Mogli und die Logik

Tja. Nicht gedacht, dass ich vor Ostern noch an den PC komme. Aber lieber jetzt als nie.

Selten so einen kreativen Fluss gehabt wie mit diesen Puppen. Rückblickend wird klar, dass es irgendwann geschehen würde. Dass es grundsätzlich geschieht, macht mich so glücklich, dass ich es kaum beschreiben kann. DAS war es, was ich immer wollte. Puppen nähen. Puppen entwickeln. Ihnen das Drumherum schaffen. Meine ersten Puppen in der Volksschule waren entsetzlich. Hässlich, unförmig, sinnlos. Ich gab sofort auf. Und wagte es nie wieder. Und das war es, was mir jeder auf seine Art erklärte. An den Wochenenden kannst du kreativ sein. Aber jetzt musst du die Matura machen oder einen Beruf lernen oder Geld verdienen (aber flott) und Geld verdienen für deine drei Kinder und dich und Geld verdienen. Vor allem – Geld verdienen. Und das Kreative, Künstlerische? Nein, zu unsicher. Drei verhungernde Kinder vor Augen. Die schimpfende, mit dem Finger zeigende Verwandtschaft. Die augenrollende Gesellschaft. Nein. Bloß nicht. Und, um der Wahrheit die Ehre zu geben, absolut kein Glaube an mich und meine händischen oder gar kunsthandwerklichen oder überhaupt künstlerischen Fähigkeiten. Obwohl das Fotografieren und das Schreiben ein durchaus künstlerisches Handwerk hätte sein können, habe ich es meistens zum Geldverdienen missbraucht und mir keine Gedanken darüber gemacht, ob ich liebe was ich tue.

Das kann eh nur verstehen, wer das schon erlebt hat. All die Angst vorm Lernen ist zur Zeit wie aufgelöst. Keine Alpträume mehr, wo ich in Mooren herum wandere, irgendeine Aufgabe lösen soll und überall verkehrsartige Schilder sehe, die ich nicht verstehe. Und keine Ahnung habe, was ich denn überhaupt für eine Aufgabe lösen soll. Diese Träume waren die letzten dreißig Jahre konsequent da, sobald ich Neues lernte. Lernen muss bei mir an Panik, Angst und Verzweiflung gekoppelt gewesen sein. Ich erinnere mich voller Grausen an die Volksschullehrerin in der ersten Klasse in Spittal, die mir unvermittelt mit den Knöcheln auf den Kopf schlug, wenn diese bescheuerte Mengenlehre nicht in meinen Kopf wollte. Mit dem Lineal zuschlug. Pfoah. Ich hatte echt noch Glück, dass diese „Pädagogin“ zu Weihnachten suspendiert und dann in Pension geschickt wurde. Ihr und ihrer Lehre verdanke ich, dass logisches und mathematisches Lernen fast durchgehend ein Alptraum wurde. Logik chinesisch für mich blieb und nur Angst und Hirnnebel auslöste. Und ihr verdanke ich auch, dass ich jetzt bewusst miterlebe, wie beglückend lernen sein kann.

Ich lerne nun täglich. Die Puppen von vor zwei Wochen sehen vollkommen anders aus als die Puppen der letzten Tage. Meine Lehrerin in Mexico hat Recht. Die Arbeit an den Puppen ist durch und durch heilend. Durch das Tun mit den Händen. Und auch, weil so viel Liebe für diese Wesen entsteht. Weil ich mir vorstelle, dass ein Kind mit diesen Wesen spielt. Ein Erwachsener Freude daran hat. Da ist eine Engelsgeduld dabei, die ich vor zwanzig Jahren noch nicht hatte, als so eine Nebenbei-Puppen-Phase sich abzeichnete. Da musste alles schnell-schnell gehen. Ich kann eine Puppenhand drei Mal neu annähen, wenn sie dann am Körper besser aussieht. Ein anderes Kleid nähen, wenn es einfach nicht zur Puppe passen will. Sogar einen neuen Körper nähen wie heute, wenn die Proportionen auch mit zugedrücktem Auge nicht passen wollen. Überhaupt kein Problem! Es entstehen logische Abfolgen im Tun. Die Arbeit lässt sich in Schritten darstellen. Ich lerne Logik nach. Unglaublich. Der Hirnforscher Professor Huether hat schon Recht wenn er sagt, dass unsere Hirne nachlernen, nachrüsten, neu schalten. Und auch meine Begleiter im LAIS-System hatten vollkommen Recht, dass der Wunsch nach Lernen natürlich in uns angelegt ist. Da ist oft nur viel Schutt und Geröll wegzuräumen, um diesen Fluss zu befreien.

Nein, ich werde mich hüten, Empfehlungen abzugeben, um die mich keiner gebeten hat. Frage mich heute still und leise, was diese Welt für ein Platz wäre, wenn Menschen in Ruhe ihre kreativen Talente und handwerklichen und denkenden und liebenden Fähigkeiten entwickeln könnten, um ihrer Begeisterung nachzugehen. Für mich ist das der Inbegriff des „Lernens“. Egal was. Jede und jeder hat andere in ihr und in ihm angelegte Talente. Das Herzklopfen beim Tun weist den Weg. Und manchmal auch der Widerstand…

Mogli heißt übrigens die Puppe mit der dunklen Haut. Sie erinnert mich an den Sohn einer lieben Freundin, der auch ein Mogli ist. Dieser hier will sich nicht anziehen lassen. Da heißt es noch warten, ob er sagt, was er braucht. Das Elfchen mit der Ohrenmütze ist ein Minizugeständnis an Ostern. Und die rothaarige Puppe entstand vor einem Jahr. Es liegen Welten in der Ausführung dazwischen. Aber vielleicht kann das auch nur ich sehen.

 

Februar und Figuren

An der Masse der nicht geschriebenen Blogbeiträge ist unschwer zu erkennen, dass ich kaum Zeit habe, hier in Ruhe und mit Genuss Reflexionen zu schreiben.

Ja genau. Nach einer Phase vollkommenen Stillstandes unserer RAUM-Aktivitäten und einem plötzlichen Scheitern aller angedachten Projekte geht es plötzlich wieder dahin.

Gestern saß ich glücklich und zufrieden in meiner Werkstatt und wollte die nächste prototypische Elfe angehen. Die erste war so voller kleiner Fehler, diese Chance muss ich sofort nutzen. Sonst verdränge ich die Fehler und lerne nichts. Der Körper mit den angeschnittenen Beinen war flott gemacht. Leicht gestopft. Der Kopf ging überraschend schnell mit einer neuen Technik, die ich gesehen hatte. Ein bisschen übermütig begann ich, mit Wollvlies und Filznadel Wangen auf den abgebundenen Kopf zu filzen. Ein bisschen hier. Ein bisschen dort. Und weil so schöne Formen machbar und sie nie ganz gleichmäßig waren – ja, ich bin chaotisch – entstand immer mehr Gesicht unter meinen Händen. Ich spielte ein bisschen herum, begann eine kleine Nase zu filzen. Sie zu vergrößern. Baute ein Kinn auf. Und dachte mir, naja, versuchst du es halt – jetzt bastle ich Lippen. Ich trau mich einfach. Sehr naiv. Denn nun begann der Puppenkopf zu leben! Pfoah! Das ist magisch! Plötzlich hast du einen menschlichen Kopf in der Hand. Jeder Stich, jeder Winkel ändert ein wenig den Ausdruck. Herzklopfend stichelte ich Augenhöhlen. Nach zwei Stunden war klar – dieser Kopf ist viel zu groß für die kleine zarte Elfe. Und – ich habe eine Blockierung überwunden. Niemals in meinem Leben hätte ich mir zugetraut, ein Gesicht zu formen. Und schon gar nicht mit Wolle. Beim Zeichnen schossen mir jedes Mal die Tränen in die Augen, wenn ich es aus dem Gedächtnis versuchen sollte. Blockierung und aus und fertig. Jetzt ist es einfach passiert. Mein Körper weiß, wie meine Hände ein Gesicht formen – er spürt es. Ich glaube, das kann nur verstehen, wem Ähnliches geschehen ist…

Bis ein Uhr Nachts saß ich am PC und zog mir jedes Video und jeden Satz von Fabs in Mexico und Astrid in Holland in die zunehmend matter werdende, aber lernbereite Birne. Es ist schon unglaublich, wie großzügig manche Menschen ihr Wissen teilen. Ich schreibe ein anderes Mal mehr darüber, weil bei Fabs auch ein bemerkenswertes Projekt dahinter steckt, das vielleicht viele Kreative nicht kennen. Ach, und auch Astrid macht ein tolles Projekt. Wie gesagt. Das ist eine andere Geschichte und soll frei nach Michael Ende ein anderes Mal erzählt werden…

Ein fast gestorbenes Projekt in Klagenfurt mit unseren Freund*innen vom Verein VOBIS in Klagenfurt feiert Auferstehung. Ich kann gar nicht sagen, wie glücklich ich darüber bin. Noch diesen Freitag geht es weiter. Und wir haben richtig viel vor. Darüber berichte ich ebenfalls ein anderes Mal.

Als wenn das nicht schon genug wäre, kommt unsere geniale Fotochallenge auf Instagram und Facebook nach nicht ganz zwei Monaten in Schwung. Es ist für mich das reine Vergnügen, mich kreativ herauszufordern. Struktur und Raum für Kreativität für viele zu halten. Themen pünktlich am Sonntag Abend für die kommende Woche auszugeben. Täglich ein neues pic hochzuladen, das in MEINEM Fall nicht aus dem Archiv kommt, sondern neu angefertigt wurde. Anfragen zu beantworten. Andere zu begleiten in ihrem Tun. Mich mitzufreuen, dass alle Fortschritte machen, die dran bleiben. Und liebevoll auf jene zu warten, die zwischendurch wegbrechen, weil sich halt der Alltag breit macht. Voll das Leben! Die Gruppe bleibt geöffnet. Jede und jeder ist herzlichst willkommen, mit zu machen. Es ist ein Vergnügen zu sehen, wie einer vom anderen lernt. Langsam und sichtbar eine eigene Handschrift entwickelt. Sich zähneknirschend und beinah mir zuliebe doch mit Themen auseinander setzt. Die Zuschreibung #alleswegenLisa wird mir zeitlebens eine (Herzens)Ehre bleiben. Ach. Ich mag das so gern. Ihr Instagramer, schaut rein unter #derraum365. Und macht mit!

Mit unseren Partner*innen von Kunst & Werk geht es ebenfalls fein weiter. Ein ORF-Beitrag macht uns in der Region und darüber hinaus sichtbar. Intern entwickelt sich nach einer Storming- und Normingphase (tja, so ist das, wenn neue Menschen in Gruppen kommen) in der Formingphase ein Miteinander-Gehen, zu dem langsam auch wir Zutritt finden. Nichts ist jemals konfliktfrei. Aber dieser Weg ist absolut gehenswert und bereichert uns.

Aus einem total gescheiterten, obwohl wohldurchdachten, wohlstrukturierten und sogar durchfinanzierten Projekt entsteht durch menschliche Verbindung in der Auseinandersetzung eine geniale neue Sache. Innerhalb von drei Monaten bekomme ich so viele Schulungen in Projektentwicklung und Antragstellung für Förderungen, dass es nur so raucht. Langsam blicke ich durch, was in Österreich geht. Und was nicht geht. Ich habe vor etwa einem Jahr ein wenig bedauert, dass es diese dahingehenden Studien während meiner suchenden Zeiten an der UNI nicht gab. Ich hätte sie gerne gemacht. Nun bekomme ich all das Wissen auf eine andere Art vermittelt. Und kann es sofort in der Praxis testen. Und wieder scheitern. Und daraus lernen. Und immer weiter und weiter. Dieser ganze normale, natürliche Lernprozess, der mich so begeistert. Wie dankbar ich bin, dass ich im Rahmen meiner Ausbildung im LAIS-Institut dafür sensibilisiert und vor allem daran erinnert wurde.

So. Genug Text für heute. Ich stricke jetzt die Winterstrumpfhose mit Ferse (!) und Zwickel (!!) für meine Elfe. Verkühlte Elfen werden schnell grantig. Das hat mir Romana mit den wilden Schafwollhaaren schon zu verstehen gegeben. Und mich mit ihrem Niesen angesteckt.

 

Frauen und Räume

Während ich an meinen Elfenwesen stichle, Taschen nähe oder mich sonstwie künstlerisch ausdrücke, tobt in den sozialen Medien ein Krieg zwischen den Menschen, weil sexuelle Übergriffe und sogar Missbrauch an Frauen ein öffentliches Thema wird, das in der Mitte unserer Gesellschaft ankommt. Er beschäftigt mich, auch wenn ich mich selten dazu äußere. Als eine enge Freundin es wagte, unter #metoo via facebook an die Öffentlichkeit zu gehen, traute ich mich nicht, es ihr gleich zu tun. Ich brauchte ein paar Nächte des Nachspürens und Nachfühlens, ob ich diesen Schritt für mich gehen wolle. Es war meine Frauensolidarität, die mich schließlich herzklopfend dazu bewog.

Der befürchtete shitstorm blieb aus. Zu Beginn. Ich brauche hier nicht darüber schreiben, was nun los ist. Ich bin wirklich erschüttert. Abgesehen davon, dass offensichtlich noch immer vorhandene Reste meiner eigenen Traumen sich ein weiteres Mal erheben, erschreckt mich die Wut und die Arroganz und die Würdelosigkeit in den Kommentaren, mit der sich jene Frauen konfrontiert sehen, die mit Details an die Öffentlichkeit gehen. Von Männern. Und von Frauen. Ja, es wird polarisiert und verallgemeinert. Ja, einige Frauen schießen übers Ziel hinaus. Das hat es so auf sich mit lange unterdrückten Emotionen.

Ich war selber viele Jahre in der Opferrolle gefangen. Viel zu lange. Als sehr angepasstes, braves Mädchen und später als junge Frau stellte ich kaum Regeln in Frage. Das ist meine Verantwortung. Und ich habe Antworten auf meine Fragen gefunden, als ich mich auf die Suche nach mir selbst machte. Ich hatte das große, das riesige Glück, dass mein „Hinausgehen“ mit dem Missbrauchsthema in anonymen Gruppen in Deutschland geschah. Ich wurde liebevollst behandelt, in den Arm genommen, Frauen und Männer weinten mit mir und ich konnte tiefe Traumen still und leise aufarbeiten. Meine Opferhaltung durfte ich selber als nicht mehr passendes und unbrauchbares Muster erkennen. Und es in meinem Tempo bearbeiten. Kein einziges Mal schlug mir solche Häme, solche Demontierung meines Seins entgegen, wie es nun geschieht.

Der Wunsch, in sozialen Medien Gehör zu finden ist meiner Meinung nach der steinigste Weg, den jemand wählen kann, der sich mit seiner Missbrauchsvergangenheit auseinander setzt. Hut ab vor jenen Frauen und Männern, die ihn gehen. Ich gehöre nicht dazu.

Ängste und Schätze

„Lisa, wir können jetzt auf Schatzsuche gehen, da ist ein Regenbogen!“ Sami ist aufgeregt. Dunkel und bedrohlich sind die schwarzen Sturmwolken, die aus der Steiermark herüber winken. Ein leuchtender Regenbogen überspannt das ganze Tal. Es gibt viele Schätze draußen. Es ist warm. Im Winterapfelbaum neben dem Brunnenhäuschen pfeifen Stare. Sie futtern, was in ihre kleinen Mägen geht. Böig frischt der Wind auf, die Schafe trollen sich. Auch die Katzen sind unruhig und verkriechen sich. Und dann prasselt der Regen los und fegt der Sturm über uns hinweg. Glücklich über die eindeutigen Zeichen kehre ich zurück in meine Werkstatt und stichle und pinsle und stopfe und fädle weiter an meiner Elfe herum, die seit gestern Abend entsteht.

Meine Gedanken wandern noch einmal zurück zum Freitag, als Menschen so vieler Kulturen vollkommen problemlos miteinander sprachen, fotografierten, sich gegenseitig halfen oder Modell standen. Wie sehr ich mir wünschte, wir könnten noch mehr Menschen in diese für uns normalen Alltagserfahrungen einbinden. Wir haben ein gemeinsames künstlerisches, kreatives Ziel bei all unseren Aktivitäten. Eine Ausrichtung. Wir fotografieren zu bestimmten Themen. Nähen und Upcycling gehört für uns zum normalen Prozess. Malen und Holzwerkstatt sind momentan kein Thema. Ende November hat sich eine polnische Liedermacherin aus Feldkirchen für ein Konzert eingeladen. Wir kennen einander seit acht Jahren. Sie war dabei, als wir in St. Veit mit meiner Freundin Jutta grenzenlos gekocht und später auch gegartelt haben. Nach dieser langen Pause wird es der Seminarküche gut tun, wenn wir kochen und Rezepte austauschen und plaudern. Mit einem wunderschönen Abschlusskonzert.

Ich höre mir die Ängste der Menschen an. Auch ich mache unangenehme Erfahrungen. Aber Himmel, ich kann doch nicht von einzelnen schwarzen Schafen auf alle schließen! Ich lese von Erfahrungen im Umgang miteinander in sozialen Medien, in den Kommentaren zur Politik. Der Wahlkampf mit seiner Polemik hat Öl ins Feuer geschüttet. Auch nach zwei Jahren sind Ängste und gute Erfahrungen ungebrochen da. Derzeit scheinen die Ängste wieder Oberhand zu bekommen. Da hat man gehört und gelesen und wurde einem erzählt. Vor allem Grauslichkeiten natürlich. In meinem eigenen Kreis höre ich von allen möglichen Erfahrungen, vom Scheitern und vom Gelingen. Aber so viel ist schwarz oder weiß. Heiß oder kalt. Gut oder schlecht. Ich kann mich nicht erinnern, jemals in so polarisierenden Zeiten gelebt zu haben. Muss selber gut auf mich achten, den Menschen zu sehen, nicht eine Schublade. Ich dachte, unsere Integrationsarbeit sei abgeschlossen und getan. Ich habe mich getäuscht. Wir machen weiter.

Meine Gedanken schweifen noch einmal zur Fotogruppe. Ich weiß seit Freitag, dass man mit Konsequenzen rechnen muss, wenn man auf eine Fullsensorkamera umsteigt. Alle Objektive ab 50mm sind unbrauchbar. Auch mit künstlerischem Gesichtspunkt ist die Vignettierung zu stark. Ich brauche also auch neue Objektive.

Wir sind für Mahdi auf der Suche nach einem halbwegs starken alten PC oder Laptop, an dem er die Fotos meiner uralten Kamera bearbeiten kann. Wenn er das schafft, was vor eineinhalb Jahren mein erster syrischer Schüler geschafft hat, nämlich mit dieser alten Kamera vernünftige Fotos zu machen, dann will er das. Hach, was für ein Oldtimer 😀 Wie gut es tut, Menschen wie ihm zu begegnen. Es scheint, als sei er Künstler durch und durch. Ich weiß noch so wenig von ihm. Er ist scheu und zurück haltend, wir treffen einander neuerdings beim Tanztheaterstück vom Verein VOBIS, das meine Freundinnen Klaudia und Laura anleiten. Mahdi macht, wenn er nicht mit dem Smartphone filmt oder fotografiert, afghanische Glücksbringer aus bunten Fäden. Arash war vor dem Krieg Grafiker und Fotograf. Das sieht man an seinen umwerfend schönen Kompositionen, die er am Freitag hergestellt hat. Ich bin sicher, wir werden uns gegenseitig genug Impulse geben, unsere Fotografie weiter zu entwickeln. Hussain wird in etwa zwei Wochen wissen, ob er und seine Familie in Österreich bleiben darf. Es geht mir selber nahe, wie nervös er ist. Das kann ihm niemand abnehmen. Brigitte und Gertraud haben überhaupt keine Berührungsängste mit den Jungs. Billan, der Restaurator und bildende Künstler, kommt wie immer eine halbe Stunde zu spät und bringt sich fließend mit seinem lila Schirm ein. Und verschwindet auch eine halbe Stunde früher wieder. Ganz neu dabei ist dieses Mal auch Levi, ein Jugendlicher mit seiner nagelneuen SLR-Kamera. Auch er ist vor allem mit seiner Kamera beschäftigt, schaut den anderen über die Schulter, wenn etwas erklärt oder ausprobiert wird. Keine Berührungsängste. Auch vor mir nicht. Kunst ist schon ein geniales Mittel, um Brücken zu bauen.

Der Samstag gehört meinen zwei Freundinnen aus der Puppenecke und einer interessierten Besucherin. Und heute arbeite ich überhaupt alleine vor mich hin. Die erste Elfe wird fertig. Ich mache Fehler. Im neuen Buch sind unglaublich viele Anleitungsfehler. Das zwingt mich, auf mein ganzes erlerntes Wissen des letzten Jahres zurück zu greifen. Mich beschäftigt, ob es einen logischen Zusammenhang gibt zwischen der Wollmenge, der Breite des Mullbindenschlauches, dem Kopftrikotstück und natürlich der Körpergröße der Puppe. Mathematik. Pur. Via whatsapp frage ich bei meinen Freundinnen nach. Nein, Erfahrungswerte sagt mir Hemma. Und abhängig davon, wie fest man wickelt und bindet. Gut. Schreibe ich mir eben die Erfahrungswerte auf. Von Puppe zu Puppe. Irgendwann wird sich schon eine Regel ablesen lassen. Vielleicht. Oder auch nicht.

Ich spüre, dass mit diesen Puppen, mit den dazu passenden Tragetaschen und dem Zubehör mehr möglich ist. Schön fände ich, wenn zur österreichischen Puppenmacher-Tradition einer Elli Riehl auch noch andere dazu kämen. Die waldorfartigen Wesen sind mein ganz persönlicher Ausgangspunkt. Ich weiß, dass im skandinavischen Raum die Herstellung von Puppen eine eigene Tradition hat. Auch Deutschland ist organisierter und gründlicher. Hier in Österreich ist es eine glückliche Fügung, jemanden in der Nähe zu wissen. Wir können hier locker noch ein Jahr weiter üben, lernen, ausprobieren, uns ganz neue Dinge trauen. Und wünschen, wünschen darf ich mir alles. In diesem Fall Männer und Frauen aus der ganzen Welt, die ihre Art, ihren Zugang oder ihr Interesse zu diesen Wesen mit in unseren Kreis bringen. Bitte auch gerne weiter sagen. Wir bleiben dafür als Praxis- und Erprobungsgruppe offen. Und geben einmal im Monat das bis dahin Erlernte an Interessierte weiter.

Genau betrachtet war das ganze Wochenende eine einzige Schatzfindezeit…

Kinder und Kinder

Es gibt Zeiten, da komme ich kaum zum Schreiben. Wir sind abwechselnd in Werkstätten, unterwegs mit Freunden oder Familie oder mit Der.Raum. Voll das Leben. Immer wieder in diesen Tagen denke ich dran, dass ich euch was erzählen möchte. Und dann ist es Mitternacht. Und nichts geht mehr.

Am Wochenende gab es das erste echte Morgen:Land Treffen in Perchtoldsdorf. Schon ganz erstaunlich. Unsere Initiative wurde voriges Jahr für würdig befunden, in einem Buch zu erscheinen. Ich glaube, ich habe es in all dem Trubel nicht einmal irgendwo erwähnt. Wow. Man schreibt über uns. Naja. Ich habe über uns geschrieben. Einen Tag lang real mit den Menschen hinter den anderen Initiativen an einem ziemlich großen Tisch zu sitzen hat eine feine Qualität. Parallel hören wir seit einer halben Woche Interviews der pioneers of change. Auch der Schöpfer dieser Initiative war im Buch vertreten. So viele mutmachende, beglückende und auch kontroversielle Wortmeldungen wie bei diesem summit habe ich überhaupt noch nie in dieser Dichte erlebt. Meldet euch noch an oder erwerbt das Konferenzpaket, um alle Beiträge dann zu sehen, wann es sich für euch ausgeht. Für uns zahlt es sich voll aus. Wir fühlen uns bestärkt und nehmen richtig gute Tipps mit.

Nach all dem Filzen und Puppennähen und den vielen Upcyclingarbeiten rund um Altpapier und Co. war heute wieder das interkulturelle Fotografieren an der Reihe. In meiner Vorstellung wollte ich gemeinsam mit Kindern beschauliche Fotos im Freien machen und meinen wissbegierigen Schülern eine weitere Lernbühne zu den praktischen Anwendungen einer Kamera bauen. Weit gefehlt. Statt der geplanten drei Kinder kamen fast alle dreißig. Es summte und quietschte, schrie und jubelte, schimpfte und lachte aus vollen Kinderkehlen. Und wirklich jeder wollte dran kommen. Wir redeten mit Händen und Füßen, auf Deutsch und auf Arabisch oder Farsi. Was für eine bunte Mischung! In meiner Zeit als Berufsfotografin war ich IMMER mit Assistenz bei kleinen Kindern. Heute sprangen wir einfach ins kalte Wasser. Hardcore und sooo lebendig.

Apropos fotografieren. Unsere Plattform für Schenk- und Tauschfotos hat einen ganz neuen Anstrich bekommen. Für eine Weile fliegt unser Elefanten-Logo auf dem Foto.Raum. Danke wie immer an Mario. Ohne einen kreativen und klugen und liebenswürdigen Freund und IT-Menschen wie dich könnten wir online gar nicht sichtbar sein. Wie sehr wir dir wünschen, dass deine genaue und professionelle Arbeit rasch auch anderen Menschen zur Verfügung stehen kann!

Hey, bedient euch! In den nächsten Wochen werden wieder massig Fotos dazu kommen, weil unser kreatives Foto.Raum-Team unterwegs ist. Ruft an, falls ihr glaubt, bei euch fände eine coole Veranstaltung statt, die es wert ist, fotografisch sichtbar zu werden. Einen Teil der Fotos schenken wir in Absprache mit den Fotografierten her.

Und ihr Nutzer, ihr könnt auch gerne den einen oder anderen Fotografen buchen, um Fotos in seiner Handschrift zu bekommen. Wir stellen den Kontakt her.

Und dann wär da noch was. Wir suchen dauernd kreative Fotografen, die uns ihren Zugang zur Welt mit ihren Fotos zeigen und ein paar ihrer schönsten Bilder in der Community teilen und zur Verfügung stellen. Unser Traum wäre derzeit beispielsweise ein neues Foto pro Monat. Der Schwerpunkt in Der.Raum sind lebendige Fotos von der Vielfalt des Lebens. Wir sind interkulturell und global. Weniger geht nicht. Ist angesichts der vielen zugewanderten Menschen und unserer Auseinandersetzung aber simpel und logisch. Für uns auf jeden Fall. In den Räumen vor Ort und bei unseren Kooperationspartnern in Klagenfurt, in Feldkirchen und am Längsee treffen sich derzeit hauptsächlich Österreicher, Syrer, Afghanen und Menschen aus dem Irak. Und das klappt die meiste Zeit wunderbar. Und manchmal gar nicht. Und ganz viel dazwischen. Wir lernen uns kennen. Wir sprechen miteinander. Und vor allem tun wir miteinander. Wir kommen drauf, was uns verbindet und wo wir große Unterschiede wahrnehmen. Das Leben eben. So sollen ja auch die Fotos sein. Lebendig. Bunt. Vielfältig. Funkelnd und mit allem Licht und allen Schatten, die es in diesem Leben gibt.

Wir arbeiten im Hintergrund aktiv an der Verbreitung unserer Plattform. Derzeit nutzen ausgesuchte Initiativen in Österreich, Deutschland, Luxemburg und Canada unsere Fotos. Auch da freuen wir uns über gute Tipps und Tricks und Rückmeldungen und Vorschläge von euch.

Knapp vor Mitternacht. Puh, grad noch geschafft.

Habt eine gute Woche!

Nass und trocken

Schafwolle ist ein feines Material. Weich. Nachwachsend. Wärmend. In den Naturfarben genauso schön wie gefärbt. In meinem Filzbuch steht, dass es möglicherweise ein Zufall war, dass Menschen das Filzen entdeckt haben. Wie so oft wird schon was Wahres dran sein. Heute ist Filzen eine anerkannte Technik, die von der Gebrauchskunst aller Traditionen bis tief in die Kunst hinein reicht.

Wir waren eine ganz schön große Truppe heute. Nun wissen wir, dass die Gruppen auf sechs Menschen zu beschränken sind, solange wir herinnen arbeiten. Die mitgebrachten Schätze reichten vollkommen aus, um uns heute in Trocken- und Nassfilztechnik zu versuchen. Danke Maria Regina, dass du mit Engelsgeduld immer und immer wieder erklärt hast, wie die Schritte gehen. Ob Filzfee, Märchenengel oder Blüte, wir kamen heute alle auf unsere Kosten. Sogar eine riesige Filzbiene ist entstanden, die sich von einer ansehnlichen Tarantel sehr rasch in eine eindeutig zuordenbare Honigsammlerin verwandelte. Schon verblüffend, was mit ein paar Pfeifenputzern, Wolle und Filznadeln so alles hergestellt werden kann. Es gab übrigens keine einzige Stichverletzung, jihaaa!

Das Nassfilzen hat wieder eine ganz andere Qualität. Heißes Wasser, Seife und dann körperliches Arbeiten, um die Fasern dazu zu bringen, sich miteinander zu verhackeln. Auch hier gibt es ganz klar Handgriffe und Streicheleinheiten bis Massagegriffe zu erlernen und auszuprobieren. Der Lohn waren kunterbunte Riesenblüten, die ersten gefilzten Schnüre und zwei von Kinderhand gefertigte Bälle. Wichtig ist am Ende das Essigbad, um die Lauge zu neutralisieren. Das steht mir heute noch bevor.

Wie es weitergeht? Es wird zwei Gruppen geben, die ohne Anleitung weiter tun. Es gibt ausreichend Literatur und Expertenwissen in der Gruppe. Eine Puppen- und Trockenfilzgruppe trifft sich im März in Wolfsberg und eine Nassfilzgruppe hier in Der.Raum oder im Moorquell. Unsere asylwerbenden Frauen haben es ganz offensichtlich nicht geschafft, die Kinder zu versorgen, wir werden also zu ihnen fahren müssen, wenn wir sie einbinden wollen.

Termine senden wir rechtzeitig aus, die Plätze sind beschränkt. Bitte direkt hier in Der.Raum nachfragen oder besucht uns auf facebook.

Zwerge, Nähcafé und Fotoanfänge

Am Mittwoch Nachmittag war wieder Zwergeln dran in der Nachmittagsgruppe der Sechsjährigen in Klagenfurt. Vor lauter Moos und Steinen und Tschurtschen und Sackerln herumschleppen vergaß ich endlich wieder etwas Wichtiges – meine heißgeliebte Klebepistole. Was echte Frauen sind, die wissen sich zu helfen. Betreuerin Elisabeth borgte mir ihr Werkzeug, die Rahmen gingen in die Endfertigung. Und dieses Mal war – nach dem Schreck über meine Vergesslichkeit – wieder alles ganz leicht und lustig und entspannt. Und ich muss echt sagen – diese Zwergenrahmen, die sind sehr persönlich geworden. Finstere Bergwerke und blühende Gärten mit Schneefall, von Sternen erleuchtete Nachtszenen und tiefe Höhlen, die Kinder waren sehr großzügig im Teilen ihrer Fantasie und Kreativität. Ich freue mich sehr mit euch über die schönen Ergebnisse!

Das dritte Nähcafé in Althofen wird zu einer lieben Routine. Schon erstaunlich, wie klug das Leben immer wieder Gruppen zusammenwürfelt. Dass wir interkulturell sind, freut mich besonders. Wir Österreicherinnen arbeiten mit einer englischen Lady und einem afghanischen Ehepaar. Und das geht – natürlich – ganz wunderbar. Liebes Christkind, ich wünsche mir bitte dringend eine vierfädige Overlockmaschine. Was für ein Segen die Technik sein kann… Mein erster Restelpullover ist schräg und witzig und bunt geworden. Jetzt habe ich eine Ahnung, wohin es mit dem KleidungsUpcycling gehen könnte.

Zweites Highlight heute: ein gut vorbereiteter Fotoschüler platzt fast vor Wissensdurst und Sofort-ausprobieren-Wollen. Die Fotos, die er in den letzten Tagen auf die Plattform Foto.Raum gestellt hat, zeigen deutlich, wie begabt er beim Sehen ist. Da will jemand ganz viel ausprobieren. Wie ansteckend das ist, brauche ich eh niemandem zu erklären. Wir haben uns wegfotografiert heute Nachmittag. Uns gegenseitig so viel gezeigt und gleichzeitig so viel gesehen, dass es eine Freude war. Und seine Fotos sind schon wieder hochgeladen. Er ist so schnell! So macht das tiefe Freude. Danke einmal mehr, wundervolles Leben!

Während wir drei Fotojunkies mit Licht spielten, arbeiteten zwei weitere Jungs aus Pöckstein an den alten Möbeln im Holz.Raum. Sie stellen sich so geschickt an. Alexander ist heute ebenso glücklich wie ich. Morgen haben wir endlich den Termin wegen der Berufsvolontariate und Arbeitspraktika. Jetzt können wir aus Erfahrung sprechen und Wege für die zuwandernden Menschen suchen.

Sehr zufriedenstellend verläuft auch die Integration der zugewanderten Stadtkatze Haru, die meiner Tochter voller Protest mehrmals am Tag in die Wohnung pinkelte. Einmal Draußenkatze, nie mehr Drinkatze. So ist das. Sie spaziert heute das erste Mal hüpfend und hopsend mit uns mit, verträgt sich mit den alten Hauskatzen und findet glaube ich nur das Futter not amusing. Macht nix, es gibt noch genug Mäuse. Wir freuen uns, wenn wir sie nicht im Haus fangen und mühsam weit weg transportieren müssen. Uns lieben alle Tiere. Doch das, das ist eine andere Geschichte…

 

Danke für diesen wunderwunderbaren Tag. Für ein paar Stunden habe ich all das Morden und Kriegführen und Wegschauen unserer macht- und geldgierigen Systemmanipulierer vergessen….

 

Weihnachtsausstellung UNI Klagenfurt

Für unsere weiteren geplanten Aktivitäten sammeln wir nun Spenden, um zusätzlich benötigtes Material anzuschaffen und unsere Maschinen für die auf uns und unsere Helfer wartenden Aufgaben in Klagenfurt zu rüsten.

Wir haben uns entschlossen, mit unseren Upcycling- und Recyclingkunstwerken drei Mal in der Adventzeit sichtbar zu sein.

Das erste Mal am 23.11.2016 in der Aula der Klagenfurter Universität, und dann noch zwei Mal im Dezember in Ferlach bei Freunden.

Kinder und Maria und Josef und Zwerge

Endlich. Endlich wieder mit kleinen Kindern arbeiten. Ich kann gar nicht sagen, wie gern ich das tue.

Heute erwartet mich die erste Ganztagesgruppe der Ebenthaler Volksschule meines Lebens. Sie sind laut. Sie sind fröhlich. Sie haben grade noch gelernt. Und sollen sich jetzt mit mir und meinen Ideen beschäftigen.

Wir lernen uns im Gespräch ein bisschen kennen. Die Kinder stammen aus der Umgebung. Ein paar schauen braun gebrannter aus als wir zu dieser Jahreszeit. Sind sicher näher am Äquator geboren. Namen kann ich mir nicht sowieso nicht merken. Nächstes Mal muss ich wieder meine Wäscheklammern für Namen mitbringen.

Sie sind ganz sicher, dass sie mit mir eine Krippe bauen müssen. Meine zwei Zwerge in der Landschaft werden sofort in diese Richtung gedeutet. Maria und Josef. Nicht? Erst nach und nach erinnern sie sich, dass sie von diesen Wesen gehört haben. Schneewittchen und die sieben Zwerge tauchen in der Fantasie auf. Heinzelmännchen? Nie gehört.

Mit Feuereifer zeichnen die Sechsjährigen Hintergründe. Alle zwölf. Glasfrontenhäuser und Steinschluchten. Verschneite Berge und Obstlandschaften. Pilze und Sonnen. Ob ich Sterne für den Hintergrund habe? Oh, die bringe ich nächstes Mal mit. Es fängt an zu schneien auf den Hintergründen. Bei immer mehr Kindern. Sie sind kaum zu stoppen. Halten locker durch. Mischen Farben und teilen sich die Farbtiegel und tupfen und malen und übermalen. Großartig.

Ob wir wieder kommen? Ja, natürlich!

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Nächste Woche ist die andere Gruppe dran. Größere Kinder dieses Mal. „Bis in zwei Wochen!“, ruft mir ein Mädchen hinterher. Oh ja. Ich freue mich schon sehr auf euch!