug ab. Danke Estelle und Freddie für diese feinen Stunden mit euch!

 

 

Vom Unterwegssein

Nach einem Rundgang durch den morgendlichen Garten, der sich noch unter 30 Grad präsentiert die Entscheidung: wir kaufen keinen Kuchen fürs Fest bei Freunden, wir backen ihn selber. Der Garten geht grad über vor Beeren und Obst. So gut das zu nutzen. Beim Zusammenrühren der Zutaten für Ribiseln, Brombeeren, Pfirsiche und Zwetschken, die darin versinken sollen, geht mir alles mögliche durch den Kopf. Dann schreibt ein Instagramer, dem ich folge, davon, dass im Bus zu leben nicht nur Sonnenuntergang, Gänseblümchen und Spaß bedeutet, sondern dass das Leben einen dabei auch ordentlich fordert. Damit meint er vor allem den Ausbau der Fahrzeuge. Falls es euch interessiert, dann schaut mal unter #instatravel bzw. #vanlife, was sich da so alles tut.

In mir war immer schon der Drang, unterwegs zu sein. Aufgewachsen in der Schattenseite unseres Hausberges in Spittal an der Drau in Kärnten war es mir zu eng, zu überschaubar und fühlte ich mich generell fehl am Platz. Als zugereiste Familie aus Klagenfurt hatten wir wenig Chancen, in die Gesellschaft aufgenommen zu werden. Ich fühlte mich nicht zu Hause. Eine Lungenentzündung brachte seinerzeit die erste Reise ans Mittelmeer. Und die überraschende Erfahrung: ich kann frei atmen, habe Platz zum Schauen, keine Berge, die die Sicht einschränkten. Das Meer, der Ozean, das Sein am Rande des Meeres, das gehört seither zu den lebensspendenden Momenten in meinem Leben. Meine Eltern waren voll eingeteilt mit ihrer beruflichen Arbeit. Mehrwöchiger Urlaub im Süden mit Wegfahren war wohl auch mit Hunden und drei Kindern kaum drin. Und ich glaube gar nicht besonders erwünscht. Abgesehen von der Notwendigkeit, für die Klienten da zu sein.

Vor drei Jahren – Romana, ich fasse es nicht, wie schnell die Zeit verfliegt – in Canada führten wir lange Gespräche übers Auswandern, Umziehen, Reisen, Unterwegssein. Und immer mehr wird mir seither klar, ich will möglicherweise gar nicht an einen bestimmten Punkt auf diesem Planeten ziehen, um glücklich zu sein. Sondern ich mag unterwegs sein. Ja, da höre ich sie wieder, meine fundamentalistischen Freundinnen und Freunde aus der Öko-Ecke, in der ich mich ja auch eingerichtet hab. Wer fliegt, hat überhaupt nichts kapiert. Auto ist natürlich auch bäh, der weniger treibstoffintensive Diesel auf langen Strecken ist mittlerweile ganz besonders pfui. Da ich nie gelernt habe, mit dem Pferd unterwegs zu sein, werde ich weiterhin mit dem Fahrzeug unterwegs sein. Denn wisst ihr was? Ich bin glücklich, wenn ich unterwegs bin. Bei mir ist der Weg das Ziel, auch wenn das keiner versteht – ich bin so gemacht. Und ich brauche mein Klimbim wie Kamera, Schreibzeug, Strick- und Nähzeug. Genieße es, meine kostbaren Rosentassen auch auf den dreckigsten Stationen zu nutzen, mein Besteck dabei zu haben, mein Bettzeug und meine Kleidung. Ich gehe unterwegs gerne zu Fuß und schlafe dann umso lieber im Fahrzeug, ganz besonders, wenn es regnet. Unperfekt. Das bin ich.

Manchmal denke ich, vielleicht sind wir Menschen gar nicht dazu geboren, sesshaft zu sein. Nein. Stop. Falsch. ICH bin nicht dazu geboren. In mir ist eine Zigeunerin, eine Nomadin, eine Reisende. Die neue Eindrücke und andere Kulturen braucht wie manche ihr gut gefülltes Bankkonto. Ich liebe es nicht, mich fremd zu fühlen. Und – es tut mir so gut, mich fremd zu fühlen. Über meinen Schatten zu springen. Es ist ein Erfolgserlebnis, Ängste zu überwinden und out of the box, vielleicht auch noch in einer fremden Sprache, um Hilfe zu bitten. Heuer waren es die schottischen midges, die das so klar aufzeigten. Wir baten nach einer Horrornacht auf einem Campingplatz tief in Schottland in einem Auto voll mit fliegenden Monstern, die das sonst so wirksame Moskitonetz unserer Autofenster locker passiert hatten, um Hilfe. Die midges verzogen sich im morgendlichen Tageslicht hinter die Verkleidung des Autos und verdauten glückselig unsere Proteine, die sie nächtens stundenlang aus unserer Haut gesäbelt hatten. In einem winzig kleinen Lebensmittelladen an der Küste am Weg zur Isle of Skye wartete Hilfe. Eine ältere Dame bedauerte uns und pries gute Mittel für die Haut und einen wirksamen Vernebelungsspray fürs Auto an. Ja, die zugegebenermaßen hohe Investition lohne sich, die zwei Dinge seien derzeit das Beste am Markt. Englisch in Schottland verstehe ich nur, wenn ich ganz entspannt zuhöre. Verstehen am besten ausschalten. In einem magischen Prozess ergibt sich aus Sprachmelodie und Worten und offen bleiben ein Sinn. So auch bei dieser Frau. Die Chemokeule wirkte im hermetisch abgeschlossenen Auto, trotz Skepsis. Wir bekamen noch andere wertvolle Tipps, weil wir jene fragten, die dort wohnen. Parkt am Meer im Wind – sie vertragen keinen Wind, der wirbelt sie davon. Schmiert euch ein – ja, das ist ein gutes Mittel, das ihr da gekauft habt. Und seid froh, dass die Pferdebremsen noch nicht da sind. Haha. Waren wir. Und dankbar für die schönen Gespräche, das Gelächter und Gerate, was gemeint sein könnte. Unbezahlbar und voll das Leben. Übrigens auch dankbar für den Hinweis auf eine App, die die Plage in Schottland in Prozenten benannte und Einfluss auf unsere Reiseroute nahm.

Ich persönlich kann mir vorstellen, noch mehr Zeit unterwegs zu verbringen. Auch arbeitend. Unser PKW derzeit ist praktisch und funktionell für Auszeiten, spielt sogar ein paar technische Stückerln für all die Ladenotwendigkeiten unserer Geräte. Ich träume trotzdem von einem selbst ausgebauten Bus, Marke egal, Hauptsache fahrsicher und treibstoffarm. Mit Büro und Kochmöglichkeit und minimalem Sanitärbedarf für unterwegs. Das Umbauen selbst finde ich spannend. Und das Unterwegssein sowieso. Das Irgendwo-Bleiben, mit den Menschen in Kontakt kommen, wie es heuer so viel öfter der Fall war. So schade, dass Campingplätze so teuer geworden sind. Mit dem Bus könnten wir nicht mehr unsichtbar irgendwo übernachten. Und andererseits bin ich entsetzt, wie viel Müll die Menschen aus dem Fenster schmeißen oder auf Parkplätzen liegenlassen, wenn sie unterwegs sind. Und das ist ganz sicher nicht nur Urlaubsmüll. Ich kann verstehen, dass all das Hinterherräumen eine Gesellschaft überfordert und sie deshalb Tourismusmaßnahmen ergreift, die das Müllproblem in den Griff kriegt.

Wir sind erst kurz wieder da, körperlich. Meine Seele ist noch in England, in Schottland und in Wales. Und von mir aus könnten wir schon wieder packen und weiter fahren. Derzeit machen wir Kurzausflüge im Urlaubsland Kärnten mit unserem jüngsten Familienmitglied. Dabei kommen wir langsam wieder an. Und stellen uns dem Sesshaftsein. Der wild wuchernde Garten unterstützt uns dabei sehr.

Unterwegs sein und bloggen

Tja, ich hab mir das leichter vorgestellt. Gemütlich am Abend vorm neuen, extra angeschafften Vereinstablet sitzen. Fotos hochladen. Fertig. Statt dessen ist der alte Laptop so alt, dass er nach dem Herunterladen von 7 Tagen Fotos einen fast leeren Akku hat. Beim Runterladen wäre gut gewesen, die extra kleinen mitgespeicherten Fotos auf der extra angeschaften card des neuen digitalen Datenträgers zu belassen, den Android dann auch lesen könnte. Dazu gelernt.

Allles andere funktioniert wie immer gut. Das umgebaute Auto ist auch ein Liegeschreibplatz, während draußen undefinierbare weiße schottische Mücken versuchen, alles zu pieksen, was menschlich atmet. Die neue App wayz führt uns im perfekten English durch das Land. Sie versagt nur, wenn in Glasgow eine Autobahn des Nächtens gesperrt wird und sie einen autobahnlosen Weg finden soll. Da springt dann wieder Frau Google ein und lernt nach zweimaligem Fahren an die gesperrte Ausfahrt, dass es nicht reicht, wenden vorzuschlagen. Sondern dass es leichter wird, sich dem intuitiven und spontanen Glasgowneuling, nämlich mir, unterzuordnen und dann wieder auf Datenbankwissen zuzugreifen. London und Glasgow mit Linksverkehr und einem kontinentalen Auto, das links zu lenken ist. Ich bastle mir einen Orden.

Dieses Mal sind wir wieder mit drei Schubladen unterwegs. Alexander hat eine fehlende am vorletzten Tag zusammengeschraubt. In Kendal leisten wir uns ein Tablett, ein echtes, analoges, um eine Art Tischplatte zu haben, die sich perfekt zwischen Lattenrost und mittlerer Lade verkeilen lässt. Eine Leiste am Bambusgestell mit Hutablage verhindert heuer, dass uns immer wieder Sachen auf den Kopf fallen. Die blickdichten Vorhänge sind zwei Jahre alt und gut. Der Trick mit den Moskitonetzen an den seitlichen Kippfenstern hält hoffentlich auch die schottischen Mücken draußen und ermöglicht Frischluft.

Nach drei Tagen unterwegs sein und Katzenwäsche gönnen wir uns heute einen Campingplatz mit warmer Dusche und Fön. Das nächste Mal wieder mit Stromanschluss, damit die Geräte nicht alle fahrend laden müssen. Lösungen warten nur darauf, von uns gefunden zu werden. Hey. Mittlerweile tippe ich wieder mit fast allen Fingern und komme besser voran als vor einer halben Stunde…

Abschluss und Sommer

Es war uns ein Freudenfest – nicht wahr, Sabrina? Danke Renate, dass du dabei warst – Danke für deine Geduld und Ausdauer beim Erklären. Und danke euch wunderbaren, mutigen Frauen, die ihr euch mit der Nähmaschine angefreundet und mit der dicken Picknickdecke herumgeschlagen habt – das Ergebnis wird sich dann im Herbst sehen lassen können!

Freudenfest

Sonntag ist Ruhetag, Zeit für Herumsitzen, Reflektieren, Nachspüren. Das Freudenfest war unser viertes (!) Fest in Folge. Dieses Mal genial organisiert von Sabrina und Elke, wir sind glückliche Mitgeher gewesen. Allerdings jeden Tag von Anfang bis Ende vor Ort. Ich ziehe eine Menge neuer Erfahrungen aus diesem wunderschönen Fest.

Da ist die Erfahrung des „Ich-verkaufe-Nichts“ sondern „Ich-bin-da-und-zeige-mich-mit-dem-was-mich-Ausmacht“. Absolut kein Verkaufsdruck, einfach sein. Bereits am zweiten Tag setzte dieser Flow ein. Ich nähte an Jaani, meinem nächsten Elf, weiter. Ich war ausschließlich dafür da. Alexander zeichnete Ornamente oder beschriftete Tafeln für unsere Freunde vor Ort. Dabei führten wir so viele Gespräche wie gefühlt noch nie in meinem Leben. So viele neue Interessierte trugen sich in die neue DSVO-Liste ein, weil sie wirklich, wirklich Interesse an unserem Why-Not-Projekt in Waidmannsdorf haben und Teil davon werden wollen. Eine Glücksrede gleich zu Beginn des Festes. So viel herzwarmer Austausch, so viel Anvertrautes, so schöne Begegnungen. Shayan, den es zauberte, weil sein viertes Fahrrad geklaut wurde, bekam von Konrad am Samstag ein neues „Gebrauchtes“, generalüberholt und mit Ein-Monats-Gutschein geschenkt. Alles, alles Gute für dich und deinen neuen Sommerjob! Marlies stattete uns Frauen zwei Tage lang mit ihren geknöpfelten und trageleichten, formschönen Halsketten, Armbändern und Ringen aus. Wir waren ihre lebenden Modelle – und das mit Würde, schaut mal auf den Fotos. Meine erste Lesung in Brailleschrift, die ich erlebte. Und so hochwertige Lesungen von anderen Schriftstellerinnen. Kinder, die ihr Können ungeniert und voller Freude präsentierten. Der Kleidertausch – ein einziges Fest. Das Essen – wir haben drei Tage gegessen und getrunken wie die Königinnen und Könige. Und als klar war, dass Essen auch (Spenden)Geld braucht, flossen die nötigen Spenden in den Topf. Verantwortung Erde mit seinem großen Schenkstand, mit seinen freundlichen Erdlingen, die geduldig all die Fragen beantworteten. Seelensängerinnen, die ganz unterschiedliche Zugänge zum Heilgesang haben. Weil ein Abendmusiker am dritten Tag krank wurde, erschien die restliche Band auch nicht. Der Himmel sandte uns Jurii, der slowenischen Reggae playback tanzte und sang und strahlende Freude verbreitete. Und wir mittendrin. Drei Tage lang. Traumkonzerte, Lachen, Tanzen und Mitsingen. Einziger Wermutstropfen – an einem Nachmittag geschah ein gröberer Diebstahl, den keiner von uns Umstehenden und -sitzenden bemerkte. Ich zehre noch lange von diesen drei Tagen, so viel ist gewiss.

Sabrina und Elke haben die Devise ausgegeben: „Nach dem Freudenfest ist vor dem Freudenfest!“ Wenn du dich angesprochen fühlst, hol dir die Fahne, die Alexander gezeichnet hat und lade zum nächsten Freudenfest in deiner Clique, in deiner Umgebung, mit deinem Netzwerk – wir kommen gerne dazu. Von unserer Seite erst ab August – denn wir verabschieden uns jetzt in unsere Sommerpause. Ab 6. August findet ihr uns auf der Baustelle in Waidmannsdorf – immer Montags ab 9 Uhr. Kommt und besucht uns, wir freuen uns schon jetzt aufs kraftvolle Weitertun!

 

Miteinander feiern, why not?

Es ist halb Acht Uhr Morgens. Die Fotos für die Presse sind seit gestern bei unserer PR-Frau Bettina, damit ich jetzt Zeit und Muse habe, das Baustellenfest, aus dem ein Begegnungsfest wurde, Revue passieren zu lassen. So viele Eindrücke. So viele Menschen. So viele Emotionen und nächste mögliche Schritte. Überwältigend und schön zugleich.

Why not? So hieß das Laufhaus, das vielen Waidmannsdorfern noch gut in Erinnerung ist. In dem jetzt Maximilian mit seiner Fassl-Bar wirkt. Und hinter dem sich eine Kegelbahn versteckt, in der wieder Bewegung entsteht. Why not ist unser Arbeitstitel für alles, was sich rund um die alte Kegelbahn und das leerstehende alte Bauernhaus tut.

Die Studies und ihre Dozenten. Sie waren gestern schon vor uns in der ausgeräumten Kegelbahn. Und hatten alles dabei, was es für eine gelingende Ausstellung in dieser rauen Umgebung braucht. Helle Baustellenlampen, funktionierende Kabel, wunderschöne handgefertige Modelle von Visionen für den Platz, weiße Präsentationsplatten, Laptops voller Abläufe und Beschreibungen, tolle Plakate und riesige ausgedruckte Phasenpläne. Und jede Menge Wach-Sein. Das ist es, was mich an dieser Welt der Architektur nachhaltig inspiriert. Nicht nur, dass diese jungen Menschen von überall her auf diesem Planeten kluge Ideen haben, was sie aus Altem machen könnten. Und handwerkliche Fertigkeiten, die nichts mit dem Studium zu tun haben. Sondern dass sie kreativ und empathisch und achtsam vorgehen. In der Lage sind, auf verändernde Situationen einzugehen. Wir haben ihnen in unserer Begeisterung, so schnell als möglich Räume fürs erbetene Socializing zu schaffen, viel zu viel „Altes“ entsorgt. Es war bezeichnend, dass sie sich gestern vorwiegend in einem sehr alten und von uns wenig beachteten Raum des Bauernhauses aufhielten und auf den eigentlich unbequemen Fassl-Bänken hockten, die wir nicht entsorgt sondern gereinigt und aufgebaut hatten. Wenn ich mir rückblickend anschaue, wie unsere erste Präsentation im Winter bei VOBIS war, als wir miteinander starteten, dann an die zweite Präsentation an der FH in Spittal denke und mit der gestrigen vergleiche, dann sehe und spüre ich, was für einen intensiven gemeinsamen Weg wir bereits miteinander gehen. Ich freue mich darauf, mit euch im Sommer vor Ort zu sein. Und zu feiern. Und zu träumen, was wir noch alles umsetzen können. Wir haben noch lange nicht ausgeredet, jetzt geht es erst richtig los. Und Danke für den tollen Film, den Adnane von der gemeinsamen Zeit gemacht hat, für mich ist er jetzt schon Kult! Danke euch wundervollen Dozenten, die diese spürbare prozessuale Entwicklung des sozialen Bauens so hochprofessionell begleiten und immer wieder herunter auf die Erde holen. Danke für eure Formulierungen, eure großartigen Ideen für die Zukunft. Ich liebe dieses Miteinander, das meine gewohnte Sichtweise sprengt.

Die Helfer. Wo wären wir ohne euch? Wir wären wahrscheinlich entweder noch auf Raumsuche. Oder stünden ratlos vor einem möglichen Raum, der vollgestopft ist mit Altlasten und derzeit gerade nicht Benötigtem. Danke für euer tatkräftiges Anpacken, Ausräumen, Hin- und Herschleppen, Putzen und Reparieren, Kochen und Tanzen, Beraten und Dasein, wenn mal alles zu viel wird. Und Danke all den neuen Menschen, die schon am Vormittag vorbeigeschaut haben, weil am Nachmittag und Abend so viele andere Termine stattfanden. Ganz bestimmt tun wir miteinander weiter, wir freuen uns auf euch!

Die Kooperationspartner. Danke an das Besitzerpaar, das Michael vertraut und uns tun lässt, Danke fürs Kennenlernen gestern. Das war mein persönliches fehlendes Puzzleteil. Dann Konrad vom Verein „Das Lastrad“. Konrad war gestern durchgehend mit Radreparaturen beschäftigt. Er spricht nicht viel, er macht. Wenn ich ihn richtig verstanden habe, waren es zwölf Fahrräder, die er gestern richten konnte. Natürlich hat er auch unserer kleinen Freundin Amina Luft in einen Kinderradreifen gepumpt, als sie ihn darum bat. Konrad eben. Auch so ein Macher ist Maximilian vom Nachbarlokal Fassl. Danke, dass die Bewirtung mit Getränken durch deine Leute so reibungslos geklappt hat, und Danke auch für euren Besuch bei der Ausstellung! Dann Klaudia mit ihrer beeindruckend flexiblen internationalen Tanzgruppe „EinAnder“. So viel Begeisterung, Lebensfreude und Symbolik des Gemeinsamen ist ansteckend und zeigt genau das, wofür wir uns auf den Weg gemacht haben. Danke liebe Elke von Best of the Rest, dass du uns diese Riesenmengen an Geschirr und Besteck geliehen hast. Und Danke an die Menschen in den Büroräumen des Landes Kärnten, die uns in den letzten Wochen mit Rat und Tat zur Seite standen, dieses Projekt so zu beschreiben, dass es auch jene verstehen, die nicht direkt darin involviert sind. Niemals hätte ich mir vorgestellt, dass wir so aneinander und miteinander wachsen können. Auch wir aus der Startgruppe wachsen zu einem Team zusammen, lernen einander immer besser kennen und wissen langsam um unsere Stärken, Ecken und Kanten. Ganz schön vielseitig und ganz schön lebendig. Gruppe ist eine Riesenchance, viel über sich selbst zu lernen. Niemals reibungslos. Aber nicht zum ersten Mal in meinem Leben absolut bereichernd.

Und ein abschließendes Danke an euch Besucherinnen und Besucher gestern. Für uns war das der erste öffentliche Auftritt aus unserer „geschützten“ Ideenwerkstatt der letzten Monate. Danke für euer Feedback. Eure Bitte, das über den Stadtteil hinaus zu tragen, was wir hier vorhaben. Für eure Angebote, euch einzubringen, eure Bereitschaft, mit uns weiter zu gehen. Und dass ihr die ungewohnt kalten Temperaturen, Leute, es hatte am Abend nur mehr 15 Grad Celsius, ausgehalten habt. Es wird Zeit, dass unsere Decken fertig genäht werden. Dieser Sommer spielt alle Stückerln. Wir sichten und ordnen in den nächsten Tagen, welche Schätze es durch euch zu heben gibt. Und wie wir euch von Herzen gern einbinden.

Sprecht jeden von uns an, wenn ihr die Ausstellung der Studierenden selbst erleben wollt. Sie ist noch etwa drei Wochen zu besichtigen. Termine zu vereinbaren ist sinnvoll und möglich. Wir gehen sehr gerne mit euch durch die Ausstellung, organisieren auch Fachbegleitung aus der FH Kärnten/Spittal. Wir wünschen uns euer Feedback, eure Einschätzung, eure kritische Betrachtungsweise und eure Ideen.

Miteinander sauber machen

Heute ist also Weltflüchtlingstag. Von den Vereinten Nationen ausgerufen. Er betrifft uns alle. Seit 2015 spüren wir hautnah, was es für Menschen heißt, die Heimat zu verlassen. Was es für Menschen im Asylland heißt, sie in die Gesellschaft aufzunehmen. Was es grundsätzlich für Menschen heißt, sich mit dem Neuen, dem Fremden, dem Unkontrollierbaren, dem Unvorhergesehenen auseinander zu setzen.

Wir machen heute das, was wir immer machen. Das Naheliegendste. In der derzeitigen Situation Staub wischen. Malerflecken entfernen. Schilder putzen. Jene aufmuntern, die verzweifelt sind. Einander zuhören. Miteinander lachen. Lösungen suchen. Viel Wasser trinken, weil die Temperatur gegen 30 Grad Celsius klettert. Uns über unsere Freundin Franziska freuen, die den ganzen Arbeitstrupp auf ein Getränk einlädt. Und dann auch noch mit mir die Kegelbahnböden wischt, um weiteren Staub hinaus zu bekommen. Mit Alex, dem Architekten, neue und abseits vom Bautechnischen und Planerischen Ideen spinnen, wie wir die Kegelbahn noch vorm Winter weiter beleben können. Was für ein fröhlicher, ausgelassener Flow. Er misst die Baustelle der Kegelbahn aus, damit seine Studenten sich noch besser auf ihre Projektpräsentation vorbereiten können. Gordana putzt am „Why-Not“-Schild mit, das uns der Nachbar fürs Fest borgt. Sandro schleppt schwere Säcke von B nach C, nachdem sie gestern von A nach B geschleppt wurden und freut sich auf das Fußballspiel um zwei Uhr. Mohammed kommt überraschend spät und packt trotzdem noch mit an, bevor er zum Sprachcafé bei VOBIS muss, um dort sein Deutsch weiter zu schulen. Ahmad hat am Abend davor seine Brille vergessen und freut sich wie ein König, dass ich, die Hauptputze, weiß, wo sie ist. Tja, und ich komme nach drei Stunden endlich drauf, dass mein Smartphone, dass ich im Geist schon als verloren verabschiedet habe, draußen auf der neuen Bank in der Sonne schmort, weil ich es genau dort hingelegt habe, nachdem ich zwei Blechkuchen fürs Fest bei einer Tauschkreisfreundin bestellt habe. Nein, keiner hats angerührt. Ich war der Schussel. Und ich erkenne den Hausbesitzer nicht, der plötzlich da steht und mit uns redet, weil er dieses Mal nicht in Anzug und Krawatte gekommen ist. Tja.

Ich lasse euch ein paar Bilder da, an diesem Weltflüchtlingstag. Und wünsche mir von ganzem Herzen, dass Fluchtgründe lösungsorientiert angegangen werden und nicht gegen Menschen vorgegangen wird, die hier abwarten wollen, bis sie entweder zurück kehren oder hier in Österreich ein neues Leben anfangen können.

#tdz18 Gegenwart und Zukunft

Ja, wir waren da. Michaela und ich, mit unserem Puppenprojekt. Bei den Tagen der Zukunft 2018 in Arnoldstein vom Institut für Zukunftskompetenzen. Mit genialen Coaches und Expertinnen und Experten aus dem Alltag, empathisch, klug, erfahren und mit der Fähigkeit, zuzuhören.

Wenn ich gedanklich in einem Projekt drinstecke, mit anderen drüber rede, in der Werkstatt sitze und darüber nachdenke und versuche, die nächsten Schritte zu sehen, dann ist das eine Möglichkeit. Gruppe ist die andere. Es bedeutet, sich zu zeigen, sich zu öffnen. Draufzukommen, holla, wir haben uns eine Sprache angeeignet, die andere nicht mehr verstehen, weil sie in einer anderen Realität leben. Ich sehe manchmal den Wald vor lauter Bäumen nicht (mehr), das Naheliegende wird unsichtbar und ist oft genug die perfekte Lösung. Wir haben Zeit, auszuformulieren, was uns wichtig ist. Nachzufragen, was das Gegenüber nicht versteht. Oder, wie es Maria Maunz-Ranacher mit uns machte, eine papierene Struktur füllen. Die relativ schnell sichtbar macht, wo wir schon gut unterwegs sind. Und wo wir es noch nicht geschafft haben, hinzuschauen. Wir sind gut unterwegs. Schon die ganze Zeit. Aus dem kreativen Chaos der Ideen zu diesem Projekt ist eine derzeitige Struktur geworden, wo sogar chronologisch Schritte ablesbar sind. Keine der Ideen ist weg, sie sind logisch geordnet. Als speziell meine Formulierungen für den Pitch begannen, sehr hölzern und unlebendig zu werden, erinnerte ich mich an Maria’s Angebot zur Bewegung. Gott sei Dank. Bewegt und mit Frischluft außerhalb der Seminarräume gings leicht und fröhlich weiter. Seit letztem Donnerstag Abend ist für die nächste überschaubare Phase klar, wofür  der Prozess des Herstellens von Puppen und anderer Wesen steht. Wohin er führt. An wen wir uns mit diesem Angebot wenden. Wer sich mit uns vernetzen kann, damit das Angebot noch mehr vom Umfeld abdeckt und dem Weg auch andere Ziele gibt. Und dass die Herstellung einer Puppe keineswegs die kindische Sache ist, die ich immer wieder befürchte. Und Danke all den „Hummeln“, die kurz bei uns blieben und ihre Ideen da ließen, bevor sie zur nächsten Gruppe weiter zogen und dort ihre Impulse fallen ließen. Ihr ward immer genau am Punkt mit euren Wahrnehmungen, das war sehr hilfreich.

Überall, in allen 12 Projekten, wurde intensiv gearbeitet. Und wir hatten, wie immer zum Abschluss der Tage, am Ende eine Minute Zeit, unser Projekt zu präsentieren. Nein, ich mag dieses Pitchen, wie das neudeutsch genannt wird, überhaupt nicht. Und – es hat mir, wie immer, geholfen, eine sehr einfache Sprache zu finden und Menschen damit zu erreichen.

Danke, liebes Dreamteam rund um Harald und Cornelia, dass ihr dieses Schenken, dieses Geben und Nehmen möglich macht. Dass jede Teilnehmerin, jeder Teilnehmer durchgehend das Gefühl hatte, willkommen und wichtig zu sein. Danke all den Coaches, die sich jedes Jahr zur Verfügung stellen. Einfach so. Danke den Mitarbeitern der Gemeinde Arnoldstein und dem Burgherrn, der ununterbrochen für uns alle da war.  Und Danke Marco für das Foto von mir beim Pitch, nichts ist unmöglich mit Freunden! Mögen all die Projekte, die ich heuer gehört habe, blühen und gedeihen und andere anstecken, ihre Träume und Herzensangelegenheiten zum Wohle unseres Planeten und der Kinder dieser Gesellschaft, die nach uns hier leben wollen, zu verwirklichen.

 

 

Vielfalt und europäische Wurzeln

Gestern erst wurde mir so richtig klar, wie bunt unsere Kultur geworden ist. Wenn man seit fast drei Jahren täglich in diesem gesellschaftlichen Wandelprozess drin ist, dann wird alles alltäglich. Der ethnische und kulturelle Hintergrund zieht uns mehr an als er uns abstößt, wir sind so gemacht. Vielleicht hat es wirklich mit meinem multikulturellen, typisch europäischen Hintergrund, den ein Gentest sichtbar machte, zu tun, dass ich zwar Ängste vor dem Fremden wahrnehme, das Interesse an dem Neuen, Unerforschten, zu Erlebenden aber größer ist. Es zieht mich magisch an.

Was hat sich unmerklich verändert: wir haben unser Sprechtempo schon in den Deutschkursen reduziert, bemühen uns, deutlich zusprechen, viel zuzuhören, aktiv in Konflikte einzugreifen, wenn wir darum gebeten werden. Und nur dann. Eines der größten learnings. Wir lernen Namen auszusprechen, deren Konsonanten und Vokale unser Sprechsystem kaum herausbringt. Lachen miteinander darüber, dass es dem Kommunikationspartner mit unserer Sprache genau so geht. Probieren für unseren Gaumen fremde Geschmäcker aus. Manches kommt für immer in die Liste der Lieblingsspeisen, manches bleibt fremd. Wir spüren und erleben das Pulsierende, Lebendige, Herzliche, obwohl das für den gelernten Österreicher, die gelernte Österreicherin mit dem Bedürfnis nach Respektabstand eher suspekt ist. Natürlich auch mir, ich bin ja hier sozialisiert. Nie werde ich vergessen, dass wir damals im August 2015 zwischendurch einfach heimfahren mussten, um uns eine Stunde auszuruhen von all dem Temperament, all den Emotionen und der vollkommen ungewohnten Nähe zwischen den Menschen.

Nun mitzuerleben, dass auch bei den zugezogenen Menschen innerer und äußerer Wandel passiert, seit sie hier in Österreich um Schutz und Unterkunft angesucht haben. Manche Herzens-Menschen schmerzlich zu vermissen, die eine Weile Teil unseres Lebens waren, jetzt einerseits anderswo in Österreich leben und versuchen, neu anzufangen. Oder, viel tragischer, sie zurückgeschoben in ein Herkunftsland wie Afghanistan zu wissen, für das eine Reisewarnung für Menschen mit österreichischem Pass gilt. Nicht aber für Menschen, die vor vor genau diesem korrupten, kriminellen und fundamentalistischen System geflohen sind. Zu hören, dass tatsächlich Menschen aus den Privatquartieren abgeholt und in ein größeres Quartier in die Landeshauptstadt gebracht werden. Sie haben drei Tage Zeit, zu packen und alles aufzulösen. Oder es geht direkt nach Niederösterreich in die Schubhaft und dann in das Flugzeug zurück in ein Land, das manche kaum kennen, weil sie schon ein Leben lang auf der Flucht vor den Kontrollfreaks dieses Systems sind. Und sorry, ich muss das einmal in dieser Klarheit sagen – es sind auch gut integrierte, gut Deutsch sprechende Menschen, die das betrifft. Manche waren in erfolgsversprechenden Ausbildungen und Schulen. Manche intensiv auf der Suche nach Arbeit, nach Beitragen in unser System. Ich bin nicht einverstanden, diese Menschen abzuschieben. Punkt.

Ja, klar, es gibt Probleme hier in Österreich. Im Zusammenleben. Innerfamiliär. No Na Net. Glauben wir wirklich, wir hier hätten diese Probleme des Miteinanders vorher nicht gehabt? Österreich, die Insel der Seeligen? Wo Menschen zusammen leben, gibt es Konflikte. Und manchmal keine einfachen Lösungen. Und manchmal gibts grad keine Lösung. Das ist das Leben, es ist eine einzige Herausforderung. Wir sind lieber Teil der Lösungen als Teil des Problems. Danke lieber Martin Kirchner von den „Pioneers of Change“ – genau darum geht es. Du hast bei den Tagen der Zukunft ausgesprochen, wofür auch wir gehen. Auch wir stolpern immer wieder in dieses alte Denken und versuchen, aktuelle Probleme mit alten Lösungen zu lösen, die sich überlebt haben. Und ja, genau, auch uns zittern manchmal die Knie vor so viel Neuem und Ungewohnten. Und zu manchen Menschen bauen zwar wir keine Brücken, dafür schaffen es andere. Es braucht sehr viel Mut und Durchhaltevermögen, all die inneren Grenzen wahrzunehmen, sie manchmal zu schützen, weil sie nötig sind. Und manchmal tief Luft zu holen und drüber zu gehen. So viele innere blinde Flecken werden sichtbar, die gut unter Verschluss waren. So viele Vorurteile, die getriggert werden. Niemals hätte ich gedacht, dass der angekündigte gesellschaftliche Wandel auf diese Weise geschieht. Wir tun gut daran, uns mit unserer Kultur, mit unseren gesamteuropäischen Wurzeln daran zu beteiligen und uns nicht in gute alte Zeiten zurück zu sehnen, die es nie gab. Lernen wir Geschichte!

Wir haben ehrlich gesagt mit einem kleinen Fest unseres Kooperationspartners VOBIS  und der Klagenfurter Universität im Klagenfurter Lendhafen gerechnet. Selten in meinem Leben liege ich so falsch. Ich muss mich regelrecht von meinen dauerbesetzten zwei Nähmaschinen zum Upcyceln von Mustervorhängen und Möbelstoffen wegstehlen, um zumindest ein bisschen näher an die Bühne und unter die Menschen zu kommen. Unser europäisches Kulturerbe mischt sich stundenlang vollkommen selbstverständlich mit dem arabischen, persischen und afrikanischen Raum. Singend, tanzend, redend, gustierend und trinkend. Ansteckend, mitunter tragisch und dann wieder fröhlich und mitreißend komisch – voll das Leben. Meine Fotos können nur teilweise wiedergeben, wie bunt vielfältig der Nachmittag und Abend war. Der Hafen ist gesteckt voll. Mein Mann, der durch solche Veranstaltungen wieder in seine Jugend zurückversetzt wird, lässt sich glücklich im Gedränge treiben, wenn er nicht für mich an den Nähmaschinen aufpasst, dass kein Finger angenäht wird. Unser Achtjähriger taucht überhaupt nur auf, wenn er Hunger oder Durst hat. Er ist zu sehr damit beschäftigt, zu spielen und Kontakte zu knüpfen, wie nur Kinder das können.

Ina, die den „Völkerchor“ aus Völkermarkt mit mir so vielen bekannten und vertrauten Menschen leitet, spricht mich auf meine Puppen an. Sie meint die langgliedrigen, schmalen. Und erzählt mir von einer armenischen Puppenkultur, an die sie sich durch diese Wesen ganz intensiv erinnert fühlt. Fragt, ob ich denn interessiert sei daran, solche Puppen mit genau dieser traditionellen Kleidung herzustellen. Spürt ihr mein Herzklopfen? Ist das nicht magisch? Der „Völkerchor“ hatte, wie unser „Puppen.Raum“, bei den Tagen der Zukunft in Arnoldstein, ein professionelles Coaching gewonnen. Wir haben uns alle miteinander ein bisschen näher kennen gelernt. Nun wird sonnenklar, dass auch hier die neue, alte Verbindung zu Evelin gestärkt wird, mit der wir vor 11 (!) Jahren grenzenlos kochten, um Frauen hinterm Herd heraus zu holen und mit ihnen Deutsch zu sprechen. Jutta war damals die dritte Verbündete. Dort knüpfen wir wieder an. Oh ja, und ich werde wieder singen. Sabrina, Melanie, kommt ihr mit? Und oh ja, ich komme auch gern runter nach Völkermarkt und weihe euch in die Geheimnisse guter Fotografie ein. Grenzüberschreitend. Natürlich.

Kennt ihr den Film „Drachenläufer“ zufällig? Neben unserem Upcycling-Stand waren drei Männer unermüdlich am Bauen von afghanischen Flugdrachen. Ich muss mir das noch einmal in Ruhe zeigen lassen. Das ist eine traditionell afghanische Kunst, diese äußerst fragilen Gebilde aus Seidenpapier und Holzstäbchen und Leim herzustellen. Ach, und Konrad vom Verein „Das Lastrad“ war wie vereinbart mit seinem Reparaturanhänger da und erzählt mir in der Nacht, dass er innerhalb weniger Stunden zehn Fahrräder flott gemacht hat. So ist Konrad. Danke, dass du diesen Weg mit uns gemeinsam gehst. Der Herrenschneider Ahmad, der mit seiner herzlichen Freundlichkeit und seinen schönen Taschen auch in unserer Familie großen Eindruck hinterlässt, verspricht, mir seine Quelle bezüglich Nähmaschinenseide zu nennen, ich kann einen weiteren wichtigen Punkt auf meiner To-do-Liste abhaken. Und das hier musste ich auf Frau Google fragen: Die Piñatas sind bunt gestaltete Figuren, heutzutage aus Pappmaché, früher aus mit Krepp-Papier umwickelten Tontöpfen, die bei Kindergeburtstagsfeiern mit Süßigkeiten und traditionell mit Früchten (Mandarinen, Zuckerrohr, Guaven, Tejocotes, Jicamas, Erdnüssen) gefüllt sind. Sie sind in Mittelamerika bei Kindergeburstagen und zur Weihnachtszeit und in Spanien zu Ostern verbreitet. Auch am Fest der Vielfalt kennengelernt (Quelle: Google). Auch das haben wir gestern zum ersten Mal live erlebt. Ich treffe „alte“ Freunde aus meiner Mentorenausbildung und aus der Lais-Schule. Meine Freundin Stefanie macht Acroyoga, mittlerweile so gut, dass sie das herzeigt und ich sie wenigstens ein paar Minuten bewundern konnte. Wow. Alles neu. Alles nicht beängstigend sondern schön.

Eines möchte ich zum Abschluss noch loswerden: ich liebe es, zu feiern. Seit drei Jahren bekomme ich ein Gespür dafür, wie feiern noch geht. Dafür danke ich euch allen, ihr, die ihr ganz still und planlos geworden seid, wenn wir euch auf meine Geburtstags- oder auf Hochzeitsfeiern eingeladen haben. Wenn ihr auf unserem Sommerfest für Schwung gesorgt habt. Das soll eine Feier sein, habt ihr gefragt. Wieso die Menschen so leise seien. Wo denn die Musik sei, das stundenlange Tanzen, das tagelange Essen bis zum Umfallen und das Trinken. Und dann habt ihr uns mehrmals gezeigt, wie ihr euer Zuckerfest feiert. Oder beim Grillen das Leben feiert. Oder wie ihr euch freut und das feiert, wenn ein neues Kind das Licht der Welt erblickt. Oder ich habt mich auf eine tschetschenische Hochzeit eingeladen, die ich niemals in meinem Leben vergessen werde. Diese Kunst zu feiern, die solltet ihr weiter geben. Es ergänzt uns auf eine sehr lebendige, erdige und inspirierende Art und Weise.

Führerschein und Tropenhitze

Leute, heute schmelze ich. Ihr wahrscheinlich auch. Nach den vielen Unwettern und Regengüssen der letzten Wochen fühlt es sich in Kärnten mächtig schwül an. 31° Celsius ist eine feine Sommertemperatur. Das hier fühlt sich an wie Tropen.

Wir haben trotz Hitze unser Probemodul des geplanten Nähmaschinenführerscheins beendet. Ich bin mächtig stolz auf jene Frauen, die noch nie an einer Nähmaschine gearbeitet haben. Nach nur vier Einheiten sitzen sie selbstverständlich an den Geräten, machen schöne gerade Nähte, wo es vorgeschrieben ist. Und jene, die schon weiter sind, helfen nach ein bisschen Mut machen jenen, die noch zu lernen haben. Und das alles, bitte nicht zu vergessen, unter anderem mit Teilnehmerinnen aus dem arabischen und persischen Raum, die fasten. Nicht alle, aber doch einige. Am Freitag ist der Ramadan zu Ende, alle freuen sich schon aufs Fastenbrechen. Erst gegen Ende des Termins fällt mir, die heute zum ersten Mal voll mitnähen kann, ein, dass ich keine Fotos gemacht habe. Zut alors. Buchstäblich in letzter Minute, bevor alle aufräumen und aufbrechen, schaffen wir noch ein paar Bilder. Meine Güte, diese freundlichen, wissbegierigen und interessierten Frauen, sie fehlen mir schon jetzt…

Wir nähen am Wochenende mit euch ab 16 Uhr Aufbewahrungsboxen beim VOBIS-Jubiläums-Fest im Klagenfurter Lendhafen. Wir sind mit zwei Vereinsmaschinen da. Entweder bringt ihr selber Lieblingsstoffe oder alte Kleidung mit, die ihr umnähen wollt. Oder ihr wühlt in unseren Schätzen. Wenn ihr Nähseide habt, bitte mitbringen. Sonst schauen wir, was noch in unserem Fundus ist.

Das zweite Probemodul vor der Sommerpause startet kommenden Montag ab 10 Uhr. Drei Termine, der erste wieder mit meiner Freundin Renate Schlatter vom Verein unruhestandAKTIV in Villach, die mit euch Maschinen wartet, reinigt und nähbereit macht. Wir nähen wieder ein einfaches Nähstück zum Üben. Und arbeiten dann an einer weiteren Picknickdecke.

Im Herbst geht es weiter mit Modulen. Wir würden uns riesig freuen, wenn noch ein oder zwei Menschen aus der österreichischen Bevölkerung dazu kämen. Ihr wisst ja, wir bauen Brücken zwischen den Kulturen. Lasst euch mal von Franziska erzählen, wie sie den Kurs erlebt hat.

Sieben Uhr. Abend. Es ist in meinem Büro hier brüllend heiß, nach wie vor. Ich verkrieche mich in den Garten. Die Gelsen (zu hochdeutsch: Stechmücken) werden sich freuen.

 

Nähte und Wände

Dritter Durchgang unsere Probemoduls fürs Nähen im Rahmen eines Nähmaschinenführerscheins. Bis jetzt durfte die Naht auch mal krumm und schief sein. Seit heute wird genau genäht. Das tolle Metalllineal eingesetzt, eine Naht vorgezeichnet. Und jeder von uns trennt ein bisschen. Auch ich. Heute wird nicht nur gelacht. Das Heften verweigert, weil zu viel Arbeit. Das Heften geliebt weil danach Naht ohne Trennen. Lernen. Lernen. Lernen. Lebenslang. Maxi sagt, heute sei die Stimmung ein bisschen anders als sonst. Ja, genau. Wir arbeiten genau. Bei dieser Arbeit ist Genauigkeit genauso kostbar und wichtig wie das schöne Material. Das sonst nicht ausreichend zur Geltung kommt.

Die Decken werden so wunderschön, ihr könnt euch das gar nicht vorstellen. Vielleicht werden es doch eher Tagesdecken als Picknickdecken, bis jetzt hat sich mit der wasserabweisenden Folie, die wir mit unseren Haushaltsnähmaschinen annähen könnten, noch nichts ergeben. Die Stoffquadrate exquisitester Herkunft haben aneinandergenäht schon jetzt eine ansehnliche Dicke erreicht. Viel mehr geht da nicht mehr. Heute entstanden zwei neue Bahnen in Rot-Beige-Zartgrün-Tönen. Und wir haben alle Vokabeln vom ersten Durchgang wiederholt. Oh das war ein Hallo! Wieviel wir schon aufgeschrieben haben, wieviel uns jetzt schon vertrauter ist. Grüße an Franziska in Wien, wir hoffen alle, du bist beim Abschluss nächste Woche wieder bei uns!

Nach einer flotten Billa-Jausen-Pause gehts ab zur Baustelle. In drei Wochen wollen wir hier feiern und unsere Ideen herzeigen. Zwischendurch zweifeln wir, ob wir groß feiern wollen. Oder nur ganz klein mit den Nachbarn. Jedenfalls werden die Wände immer heller, obwohl die Farbe keine Chance hat, die Flecken zu verdecken, irgendwas Öliges ist am Putz, da wartet noch viel Arbeit auf uns. Alexander malt. Und hat die glorreiche Idee, Gordana’s Vorschlag des „Willkommens“ in vielen Sprachen und natürlich vor allem fürs Fest in einem Wortband an die Wand zu pinseln. Und weil wir von einer Minute auf die andere plötzlich zu sechst sind, wird diese Idee sofort in die Tat umgesetzt. Danke übrigens Sissy, für die gebrauchte Couch, die in unseren Räumen sehr geehrt werden wird. Danke für die Küche, die uns angeboten wurde. Die Großzügigkeit der Menschen geht weiter.

Eva und ich ziehen uns zu einer höchst notwendigen intensiven Besprechung der Schritte der nächsten Wochen zum Nachbarn ins „Fassl“ zurück. Und kommen gerade zurecht, als die Jungs mit dem Schreiben an der Wand fertig sind. Danke ihr Lieben,  die ersten beiden Räume werden immer freundlicher! Baustellenflair, aber ein freundliches, sehr lebendiges.

Gestern war endlich wieder eine Puppe dran. Jetzt hab ich wirklich schon Entzugserscheinungen. Der Körper sieht gut aus, ist fertig. Aber, der Kopf. Omei. Dieser Kopf wird zu einer anderen Puppe passen , er ist sehr kräftig und ausdrucksstark geworden durch viele Versuche, andere Proportionen und ein neues Profil zu filzen. Ich würde sagen: für diesen Körper so richtig daneben gegangen. Genau. Lebenslanges Lernen. Und die Erkenntnis: nutze im kommenden Winter die Stunden besser, im Sommer kannst du dir deine Lieblingsarbeiten für eine Weile abschminken.

 

 

OTELO und Nähen

Monika ist eine dieser Frauen, deren Lebenswege sich regelmäßig mit meinen kreuzen. Ob beim Talentetauschkreis Kärnten, bei meinem jährlichen Fixtermin des Weihnachtsbazars in der Klagenfurter Waldorfschule, bei meiner Freundin von Best of the Rest oder unerwartet und plötzlich: wir sehen uns, wissen sofort tausend Dinge zu besprechen, weil unsere Ausrichtung eine sehr ähnliche ist.

Gestern war es endlich soweit. Wir besuchten Monika und das OTELO in Ferlach. Das ehemalige Apothekerhaus in dieser Kleinstadt am Fuße des Loiblpasses ist hell, hat hohe Altbauräume, bietet Platz für Werk- und Begegnungsräume, eine schöne Küche. Auf der Nordseite des Hauses ist ein gar nicht so kleiner Garten mit vielen Sitzgelegenheiten, einer Brückenbühne, einem kleinen Wasserspiel. Heuer hilft ein Mitglied der Freunde natürlichen Lebens mit, die Kräuter zu katalogisieren, anzubauen, zu verwenden. Zweisprachige Namensschilder (Deutsch/Slowenisch) an Birkenzweigen lassen auf eine rege Jahrestätigkeit in diesen Außenräumen schließen. Die Verwaltung und Leitung von OTELO Ferlach sitzt im zweiten Stock. Monika und ihr Team sorgen für eine Belebung und Belegung der wunderschönen Räume. Da wird getanzt, meditiert, fotografiert, gekocht, genäht, designt, gesungen und es gibt auch Vorträge. Wenn ich es richtig verstanden habe, gibt es die Struktur eines Jahresthemas und viele Kleinprojekte.

Staunend schaue ich mir die professionell genähten Upcycling-Werkstücke aus der Nähabteilung an. Monika erzählt mir, dass mittlerweile vor Ort vor allem geplant und entwickelt, vor großen Ausstellungen und projektbezogen auch gemeinsam genäht und zugeschnitten wird. Dazu nutzen die Menschen mit interkulturellem Background den Raum mit gut sortiertem Lager und den vielen Nähmaschinen sowie den großzügigen Begegnungsraum davor, in dem sie lange Tischreihen aufbauen können. Eigentlich perfekt das, was unsere Studentinnen und Studenten für den Umbau der Kegelbahn geplant haben. Dort soll ja in der Mitte eine lange Tischreihe mit Schienensystem an jenem Podest sein, das vorher die Kegelbahnen voneinander trennte.

Dreieinhalb Stunden lang reden, schauen, fotografieren und filmen wir, was es zu sehen gibt. Die OTELO-Struktur hat mir immer gut gefallen. Nach OTELO-Spittal ist das jetzt das zweite lebendige Labor, das ich unmittelbar erlebe. Wir denken zumindest darüber nach, diese Struktur auch für Klagenfurt mitzudenken. Dort gibt es ebenfalls Interesse, doch kam bisher kein praktisches Projekt zustande. Wir werden sehen, wir wissen ja, an wen wir uns wenden müssen, falls es in diese Richtung geht.

Es sieht außerdem so aus, als käme es zu einer Zusammenarbeit bezüglich meines Puppenprojektes über eine gemeinsame Bekannte, die ich vor vielen Jahren einmal für die Zeitung interviewt habe. Sie nähte im Vorjahr mit afghanischen Frauen einfache Waldorfpuppen  für einen Weihnachtsbazar in Ferlach, ganz genau, ganz sauber und perfekt. Wir werden sie heuer im August gemeinsam treffen und weiter planen. Da ich mir alle Handgriffe der Puppenherstellung selber beibringe und in unserer Praxisgruppe vertiefe und neu erarbeite, freue ich mich riesig darauf, einen Profi zu erleben und von ihr Kniffs und Tricks zu erlernen, die für mich neu sind.

Nach all dem für mich so komplizierten Antragschreiben rückt nun MEIN Herzensprojekt wieder in meinen Fokus. Das übliche Herzklopfen setzt sofort ein…

Wir reden noch über die Möglichkeit eines Fotoprojektes vor Ort und genießen das selbstgemachte Eis des Nachbarkaffeehauses. Ich vergesse ganz darauf, Monika von unserer interkulturellen Fotogruppe zu erzählen, die ich in so ein Projekt einbinden kann.

Auf der Heimfahrt bleiben wir noch bei einer Brandruine an einem Kreisverkehr in Kirschentheuer stehen. Die Hitze des sicher fürchterlichen Brandes hat aus den Luxusjachten, dem vielen Blech, den Holzträgern und den Solarpaneelen wunderbare Skulpturen in Blau und Bronze und Gold geschmiedet. Unsere anfängliche Scheu, so einen Ort des Schreckens zu fotografieren, verschwindet im Tun sofort. Sami bleibt gerne im Auto sitzen, ihm ist der Ort zu unheimlich.

Genießt eure Fenstertage oder euren Arbeitstag, ich hole jetzt geschenkte Kübel für unseren Kübelgarten in Klagenfurt und freu mich am Abend auf Giaconda Beli, die in Klagenfurt gastiert.