Kindertheater

Die Idee lässt mich einfach nicht los. Kindertheater. Marionetten selbst machen. Figuren grundsätzlich selbst machen. Der erste Prototyp einer drei- bzw. bei Bedarf vierfädigen Marionette hängt bereits herum, begeistert mich vom Aussehen wenig. Doch ein bisschen zu brav für unsere quirligen jungen Menschen. Ist in der Herstellung zu aufwändig für Kinderfinger, das müsste viel einfacher machbar sein. MIR macht die Herstellung Spaß. Sami war nur beim Filzen dabei, danach wurde es zu kompliziert für seine Finger.

Weil grad ein bisschen zu wenig Zeit ist zum Herumprobieren und Tun, träum ich von Pappmaché mit Kleister und selber leichte Figuren modellieren. Anleitungen und Tutorials hab ich mir schon angesehen. Das wird was für den Sommer, wenn es wieder warm ist und wir im Garten arbeiten können. Jetzt ists mir draußen ein bisschen zu nass. Mal sehen, was unsere Englandreise da an Inspiration zu bieten hat.

Mein Ex-Mann ist übrigens seit Monaten in Mexico. Und erzählt mir, dass es dort ebenfalls ein geniales Puppenmuseum mit alten, handgefertigten Puppen gibt. Mal sehen, was er da an Material mitbringen wird, bin schon sehr gespannt.

Als ich heute mit Amira und Samuel fantasiere und mit Händen und Füßen rede und tüftle und rede und mir die Kinder zeichnend zeigen, wo es lang geht, wird mir klar, dass es um Handpuppen gehen wird. Handpuppen, in die sie mit drei Fingern hinein schlüpfen können. Amira kennt keine Marionetten. Wir schauen uns im Internet ein paar Fotos an, ihre sonst überschäumende Begeisterung hält sich in Grenzen. Dat kannste knicken, liebe Lisa. Mal sehen, was wir aus alten Socken zusammenbringen. Ideen hab ich schon wieder massig…

Jedenfalls nimmt die Geschichte mit dem König Dagobert (hieß der nicht mal ganz anders?!) und seiner jetzt doch nicht an einer schweren Erkrankung verstorbenen Frau, die eigentlich seine Schwester ist, Formen an. Zu den vier Hauptfiguren, ihr erinnert euch, die guten Zwei, Jamie und Olivia, die bösen Zwei, Katzenplotz und Hotzenplotz, kommen jetzt zwei niedliche Hauskatzen dazu. Mir ist ihre Funktion noch vollkommen unklar, aber bin ich die Regisseurin? Nein. Ich frage nur. Und schreibe folgsam mit. Ein Regenbogen ist aufgetaucht, der auch irgendeine Wichtigkeit hat. Ahja, und eine Katze, die in einen Hügel gräbt, der mit Wasser gefüllt ist und deshalb erbärmlich und blubbernd um Hilfe miaut.

Fortsetzung folgt…

Cats and Dolls

Manche Tage sind schon besonders. Als ich heute Morgen schweren Kopfes aufwache, wohl wissend, ich muss die Mitschrift der letzten zwei Tage reinschreiben, damit irgendwas von all der Projekt- und Zeitmanagementtheorie verfügbar bleibt, hocke ich mich sofort vor den PC. Der Morgen graut gerade. Und danach – gebe ich mir frei. Kein Projekt heute, ein Tag ohne PC, mehr oder weniger. Das muss nach all dem tagelangen Aufsetzen und Schreiben von einem (!) Projektantrag drinnen sein.

Gesagt, getan. Prof. Dr. Gerald Hüther rät uns, die Puppen vor allem mit und für Kinder herzustellen. Und er meint damit Puppentheater. Solche Ideen, auf dich ich selber nie kommen würde, greife ich sofort auf. Und bevor wir uns beim Fest der Freude in Klagenfurt mit vielen Kindern darüber hermachen, übe ich ein bisschen im Vorfeld. Sami ist begeistert. Innerhalb von zehn Minuten steht ein supergeniales Drehbuch, gemindmappt und geclustert auf meinem Schmierzettel. Opa Alexander fabuliert heiter mit, wir haben eine Riesengaude. Die Geschichte ist mit so viel tagesaktuellem und politischem Bezug, dass mir zwischendurch die Spucke weg bleibt. Unsere Kinder bekommen viel mehr mit, als wir denken. Nur so viel: ein König und seine Königin und ein Reich voller guter und böser Katzen. Ganz sicher wird es Updates hier geben.

Apropos Katzen. Dieses Thema beschäftigt uns seit heute Mittag. Da wuselt ein aufgeregter Achtjähriger daher, eine Katze im Schlepptau. Aber nicht irgendeine Katze. Eine echte Grumpy Cat. Vorbiss. Lange Haare. Hellgrüne Augen. Perserin oder Angora, ich kenn mich da nicht so gut aus. Was aber das Wildeste ist: sie ist bis auf Kopf und Schweif komplett geschoren. Voller Zecken. Jammernd und wehklagend. Sieht mehr wie ein Pudel aus mit ihren bis zu den Pfoten rasierten und dann als Patscherl übrig gelassenen Haaren. So wie sich diese Katze an uns ranschmeißt ist mir relativ schnell klar, dass das eine ausgesetzte Katze ist. Vielleicht hängt es mit dem schwarzen Jeep zusammen, den ich um sieben Uhr herumfahren sah. Vielleicht auch nicht. Irgendwann sagt Sami, beim verlassenen Nachbarhaus im Stroh sei auch Futter. Futter?! Ja, ein Sack stehe da herum. Er saust rüber, kommt mit einem ganzen und einem fast leeren Sack Whiskas daher. Und einer Colaflasche voll Wasser. Am Ende stellt sich heraus, dass auch zwei Schüsseln dabei stehen. Irgendjemand hat sich wenigstens Mühe gemacht, dass das Tier ein paar Tage überlebt.

Während Sami und ich nadelfilzen und die ersten Marionettenkörper testweise und teilweise herstellen – hach, der junge Mann ist unverletzt – begutachtet Klein-Leonie (so muss sie heißen, Sami hat gewählt) das Gelände. Unsere Altkatze ist beleidigt. Nach dem Tod ihres Bruders war sie ein halbes Jahr die Solokatze hier am Hof. Nun kann sie sich wieder mit einer jungen, frechen und in allen Tonlagen knurrenden und jammernden Göre herumärgern. Sie taucht den restlichen Tag nicht mehr auf.

Mal sehen, ob Leonie bleiben darf oder ob sie wer sucht oder sie zu sehr ins Revier der Seniorkatze eindringt. Das werden die nächsten Tage zeigen. Im übrigen: das Wochenthema für unsere Foto-Challenge #derraum365 ist, tadaaaa, #cat 😀

 

Schneckenkinder und der Frühling

Ich muss dauernd hinaus ins Licht, in die Sonne, in den Wald, an die frische Luft. Dankbarkeit ohne Ende, dass es warm wird, dass die Zeit im Haus vorbei ist.

Bei einem dieser Kameraausflüge runter zur Gurk fielen mir die vielen leeren Schneckenhäuser auf, die auf der Erde lagen. Schneckenfriedhöfe? Ich weiß es nicht. Liebste Hemma, ich hab uns hier einen link gefunden, der einige offene Fragen beantwortet 😀 Bei meinem nächsten Spaziergang schlüpfte ich in wasserdichte Winterschuhe, und mit Mann und Kind und Kübel rückten wir aus, um diese Schönheiten einzusammeln. Die schönen, zarten Gebilde in sehr unterschiedlichen Größen und Farbschattierungen dürften zum größten Teil Weinbergschnecken sein. Einige hatten noch Reste der Winterverdeckelung aus Kalk, sehr spannend. Wie wenig wir doch über unsere Tiergeschwister wissen. Was übrigens erklärt, warum unsere Nacktschneckenplage sich in Grenzen hält. Angeblich frisst die Weinbergschnecke die Gelege der spanischen Nacktschnecke. Unsere Hühner haben diesem Gleichgewicht vor ein paar Jahren mächtig zugesetzt, weil sie die Gehäuseschnecken mit Begeisterung verspeisten. Inzwischen dürfte sich der Bestand wieder erholt haben. Und übrigens: die Brunnenkresse ist da! Jihaaa!

Es dauerte eine Weile, bis alle Häuschen unter dem Wasserstrahl gereinigt, gespült, geschrubbt und auch wieder getrocknet waren. Im Kopf hatte ich schon Bilder von kleinen Wesen, die im Schneckenhaus leben, noch schlafen, neugierig heraus blinzeln. Handwerklich wollte ich filzend an die Lösung der Herausforderung heran kommen. Und als gestern Hemma für unseren Puppenpraxiskurs mit ihren halbfertigen Puppen auftauchte war klar, jetzt sind sie dran, die Schneckenkinder. Hemma hatte die gute Idee, dass sie ihre Häuschen auch am Rücken tragen können. Die wunderbar gefärbten Walkstrickreste der Friesacher Firma Boos sind perfekt geeignet für die kleinen Schneckenoveralls, die zu entwickeln waren. Und für die langen Zipfelmützen. Ich werde heute noch ein wenig mit Maria’s Dekoblüten und anderen Resten herumjonglieren. Und möglicherweise entstehen neue Schneckenhausreiche – ich werde einige Bilder im Kopf umsetzen. Draußen, auf der Sonnenterrasse. Neben den Goldfischen, die durchs getaute Wasser schießen und sich wie durch Magie nur um ein oder zwei Fischchen pro Jahr vermehren. Vorgestern schwamm übrigens Frau Kröte mit den Goldfischen im Kreis. Was bedeutet, dass unser Terrassenbiotop bald wieder voll ist mit kleinen Kaulquappen, die sich über das Fischfutter hermachen.

Schönen Sonntag rundherum!

Mogli und die Logik

Tja. Nicht gedacht, dass ich vor Ostern noch an den PC komme. Aber lieber jetzt als nie.

Selten so einen kreativen Fluss gehabt wie mit diesen Puppen. Rückblickend wird klar, dass es irgendwann geschehen würde. Dass es grundsätzlich geschieht, macht mich so glücklich, dass ich es kaum beschreiben kann. DAS war es, was ich immer wollte. Puppen nähen. Puppen entwickeln. Ihnen das Drumherum schaffen. Meine ersten Puppen in der Volksschule waren entsetzlich. Hässlich, unförmig, sinnlos. Ich gab sofort auf. Und wagte es nie wieder. Und das war es, was mir jeder auf seine Art erklärte. An den Wochenenden kannst du kreativ sein. Aber jetzt musst du die Matura machen oder einen Beruf lernen oder Geld verdienen (aber flott) und Geld verdienen für deine drei Kinder und dich und Geld verdienen. Vor allem – Geld verdienen. Und das Kreative, Künstlerische? Nein, zu unsicher. Drei verhungernde Kinder vor Augen. Die schimpfende, mit dem Finger zeigende Verwandtschaft. Die augenrollende Gesellschaft. Nein. Bloß nicht. Und, um der Wahrheit die Ehre zu geben, absolut kein Glaube an mich und meine händischen oder gar kunsthandwerklichen oder überhaupt künstlerischen Fähigkeiten. Obwohl das Fotografieren und das Schreiben ein durchaus künstlerisches Handwerk hätte sein können, habe ich es meistens zum Geldverdienen missbraucht und mir keine Gedanken darüber gemacht, ob ich liebe was ich tue.

Das kann eh nur verstehen, wer das schon erlebt hat. All die Angst vorm Lernen ist zur Zeit wie aufgelöst. Keine Alpträume mehr, wo ich in Mooren herum wandere, irgendeine Aufgabe lösen soll und überall verkehrsartige Schilder sehe, die ich nicht verstehe. Und keine Ahnung habe, was ich denn überhaupt für eine Aufgabe lösen soll. Diese Träume waren die letzten dreißig Jahre konsequent da, sobald ich Neues lernte. Lernen muss bei mir an Panik, Angst und Verzweiflung gekoppelt gewesen sein. Ich erinnere mich voller Grausen an die Volksschullehrerin in der ersten Klasse in Spittal, die mir unvermittelt mit den Knöcheln auf den Kopf schlug, wenn diese bescheuerte Mengenlehre nicht in meinen Kopf wollte. Mit dem Lineal zuschlug. Pfoah. Ich hatte echt noch Glück, dass diese „Pädagogin“ zu Weihnachten suspendiert und dann in Pension geschickt wurde. Ihr und ihrer Lehre verdanke ich, dass logisches und mathematisches Lernen fast durchgehend ein Alptraum wurde. Logik chinesisch für mich blieb und nur Angst und Hirnnebel auslöste. Und ihr verdanke ich auch, dass ich jetzt bewusst miterlebe, wie beglückend lernen sein kann.

Ich lerne nun täglich. Die Puppen von vor zwei Wochen sehen vollkommen anders aus als die Puppen der letzten Tage. Meine Lehrerin in Mexico hat Recht. Die Arbeit an den Puppen ist durch und durch heilend. Durch das Tun mit den Händen. Und auch, weil so viel Liebe für diese Wesen entsteht. Weil ich mir vorstelle, dass ein Kind mit diesen Wesen spielt. Ein Erwachsener Freude daran hat. Da ist eine Engelsgeduld dabei, die ich vor zwanzig Jahren noch nicht hatte, als so eine Nebenbei-Puppen-Phase sich abzeichnete. Da musste alles schnell-schnell gehen. Ich kann eine Puppenhand drei Mal neu annähen, wenn sie dann am Körper besser aussieht. Ein anderes Kleid nähen, wenn es einfach nicht zur Puppe passen will. Sogar einen neuen Körper nähen wie heute, wenn die Proportionen auch mit zugedrücktem Auge nicht passen wollen. Überhaupt kein Problem! Es entstehen logische Abfolgen im Tun. Die Arbeit lässt sich in Schritten darstellen. Ich lerne Logik nach. Unglaublich. Der Hirnforscher Professor Huether hat schon Recht wenn er sagt, dass unsere Hirne nachlernen, nachrüsten, neu schalten. Und auch meine Begleiter im LAIS-System hatten vollkommen Recht, dass der Wunsch nach Lernen natürlich in uns angelegt ist. Da ist oft nur viel Schutt und Geröll wegzuräumen, um diesen Fluss zu befreien.

Nein, ich werde mich hüten, Empfehlungen abzugeben, um die mich keiner gebeten hat. Frage mich heute still und leise, was diese Welt für ein Platz wäre, wenn Menschen in Ruhe ihre kreativen Talente und handwerklichen und denkenden und liebenden Fähigkeiten entwickeln könnten, um ihrer Begeisterung nachzugehen. Für mich ist das der Inbegriff des „Lernens“. Egal was. Jede und jeder hat andere in ihr und in ihm angelegte Talente. Das Herzklopfen beim Tun weist den Weg. Und manchmal auch der Widerstand…

Mogli heißt übrigens die Puppe mit der dunklen Haut. Sie erinnert mich an den Sohn einer lieben Freundin, der auch ein Mogli ist. Dieser hier will sich nicht anziehen lassen. Da heißt es noch warten, ob er sagt, was er braucht. Das Elfchen mit der Ohrenmütze ist ein Minizugeständnis an Ostern. Und die rothaarige Puppe entstand vor einem Jahr. Es liegen Welten in der Ausführung dazwischen. Aber vielleicht kann das auch nur ich sehen.

 

Februar und Figuren

An der Masse der nicht geschriebenen Blogbeiträge ist unschwer zu erkennen, dass ich kaum Zeit habe, hier in Ruhe und mit Genuss Reflexionen zu schreiben.

Ja genau. Nach einer Phase vollkommenen Stillstandes unserer RAUM-Aktivitäten und einem plötzlichen Scheitern aller angedachten Projekte geht es plötzlich wieder dahin.

Gestern saß ich glücklich und zufrieden in meiner Werkstatt und wollte die nächste prototypische Elfe angehen. Die erste war so voller kleiner Fehler, diese Chance muss ich sofort nutzen. Sonst verdränge ich die Fehler und lerne nichts. Der Körper mit den angeschnittenen Beinen war flott gemacht. Leicht gestopft. Der Kopf ging überraschend schnell mit einer neuen Technik, die ich gesehen hatte. Ein bisschen übermütig begann ich, mit Wollvlies und Filznadel Wangen auf den abgebundenen Kopf zu filzen. Ein bisschen hier. Ein bisschen dort. Und weil so schöne Formen machbar und sie nie ganz gleichmäßig waren – ja, ich bin chaotisch – entstand immer mehr Gesicht unter meinen Händen. Ich spielte ein bisschen herum, begann eine kleine Nase zu filzen. Sie zu vergrößern. Baute ein Kinn auf. Und dachte mir, naja, versuchst du es halt – jetzt bastle ich Lippen. Ich trau mich einfach. Sehr naiv. Denn nun begann der Puppenkopf zu leben! Pfoah! Das ist magisch! Plötzlich hast du einen menschlichen Kopf in der Hand. Jeder Stich, jeder Winkel ändert ein wenig den Ausdruck. Herzklopfend stichelte ich Augenhöhlen. Nach zwei Stunden war klar – dieser Kopf ist viel zu groß für die kleine zarte Elfe. Und – ich habe eine Blockierung überwunden. Niemals in meinem Leben hätte ich mir zugetraut, ein Gesicht zu formen. Und schon gar nicht mit Wolle. Beim Zeichnen schossen mir jedes Mal die Tränen in die Augen, wenn ich es aus dem Gedächtnis versuchen sollte. Blockierung und aus und fertig. Jetzt ist es einfach passiert. Mein Körper weiß, wie meine Hände ein Gesicht formen – er spürt es. Ich glaube, das kann nur verstehen, wem Ähnliches geschehen ist…

Bis ein Uhr Nachts saß ich am PC und zog mir jedes Video und jeden Satz von Fabs in Mexico und Astrid in Holland in die zunehmend matter werdende, aber lernbereite Birne. Es ist schon unglaublich, wie großzügig manche Menschen ihr Wissen teilen. Ich schreibe ein anderes Mal mehr darüber, weil bei Fabs auch ein bemerkenswertes Projekt dahinter steckt, das vielleicht viele Kreative nicht kennen. Ach, und auch Astrid macht ein tolles Projekt. Wie gesagt. Das ist eine andere Geschichte und soll frei nach Michael Ende ein anderes Mal erzählt werden…

Ein fast gestorbenes Projekt in Klagenfurt mit unseren Freund*innen vom Verein VOBIS in Klagenfurt feiert Auferstehung. Ich kann gar nicht sagen, wie glücklich ich darüber bin. Noch diesen Freitag geht es weiter. Und wir haben richtig viel vor. Darüber berichte ich ebenfalls ein anderes Mal.

Als wenn das nicht schon genug wäre, kommt unsere geniale Fotochallenge auf Instagram und Facebook nach nicht ganz zwei Monaten in Schwung. Es ist für mich das reine Vergnügen, mich kreativ herauszufordern. Struktur und Raum für Kreativität für viele zu halten. Themen pünktlich am Sonntag Abend für die kommende Woche auszugeben. Täglich ein neues pic hochzuladen, das in MEINEM Fall nicht aus dem Archiv kommt, sondern neu angefertigt wurde. Anfragen zu beantworten. Andere zu begleiten in ihrem Tun. Mich mitzufreuen, dass alle Fortschritte machen, die dran bleiben. Und liebevoll auf jene zu warten, die zwischendurch wegbrechen, weil sich halt der Alltag breit macht. Voll das Leben! Die Gruppe bleibt geöffnet. Jede und jeder ist herzlichst willkommen, mit zu machen. Es ist ein Vergnügen zu sehen, wie einer vom anderen lernt. Langsam und sichtbar eine eigene Handschrift entwickelt. Sich zähneknirschend und beinah mir zuliebe doch mit Themen auseinander setzt. Die Zuschreibung #alleswegenLisa wird mir zeitlebens eine (Herzens)Ehre bleiben. Ach. Ich mag das so gern. Ihr Instagramer, schaut rein unter #derraum365. Und macht mit!

Mit unseren Partner*innen von Kunst & Werk geht es ebenfalls fein weiter. Ein ORF-Beitrag macht uns in der Region und darüber hinaus sichtbar. Intern entwickelt sich nach einer Storming- und Normingphase (tja, so ist das, wenn neue Menschen in Gruppen kommen) in der Formingphase ein Miteinander-Gehen, zu dem langsam auch wir Zutritt finden. Nichts ist jemals konfliktfrei. Aber dieser Weg ist absolut gehenswert und bereichert uns.

Aus einem total gescheiterten, obwohl wohldurchdachten, wohlstrukturierten und sogar durchfinanzierten Projekt entsteht durch menschliche Verbindung in der Auseinandersetzung eine geniale neue Sache. Innerhalb von drei Monaten bekomme ich so viele Schulungen in Projektentwicklung und Antragstellung für Förderungen, dass es nur so raucht. Langsam blicke ich durch, was in Österreich geht. Und was nicht geht. Ich habe vor etwa einem Jahr ein wenig bedauert, dass es diese dahingehenden Studien während meiner suchenden Zeiten an der UNI nicht gab. Ich hätte sie gerne gemacht. Nun bekomme ich all das Wissen auf eine andere Art vermittelt. Und kann es sofort in der Praxis testen. Und wieder scheitern. Und daraus lernen. Und immer weiter und weiter. Dieser ganze normale, natürliche Lernprozess, der mich so begeistert. Wie dankbar ich bin, dass ich im Rahmen meiner Ausbildung im LAIS-Institut dafür sensibilisiert und vor allem daran erinnert wurde.

So. Genug Text für heute. Ich stricke jetzt die Winterstrumpfhose mit Ferse (!) und Zwickel (!!) für meine Elfe. Verkühlte Elfen werden schnell grantig. Das hat mir Romana mit den wilden Schafwollhaaren schon zu verstehen gegeben. Und mich mit ihrem Niesen angesteckt.

 

Ende gut, alles gut

Ja, das Kostüm wurde fertig. Inklusive Kronenmütze mit Riesenschnabel des Phönix. Unser jüngstes bei uns lebendes Familienmitglied hat heute seine erste öffentliche, wunderschöne, bunte, laute und lärmende, verspielte und freundschaftliche Geburtstagfete gefeiert. Es tut einfach gut, ihn sozial so gut aufgenommen zu sehen. Seinen Platz zu erkennen in der Gruppe. Die Verbindungen zu erspüren, die sich in eineinhalb Jahren Schule aufgebaut haben. Müde und glücklich beende ich diesen Tag mit ein paar Bildern vom Entstehen und Sein eines Kostüms, das uns näher zueinander gebracht hat. Danke Leben.

 

 

 

 

 

Phönix und DIY

„Lisa, das bin ich am Samstag!“ Sagt er. Legt mir ein vorn und hinten dicht mit Gelbrot bemaltes Blatt hin und will wieder gehen. Wie jetzt. Was bitteschön ist das? „Na, mein Kostüm. Für meinen Geburtstag!“. Ein bissel entsetzt ist er schon, der beinah Achtjährige. Ich werde doch wohl wissen… Samstag! In eineinhalb Wochen! Ich spür Widerstand. So viel zu tun, so viel vorzubereiten und noch durchzusortieren für anstehende Nähprojekte…

Alle Gesichtslinien bewegen sich nach unten. Die Augen schimmern. Na gut, ich kann es mir ja wenigstens anschauen. Seufzend nehme ich das Blatt in die Hand. Schaue genauer. Eigentlich auf den ersten Blick sonnenklar, worum es hier geht. Ein Kostüm, das dicht an dicht mit gelben, orangen und roten Schuppen bedeckt ist. Ein Schnabel. Oder so. Eine Krone. Himmel, wie soll das gehen? Ich staune über die Genauigkeit der Details. Ansichten von vorne, von der Seite, von unten. Ganz klare Angaben eigentlich.

Wir kommen ins Gespräch. Ich schinde Zeit. Ganz bestimmt habe ich keinen Stoff. Na, ich doch nicht. Nicht jede Lade ist voll mit Möbelstoffen. Na gut. Ich will aber nicht jede Schuppe einzeln versäubern müssen. Also muss es Filz sein. Den brauche ich eigentlich für die heurigen Hühner. Wenn ich überhaupt  Zeit finde. Wie gesagt, Nähprojekte…

Na gut, ich könnte ja mein Filzlager ein bisschen erleichtern. Und da war ein Hemd im Kostnixladen am Samstag, das mich nur vom Material her interessierte, mehroderwenigerdurchfallbraun, das wäre eigentlich die ideale Unterlage für das Kostüm in den warmen Farben.

Sami schlüpft in das große Hemd. Ein schon angeschnittener Ärmel hängt wie ein Flügel herab. Unten aufgeschnitten und geöffnet wäre das eine mögliche Schwinge. Wir schnipseln. Sami will sich jetzt verkrümeln. Da hat er allerdings die Rechnung ohne die Wirtin gemacht. Noch immer beeindruckt vom Vierjährigen meiner Freundin, der am Wochenende unerschrocken mit der scharfen Schneiderschere hantierte, machen wir einen Deal: er schneidet, ich stecke und nähe. Und – noch eine Vorgabe von mir: er schneidet genau. Wird ja schließlich sein Kostüm, nicht meines.

Zwei Stunden später haben wir vier Reihen geschafft. Alle Finger sind noch da. Sogar alle Stecknadeln sind wieder im Kisterl, nachdem ich Schussel sie vom Tisch gewischt habe. Es brauchte nur wenige Hinweise auf die nötige Genauigkeit. Nebenbei witzeln wir, wie das jetzt im Fernsehen bei Art Attack abgelaufen wäre: „Und hier seht ihr Sami. Er hat gestern schon die Schuppen vorbereitet, damit er das heute nicht mehr machen muss.“ Unser Jüngster lacht so, dass er fast vom Sessel fällt. Die Fernsehsendung geht noch eine Weile weiter. Willkommen in der Realität!

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Ich bin heute schlicht und ergreifend berührt und glücklich. Hier wächst von uns vollkommen unbemerkt ein kleiner Designer heran. Merkt euch meine Worte.

Und nein, wir sind noch nicht fertig. Aber bis Samstag nächste Woche werden wir das schon hinbekommen 😀

Foto und #derraum365

Vierzehn Tage ist das neue Jahr schon alt. So schnell geht das. Ich habe Lust, hier mal wieder ein paar Zeilen zu schreiben. Ausnahmsweise mal nicht über das Nähen, obwohl sich viel tut.

Ich bin eine mittelalte Häsin, was das Fotografieren betrifft. Ich liebe es einfach. Nach dreißig Jahren bin ich sicher schon ein bisschen berufsblind. Als gelernte Berufsfotografin (analog) habe ich mir irgendwie den Umstieg auf die digitale Kamera und ihre grundsätzlichen Bildbearbeitungstechniken beigebracht. So weit, so gut. Da ich als dreifache Alleinerzieherin immer vom Fotografieren und Schreiben leben können wollte/musste, blieb das Kreative und Künstlerische in so vielen Bereichen Wunschdenken. Jetzt, jetzt ist es soweit.

Vor Weihnachten war ich auf der Suche nach fotografischer Inspiration für meine interkulturellen Fotoworkshops. Ich strich durch eine Klagenfurter Buchhandlung und wurde vollkommen überraschend fündig. Der Autor des kleinen, handlichen Büchleins heißt Lars Poeck und ich packe euch hier den link zu seinem coolen Arbeitsbuch und seiner homepage rein.

Fotobücher gibt es viele. Auch sehr viele gute. Dieser junge Mann hat mich mit seiner Art zu schreiben sofort gehabt. Er vermittelt klar, logisch, augenzwinkernd und fundiert fotografische Möglichkeiten, die eigenen Fotos kreativer werden zu lassen. Anfänger, Fortgeschrittene und auch Profis finden coole Anregungen. Wie nebenbei möchte man selbst die nötige Menge handwerkliches Wissen über Kameratechnik, Licht und Komposition erlernen, die ein Foto braucht, um besonders zu sein. Oder sein Smartphone oder I-Phone studieren. Und – für mich extrem wichtig: dieses Buch funktioniert nur „learning by doing“. Es ist nett, beim Lesen Herzklopfen zu bekommen. Zustimmend zu nicken. Sich zu erinnern, dass man das ja immer schon probieren hatte wollen/müssen/sollen. Fakt ist: dafür nimmt man die Kamera oder das Smartphone in die Hand. Steht auf und schaut sich um. Von Schwere kann keine Rede sein. Es macht riesigen Spaß und ich schaue wieder ganz anders in die Welt.

Um kreativ zu werden, brauche ich eine klare innere Struktur. In diesem Fall: 52 Wochenthemen, jeden Tag ein Foto. Oder anders ausgedrückt: 1/52 und zugleich 1/365. Der Buchautor inspiriert mich. Einige Aufgaben werden wir 1:1 übernehmen. Eigene Ideen fließen bereits ein, weil sie dran sind.

Wie es mir jetzt geht? Schon nach wenigen Tagen war mir klar, wie sehr ich mich in den letzten Jahren eingeschränkt habe! Jetzt stelle ich fest, es gibt Brennweiten, die Einfluss auf meinen Ausdruck haben. Mit dem neuen Objektiv macht es auch wieder Sinn, kleine Blenden und große Tiefenschärfen auszuprobieren. Hach, und ich habe große Freude daran, das gemeinsam mit anderen zu tun. Wir inspirieren uns gegenseitig unter #derraum365 auf facebook und Instagram. Aber wie! Für mich unglaubliche 119 Fotos haben sich in zwei Wochen in unserer Instagram-Galerie versammelt. Einige Fotograf*Innen ziehen es vor, ihr Material auf facebook zu veröffentlichen. Auch diesen Spagat schaffen wir locker. Für euch – einfach auf Facebook #derraum365 eingeben. Und staunen.

Wie inspirierend, in der Gruppe aktiv zu sein! Sich virtuell auszutauschen. Dran zu bleiben. Zu sehen, wie die anderen an das Thema herangehen. Spielen in einer puren, simplen Form. Wundervoll.

Selbstverständlich könnt ihr jederzeit in diese fröhliche Challenge einsteigen, die das (fotografische) Sehen und Schauen und Betrachten schult. Das Thema für die kommende Woche ist „Rahmen“. Wer noch Infos braucht, bitte einfach per e-mail, facebook oder Instagram nachfragen.

 

 

 

 

 

Frauen und Räume

Während ich an meinen Elfenwesen stichle, Taschen nähe oder mich sonstwie künstlerisch ausdrücke, tobt in den sozialen Medien ein Krieg zwischen den Menschen, weil sexuelle Übergriffe und sogar Missbrauch an Frauen ein öffentliches Thema wird, das in der Mitte unserer Gesellschaft ankommt. Er beschäftigt mich, auch wenn ich mich selten dazu äußere. Als eine enge Freundin es wagte, unter #metoo via facebook an die Öffentlichkeit zu gehen, traute ich mich nicht, es ihr gleich zu tun. Ich brauchte ein paar Nächte des Nachspürens und Nachfühlens, ob ich diesen Schritt für mich gehen wolle. Es war meine Frauensolidarität, die mich schließlich herzklopfend dazu bewog.

Der befürchtete shitstorm blieb aus. Zu Beginn. Ich brauche hier nicht darüber schreiben, was nun los ist. Ich bin wirklich erschüttert. Abgesehen davon, dass offensichtlich noch immer vorhandene Reste meiner eigenen Traumen sich ein weiteres Mal erheben, erschreckt mich die Wut und die Arroganz und die Würdelosigkeit in den Kommentaren, mit der sich jene Frauen konfrontiert sehen, die mit Details an die Öffentlichkeit gehen. Von Männern. Und von Frauen. Ja, es wird polarisiert und verallgemeinert. Ja, einige Frauen schießen übers Ziel hinaus. Das hat es so auf sich mit lange unterdrückten Emotionen.

Ich war selber viele Jahre in der Opferrolle gefangen. Viel zu lange. Als sehr angepasstes, braves Mädchen und später als junge Frau stellte ich kaum Regeln in Frage. Das ist meine Verantwortung. Und ich habe Antworten auf meine Fragen gefunden, als ich mich auf die Suche nach mir selbst machte. Ich hatte das große, das riesige Glück, dass mein „Hinausgehen“ mit dem Missbrauchsthema in anonymen Gruppen in Deutschland geschah. Ich wurde liebevollst behandelt, in den Arm genommen, Frauen und Männer weinten mit mir und ich konnte tiefe Traumen still und leise aufarbeiten. Meine Opferhaltung durfte ich selber als nicht mehr passendes und unbrauchbares Muster erkennen. Und es in meinem Tempo bearbeiten. Kein einziges Mal schlug mir solche Häme, solche Demontierung meines Seins entgegen, wie es nun geschieht.

Der Wunsch, in sozialen Medien Gehör zu finden ist meiner Meinung nach der steinigste Weg, den jemand wählen kann, der sich mit seiner Missbrauchsvergangenheit auseinander setzt. Hut ab vor jenen Frauen und Männern, die ihn gehen. Ich gehöre nicht dazu.

Ängste und Schätze

„Lisa, wir können jetzt auf Schatzsuche gehen, da ist ein Regenbogen!“ Sami ist aufgeregt. Dunkel und bedrohlich sind die schwarzen Sturmwolken, die aus der Steiermark herüber winken. Ein leuchtender Regenbogen überspannt das ganze Tal. Es gibt viele Schätze draußen. Es ist warm. Im Winterapfelbaum neben dem Brunnenhäuschen pfeifen Stare. Sie futtern, was in ihre kleinen Mägen geht. Böig frischt der Wind auf, die Schafe trollen sich. Auch die Katzen sind unruhig und verkriechen sich. Und dann prasselt der Regen los und fegt der Sturm über uns hinweg. Glücklich über die eindeutigen Zeichen kehre ich zurück in meine Werkstatt und stichle und pinsle und stopfe und fädle weiter an meiner Elfe herum, die seit gestern Abend entsteht.

Meine Gedanken wandern noch einmal zurück zum Freitag, als Menschen so vieler Kulturen vollkommen problemlos miteinander sprachen, fotografierten, sich gegenseitig halfen oder Modell standen. Wie sehr ich mir wünschte, wir könnten noch mehr Menschen in diese für uns normalen Alltagserfahrungen einbinden. Wir haben ein gemeinsames künstlerisches, kreatives Ziel bei all unseren Aktivitäten. Eine Ausrichtung. Wir fotografieren zu bestimmten Themen. Nähen und Upcycling gehört für uns zum normalen Prozess. Malen und Holzwerkstatt sind momentan kein Thema. Ende November hat sich eine polnische Liedermacherin aus Feldkirchen für ein Konzert eingeladen. Wir kennen einander seit acht Jahren. Sie war dabei, als wir in St. Veit mit meiner Freundin Jutta grenzenlos gekocht und später auch gegartelt haben. Nach dieser langen Pause wird es der Seminarküche gut tun, wenn wir kochen und Rezepte austauschen und plaudern. Mit einem wunderschönen Abschlusskonzert.

Ich höre mir die Ängste der Menschen an. Auch ich mache unangenehme Erfahrungen. Aber Himmel, ich kann doch nicht von einzelnen schwarzen Schafen auf alle schließen! Ich lese von Erfahrungen im Umgang miteinander in sozialen Medien, in den Kommentaren zur Politik. Der Wahlkampf mit seiner Polemik hat Öl ins Feuer geschüttet. Auch nach zwei Jahren sind Ängste und gute Erfahrungen ungebrochen da. Derzeit scheinen die Ängste wieder Oberhand zu bekommen. Da hat man gehört und gelesen und wurde einem erzählt. Vor allem Grauslichkeiten natürlich. In meinem eigenen Kreis höre ich von allen möglichen Erfahrungen, vom Scheitern und vom Gelingen. Aber so viel ist schwarz oder weiß. Heiß oder kalt. Gut oder schlecht. Ich kann mich nicht erinnern, jemals in so polarisierenden Zeiten gelebt zu haben. Muss selber gut auf mich achten, den Menschen zu sehen, nicht eine Schublade. Ich dachte, unsere Integrationsarbeit sei abgeschlossen und getan. Ich habe mich getäuscht. Wir machen weiter.

Meine Gedanken schweifen noch einmal zur Fotogruppe. Ich weiß seit Freitag, dass man mit Konsequenzen rechnen muss, wenn man auf eine Fullsensorkamera umsteigt. Alle Objektive ab 50mm sind unbrauchbar. Auch mit künstlerischem Gesichtspunkt ist die Vignettierung zu stark. Ich brauche also auch neue Objektive.

Wir sind für Mahdi auf der Suche nach einem halbwegs starken alten PC oder Laptop, an dem er die Fotos meiner uralten Kamera bearbeiten kann. Wenn er das schafft, was vor eineinhalb Jahren mein erster syrischer Schüler geschafft hat, nämlich mit dieser alten Kamera vernünftige Fotos zu machen, dann will er das. Hach, was für ein Oldtimer 😀 Wie gut es tut, Menschen wie ihm zu begegnen. Es scheint, als sei er Künstler durch und durch. Ich weiß noch so wenig von ihm. Er ist scheu und zurück haltend, wir treffen einander neuerdings beim Tanztheaterstück vom Verein VOBIS, das meine Freundinnen Klaudia und Laura anleiten. Mahdi macht, wenn er nicht mit dem Smartphone filmt oder fotografiert, afghanische Glücksbringer aus bunten Fäden. Arash war vor dem Krieg Grafiker und Fotograf. Das sieht man an seinen umwerfend schönen Kompositionen, die er am Freitag hergestellt hat. Ich bin sicher, wir werden uns gegenseitig genug Impulse geben, unsere Fotografie weiter zu entwickeln. Hussain wird in etwa zwei Wochen wissen, ob er und seine Familie in Österreich bleiben darf. Es geht mir selber nahe, wie nervös er ist. Das kann ihm niemand abnehmen. Brigitte und Gertraud haben überhaupt keine Berührungsängste mit den Jungs. Billan, der Restaurator und bildende Künstler, kommt wie immer eine halbe Stunde zu spät und bringt sich fließend mit seinem lila Schirm ein. Und verschwindet auch eine halbe Stunde früher wieder. Ganz neu dabei ist dieses Mal auch Levi, ein Jugendlicher mit seiner nagelneuen SLR-Kamera. Auch er ist vor allem mit seiner Kamera beschäftigt, schaut den anderen über die Schulter, wenn etwas erklärt oder ausprobiert wird. Keine Berührungsängste. Auch vor mir nicht. Kunst ist schon ein geniales Mittel, um Brücken zu bauen.

Der Samstag gehört meinen zwei Freundinnen aus der Puppenecke und einer interessierten Besucherin. Und heute arbeite ich überhaupt alleine vor mich hin. Die erste Elfe wird fertig. Ich mache Fehler. Im neuen Buch sind unglaublich viele Anleitungsfehler. Das zwingt mich, auf mein ganzes erlerntes Wissen des letzten Jahres zurück zu greifen. Mich beschäftigt, ob es einen logischen Zusammenhang gibt zwischen der Wollmenge, der Breite des Mullbindenschlauches, dem Kopftrikotstück und natürlich der Körpergröße der Puppe. Mathematik. Pur. Via whatsapp frage ich bei meinen Freundinnen nach. Nein, Erfahrungswerte sagt mir Hemma. Und abhängig davon, wie fest man wickelt und bindet. Gut. Schreibe ich mir eben die Erfahrungswerte auf. Von Puppe zu Puppe. Irgendwann wird sich schon eine Regel ablesen lassen. Vielleicht. Oder auch nicht.

Ich spüre, dass mit diesen Puppen, mit den dazu passenden Tragetaschen und dem Zubehör mehr möglich ist. Schön fände ich, wenn zur österreichischen Puppenmacher-Tradition einer Elli Riehl auch noch andere dazu kämen. Die waldorfartigen Wesen sind mein ganz persönlicher Ausgangspunkt. Ich weiß, dass im skandinavischen Raum die Herstellung von Puppen eine eigene Tradition hat. Auch Deutschland ist organisierter und gründlicher. Hier in Österreich ist es eine glückliche Fügung, jemanden in der Nähe zu wissen. Wir können hier locker noch ein Jahr weiter üben, lernen, ausprobieren, uns ganz neue Dinge trauen. Und wünschen, wünschen darf ich mir alles. In diesem Fall Männer und Frauen aus der ganzen Welt, die ihre Art, ihren Zugang oder ihr Interesse zu diesen Wesen mit in unseren Kreis bringen. Bitte auch gerne weiter sagen. Wir bleiben dafür als Praxis- und Erprobungsgruppe offen. Und geben einmal im Monat das bis dahin Erlernte an Interessierte weiter.

Genau betrachtet war das ganze Wochenende eine einzige Schatzfindezeit…