Eine Terrasse, Tränen und viele Pollen

Südlich der Tauern ist die Luft vergangene Woche staubtrocken. Angereichert durch Pollen, die alle zugleich fliegen. Gelbe Pollen liegen in Schichten auf unseren Autos. Auf den Gehwegen zur Schule, auf Balkonen in der Stadt und am Land. Die weißen fliegen wie Schnee, nur von unten nach oben. Unsere Augen brennen, als wäre Sand in ihnen. Wehe denen, die heuer allergisch reagieren. Für sie ist das gerade eine wilde Zeit. Der zweite Waldbrand der Saison wird gelöscht und wir hoffen und wünschen, dass die Übung im unwegsamen Gelände des Nachbartals gelingt.

Die vergangene 17. Kalender-Woche ist intensiv und durchwachsen. Mit Herausforderungen. Mit Begegnungen. Mit Erkenntnissen. Es ist meine vierte und vorletzte Auszeitwoche. Am Montag sitze ich eine halbe Stunde in der Sonne, wartend. Und mir fehlt seit langer Zeit nichts und niemand. Ich genieße, was ist. Ich lächle eine junge Mutter mit ihren beiden lebendigen Kindern an. Sie lächelt freundlich zurück.

Was mich vergangene Woche am meisten berührt hat? Das liest du hier in meinem Wochenrückblick:

  1. Was hat mich diese Woche inspiriert?
  2. Was hat mich diese Woche traurig gemacht?
  3. Was hat überhaupt nicht funktioniert?
  4. Worauf ich mich nächste Woche freue?
  5. Ob unsere Terrasse Ende April fertig ist?
  6. Wie ist die Luft in deiner Gegend?

Was hat mich diese Woche inspiriert?

Ich habe einige Stunden damit gehadert, dass „nur“ Sebastião Salgado geehrt wird. Habe ein bisschen Frieden mit meinem Unmut geschlossen, als ich einige Stunden recherchiere, wie seine Frau Lélia dazu steht, dass ihre wichtige Arbeit zwar erwähnt, aber nicht besonders hervorgehoben wird. Ohne die organisatorische und begleitende Arbeit dieser Frau gäbe es gewaltig viele Fotos höchster künstlerischer Qualität und Intention. Aber möglicherweise weniger Fotobände, bei denen einem die Luft wegbleibt. Weniger Ausstellungen. Und vermutlich auch weniger Entwicklung beider Söhne. Dass die beiden eine große Liebe verband, das bezweifle ich keinen Moment. Ich bin und bleibe sehr beeindruckt von der Arbeit von Sebastião UND von Lélia und werde nicht aufhören, darauf hinzuweisen, dass wir hier die lebenslange Arbeit von zwei wunderbaren Menschen sehen, ehren und schätzen.

Sagt dir der Filmemacher Wim Wenders etwas? Mein Lieblingskino hat zu Jahresende 2025 seine Pforten geschlossen. Seither muss ich mir gute Filme an anderer Stelle suchen. Wim Wenders war in Millstatt einige Male mit seinen Filmen zu Gast. Aber kennst du den Film „Das Salz der Erde“ über das Ehepaar Sebastião und Lélia Wanick Salgado? Gemeinsam mit dem filmenden Sohn Juliano Ribeiro Salgado erkundet Wim Wenders die Herangehensweise dieses unglaublichen Fotografen an Menschen, Tiere und unsere Natur. Die Fotos sind atemberaubend und berühren auf einer Ebene, wo Worte nicht (mehr) hinkommen. Ich lese zur Zeit die Biografie dieses Künstlers und hole mir die monumentalen Bildbände, einem nach dem anderen, aus der hiesigen Bibliothek.

Wusstest du, dass er gemeinsam mit seiner Frau und vielen, vielen HelferInnen brasilianischen Urwald wieder aufgebaut hat, der nach Abholzung und Errosion verschwunden war? Sehr berührend, was aus der Idee von Lélia Wanick Salgado entstanden ist und was weiterhin entsteht, weil die beiden dafür gesorgt haben – ich lasse dir hier Institut Terra einen Link zu ihrem letzten gemeinsamen Projekt in Brasilien.

Wenn du wie ich weiter forschen willst, dann hör dir die Rede von Wim Wenders an, die er 2019 anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels gehalten hat.

„Es kann keinen Frieden ohne soziale Gerechtigkeit und ohne Arbeit geben.
Es kann keinen Frieden ohne Anerkennung der Menschenwürde geben und ohne die Beendigung der unnötigen Zustände von Armut und Hunger. Und es kann keinen Frieden geben, ohne dass wir die Schönheit und Heiligkeit unserer Erde achten“.

Zitat Wim Wenders in der Ehrung der Arbeit des Fotografen Sebastião Salgado, aus der Rede zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, 2019

Was hat mich diese Woche traurig gemacht?

Ich fühle jedes Mal einen Stich im Herzen, wenn ich dieses Bild sehe. Im Schloss trug Stefanie manchmal einen schönen Hut und wanderte durch die Ausstellung, um zu sehen, ob alles gut läuft. Hier geht es zu ihrem vollständigen Nachruf der Kärntner Kleinen Zeitung.

Zwei Mal war ich als Teilnehmerin der „Frühlingsfreude“ in Schloss Rosegg dabei, weil mich die Veranstalterin, Stefanie Pirker, dabei haben wollte. Es kommt bisher in meinem Leben nicht so oft vor, dass jemand mit so viel Nachdruck dafür sorgt, dass meine Arbeit sichtbar wird. Heuer ist die Frühlingsfreude ausgefallen, weil Stefanie erkrankte.

Als wir vor wenigen Wochen telefonierten, insistierte sie, dass ich beim nächsten Mal mit meinen „neuen“ Figuren dabei sein müsse. Und ja, es gehe ihr schon viel besser. Ein bisschen noch, dann wäre sie wieder zurück und würde die nächste Veranstaltung vorbereiten.

Stefanie ist vor zwei Wochen verstorben. Übernächste Woche nutzen wir die Gelegenheit, uns so bunt von ihr zu verabschieden, wie sie ihr Leben gelebt hat. Stefanie, du hast einen festen Platz in meinem Herzen. Deine Zuversicht und Buntheit, deine Lebendigkeit und deine Herzlichkeit fehlt mir und sehr vielen anderen Menschen. Ruhe in Frieden oder bring die nächste Welt zum Tanzen und Singen, ganz wie es dir gefällt.

Was hat überhaupt nicht funktioniert?

Wie so oft wird das ein freundlicher Drache, der Herr Muats. Noch fehlen ihm die messerscharfen Zähne, die grüne Zunge und die Drachenklauen. Aber ob er so böse wird wie auf dem Titelfoto des zweisprachigen Kinderbuches, das kann ich einfach nicht garantieren…

Ich nehme mir zu Beginn der Woche fix vor, diesen Klappmaul-Puppen-Drachen fertig zu machen. Aber da habe ich die Rechnung ohne meinen Perfektionismus gemacht! Ich wache eines Wochentags auf und frage mich, ob ich eigentlich die Augen des Drachen richtig gesetzt habe. Also, örtlich, in seinem Drachenschädel. Ich habe sie schön seitlich angeordnet, wie das bei einem Drachen praktisch und logisch ist.

Als ich mit ungutem Vorgefühl das Fotobuch von Norman Schneider aufschlage, das er von seinen Figuren veröffentlicht, wird mir klar, was mein Unterbewusstsein mir in meinen Träume sortierte: Klappmaul-Puppen-Augen sind vermenschlicht und schauen kerzengerade und direkt nach vor zu ihrem Publikum. Sie verdrehen keine Köpfe, um mit einem Auge hinzusehen. Ich versuche mich, vor der Aufgabe zu drücken. Tröste mich. Das wird schon keinem auffallen. Ich fange an, die grünen Haare zu schneiden, die zu lang sind. Ich fertige den großen Körper aus Schaumstoff und überziehe ihn mit rotem Samt. Und immer sehen mich diese Augen an…

Du weißt Bescheid, oder? Genau. Zum x-ten Mal zerlege ich, was ich so schön mit stinkigem Kontaktkleber geklebt und angenäht habe. Nehme die Augen heraus, die mir jetzt deutlich zu klein vorkommen. Ersetze sie gegen Tischtennisbälle. Male einige Augenpaare, bis mir eines gefällt. Komme drauf, dass es absolut keine gute Idee ist, die Malerei mit Nagellack zu fixieren und dann noch einmal mit Acryl weiter zu arbeiten. Die nächste Schicht Lack verwischt nämlich dramatisch, was vorher schon so gut ausgesehen hat.

Bin ich mit der Figur fertig? Der Kopf ist ziemlich zufriedenstellend. Jetzt fehlt noch der samtige Hals. Und die Drachenarme, die mit schönen Drachenflügeln ausgestattet werden. Es kann sich nur mehr um Wochen handeln, bis dieser erste Prototyp von „Der Muats“ endlich fertig ist.

Worauf ich mich nächste Woche freue?

Unser sechzehnjähriger Mitbewohner hat die erste Theaterpremiere seines Lebens. Ich freue mich riesig darauf, als Zuschauerin im Publikum zu sitzen. Zu wissen, wieviel Arbeit dahinter steckt, mit Jugendlichen ein Theaterstück einzustudieren. Zu wissen, wie nervös alle sind und dass sie genau deshalb ihr Bestes geben werden. Unser Samuel wird seinen Steampunk-Hut, den wir an einem Wochenende aus Jux und Spaß an der Freude miteinander gebaut haben, aufsetzen. Er hat ihn seinen Theaterlehrerinnen gezeigt – und das gute Stück war sofort fürs heurige Theater einkassiert.

Der Sechzehnjährige sagt, er könne jetzt keine Aufträge annehmen. Es seien zu viele Schularbeiten, für die er gerade lernt. Im Sommer, da könne er eventuell wieder welche produzieren…

Ob unsere Terrasse Ende April fertig ist?

Das wird der Sonntag entscheiden. Heute mussten wir eine Hornisse daran hindern, unter dem Dach in meinen Zirkuswagen einzuziehen und dort eine Familie zu gründen. Das eilte. Möglicherweise war es der vorwitzige Specht, der unser Holz toll fand und deshalb ein Loch in die Folie unterm Dach hämmerte. Möglicherweise war es aber auch unser Unwille, mit einer langen Leiter eine äußerst anstrengende Arbeit abzuschließen, die schon seit zwei Jahren auf uns wartete. Die Aussicht auf ein Hornissennest in der Verkleidung hat uns auf alle Fälle Beine gemacht.

Außerdem war ich den ganzen Samstag-Nachmittag bei einem Tontechniker, der mir endlich mein tolles Zoom-Aufnahmegerät erklärt. Zu erkennen, dass sein wunderschönes Tiny House ein winziges, aber komplettes Tonstudio sein kann, war die andere Erkenntnis des Nachmittags. Da lebt man zwei Jahre nebeneinander und weiß trotzdem nicht, was Menschen in ihrer Freizeit machen!

Morgen bekommen wir die letzten Platten für die Unterkonstruktion unserer Terrasse geliefert. Ein echter Landregen ist bis Dienstag nicht in Sicht. Die Chancen stehen also gut, dass die Lärchenplanken und abschließend die Lärchenverbretterung demnächst montiert sind. Halte uns bitte die Daumen, falls du nicht gerade selbst in der Erde wühlst!

Wie ist die Luft in deiner Gegend?

Regnet es bei dir heuer manchmal oder sitzt du auch auf dem Trockenen wie wir hier in Kärnten? Wie geht es der Natur in deiner Region?



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