Rag und Doll

 

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Lumpenpuppe. Das ist die korrekte Übersetzung der ragdoll. Nach Anleitungen für Ragdolls habe ich vor zwei Jahren in England gesucht. Und das ist es, was ich mache – ich suche Stoffe zusammen und nähe all die Figuren, die mir durch den Kopf gehen. Ich bin seit Tagen im geheizten Atelier, gehe nur hinaus, wenn es sein muss. Essen ist unwichtig geworden, ich trinke über den Tag verteilt meinen Morgentee. Und meistens rettet mich mein Liebster mit einem Zwischendurchessen, weil er gekocht hat. Ich mag gar nicht aufhören, so viele Ideen sind da.

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Gut. Jetzt ist ein paar Wochen lang Advent- und Weihnachtszeit. Mit den kleinen Kindern liebte ich diese Zeit. Die Erinnerung daran macht wohl, dass ich die Wochen vor dem Heiligen Abend immer noch schätze. Und es wäre gelogen, wenn sich diese alte Liebe nicht auch zeigen würde. Da ist ein bisschen mehr Lust auf Gold und Glitzer als sonst. Beste Vorsätze, heuer das Haus vorweihnachtlich zu schmücken, bevor der 24. Dezember da ist. Wir werden sehen, ob es beim Denken bleibt. Derzeit sind meine Hände morgens bis abends am Machen von Körpern. Ich lerne immer noch dauernd dazu. Vor allem, dass ich wenig mitzureden habe, was da unter meinen Fingern entstehen will.

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Bestes Beispiel sind die Standfiguren, die sich eigentlich mein Mann gewünscht hat. Ich hatte ein relativ klares Bild von einer Horde Weihnachtswichtel, die sehr norwegisch und edel und elegant und vor allem rasch zu machen sind. Doch dann fallen mir die Strickwalkreste der Firma Boos ein, die jetzt eigentlich ganz gut als Körper wären. Schnitte müssen umgezeichnet werden, weil ich keine Naht mitten durch das Gesicht verlaufen sehen möchte. Und dann wieder Schnittänderungen, weil der geplante Mantel so nie über das breite Gesicht passt. Statt des schneeweißen Kunstengelhaarbartes in meinem Kopf nehme ich Schafwolle, zupfe und nähe und probiere herum. Und weil gar keine Nase auf der flachen Ragdoll blöd ausschaut, wühle ich mich durch alte Holzperlen und werde fündig. Und wieder ist ein Tag um. Ein Weihnachtswichtel im wattierten roten Mantel aus einem zwanzig Jahre alten Stoffrest grinst mich an und freut sich auf morgen, wenn Frau Weihnachtswichtel entsteht. Oder doch noch ein langbeiniger Engel, weil mir beim Suchen ein güldener Stoffrest unterkommt.

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Mein Tischler-Liebster spielt drüben in der Holzwerkstatt und bringt mir mal ein Mini-Bücherregal. Oder diese sensationell geschwungenen Kleiderhaken für die gestrickten Schätze, die allabendlich entstehen. Seit Tagen schiebe ich vor mir her, dass ich rauf ins Tageslichtatelier muss, um all die bunten Wesen zu fotografieren. Und mit diesen Fotos lass ich euch jetzt mal. Ich muss zwei Stockwerke runter sausen und im Ofen Holz nachlegen. Es ist Winter geworden im Paradies.

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Kunst und Kreativität

Kennt ihr die Künstlerin Eva Hesse? Ich lese gerade ein Buch über sie, das mich sehr aufwühlt. Eine der letzten Skulpturen ihres künstlerischen und intensiven Lebens sind von der Decke hängende Tücher, mit Kunstharz und Material bearbeitet. Sie sagt von dieser Skulptur: „Das bin ich.“ Ohne sehr viel von ihr zu wissen glaube ich ihr. Uneingeschränkt. Der Kunstmarkt macht sie zu diesem Zeitpunkt zur Künstlerin. Sie erfährt die von ihr so ersehnte Anerkennung als sie dabei ist, diesen Planeten und ihren kranken Körper gezwungenermaßen für immer zu verlassen.

Die Kreative

Was ist das, Künstlerin, Künstler zu sein? Wir haben heute Morgen beim Frühstück lange darüber gesprochen. Sogar unser Neunjähriger bleibt sitzen, als sich unser intensives Gespräch um diese beiden Worte dreht, die in mir viel Altes triggern: was ist Kunst und was ist Kreativität? Für mich, nicht für andere Menschen. Ich habe viele Erklärungsversuche über beide Begrifflichkeiten gelesen und reflektiert. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn ich das tue, was ich gern tue. Es macht weiche Knie, rührt mich manchmal zu Tränen, macht alles weich und es fühlt sich einfach „richtig“ an, angekommen, dort, wo ich jetzt grade sein soll. Dieses Gefühl erleichtert mühsames Trennen von nicht gut angenähten Körperteilen der Puppen, die mich gerade beschäftigen. Es bringt beim Fotografieren neue Ideen, die vorher nicht da waren. Oder flüstert mir beim Schreiben die nächste Formulierung ein. Dieses Gefühl, diese Energie, die ich spüre, würde ich als kreative Energie, als meine Lebensenergie bezeichnen. Das ist mein innerer Motor, der mich morgens aufwachen und herzklopfend tun lässt.

Die Künstlerin

Und dann gibt es die Kunst. Und einen wirtschaftlich angetriebenen Kunstmarkt, der aus dem von Menschen geschaffenen Begriff „Kunst“, den KünstlerInnen und ihren Kunstwerken entstand. Wo es darum geht, Trends zu setzen, zu bedienen und Geld damit zu verdienen.

Ich habe meine eigene Geschichte dazu. Einerseits erlebe ich als Schülerin, dass ich zu feige bin, den Wechsel an eine Schule mit Internat in Graz umzusetzen, die mich gefördert hätte. Dann am eigenen Körper zu erleben wie es ist, als Kreative betrachtet und als Teilzeitkünstlerin fürs Wochenende und die Ferien eingeordnet zu werden. Und das zuzulassen. Parallel werde ich in einer angefangenen Ausbildung starr vor Schreck, als andere Frauen als „Hausfrauenkünstlerinnen“ ohne jedes Verständnis für Kunst abgewertet werden. Es tut mir heute noch leid, dass ich nicht in der Lage bin, einzugreifen. Die Angst, ebenfalls abgewertet zu werden, ist zu groß. Ich habe gerade erst entdeckt, dass ich nicht verrückt, sondern möglicherweise einfach „Künstlerin“ bin.

Ich habe in dieser Phase in Kursen und Unterweisungen gelernt, dass Kunst nicht gleich Kunst ist. Einige meinen gar, dass eigentlich nur als Kunst zu bezeichnen ist, wenn ihre Herstellung „weh tut“. Weiches Material zu bearbeiten sei keine Kunst, es müsse in der Bildhauerei also mindestens der härteste Granit oder Metall sein, damit Kunst entstehen könne. Es folgten viele Streitgespräche über diese Begrifflichkeiten und den Umgang mit der „Kunst“ im besonderen. Ich fange an, abstrakten Ausdruck von gegenständlichem Ausdruck zu unterscheiden, die Prozesse des Tuns mit dem eigenen Körper zu erleben und mich dabei zu beobachten und zu reflektieren. Und ich lerne durch Dozenten und eigene Recherche KünstlerInnen und ihre Biografien kennen, die mich begeistern und ermutigen.

Als ich eine Weile als Journalistin über regionale Kunst und ihre „Unterform“, das Kunsthandwerk, schreibe, erlebe ich, dass Menschen leichtfüßig auf diese Unterscheidung verzichten und mit ihrem handwerklichen Ausdruck nach außen zugehen und dazu Kunst zu sagen. Und wie verzweifelt es manche Menschen drängt, das Geschaffene auszustellen und als Künstler gesehen zu werden. Diese Verzweiflung kenne ich. Denn ich habe jahrzehntelang sicherheitshalber alles versteckt und vergessen, was in kreativen Prozessen auf vielen Ebenen entstand. So entging ich dem möglichen Ausgelachtwerden.

Dies und einiges Andere ist meine ganze persönliche Geschichte als Heranwachsende und Erwachsene. Diese Erfahrungen überschreibe ich jetzt in einer weiteren Runde mit genussvollen Erfahrungen. Weil ich dran bleibe, Puppen zu machen. Wobei die innere Kritikerin die böseste Feindin meiner Prozesse ist. Es ist eine Gratwanderung, ihr zuzuhören, wenn sie sich wie ein trotziges oder unsicheres Kind aufführt. Manchmal muss ich ihr den Mund stopfen, wenn sie massiv übergriffig wird und mich als Ganzes in Frage stellt und überwältigende Schamgefühle aktiviert und mir einredet, ich solle das lassen, das sei keine ernst zu nehmende Kunstform. Und dann gehts wieder ganz leicht und wir arbeiten wunderbar zusammen.

Die Puppen

Wozu schreibe ich das alles? Nun, kreatives Schreiben ist einerseits mein innerer roter Lebensfaden, der mir meinen Weg zeigt. Das Schreiben begleitet mich mein ganzes Leben, vom Tagebuch der Volksschülerin über die Morgenseiten oder die schriftlichen Reflexionen meines Lebens, wenn das Chaos groß ist. Als Journalistin war es ebenfalls sehr von Nutzen. Nein, keine großartige Literatur. Sondern ein kostbares tool, nicht aus den Schuhen zu kippen, wenn der Gegenwind stark wird.

Das Puppenmachen hat eine andere Qualität. Zur Herstellung einer Stoffpuppe ist viel weibliches Handwerk gefragt. Nähen, stricken, häkeln, sticken, filzen, malen, designen und entwerfen, weben, Färbepflanzen ziehen und ernten und anwenden, Stoffdruck, spinnen, Schnitte entwickeln, Prozesse fotografieren, darüber schreiben und sie digital teilen. Und eine Menge trial and error beim Ausprobieren. Ich bin in meinem Studio einfach glücklich, wenn ich tue. Die üblichen Aufs und Abs sind inklusive.

Vergangenen Freitag habe ich zum ersten Mal einen dreistündigen Puppenmacherkurs für Einsteiger im Rahmen unserer Vereinsarbeit angeleitet. Und voller Freude erlebt, dass die Herstellung einer kleinen, einfachen Stoffpuppe in anderen Menschen ähnliche Prozesse auslöst wie in mir. Als ich am Samstag bei einer spanischen Puppenmacherin sitze und sie mir zeigt, welche genialen Handgriffe sie sich im Laufe ihres Lebens als Puppenmacherei angeeignet hat, erzählt sie mir ihre sehr ähnliche Geschichte mit der Herstellung dieser Wesen. Uns eint erstaunlicherweise, dass wir die ausdrucksstarken Puppen der Kärntner Puppemacherin Elli Riehl verehren, die zu ihrer Zeit mit erstaunlich grobem Material so viel ausdrücken konnte.

Derzeit ist dieser Druck weg, ob ich Künstlerin oder Kreative bin. Ehrlich gesagt spielt es heute einfach keine Rolle. Einerseits steht das Wort Kunst für etwas. Und ist Kreativität das Wort für einen inneren, ganz natürlichen Prozess. Die Unterscheidung wird im beruflichen Kontext in Österreich vom Finanzamt, der Gewerbekammer oder der Sozialversicherungsanstalt gemacht. In England, in Skandinavien gibt es Puppenmacherzünfte und sind diese Menschen als Künstler anerkannt. Ich gehe meinen Weg einfach weiter.

Die Kraft der kreativen Energie fließt durch jeden Menschen. Schaue ich meiner Enkelin Jana zu, dann sehe ich das ganz deutlich. Es liegt an uns, ob wir diese in uns angelegte Kraft nutzen oder sie stauen und erfolgreich um uns herum umleiten. Ich war in Zweiterem jahrzehntelang äußerst kreativ und ausgesprochen erfolgreich. Ein viel anstrengender Weg als dem inneren Sehnen und Dehnen nachzugeben und das zu machen, was Herzklopfen erzeugt. Und einfach auch eine Möglichkeit, Erfahrungen zu machen.

Wenn ihr wollt, dann teile ich dieses Glück des Puppenmachens in Anfängerkursen mit euch und ihr könnt am eigenen Körper erleben, ob es zu euch passt oder nicht. Am 30. November gibt es um 15 Uhr in Klagenfurt die nächste Möglichkeit dazu.

Drei Frauen und ein Schaf

Diese Woche war eine sehr besondere Woche. Nicht nur, dass im Studio zwei neue Wesen entstanden sind, die Prinzessin Orsola zur Grundlage haben.

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Ich bekomme ganz ein weites Herz und weiche Knie, wenn ich sie mir beim Tun anschaue, wie sie so werden, was sie an Haaren einfordern, an Kleidung. Magisch. Übrigens auch, dass Alexander den ersten hölzernen Kleiderständer angefertigt hat. Kleiderbügel folgen.

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Es kommt auch nicht alle Tage vor, dass ich zum Briefkasten gehe und Post aus Mexico heraus klaube. Echte, gute alte snailmail. Meine geliebte Lehrerin hat mir Miss Lollipop geschickt. Als Geschenk, von Puppenmacherin zu Puppenmacherin. Fürs shooting und überhaupt lässt die Wüstenprinzessin mit der bunten Mütze ausrichten, sie friert. Und schnappt sich den neuesten beigen Wintermantel mit der Goldspitze.

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Ich kann gar nicht in Worten ausdrücken, was das mit mir macht. Dankbarkeit, oh ja. Liebe. Oh ja, noch viel mehr. Und diese Riesenlust, einfach immer weiter zu tun. Ich bin glücklich, wenn ich in meinem Puppenstudio sitze, meine Finger langsam aber sicher wissen, was sie zu tun haben. Alle Laden und Kisten und Schachteln ihre Schätze anbieten, um zu einem respektablen und zufriedenstellenden Ergebnis zu kommen. Wenn sich diese wundersame Beziehung aufbaut zwischen der Macherin und ihrem Geschöpf. Danke Fabs, für alles. Einfach alles.

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Als die Puppenmacherin in mir nach unserer heurigen Englandreise im Juli herumfragt, ob jemand diese in Österreich sehr seltenen Wensleydaleschafe und ihre wollenen Produkte hat, findet sie vor allem Viktoria und Martin Kroisleitner. Aus einem e-mail-Kontakt wird ein telefonischer. Meine Schafzüchterfreundin Hemma, die mir vor zwei Jahren die ersten Puppenmacherschritte zeigt und immer wieder mit mir arbeitet, schaltet sich ein. Meine zweite Puppen-Freundin Regina Maria geht mit. Und trotz mancher Unkenrufe – nun ja, warum auch nicht – sind wir drei Frauen, die ein Schaf halten.

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Gestern haben Hemma und ich Lara mit dem Anhänger am Alpakahof Kroisleitner in der wunderschönen Hügellandschaft des Peter Rossegger abgeholt. Und gleich die ganze Familie kennen gelernt. Samt Kindern, Meerschweinchen, Alpakas, dem kleinen Hofladen und den vielen Plänen. Alpakas schauen übrigens nicht nur zum Verlieben aus, mit ihren neugierigen großen Augen und den üppigen Stirnfransen. Sondern ihre Wolle kratzt auch nicht. Was wir erfühlen, als wir Viktoria’s gestrickte Schönheiten in der Hand halten.

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Wie sehr wir euch wünschen, dass eure Wünsche sich erfüllen! Ich bin sehr gespannt, ob dieses Nebengebäude zu dem englischen Cottage wird, das ich derzeit sehen kann. Wir bleiben ganz bestimmt in Kontakt!

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Ganz im Gegensatz zu unseren stillen Befürchtungen eines bockspringenden, wütenden oder verunsicherten Schafes verhält sich Lara auf ihrer ersten Reise so, wie sich Schafe verhalten: neue Situation, einverstanden. Als wir nach den ersten Kilometern unter die Plane des heukuschelig weich ausgepolsterten Anhängers schauen, blinzelt uns eine verschlafene Lara an. Wir haben das Gefühl, einen zotteligen Riesenhund mit heim zu nehmen.

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Lara wohnt ab sofort artgerecht bei Hemma am Berg, gemeinsam mit den anderen Brillenschafdamen. Mit Stall und Auslauf in die Wiesen und Wälder und zurück in den Stall, wenn es dann doch irgendwann mal kalt werden sollte. Wir denken schon über eine gemütlich warme Schafdusche mit Wollshampoo vorm Scheren nach. Ich bin relativ sicher, wir können auch das mit Hilfe von handwerklich geschickten Freunden umsetzen. Und ich kann endlich die in die Flüsse gebauten Holztröge zuordnen, die wir in England, Schottland und Wales auf jeder Schafwiese mit Fließwasser sehen konnten. Ja, aus dieser Schafsidee könnte mehr entstehen. Derzeit ist es einfach, was es ist. Welcome Lara!

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Am Berg, bei dichtem Bodennebel und im Licht unserer Handylampen hätte Madame es vorgezogen, am Anhänger zu übernachten. Stur wie ein Esel reagiert sie nicht sehr überzeugend auf gutes Zureden, dass ein feiner Stall auf sie wartet. Hemma, die lebenspraktische Schafzüchterin, schnappt sich die Scheibtruhe, hebt das dreißig Kilogramm schwere Tier hinein. Ich darf weiterhin die Hundeleine kurz halten und den Weg ausleuchten. Schaftypisch kuschelt sich Lara in das neue Gefährt und wir kutschieren sie in den Stall. Da will sie dann aus der Scheibtruhe nicht mehr heraus. Der Schwerkraft sei Dank geht es jetzt leichter. Lara versteckt sich ein Weilchen. Dann kostet sie das frische Heu und erkundet die Umgebung des neuen Stalles. In ein paar Tagen, sobald der Zaun geflickt ist, darf sie raus zu ihren neuen Freundinnen. Falls die nicht schon vorher im Stall bei ihr vorbei schauen. Wir werden berichten.

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Leonie und die Unterwäsche

Ein altes Kinderunterhemd, ein cooler Unterwäscheschnitt im Rahmen unserer MAL von Astrid, alte Spitzen und neue elastische Bänder, die absolut nicht halten, was sie versprechen. Das ist mein heutiger Tag. Ahja, eine Overlock-Nähmaschine, die mit mir spazieren fährt und fast die Kleinteile der Unterwäsche schluckt. Und eine frisch eingewechselte Jerseynadel an der Haushaltsnähmaschine, die alle Fäden zerreibt.

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Leonie, die jetzt ein Jahr lang von mir eingekleidet wird, ist entspannt und zufrieden mit ihrer upgecycelten Unterwäsche. Also beruhige ich mich wieder. Danke lieber Pauli, dass du mir alter Häsin die vielen Sticharten oben an meiner Vereinsnähmaschine gezeigt hast. Habe heute zwei für mich ganz neue Nähte ausprobiert und nehme eine davon in zukünftige Nähprojekte für Jersey auf.

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Und dann blättere ich heute noch einmal im Weihnachtspuppenbuch, das ich gestern bei meiner Freundin Orsola gefunden habe. Leute, es ist Ende Oktober – und ja, ich weiß, ganz schrecklich, sich schon auf diese finstere Jahreszeit mit all dem Funkeln und dem Lebkuchen und dem warmen Tee zu freuen. Kann gut sein, dass die nächste Prinzessin Orsola sehr weihnachtlich angehaucht sein wird.

 

Mama und Fuchs

Als ich heute am späten Nachmittag in zwei strahlende Augenpaare sehe weiß ich eines mit Sicherheit: dort hin geht mein Weg weiter. Es ist so ein großer Unterschied, ob wir unseren Kindern ein fertiges Tier oder eine Puppe im Supermarkt kaufen. Oder ob wir uns Zeit für einander nehmen, überlegen, wie wir so eine Herzenssache selbst nähen können. Und dann miteinander daran arbeiten und miterleben, wie so ein Wesen eine Seele bekommt.

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Es gibt sie, diese besonderen Kinder, die dein Herz auf der Stelle berühren. Pauli hat sich von seiner Mama zum Geburtstag gewünscht, uns zu besuchen und mit uns gemeinsam einen Fuchs zu nähen. Den ich vor einer Woche als Prototyp geübt habe und den jeder Mensch bei Misty’s Whimseys erstehen kann, derzeit sogar als free pattern. Wir haben es dieses Mal mit einem ganz besonderen Material zu tun. Sehr flauschig, sehr microfaserig würde ich mal meinen. Und vor allem mit zwei rechten Seiten. Keine Chance, den Trickmarker anzuwenden. Ich muss mein Uraltwissen übers Nähen anstrengen, dann fällt mir ein, dass wir früher Linien mit Heftfäden sichtbar gemacht haben. Mutter und Sohn legen sich mächtig ins Zeug, schneiden und heften. Wir sind bald alle übersät mit roten und weißen Stofffutzeln. Unser Jüngster bastelt an einem Kamelmonster aus einem Stück tierfellähnlichem Material aus der Stoffmusterserie von Maria.

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Fertig wird heute ausschließlich der Fuchs. Und das ist schon eine großartige Leistung. Einmal mehr erlebe ich, wie dieses handwerkliche und kreative Tun mit den eigenen Händen Menschen aktiviert, verbindet und beglückt. Ich muss mich gut konzentrieren, all die kleinen Einzelteile richtig aneinander zu fügen. Mein wunderbares Gehirn hat sich im Großen und Ganzen gemerkt, wie die logischen Schritte vor einer Woche aneinander gereiht werden. Bis nach dem Mittagessen halten die beiden Jungs gut durch. Danach müssen sie raus an die frische Luft, sich bewegen und rennen und miteinander spielen. Ich mache einen kapitalen Fehler, stopfe all die Gliedmaßen und den Fuchsschweif bereits aus und halte mich für besonders klug. Mir wird ganz anders, als ich dann die letzte Naht nähen soll und keine Chance mehr habe, alles unter das Maschinenfüsschen zu stopfen. Also – Handnaht.

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Fürs finale Stopfen und Lebendigmachen der Fuchshülle ist Pauli wieder zur Stelle. Diesem roten Fuchs nähen wir ein Säckchen mit alten Murmeln in den Bauch, damit er nicht ganz so leicht ist wie die braun geblümte Fuchsschwester. Gemeinsam mit seiner Mama wird konzentriert gearbeitet. Und wir staunen, wie viel Watte in so ein Wesen passt. Am Ende kleben wir die angenähten Augen noch an, weil sie uns zu sehr herum hängen. Jetzt ist Herr Fuchs fertig und kommt sofort in die Abendsonne mit zum Fotoshooting. Sowohl die Kinder als auch wir Erwachsenen als auch die Tiere verabschieden sich schweren Herzens. Ich höre, dass sich die Fuchsgeschwister Briefe schreiben werden. Ich lass mich überraschen.

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Kinder und Upcycling

Werfen Sie noch weg oder machen Sie schon Kunst?

UPCYCLING IM SCHUL.RAUM

Wir kommen zu Ihnen an die Schule, trennen Ihren Müll und machen daraus Kunst.

Warum?
Täglich fallen in Österreich Berge von kostbaren Rohstoffen direkt in den Müllcontainer und werden kosten- und energieintensiv entsorgt. Wir kommen zu Ihnen an die Schule, nutzen diese Rohstoffe, trennen gemeinsam mit den Kindern/Jugendlichen den verwertbaren Müll und entwickeln miteinander passende Projekte, die auf ihre Schule zugeschnitten sind.

Partner
Eigentlich will niemand Verwertbares wegwerfen. Überflüssiges Papier, textile Stoffe, Plastik, Metall belasten die Gemeinschaft und den Planeten. Müllvermeidung geht nicht von heute auf morgen. Es hat sich herumgesprochen, wie wir seit drei Jahren mit Menschen und ihrem Wegwerfmaterial kreativ umgehen. Wir haben Partner, die uns kostbare Materialien anbieten, die sie nicht (mehr) entsorgen. Diesen Schatz bringen wir als Zusatzmaterial mit.

Forschen und Erfinden
Wir sprechen mit den jungen Menschen über die Notwendigkeit und den Hintergrund von Ressourcenschonung unseres Planeten in Form von Re- und Upcycling und über die 17 globalen Nachhhaltigkeitsziele der UNO (SDG), zu denen sich Österreich 2016 verpflichtet hat. Wir arbeiten mit ihnen und ermutigen sie, in ihrer direkten Umgebung zu forschen und neue Dinge zu erfinden. Nicht nur darüber zu reden sondern auch selbst aktiv zu tun. Wir vermitteln einfach zu erlernende Arbeitsschritte und erschaffen neue Objekte von Wert. Objekte, die nicht ungeliebt im Regal verstauben sondern das Leben Ihrer Schule und der Ihnen anvertrauten Kinder durch den kreativen Prozess bereichern.

Kompetenz
Wir sind Künstler in den Bereichen Holz, Malerei, Textile Techniken und Fotografie. Drei Jahre lang haben wir gemeinsam mit Kindern und Erwachsenen ausprobiert, was alles im Rahmen von Re- und Upcycling geht. Nun kommen wir mit unserer erworbenen Kompetenz an Schulen, um unser Wissen und unsere Erfahrungen an Kinder und Pädagogen weiter zu geben.

Wie?
Wir nutzen das derzeitige Überangebot an Grundmaterialien und stellen mit leicht erlernbarem künstlerischem Geschick neue Produkte her. In unseren Workshops können aus alten Zeitungen Figuren oder Objekte in Pappmaché-Technik entstehen. Leuchtende Windlichterketten aus alten Konservendosen. Fantasievolle Skulpturen aus PET-Flaschen. Oder wir gestalten überhaupt eine Wand oder altes Mobiliar in Ihrem Gebäude um, indem wir es gemeinsam bearbeiten. Gerne gehen wir auch auf Ihre Ideen ein und entwickeln ein gemeinsames Ziel.

Wer?
Verein DER.RAUM
Projekt UPCYCLING IM SCHUL.RAUM
Lisa Engel 0650 9141271
Alexander Engel 0680 1343971
foto@lisaengel.at

Kosten
250€ pro Tag
Projektpreis über längere Zeit oder Nachmittagsbetreuung auf Anfrage

Möglichkeit der Teilunterstützung im Rahmen des Schulkulturbudgets mit Kulturkontakt Austria bis 20.10.2018
https://www.kulturkontakt.or.at/html/D/wp.asp?pass=x&p_title=5787&rn=110976

Möglichkeit der Teilunterstützung eines Großprojektes im Rahmen von „culture connected“ bis Ende November 2018 (wird in den nächsten Wochen auf Kulturkontakt Austria ausgeschrieben)
https://www.culture-connected.at/home/

Möglichkeit der Teilunterstützung im Rahmen einer europaweiten Dialogveranstaltung mit Kulturkontakt Austria im laufenden Schuljahr https://www.kulturkontakt.or.at/html/D/wp.asp?pass=x&p_title=5291&rn=106560

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Kreativität und Mathematik

Kommenden Samstag besucht mich ein kleiner Freund mit seiner Mama. Im Sommer habe ich miterleben dürfen, dass er eine echte Sternstunde an unserer Vereins-Nähmaschine erlebte. Mit seinen acht Jahren saß er konzentriert, ruhig und sicher an der großen Maschine und nähte seine ersten geraden Nähte und Ecken, in Zickzackstich und mit normalem Stich. Wir waren ihm vollkommen egal, er hatte auf uns vergessen. Die Nähmaschine, der Stoff und er. Zu seinem Geburtstag darf er sich sein erstes Stofftier mit unserer Hilfe zusammen nähen. Sicherheitshalber von mir voraus studiert und probiert und für kompliziert aber gut befunden. Meine für den Hausgebrauch geeigneten Nähkenntnisse erweitern sich bei jedem Stück, das ich nähe. Es ist wieder einmal ein englischer Schnitt. Was mich bei all den kleinen Nähten und Ecken und vorausschauenden Schritten so umhaut ist die Präzision, mit der so ein Schnitt und die Anleitung gemacht werden muss. Wie Rundungen angelegt werden, dass sie Rundungen sind. Wie das mit den sauberen Ecken funktioniert. Mathematik in Reinkultur. Bestechende Logik. Nicht der kleinste Fehler ist der Schöpferin des Fuchses unterlaufen. Schritt für Schritt stimmt die Anleitung. Hier findet ihr Misty Whimsies übrigens. Und ich entdecke gerade, es gibt ein Tutorial. Hach. Mal sehen, was ich noch verbessern kann. Frau Fuchs aus upgecyeltem Tischtuch- und Regalbretterstoff und mit Füllwatte unserer Partnerin Maria sieht für einen Prototypen sehr passabel aus. Ich freu mich schon auf den flauschigen Gesellen, der am Wochenende in der Werkstatt vom Tisch hüpfen wird.

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Vor zwei Wochen ergab es sich, dass ich mit einer Freundin – endlich! – ins Puppenmuseum der Elli Riehl in Villach ging. Mir sind die kleinen Persönchen der Puppenmacherin seit meiner Kindheit bekannt. In einem gut besuchten Gasthaus in Maria Saal gab es Vitrinen mit ihren Brauchtumspuppen. Ich weiß, dass ich sie mir genau ansah. Wir waren zwei oder drei Mal mit den Eltern dort. Das Ganze war ein bisschen schummrig, gemischt mit Suppengerüchen aus der Wirtshausküche. Danach war ich sicher, ich könnte das auch. Versuchte es voller Herzklopfen. Allein und geheim. Scheiterte am Muttertag kolossal und wagte es gar nicht, die Monster herzuzeigen, die hätten Puppen sein sollen. Ich schämte mich fast zu Tode. Mindestens fünfzehn Jahre lang rührte ich keine herzustellende Puppe mehr an. Erst jetzt wird mir klar, wo all meine irrationalen Schamgefühle beim Herstellen der Puppen herkommen. Manche Minitraumen verpassen wir uns letztendlich selbst. Darüber reden und weinen und dann lachen hätte sicher geholfen. Tat ich aber nicht. Und einmal mehr zeigt sich – Puppenmachen heilt. Mich.

Dieses Mal gehe ich mit ganz anderen Augen in diese Ausstellung mit den 700 Puppen. Wir haben Glück, am Wochenende sperrt das Museum für heuer zu und öffnet erst wieder am Muttertag 2019. Ebenfalls eine Tradition. Ausnahmsweise lässt uns die freundliche Betreiberin schon zu Mittag ins Haus. Meine Freundin sagt mir später, sie ist skeptisch gewesen. Weder von meinem Gefasel über Puppen während unserer gemeinsamen Ausbildung noch über diese Dame habe sie ein klares Bild gehabt. Sie ist einfach offen für Neues. Bei mir setzt beim Rundgang durch die Räume, beim Ansehen des Filmes über die Puppenmacherin das übliche Herzklopfen ein. Wie habe ich die Puppen doch einseitig in Erinnerung! Ja, es ist eine Menge Tracht und Brauchtum zu sehen. Und ja, das ist nicht so mein Ding. Aber diese handgestichelten Wesen leben! Sie lachen, sie weinen, sie sind schelmisch und grantig, unsicher und  strotzend vor Selbstbewusstsein. Die Märchenecke mit ihren Wesen, die Zwerge sind traumhaft schön gemacht. Elli Riehl hatte noch keine trockenfilzende, modellierende Filznadel zur Verfügung. Sie nutzte Baumwollwatte, in Kleister getunkten Flanell, Farbe und Drahtgestell für ihre Figuren, die sie Stich für Stich von außen abnähte und in Form brachte. Die genauen Skizzen und Zeichnungen an der Wand zeigen, dass sie eigentlich eine bildende Künstlerin war und die Welt des Kunstgewerbes, die in Österreich für solche Tätigkeiten schnell zugeordnet wird, schnell hinter sich ließ.  Ich mache Fotos von all den Figuren, die mich begeistern. Wage es nicht, sie hier zu teilen, die neue DSVO liegt mir immer noch ein bisschen im Magen. Lieber selber hinschauen und staunen und sich beeindrucken lassen! Ich komme gerne mit 😀

Schwer begeistert und sehr berührt unterhalten wir uns noch eine lange Weile mit der Betreiberin des Museums. Das ist nicht mein letzter Besuch in der Gemeinde Treffen bei Villach gewesen. Und vielleicht übertreibe ich, einmal mehr bedaure ich, nicht früher auf mein Sehnen und Dehnen bezüglich des Puppenmachens gehört zu haben. Fast spüre ich einen inneren Auftrag, mich mit der Puppenmacherin noch intensiver auseinander zu setzen. Und wie das Leben es so will, schickt es mir die üblichen bestätigenden Zufälle in Form von Büchern und kleinen Texten über diese interessante Frau ins Leben. Das kenne ich schon. Dran bleiben, heißt das. Einverstanden.

monstervegetarisch

Unser Jüngster verblüfft mich immer wieder. Er wächst ganz natürlich mit unserer händischen Arbeit, mit unseren kreativen Ausflügen ins Tun auf. So gesehen hat das Leben einen recht guten Platz für ihn ausgesucht. Seit ein paar Wochen ist es das Monsternähen, das ihn gepackt hat. Er zeichnet seine Figuren selbst. Malt sie mit meinem Trickmarker auf Stoff, fädelt und stichelt und trennt. Und bleibt dran. Dieses Mal biete ich meine Dienste an der Nähmaschine an und wir einigen uns, dass die bis zu einem Zentimeter großen Stiche auch als Heftnaht zu bezeichnen sind, damit ich an der Maschine besser weiß, wo es lang geht. Dass die Watte heraus quellen würde. Und dass man Arme und Beine nicht nur nähen sondern auch aus Fäden entstehen lassen kann. Und wie die einzunähen sind, damit das Umdrehen später so klappt, dass sie außen am Körper sind und nicht innen. Pure Logik. Pure Mathematik. Mit räumlichem Denken. Nun lassen sich die drei Hörnchen am Kopf auch gut ausstopfen. Mal sehen, ob das gestreifte Monster noch den wilden Mund bekommt oder ob das nächste Monster entstehen will. Das hier ist übrigens ein vegetarisches Streifenmonster. Mehr kann ich mich leider nicht mehr erinnern. Und ich schaffe es nicht, die Beschreibung auf der wie so oft genauen Skizze des jungen Designer’s zu entziffern. Mal sehen, ob der kleine Mann auch schon an die Maschine will. Bis jetzt ist er ganz zufrieden, mit der Hand zu nähen. Seine Feinmotorik verbessert sich sichtlich.

Stricken und stricken

Als Zehnjährige nach einer schweren Lungenentzündung war ich eines Sommers mit Mutter und Schwester zum ersten Mal am Meer. An der italienischen Adria, ein bisschen weiter südlich als es uns Kärntner sonst hin verschlägt. Die Meeresluft sollte mir und meiner hustenden Schwester gut tun. Für mich änderte sich das ganze Leben. Zum ersten Mal keinen Berg unmittelbar vor der Nase zu haben, sondern Weite, scheinbare Endlosigkeit, salzige, fischige Luft. Eine Wasseroberfläche, die gefühlt unmittelbar neben der Straße anfängt. Menschen, die einem nahe kommen, viel und laut lachen und reden. Voller Begeisterung über den Trubel tappten wir Mädchen sofort in die Fotofalle eines Fotografen, dessen Assistent ein winziges Löwenbaby kraulte. Herzklopfen und Neues, wohin wir kamen.

Am Strand sah ich zum ersten Mal strickende mammas und nonnas. Sie fuhrwerkten nicht mit den Nähnadeln herum wie ich und meine Mutter zum damaligen Zeitpunkt. Sondern klemmten sich die langen Nadeln unter die Achseln und erreichten mit sehr flinken Fingern, dass der Wollberg elegant schwand und Gestricktes entstand. Meine Neugier blieb, auch wenn ich keine Antwort bekam. Immer wieder studierte ich später aus den Augenwinkeln diese strickenden Frauen in Italien. Schlau wurde ich nicht daraus.

Bis vor zwei Wochen. Orsola strickt italienisch. Mit richtig dicken Nadeln. Minimum 10, ich sehe zum ersten Mal auch eine Stärke 35. Als ich zu Hause mit Nadelstärke 15 arbeite wird schnell klar, dass was dran ist an dieser anderen Art zu stricken. Ich habe das Gefühl, kleine Äste in der Hand zu halten. Das Strickbild ist ungleichmäßig. Irgendwas scheint an der Art des Andersstrickens dran zu sein. Also frage ich Frau Google um Rat. „Italienisch stricken“ ist meine glorreiche Idee. Das ist eine Art von flexiblem Anschlag für Pullover. Nicht was ich suche. Als ich nach einer Stunde entnervt aufgeben will, fällt mir ein, ich könnte ja im englischsprachigen Raum schauen. Ich lande durch einen Zufall bei einer Strickerin, die den Faden nicht auf der linken Hand sondern auf der rechten hat. Und siehe da, sie macht genau diese Fingerbewegungen, die ich suche. Zwei Stunden später halte ich erste Probestücke in der Hand. Komme mir vor wie die Totalanfängerin, das Hirn verknotet sich dauernd. Aber – ich stricke „english style“. Nicht „continental“ wie wir hier. Wir rätseln via whatsapp, warum die italienischen Frauen diese Art zu stricken lernen. Ob es mit der ehemaligen Seemacht Italien zu tun hat? Ein bisschen nördlich der Karawanken lernen wir als Mädchen nur die andere Art kennen.  Im skandinavischen Raum und bei den Puppenmacherinnen sehe ich dann wieder hauptsächlich die englische Art. Sehr mysteriös. Welche Fragen doch beim Stricken entstehen können 😀

Zwei Wochen später kann ich sagen, ich nutze beide Arten. Für den Rand und das Bündchen gefällt mir das englische Maschenbild besser als das kontinentale. Der Anschlag gefällt mir besser, so wie ich ihn gelernt habe. Und natürlich bin ich auf die vertraute Art wesentlich schneller, obwohl ich „englisch“ die Nadeln nicht mehr ganz so linkisch und verkrampft halte wie vor zwei Wochen. This process is to be continued…

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In meinem Kopf formt sich beim Strickenüben eine neue Puppe. Sie soll die Knie abwinkeln können, um in Regalen und auf Fachböden zu sitzen. Nicht ganz so kindlich sein wie meine Elfen und Babies. Ein bisschen erwachsener, mit entsprechenden Proportionen. Ich zeichne einen Tag lang herum, verpasse ihr längere Beine als üblich, schmalere Arme. Sie soll allerdings einen geformten Kopf haben. Nicht babylike, sondern mindestens eine junge Erwachsene. Monika hat mir ihren schattierten Strickjersey geschenkt, aus dem sie früher für ihre Kinder Puppen gemacht hat. Mir scheint dieser eher grobe Rippenstrick perfekt zum modisch dick gestrickten Pullover zu passen. Gedacht. Gemacht. Die italienische Prinzessin Orsola erwacht zum Leben.

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Meine Freundin Gabi hat mir vor ein paar Wochen eine große Menge weiße, dicke Wollreste geschenkt. Daraus entwickle ich eine sehr schicke Aufsteckfrisur. Und dann die dringend nötige Strickwolle. Ich drösle die ineinander verdrehten Stränge auf und beginne, meine Herausforderung in klein zu stricken. Und tja, seit gestern trägt Prinzessin Orsola einen Jumper Marke #knittedlove. Die Miniaturausgabe. Perfekt zum Üben. Zum Fluchen und Trennen und Neuanfangen mit Übungswolle und nicht mit der kostbaren Merinowolle. Der dreifache Zopf, der mir eine Menge Kopfzerbrechen bereitete, gelingt nun. Ausnahmsweise nicht Dank Frau Google. Zwei völlig falsche Anleitungen später schalte ich mein Hirn ein und komme selber drauf, wie er funktionieren kann.

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Prinzessin Orsola lächelt in der Herbstsonne des Wintergartens milde und wartet geduldig, bis das gute Stück spät Nächtens fertig ist. Ich merke schon, sie ist wirklich eine Dame. Der Raglaneinsatz sei unzufrieden stellend, das bekomme ich zu hören. Dafür bekommt die kleine italienische Prinzessin Overknees aus feinem Verbandsmull. Und als krönenden Abschluss upcycle ich eine Glassteinborte einer Damenjacke, die auf weitere Verarbeitung wartet. Mit all dem Gefunkel und den Weißtönen wirkt sie wie eine italienische Schneeprinzessin. Beim Fotografieren kommt mir, dass ich nach diesem Prototypen eine weitere Puppe machen werde, die im Körperinneren beschwert ist und eine bessere Sitzfläche bekommt. Ich habe schon eine Idee, wie das gehen könnte. Auch die Knie schaue ich mir noch genauer an, sie dürfen damenhafter werden.

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Danke übrigens ihr großzügigen Wissensteilerinnen und Wissensteiler online. Ich habe bei meiner Suche so viel über internationales Handicrafting erfahren wie überhaupt noch nie. Einige Seiten haben mir Fragen beantwortet, die ich mir schon lange stellte.  Brauchbares von Unbrauchbarem trennen muss frau halt selber. Für all die brauchbaren Ergebnisse liebe und schätze ich diese weltweite Plattform.

Puppen und das Leben

Grad ist recht viel los. Wir feiern in der Familie. Meine Enkelin, die Tochter meiner geliebten Tochter und ihres geliebten Partners, ist am Montag ein Jahr auf diesem Planeten. Ich kann gar nicht sagen, wie sehr auch ich dieses selbstbewusste kleine Mädel liebe. Von ihren Eltern mal abgesehen. Und von der ganzen neuen Familie, durch die sie einen Weg zu uns fand.

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Dann gibt es in meinem direkten und indirekten Umfeld urplötzlich mehrere Konflikte. An manchen bin ich direkt beteiligt, an anderen indirekt. Ich stehe vor der Herausforderung, in Extreme zu verfallen. Dem Wunsch, davon zu laufen. Mich grundsätzlich ein bisschen oder viel schuldig zu fühlen. Nüchtern nachzudenken, worum es hier eigentlich gehen könnte, setzt erst nach mindestens einer Nacht Schlaf ein. Den anderen zu sehen, der auch nur ein Mensch ist und aus irgendeinem ihm vermutlich triftigen und wichtigen Grund handelt, wie er handelt. Zwischendurch setzen Totstellprozesse ein, ich halte die Luft an und warte, was als nächstes geschieht. Pfoah. Manche lieben Streit. Ich gehöre nicht dazu. Aus irgendeinem mir nicht ganz bekannten Grund fällt er mir sogar ganz schön schwer. Kostet Kraft und Mut und Durchhaltevermögen. Die Auseinandersetzung bringt mir durchaus auch Energie zurück, die sich irgendwie eingesperrt anfühlt, lähmend in ihrer Blockiertheit, herzklopfend in der Überwindung. Und sehr erleichternd und herzweitend, wenn mir klar wird, worum es in der Sache eigentlich geht. Dass es tatsächlich nötig ist, Haltung anzunehmen, Stellung zu beziehen, den eigenen Standpunkt auszudrücken. Holy Moly.

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Sehr spannend finde ich, wie sich diese Prozesse an meiner Puppe zeigen, die noch dazu namenlos ist. Noch nie im vergangenen Jahr ist es mir passiert, dass ich einer Puppe ein Gesichtstrikot neu machen musste. Beim diesem ersten Durchgang waren die Augen einerseits zu weit auseinander stehend. Und andererseits viel zu riesig für das zarte Gesicht. Die gemalte Form der Augen lief mir auch irgendwie aus dem Ruder. Gut. Das geschieht. Ist eigentlich auch keine große Sache, solange die Haare noch nicht dran sind. Also – neu machen. Da ich die Ohren vergessen habe, kommen sie nun sofort dran. Dieses Mal stecke ich sicherheitshalber nur Nadelaugen. Ganz klar ist die Augenfarbe. Blitzblau.  Beim zweiten Mal gelingen Iris, Pupille und Lichtpunkt sofort. Ich probiere bei den Augenbrauen und den Sommersprossen meine Aquarellstifte aus, die angeblich so gut funktionieren. Ohne nachzudenken male ich einfach los, ohne vorher etwas auszuprobieren. Sie bekommen was Diabolisches, Entschlossenes. Sanfte Puppe wird das keine, sondern sie entspricht im Ausdruck einer Lösung meines Inneren – komm her, trau dich, wir streiten das jetzt aus. So oft schreibt Fabs darüber, wie heilsam das Puppenmachen ist. So massiv habe ich das noch nicht erlebt.

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Das Machen der Perücke mit den Naturlocken dauert bei mir nicht vier oder fünf Tage sondern eine Woche. Der kleinförmige Kräutermist lässt sich nicht aus den Locken waschen. Also bürste ich irgendwann die Lockenpracht, wovon in allen Foren abgeraten wird. Nun hat meine Puppe einen Struwwelpeter-Look. Wovon ebenfalls in allen Foren geschrieben wird. Ich kann damit leben und muss schon ein wenig lachen. Gelingt dieses Mal gar nichts? Ich frage dann doch in meiner Puppen-MAL nach, was ich gegen die abstehenden, fliegenden aber immerhin sauberen Haare machen kann. Höre Unterschiedlichstes. Und wende heute jene Methode an, die mir am ungefährlichsten scheint: ich wasche die Haare mit kaltem Wasser und knete die Locken ausgiebig. Et voilà, sie hat wieder kleine Locken und Fransen. Ganz ohne Chemie, ganz ohne Öl. Die Augenbrauen rubble ich vorsichtig mit ein bisschen Wasser an. Der Trikot reagiert beleidigt, wirkt leicht beschädigt. Dafür schaut die Kleine jetzt nicht mehr so giftig. Da sie mich nun eine Saison durch die MAL mit all den anderen Puppenmacherinnen begleitet und alles mögliche an Garderobe bekommen wird, passt das gut. Sie muss nicht perfekt sein. Und sie darf mich ein Jahr daran erinnern, dass ich eine Lektion lerne in diesem Workshop, der sich „Leben“ nennt.

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Und ja, es ist auch was ganz Feines gelungen an ihr: sie sitzt selbständig. Dank ihres Popos, den ich dieses Mal schon richtiger hinbekommen habe als letztes Mal. Sie sitzt freihändig. Danke liebe Astrid für den tollen Schnitt.

Upcycling und Puppen

Schafe dürften direkte Verwandte von sich im Dreck wälzenden Schweinen sein. Geringfügig sauberer. Sie schleppen ihre Locken durch den Dreck. Wo sie halt grad wohnen. Ich glaub, Hemma, wir sollten unsere Schafe am Meer leben lassen, Sand löst sich gleich beim ersten Ausbürsten des Lockenansatzes vorm Nähen. Das lernt frau am Weg von der eh nur leicht verschmutzten Wolle bis zur Meterware für die Perücke. Diese Schafe hatten Erde und Wiesen. Ganz bestimmt. Ich weiß jetzt, welche Fragen ich meinen Lehrerinnen stellen werde. Wie sie es schaffen, diesen Mikroschmutz aus den Locken herauszuwaschen, ohne dabei die Lockenstruktur zu zerstören. Ich rede nicht von Kräuterresten und Ästchen. Nein, ich will gar nicht so genau wissen, wovon ich hier rede. Dann möchte ich wissen, wie ich das nächste Mal die Locken weniger verfilze. Vermutlich weniger verzweifelt herum wutzeln. Ob mein Wollwaschmittel wirklich so geeignet ist oder ob es ein schonenderes gibt. Vermutlich im Bioladen. Und vermutlich mit Lanolin, das nach dem Auswaschen des Schmutzes wieder hinein gehört. Die Haare der neuen Stoffpuppe werden nicht mehr so nach Schaf riechen wie die Haare ihrer Brüder und Schwestern. Sie riechen synthetisch und glänzen. Dafür sind sie jetzt ein bissel weniger weich. Konditioner oder Öl hineinkneten, fällt mir grad ein. Irgendwo in einem Tutorial gehört oder gelesen. Unglaublich, was aus den scheinbar weißen Schnittstellen noch an graubrauner Farbe heraus kommt beim Waschen. Fabs schreibt, eine Perücke dauert bei ihr fünf Tage. Wenn sie gut ist, vier Tage. Also, einen ganzen Tag kann ich nun verzeichnen. Klebrige Locken am Ansatz mit der Katzenbürste ausbürsten. Vier (!) Mal in Tüllstreifen hineinnähen und fixieren. Einmal waschen. Ausspülen. Feststellen: noch einmal waschen. Ausspülen. Noch einmal waschen. Ausspülen. Und das alles im Doppelgang, jeweils eineinhalb Meter. So viel braucht der Kopf der Stoffpuppe in meiner Größe.

Jetzt trocknen die Locken in der Herbstsonne im Wintergarten vor sich hin. Sind fast weiß, ein Hauch von Blond in den Spitzen. Und ziemlich sauber. Mal sehen, was meine Kolleginnen in der digitalen Facebook-Mal dazu sagen. Und ob ich nicht auch fertig gebündelte und gewaschene Lockensträhnen kaufe. Möchte ja auch die Haare vom Teeswaterschaf ausprobieren. Auch eine Rarität an Schafen, die in derzeitiger Nochreichweite nur auf meiner britischen Insel leben. Hemma, ich möchte es eh nur gesagt haben.

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Ach ja, Upcycling. Vorgeschichte: es gibt sie, diese peinlichen Fehlkäufe. Ich habe mir eingebildet, unser rustikaler Wintergarten würde so weich und schön ausschauen mit weißen Tüllvorhängen. Der Fehlkauf vor fünf Jahren waren Vorhänge wie Moskitonetze. Es hat eh schön ausgesehen. Das Licht fiel weich durch die Stoffbahnen. Weich fanden allerdings auch alle Spinnen des uralten Gasthauses die vielfältigen Möglichkeiten, Nester zu bauen und Fliegen und Asseln und Schmetterlinge und Bienen und so weiter und so fort zu fangen und zu verspeisen. Nach einem knappen Jahr holten wir wieder alles runter, beutelten Opfer und Täter aus und wuschen und verstauten im letzten Eck, was sich als unbrauchbar heraus gestellt hatte. Wegwerfen ist nicht so unser Ding. Und siehe da, wir sind nur grenzgehende Messies. Upcycling bedeutet nämlich auch, dass etwas Höherwertiges aus etwas Altem entsteht. Also nutze ich die ungeliebten Moskitonetzstoffe für die meterlangen Bahnen meiner blonden Stoffpuppen. Einen Inch breit, 48 Inch lang. Auch daran gewöhnt frau sich beim Stoffpuppennähen. Zurück zum Thema: ich werde mein Lebtag nicht für Perücken verbrauchen können, was ich hier fehlgekauft habe. Sondern ich werde das Material großzügig in meinen Kursen weiterschenken, wenn es wer für ähnliche oder noch bessere Zwecke braucht. Nur dass ihr das wisst, ihr potentiellen StoffpuppennäherInnen da draußen. Ach ja, und ich komme drauf, dass meine Nähmaschinen unterschiedliche Vorstellungen von Garn haben. Also wann sie es anfangen zu fressen. Die mit dem Doppeltransporter packt auch das billige Material, mit dem ich mich vor einem Jahr oder zwei im Großversand eingedeckt hatte, weil mir die Profiqualität schlicht und ergreifend zu teuer war. Geradestich packt sie, Zickzack reißt der Faden wieder permanent. Also – werde ich vorsichtig auch dieses Billiggarn verbrauchen, damit es nicht umsonst hergestellt worden ist.

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So. Und jetzt nix wie unter die Dusche. Unsere Studentin Christina stellt unser Klagenfurter Why-Not-Projekt in Moosburg vor, freu mich sehr drauf, den tollen bürgerbeteiligten Neubau an der Hauptstraße endlich auch mal von innen zu sehen. Doch das ist eine andere Geschichte, die frei nach Michael Ende – ihr wisst schon – ein anderes Mal erzählt werden soll.