Miteinander feiern, why not?

Es ist halb Acht Uhr Morgens. Die Fotos für die Presse sind seit gestern bei unserer PR-Frau Bettina, damit ich jetzt Zeit und Muse habe, das Baustellenfest, aus dem ein Begegnungsfest wurde, Revue passieren zu lassen. So viele Eindrücke. So viele Menschen. So viele Emotionen und nächste mögliche Schritte. Überwältigend und schön zugleich.

Why not? So hieß das Laufhaus, das vielen Waidmannsdorfern noch gut in Erinnerung ist. In dem jetzt Maximilian mit seiner Fassl-Bar wirkt. Und hinter dem sich eine Kegelbahn versteckt, in der wieder Bewegung entsteht. Why not ist unser Arbeitstitel für alles, was sich rund um die alte Kegelbahn und das leerstehende alte Bauernhaus tut.

Die Studies und ihre Dozenten. Sie waren gestern schon vor uns in der ausgeräumten Kegelbahn. Und hatten alles dabei, was es für eine gelingende Ausstellung in dieser rauen Umgebung braucht. Helle Baustellenlampen, funktionierende Kabel, wunderschöne handgefertige Modelle von Visionen für den Platz, weiße Präsentationsplatten, Laptops voller Abläufe und Beschreibungen, tolle Plakate und riesige ausgedruckte Phasenpläne. Und jede Menge Wach-Sein. Das ist es, was mich an dieser Welt der Architektur nachhaltig inspiriert. Nicht nur, dass diese jungen Menschen von überall her auf diesem Planeten kluge Ideen haben, was sie aus Altem machen könnten. Und handwerkliche Fertigkeiten, die nichts mit dem Studium zu tun haben. Sondern dass sie kreativ und empathisch und achtsam vorgehen. In der Lage sind, auf verändernde Situationen einzugehen. Wir haben ihnen in unserer Begeisterung, so schnell als möglich Räume fürs erbetene Socializing zu schaffen, viel zu viel „Altes“ entsorgt. Es war bezeichnend, dass sie sich gestern vorwiegend in einem sehr alten und von uns wenig beachteten Raum des Bauernhauses aufhielten und auf den eigentlich unbequemen Fassl-Bänken hockten, die wir nicht entsorgt sondern gereinigt und aufgebaut hatten. Wenn ich mir rückblickend anschaue, wie unsere erste Präsentation im Winter bei VOBIS war, als wir miteinander starteten, dann an die zweite Präsentation an der FH in Spittal denke und mit der gestrigen vergleiche, dann sehe und spüre ich, was für einen intensiven gemeinsamen Weg wir bereits miteinander gehen. Ich freue mich darauf, mit euch im Sommer vor Ort zu sein. Und zu feiern. Und zu träumen, was wir noch alles umsetzen können. Wir haben noch lange nicht ausgeredet, jetzt geht es erst richtig los. Und Danke für den tollen Film, den Adnane von der gemeinsamen Zeit gemacht hat, für mich ist er jetzt schon Kult! Danke euch wundervollen Dozenten, die diese spürbare prozessuale Entwicklung des sozialen Bauens so hochprofessionell begleiten und immer wieder herunter auf die Erde holen. Danke für eure Formulierungen, eure großartigen Ideen für die Zukunft. Ich liebe dieses Miteinander, das meine gewohnte Sichtweise sprengt.

Die Helfer. Wo wären wir ohne euch? Wir wären wahrscheinlich entweder noch auf Raumsuche. Oder stünden ratlos vor einem möglichen Raum, der vollgestopft ist mit Altlasten und derzeit gerade nicht Benötigtem. Danke für euer tatkräftiges Anpacken, Ausräumen, Hin- und Herschleppen, Putzen und Reparieren, Kochen und Tanzen, Beraten und Dasein, wenn mal alles zu viel wird. Und Danke all den neuen Menschen, die schon am Vormittag vorbeigeschaut haben, weil am Nachmittag und Abend so viele andere Termine stattfanden. Ganz bestimmt tun wir miteinander weiter, wir freuen uns auf euch!

Die Kooperationspartner. Danke an das Besitzerpaar, das Michael vertraut und uns tun lässt, Danke fürs Kennenlernen gestern. Das war mein persönliches fehlendes Puzzleteil. Dann Konrad vom Verein „Das Lastrad“. Konrad war gestern durchgehend mit Radreparaturen beschäftigt. Er spricht nicht viel, er macht. Wenn ich ihn richtig verstanden habe, waren es zwölf Fahrräder, die er gestern richten konnte. Natürlich hat er auch unserer kleinen Freundin Amina Luft in einen Kinderradreifen gepumpt, als sie ihn darum bat. Konrad eben. Auch so ein Macher ist Maximilian vom Nachbarlokal Fassl. Danke, dass die Bewirtung mit Getränken durch deine Leute so reibungslos geklappt hat, und Danke auch für euren Besuch bei der Ausstellung! Dann Klaudia mit ihrer beeindruckend flexiblen internationalen Tanzgruppe „EinAnder“. So viel Begeisterung, Lebensfreude und Symbolik des Gemeinsamen ist ansteckend und zeigt genau das, wofür wir uns auf den Weg gemacht haben. Danke liebe Elke von Best of the Rest, dass du uns diese Riesenmengen an Geschirr und Besteck geliehen hast. Und Danke an die Menschen in den Büroräumen des Landes Kärnten, die uns in den letzten Wochen mit Rat und Tat zur Seite standen, dieses Projekt so zu beschreiben, dass es auch jene verstehen, die nicht direkt darin involviert sind. Niemals hätte ich mir vorgestellt, dass wir so aneinander und miteinander wachsen können. Auch wir aus der Startgruppe wachsen zu einem Team zusammen, lernen einander immer besser kennen und wissen langsam um unsere Stärken, Ecken und Kanten. Ganz schön vielseitig und ganz schön lebendig. Gruppe ist eine Riesenchance, viel über sich selbst zu lernen. Niemals reibungslos. Aber nicht zum ersten Mal in meinem Leben absolut bereichernd.

Und ein abschließendes Danke an euch Besucherinnen und Besucher gestern. Für uns war das der erste öffentliche Auftritt aus unserer „geschützten“ Ideenwerkstatt der letzten Monate. Danke für euer Feedback. Eure Bitte, das über den Stadtteil hinaus zu tragen, was wir hier vorhaben. Für eure Angebote, euch einzubringen, eure Bereitschaft, mit uns weiter zu gehen. Und dass ihr die ungewohnt kalten Temperaturen, Leute, es hatte am Abend nur mehr 15 Grad Celsius, ausgehalten habt. Es wird Zeit, dass unsere Decken fertig genäht werden. Dieser Sommer spielt alle Stückerln. Wir sichten und ordnen in den nächsten Tagen, welche Schätze es durch euch zu heben gibt. Und wie wir euch von Herzen gern einbinden.

Sprecht jeden von uns an, wenn ihr die Ausstellung der Studierenden selbst erleben wollt. Sie ist noch etwa drei Wochen zu besichtigen. Termine zu vereinbaren ist sinnvoll und möglich. Wir gehen sehr gerne mit euch durch die Ausstellung, organisieren auch Fachbegleitung aus der FH Kärnten/Spittal. Wir wünschen uns euer Feedback, eure Einschätzung, eure kritische Betrachtungsweise und eure Ideen.

Miteinander sauber machen

Heute ist also Weltflüchtlingstag. Von den Vereinten Nationen ausgerufen. Er betrifft uns alle. Seit 2015 spüren wir hautnah, was es für Menschen heißt, die Heimat zu verlassen. Was es für Menschen im Asylland heißt, sie in die Gesellschaft aufzunehmen. Was es grundsätzlich für Menschen heißt, sich mit dem Neuen, dem Fremden, dem Unkontrollierbaren, dem Unvorhergesehenen auseinander zu setzen.

Wir machen heute das, was wir immer machen. Das Naheliegendste. In der derzeitigen Situation Staub wischen. Malerflecken entfernen. Schilder putzen. Jene aufmuntern, die verzweifelt sind. Einander zuhören. Miteinander lachen. Lösungen suchen. Viel Wasser trinken, weil die Temperatur gegen 30 Grad Celsius klettert. Uns über unsere Freundin Franziska freuen, die den ganzen Arbeitstrupp auf ein Getränk einlädt. Und dann auch noch mit mir die Kegelbahnböden wischt, um weiteren Staub hinaus zu bekommen. Mit Alex, dem Architekten, neue und abseits vom Bautechnischen und Planerischen Ideen spinnen, wie wir die Kegelbahn noch vorm Winter weiter beleben können. Was für ein fröhlicher, ausgelassener Flow. Er misst die Baustelle der Kegelbahn aus, damit seine Studenten sich noch besser auf ihre Projektpräsentation vorbereiten können. Gordana putzt am „Why-Not“-Schild mit, das uns der Nachbar fürs Fest borgt. Sandro schleppt schwere Säcke von B nach C, nachdem sie gestern von A nach B geschleppt wurden und freut sich auf das Fußballspiel um zwei Uhr. Mohammed kommt überraschend spät und packt trotzdem noch mit an, bevor er zum Sprachcafé bei VOBIS muss, um dort sein Deutsch weiter zu schulen. Ahmad hat am Abend davor seine Brille vergessen und freut sich wie ein König, dass ich, die Hauptputze, weiß, wo sie ist. Tja, und ich komme nach drei Stunden endlich drauf, dass mein Smartphone, dass ich im Geist schon als verloren verabschiedet habe, draußen auf der neuen Bank in der Sonne schmort, weil ich es genau dort hingelegt habe, nachdem ich zwei Blechkuchen fürs Fest bei einer Tauschkreisfreundin bestellt habe. Nein, keiner hats angerührt. Ich war der Schussel. Und ich erkenne den Hausbesitzer nicht, der plötzlich da steht und mit uns redet, weil er dieses Mal nicht in Anzug und Krawatte gekommen ist. Tja.

Ich lasse euch ein paar Bilder da, an diesem Weltflüchtlingstag. Und wünsche mir von ganzem Herzen, dass Fluchtgründe lösungsorientiert angegangen werden und nicht gegen Menschen vorgegangen wird, die hier abwarten wollen, bis sie entweder zurück kehren oder hier in Österreich ein neues Leben anfangen können.

#tdz18 Gegenwart und Zukunft

Ja, wir waren da. Michaela und ich, mit unserem Puppenprojekt. Bei den Tagen der Zukunft 2018 in Arnoldstein vom Institut für Zukunftskompetenzen. Mit genialen Coaches und Expertinnen und Experten aus dem Alltag, empathisch, klug, erfahren und mit der Fähigkeit, zuzuhören.

Wenn ich gedanklich in einem Projekt drinstecke, mit anderen drüber rede, in der Werkstatt sitze und darüber nachdenke und versuche, die nächsten Schritte zu sehen, dann ist das eine Möglichkeit. Gruppe ist die andere. Es bedeutet, sich zu zeigen, sich zu öffnen. Draufzukommen, holla, wir haben uns eine Sprache angeeignet, die andere nicht mehr verstehen, weil sie in einer anderen Realität leben. Ich sehe manchmal den Wald vor lauter Bäumen nicht (mehr), das Naheliegende wird unsichtbar und ist oft genug die perfekte Lösung. Wir haben Zeit, auszuformulieren, was uns wichtig ist. Nachzufragen, was das Gegenüber nicht versteht. Oder, wie es Maria Maunz-Ranacher mit uns machte, eine papierene Struktur füllen. Die relativ schnell sichtbar macht, wo wir schon gut unterwegs sind. Und wo wir es noch nicht geschafft haben, hinzuschauen. Wir sind gut unterwegs. Schon die ganze Zeit. Aus dem kreativen Chaos der Ideen zu diesem Projekt ist eine derzeitige Struktur geworden, wo sogar chronologisch Schritte ablesbar sind. Keine der Ideen ist weg, sie sind logisch geordnet. Als speziell meine Formulierungen für den Pitch begannen, sehr hölzern und unlebendig zu werden, erinnerte ich mich an Maria’s Angebot zur Bewegung. Gott sei Dank. Bewegt und mit Frischluft außerhalb der Seminarräume gings leicht und fröhlich weiter. Seit letztem Donnerstag Abend ist für die nächste überschaubare Phase klar, wofür  der Prozess des Herstellens von Puppen und anderer Wesen steht. Wohin er führt. An wen wir uns mit diesem Angebot wenden. Wer sich mit uns vernetzen kann, damit das Angebot noch mehr vom Umfeld abdeckt und dem Weg auch andere Ziele gibt. Und dass die Herstellung einer Puppe keineswegs die kindische Sache ist, die ich immer wieder befürchte. Und Danke all den „Hummeln“, die kurz bei uns blieben und ihre Ideen da ließen, bevor sie zur nächsten Gruppe weiter zogen und dort ihre Impulse fallen ließen. Ihr ward immer genau am Punkt mit euren Wahrnehmungen, das war sehr hilfreich.

Überall, in allen 12 Projekten, wurde intensiv gearbeitet. Und wir hatten, wie immer zum Abschluss der Tage, am Ende eine Minute Zeit, unser Projekt zu präsentieren. Nein, ich mag dieses Pitchen, wie das neudeutsch genannt wird, überhaupt nicht. Und – es hat mir, wie immer, geholfen, eine sehr einfache Sprache zu finden und Menschen damit zu erreichen.

Danke, liebes Dreamteam rund um Harald und Cornelia, dass ihr dieses Schenken, dieses Geben und Nehmen möglich macht. Dass jede Teilnehmerin, jeder Teilnehmer durchgehend das Gefühl hatte, willkommen und wichtig zu sein. Danke all den Coaches, die sich jedes Jahr zur Verfügung stellen. Einfach so. Danke den Mitarbeitern der Gemeinde Arnoldstein und dem Burgherrn, der ununterbrochen für uns alle da war.  Und Danke Marco für das Foto von mir beim Pitch, nichts ist unmöglich mit Freunden! Mögen all die Projekte, die ich heuer gehört habe, blühen und gedeihen und andere anstecken, ihre Träume und Herzensangelegenheiten zum Wohle unseres Planeten und der Kinder dieser Gesellschaft, die nach uns hier leben wollen, zu verwirklichen.

 

 

Vielfalt und europäische Wurzeln

Gestern erst wurde mir so richtig klar, wie bunt unsere Kultur geworden ist. Wenn man seit fast drei Jahren täglich in diesem gesellschaftlichen Wandelprozess drin ist, dann wird alles alltäglich. Der ethnische und kulturelle Hintergrund zieht uns mehr an als er uns abstößt, wir sind so gemacht. Vielleicht hat es wirklich mit meinem multikulturellen, typisch europäischen Hintergrund, den ein Gentest sichtbar machte, zu tun, dass ich zwar Ängste vor dem Fremden wahrnehme, das Interesse an dem Neuen, Unerforschten, zu Erlebenden aber größer ist. Es zieht mich magisch an.

Was hat sich unmerklich verändert: wir haben unser Sprechtempo schon in den Deutschkursen reduziert, bemühen uns, deutlich zusprechen, viel zuzuhören, aktiv in Konflikte einzugreifen, wenn wir darum gebeten werden. Und nur dann. Eines der größten learnings. Wir lernen Namen auszusprechen, deren Konsonanten und Vokale unser Sprechsystem kaum herausbringt. Lachen miteinander darüber, dass es dem Kommunikationspartner mit unserer Sprache genau so geht. Probieren für unseren Gaumen fremde Geschmäcker aus. Manches kommt für immer in die Liste der Lieblingsspeisen, manches bleibt fremd. Wir spüren und erleben das Pulsierende, Lebendige, Herzliche, obwohl das für den gelernten Österreicher, die gelernte Österreicherin mit dem Bedürfnis nach Respektabstand eher suspekt ist. Natürlich auch mir, ich bin ja hier sozialisiert. Nie werde ich vergessen, dass wir damals im August 2015 zwischendurch einfach heimfahren mussten, um uns eine Stunde auszuruhen von all dem Temperament, all den Emotionen und der vollkommen ungewohnten Nähe zwischen den Menschen.

Nun mitzuerleben, dass auch bei den zugezogenen Menschen innerer und äußerer Wandel passiert, seit sie hier in Österreich um Schutz und Unterkunft angesucht haben. Manche Herzens-Menschen schmerzlich zu vermissen, die eine Weile Teil unseres Lebens waren, jetzt einerseits anderswo in Österreich leben und versuchen, neu anzufangen. Oder, viel tragischer, sie zurückgeschoben in ein Herkunftsland wie Afghanistan zu wissen, für das eine Reisewarnung für Menschen mit österreichischem Pass gilt. Nicht aber für Menschen, die vor vor genau diesem korrupten, kriminellen und fundamentalistischen System geflohen sind. Zu hören, dass tatsächlich Menschen aus den Privatquartieren abgeholt und in ein größeres Quartier in die Landeshauptstadt gebracht werden. Sie haben drei Tage Zeit, zu packen und alles aufzulösen. Oder es geht direkt nach Niederösterreich in die Schubhaft und dann in das Flugzeug zurück in ein Land, das manche kaum kennen, weil sie schon ein Leben lang auf der Flucht vor den Kontrollfreaks dieses Systems sind. Und sorry, ich muss das einmal in dieser Klarheit sagen – es sind auch gut integrierte, gut Deutsch sprechende Menschen, die das betrifft. Manche waren in erfolgsversprechenden Ausbildungen und Schulen. Manche intensiv auf der Suche nach Arbeit, nach Beitragen in unser System. Ich bin nicht einverstanden, diese Menschen abzuschieben. Punkt.

Ja, klar, es gibt Probleme hier in Österreich. Im Zusammenleben. Innerfamiliär. No Na Net. Glauben wir wirklich, wir hier hätten diese Probleme des Miteinanders vorher nicht gehabt? Österreich, die Insel der Seeligen? Wo Menschen zusammen leben, gibt es Konflikte. Und manchmal keine einfachen Lösungen. Und manchmal gibts grad keine Lösung. Das ist das Leben, es ist eine einzige Herausforderung. Wir sind lieber Teil der Lösungen als Teil des Problems. Danke lieber Martin Kirchner von den „Pioneers of Change“ – genau darum geht es. Du hast bei den Tagen der Zukunft ausgesprochen, wofür auch wir gehen. Auch wir stolpern immer wieder in dieses alte Denken und versuchen, aktuelle Probleme mit alten Lösungen zu lösen, die sich überlebt haben. Und ja, genau, auch uns zittern manchmal die Knie vor so viel Neuem und Ungewohnten. Und zu manchen Menschen bauen zwar wir keine Brücken, dafür schaffen es andere. Es braucht sehr viel Mut und Durchhaltevermögen, all die inneren Grenzen wahrzunehmen, sie manchmal zu schützen, weil sie nötig sind. Und manchmal tief Luft zu holen und drüber zu gehen. So viele innere blinde Flecken werden sichtbar, die gut unter Verschluss waren. So viele Vorurteile, die getriggert werden. Niemals hätte ich gedacht, dass der angekündigte gesellschaftliche Wandel auf diese Weise geschieht. Wir tun gut daran, uns mit unserer Kultur, mit unseren gesamteuropäischen Wurzeln daran zu beteiligen und uns nicht in gute alte Zeiten zurück zu sehnen, die es nie gab. Lernen wir Geschichte!

Wir haben ehrlich gesagt mit einem kleinen Fest unseres Kooperationspartners VOBIS  und der Klagenfurter Universität im Klagenfurter Lendhafen gerechnet. Selten in meinem Leben liege ich so falsch. Ich muss mich regelrecht von meinen dauerbesetzten zwei Nähmaschinen zum Upcyceln von Mustervorhängen und Möbelstoffen wegstehlen, um zumindest ein bisschen näher an die Bühne und unter die Menschen zu kommen. Unser europäisches Kulturerbe mischt sich stundenlang vollkommen selbstverständlich mit dem arabischen, persischen und afrikanischen Raum. Singend, tanzend, redend, gustierend und trinkend. Ansteckend, mitunter tragisch und dann wieder fröhlich und mitreißend komisch – voll das Leben. Meine Fotos können nur teilweise wiedergeben, wie bunt vielfältig der Nachmittag und Abend war. Der Hafen ist gesteckt voll. Mein Mann, der durch solche Veranstaltungen wieder in seine Jugend zurückversetzt wird, lässt sich glücklich im Gedränge treiben, wenn er nicht für mich an den Nähmaschinen aufpasst, dass kein Finger angenäht wird. Unser Achtjähriger taucht überhaupt nur auf, wenn er Hunger oder Durst hat. Er ist zu sehr damit beschäftigt, zu spielen und Kontakte zu knüpfen, wie nur Kinder das können.

Ina, die den „Völkerchor“ aus Völkermarkt mit mir so vielen bekannten und vertrauten Menschen leitet, spricht mich auf meine Puppen an. Sie meint die langgliedrigen, schmalen. Und erzählt mir von einer armenischen Puppenkultur, an die sie sich durch diese Wesen ganz intensiv erinnert fühlt. Fragt, ob ich denn interessiert sei daran, solche Puppen mit genau dieser traditionellen Kleidung herzustellen. Spürt ihr mein Herzklopfen? Ist das nicht magisch? Der „Völkerchor“ hatte, wie unser „Puppen.Raum“, bei den Tagen der Zukunft in Arnoldstein, ein professionelles Coaching gewonnen. Wir haben uns alle miteinander ein bisschen näher kennen gelernt. Nun wird sonnenklar, dass auch hier die neue, alte Verbindung zu Evelin gestärkt wird, mit der wir vor 11 (!) Jahren grenzenlos kochten, um Frauen hinterm Herd heraus zu holen und mit ihnen Deutsch zu sprechen. Jutta war damals die dritte Verbündete. Dort knüpfen wir wieder an. Oh ja, und ich werde wieder singen. Sabrina, Melanie, kommt ihr mit? Und oh ja, ich komme auch gern runter nach Völkermarkt und weihe euch in die Geheimnisse guter Fotografie ein. Grenzüberschreitend. Natürlich.

Kennt ihr den Film „Drachenläufer“ zufällig? Neben unserem Upcycling-Stand waren drei Männer unermüdlich am Bauen von afghanischen Flugdrachen. Ich muss mir das noch einmal in Ruhe zeigen lassen. Das ist eine traditionell afghanische Kunst, diese äußerst fragilen Gebilde aus Seidenpapier und Holzstäbchen und Leim herzustellen. Ach, und Konrad vom Verein „Das Lastrad“ war wie vereinbart mit seinem Reparaturanhänger da und erzählt mir in der Nacht, dass er innerhalb weniger Stunden zehn Fahrräder flott gemacht hat. So ist Konrad. Danke, dass du diesen Weg mit uns gemeinsam gehst. Der Herrenschneider Ahmad, der mit seiner herzlichen Freundlichkeit und seinen schönen Taschen auch in unserer Familie großen Eindruck hinterlässt, verspricht, mir seine Quelle bezüglich Nähmaschinenseide zu nennen, ich kann einen weiteren wichtigen Punkt auf meiner To-do-Liste abhaken. Und das hier musste ich auf Frau Google fragen: Die Piñatas sind bunt gestaltete Figuren, heutzutage aus Pappmaché, früher aus mit Krepp-Papier umwickelten Tontöpfen, die bei Kindergeburtstagsfeiern mit Süßigkeiten und traditionell mit Früchten (Mandarinen, Zuckerrohr, Guaven, Tejocotes, Jicamas, Erdnüssen) gefüllt sind. Sie sind in Mittelamerika bei Kindergeburstagen und zur Weihnachtszeit und in Spanien zu Ostern verbreitet. Auch am Fest der Vielfalt kennengelernt (Quelle: Google). Auch das haben wir gestern zum ersten Mal live erlebt. Ich treffe „alte“ Freunde aus meiner Mentorenausbildung und aus der Lais-Schule. Meine Freundin Stefanie macht Acroyoga, mittlerweile so gut, dass sie das herzeigt und ich sie wenigstens ein paar Minuten bewundern konnte. Wow. Alles neu. Alles nicht beängstigend sondern schön.

Eines möchte ich zum Abschluss noch loswerden: ich liebe es, zu feiern. Seit drei Jahren bekomme ich ein Gespür dafür, wie feiern noch geht. Dafür danke ich euch allen, ihr, die ihr ganz still und planlos geworden seid, wenn wir euch auf meine Geburtstags- oder auf Hochzeitsfeiern eingeladen haben. Wenn ihr auf unserem Sommerfest für Schwung gesorgt habt. Das soll eine Feier sein, habt ihr gefragt. Wieso die Menschen so leise seien. Wo denn die Musik sei, das stundenlange Tanzen, das tagelange Essen bis zum Umfallen und das Trinken. Und dann habt ihr uns mehrmals gezeigt, wie ihr euer Zuckerfest feiert. Oder beim Grillen das Leben feiert. Oder wie ihr euch freut und das feiert, wenn ein neues Kind das Licht der Welt erblickt. Oder ich habt mich auf eine tschetschenische Hochzeit eingeladen, die ich niemals in meinem Leben vergessen werde. Diese Kunst zu feiern, die solltet ihr weiter geben. Es ergänzt uns auf eine sehr lebendige, erdige und inspirierende Art und Weise.

Elfen und andere Spitzohren

Morgen fahre ich mit der Idee für ein internationales Puppenprojekt zu den drei Tagen der Zukunft nach Arnoldstein. Bin ein wenig bang, ob ich gut genug vorbereitet bin. Und übe mich in zähneknirschender Gelassenheit, dass unser Drucker mal wieder keine Nachfüllpatrone aus dem Fachhandel erkennt und ich mir nicht einmal mein vorbereitetes paper ausdrucken kann. Mal sehen, ob es mit Google-Drive und Smartphone klappt. Wenigstens spare ich so Papier und Druckertinte. Ich möchte dieses Mal im Auto schlafen. Ausprobieren, wie das ist, welche Seen zum morgendlichen Baden ich finde, ein bisschen vom Gailtal kennen lernen. Es wird sich heraus stellen ob ich es schaffe, ein bissel was auf Instagram zu posten.

Auch wenn in den letzten Wochen vor lauter Papierkram und intensivem Nach- und Vorausdenken kaum Zeit für eine neue Figur war, ist sie heute fertig geworden. Geplant war eine Elfe. Prinzessinnenhaft. Mit grünen Locken, spitzen Ohren, dem üblichen Schalk im Nacken. Geworden ists ein Arthur. Tja, so gehts Puppenmacherinnen. Diese Wesen entwickeln in sehr kurzer Zeit ein Eigenleben. Spätestens, wenn das Gesicht dran ist. Und es ist zu spät für eigene Befindlichkeiten, wenn die Puppe Augen bekommt und mir bei jedem Handgriff zusieht. Ab da übernimmt sie die Regie.

Die grünen Locken habe ich wieder eingepackt. Habe sie voll Vorfreude via Internet bestellt. Und stelle fest, mit diesem extrem verfilzten Material (ob das beim Färben passiert?)  kann ich vielleicht einen flotten Wintermantelkragen filzen. Aber sicher keine Perücke mit weichen Locken nähen. Gott sei Dank hat unsere Lehrerin in Holland gutes Material. Und Gott sei Dank lassen sich die Schafe scheren. Sie hat einen Bauern gefunden, der sie mit wunderbarem Material versorgt, dass sie dann verarbeitet und in die Community weiter verkauft. Die nächste Puppe bekommt dann holländische Schafslocken. Auch da habe ich noch viel, viel zu lernen. Mohair und häkeln hat sich bei Arthur allerdings mehr als ausgezahlt, erist ein fescher Elf geworden. Meine ersten (Elfen)-Ohren verschwanden unter dem Lockengemenge, jetzt ragen die spitzinge Dinger klein und fein hervor. Und Sami, unser Spitzohrsami, sagt, das sei eine richtige Elfe. Also ein Elfenmann. Und wenn er das sagt, dann wird das schon stimmen.

 

 

 

Führerschein und Tropenhitze

Leute, heute schmelze ich. Ihr wahrscheinlich auch. Nach den vielen Unwettern und Regengüssen der letzten Wochen fühlt es sich in Kärnten mächtig schwül an. 31° Celsius ist eine feine Sommertemperatur. Das hier fühlt sich an wie Tropen.

Wir haben trotz Hitze unser Probemodul des geplanten Nähmaschinenführerscheins beendet. Ich bin mächtig stolz auf jene Frauen, die noch nie an einer Nähmaschine gearbeitet haben. Nach nur vier Einheiten sitzen sie selbstverständlich an den Geräten, machen schöne gerade Nähte, wo es vorgeschrieben ist. Und jene, die schon weiter sind, helfen nach ein bisschen Mut machen jenen, die noch zu lernen haben. Und das alles, bitte nicht zu vergessen, unter anderem mit Teilnehmerinnen aus dem arabischen und persischen Raum, die fasten. Nicht alle, aber doch einige. Am Freitag ist der Ramadan zu Ende, alle freuen sich schon aufs Fastenbrechen. Erst gegen Ende des Termins fällt mir, die heute zum ersten Mal voll mitnähen kann, ein, dass ich keine Fotos gemacht habe. Zut alors. Buchstäblich in letzter Minute, bevor alle aufräumen und aufbrechen, schaffen wir noch ein paar Bilder. Meine Güte, diese freundlichen, wissbegierigen und interessierten Frauen, sie fehlen mir schon jetzt…

Wir nähen am Wochenende mit euch ab 16 Uhr Aufbewahrungsboxen beim VOBIS-Jubiläums-Fest im Klagenfurter Lendhafen. Wir sind mit zwei Vereinsmaschinen da. Entweder bringt ihr selber Lieblingsstoffe oder alte Kleidung mit, die ihr umnähen wollt. Oder ihr wühlt in unseren Schätzen. Wenn ihr Nähseide habt, bitte mitbringen. Sonst schauen wir, was noch in unserem Fundus ist.

Das zweite Probemodul vor der Sommerpause startet kommenden Montag ab 10 Uhr. Drei Termine, der erste wieder mit meiner Freundin Renate Schlatter vom Verein unruhestandAKTIV in Villach, die mit euch Maschinen wartet, reinigt und nähbereit macht. Wir nähen wieder ein einfaches Nähstück zum Üben. Und arbeiten dann an einer weiteren Picknickdecke.

Im Herbst geht es weiter mit Modulen. Wir würden uns riesig freuen, wenn noch ein oder zwei Menschen aus der österreichischen Bevölkerung dazu kämen. Ihr wisst ja, wir bauen Brücken zwischen den Kulturen. Lasst euch mal von Franziska erzählen, wie sie den Kurs erlebt hat.

Sieben Uhr. Abend. Es ist in meinem Büro hier brüllend heiß, nach wie vor. Ich verkrieche mich in den Garten. Die Gelsen (zu hochdeutsch: Stechmücken) werden sich freuen.

 

Nähte und Wände

Dritter Durchgang unsere Probemoduls fürs Nähen im Rahmen eines Nähmaschinenführerscheins. Bis jetzt durfte die Naht auch mal krumm und schief sein. Seit heute wird genau genäht. Das tolle Metalllineal eingesetzt, eine Naht vorgezeichnet. Und jeder von uns trennt ein bisschen. Auch ich. Heute wird nicht nur gelacht. Das Heften verweigert, weil zu viel Arbeit. Das Heften geliebt weil danach Naht ohne Trennen. Lernen. Lernen. Lernen. Lebenslang. Maxi sagt, heute sei die Stimmung ein bisschen anders als sonst. Ja, genau. Wir arbeiten genau. Bei dieser Arbeit ist Genauigkeit genauso kostbar und wichtig wie das schöne Material. Das sonst nicht ausreichend zur Geltung kommt.

Die Decken werden so wunderschön, ihr könnt euch das gar nicht vorstellen. Vielleicht werden es doch eher Tagesdecken als Picknickdecken, bis jetzt hat sich mit der wasserabweisenden Folie, die wir mit unseren Haushaltsnähmaschinen annähen könnten, noch nichts ergeben. Die Stoffquadrate exquisitester Herkunft haben aneinandergenäht schon jetzt eine ansehnliche Dicke erreicht. Viel mehr geht da nicht mehr. Heute entstanden zwei neue Bahnen in Rot-Beige-Zartgrün-Tönen. Und wir haben alle Vokabeln vom ersten Durchgang wiederholt. Oh das war ein Hallo! Wieviel wir schon aufgeschrieben haben, wieviel uns jetzt schon vertrauter ist. Grüße an Franziska in Wien, wir hoffen alle, du bist beim Abschluss nächste Woche wieder bei uns!

Nach einer flotten Billa-Jausen-Pause gehts ab zur Baustelle. In drei Wochen wollen wir hier feiern und unsere Ideen herzeigen. Zwischendurch zweifeln wir, ob wir groß feiern wollen. Oder nur ganz klein mit den Nachbarn. Jedenfalls werden die Wände immer heller, obwohl die Farbe keine Chance hat, die Flecken zu verdecken, irgendwas Öliges ist am Putz, da wartet noch viel Arbeit auf uns. Alexander malt. Und hat die glorreiche Idee, Gordana’s Vorschlag des „Willkommens“ in vielen Sprachen und natürlich vor allem fürs Fest in einem Wortband an die Wand zu pinseln. Und weil wir von einer Minute auf die andere plötzlich zu sechst sind, wird diese Idee sofort in die Tat umgesetzt. Danke übrigens Sissy, für die gebrauchte Couch, die in unseren Räumen sehr geehrt werden wird. Danke für die Küche, die uns angeboten wurde. Die Großzügigkeit der Menschen geht weiter.

Eva und ich ziehen uns zu einer höchst notwendigen intensiven Besprechung der Schritte der nächsten Wochen zum Nachbarn ins „Fassl“ zurück. Und kommen gerade zurecht, als die Jungs mit dem Schreiben an der Wand fertig sind. Danke ihr Lieben,  die ersten beiden Räume werden immer freundlicher! Baustellenflair, aber ein freundliches, sehr lebendiges.

Gestern war endlich wieder eine Puppe dran. Jetzt hab ich wirklich schon Entzugserscheinungen. Der Körper sieht gut aus, ist fertig. Aber, der Kopf. Omei. Dieser Kopf wird zu einer anderen Puppe passen , er ist sehr kräftig und ausdrucksstark geworden durch viele Versuche, andere Proportionen und ein neues Profil zu filzen. Ich würde sagen: für diesen Körper so richtig daneben gegangen. Genau. Lebenslanges Lernen. Und die Erkenntnis: nutze im kommenden Winter die Stunden besser, im Sommer kannst du dir deine Lieblingsarbeiten für eine Weile abschminken.

 

 

OTELO und Nähen

Monika ist eine dieser Frauen, deren Lebenswege sich regelmäßig mit meinen kreuzen. Ob beim Talentetauschkreis Kärnten, bei meinem jährlichen Fixtermin des Weihnachtsbazars in der Klagenfurter Waldorfschule, bei meiner Freundin von Best of the Rest oder unerwartet und plötzlich: wir sehen uns, wissen sofort tausend Dinge zu besprechen, weil unsere Ausrichtung eine sehr ähnliche ist.

Gestern war es endlich soweit. Wir besuchten Monika und das OTELO in Ferlach. Das ehemalige Apothekerhaus in dieser Kleinstadt am Fuße des Loiblpasses ist hell, hat hohe Altbauräume, bietet Platz für Werk- und Begegnungsräume, eine schöne Küche. Auf der Nordseite des Hauses ist ein gar nicht so kleiner Garten mit vielen Sitzgelegenheiten, einer Brückenbühne, einem kleinen Wasserspiel. Heuer hilft ein Mitglied der Freunde natürlichen Lebens mit, die Kräuter zu katalogisieren, anzubauen, zu verwenden. Zweisprachige Namensschilder (Deutsch/Slowenisch) an Birkenzweigen lassen auf eine rege Jahrestätigkeit in diesen Außenräumen schließen. Die Verwaltung und Leitung von OTELO Ferlach sitzt im zweiten Stock. Monika und ihr Team sorgen für eine Belebung und Belegung der wunderschönen Räume. Da wird getanzt, meditiert, fotografiert, gekocht, genäht, designt, gesungen und es gibt auch Vorträge. Wenn ich es richtig verstanden habe, gibt es die Struktur eines Jahresthemas und viele Kleinprojekte.

Staunend schaue ich mir die professionell genähten Upcycling-Werkstücke aus der Nähabteilung an. Monika erzählt mir, dass mittlerweile vor Ort vor allem geplant und entwickelt, vor großen Ausstellungen und projektbezogen auch gemeinsam genäht und zugeschnitten wird. Dazu nutzen die Menschen mit interkulturellem Background den Raum mit gut sortiertem Lager und den vielen Nähmaschinen sowie den großzügigen Begegnungsraum davor, in dem sie lange Tischreihen aufbauen können. Eigentlich perfekt das, was unsere Studentinnen und Studenten für den Umbau der Kegelbahn geplant haben. Dort soll ja in der Mitte eine lange Tischreihe mit Schienensystem an jenem Podest sein, das vorher die Kegelbahnen voneinander trennte.

Dreieinhalb Stunden lang reden, schauen, fotografieren und filmen wir, was es zu sehen gibt. Die OTELO-Struktur hat mir immer gut gefallen. Nach OTELO-Spittal ist das jetzt das zweite lebendige Labor, das ich unmittelbar erlebe. Wir denken zumindest darüber nach, diese Struktur auch für Klagenfurt mitzudenken. Dort gibt es ebenfalls Interesse, doch kam bisher kein praktisches Projekt zustande. Wir werden sehen, wir wissen ja, an wen wir uns wenden müssen, falls es in diese Richtung geht.

Es sieht außerdem so aus, als käme es zu einer Zusammenarbeit bezüglich meines Puppenprojektes über eine gemeinsame Bekannte, die ich vor vielen Jahren einmal für die Zeitung interviewt habe. Sie nähte im Vorjahr mit afghanischen Frauen einfache Waldorfpuppen  für einen Weihnachtsbazar in Ferlach, ganz genau, ganz sauber und perfekt. Wir werden sie heuer im August gemeinsam treffen und weiter planen. Da ich mir alle Handgriffe der Puppenherstellung selber beibringe und in unserer Praxisgruppe vertiefe und neu erarbeite, freue ich mich riesig darauf, einen Profi zu erleben und von ihr Kniffs und Tricks zu erlernen, die für mich neu sind.

Nach all dem für mich so komplizierten Antragschreiben rückt nun MEIN Herzensprojekt wieder in meinen Fokus. Das übliche Herzklopfen setzt sofort ein…

Wir reden noch über die Möglichkeit eines Fotoprojektes vor Ort und genießen das selbstgemachte Eis des Nachbarkaffeehauses. Ich vergesse ganz darauf, Monika von unserer interkulturellen Fotogruppe zu erzählen, die ich in so ein Projekt einbinden kann.

Auf der Heimfahrt bleiben wir noch bei einer Brandruine an einem Kreisverkehr in Kirschentheuer stehen. Die Hitze des sicher fürchterlichen Brandes hat aus den Luxusjachten, dem vielen Blech, den Holzträgern und den Solarpaneelen wunderbare Skulpturen in Blau und Bronze und Gold geschmiedet. Unsere anfängliche Scheu, so einen Ort des Schreckens zu fotografieren, verschwindet im Tun sofort. Sami bleibt gerne im Auto sitzen, ihm ist der Ort zu unheimlich.

Genießt eure Fenstertage oder euren Arbeitstag, ich hole jetzt geschenkte Kübel für unseren Kübelgarten in Klagenfurt und freu mich am Abend auf Giaconda Beli, die in Klagenfurt gastiert.

Netzwerken und Frauentempel

Gestern Vormittag interessantes und sinnstiftendes Netzwerken im St. Veiter Rathaus-Innenhof. „Gesundheit und Soziales“ als Aufhänger stand in meinem klugen Kalender. Herzlichen Glückwunsch den Veranstalterinnen und Veranstaltern für diesen gelungenen Vormittag! Schon spannend, dass immer genau die richtigen Menschen da sind, dass immer genau die richtigen Menschen Gruppen formen, bewegen und sich austauschen. Nach und nach verschwindet meine manchmal autistisch anmutende Angst vor Menschen, sie mit mir, meinen Ideen und Projekten zu überfordern, zu überfrachten, lästig zu sein. Endlich. Das ist wirklich ein Lebensprozess. Und wird mich nicht mehr davon ablenken, so sprudelnd lebendig zu sein, wie ich bin. Zugleich liebe ich es, zuzuhören, Fragen zu stellen, mich einzuspüren in die Lebenswahrheit anderer Menschen, ihre Facette an der großen Wahrheit unserer Zeit zu erleben. So ein Austausch ist sehr belebend.

Sehr beeindruckend für mich die Masterstudentinnen der FH Kärnten/Feldkirchen, die ihre heurigen Arbeiten präsentieren und daraufhin uns einladen, in tiefere Gesprächsrunden zu dabei entstehenden Fragen und Themen zu gehen. Jede und jeder dort, wo sie oder er grad unterwegs ist. Und die ein wenig bange Erkenntnis für mich: für junge Menschen bedeutet der Altersabschnitt ab 50+ die Notwendigkeit, sich mit seinem persönlichen Altern und Altwerden auseinander zu setzen. Passend zum gestrigen Vortrag über Selbstfürsorge, nicht nur im Alter. Yes, Leben, danke, ich habe verstanden.

Die Wetterprognosen für die Steiermark, den Bezirk Leibnitz im speziellen sind für den gestrigen Nachmittag wirklich furchterregend. Vor Wochen habe ich mit meiner Freundin Ingeborg ausgemacht, dass wir an einem Ritual eines steirischen Frauenkreises teilnehmen. Unwetterprognosen, Hagel, Starkregen, die derzeit üblichen Überflutungen in Südostösterreich. Na servas. Ich bin total unsicher, spüre in mir weder ein klares Nein noch ein klares Ja, ob wir fahren sollen oder nicht. Ingeborg ist ganz sicher. Wir fahren also. Es schüttet abschnittweise wie aus Kübeln, Tempo 80 ab Graz südwärts.

Wer mich ein wenig kennt, weiß um meine Angst und meinen Heidenrespekt vor Ritualen, vor allem um meine Abneigung vor Ritualen, die nicht in die Tiefe gehen. Dieses Mal gehe ich einfach mit, vertraue Ingeborg und ihrer Intuition. Und erlebe einen der schönsten Frauenabende meines Lebens. In der kraftvollen und doch sanften Energie eines Frauentempelberges in den sanften Hügeln der Südsteiermark, die mich an die Energie der italienischen Toskana erinnert. Die Tempelhüterin des Ortes steckt mich an mit ihrer Liebe zur weiblichen Seite zur Forschung dieses Gebietes. Barbara, die das Ritual anleitet, ist einfach nur gut geerdet und wunderschön, von innen und von außen. Ich kann mich vollkommen fallen lassen in diesen heilenden Frauenkreis. Danke ihr wunderbaren Frauen, dass ich gespürt habe, was ich gespürt habe. Und danke Wetter, dass du uns genau dieses Wetterfenster ohne Regen bis zum Ritualende geschenkt hast. Wir kommen sicher wieder.

Diese Woche haben wir ja das Thema #sky in unserer Istagram-Foto-Challenge. Ich hätte zu Wochenbeginn nicht gedacht, dass ich so einen atemberaubenden Sonnenuntergang spüren und erleben werde. Ich muss euch leider sagen, dass die Farben noch gewaltiger, noch prächtiger waren, der aufsteigende Nebel das Ganze sehr mystisch aussehen ließ. Einfach gewaltig dieses Naturschauspiel, meine Augen sehen mehr als meine Kamera das einfangen kann.

 

Nähen und Politik

Gestern im frühmorgendlichen Gespräch war ich einmal mehr mit dem derzeit stattfindenden Abschiebewahnsinn konfrontiert. Nein, wir schweigen sicher nicht. Und ja, es verschlägt auch mir manchmal die Sprache. Im Jahr 2018 werden hoffnungsvolle Menschen, die auf der Flucht vor Krieg, Hunger und dem Kampf zwischen Familienclans unter mühsamsten Bedingungen den Weg nach Österreich geschafft haben, zurück in eine Heimat geschickt, die Jahre lang keine Heimat mehr war. Sondern Auslöser für Angst, Furcht, Trauma und den Wunsch, die schwierigsten Jahre irgendwo anders zu (über)leben. Nein, wir können uns das nicht wirklich vorstellen. Auch ich nicht. Und nein, Afghanistan war und ist derzeit kein Ort, an dem ein gedeihliches Aufwachsen für Familien und Kinder möglich ist. Wir hören die Geschichten. Sie ähneln einander. Es gibt gute Gründe, dass Menschen aus Afghanistan geflohen sind, schon viele Jahre in den Nachbarstaaten versucht haben, durchzukommen. Immer wieder rinnen mir die Tränen runter, wenn ich die Biografien höre. Wenn ich die Hoffnung höre, die auf einen Neuanfang in Österreich gesetzt wurden. Dann staune ich wieder über die Hoffnung, die unbändige Hoffnung der Menschen, dass alles einen tieferen Sinn hat, zu einem guten Ende kommen wird.

Ich kann das derzeitige System nicht ändern, es wurde stellvertretend für die Meinung vieler gewählt. In Österreich ist es möglich, unterschiedlicher Meinung zu sein. Vielleicht entwickeln wir uns tatsächlich zu einer Demokratie, das wird die Zeit zeigen.

Solange diese Meinungsvielfalt möglich ist, solange kann ich hier in Österreich leben und tätig sein. Wenn ich mich angesichts der persönlichen Schicksale Einzelner so hilflos fühle wie jetzt, dann erscheint es zwar wie ein Tropfen auf dem heißen Stein. Doch ich tue genau hier und in meinem Umfeld so viel als möglich für jene Menschen, die Hoffnung haben. Das mache ich auch für mich.

Schaut in die Augen dieser Menschen, die wir als „Flüchtlinge“ in einen Riesentopf schmeißen. Schaut in die Augen jener Menschen, denen die Angst vorm Fremden, vor der Veränderung einredet, sie würden gerne die Zeit zurückdrehen und das „Alte“ wiederhaben wollen. Sprecht mit ihnen, hört ihnen zu, erzählt von euch. Baut Brücken zwischen uns Menschen. Egal, wie voreingenommen wir sind – und ja, grad dort – baut Brücken, dafür haben wir unsere Sprache über so lange Zeit entwickelt. Dafür haben wir unsere Empathiefähigkeit, dafür haben wir unsere Herzen. Für mich ist das Politik. Politik betrifft das Gemeinwesen, also jeden einzelnen Bürger. Auch mich. Ich bin wie jeder von uns mitverantwortlich, wohin wir uns als Gesellschaft entwickeln. So wie jeder von euch auch.

Danke liebe Eva D. für das tiefgehende, ermutigende, austauschende und bestärkende Gespräch. Junge Menschen wie du, diese anpackenden Menschen im Alter meiner erwachsenen Kinder, machen mir Mut. Eure Generation ist es, die man fragen sollte, wohin der Weg gehen wird…

Das war der gestrige Tag in Bildern. Abgesehen von den vielen Gesprächen, einem Vortrag, unzähligen Telefonaten und Terminvereinbarungen für die nächsten Wochen wieder ein ganz normaler Tag.