Loslassen in Schritten

Festzustellen, dass es im ganzen Haus keinen Messbecher mit exakterer Einteilung als Viertel oder Halb gibt liegt einerseits am Chaos, das wir derzeit als unser „Normal“ bezeichnen. Und andererseits am Loslassen. Denn ziemlich sicher habe ich in in den letzten Wochen mindestens einen Messbecher verschenkt, verflohmarktet oder entsorgt. Kennst du ja. Lässt du nach Jahrzehnten irgendwas endlich los – dann brauchst du es. Garantiert. Da kann ich persönlich Gift drauf nehmen.

Herbst am Acker

Egal. Ich übe mich weiter im Loslassen. Einem freiwilligen Loslassen und einem Loslassen in Schritten. Niemand zwingt mich, ich mache das aus freien Stücken. Mit den dazu gehörenden Auf und Abs von weinerlichem Gejammer bis zur überschäumenden Begeisterung über die Erleichterung vom Losgelassenen.

Leo der Halbstarke

Ganz anders als die Menschen in den Zelten auf Lesbos, die ihr bisschen Hab und Gut vor Regen, Wind und menschlichen Übergriffen schützen müssen. Ja, ich bekomme das mit, ich lebe nicht im Elfenbeinturm der kindlichen Kaiserin von Michael Ende. Und nein, es ist mir nicht wurscht, wie es anderen Menschen geht. Es zerreißt mir das Herz. Es macht mich wütend. Und dankbar, einen winzigkleinen Beitrag leisten zu können, weil es Menschen gibt, die aktiv werden. Zivilgesellschaft. Und ich weiß es ein bisschen mehr zu schätzen, wie gut es uns hier in Österreich geht. Falls es dich interessiert, wie es auf Lesbos zugeht und wie du in dieser aussichtslosen Lage (nein, parteipolitische österreichische Lippenbekenntnisse und Werbefotos in Athen sind keine Hilfe) in Europa doch mithelfen kannst, lies bei Doro Blancke am Blog mit. Wir. Sind. Europa. Wir alle.

Forschergeist

Bis wir in einem oder zwei mobilen tiny houses mit Werkstatt leben und dann später auch unterwegs sein können, wird noch ein wenig Wasser die Gurk hinunter rinnen. Weder beneide ich meinen Mann um all die (geerbten) und angesammelten Dinge, die nun in neue Kanäle kommen müssen. Noch beneide ich mich selbst, wenn ich mich von geliebten Büchern trenne. Meine größte Hürde. Bücher. Und schöne Stoffe. Außer – tja, außer ich finde so geniale Interessierte, die noch immer vorbei kommen. Oder wie die Menschen in der Leihbibliothek unserer Freund*innen von Verantwortung Erde, die sich wie verrückt über Lesestoff freuen, der mir viele neue Erkenntnisse im Leben öffnete. Nun dient dieser Lesestoff vielen, vor allem jungen Forscher*innen und am Leben Begeisterten. Und das erhöht den Wert eines Buches in meinen Augen enorm. Wäre doch eigentlich überhaupt eine gute Sache, dieses Ausleihen, Herborgen, sich gegenseitig austauschen. Auf allen Ebenen. Je mehr wir in dieses Schenken kommen, desto mehr Möglichkeiten tun sich für uns auf. Und viele Dinge werden wir wieder in die Hand nehmen, weil wir sie geschenkt zur Verfügung stellen. Cool, oder?

My Home is my Wohnwagen

Wofür ich den Messbecher brauche? Ja, genau. Neben Haus ausräumen, im Haus in die kleine Einliegerwohnung mit Küche und Bad zu siedeln und die Werkstatt wie ein tiny house einzurichten arbeite ich konzentriert und intensiv an meinen Kreaturen. Neben mir quillt Paper Clay im Gefriersackerl vor sich hin. In der hoffentlich korrekten Konsistenz, um daraus Köpfe zu formen. Mein Retreat, der so wunderbar geleitete und begleitete Workshop bei Johanna Flanagan und das Buch und Kennenlernen der amerikanischen Puppenmacherin Barb Kobe lösen einen Paradigmenwechsel in meinem Tun aus. Rückblickend sehe ich, dass es kostbar und wertvoll war, Zwerge zu stricken. Wesen für Kinder zu filzen. Zu nähen. Zu stricken und zu häkeln. Mir Methoden anzueignen, mit den Händen Techniken auszuprobieren. Von Anfang an ging es mehr um Wesen als um Puppen. Und vor allem ging es darum, wie ich mich dabei fühlte. Was ich beim Erschaffen dieser Wesen empfand. Und wie intensiv Menschen worauf reagierten. Auch jetzt, auf die ganz neuen Wesenheiten.

Para del Sol

Egal, wie in meinem Leben ich mich künstlerisch betätige, ich komme immer an diese Tür, hinter der es darum geht, ehrlich, tief und im Dreck zu stochern. Das war beim Fotografieren so. Das war beim Schreiben so. Und nun geschieht das mit meinen lieben und netten Wesen. Noch drehe ich mich im Kreis und weiß vage wie ich es angehen könnte, „schiache“ Wesen zu machen. „Schiach“ ist österreichische Mundart und bedeutet Grauslich, Erschreckend und „Ich-will-gar-nicht-Hinschauen“. Gemeinsam mit einer Freundin wage ich mich in die tiefsten Tiefen unseres jeweiligen Unbewussten. Hinunter zu Glaubenskonzepten, Bildern und erlernten Annahmen, die wir so gern als „wahr“ und „normal“ betrachten. Aber auch hinein in eine magische und mystische Welt, die ich gerne ablehne, weil sie mir aus so vielen esoterischen und energet(h)ischen Kreisen wie ein fader Abklatsch dessen erscheint, worum es im Leben geht. Ums ganze Leben, nicht nur um die Rosinen im Kuchen. Um Erfahrungen. Und ums Hinschauen.

Eine Gartenelfe auf Wanderschaft

Parallel arbeite ich weiter an meinen Stoffpuppen, die mich erfreuen und von denen ich mich auch trenne, falls jemand Herzkopfen bekommt und sie gerne haben möchte. Einfach bei mir melden – du findest mich wie gewohnt auf Instagram, Facebook und Linkedin.

Wilder Wein

Für heute lasse ich dir ein paar Bilder unseres wunderschönen Gartenraumes und des daran anschließenden Waldes da. Sehr inspirierend, wie üppig die Farben noch einmal werden, bevor der Winter und die Kälte der Natur die meisten warmen Farben entzieht.

Eierschwammerl

Leben, wo andere Urlaub machen

Frühstücks.Raum

„Frühstücken? Es ist so schön im Garten… Und ich möchte gleich jetzt die Puppenhaare machen…“ „Wir haben ein paar Tage kein Kind, komm. Lass uns was unternehmen. Und der Termin um 11 Uhr… Oder soll ich uns wirklich nur was vom Bäcker holen?“ First World Problems in Stoberdorf. Es ist am Morgen schon ganz schön warm. Wir sollten vielleicht. Wirklich. Könnten endlich mal. Müssten das ausnutzen. Na gut. Längsee. Wir frühstücken am Längsee, schauen in welchem der zwei Bäder mein veränderungsbegeisterter Cafetier-Freund mit seiner Genuss-Schmiede gelandet ist. Und dann sofort wieder nach Hause. Weiterarbeiten.

Halbzehn. Bei der Strandbadkasse stehen die Menschen wie in England an. Schön brav hintereinander. Corona sei Dank. Der Parkplatz ist voll. Huch. Um diese Zeit schon. Schlossbad Parkplatz, ein paar hundert Meter weiter. Die Parkplatzreihen sind nicht ganz so dicht gefüllt. Und yes. Genuss-Schmiede Taupe steht an den neuen Holzwänden. Hier sind wir richtig. Jetzt muss es nur noch ein Frühstück geben und unser Morgen ist gerettet. Klar dürfen wir nur auf einen Kaffee hinein, sagt die freundliche junge Frau an der Badekasse. Der Umbau hat dem alten Bad sehr gut getan. Ich war lange nicht mehr hier. Von wegen, dem Wasser ist es egal, welche Figur ich habe. Ich hadere ein bissel mit mir und meinen Denkmustern. Kurz. Es ist viel zu idyllisch. Der Liegeplatz ist locker gefüllt, der Steg mit den zwei Tretbooten und einem Kanu mehr oder weniger leer. Drinnen ist es hell, viel Holz, riesige Fenster. Auf der Terrasse die vertrauten Möbel aus der Stadt. Blick zum See. Geruch nach See. Nach Sommer. „Es war die beste Entscheidung meines Lebens“, strahlt Harald Taupe, Chef der Sommeridylle und Herr über mobilen Backofen, Reindling und die g’schmackigste Schlossbad-Essenskarte, die ich bisher an diesem Platz erlebt habe. Einmal mehr sind wir uns einig, dass die einzige Sicherheit im Leben die Veränderung ist. Und wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Plus Durchhalten. Plus zur Kenntnis nehmen, wer bei Veränderung mitgeht und wer Widerstand leistet. Und weiter leben. Wir kommen mit Familie und Freund*innen wieder, das ist ein Versprechen. Inklusive Hupfer in den spiegelnden See. Ich könnte ja eines meiner textilen Wesen einpacken und daran in anderer Umgebung weiter arbeiten. Inspiration hat viele Gesichter…

Stadt.Raum

Während mein Liebster seinen Termin wahrnimmt, erledige ich ein paar Wichtigkeiten in der Stadt. Tausche mich am Markt mit meinem Seelenbruder über das Leben aus. Vereinbare den Launch meiner homepage für September. Finde in unserem tollen Kunstgewerbegeschäft am Hauptplatz exakt die Ölpastellkreiden, die ich für die nächsten Schritte in der Textilwerkstatt brauche. Und bin viel zu schnell fertig. Einer der wenigen Schattenplätze in einem Café am Hauptplatz muss gegen coronaleugnende Einheimische verteidigt werden, die nicht glauben wollen, dass sie mir mit Tisch und Stühlen nicht so nahe rücken sollten wie sie es gerne möchten. Gell, die Cafétiers der Stadt werden sich schon was dabei gedacht haben, wie sie ihre Tische und Stühle platzieren. Auch diese Übung gelingt. Drei Hochzeiten und ihre aufgehübschten Gesellschaften sehe ich an diesem Samstagvormittag. Streetfood, Bauernmarkt, Flohmarkt. Wären da nicht immer wieder Mund-Nasen-Bedeckungen zu sehen, könnte mensch glauben, alles ist wie immer.

Kunst.Raum Bahnhof

Nein. Es reicht uns noch nicht. Es ist schön, unter Menschen zu sein. Mit Abstand, was ich sowieso liebe. Unsere niederösterreichische Freundin hat uns auf eine Gartenausstellung irgendwo am Wörthersee hingewiesen. Und heute Morgen sehe ich, dass Klakradl im Kunstbahnhof Wörthersee Station machen. Wir lassen uns treiben, wie wir uns sonst auf unseren Sommerreisen treiben lassen. Meiden Autobahnen und Schnellstraßen und fahren gemütlich durch die Mittelkärntner Landschaft. Schön ist es hier. Mit ordentlicher Verspätung genießen wir noch ein paar musikalische Leckerbissen der vier Vollblutmusiker*innen, treffen eine Facebook-Bekannte und vereinbaren einen realen Besuchstermin in unserem Paradies. Plauschen mit Freund*innen. Und lassen uns weiter treiben.

Kunst.Raum Hof

Unseren Hunger stillen wir zwei Reisenden stilecht mit veganer Kost aus dem Supermarkt. Wie leicht das mittlerweile geht. Sitzen gemütlich im Schatten unseres Kofferraums unter einem Baum. Und machen uns auf den Weg zu unserer Freundin. Lachen und stellen fest, dass Beginnzeiten für uns Richtwerte sind. Und kommen auf die Minute pünktlich zur Eröffnung des schönsten Kunstevents an, das ich persönlich bisher erlebt habe. Okay. Stimmt. Ich habe noch nicht so viele Ausstellungseröffnungen erlebt. Dieser Virus zwingt Menschen, neue Formate zu entwickeln. Von mir aus dürfen auch in Zukunft gern Ausstellungen und Konzerte in Scheunen, sich öffnenden Gärten und Innenhöfen, auf schwimmenden Bühnen und zu Hause bei den Menschen stattfinden. Elitäre Vernissagen in heiligen Hallen waren und werden nie so ganz meine Sache sein. Kunst zu den Menschen zu bringen schon viel mehr. Als Newbie in diesem Bereich genieße ich es, ein paar Gesichter zu vertraut klingenden Namen aus der Kärntner Kunst- und Kulturszene direkt zu erleben. Natürlich merke ich mir erst mal gar nichts. Aber das wird schon werden. Wir genießen bildende Kunst, Musik, ein tolles Buffet, gute Gespräche und die Umgebung. Danke ihr Menschen!

Kunst.Raum Waldarena

2015 waren wir hier zum ersten Mal. Damals, als so viele Menschen auf der Flucht vor Krieg und Grauen nach Europa und nach Krumpendorf in eines der ersten Auffanglager kamen. Und auch in Krumpendorf die Wogen hoch gingen wegen Ängsten vor den Veränderungen, die bereits stattfanden. Nie werde ich dieses bunte Fest vergessen, das spätere Freund*innen hier veranstalteten. Unser ganzes Leben hat sich 2015 verändert. Und mit diesen fünf Jahren Erfahrung sitzen wir heute abschließend und für uns selbst überraschend auf den Holztreppen der Waldarena. Und lauschen den feinen und den rockigen Klängen unserer Freunde Elke, Harald und David. Schön mit Abstand, ja klar. Gerne. Das Sonnenlicht wird weniger. Ein langer Tag geht zu Ende, der sich so anders entwickelt hat als wir dachten. Morgen. Morgen sitze ich wieder an meinem Puppen. Heute war ein anderer Tag.

Tierisches und Menschliches aus dem Paradies

Wir sitzen im Morgenlicht beim Frühstück vor meinem Atelier. Beim mehr oder weniger veganen Frühstück. Eine der grundsätzlichsten Umstellungen, die dieser Virus mit sich brachte, war die der Ernährung. Wir haben den Wechsel vom tierischen Eiweiß zum pflanzlichen Eiweiß noch keinen Moment bereut. Danke an meine Tochter Isabella. Ihre Konsequenz ist es, die diesen schon länger im Raum stehenden Wunsch möglich macht. Danke auch an meinen Mann, der seine Kreativität so geduldig in der Küche ausübt. Seine Barista-Hafer-Milch im Kaffee ist mittlerweile genauso gut wie die im Packerl. Wir essen noch ab und zu ein Sonntagsei von unserem Lieblingsbauernladen, weil es den Tieren dort gut geht. Auch der „eigene“ Honig wird löffelweise geschätzt. Vor allem von den beiden Männern, die Süßes lieben. Aber Käse und Milch oder Fleisch aus einer Industrie, die Tiere und Menschen derart schlecht behandelt, kaufen wir nicht mehr. Mittlerweile kann ich beim Einkauf auch den Käse im Kühlregal ohne Wehmut ignorieren. Die Aufstriche aus Sonnenblumenkernen, Bohnen und Sesammus schmecken ohnehin interessanter. Derzeit sind wir auf der Suche nach den entbitterten Lupinenprodukten. Einmal mehr. Vor acht Jahren scheiterten wir am Angebot. Mittlerweile haben vor allem junge Menschen gute Vorarbeit geleistet und die Produktpalette heimischer Anbieter wird größer.

Die Terrasse vor meinem Wohnwagen bricht nach fünf Jahren witterungstechnisch zusammen. Also sind wir mit Sack und Pack für die gemeinsamen Sommermahlzeiten in meinen neuen Gartenraum vorm Atelier umgezogen. Alexander mäht heuer entgegen unseren Permakulturwerten jene Flächen sehr kurz, an denen wir uns oft aufhalten. Der tägliche Zeck‘, den vor allem ich mir aus der Haut ziehe, ist normal geworden. Ich kann zuschauen, wie die Kleinsttiere über meine Schuhe die Wadeln entlang an mir hochkrabbeln. Mittlerweile reagiere ich nicht mehr so hysterisch sondern schätze gute, präzise Zeckenzangen. Und eine gut desinfizerende Creme, die wir von einer Reise aus Südtirol mitgebracht haben. Brennt höllisch. Lindert aber den Juckreiz und verhindert erfolgreich eine Entzündung. Seit gestern sind an zwölf Plätzen Zeckenrollen verborgen. In der Hoffnung, dass Mäuse, die Ursprungswirte, tatsächlich die mit dem Wirkstoff der Chrysanthme präparierte Watte in ihre Nester tragen und wir das überwältigende Zeckenwachstum eindämmen können. Die Zecken scheinen überhaupt keine natürlichen Fressfeinde mehr zu haben. Und die milden Winter tragen das ihre zu ihrer rasanten Vermehrung bei.

Salat aus dem Garten

Apropos Tiere: nach den Fliegen im Herbst und im Frühling haben nun Waldameisen Gefallen an meinem Atelier gefunden. Ich bin mir nicht sicher ob wir es geschafft haben, das Atelier genau an ihren natürlichen Arbeitswegen zu platzieren. Oder ob sie die Schafwolle lieben. Oder mich. Was unwahrscheinlich ist. Und einseitig. Jedenfalls – ziehen sie seit Wochen quer durch mein Atelier oder fallen mir von oben auf den Kopf. Vielleicht müssen wir doch noch einmal ausrücken und all die Ritzen und Lücken abdichten, die im Vorjahr offen geblieben sind. Einen Versuch wäre es wert.

Königskerze an Mohnblüte

Der heurige Noch-Nicht-Sommer mit Regen, angenehmen Temperaturen und irr schwülen Hitzetagen macht, dass es im Garten gefühlt subtropisch zugeht. Stoberdorf war, wenn ich den Erzählungen von Alexander’s Kindern zuhöre, schon immer ein wucherndes Paradies. Heuer ist der Garten kaum mehr zu bändigen. Die Wegwarte, die ich vor zwei Jahren bewusst setzte, weil sie mir hier so fehlte, bildet einen dichten Waldzaun vorm Haus, in dessen Schatten unsere Katzenmama ihre Babies stillt. Jeden Morgen freue ich mich, wenn ich an dieser Hecke entlang gehe und die lichtblauen Blüten sich der Sonne entgegen recken. Das ist ein Blau, das meine Seele nährt.

Regentropfen

Ich kuriere nach unserem Jüngsten die erste Sommergrippe oder den ersten Schnupfen dieses Jahres 2020 aus. Gott sei Dank ist die drückende Schwüle des gestrigen Tages mit dem Sturm und dem Starkregen des gestrigen Abends verschwunden. Meine rinnende Nase und das bisschen Temperatur sind für mich ein Zeichen eines nach wie vor gut funktionierenden Immunsystem. Trotz Angst. Trotz Vorsicht. Trotz Rücksicht auf andere, denen dieser Virus mehr schaden könnte als mir. Schon erstaunlich, dass mensch auch einen Schnupfen als erfreulich „normal“ empfinden kann…

Glockenblume

EPU und andere Abkürzungen

Nach sechs Stunden ist mein unternehmerisches Gründungsjahr 2019 als in Österreich noch nicht anerkannte Künstlerin in Spalten und Zahlen zerlegt. Einnahmen. Minus Ausgaben. Es wird hinten und vorne nicht reichen für einen Ausgleich aus dem Härtenotfallfond. Irgendwie schaffe ich das mit der SVS (Gewerbliche Sozialversicherung), andere Fixkosten habe ich glücklicherweise nicht. Und ich habe als ehemalige Pressefotografin und Journalistin gelernt, wie man bescheiden aber gut lebt, wenn man ständig wirtschaftlich am Limit entlang schrammt. Pimperlbuchhaltung für die Pimperlunternehmerin. Stimmt schon, was ein Facebook-User von uns Freischaffenden und EPUs so sagt. Wir sollen jetzt gefälligst daheim bleiben und nicht jammern. Keine Rücklagen gebildet? ja, was soll dann diese Scheinselbstständigkeit? Vor wenigen Jahren sah mich meine coachende Freundin als Chefin eines größeren Unternehmens, das Puppen herstellt. Ich. Mich. Nicht. Gar nicht. Ich bin keine begeisterte Konsumentin. Also fast nicht. Bücher. Material zum Tun. Weiterbildung und Reisen mit unserem selbst umgebauten Personenkraftwagen. Dafür gebe ich Geld aus. Für Fertiges fehlt mir meistens das Bedürfnis.

An meiner Haltung zum Geld stimmt was nicht? Zum Loslassen? Ach, lasst mich in Ruhe mit Empfehlungen für meine Haltung. Wenn ich heute die erschütternden Berichte von (alleinerziehenden) Menschen lese, die mit kleinen Betrieben vor dem wirtschaftlichen Nichts stehen, dann dreht sich mir der Magen um. Wir nennen sie EPUs. Ein-Personen-Unternehmen. Oder KMUs. Klein- und Mittelbetriebe, besser kann es die WKO (Wirtschafskammer) auch nicht übersetzen. Hinter dieser Abkürzung verbergen sich echte Menschen aus Fleisch und Blut. Mit echten Bedürfnissen und Gefühlen. Manche mit Familien, Kindern, Enkelkindern. Manche für sich alleine. Ihre haarscharfe Gratwanderung kenne ich aus eigener Erfahrung. Mit drei Kindern. Solche Menschen, die es aus eigenem Antrieb und aus eigener Begeisterung für ihr Tun schaffen, diesem Staat nicht auf der Tasche zu liegen. Ohne Urlaubs- und Weihnachtsgeld, meistens ohne Arbeitslosenversicherung – die Pensionsversicherung frisst schon genug. Diese Menschen werden nun von Menschen angegriffen, die nicht nachvollziehen können, wie mensch von so wenig Geld leben kann. Tja. Ich muss nicht Steuerberaterin sein um mir aus ihren Zahlen auszurechnen, wo sie sparen, wo sie investieren und was sie sich vom Mund absparen. Jede Geschichte ist ein bisschen anders. Dass das sehr oft Menschen sind, die für ihre „Arbeit“ für und in der Familie oder fürs Gemeinwohl nicht bezahlt werden – dieses Fass lasse ich für heute lieber zu. Und wir sollten dringend darüber reden.

Ich weiß, dass ich subjektiv bin. Aus meiner Sicht argumentiere. Ich nehme mir diese Freiheit, subjektiv zu sein. Unternehmer*innen tragen meiner Meinung nach das ganze Risiko, die ganze finanzielle Verantwortung dieser Geldwirtschaft. Für sich. Für ihre Angestellten. Fürs Gemeinwohl. Für eine Wirtschaft, die ständig wachsen muss. Sie zahlen die Gehälter unserer politischen Vertreter, die zukunftsweise und nachhaltige Entscheidungen für unser gemeinsames Wohlergehen treffen sollen. Dazu treten Politiker*innen bei Wahlen an. Eigentlich. Wirtschaftlich erfolgreich ist die Unternehmerin, der Unternehmer, wenn sie und er günstig(st) herstellt oder einkauft und gewinnbringend weiter verkauft. An so viele Kund*innen als möglich. Selbermachen in der Region rechnet sich in dieser wachstumsgezwungenen Wirtschaft immer weniger. All die kleinen Handwerksbetriebe fallen dieser Ratio zum Opfer. Was ist der Zauber am Geldverdienen, außer dass ich muss, weil alles Geld kostet? Warum stelle ich nicht selbst her, was ich brauche? Warum brauche ich Berater*innen, die mir sagen, wie ich mein selbst Geschaffenes besser verkaufe, indem ich nicht verkaufe sondern Geschichten erzähle, damit du kaufst? Wo ist die Lust am schöpferischen Tun? Habe ich ein Brett vorm Hirn?

Können wir bitte Wirtschaft weiter denken? Das Wohlergehen dieses Planeten mit einbeziehen in unsere Überlegungen? Nicht dass sie uns braucht, diese Erde. Sie kann sich wunderbar ohne uns weiter drehen. Aber wir leben nun einmal hier. Auch das wird seine Gründe haben. Geld war bei seiner Erfindung ein geniales Tauschmittel. Und das ist gar nicht so lange her, wie uns eingeredet wird. Neben den Überlegungen eines jetzt dringend nötigen Grundeinkommens oder des geldlosen Nutzens von Gebäuden und Böden – was gibt es da noch? Komplementäre Wege des Tauschens von Zeit, ein super Übungsfeld. Schenkwirtschaft, Regionalwährungsbewegungen, Permakultur, Repair-Cafés, TransitionTownBewegungen, Lebens- und Arbeitsprojekte, in denen es mehr um Beziehung als um Geld geht – schauen wir dort bitte hin? Probieren wir es aus, solange uns die Puste nicht ganz ausgeht. Nicht nur einzelne Menschen und kleine Gruppen – sondern wir als Gemeinschaft. Die Zeit scheint gekommen, das „Alte“ genauer anzuschauen. Auszusortieren, was davon keinen Bestand hat. Heute. Das Funktionierende mitzunehmen. Mit Neuem zu arbeiten und zu experimentieren. Selten hat sich die Abhängigkeit des Menschen von diesem starren Geld- und Wirtschaftssystem so ehrlich gezeigt wie jetzt.

Quarantäne und Wirtschaft

Meine „Wirtschaft“ ist aufgeräumt. Zwei Tage intensivsten Nähens für einen Alles-andere-als-Nähprofi liegen hinter mir. Langsam biegt sich mein Kreuz wieder gerade. Mein Arbeitsplatz mit Nähmaschine am tiefergelegten Tisch mit Hocker hat endgültig sein Ablaufdatum erreicht. Draußen in der Garage wartet der aufgehübschte Upcycling-Schreibtisch. Ein ehemaliger Arztschreibtisch aus Sperrholzresten, nach dem Krieg gebaut. Der Umbau vor etwa 10 Jahren verkleinerte das wuchtige Ding. Der weiße Anstrich vor vier Tagen gibt ihm nun das Aussehen, das er für mein Atelier haben muss. Meine Eckbank ist gemütlich, wandert aber zurück in den Seminarraum. Das wird mein Osterprojekt. Frühjahrsputz und so.

Als Mittwoch Morgen mein Handy brummt und mir signalisiert, ich möge einen Kommentar auf der homepage freigeben und kommentieren, ahne ich noch nichts. Ich bin VOR meinem Morgenkaffee. Und ich bin so ein Morgenmuffel, sei froh, dass du mir zu dieser Zeit nicht über den Weg läufst. Eine Dame schreibt mir „Ich möchte Masken bestellen“. Liebe Grüße und eine Telefonnummer. Mein Hirn, schlafgrantig, ächzt. Wo um Himmels Willen hab ich geschrieben, dass ich Masken mache? Bei meiner Coachin? Ich reiße mich zusammen, schreibe Unverfängliches und das Versprechen, mich zu melden.

Zehn Minuten später. Ich richte mir gerade meinen lebenserhaltenden Kaffee. Telefon. Eine total freundliche Frau erzählt mir, da wäre eine Artikel in der Kleinen Zeitung. Ob ich die Künstlerin sei, die auch Atemschutzmasken näht. Jetzt fällt der Groschen! Genau! Ich wurde ja letzte Woche interviewt. In dem Einerlei der Quarantäne habe ich das sofort wieder vergessen. Danke geschätzte Mittelkärnten Redaktion, das war ein super Bericht über Einige von uns, die nun das tun, was eben nötig ist. Genau. Nähen.

Zwei Tage lang rattern Maschine und Hirn. Natürlich geht auch mir der Einziehgummi aus. Die gewohnte gute Nähseide. Und mir wird so Einiges klar, was jetzt möglich ist. Nämlich andere fragen, ob sie noch Material haben. Beziehungsweise kreativ werden mit Ersatz für Ausgehendes. Danke Barbara für den Tipp mit den Jerseywürschteln, na klar! T-Shirt-ReUse! Und ich kann Garn eindrehen. Du weißt schon. Türgriff, Garnfäden, Bleistift – und drehen! Und irgendwann kann ich auch sagen: Danke, genug! Es gibt so viele andere Menschen, die diesen Dienst an der Gemeinschaft leisten und ihre Nähfähigkeiten zur Verfügung stellen. Ich muss nicht alles allein tun. Wir können die Arbeit gut untereinander verteilen. Wirtschaften miteinander. Wirtschaften ohne Wachstumszwang. Eine Form von Wirtschaften, das auch andere Menschen zum Zug kommen lässt. Frauen-Wirtschaft?

Als mir das so richtig klar wird, nehme ich Tempo aus dem Zuschnitt, aus dem ratternden Nähen wie im Schlaf. Bügle ich liebevoller jede Kante. Denke beim Nähen herzwarm an die zukünftigen Träger*innen. Wir haben ja immerhin ein Weilchen miteinander telefoniert, um uns über den Stoff und die Trageweise zu einigen. Ich höre von panischer Angst vor dem Virus bis zur Notwendigkeit, die Maske den ganzen Tag zu tragen. Ich nähe nicht für Geld. Ich nähe für Menschen, um Ängste zu verkleinern. Um Gesundheit zu erhalten. Um sie zu stärken. Und ja klar, die Post will sich den Transport bezahlen lassen. Ich verbrauche Material und Strom. Das wird ausgeglichen. Und ist so stimmig für mich, für meine Situation, die mit keiner einzigen anderen Situation von anderen Freiberufler*Innen oder EPUs zu vergleichen ist. So viel wird gerade sichtbar. Es ist überhaupt nicht nur zum Lachen.

Was mich durch diese Tage trägt ist Musik. Bis zum Anschlag aufgedreht. Oder leise im Hintergrund. Allein im Studio singe ich so laut vor mich hin, dass ich nicht einmal meinen Mann höre, der mich zu den Mittagessen ruft. Der blitzeblankeblaue Himmel aus meiner Kindheit. Freundliche Wölkchen, keine Streifen. Genau. Freundlichkeit. Die Freundlichkeit der Menschen. Unser Teilzeit-Hippie-Auto ist arg beleidigt, weil es nur mehr von Stoberdorf zur Volksschule. Von Stoberdorf zur Post. Von Stoberdorf zu Billa und Hofer. Fahren darf. Es ist daran gewöhnt, am Wochenende Richtung Meer zu düsen. Uns in sich zu beherbergen. Und was tut ein beleidigtes Auto? Genau. Nicht mehr anspringen. Der junge gelbe Engel lacht. Wie viele Kilometer das Auto schon hätte? Waaaaaas? So viel? Und dann ist es Gott sei Dank doch nur eine leere Batterie. Und wir müssen eine halbe Stunde sinnlos durch die Gegend fahren, um sie wieder zu laden. Okay, lieber Gefährte, ab sofort werden wir einmal in der Woche ausfahren. Mal sehen, wem wir das unterwegs erklären müssen. Ist ja doch sowas wie ein Zwangsausflug, gell?

Freundliche Handytelefonate mit Video tun mir gut. Mitten drin im Alltag von Freund*innen. Und ich bekomme snail mail aus Wien. Von der geliebten Tochter und Enkeltochter, die auf zwanzig Quadratmeter in der Quarantäne hocken. Eine so tolle Zeichnung. Eine so tolle Kette. Quarantäneschmuck. Restelverwertung, weil für die Kinderküche Spielnahrungsmittel aus selber gemachtem Salzteig hergestellt wurde.

Ich habe gefühlt drei Wochen Nähen gelernt. Petra, meine Lehrerin, sie wäre stolz auf mich. Meine alte Nähmaschine kann viel mehr, als ich ihr zutraue. Vor allem finde ich die Einstellung der Nadel in der Mitte, links und rechts sehr hilfreich. Es tut einer Maschine gut, sie zu reinigen. Ihr ab und an einen Tropfen Öl ins Getriebe zu gönnen. Zu meiner Freude ist heute das Packerl mit den Stickfüßchen gekommen. Dem free motion embroidering steht nun nichts mehr im Weg. Doch wie immer ist das eine andere Geschichte…

Mund Nasen Schutz

Quarantäne und ein Selbstversuch

Gehörst du zu denen, die eine Nähmaschine bedienen, um die verpflichtende Mund-Nasen-Bedeckung selber zu nähen? Oder unterstützt du regionale Klein(st)betriebe, indem du sie kaufst? Holst du dir dein verpflichtendes Teil beim Supermarkt? Ich habe mich die letzten Tage neben breitest angelegter Online-Recherche zum Thema Coronavirus und Covid19 auch mit Schnittmustern für diese Masken auseinander gesetzt. Jeden Tag kommen neuere, bessere, sicherere Schnitte. Mit und ohne Metall, eingenäht. Mit und ohne Tunnel zum Einschieben des Pfeifenputzers. Was ist besser, zweilagig, dreilagig oder sogar vierlagig für den Kohlefilter? Mit Gummi oder mit Bändern? Oder mit Abnähern angepasst, unterschiedlichste Größen? In einer Woche sind wir alle Expert*innen, jetzt ist vieles trial and error. Nebenbei erhalte ich eine Überdosis Theorie für, gegen und überhaupt. Einiges schrecklich nahe am rechten Gedankengut. Da höre ich von „Finanzeliten“, von einer arischen Rasse, die geschützt werden muss vor den Dunkelmächten. Finale Kämpfe. Nein, nicht mit dunklen Masken. Die sind hier auf diesem Planeten voll im Trend. Sondern grundsätzlich. Das muss ich erst verdauen. Ich bin ein denkendes und ein spürendes Wesen. Und durchaus in der Lage, selbst zu denken, zu hinterfragen und mir meine eigene Meinung zu bilden. Jeden Tag ein bisschen mehr.

Heute trage ich am Vormittag die beiden entzückenden, aus hellen Sommerstoffen genähten und gewölbten Ja-wie-nenne-ich-denn-die-rechtlich-richtig-Dinger zur Post. Eine große für meine Tochter. Eine kleinere für meine Enkelin. Niemand ist mit Maske unterwegs. Nicht vorm Postamt. Nicht drin. Die Schilder sind wie vorgestern. Abstand halten. Wie huste und niese ich korrekt. Hände waschen. Meine selbst genähte Dreifachmaske steckt in meiner Jackentasche. Die freundliche Postlerin schickt die beiden Dinger, aus denen ich ehrlich gesagt lieber was Anderes für Tochter und Enkelin genäht hätte, auf die Reise. Und ich beschließe einen ganz und gar freiwilligen Selbstversuch. Heute ist mein Tag dafür.

Mit der Maske in der Tasche und nicht vorm Gesicht betrete ich die Apotheke. Bloß nicht niesen, bloß nicht hüsteln. Starre Blicke von Kundinnen. Über der Wegwerfmaske. Nein, wohl fühle ich mich nicht. Ganz eindeutig, das wird nicht goutiert. Ich mache den Menschen Angst. Die Angestellte hinter ihrer deckenhohen Plexiglasabdeckung versteht mich nicht. Ich rufe meinen Bestellwunsch. Wir müssen beide lachen. Und ich bekomme meine Zeckenzange. Du, lieber Leser glaubst ja nicht, wer sich vorgestern in meiner Leiste einzugraben probierte. Der frühe Zeck fängt die Lisa.

Richtig wohl fühle ich mich nur im Auto. Meine Bakterien, meine Viren, mein Staub. Nächster Versuch. Ein Lebensmitteldiskonter. Wesentlich mehr atemgeschützte Menschen. Sogar welche, die allein im Auto sitzen. Ich wage es. Gummihandschuhe. Aber keine Maske vorm Gesicht. In der Jackentasche. Mit begegnen Malermasken, Sprayermasken und die von social media bekannten grünlichen Einwegdinger mit den drei Falten, die offensichtlich wirklich verteilt werden. Keine einzige selbst genähte Maske. Beim Ansteuern eines Regals der erste Hakenschlager. Ja genau. Mann mit Maske sprintet davon. Meine Hand zuckt zur Jackentasche. Soll ich? Halte ich es noch aus? „Ma, ich seh nix, meine Brille“, höre ich hinter mir. Möglicherweise Mutter und Tochter. Mit Einwegmasken. Ich halte Abstand, warte, bis ich ans Regal komme. Die Tochter sieht noch immer durch einen Nebel. Eigenartig, wie schwer man Menschen einschätzten kann, wenn man nur die Augen sieht. Ich fühle mich super unwohl. Blicke, die mir nicht gut tun. Dazwischen Todesmutige wie ich, ohne Maske. Wir schauen uns nicht in die Augen. Soll ich abbrechen? Ich merke, dass ich durch die Gänge hetze. Ich will hier raus. Bodenmarkierungen an der Kasse. Das ist neu. Ich gehöre ein bisschen mehr dazu, weil ich mich an das Gelbschwarz halte. Endlich ein Schutz der atemgeschützten Dame an der Kasse, obwohl die Plexiglasscheibe nicht bis vor mich, die Kundin, reicht. Ein Kistenturm, der es mir nicht mehr erlaubt, ihr mit dem Wagen zu nahe zu kommen. Oder sie mir. Umständlich fädle ich mir einen Weg für die Bankomatkarte hinter die Plexiglasscheibe.

Erleichtert verlasse ich diesen Diskonter. Beim nächsten stülpe ich mir meine mit Pfeifenputzerdraht (die Brillen!) selbst genähte Maske über Nase und Mund. Muss herum ziehen und herum drücken, damit die Brille tatsächlich nicht beschlägt. Und siehe da! Erleichterung! Ich darf ans Regal, ohne dass jemand flüchtet. Es gibt wieder sowas wie Augenkontakt. Dreilagig ist nicht so ohne beim Atmen. Ich verstehe Kritiker, die den Sinn der Masken anzweifeln. Oben und unten ist alles gut dicht. Seitlich – ich weiß nicht. Ich nähe mir heute noch eine andere Maske. Einfach, um es auszuprobieren. Dieser Einkauf ist wesentlich entspannter für mich als die anderen. Ich, die Freiheitsliebende. Ich gestehe mir das ein. Am Weg zum Auto ziehe ich mir so schnell als möglich die Handschuhe von den Fingern und achte darauf, meine Maske nicht zu berühren. Ich lege sie zum Trocknen vor die Windschutzscheibe. Sicherheitshalber. Nein, noch ein Geschäft probiere ich heute nicht mehr. Mir reicht es.

Fazit: Was auch immer sich später als richtig oder falsch heraus stellen wird: ich fühle mich wohler mit meiner selbstgenähten Maske, die die Umwelt nicht belastet. Und offensichtlich meine eigenen und die Ängste anderer nicht füttert. Aus upgecyceltem Material, das ich nicht extra anschaffe. Und ich bin ehrlich froh, wenn diese Zeit der Angst vorbei ist. Inzwischen nähe ich halt auch Masken für jene, die das nicht selber wollen oder können. Auf Spendenbasis für unseren gemeinnützigen Verein DER.RAUM, damit wir im Sommer und im Herbst weiter tun können. Wird vielleicht nötig sein, wenn diese Wirtschaft wieder aufgebaut werden muss. Doch das ist eine andere Geschichte.

Struktur und Quarantäne

Ja, es ist Struktur eingekehrt. Still. Heimlich. Aus der Stille, aus der Ruhe. Mit einem über die Jahre gewachsenen Freund*innen und familiären Netzwerk, das wie ich seine Fäden spinnt und mit mir diese Phase durchgeht. Mit den üblichen Aufs und Abs. Mit Gesprächen, Überlegungen, Mutzusprüchen. Und mit Videos, über die ich mich schlapp lachen kann.

Ganz gesund bin ich nicht in diesen Tagen. Ob es meine Empathie mit Menschen oder mein vorausschauender Umgang mit möglichen Symptomen ist kann ich nicht so recht beurteilen. Atemnot habe ich schon ein Leben lang, seit ich als Neunjährige eine saftige Lungenentzündung hatte. Von meiner Anämie will ich da jetzt gar nicht anfangen. Und ich huste seit November, derzeit wieder ein bisschen mehr. Mir fehlt es, im Garten zu sein. Und so wie es aussieht, gibt der Winter ein spätes Debut. Wir heizen wieder und alles spielt sich mehr im Hausinneren ab. Vielleicht raffe ich mich heute trotz allem auf und gehe mal wieder an den Fluss. Meinen Bronchien tut das sicher gut.

Meine Tage verlaufen relativ systematisch. Gemeinsames Frühstück mit meinen beiden Männern. Der Zehnjährige strahlt vor sich hin wie die Sonne. Und erzählt, was er von den Arbeitsaufträgen schon im Pyjama erledigt hat. Und dass er sich noch ein Video mit Turnübungen anschauen will. Aber er turnt herinnen. Weil, draußen ist es einfach zu grau und zu trüb. Zuhören, als mein Mann erzählt, dass in der WG einer seiner Töchter ein junger Mann Symptome hat. Quarantäne, nun auch außerhalb unserer vier Wände. Durchatmen. Einatmen. Ausatmen. Es war klar, dass auch solche Nachrichten kommen werden. Dass mein Sohn heute Morgen seinen angekündigten und frei gewählten Milizdienst im Kosovo antritt habe ich als liebende Mutter zu akzeptieren. Meine persönlichen Gefühle sind meine Gefühle und werden auch wieder vergehen.

Einheizen in meinem freundlichen Atelier, aufräumen, wegräumen. Zusammen räumen, was vom Vortag liegen geblieben ist. Mich daran hindern, schon wieder zu googeln, wie es in Spanien und in Italien, in den USA und speziell in London aussieht. Wie es den Kindern und Eltern in den Flüchtlingslagern zwischen Griechenland und der Türkei geht. Weiterhin Zurückhaltung auf Facebook, sonst sitze ich zwei Stunden später noch immer da. Die Töne am Handy ausschalten, auch das Vibrieren. Dauernd neue Meldungen. Sie sind auch ohne mich da. Ich schaue mir die Pressekonferenzen täglich auszugsweise an. Ich freue mich heute besonders darüber, dass wir als Stammkunden des Mittelkärntner Bioboten weiterhin versorgt werden. Sabine und Irmgard, ihr wisst gar nicht, wie gut uns eure Donnerstagskisten vor der Tür tun, psychisch und physisch. Hinterher wird Zeit sein, euch zu drücken.

Während ich handwerklich in irgendeine meiner vielen fantastischen Figuren eintauche und dran weiter arbeite, kehren meine Lebensgeister langsam zurück in meinen Körper. Beginne ich mich zu freuen, dass meine Enkelin und Tochter in Wien demnächst per whatsapp live mit mir sein werden. Dann darf ich wieder Bücher mitlesen und verstecken spielen. Meiner Enkelin aus 350 Kilometer Entfernung dabei zuschauen, wie sie auf abenteuerlich aufgeschichteten Matratzen in den engen zwanzig Quadratmetern einer Wohnungsquarantäne Purzelbäume und Rutschpartien veranstaltet oder mit dem Kindergarten telefoniert, weil der Hase dringend abgeholt werden muss. Wie schnell sie sich umgestellt hat! Mein jüngster Sohn ruft regelmäßig an. Nun gibt es auch positive Testungen in seiner Firma und die Dinge ändern sich. Wir werden uns der Armatur in der Küche widmen, da ist irgendwas so locker, dass der Hahn herauszufallen droht. Was gut ist (hoffentlich!), weil wir dann vielleicht auch den Fehler finden, warum unser Geschirrspüler partout nicht abpumpen will. Abenteuer Installation. Und wir als Laien werden vermutlich eine Menge dazu lernen. Und zu schätzen wissen dass es eine Zeit gibt, in der man einfach einen Installateur anruft und hofft, dass er Zeit hat.

Morgen treffen wir Puppenmacherinnen uns zum ersten Mal auf Zoom. Ein globales Treffen. Und der erste Termin seit zwei Wochen, an den ich mich halte. Ich bin sehr gespannt, wie das sein wird. Unser Make Along auf Facebook ist einer der Lebensfäden mit der Außenwelt, der mich beruflich nährt und wärmt.

Tag 14 unserer Quarantäne. Ein Zwischenbericht. Ich schicke meine herzlichen Grüße hinaus an euch alle!

Rückzug und Forschung

Ja. Stimmt vollkommen. Wir sind begünstigt. Wir leben relativ einsam am Land, neben einem Wald. Oberhalb eines plätschernden Flusses. Mit wildem Garten, in dem schon wegen der Bienen alles so sein darf wie es die Natur will. Und wir Menschen, wir dürfen jederzeit und immer hinaus. Auch jetzt in einer Zeit, wo die Vorsichtsmaßnahmen um einen Corona Virus Menschen dazu anhalten, drinnen und daheim zu bleiben.

Ich möchte dir – und vielleicht auch deinem Kind – etwas erzählen und auf diesem Weg mit dir teilen. So hast auch du etwas von unserem Ausflug. Wir haben heute nämlich etwas entdeckt. Da hüpft mein Herz, obwohl ich mehr ahne als ich weiß. Link am Ende des Artikels.

Doch schön der Reihe nach. Mein Mann, unser Sami und ich, wir werden jetzt jeden Tag in den Wald gehen. Teil dieser Quarantäne-Struktur, die zu uns passt und niemandem schadet. Und gut für uns winterliche Werkstatthocker. Weil Sami so vertieft in seine Schularbeiten ist, machen wir unseren ersten Ausflug mit Katze(n) und Sammelsack. Es könnte ja sein. Altholz und Wurzeln. Du kennst uns. Sammlerin und Sammler, notorisch und unbelehrbar. Wir gehen hinunter an die Gurk, einen ganz anderen Weg als sonst. Und dann sehe ich es von weitem. Biberspuren. Aber nicht so kleine, vorsichtige. Sondern dieser Biber nagt ordentlich. Dicke Späne liegen rund um eine sehr dicke Weide. Ich schätze, in ein paar Tagen ist der Stamm durchgenagt. Flussabwärts hat er sich scheinbar die Zähne ausgebissen an einer Doppelweide und bei der Hälfte aufgegeben. Flussaufwärts finden wir nicht nur ein Flussholzparadies an einer Wassertränke für die Sommerkühe. Ich träume davon, dass das auch die Biberburg ist. Ich finde überall Elfenkrokusse im weichen, angespülten Sand. So sagt Frau Google zu diesen Schönheiten. Ausgewilderte, zarte Wesen mit hauchdünnen lila Blütenblättern. Dieses Novemberhochwasser hat ein kleines Paradies hinterlassen.

Natürlich sehen wir keinen Biber weit und breit. Nachtaktiv sind diese Wesen, das habe ich schon gehört. Kommen nur in der Dämmerung und dann in der Nacht. Es lässt uns nicht los. Und wir schauen gemeinsam mit Sami, was es online über Biber zu finden gibt. Und das ist die Krönung des heutigen Tages. Eine geniale Dokumentation aus Frankreich. Mit so ähnlich Biberbegeisterten wie wir es sind. Prädikat: unbedingt anschauen. Und dein Kind weiter über Biber forschen lassen. Ich hoffe, der Landbesitzer entdeckt die hiesigen Spuren nicht so schnell und der Biber kann hier leben. Und wir können weiter forschen. Und noch mehr hoffe ich, diesen bezaubernden Wesen irgendwann mal in echt zu begegnen. Hast du Biber in deiner Nähe? Und durftest du sie schon beobachten! Bitte erzähl mir davon!

Innere Stimmen und das Jetzt

Es geht mir gut. Innen drinnen. Unten drunter. Innen ist Klarheit, ist Ruhe. Weite und Zuversicht. Lust am Leben und Lust am Tun. Und zugleich erlebe ich mich im Alltag, vorm Einschlafen, beim Aufwachen wie ein aufgescheuchtes Hendel, dass von Nachrichten bezüglich Pandemien, Menschen auf der Flucht, vom Entsetzen vor sexistischen und zutiefst frauenverachtenden Texten im Rudel mit anderen Aufgescheuchten flattert und zittert und zwischendurch emotional vollkommen ausklinkt. Von diversen Existenzängsten und den üblichen Selbstsabotagewesen, die latent auf Futtersuche sind, einmal ganz zu schweigen. Die bringen mich in diesen Tagen eher zum Lachen. Ich habe vor ein paar Tagen so geweint wie schon lange nicht mehr. Das Fass zum Überlaufen brachten Bilder von flüchtenden Menschen, Frauen, Männern, Kindern an der griechischen Grenze. Vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben habe ich angesichts dieser Bilder das Gefühl gespürt, dass es irgendwann reicht, dieses Erdenleben. Dass es auch für mich vorstellbar wird, dass er kommt. Dieser Zeitpunkt. Dieser Zeitpunkt zu sagen: „Danke, es genügt mir dann. Danke für all die Erfahrungen. Wir entwickeln uns als Menschheit nicht weiter. Ich kann keinen nachhaltigen Beitrag leisten, der wirklich etwas verändert. Ich bin müde. Ich fühle mich vollkommen hilflos. Mir tut alles weh vor Mitgefühl, und ja, all ihr Coaches und Mentoren, ich leide mit! Ich spüre den Schmerz meiner Schwestern und Brüder. Und ich mag nicht mehr.“

Was mir hilft? Ausweinen. Einen Tag lang. Oder länger, wenn es nötig sein sollte. Meiner erwachsenen Tochter zuhören, die mir am Telefon all die Sachen sagt, die ich ihr sagen würde, wenn sie zusammen bricht. Bloß nichts zurückhalten von all dem Schmerz. Spüren, bis in die letzte Zelle. Die Ohnmacht, die Wut, die Hoffnung und die Liebe für alles, was auf diesem Planeten leben will. Ich packe die Gleichgültigkeit nicht mehr. Die Selbstverliebtheit, die in unseren Wohlstands-Breiten epidemieartig um sich greift. Statt den Nächsten zu lieben wie uns selbst lieben manche Menschen nur sich selbst. Yeah, gut haben wir das gelernt in all den gutgemeinten Selbsthilfe- und Selbstliebekursen. Narzissmus an den Hebeln der Macht. Und mitten unter uns. Wir zerstören den nächsten, verbal und wirtschaftlich, bevor er uns etwas weg nimmt. Mir einzugestehen, ja genau, ich kann gerade überhaupt nichts tun. Ich, die Macherin, die Anpackerin und Voraus-Rennerin. Ich wirke nur in meinem direkten, kleinen Umfeld. Und bin nicht immer sicher, dass es gut ist, was ich tue. Auch ich mache Fehler. Schätze Dinge falsch ein. Ich „faste“ social media in diesen Tagen. Freiwillig, ohne große Ankündigung. Zwei Drittel der Kommentare dort machen mich unglücklich und ich bin der Argumentationen so müde, in denen es nur darum geht, Recht zu bekommen. Das schlagkräftigere Argument zu haben. Den anderen zu vernichten. Oder es besser zu wissen und ihm einen weiteren Selbsthilfekurs aufzudrängen. Nein. Danke.

Es hilft mir, mich auf meine klare innere Stimme, auf meinen inneren Ruf auszurichten. Ich bin Künstlerin. Ich bin so zur Welt gekommen und ich habe das sehr lange sehr erfolgreich überhört. In meiner Fantasie entstehen lebensgroße Wesen und Texte, die all das ausdrücken, was ich derzeit empfinde. Einiges wird das Licht dieser Welt erblicken. Da sind tragische und anklagende Wesen dabei. Aber auch humorvolle und augenzwinkernde. Sie und ich, wir beschäftigen uns mit dem, was hinter dem Alltäglichen schwer fassbar und oft unsichtbar ist. Und wie so oft im Leben, wenn mensch auf seine innere Stimme hört, so geschieht es auch jetzt. Eines fügt sich zum anderen. Eine Einladung zur Kunstausstellung hier. Ein Angebot für kostbarstes textiles Material dort. Tiefgehende Gespräche mit Menschen, ihre andere Sicht auf das Leben, die meine Batterien aufladen und meine Fantasie wieder bunter machen. Und Kinder. Volksschulkinder, die Träume haben für ihr Leben in einer Stadt. Für das, was sie mitgestalten wollen. Für ein Leben, das sie hier leben möchten. Und die Erkenntnis, wie dankbar ich sein kann, dass ich lebe, wie ich lebe. Dass ich eine Wahl habe. Dass ich sagen kann, was ich denke. Und sogar die Möglichkeit habe, anderen Menschen zu helfen, wenn sie um Hilfe bitten. Nicht weil ich muss. Sondern weil es möglich ist.

Wie ihr im Titelbild sehen könnt, helfen mir auch „unsere“ gefiederten Freunde, die die neue Futterstation vor meinem Atelierfenster fast zweitäglich leeren. So viele verschiedene Meisenarten. Die lärmenden Spatzenschwärme, die zwar für Aufregung sorgen aber irgendwie nicht ans Futter heran gelassen werden. Außer im Rudel. Ein wunderschönes Kleiberpärchen, das sich artgerecht von oben rennend Futter holt, während sich unten die pickenden Horden auf die zarten Krallen treten. Es ist laut da draußen. Und abends vorm Schlafengehen bekomme ich wunderbare Ständchen zu hören. Das Leben geht weiter. So lange es dauert. Und es ist nicht immer nur schön und positiv und rosarot. Sondern verwirrend und schmerzhaft zugleich. Rollercoaster. Ich weiß das. Ich lebe schon fünf Jahrzehnte und ein paar Jahre mitten unter euch.

Das Schreiben und seine Prozesse

Brrr, minus vier Grad hat es da draußen. Gerade habe ich zähneklappernd den Kaminofen in meinem Gartenatelier mit Holz gefüttert. So bleibt mir eine knappe Stunde vorm PC, um ein paar Überlegungen mit euch zu teilen. Bevor ich mich wieder meinem Elfenkönig, der neuen Stoffpuppe, widme.

Ich schreibe, seit ich es kann. Waren es am Anfang gezeichnete und mit gelochtem Zeichenpapier und Bindfäden zusammengehalten Heftchen rund um Märchen, unseren Hund und unseren Alltag in der Kindheit, kamen später Reflexionen dazu. Heute würde ich „Morgenseiten“ zu diesen Ergüssen sagen. Sehr frei übersetzt und interpretiert als Teil von „Der Weg des Künstlers“ von Julia Cameron. Ausgekotztes. Gelangweiltes. Unverstandenes. Tagebuchartiges. Schreibend reflektiere ich nach wie vor meine Wahrheit dieser Welt, mache mir bewusst, wie sie auf mich wirkt, wie ich in ihr funktioniere und kann dadurch eigene Schritte gehen.

Literarisches Schreiben war nie erwünscht. Mit Abstand, aus der Distanz, in Rollen schlüpfend. In der Schule wurde es nicht unterstützt. Ich war eine superangepasste, brave Schreiberin mit römischen Einsen. Blümchen und Bienchen in der Sprache. Mit rosa Mascherl, ein bisschen plüschweiche Kritik hier und da. Und aus. Literarisches Schreiben gab es nicht im begonnenen Germanistik- und Publizistikstudium. Eine herbe Enttäuschung. Dazu hätte ich in den englischsprachigen Sprachraum reisen müssen, das wusste ich nicht. Creative Writing kommt bei uns im deutschen Sprachraum langsam an. Oh ihr Glücklichen, die ihr bereits in den Genuss kommt, von Anfang an so zu schreiben! Als Journalistin versuchte ich mich kurz und knackig und fachlich objektiv auszudrücken. Meine Meinung, meine Art die Welt zu spüren, waren der gewünschten Objektivität eher hinderlich.

Und nun sitze ich also wieder an den Zeilen, die mir vor zwanzig Jahren in die Tasten geflossen sind. Schön von außen das Leben betrachtend. Nie mitten drin. Träume und Wünsche. Sehnsüchte und Vorstellungen, wie das Leben sein könnte, wenn es nur endlich das machen würde, was ich mir von ihm wünsche.

Als ich am Samstag bei unserem Schreibmeeting vorlese, was ich vor einem Monat geschrieben habe, wird mir ganz anders. Was für ein Durcheinander. Zeitlich. Inhaltlich. Ich spüre, wie in mir Frust und Beklemmung aufsteigt. Das, das soll ich vor einem Monat verfasst haben? Mehr ist echt nicht da? Meine Freundin beruhigt mich. Findet die Story immer noch gut, die Herangehensweise. Fragt, wo sie sich logischerweise nicht auskennt. Dann höre ich ihr bei ihren neuen Texten zu. Frage ebenfalls nach. Gebe Feedback. Und dann kommt er zurück, der lustvolle Fluss des Fabulierens. Langsam finde ich wieder in die Rollen, die ich mir ausgesucht habe. In die Sprachmelodie, in die Erfahrenswelt meiner Protagonist*innen. Genau DAS habe ich in der Schreibwerkstatt mit Susanne Axmann doch eineinhalb Jahre lang praktiziert! Den Raum zu erschaffen, in dem sich die Geschichte abspielt. In diesem selbst geschaffenen Raum zu fühlen, zu spüren, mit allen Sinnen wahrzunehmen. Das passende Sprachmuster zu entwickeln und Unterschiede in der Sprache klar zu definieren, damit nicht alles zu einem Einheitsbrei, zum Monolog verkommt, der vor 20 Jahren dominierte und aus dem ich nicht heraus fand.

Nach einer sehr tief durchschlafenen Nacht die Erkenntnis: Struktur, oh ja! Die brauche ich als Rahmen für diese Texte. Aber ich schreibe kein Buch. Diese Struktur des fertig geschriebenen Buches macht mir unnötig Druck, logisch Szene an Szene zu reihen. Beschneidet meine Freude am schreibenden Erzählen und Wahrnehmen. Mir liegt es, mit Sprachmelodie und ihrer Musik zu spielen. Mit unterschiedlichen Sprachmustern von Menschen zu experimentieren und sie zu erforschen. Ich bleibe bei den Grundzügen meiner Geschichte. Bei den Szenen, die mir nach wie vor wichtig und kostbar sind. Alles andere fliegt hinaus. Federleichten Herzens. „Fleckerlteppich“ nennt meine versierte Schreibfreundin diese Herangehensweise. Der Teilzeithippie in mir jubelt. Ich spüre förmlich, dass dieses Schreiben meine anderen künstlerischen Anteile verbindet und zugleich einer meiner vielfältigen Anteile ist. Das Bedürfnis, unterwegs sein zu müssen und zugleich einen Garten zu pflegen, damit er uns ernährt. Meine künstlerischen, handwerklichenen Ausdruck des Seins auf diesem Planeten. Schreibend halte ich das alles irgendwie zusammen, ohne verrückt zu werden. Der Prozess des Hineinfühlens in Rollen ist mir hundert Mal wichtiger als ein mögliches Ergebnis. Ziemlich magisch. Mal wieder.

Mein Beitragsbild stammt übrigens von einem Wochenende in Caorle mit einer schreibenden Freundin. Wir haben uns lustvoll Gedanken gemacht, wie wir Menschen dabei begleiten können, kreative Texte am Rande des Meeres zu entwickeln. Diese Einladung werden wir auch heuer wieder aussprechen und ausschicken. Ab Ostern kann mensch ja wieder die Zehen ins Meer hängen und Salzluft schnuppern…

Nähen und in die Zukunft planen

Transition Town Friesach. Friesach im Wandel. Klingt gut, oder? Was man drunter versteht? Das ist so wie mit dem Begriff „Permakultur“. Jeder erklärt das aus seiner Logik, aus seiner Erfahrung. Die Transitionbewegung gibt es schon eine Weile. Ich füge jenen unter euch hier einen link der Transition Austria Hub ein, falls ihr tiefer forschen wollt. Für euch andere: für mich sind es erlebbare Wandelstrukturen. Ursprünglich ging es stark um den Oil Peak und die Resilienz von Städten für eine Zeit nach der Nutzung von Öl. Das Ganze bottom up, also von unten nach oben, was das gesellschaftliche Gefüge betrifft. Für mich sind es heute Gruppen von Menschen, die nicht an den Auswirkungen scheinbarer Handlungsunfähigkeit politischer und wirtschaftlicher Systeme verzweifeln. Stark vereinfacht ausgedrückt. Menschen, die dieser mittlerweise sicht- und spürbaren Hoffnungslosigkeit sinnvolles Tun entgegen setzen. Liebevolles und konfliktbereites Auseinandersetzen mit dem Anderen, auch jenen am Rande der Gesellschaft. Zivilgesellschaft in ihrer logischen, regionalen Notwendigkeit dörflicher und kleinstädtischer Strukturen. Nicht (partei)politisch. Sondern politisch im Sinne des Wortes. Also der Regelung der Angelegenheiten eines Gemeinwesens durch verbindliche Entscheidungen. Wo mensch sich noch kennt. Generationsübergreifend. Jeder einen Platz in der Gemeinschaft findet, seine Wirkmächtigkeit erlebt. In Friesach ist es ein unglaublich großes Team Ehrenamtlicher, das seit drei Jahren einen essbaren Hang, Gemeinschaftsgärten, Wandelbienen, Lebensmittelrettung und einen Kost-Nix-Laden am Leben und in Bewegung halten. Seit vier Monaten gibt es auch eine Nähgruppe.

Ich fahre heute mit meinen üblichen vorauseilenden Erwartungen zum vierten Treffen in diesem Jahr. Was soll ich machen, so bin ich. Ich habe heute zum ersten Mal Zeit für die Nähgruppe. Ich rechne mit drei oder vier Frauen. Frage mich, was ich gern einbringen würde. Und stapfe durch den frischen Schnee ins Jugendzentrum „Kistl“. Gleich beim Eingang begeistert mich eine Scheibtruhe (Schubkarre, ihr lieben Mitlesenden aus nördlich von Österreich) mit einem bunten Häkelüberzug. Drinnen wuselt es. Durchzählen kann ich gar nicht, so sehr bin ich damit beschäftigt, Hände zu schütteln, freundliche Nachfragen zu beantworten und mich vorzustellen. Bekannte Gesichter. Fremde Gesichter. Bis auf zwei Jugendliche, die miteinander ein Computerspiel spielen, sind es ausschließlich Frauen. Pfoah, ein Raum ist voll mit mitgebrachten Maschinen und arbeitenden Menschen. Im zweiten Raum wird am Billardtisch im großen Stil zugeschnitten und überlegt. Riesige Taschen in den Maßen eines schwedischen Möbelhauses für den Kost-Nix-Laden sind eine mögliche Vorgabe. Kleine Taschen aus alten Jeans werden bereits genäht. Ein sechsjähriges Mädchen ist mit seiner Mama feuereifrig dabei, eine eigene Tasche zu nähen.

Ich habe Nähmaschinen im Auto, die wir dieser Gruppe zur Verfügung stellen. Mehr oder weniger hochwertige Haushaltsnähmaschinen, die sich seit 2015 bei uns ansammelten und jahrelang wertvolle Dienste in unseren gemischtsprachigen Gruppen leisteten. Draußen im Zuschneidebereich türmen sich Kuchen und Kekse auf der Theke. Kaffee duftet vor sich hin. Ich freue mich so, endlich Marianne kenne zu lernen, die Leiterin des Jugendzentrum’s. Und Edith ist da, die Lehrerin, die 2020 mit mir und den Kindern einer Volksschulklasse ein Transitionmärchen zur Aufführung bringen wird. Sie ist eine Meisterin an der Nähmaschine, im Zuschnitt und im räumlichen Denken. Da werde ich sofort und bereitwillig zur Schülerin. Sladana ist da, die gute Seele hinter dieser Bewegung in der Burgenstadt. Sie kümmert sich um die Menschen und koordiniert Abläufe. Und schon bin ich mitten drin. Schneide zu. Nähe. Bringe mich ein. Taschen nähen habe ich in den letzen Jahren autodidaktisch gelernt. Ich beherrsche sogar den Umkrempeltrick. Wir witzeln über Perfektionismus. Über Ängste und Fortschritte. Unterhalten uns über eine alte Bernina, die seit über 30 Jahren vor sich hin schnurrt, während Maschinen von großen Diskontern schon nach eineinhalb Jahren irreparabler Sondermüll sind. Eine meiner beiden Maschinen streikt, als ich den Retourgang einlege. Marianne beruhigt mich. Ein Experte sieht sich das nächste Woche an. Vielleicht reicht es ja, die alte, gute Maschine zu zerlegen, zu ölen und ihr liebevoll zuzureden. Einige Damen entdecken wohl zum ersten Mal die Lust am Upcycling und am Re-Use, am Auftrennen und Neuzusammensetzen. Pläne werden geschmiedet. Tipps und Ratschläge sausen hin und her.

Und ich? Normalerweise fremdle ich in mir unbekannten Gruppen. Das kann ich richtig gut. Doch hier bin ich sofort zu Hause. Und ich weiß jetzt, wohin mit den wunderschönen schweren Stoffen, den kostbaren Accessoires, die sich bei uns ansammelten. Hier werden die Dinge, eines nach dem anderen, endlich wieder gebraucht und können in ihr zweites Leben abbiegen. Und ja, es ist noch Platz für Mittäter*innen!

Eine Adventüberraschung und Wa(h)re Weihnachten

Seit Oktober fühle ich es. Und ein so cooles Facebook-Posting heute Morgen mit dem Wortspiel um die Ware und das wahre Weihnachten haben mich motiviert, meine Gedanken zu teilen. Es ist heuer ein seltsames Rumoren, wenn ich an Weihnachten denke. Mein Sohn kehrt von seiner Weltreise zurück, obwohl er Weihnachten auf Hawaii verbringen wollte. Er möchte aber rund um den 24. Dezember mit uns und seiner Herkunftsfamilie zusammen sein. Rundherum die Puppenmacherinnen fangen im Oktober an, weihnachtlich angehauchte Texte und Wesen zu präsentieren. Ganz vorsichtig. Sehr achtsam. Und doch. Es ist sommerlich warm. Der Garten geht über vor Gemüse, Früchten und Blumen. Wie jedes Jahr. Spätsommer in Südösterreich. Und ich? Ich werde im Oktober unruhig. Ich sollte. Auch. Müsste doch. Mag nicht.

Mitte November treffen mein Mann und ich eine Entscheidung, die uns heuer ganz leicht fällt. Für uns fängt die Adventzeit am ersten Adventwochenende an. Privat und beruflich. Wir ignorieren sogar den geliebten Spekulatius, den wir seit September kaufen könnten. Bis zu diesem Wochenende sind wir mit dem, was wir tun, weihnachtlich nicht präsent. Diese Freiheit nehmen wir uns. Und es fühlt sich sowas von richtig an!

Unbedingt anführen möchte ich, dass ich die vier Wochen vor Weihnachten liebe. Ich liebe den Kitsch, den Glanz, das Gloria. Schnee. Hey, ich liebte Weihnachten mit den Kindern. Und seit Jana auf der Welt ist, sehe ich Weihnachten wieder mit den Augen der Zweijährigen. Ich liebe Keksgeruch, vielleicht weil ich eine grottenschlechte Bäckerin bin. Seit zwanzig Jahren feiern wir Advent und Weihnachten so gut wie ohne Geschenke. Im Dezember. Wir „wichteln“. Und es darf nach Herzenslust getauscht, geratscht, getrascht und gegessen werden. Für mich ist diese Zeit, bevor am 21ten das Licht anfängt, zurück zu kehren, eine der magischsten Zeiten im Jahresverlauf. Bei uns überbrückt mit flackerndem Kerzenschein, mit zusätzlichen Lichtquellen, um das fehlende Tageslicht zu kompensieren. Und mit großräumigem Ausweichen von Einkaufszentren. Es geht einfach nicht. Ich ertrage es nicht, das Gewusel, den Wirbel, den Stress des Shoppens. Nach dem Weihnachtsabend und den Feiertagen und Ferien freue ich mich auf den Frühling und genieße das bissel Schnee, das in Mittelkärnten ab und zu vom Himmel fällt.

Ich bin so glücklich, euch ins St. Veiter Kunst&Werk einzuladen. Seit heute Vormittag ist das fertig, womit sich mein Mann kurzfristig beschäftigt hat. Wir haben unsere Präsentationsfläche auf Kinderhöhe mit einer Überraschungskrippe für Kinder ausgestattet. Unverkäuflich. Sie ist einfach vier Wochen lang da. Entstanden ist sie, weil unsere Freundin Sladana aus dem Friesacher Kost-Nix-Laden uns vor einem Jahr einen beweglichen Werbeaufsteller für Plastikspielzeug schenkte. Ein Jahr lang drehte ein Drachenbaby auf der Bühne seine Runden im Stoberdorfer Bubenzimmer. Nun – dreht sich was anderes. Kommt und schaut nach. Re-Use auf verspielte Art, ganz mein Mann, ganz unsere Einstellung zur stillsten Zeit des Jahres. Staunen, schauen, träumen. Kinder haften für ihre Eltern!

Voll begeistert bin ich von den Weihnachtselfen Friedolin und Pamino auf ihrem roten Samtstuhl in der Auslage des Klagenfurter Gemeinwohlladens. Sie sehen zum Anbeißen bezaubernd aus. Und in Villach verbreiten die nordischen textilen Helfer Niklas, Jule und Aengel ihre weihnachtliche Magie. Laden zum Staunen ein, zum Liebhaben und zur Inspiration, was Weihnachten in der Tiefe bedeutet. Und dort ist es eben keine Ware, sondern ein Gefühl, ein Spüren, ein Zusammenrücken. Schönen ersten Advent ihr Lieben!

Adventüberraschung

Orient loves Okzident

Auch eine Nacht drüber schlafen hat nicht viel bewirkt. Ich bin noch immer ganz bewegt, sehr berührt und emotional, wenn ich an den gestrigen Tag in Villach denke. Ich versuche euch ein wenig logisch strukturiert mitzunehmen.

Wer uns kennt, meinen Mann und mich, der weiß, dass sich unser Leben seit 2015 völlig verändert hat. Damals bin ich knapp vor meinem fünfzigsten Geburtstag, arbeite als Verwaltungsassistentin und weiß ganz sicher, dass diese Beschäftigung nur eine vorübergehende Lösung ist. Nach monatelangem Hin und Her, Ängsten und Zweifeln löse ich das mir vor Jahrzehnten gegebene Versprechen ein, nach meiner Zeit der Kinderbetreuung ein Jahr meiner Lebenszeit zu nützen, um MEINEM Weg nachzugehen. Diesem verdrängten, vernachlässigten Wunsch, Puppen herzustellen. Oder grundsätzlich irgendwas Richtung Künstlerin, weg vom reinen Geldverdienenmüssen, um zu überleben.

Das Leben ist 2015 auf seine ganz eigene Art mit meiner Bitte einverstanden. Es sendet uns direkt in die Nachbarschaft Menschen aus Syrien, dem Irak, Afghanistan, Afrika, Marokko und Armenien. Zuerst mit dem Transitlager Krumfelden. Danach mit dem ORS-Wohnhaus und begleiteten asylwerbenden Familien und Alleinstehenden in Pöckstein. Außerdem sendet es uns Österreicher*innen, die ich bis zu diesem Zeitpunkt wenig oder gar nicht kannte. Menschen aus der Zivilgesellschaft, aus kirchlichen Institutionen, aus der unmittelbaren und weiteren Nachbarschaft und über Österreichs Grenzen hinaus. Ihr könnt das alles im Archiv unserer Blogbeiträge des Vereins DER.RAUM nachlesen. Dieses menschliche, herzwarme Netz trägt uns noch immer. Bis 2018 arbeiten wir fast nur ehrenamtlich. Künstlerisch, kochend, miteinander redend, Projekte entwickelnd, aufbauend, erfolgreich abwickelnd und scheiternd. Voll das Leben. Ich bekomme die Chance, alles an Material künstlerisch auszuprobieren, was es gibt. Wir forcieren das Upcycling und das Recycling, weil wir so viel Material geschenkt bekommen. Was sich für unsere Freund*innen als sinnvolle Beschäftigung, Deutsch lernen und Menschen kennen lernen herausstellt, formt meinen Weg zurück zu mir. Ich finde die Tür zu meinen textilen Skulpturen, den ich seit heuer gehe. Und meinen Geschichten, die ich fotografierend, skulpturierend und bloggend erzähle.

Ah, ich schweife ab! Zurück zu gestern. Als unsere Freund*innen 2017/18 nach und nach ihre positiven Bescheide bekommen, wird die Begleitung zu Ämtern und Behörden noch einmal sehr intensiv. Und dann – lassen wir die erwachsenen Männer und Frauen und ihre Familien los. Es tut weh – und es ist unserer Meinung nach nötig. Es fühlt sich an wie das Abschiednehmen von den Kindern in der Pubertät. Es sind immer noch die gleichen, geliebten Menschen unserer bunten Seelenfamilie. Doch sie gehen selbstständig in ihre neuen Leben. Einige hören darauf, dass wir Villach als nächstes Ziel vorschlagen. Es sind Vorschläge, weil wir wissen, dass in Villach eine sehr junge und nachhaltige Wandelbewegung aktiv ist, eine dynamische Veränderung, die Neues möglich macht. Einige gehen nach Wien, nach Linz und Salzburg, einige verlieren wir fast ganz aus den Augen. Social Media sei Dank, dass wir losen Kontakt halten können.

Als ich gestern mit Charlotte, einer Freundin aus dieser Zeit des Ehreamtes, bei Adnan, Lamis und ihren Söhnen in der nagelneu eröffneten arabischen Rösterei in der Villacher Postgasse stehe, fühle ich, dass die so oft gehörten Geschichten über den erfolgreichen Unternehmer aus Dar’a in Syrien wahr sind. Adnan ist in seinem Element, checkt, organisiert, lädt ein, bietet selbstbewusst sein Wissen und seine Produkte an. Er ist ganz Unternehmer, ganz Gentlemen. Nun endlich auch in Österreich. Seine Frau sprüht und funkelt vor Leben, kocht unermüdlich arabischen Kaffee im mit Sand gefüllten Heizbecken, dessen Fachname ich nicht kenne. Nein, das ist keine alte Tradition, sondern so ziemlich das Aktuellste, das die arabische Kultur anbietet, erklärt mir Adnan. Der Quarzsand speichert die Hitze der Kochplatte des Beckens. Die Spiegel an der Decke reflektieren die luxuriös anmutende Einrichtung in Schwarz, Gold und Weiß. Es duftet nach Kaffee, Nüssen – und Süßem. Mit von der Partie ist nämlich der Süßwarenhersteller und Schwager Aiman, der wunderbares arabisches Konfekt in Deutschland fertigen lässt. Erst jetzt kapiere ich, dass ich dieses Konfekt schon im Deutschkurs in Pöckstein genossen habe! Und das es nicht ein Geschenk aus irgendeinem Duty Free Laden war, sondern immer schon aus der Familie kam. Wäre der Krieg nicht gewesen, würde es immer noch in Syrien produziert und im angrenzenden arabischen Raum verkauft werden! Sehr schnell finde ich gestern eine optische und kulinarische Sensation aus Rosenblättern, Pistazien und Granatapfelkernen. Ja, die rosenwasserduftenden Köstlichkeiten sind wunderschön, köstlich und ein tolles Geschenk. Dieses Hellgrün-Magenta-Rot mit dem süß-sauren orientalischen Geschmack erobert allerdings mein Herz im Sturm und ich stelle mich gern hinter den anderen Käufer*innen an. Weihnachten ist schon erstaunlich nahe, gell?

Während wir arabischen Kaffee mit Cardamom verkosten, winkt mir vis à vis aus dem hellerleuchteten Schaufenster eine junge Frau zu. Sie kommt mir vage bekannt vor. Adnan lacht. Ja, ich sehe richtig! Das ist Azima! Die zweite Familie aus Pöckstein, die mit ihren Kindern Tür an Tür mit unseren Freunden wohnte und mit uns Deutsch lernte. Ich fasse es nicht! Die „Änderungsschneiderei Rosella“ besteht seit genau einem Monat und wird vom Schneidermeister Aref und Azima geleitet! Lachend umarmen wir uns. Wie immer gibt es schwarzen Tee und Azima’s Kuchen – Ausreden werden ignoriert. Wir aktualisieren unsere Kontaktinfos und reden und lachen. Der kleine Ivan, der mir noch als Baby in Erinnerung ist, lächelt mich schüchtern an.

Genug Überraschungen? Sorry, eine hab ich noch. Nach der Mittagspause steht in meinem Terminkalender, dass ich im Deins & Meins Gemeinwohlladen vorbei schauen will, um einen Platz für meine weihnachtlich angehauchten Wesen auszukundschaften. Also schnappe ich mir Mohammad und einige Visitkarten und wir statten der freundlichen Ladenhüterin einen Besuch ab. Der Gemeinwohlladen ist nicht irgendwo in der Postgasse. Natürlich nicht. Sondern unmittelbar daneben! Wie blind ich bin, ich habe doch die Fassade von außen fotografiert. Ich stelle vor, mache bekannt, erzähle die Geschichte der Familie und lade zum nachbarschaftlichen Austausch ein. Als meine Freundin und Betreiberin des Gemeinwohlladens, Ingun, gegen Abend tatsächlich auf einen arabischen Kaffee vorbeischaut, ist das Hallo groß. Mohammad und Hasan waren bereits bei den Tagen der Zukunft in Arnoldstein dabei, dort haben sie sich kennengelernt. Die Welt ist so klein und es tut so gut zu sehen, wie die schon gebauten Brücken gestärkt und genutzt werden. Ammar und Bakir stehen plötzlich vor mir, strahlen mich an. Ammar wartet noch immer auf seinen Bescheid, es ist unfassbar! Der irakische Theatermann, der bei unserer Bürgertheateraufführung so sehr glänzt, zittert immer noch, ob er in Österreich bleiben darf…

Als ich am Abend ganz bewegt von all den Gesprächen, Eindrücken und dem Gespürten in ein Philharmoniekonzert im Villacher Konzerthaus gehe, fällt mir noch aus den Augenwinkeln der Barbier auf, zwei Haustüren nach der Änderungsschneiderei. Diese Postgasse mit den gerade noch sterbenden Geschäften lebt wieder! Ich freue mich so auf meinen Puppenmacherkurs nächstes Wochenende in der VHS Villach. Ich weiß, wo ich meinen arabischen Morgenkaffee mit Cardamom trinken werde. Und ich bin gespannt, wen von euch ich im arabischen Kaffee treffe!

Wege durch den Wald

Ein bewegter, aufregender, arbeitsamer Sommer geht mit dem ersten Schultag unseres Jüngsten zu Ende. Schon Montag Morgen zwei Meetings. Die drei M’s tun mir erstaunlich gut. Aha, Struktur, welcome back! Ich krame den verstaubten Kalender hervor, trage Termine ein und nach. Die Arbeit macht mir Freude, es fühlt sich richtig gut an, wieder in die Werkstatt und mein Dasein als Künstlerin zurück zu kehren. Neun Wochen grobe Hilfsarbeitertätigkeiten für mein neues Atelier sind genug. Vielleicht schaffe ich es noch vorm Winter mit dem Einziehen. Vielleicht auch nicht. Mein Liebster hat auch schon genug – wir werden unsere Energie nicht überstrapazieren. Niemand steht mit der Peitsche hinter uns, der Raum ist wind- und wasserdicht, was wir jetzt noch schaffen, ist leicht von innen zu erledigen.

Heute Morgen beschließe ich, endlich etwas für mich und meine Gesundheit zu tun und den Waldspaziergang zu machen, den ich seit neun Wochen konsequent verschiebe. DIE Hitze. DIE Baustelle. DER Sami. Schluss jetzt. Als ich zur Tür hinaus gehe, freut sich Katzenmama Minnie und will mich mit ihren sechs Jugendlichen begleiten. Ich habe alle Hände voll zu tun, allein los zu marschieren und rette mich mit einem Sprint durch die morgennasse Wiese. Puh, Kondition fühlt sich anders an. Ich hab ganz schön zu tun, wieder normal Luft zu kriegen. Super, die Schuhe sind waschelnass. Umkehren? Oh nein, ich habe die Katzen ausgetrixt, dieses Mal gehe ich eben mit nassen Füßen.

Schräg leuchtet die Sonne durch den wunderschönen Mischwald, den unser Nachbar hingebungsvoll hegt und pflegt. Seit dem letzten Spaziergang hat sich viel getan. Neue Lichtungen wurden mit frischen Ahorn- und ganz besonderen Eichenbäumchen bepflanzt, mit Esche und Birke und verschiedenen Nadelgehölzen. Der Boden zieht sich gerade selbst eine Erdbeerblätterwiese an, nächstes Jahr werden die Himbeeren als Folgepflanze alles zuwuchern. Ich besuche meine Lieblingsfeenplätze, ein paar neue kommen dazu. Das alles im Morgenlicht, das zart und hell durch das gar nicht herbstlichbunte sondern frühlingsgrüne Blattwerk leuchtet. Ein Traum. Mein Herzschlag ist jetzt schmerzfrei, ich atme tief und ruhig. Wald, du beste Therapeutin von allen! Natürlich habe ich die Kamera dabei. Wie gut es tut, allein zu gehen. Nicht zu reden. Zu spüren. Zu atmen. Den Gedanken beim Denken zuhören und sie wieder ziehen lassen. Schwere Gerätschaften der Waldarbeiter haben tiefe Furchen in den Wegen hinterlassen. Allesamt hundertprozentig mit Wasser gefüllt. Ich hüpfe und springe von Gatsch- zu Grasfläche, um nicht davon zu schwimmen. Das sind definitiv nicht die richtigen Schuhe. Kein Wunder, dass seit einer Weile kaum mehr Wanderer am Haus vorbei kommen. Aber so ist das eben mit der Waldwirtschaft, die Zeit der Holzarbeiter mit Hacke und Säge ist vorbei.

Ein junger Rehbock huscht davon, als er mich mit der Kamera herumtanzen sieht. Ein großer Feldhase duckt sich in sein Versteck und wartet, ob sich die Flucht vor mir lohnt. Eichelhäher, Tauben und Krähen flügeln klatschend zwischen den Bäumen herum und warnen die anderen Waldbewohner vor mir, dem Eindringling. Specht und Kleiber zerklopfen morsche Baumrinden auf der Suche nach essbarem Eiweiß. Das Kunstprojekt #forforest im Klagenfurter Stadion fällt mir ein. Bäume im Topf in einem Fußballstadion, nur von den Rängen aus zu bestaunen, wie wilde Tiere im Zoo. Ich mag das Projekt, passt es doch so perfekt in unsere Zeit, weil endlich ein erschrockenes Bewusstsein für diesen ausgebeuteten Planeten erwacht, der unser aller Lebensbasis bildet. Und mehr mag ich dazu gar nicht sagen. Gestern all die Fotos auf social media und in den Onlineportalen, die „Ich-war-da-Selfies“ der Besucher. Dieser künstliche Wald bewegt, provoziert, macht nachdenklich. Ein toller Künstler sagt mir einmal, Kunst sei nicht die Natur, sondern das, was wir durch unseren Eingriff daraus machen. So definiert sich wohl auch dieses Projekt. Wie immer regt sich hier draußen in der Natur mein Widerstand. Diese schönen Formen des frühlingshaft frischen Farns, das tolle gefärbte Springkraut mit seinen Körbchen, die alte knorrige Eiche, die ihre abgestorbenen Äste in unnachahmlicher Komposition in den Wald hinein streckt. Der kleine Fliegenpilz, der sich aus dem Moos reckt. Ich verstehe heute gut, was dieser Künstler gemeint hat. Er hat so Recht, es ist seine Wahrheit. Für mich ist die Natur der größte Künstler. Ich kopiere sie. Beide Sichtweisen haben Platz auf diesem Planeten. Und noch ein paar mehr.

Ich spüre tiefe Dankbarkeit, dass der Waldbesitzer hier so viel Umsicht und Pflege walten lässt. Abseits der tiefen Furchen bilden Moose und weiche Gräser eine grüne Schicht, die die schlammigen Wunden verbinden. Der Wald wird sich von den Eingriffen erholen. Immerhin pflanzt Mensch hier alles in neuer Vielfalt nach, was der Borkenkäfer und seine Freunde und die Menschen entsorgen. Es gibt hier kaum mehr Monokulturflächen. Und ich beschließe, dass diese Spaziergänge zu einem regelmäßigen Ritual werden sollen. Inklusive Morgenseiten. Doch das ist eine andere Geschichte, die ich ein anderes Mal erzähle.

Alte Türen für neue Eingänge

Eine liebe Bekannte hat vor ein paar Tagen darüber geschrieben, dass sich manche Türen im Leben schließen, damit sich andere öffnen. Und was für ein Glücksfall das manchmal ist. Auch wir haben heuer leichten Herzens eine Tür geschlossen, als wir auf unsere Sommer-Teilzeit-Hippie-Reise verzichten. Es passt einfach so gut in unser Leben, zu bauen und den Sommer hier vor Ort zu genießen. Kein Stundenplan, wenig berufliche Termine, Urlaub in Kärnten. Wir werden dafür seit Wochen vom Leben beschenkt. Sami ist megakreativ und tobt sich in vielen Richtungen aus. Wir bauen und schleifen und schrauben und tüfteln und malen. Heute beim Schleifen, Grundieren und Lackieren der zukünftigen Studiotüre wird mir erst bewusst, wie sehr dieses Bild der Türen zu meinem Leben passt. Wir hatten ja eine Tür in Aussicht, eine schöne aus Holz. Doppelt isolierverglast, geschenkt und sie sollte sogar bis zur anderen Haustür gebracht werden. Ein bisschen groß vielleicht für mein zartes Gartenstudio, aber auf jeden Fall dicht und kälte- und windabweisend. Und eine weitere Lichtquelle aus Nordwesten. Doch oft kommt es im Leben anders als mensch denkt. Ich grummle ein bisschen vor mich hin. Dann tue ich das, was ich meistens tue, wenn ich etwas nicht lösen kann – ich rede darüber, frage nach, ob wer was oder wen weiß.

In dieser speziellen Situation meldet sich meine Schwester Angelika aus dem oberösterreichischen Mühlviertel. Auch sie ist heuer mitten in einer Riesenbaustelle. Sie baut für eine Freundin aus, die das schöne alte Haus mit ihr teilen wird. Und tja, eine sehr, sehr alte Scheunentür mit Stock vom Schafstall bleibt übrig. Zufällig ziemlich genau die Maße, die ich suche. Zufällig will sie sie auf keinen Fall wegschmeißen. Und zufällig ist sie eine Woche später am Weg nach Kärnten und bringt mir das edle, alte Teil dieses Wochenende mit.

Diese Fahrt mit dem gewaltig schweren Teil in unserem Auto wird mir mein restliches Leben mahnend in Erinnerung bleiben. Ich muss mein ausgetüfteltes, gebundenes Vorhangsystem mit all seinen Raffinessen vollkommen abbauen, um die Türe halbwegs ins Auto zu bekommen. Alles geht gut, trotz Ächzen, Scheuern und herabrieselnder Schafstallreste. Und hart an den großzügig in diesem Auto verteilten Seitenairbags entlang. Nie wieder transportiere ich auf diese Weise einen Türstock mit Türe. Dieses Auto könnte Geschichten erzählen…

Als wir den noch unbehandelten Türstock in die Türöffnung stellen wissen wir – das ist es einfach. Diese Tür passt wie angegossen zu diesem Studio. Fast tut es uns leid, dass wir doch einiges der Patina abbürsten und übermalen werden, das verwitterte graue Holz ist wunderschön. Aber staubtrocken und nicht winterdicht. Also Upcycling as usual. Das kleine Fenster werden wir durch ein Isolierglasfenster ersetzen – yeah, Licht! Innen wird die Tür mit Isoliermaterial gedämmt und bekommt eine zweite Platte. Ich grundiere heute den ganzen Tag den Türstock und die Außenseite der Haustüre. Als dritten Anstrich bekommt das edle Stück einen englischen Anstrick mit einer Farbe, die abgelaufen nach Topfen riecht, aber noch immer ausgesprochen gut deckt. Das kennen wir schon, riecht ein paar Wochen arg streng und verflüchtigt sich irgendwann. Alexander baut in der Zwischenzeit am Rahmen des riesigen Westfensters, das immer mehr wie eines dieser schönen englischen Schaufenster aussieht. Und mir fallen die tollen Kreideglaszeichnungen ein, die wir im Vorjahr im Geschäften im Lake District am Weg nach Schottland an den Auslagenfenstern gesehen haben. In und um diesen Raum werde ich mich nicht nur textil sondern auch zeichnend und malend austoben.

Habe ich übrigens erzählt, dass wir bei einem Baufachmarkt grade noch lebende Pflanzen aus einem Container gerettet haben? So ein Glücksfall! Nun bin ich endlich stolze Betreuerin einer leicht ramponierten Cosmea, die mich mit meinem verstorbenen Vater verbindet, und die mir heuer sowas von abging. Einer traumhaft schönen nur schon verblühten Hortensie, die nach der Außenfertigstellung beim Stiegenaufgang zum Studio einen Schattenplatz bekommt. Einer riesigen Eisenhutpflanze, die seit ihrem Rückschnitt zwar mit den Schnecken kämpft (die mit Haus), aber wieder austreibt. Und diversen Iris- und Liliengewächsen, an die ich im Container hängend noch rangekommen bin. Ich sage Danke Leben. Und Leute, gebt einfach Bescheid, wenn ihr solche tollen Lebewesen los werden wollt, ein Hinweisschild genügt. Wir kommen gerne und bringen auch noch jede Menge Helfer mit und schenken euren verwelkenden Pflanzenwesen bunte, wilde und üppige Gärten, in denen sie sich erholen können. Insekten und alle möglichen anderen Lebewesen und vor allem wir freuen uns über neue ZwanderInnen!

August und ein Geburtstag

Habt ihr auch das Gefühl, dass es herbstelt? Birke und Kirsche werfen gelbe Blätter ab. Jeden Morgen, wenn ich über die neu gebaute Außenstiege meines immer weiter entstehenden Studios steige, liegen da neue, raschelnde Blätter. Außenstiege. Richtig gelesen. Keine wackelige und halbmorsche Hühnerleiter mehr. Und weil heute mein jüngster, kräftiger Sohn zum gemütlichen Sonntagsfrühstück vorbei schaut und uns hilft, kommen wir mit dem Einbau der upgecycelten Fensterscheiben, den fixen und denen mit Stock, gut weiter. Von sieben Fenstern sind nun fünf an Ort und Stelle, werden noch eingerichtet und dann verbrettert. Morgen kommen zwei weitere hinzu. Und nächste Woche kommt statt der versprochenen Eingangstüre eine Scheunentüre aus Oberösterreich, die mit ihren zarten Maßen und ihrer kleinen Scheibe perfekt in dieses kleine Außenstudio passen wird. Diese Art von Arbeit fordert mich ganz anders als das Entwerfen und Herstellen von textilen Skulpturen oder Stoffpuppen. Wir kommen viel langsamer voran, als ich mir das Anfang Juli gedacht hatte. Auch nicht wirklich was Neues für mich. Denken geht immer schneller als Tun. Ich spüre meine Wirbelsäule, ich spüre Muskeln an Körperstellen, die ich vergessen hatte. Ein Balken im Eingangsbereich ist mir sehr recht. Ich hänge dort gern ab, um meine Wirbel daran zu erinnern, was sich für sie gehört. Wir schwitzen. Trinken literweise Wasser. Ich bin nun Semiprofi in Hilfsarbeiten an der Kappsäge, im Zureichen der richtigen Schrauben mit noch richtigeren Bits. Ich lackiere schöner als vor fünf Wochen, auch wenn mein Baustellenleiter noch immer nicht zufrieden ist. Lack ist anders als Acrylfarbe. Vielleicht hab ich ja im September den Pinsel besser im Griff. Ich habe freiwillig die Aufgabe übernommen, auf der Baustelle für Ordnung zu sorgen. Deshalb bleibt uns auch kein Restelholz übrig. Meine Fotografenaugen und ich, wir finden jedes passende kleine Brettchen für Ecken und Abschlüsse. Auch wenns schon in die Brennholzschachtel gewandert ist. Wir hupfen in Sami’s Pool, wenn vor lauter Hitze gar nix mehr geht. Oder zergehen vor Liebe zu unseren Katzenbabies, die uns nun schon ganz frech auf der Baustelle besuchen kommen.

Ach die Katzen. Aus den sechs getigerten, rattengroßen Fellknäueln sind sechs höchst unterhaltsame, anspruchsvolle und fröhliche Familienmitglieder geworden. Mama Minnie ist in den Stillpausen vor ihnen nicht mehr sicher, sie turnen überall herum. Alles, was sich bewegt, wird attackiert. Im alten Nest in der Holzscheune hat sich Frau Igel zu ihnen einquartiert. Sie teilen ihr Futter miteinander. Nächste Woche kommen zwei Menschen, um sich weitere Katzen auszusuchen. Mindestens eine wollen wir behalten. Sami ist dauerbeschäftigt, die zutraulichen Seelchen haben ihn voll als einen der ihren akzeptiert.

Es gibt auch dunkle Wolken im Paradies. Ein entsetzlicher Autounfall vor einer Woche ganz in unserer Nähe macht einem klar, wie schnell das Leben zu Ende sein kann. Egal wie alt man gerade ist. Jemand setzt autofahrend eine Handlung, du bist gerade in der Nähe, es kracht. Und tja, das war es dann. Ein paar Stunden später vergifte ich mich mit Pflanzensamen einer meiner Lieblingspflanzen, die im Frühjahr zu meinen favorisierten ersten Wildkräuterpflanzen zählt. Jetzt hat sie in den Samen offensichtlich so viel Saponine, dass mein Stoffwechsel mit einer großangelegten Reinigung reagiert. Mein Magen spinnt noch ein wenig, die Verdauung erholt sich ganz langsam. Ich werde vorsichtiger und bin unendlich dankbar, dass es nur mich erwischt, meine Männer reagieren nur ganz schwach. Nebenbei ernte ich täglich mir gut bekannte Blüten und Blätter, die im Solartrockner vor sich hin rascheln und unseren sonnigen Wintertee ausmachen. Ganz ohne Experimente. Keine Lust, weitere Warnungen à la „Into the Wild“ zu erhalten. Aktuell trocknen Teerosen, Königskerzenblüten, Eibisch, Ringelblume, Aloisienkraut, Minze, Thymian und Rosengeranie vor sich hin. Die Lavendelblüten sind bereits in eine Schachtel gewandert, ich habe große Ambitionen, ihren wundervollen Geruch in textilen Figuren an euch weiterzugeben. Kommt Zeit, kommt Idee. Hab ich schon gesagt, dass ich es kaum erwarten kann, zurück in die Werkstatt zu dürfen? Mir fehlt das Nähen, das Filzen und das mit den Händen spüren, wie sich Wesen entwickeln. Bald…

Mein Herzallerliebster feiert morgen Geburtstag. Nein, er ist nicht von der Baustelle wegzubewegen, mit gutem Zureden nicht. Mit Drohungen sowieso nicht. Also gibts morgen ein Sommer-Geburtstags-Frühstück – und dann wieder Bautätigkeit im Paradies. Interessiert beobachtet von halbwüchsigen Tigerkatzen, es könnte ja Spielzeug zu Boden fallen. Und ab und zu unterstützt von unserem fast Zehnjährigen, der sich schon wieder auf den Lehrer und seine Freunde, nicht auf die Schule freut. Ein bisschen Zeit ohne Stundenplan haben wir ja noch. Habt noch gute Ferien oder kommt gut zurück aus euren Auszeiten!

Urlaub Daheim

Nein, keine Sorge. Keine Moralkeule nebst erhobenem Zeigefinger, keine triftigen Gründe außer vielleicht dass uns schade ist um das nicht so leicht verdiente Geld, dass im Juli und August ungefähr die Hälfte wert ist, wenn du in genau dieser Zeit auf Urlaub fahren musst. Wir haben nach einem fordernden Juni lange hin und her überlegt, ob wir auf unsere Sommerreise gehen oder nicht. Und – wir bleiben heuer im Sommer da. Uns geht’s erstaunlicherweise blendend. Kein Warten auf die Abreise, kein so schwer wieder Ankommen im Alltag, den wir eigentlich lieben. Nur ein bissel reduziertes Tempo. Wohnen im Wohnwagen, aufstehen mit Vogelgezwitscher, endlich mal ernten, was wir im Frühling säen und was den Frost in den Frühlingsnächten überlebt hat. Beeren vor allem, jetzt verfärben sich langsam auch die Marillen und die Tomaten. Der Wegwarte beim Blühen zuschauen. Die Maracuja bestaunen, die Tag für Tag eine Wahnsinnsblüte öffnet. Frühstücken auf der Wohnwagenterrasse. Dem Hufgeklapper von Pferden nachsinnen, den Katzenbabies beim Wachsen zuschauen. Menschen besuchen, die wir vermissen. Menschen beherbergen, die wir lieben. Dazwischen ein bisschen arbeiten und meine Tiny-House-Werkstatt weiter bauen und die Wohnwägen des großen und des kleinen Mannes adaptieren. In neuen Kinder- und Jugendbüchern zur Rezension lesen, Handpuppenbücher studieren und hoffentlich demnächst eine Figur bauen. Meine gedrahtete Figur aus Filz verfestigen und ins Leben kommen lassen. Dazwischen kurze Anfälle von Panik, dass der kalte Winter sicher demnächst da ist und wir dann heuer nicht unterwegs waren. Oder dass beinah ALLE Puppenmacherinnen auf diesem Planeten genau jetzt Puppen nähen. Bis auf die halt, die unterwegs sind oder Pause machen. Und dann beruhigende Gedanken ans Meer, das drei Autostunden entfernt geduldig auf uns wartet, auch in einem schönen, langen Herbst. Genug der Worte. Zur Social Media Überbrückung meines verlangsamten Gewissens ein paar Eindrücke unseres ersten Ferienmonates, der glücklicherweise noch nicht vorbei ist. Lasst es euch gut gehen. Und ja, unser Paradies ist für entspannte Besucherinnen und Besucher geöffnet!

Das Heute und Tage der Zukunft

Ja, ich habs wieder getan. Ich war bei den Tagen der Zukunft in Arnoldstein, veranstaltet vom Institut für Zukunftskompetenzen. Ich bin seit vielen Jahren entweder Teil des ehrenamtlichen Teams. Oder mit einem Projekt dabei. Oder ich mache beides, bin Teilnehmerin und Projekteinreicherin. Zehn Jahre. Zehn Jahre ist mir diese Seelenfamilie, die jedes Jahr größer wird, ans Herz gewachsen. Und wachse ich mit.

Heuer habe ich zum ersten Mal Schwierigkeiten, drei Tage dabei zu sein. Ein ORF-Interview für unser Puppen-Theater-Projekt lässt sich terminlich nicht anders einrichten als am Freitag Vormittag. Gott sei Dank ist Otto da, ein Kollege, der auch entweder als Coach oder als Fotograf oder als Filmer dabei ist. Er übernimmt meinen Freitag, ohne zu murren.

Heuer ist es für mich anders als sonst. Ist es die Gewohnheit, das Älterwerden, oder eine gewisse Routine? Ich empfinde die zwei ehrenamtlichen Fototage wie eine dringend nötige Auszeit vom Alltag. Tropennächte, glühend heiße Klosterruinenmauern, die Übernachtung im rasch umgebauten PKW, der im kühlenden Schatten großer Ahorne ganz in der Nähe der Klosterruine parkt. Idylle pur. Fotografieren kann ich fast im Schlaf. Meine Intuition funktioniert sowieso besser, wenn der Verstand und mein innerer Kritiker die Klappe halten. Und so bewege ich mich durch den heißen Mittwoch und den noch heißeren Donnerstag. Treffe fotografierend und austauschend alte FreundInnen und WegbegleiterInnen. Begegne Menschen, mit denen der Kontakt vor Jahren abriss. Lerne ganz neue Menschen kennen. Und weiß jetzt, was ein Chairwalk ist! Freue mich von Herzen über die jungen, vielfältigen, engagierten Menschen aus der Villacher CHS und aus der Klagenfurter Waldorfschule. Traut euch, redet, verschafft euch den Raum, gehört zu werden. Es ist eure Zukunft, um die es geht. Wir älteren Erwachsenen können locker einen Schritt zurück treten und euch mit all unseren Erfahrungen und unserem Wissen unterstützen, wenn ihr uns brauchen könnt. Junge Erwachsene gehen sowieso an eurer Seite. Nutzt das Angebot der engagierten Coaches, die euch dabei unterstützen, eure fantastischen Ideen umzusetzen. Und wundert euch nicht, dass einige von uns erst zuhören lernen. Viele Menschen wurden nie gehört. Das Geniale dieser Jahre ist, dass der Wandel begonnen hat. Erst jetzt ist die Zeit reif, auf die so viele seit Jahrzehnten warten. Erst jetzt stellt sich heraus, dass die Ideen der Spinner, der Träumer, der Visionäre der letzten Jahrzehnte euren Träumen von einer guten Zukunft sehr ähnlich sind. Das kann für Ältere echt frustrierend sein. Ich danke euch von Herzen für diese Tage, die ich genießen kann, weil ich sehe, höre und spüre, dass ihr in unserem Sinne übernehmt.

All das Leuchten zu fotografieren, all die Begegnungen, das ist es, warum ich jedes Jahr wieder dabei bin. Ich habe heuer keinen Auftrag, mich an den Fragen zu beteiligen, an der Lösungsfindung. Höre viel lieber zu, was an Ideen da ist, an umgesetzter Realität, an Lösungen, die bereits an die Herausforderungen des Lebens angepasst werden. Ich kaufe mir das aktuelle Buch Der Zukunftskompass meiner Freundin und Institutsgründerin, das sie auf ihren langen Reisen am Boot entwickelte. Die Coaches in Arnoldstein verwenden die zwölf Kompetenzen, die sie in diesem Buch vorstellt. Ich freue mich auf den Videomitschnitt der Abschlusspräsentationen, dort wird hörbar sein, wie diese menschlichen Kompetenzen praktisch anzuwenden und auszubauen sind.

Mit meiner Coachin des Vorjahres unterhalte ich mich über die Entwicklung, die mein Projekt in einem Jahr genommen hat. Von der geplanten ehrenamtlichen Puppenmacherin, die sich noch immer ein bisschen schämt, Puppen zu machen. Zur selbstständigen und zumindest am Papier angemeldeten Künstlerin, die mit visual stories & textile sculptures experimentiert. Ich erzähle ihr von den beinah aufdringlichen Zufällen mit Puppentheater und Co, von unserem genialen Rabenpuppentheater, das ein Stadtentwicklungsprojekt geworden ist. Sie lacht und fragt, ob ich mich eigentlich erinnere, wie mein Pitch aus dem Vorjahr ausgesehen hat. Tja. Ich habe meine beiden mitgebrachten Puppen miteinander reden lassen. Und ich habe das total vergessen! Auch die Ideen meiner damaligen Mitgeherin, die immer nur von Puppentheater redete, der meine Puppen zu sehr weibliches Handwerk und deshalb gar nie so richtig angenehm waren. Und jeder, dem ich in Arnoldstein erzähle, dass ich Spundus habe vor Theater und der Kombination Puppen und Theater, lacht mich fast aus. Es scheint mal wieder allen anderen klarer zu sein als mir, dass das mein Weg ist. Grad und weil ich aus (m)einer weiteren Komfortzone raus müsste. Ich spüre, dass der Widerstand verpufft…

Eine abschließenden Geschichte rund um meine Erlebnisse mit Puppentheater habe ich noch. Es war einmal vor ziemlich genau zwei Wochen, es können auch ein paar Tage mehr vergangen sein. Die wunderbare Andrea schenkt mir eine aus Tschechien importierte Marionette, die die Größe eines sechs Monate alten Kindes hat. Bei genauerem Zerlegen stellt sich heraus, dass diese bezaubernde Stoffpuppe vor allem aus Schaumstoff und PU-Schaum besteht. Alles ist handgemacht, jede Naht, jeder Schnitzer am Körper und am Kopf. Ich entwickle den Ehrgeiz, dass so eine Marionette auch aus Schafwolle machbar sein müsste. Außerdem borgt mir Andrea ein Buch, das 1966, in meinem Geburtsjahr, in vielen Sprachen zugleich veröffentlicht wird. „Puppentheater der Welt“, von Professor Jan Malik aus Prag. Ich trage es ständig mit mir herum und hüte es wie einen Schatz. Die mich kennen, wissen schon – meine mütterlichen Wurzeln werden wieder genährt. Meine multikulturelle Seele jubelt auf. Als ich im Buch blättere, begeistern mich nicht nur die Fotos unterschiedlichster Wesen. Diese Wesen wurden aus allen Ländern dieser Erde zusammengetragen. Im Jahr 1966! Zusammengestellt von der Union Internationale des Marionettes (UNIMA), die es ebenfalls noch gibt, auch mit einer Vertretung in Österreich. Von Puppentheater und Tschechien ganz zu schweigen, unsere Nachbarn haben das noch locker drauf. Ich sehe auch an meinen russischen Instagram-Favoriten, dass Osteuropa die Puppenmachertradition nie aufgegeben hat. Die tschechische Stoffpuppe sitzt mir derzeit gegenüber und schaut verständnisvoll. Abwartend. Sie fremdelt ein bisschen, so wie ich, wenn ich mich an eine neue Umgebung gewöhne. Danke liebes Leben, für diese so offensichtlichen Zufälle, die du mir brotkrumenartig auf meinen Weg zu mir selbst streust. Und danke Andrea, für deine Großzügigkeit und deine kluge Intuition!

Grenzüberschreitender Muttertag

Niemals regnet es bei dieser Veranstaltung. Sagte Michel von der Plattform Mittelkärnten vor ein paar Wochen. Dass es dann real wie aus Kübeln schüttet, verblüfft uns alle. Regen heißt in Schottland „liquid sunshine“. Und so war es auch an diesem Wochenende. Es war eine der schönsten Begegnungen mit KünstlerInnen und VeranstalterInnen für uns. Grenzüberschreitend und herzwarm. Doch ein bisschen der Reihe nach.

Am Samstag meiden wir wie üblich die Autobahn und fahren gemütlich übers Kanaltal und entlang des Tagliamento in Richtung der Provinz Treviso. Pordenone begeistert uns einmal mehr mit seinem südlichen Flair und seiner Lebendigkeit, mit seinem bunten Lebensmittel- und Kleidermarkt und den gepflegten Parkanlagen. Zum zweiten Mal kommen wir durch Vittorio Veneto und versprechen uns, beim nächsten Mal endlich auszusteigen und uns dieses beeindruckende Stück Altitalien zu gönnen. Dieses Mal müssen wir rasch weiter. Wir beziehen unser Luxuszimmer am Revine Lago. Werden wegen einer Hochzeitsgesellschaft in ein Appartement abseits vom Trubel gebracht. Und staunen, wie toll hier alte Balken und Hölzer in ein einladendes, cooles Raumdesign verarbeitet wurden. Bis jetzt hat das Wetter halbwegs gehalten. Doch nun beginnt es zu schütten. Wollen wir hoffen, dass das dem Hochzeitspaar wirklich Glück bringt. Für das erste Kennenlernen lesen wir von einer cantina in San Pietro di Feleto (TV). Wir fahren aus dem Regen hinaus in die sonnigen Weinberge. Zypressen und sanfte Hänge, wohin das Auge reicht. Wir fühlen uns wie in der Toskana. Und stellen fest, wir sind in einer echten Prosecco-Region gelandet. Zwei absolut ungeübte Alkoholtrinker. Das kann ja berauschend werden.

Als das Ortsendeschild von San Pietro vor uns auftaucht, finden uns recht zufrieden damit ab, dass wir dieses Mal sicher keinen Wein testen sondern direkt zur Konferenz fahren werden. Da biegen unsere Scouts Michel und Mara ums Eck. Im Konvoi fahren wir zum Bürgermeisteramt. Eine Projektleiterin nimmt uns mit und wir kosten den ungezuckerten (!) Prosecco, der überraschend hervorragend schmeckt. Die frische Salami und der Parmesan verpassen dem Alkohol eine gute Unterlage. Die grenzenlose Konferenz, an der auch ein Vertreter aus Gmünd teil nimmt, ist sprachlich auf Italienisch begrenzt. So schade. Mein Französisch reicht nicht aus, um alle Details zu verstehen. Doch wir bekommen mit, dass dieses Stream-Projekt, für das wir eingeladen wurden, genau zu uns passt. Kunst und Handwerk im ländlichen Raum, erstaunliche Entwicklungen durch ehrenamtliche Initiativen in kleinen Ortschaften, die mich an die Anfänge der Künstlerstadt Gmünd in Kärnten erinnern. Wir wissen bereits beim Betrachten der Präsentationen, dass wir uns die nächsten Monate an den Wochenenden in vielen kleinen Ortschaften Norditaliens herum treiben werden. Ein sehr spätes Abendessen, viel Austausch und Gelächter mit unseren neuen Kolleginnen und Kollegen, Sturm und Gewitter und ein gut geheiztes Zimmer bescheren uns eine kurze Nacht, bevor wir am Sonntag nach einem fulminanten Frühstück unseren künstlerischen Einsatz haben.

Am Muttertag hat der Revine Lago mindestens Hochstand. Das Wasser schwappt bereits in den wunderschönen archäologischen Park mit seinen gepflegten Lärchen-Pfahl-Bauten, ich komme mit dem vollgepackten Auto grad so durch die Pfützen zu unserem trockenen Arbeitsraum. Mit vier KünstlerInnen aus der Region machen wir künstlerisches Muttertagsprogramm für Familien. Eigentlich rechnen wir nicht damit, dass irgendwer bei dem Wetter einen Fuß vor die Türe setzt. Aber wir täuschen uns. Immer wieder tauchen Besucher mit Gummistiefeln und Regenmänteln auf. Wir reden mit Händen und Füßen, radebrechen auf English und mit den wenigen italienischen Brocken, die uns zur Verfügung stehen. Die italienischen Kinder, die dieses Mal unsere Gäste sind, kommen gemeinsam mit ihren Eltern in den Genuss einer Ein-zu-Eins-Betreuung von Alexander und mir und gehen mit ihrer bunten Stoffpuppe zur nächsten Station, der Mosaikkünstlerin Carolina Zanelli. Wir lernen anhand der Kinder viel über logische Arbeitsabläufe bei Puppenworkshops. Eine Mutter erzählt mir, dass sie gemeinsam mit ihrer Mutter und später mit der Großmutter Puppen hergestellt hat. Hier bei uns fällt es ihr wieder ein. Sie begeistert sich so sehr für diese einfachen Bindetechniken der Ragdoll. Eine andere Künstlerin erzählt mir von einer Puppenmacherin in Tramonti di Sotto. Dieser Ort und seine Mosaikexperimente stehen ohnehin ganz oben auf unserer aktuellen Wunschliste. Sie will uns miteinander bekannt machen. Der Korbflechter wird von Groß und Klein ebenso besucht wie der Portraitmaler und der junge Siebdrucker. Als wir den nassen aber wunderschönen Platz verlassen, gehen wir mit dem guten Gefühl, Wesensverwandte getroffen und Brücken über die Grenzen zwischen diesen Ländern der auslaufenden Alpen gebaut zu haben. Wir kommen bald wieder!

Nachruf und mehr

Als mir eine gemeinsame Bekannte vor ein paar Wochen die Parte wegen des plötzlichen Todes meiner Fotografenkollegin und langjährigen Bekannten Karin schickt, zieht es mir den Boden unter den Füßen weg. Zwei erwachsene Kinder, die die Mutter verlieren. Das ist etwas, was ich kaum ertrage. Eine Künstlerin durch und durch, deren Weg von heute auf morgen zu Ende ist. Ganz so plötzlich ist es nicht, enge Vertraute wissen um die Details ihrer Auseinandersetzung mit einer schweren Erkrankung. Zu denen zähle ich mich nicht, ich habe mir nur einiges zusammen gereimt. Ich bin froh und dankbar zu hören, dass Menschen in diesen letzten Monaten für Karin da sind. Eigentlich bin ich heute mit meiner Mutter in Ljubljana, will ein Glas Prosecco auf Karin zu trinken, wissend, wie gern sie dort war und fotografierte. Das Leben entscheidet anders. Wegen des auch in Slowenien strömenden Regens bin ich in Kärnten. Als wir heute im Klagenfurter Friedensforst mit einer Handvoll gemeinsamer Freunde und Bekannter über unsere unterschiedlichen Begegnungen mit Karin reden, wird sie noch einmal lebendig, höre ich sie lachen und reden. Was für ein schöner Ort an der Sattnitz. Karin’s Urne ruht neben einer jungen Buche in diesem lichten Grün, das Buchenwälder so an sich haben. Ein vom Tod von Karin vollkommen überraschter gemeinsamer Freund gibt sich einen Ruck. Sagt mir, dass er unregelmäßig meinen Blog liest und dass ich ihn mit meinen Worte erreiche. Und wie gern er Karin doch sagen würde, was er an ihr so schätzte. Dass wir so oft darauf vergessen, den Lebenden zu sagen, was wir an ihnen lieben. Sie lebt weiter. In ihren wunderschönen Kindern. In ihren eleganten und berührenden Fotos von Menschen, die sie unvergleichlich bearbeitete. Sie hat unsere Hochzeit vor vier Jahren mit berückend schönen Fotos eingefangen, ich hätte niemand anderen gefragt. Sie lebt weiter in ihrem Fotoprojekt mit Sternenkindern. In ihren selbst gebauten Musikinstrumenten, ihrer Musik. In so vielen Begegnungen und Auseinandersetzungen mit Menschen, von denen ich keine Ahnung habe. Ich bin traurig. Traurig, weil eine so talentierte Frau so früh geht. Weil wir einander nie mehr wiedersehen und uns nicht mehr austauschen können über unser Lieblingsthema Fotografie. Weil ich sicher auch viel zu wenig ausgedrückt habe, wie sehr ich dich und deine Kunst schätze. Danke, dass du in meinem Leben warst.

Was heute stark in mir nachschwingt ist Dankbarkeit. Und die Absicht, meinen  Freundinnen, Freunden und Weggefährten öfter zu sagen, was ich an ihnen so liebe und schätze. Dankbarkeit für die letzten drei prägenden Jahre, die mich verändert haben. Dankbarkeit für eine stetig wachsende Familie. Dass wir uns lieben und das immer wieder zum Ausdruck bringen.

Die letzten Tage meines persönlichen Lebens waren so angefüllt mit Begegnungen, mit Geschenken, mit diesen Zufällen, die das Leben uns in den Weg streut, damit wir unsere Bestimmung begreifen und ihr auch wirklich folgen, weil ein Zähnchen ins andere greift. Elizabeth Gilbert beschreibt das in ihrem Buch „Big Magic“ so genial.

Seit gestern weiß ich, dass der erste Kurs für selbst hergestellte Stoffpuppen im Oktober unter meiner Leitung stattfindet. Ich weiß noch nicht genau wo, aber auch das wird sich finden. Im gestrigen Gespräch mit einer Puppenmacherin habe ich letzte Bedenken über Bord geworfen, dass ich das nicht selbst anleiten kann. Ich kann. Und ich werde. Worauf soll ich noch warten. Das Ferlacher OTELO hat voriges Jahr von der Klagenfurter Waldorfschule eine große Materialspende kompakter Vlieswolle für genau diesen Zweck bekommen und sie nicht komplett aufgebraucht. Der Rest des Materials wandert nun großzügigerweise in unseren Verein. Damit habe ich überhaupt nicht gerechnet. Für jene Menschen, die sich das Material nicht leisten können und mit mir diese Stoffpuppen im Tun beforschen und praktisch erlernen wollen. Danke Monika, danke Laetitia, danke Hemma und Maria Regina, dass ihr mich so unterstützt. Danke auch dir, liebe Karin, dass du mir vor ein paar Monaten gesagt hast, wie schön du meine Puppen findest. Ich habe das tief in meinem Herzen aufbewahrt.