Raben, die Medien und andere Figuren

Letzte Woche erscheint der erste Medienbericht über die Fortschritte unseres Raben-Theater-Projektes in St. Veit. Danke Michaela Auer von der Mittelkärntenredaktion der Kleinen Zeitung für den lebendigen, umsichtigen Bericht über einen bereits drei Monate währenden Prozess, der nicht so einfach zu beschreiben ist!

Vergangenen Freitag ziehen wir so richtig mit Sack und Pack und Stromkabel und Nähmaschinen in das leerstehende Geschäft in der St. Veiter Innenstadt. Mittlerweile haben wir Licht und Strom und können das WC benutzen. Ein Riesenvorteil mit Sechs- bis Zehnjährigen. Die Kinder rasen mit ihrer Lehrerin Eva Maria Petschnig und unserer Praktikantin Hemma und den selbstgemachten Filzraben durch die Szenen. Die Puppentheaterbühne aus dem ausgeschnittenen Kasten ist noch improvisiert. Szene für Szene wird mit der vorhandenen Geschichte gespielt und improvisiert, Steigerungen im Ausdruck und im Schauspiel sind bemerkbar Viktoria und ich sitzen an den Nähmaschinen und kleiden die Handpuppen mit den schrägen Paperclayköpfen ein. Es stellt sich schnell heraus, dass das Gewölbe für dieses Miteinander zu gut funktioniert – der Lärmpegel ist enorm hoch. Nebenschichten an den Nähmaschinen müssen außerhalb der Probentage eingelegt werden, damit die NachwuchsschauspielerInnen vor allem eines tun können – üben, üben und noch einmal üben. Sprache, Ausdruck, die Haltung der Handpuppen. Und vor allem die eigene Haltung. Ein zum Publikum agierender Rücken schluckt Sprache und löst bei den Zuschauern aus den eigenen Reihen Unverständnis aus.

Viktoria hilft mir heute mit den Kinderkostümen. Es hat sich so entwickelt, dass das Theaterstück mit Handpuppen auf der Bühne und mit menschlichen Darstellern vor der Bühne umgesetzt wird. Keine kleine Herausforderung. Aber durchaus logisch. Also nähen wir einen zweiten Durchgang Kostüme. Upcycling as usual, dank Maria Slama stehen uns genau die richtigen Stoffe zur Verfügung. Aus diesem Fundus schöpfen wir noch eine Weile. Morgen hole ich mir die Handpuppen und mache sie fertig, mal sehen, ob mir wieder jemand Gesellschaft leistet. Ganz ehrlich – nun steigt die Spannung vor allem bei den Erwachsenen. Plötzlich wird doch ein Drehbuch nötig, damit WIR uns auskennen. Es entstehen Listen voller to-do’s und to-bring’s. Für die Erwachsenen wird klarer, welches Kind voraussichtlich in welche Rolle schlüpft, wer Organisatorisches übernimmt, wer Hintergründe ummontiert und wer sich gar nicht auf oder vor die Bühne traut. Ein ganz junger Maler kümmert sich derzeit um die Vorderseite des Puppentheaters und hat mit Bleistift seinen Entwurf auf die grundierte Platte gezeichnet. Alexander baut in der Werkstatt am beweglichen Untergrund der Bühne, eine Riesenherausforderung. Auch das sollte bereits diesen Freitag fertig sein. Wir werden sehen.

Grenzüberschreitender Muttertag

Niemals regnet es bei dieser Veranstaltung. Sagte Michel von der Plattform Mittelkärnten vor ein paar Wochen. Dass es dann real wie aus Kübeln schüttet, verblüfft uns alle. Regen heißt in Schottland „liquid sunshine“. Und so war es auch an diesem Wochenende. Es war eine der schönsten Begegnungen mit KünstlerInnen und VeranstalterInnen für uns. Grenzüberschreitend und herzwarm. Doch ein bisschen der Reihe nach.

Am Samstag meiden wir wie üblich die Autobahn und fahren gemütlich übers Kanaltal und entlang des Tagliamento in Richtung der Provinz Treviso. Pordenone begeistert uns einmal mehr mit seinem südlichen Flair und seiner Lebendigkeit, mit seinem bunten Lebensmittel- und Kleidermarkt und den gepflegten Parkanlagen. Zum zweiten Mal kommen wir durch Vittorio Veneto und versprechen uns, beim nächsten Mal endlich auszusteigen und uns dieses beeindruckende Stück Altitalien zu gönnen. Dieses Mal müssen wir rasch weiter. Wir beziehen unser Luxuszimmer am Revine Lago. Werden wegen einer Hochzeitsgesellschaft in ein Appartement abseits vom Trubel gebracht. Und staunen, wie toll hier alte Balken und Hölzer in ein einladendes, cooles Raumdesign verarbeitet wurden. Bis jetzt hat das Wetter halbwegs gehalten. Doch nun beginnt es zu schütten. Wollen wir hoffen, dass das dem Hochzeitspaar wirklich Glück bringt. Für das erste Kennenlernen lesen wir von einer cantina in San Pietro di Feleto (TV). Wir fahren aus dem Regen hinaus in die sonnigen Weinberge. Zypressen und sanfte Hänge, wohin das Auge reicht. Wir fühlen uns wie in der Toskana. Und stellen fest, wir sind in einer echten Prosecco-Region gelandet. Zwei absolut ungeübte Alkoholtrinker. Das kann ja berauschend werden.

Als das Ortsendeschild von San Pietro vor uns auftaucht, finden uns recht zufrieden damit ab, dass wir dieses Mal sicher keinen Wein testen sondern direkt zur Konferenz fahren werden. Da biegen unsere Scouts Michel und Mara ums Eck. Im Konvoi fahren wir zum Bürgermeisteramt. Eine Projektleiterin nimmt uns mit und wir kosten den ungezuckerten (!) Prosecco, der überraschend hervorragend schmeckt. Die frische Salami und der Parmesan verpassen dem Alkohol eine gute Unterlage. Die grenzenlose Konferenz, an der auch ein Vertreter aus Gmünd teil nimmt, ist sprachlich auf Italienisch begrenzt. So schade. Mein Französisch reicht nicht aus, um alle Details zu verstehen. Doch wir bekommen mit, dass dieses Stream-Projekt, für das wir eingeladen wurden, genau zu uns passt. Kunst und Handwerk im ländlichen Raum, erstaunliche Entwicklungen durch ehrenamtliche Initiativen in kleinen Ortschaften, die mich an die Anfänge der Künstlerstadt Gmünd in Kärnten erinnern. Wir wissen bereits beim Betrachten der Präsentationen, dass wir uns die nächsten Monate an den Wochenenden in vielen kleinen Ortschaften Norditaliens herum treiben werden. Ein sehr spätes Abendessen, viel Austausch und Gelächter mit unseren neuen Kolleginnen und Kollegen, Sturm und Gewitter und ein gut geheiztes Zimmer bescheren uns eine kurze Nacht, bevor wir am Sonntag nach einem fulminanten Frühstück unseren künstlerischen Einsatz haben.

Am Muttertag hat der Revine Lago mindestens Hochstand. Das Wasser schwappt bereits in den wunderschönen archäologischen Park mit seinen gepflegten Lärchen-Pfahl-Bauten, ich komme mit dem vollgepackten Auto grad so durch die Pfützen zu unserem trockenen Arbeitsraum. Mit vier KünstlerInnen aus der Region machen wir künstlerisches Muttertagsprogramm für Familien. Eigentlich rechnen wir nicht damit, dass irgendwer bei dem Wetter einen Fuß vor die Türe setzt. Aber wir täuschen uns. Immer wieder tauchen Besucher mit Gummistiefeln und Regenmänteln auf. Wir reden mit Händen und Füßen, radebrechen auf English und mit den wenigen italienischen Brocken, die uns zur Verfügung stehen. Die italienischen Kinder, die dieses Mal unsere Gäste sind, kommen gemeinsam mit ihren Eltern in den Genuss einer Ein-zu-Eins-Betreuung von Alexander und mir und gehen mit ihrer bunten Stoffpuppe zur nächsten Station, der Mosaikkünstlerin Carolina Zanelli. Wir lernen anhand der Kinder viel über logische Arbeitsabläufe bei Puppenworkshops. Eine Mutter erzählt mir, dass sie gemeinsam mit ihrer Mutter und später mit der Großmutter Puppen hergestellt hat. Hier bei uns fällt es ihr wieder ein. Sie begeistert sich so sehr für diese einfachen Bindetechniken der Ragdoll. Eine andere Künstlerin erzählt mir von einer Puppenmacherin in Tramonti di Sotto. Dieser Ort und seine Mosaikexperimente stehen ohnehin ganz oben auf unserer aktuellen Wunschliste. Sie will uns miteinander bekannt machen. Der Korbflechter wird von Groß und Klein ebenso besucht wie der Portraitmaler und der junge Siebdrucker. Als wir den nassen aber wunderschönen Platz verlassen, gehen wir mit dem guten Gefühl, Wesensverwandte getroffen und Brücken über die Grenzen zwischen diesen Ländern der auslaufenden Alpen gebaut zu haben. Wir kommen bald wieder!

Pure and simple

Tag der Arbeit. Was auch immer das bedeutet. Wir genießen einfach, dass nach so viel Grau und Kälte und Regen die Sonne wieder herauskommt. Es hat weit unter 1000 Meter herunter geschneit. Und trotzdem explodiert draußen und bei mir im Wintergarten der Frühling. Habt ihr auch so auffallend viel Vergissmeinnicht, Knoblauchrauke und Taubnessel im Garten? Es dürfte das Jahr dieser Pflanzen sein. Im benachbarten Gurktal schläft sommertouristisch noch alles. Sogar der Zwergenpark, den ich mir morgen in der Früh genauer anschauen werde. Wir begegnen ein paar trachtenbewehrten Musikern und Musikerinnen. Dem nicht umgesägten Maibaum. Ein paar Spaziergängern. Und von der anderen Zaunseite einem Rasenroboter, der nicht mal kleine Gänseblümchen stehen lassen darf. Tag der Arbeit eben. Ich bin für die neue Instagram-Fotochallenge #shape und #puppetshape auf der Suche nach coolen Gestalten. Die menschlichen Trachtenpärchen mit ihren in der Sonne leuchtenden Hutfedern und den weißen Kniestrümpfen sind schon mal ein Hit. Die Zwerge? Nun ja, nicht so ganz meine Vorstellung von Erdwesen, dafür sind sie schön bunt. Eine Hofmeister-Skulptur im Stiftsinnenhof zieht mich ebenfalls an. Und die Klo-Hinweissymbole, aus denen ich nicht schlau werde. Keine Ahnung, was da Mann und Frau bedeuten soll.

Inzwischen knallt die Sonne mehr als genug herunter. Es geht sich wärmetechnisch wieder aus, auf der Wohnwagenterrasse zu sitzen. Das Gras rund um den Wohnwagen ist einen Viertelmeter hoch. Ich verbinde das Nützliche mit dem Spielerischen und mache mir eine Ragdoll aus ausgerissener Quecke und Löwenzahn und Schnur. Die Ribiseln freuen sich, weil ihnen das Gras nicht mehr so auf den Stamm rückt. Sami ist voll begeistert. Eine Sache von einer gemütlichen halben Stunde. Und eine Gestalt, die bereits als Puppe erkannt wird. Auch mit der Wolfsfrau geht es ein bisschen weiter. Mein vierter Anfang. Ohne Schnitt. Mit viel Überlegung und Ausprobieren. Sie wird genial. Ich bin selbst gespannt, ob diese hier der Figur in meinem Kopf entspricht. Sie hat bessere Chancen als ihre Vorgängerinnen.

Don’t forget to dance!

Ich lese etwas über das Muttersein, über die Herausforderungen, über das Schöne, über das Schmerzliche. Erinnere mich noch sehr gut an diese Zeit mit drei Kindern, so voll mit Eindrücken, Gefühlen zwischen überfließender Liebe und Angst vor der Zukunft der mir anvertrauten Wesen. Wie schnell diese Zeit vergangen ist. Viel zu schnell, wenn ich zurück schaue. Seit eineinhalb Jahren bin ich selbst Großmutter. Erlebe noch einmal und dieses Mal viel entspannter mit, wie sich ein Neugeborenes hier auf diesem Planeten einfindet und der Welt zuwendet, die es umgibt. Ich denke an meine Großmutter mütterlicherseits, eine jener Trümmerfrauen, die an den inneren und äußeren Auswirkungen des dritten Weltkrieges zerbricht und so früh stirbt, dass sie nicht einmal die Hochzeit und erwachsene Entwicklung ihrer Tochter und Enkelkinder erlebt. Ganz im Gegensatz zu meiner anderen Großmutter, die ihre höchst eindeutige Rolle als Frau eines überzeugten Nationalsozialisten bis ans Ende ihres Lebens verklärt und stolz verteidigt. Ich habe auch diese Frau als Kind geliebt. Und mich später enttäuscht abgewandt. Heute erlebe ich indirekt mit, was sie gesellschaftlich erlebt hat. Als Jugendliche war sie mir einfach ein Rätsel und ich habe mich zutiefst für sie geschämt.

Ich fühle mich in dieser Lebensphase Mutter Erde, all ihren Bewohnern und der allgemeinen Vergänglichkeit, dem Werden und Sterben, mehr verbunden denn je. Endlich scheinen mehr Menschen aufzuwachen und mitzubekommen, dass dieser Planet und seine Bewohner unsere Lebensgrundlage in einem überhaupt nicht greifbaren größeren und Ganzen ist, für das auch wir Menschen Verantwortung tragen.

Es war ein Muttertag, an dem ich meiner Mutter die erste Puppe schenken wollte. Die Wassermanngeborene in mir, ein Ausbund an Leichtigkeit und Fantasie, hatte die Elli-Riehl-Puppen in Maria Saal gesehen und scheiterte kläglich an der Reproduktion einer solchen Stoffpuppe. Muttertag ist für mich auch mit dem Geschichtsunterricht, den nationalsozialistischen Idealen rund um Mutterkreuz und Muttertag, verbunden. Kein Grund für mich, ihn aus diesen Motiven zu feiern. Und trotzdem ein Tag, an dem ich mich mit meiner Mutter, meinen weiblichen Ahninnen, meinen Kindern und der Enkelin stark verbunden fühle.

Und nun stelle ich fest, zwei Wochen vor dem österreichischen Muttertag am 12. Mai, wird eine mütterliche textile Skulptur fertig. Ich habe an viel gedacht beim Tun, beim Entwickeln. Ganz sicher nicht an diesen Muttertag. Es ist die reine Freude am künstlerischen Arbeiten mit Nadel und Faden, Stoff, Sand und Füllmaterial die tanzende, gewichtige Urfrau darzustellen, die sich vom Gewicht ihrer Aufgaben nicht herunter ziehen lässt. Gewidmet allen Müttern auf dieser Erde, vor allem meiner eigenen, die sich für mich entschied und mir das Leben schenkte, als so viele dagegen waren. Gewidmet allen Müttern mit Kindern genauso wie jenen, die Mütter von umgesetzten Ideen und Projekten sind. Gewidmet auch jener Mutter, die jedes Jahr dafür sorgt, dass es Frühling wird. Und Sommer und Herbst und Winter.

Ich habe es schon einmal angekündigt, und ich werde es in den nächsten Wochen verstärkt tun – das heurige Muttertagswochenende verbringen wir unter anderem mit meinem Workshop „Rag-a-Doll“ im Archeologiepark Livelet im Bezirk Treviso in Italien. Das ist ein entzückendes Dorf an einem wunderschönen See in einem Gebiet in Italien, das ich bisher nicht kannte. Die Pfahlbauten haben es mir total angetan. Aufgefallen sind uns in der Karwoche die vielen Wandmalereien an den Häusern rund um den See, die unterschiedlicher nicht sein können – es sind auffallend viele. Vielleicht wissen wir nach dem Muttertag, was es mit diesen Bemalungen auf sich hat. Gemeinsam mit anderen KünstlerInnen und HandwerkerInnen werden wir den Park am Sonntag beleben. Von uns aus ist das eine Reise von knapp dreieinhalb Stunden. Und wenn ich es richtig verstanden habe, dann spezialisiert sich dieses Dorf aktuell auf Künstler und ihre Bedürfnisse, was die Unterkünfte betrifft. Wollte es nur gesagt haben. Ich weiß um unsere reiselustigen FreundInnen im Netzwerk!

Lernzeit und Glück

Irgendwie – typisch ich. Da mache ich eine Sache intensiv. Eineinhalb Jahre. Und dann kommt sie wieder, diese Stimme. Geht das noch anders? Gibt es da noch etwas Anderes? Willst du das wirklich immer und für ewig weiter machen?

Genau. Alles hinzuschmeißen. Meine geliebte Lieblingsstrategie. Liebe Puppen, es war sehr schön. Es hat mich sehr gefreut. Dieses Mal, dieses Mal ist es anders. Drei Kurse mit sechs wunderbaren Frauen und einem wunderbaren Mann mit dem Lehren einfacher Puppen nach Waldorf-Art liegen hinter mir. Sie sind alle bezaubernd geworden, jede einzelne. Und ich weiß, dass bereits neue Wesen entstehen. Puppen machen ist hoch ansteckend. Jede Woche arbeite ich zusätzlich mit einem Dreamteam und Sechs- bis Zehnjährigen an Filzraben, an Paperclay-Köpfen für Handpuppen. Das Lernen löst bei mir Lernen aus. So gut wie täglich übersetze ich Seiten des genialen Buches „Anatomy of a Doll“. Es fühlt sich an wie ein Selbststudium, Puppenmachen und brushing up my English. Im Grunde lerne ich erst jetzt kennen, was sich hinter dieser Kunstform des Puppenmachens verbirgt. Die von mir so geschätzte Villacher Puppenmacherin Elli Riehl hat nicht umsonst großen Eindruck bei der kleinen Lisa hinterlassen. Elli Riehl war eine Künstlerin, durch und durch. Fotografierte Gesichter und Bewegungen im Geist ab und modellierte sie daheim mit Nadel und Faden in Flanell und Baumwollwatte. Im amerikanischen Buch tauchen ähnliche Puppen auf, hier spricht die Autorin vom „needlesculpting“, was ich frei als „mit der Nadel modellieren“ übersetzen würde. Und nein, nicht mit Filznadeln, das ist wieder eine andere Technik.

Bei mir führt all das Lernen und Forschen und Lesen dazu, dass ich noch einmal von vorne beginne. Ich beginne noch einmal bei den einfachsten Umrissformen. Es braucht so wenig, um menschenähnliche und manchmal archaische Wesen zu machen. Ich löse mich von schönen Schnitten, zeichne mir auf, was ich mir vorstelle. All die Themen aus unserer heilsamen „Body Positivity“-Frauengruppe inspirieren mich. Ebenso die eine geliebte Freundin, die wie eine Göttin tanzt, wenn sie sich den Raum dafür nimmt. Beim Tun entstehen sofort neue Ideen. Wie sehr es mir jetzt zugute kommt, dass ich wunderschöne alte Kleidungsstücke, Innenraumstoffmuster und all das andere Klimbim sortiert und aufbewahrt habe. Heute beim Aneinandernähen meiner ersten einfachen Skulptur spüre ich sie wieder: reine Freude gluckst bauchaufwärts, nimmt mir fast die Luft zum Atmen, löst unkontrollierbares Herzklopfen aus. Es ist reine Lust am Tun aus mir heraus. Eine Überdosis Glück. Nebenwirkungsfrei.

Wie immer in solchen Zeiten habe ich absolut keine Ahnung, wohin die Reise geht. Ich reise, also bin ich. Mein ältester Sohn, der jetzt elf Monate auf diesem Planeten allein mit seinem Rucksack unterwegs ist, verspricht, auf allen Kontinenten Puppenformen abzufotografieren und sie auf Instagram hochzuladen. So weiß ich auch, wo er gerade ist. An einem entsprechenden Hashtag tüfteln wir noch. Darüber schreibe ich zu einem späteren Zeitpunkt mehr.

Nebenbei geschieht still und leise Frühling und Frühsommer. Ich übersiedle täglich Teile meines Lebensmittelpunktes in meinen Wohnwagen, der derzeit vor allem Studio und lichtdurchfluteter Arbeitsplatz ist. Möglicherweise schaffen wir heuer den Um- und Ausbau meines Außenstudios nebenan, von dem ich träume. Wir. Ich will ehrlich sein. Alexander und Sami schuften, damit der angeräumte Raum wieder leer wird. Der Raum wird später hauptsächlich aus gesammelten Fenstern und Glastüren bestehen. Schwedenrot für den Außenanstrich, ganz hell und sparsam eingerichtet innen. Herzklopfen auch hier.

Presse und Pop-Up

Die Osterferien sind vorbei. Voller Begeisterung nehmen wir die getrockneten Paperclayköpfe in die Hand und glätten und formen noch ein wenig am Charakter der Handpuppenköpfe. Wie leicht die Dinger sind! Und wie ausdrucksstark!

Kurz entsteht Aufregung. Die Redakteurin einer Kärntner Tageszeitung ist gleich im Morgenkreis mit dabei, um ein Gefühl für unser Projekt zu bekommen. Benjamin und Franziska, zwei unserer großartigen Viert-Stufen-Kinder, wissen eine ganze Menge zu erzählen, als sie interviewt werden. Einmal mehr wird mir klar, auf wie vielen Ebenen unser Projekt wirkt. Einerseits profitieren besonders die stillen Kinder davon, dass sie sich eine Bühne nehmen und mit ihrer Stimme präsent sein dürfen. Andererseits praktizieren wir ständig Recycling und Upcycling und die Kinder sind wie nebenbei mitten im Tun, ohne dass wir ihnen lang und breit erklären müssen, wie pädagogisch und nachhaltig und sinnvoll es ist, dass sie mit alten Zeitungen Köpfe herstellen, aus gebrauchten Stoffen Handpuppenkörper herstellen und einen alten Kasten zur Puppentheaterbühne umbauen. Unsere Herbergsuche für einen Probe- und Arbeitsraum bei den Menschen auf der Stadtgemeinde hat uns zu einem tollen Leerstand mitten in der Innenstadt geführt. Unglaublich, wie entgegen kommend erwachsene Menschen sind, wenn es um Kinder und ihre Projekte geht. Zwei Monate nutzen wir Räume als Pop-Up, das heißt wir sind vorüber gehend da und dann wieder weg. Wie es aussieht hat die Großzügigkeit unseres Herbergsvaters sich bereits auf sein Leben ausgewirkt: der erste Interessierte hat sich die Räume für den Sommer angesehen. Das ist es, was mit der Bespielung und Belebung des Leerstandes ebenfalls geplant war: die praktische Sichtbarmachung kommunaler Intelligenz in der Entwicklung einer Kleinstadt. Und dass es in einer Innenstadt um Einkauf und Geschäfte gehen kann aber nicht muss. Die Kinder werden den Erwachsenen schon zeigen, was möglich ist.

Heute üben unsere Nachwuchsschauspieler den Einsatz ihrer Stimme. Paarweise geben sie Witze wieder, auch wenn sie nicht verstanden wurden. Hach, Kinder schlüpfen einfach in Rollen und spielen. Sie sind die geborenen Dadaisten. Zum ersten Mal hören wir die einstudierten Musikstücke mit Instrumenten. Hemma sagt, sie hat Gänsehaut, so schön klingt alles bereits. Am Ende des Vormittages packen wir Sitzkissen zusammen und wandern durch die Stadt zu unserem zukünftigen Arbeitsraum. Das ist ein Staunen und Jubeln. Ganz spontan, ohne Aufforderung einer Begleitperson haben die Kinder den Wunsch, eines der Rabenlieder zu singen. Und sie setzen sich durch. Ganz ohne Scheu stehen sie mitten am Herzog-Bernhard-Platz im schrägen Licht des heutigen Sahara-Sand-Himmels und geben ihr erstes Livekonzert des Projekts. Wir sind gespannt wie lange es dauert, bis die Italiener vom Eiscafé vis à vis auf uns aufmerksam werden…

Diese kurze Schulwoche nach längeren Ferien zeigt sich an den Kindern. Heute sind nicht wir müde, sondern sie. Und doch freuen sie sich auf die nächste Probe in den neuen Räumen. „Lisa, wir möchten gern Publikum spielen“, vertrauen mir zwei kichernde Schüler an. Oh wie recht sie haben. Auch die Aufführung, der Plan, wie unser Publikum quer durch die Stadt mitgenommen werden soll, ist noch zu proben. Aber das ist, frei nach Michael Ende, eine andere Geschichte, die ein anderes Mal weiter erzählt wird.