Jahresrückblick 2023: Mein Lebensfaden geht heuer durch viele Nadelöhre

Rückblickend haben wir heuer dicke Fäden durch kleine Nadelöhre gefädelt. Dazu wirst du im Jahresrückblick 2023 ein paar Stellen finden. Gut in eine Schublade einzuordnen ist unser Jahr 2023 nicht. Ich stelle klar und deutlich fest: Danke. Ist gut jetzt. Veränderungswelle ausgerollt. Die Sandkörner ordnen sich neu. Mein Körper, mein Verstand und mein Gefühl hinken hinterher. Der Boden unter unseren Füßen ist fast ganz neu. Nur wir sind noch wir. Mitten im Leben. Wir haben aus ganzem Herzen gelacht, bitter geweint und wütend getobt. Irgendwann haben wir uns beruhigt, Punkt für Punkt abgearbeitet und neu begonnen. Im Rückblick wirkt vieles schon wieder folgerichtig und logisch.

War für 2023 alles geplant? War es nicht. Rückblickend lässt sich eine Struktur erkennen.

Gemeinschaft: Auf die Form des Zusammenlebens kommt es an. Wir haben unsere noch nicht gefunden. Ob es sie überhaupt gibt? Ich möchte diese turbulente, beseelte und anstrengende Zeit in einem Gemeinschaftsprojekt in Mittelkärnten nicht missen, weil wir dazu gelernt haben. Nicht theoretisch, sondern mit Hirn und Herz.

Jahresreisepläne: Das war wohl nix. Tagesausflüge zu unseren südlichen Nachbarn in Italien und Slowenien haben einen überraschenden Charme.

Gemeinschaftsgalerie und Werkraum: Selten so krachend gescheitert. Autsch, das hat so knapp nach dem Auszug aus einer Gemeinschaft böse weh getan. Und wertvolle Erkenntnisse für mich gebracht. Ich freue mich auf deren Umsetzung 2024.

Ruhe nach dem Sturm: Gut. Wir haben heuer kein neues Haus gebaut. Nur die anderen ein bisschen weiter ausgebaut. Nicht mal eine Gartenhütte für die Tinyhäuser am neuen Platz war drin. Der Sommer war heiß und ruhig. Das restliche Jahr – bewegend.

Ausbildung Spiel- und Theaterpädagogin: Ich fühle mich ein bisschen unprofessionell ohne zertifizierte Ausbildung. Also mache ich endlich eine. Dazu muss ich viele Male nach Krems an der Donau fahren. Und freue mich jedes Mal, wenn ich bei meiner Tochter in Wien übernachten darf, die erwachsenen Kinder besuche und Zeit auf Augenhöhe mit ihnen verbringe.

  1. War für 2023 alles geplant? War es nicht. Rückblickend lässt sich eine Struktur erkennen.
    1. Mein peinlichster Moment und was ich daraus lerne
    2. Ein Zirkuswagen geht auf Reisen
    3. Leben in Gemeinschaft. Sind wir gemeinschaftsfähig?
    4. Tagesreisen in Italien und Slowenien
    5. Besuch der alten Dame. In der Kleinstadt meiner Kindheit.
    6. Cyanotypie und schreiben in Gemeinschaft
    7. Sag Theaterpädagogin zu mir!
    8. Rattenträume und andere Wahrheiten
    9. Ateliers. Eine Sache der Flexibilität.
    10. Musik. Singen verleiht meiner Seele Flügel.
    11. Wurzeln. Und eine künstlerische Heimat in Prag.
    12. Die Sache mit dem Geld

Mein peinlichster Moment und was ich daraus lerne

Als ich heuer im Mai an meinem Arbeitsfreitag in die Vereinsgalerie starte, bin ich frohen Mutes. Ich habe Kundinnen versprochen, dass sie einfache Stickereien aus Fotos oder Zeichnungen erschaffen können. Und nein, sie brauchen nichts mitbringen. Ich habe genug Material und versorge sie gern.

Effizient wie ich bin packe ich auch gleich das Arbeitsmaterial für die Kinder des Sockenhandpuppenworkshop für den darauffolgenden Tag ein. Da nie sicher ist, wo ich am Freitag parken kann, transportiere ich das Arbeitsmaterial in tragepraktischen RAPUNZEL-Plastiktaschen. Die Taschen sind schön groß, leuchtend grasgrün mit bunten Aufdrucken. Und nicht mehr ganz taufrisch.

Als ich die Galerie mit Armen voller Säcke betrete, stehe ich vollkommen überraschend in einer Fotogalerie. Staffeleien über Staffeleien mit Fotografien. Der Arbeitstisch ist ein nüchterner Verkaufsstand für einen Fotoband, Visitkarten, Sektgläsern. Alles sehr edel.

Auftritt des italienischen Fotografenkünstlers. Elegant. Und klar. Er hat den Raum zwei Tage gebucht. Ich kann keine Workshops abhalten. Ich möchte mit meinen grünen Plastiksäcken im Erdboden versinken. Ich sage meinen Interessentinnen ab. Es kommt zu einem emotionalen Dialogwechsel mit der Betreiberin. Zu einer wortreichen Entschuldigung wegen der Doppelbuchung und der fehlenden Kommunikation.

Meine Erkenntnis? So behandle ich die zarte Pflanze der Künstlerin in mir nicht. Ab sofort kümmere ich mich zuallererst um mein Künstlerinnen-Business. Und erst in einem zweiten Schritt um ein Netzwerk, das mein Wirken unterstützt und nicht unterschätzt. Lernen auf hohem Niveau.

Filmen lernen. Eine Mammutaufgabe 2023

Ein Zirkuswagen geht auf Reisen

Eigentlich sollte ein Zirkuswagen mit dem Traktor ganz leicht durch das Land zu ziehen sein. Liest mensch auf Social Media Plattformen. Als wir im Frühling den Vater einer Freundin bitten, das rollende Haus für uns zu transportieren, schaut er sich das Untergestell, den sogenannten Trailer, genauer an. Wird nachdenklich. Ich zeige ihm die Reifen, die sogar mir nicht ganz artgerecht vorkommen. Und erwähne dann, dass der Trailer im Zuge der Anfertigung keine Bremsen bekommen hat.

Ganz schnell ist klar: Wir brauchen einen Tieflader. Der Trailer ist viel zu zart gebaut. Die Gelenke sind nicht ausreichend belastbar. Wir sind als Unwissende bei dem Auftrag, uns einen Anhänger schweißen zu lassen, mächtig eingefahren. Jetzt wissen wir mehr. Meine schlaflosen Nächte vor dem Transport waren absolut angebracht. Und doch ist alles gut gegangen. Und wir werden dringend noch jemanden brauchen, der uns im Nachhinein hilft, einiges zu verstärken. Ende gut. Fürs Erste alles gut!

Hier siehst du das komplette Video einer großen Aufregung mit Happy End

Warum ich mir einen Zirkuswagen gewünscht habe? Bei mir hat das Lesen einer Geschichte über das Fahrende Volk als Kind nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Auf sehr vielen Ebenen. Ich bin tief in mir eine Nomadin, eine Reisende. Dieser Zirkuswagen, die Reduktion auf wenig und dafür mehr direkte Verbundenheit mit der Natur, in dem sich das rollende Haus befindet. Das passt gut zu meiner Art, das Leben zu leben. Es ist anders als in der Stadt, wenn ich den vielen Vögeln schon beim Aufwachen dabei zusehe, wie sie Samen von der Kanadischen Goldrute zupfen. Oder an den wild bewegten Haselsträuchern erkenne, wo die Eichhörnchen entlang flitzen. Im Sommer sitze ich morgens auf meiner Miniterrasse, beim ersten Kaffee, und beobachte, wie der Tag erwacht. Für mich ist das ein kleines Paradies.

Ein bisschen sind wir heuer in Sorge, wie sich das mit Sturm und Dauerregen ausgeht. Auch da zeigt sich, dass der intuitiv gewählte Platz ausreichend Schutz bietet. Wir sehen den Sturm, der von den Bergen ins Tal rast. Zumindest heuer waren wir kein einziges Mal betroffen. Überhaupt macht der Millstätter See mit den warmen Quellen ein Klima, das mich stark an den Gardasee erinnert. Das zu beobachten habe ich die nächsten Jahre noch ausreichend Zeit.

Wie klein so ein Zirkuswagen am Tieflader wirkt. Der Schein trügt. Sieben Meter Innenlänge sind eine stattliche Größe. Hier steht mein Häuschen, bevor es extrem steil hinunter an den neuen Platz geht. Ich bin dankbar, als dieses erlösende Bild während meiner Arbeit auf dem iPhone auftaucht. Geschafft! Nur noch ein Haus zu transportieren und dann…

Unser Sommer in den beiden Mobilen Häusern ist reine, pure Erholung. Dieses Mal steht der Zirkuswagen im Schatten einer uralten Weide. Keine Chance, dass sich das Haus tagsüber zum Backofen aufheizt. Ich bringe rechtzeitig Insektennetze an, damit ich in der Nacht durchlüften kann. Heuer benötige ich nicht einmal den Ventilator. Jeden Morgen, wenn ich die Türe öffne, räkelt sich Kater Leo auf der Fußmatte und bettelt um sein Frühstück.

Hoffentlich schaffen wir es nächstes Jahr, den Schiffsofen anzuschließen. Dann halte ich in der kalten Jahreszeit länger in meinem Mini-Paradies aus.

… und dann stehen sie wieder gemeinsam an einem Platz. Der Bach rauscht. Die Vögel zwitschern. Und wir sind glücklich und nervlich erleichtert, dass alles so gut ausgegangen ist.

Leben in Gemeinschaft. Sind wir gemeinschaftsfähig?

Als junge Mutter, alleinerziehend mit drei wunderbaren Kindern, in einer Wohnung mit all den Haushaltsgeräten, die eine kleine Familie braucht, bin ich hundertprozentig sicher, dass es eine Lösung für meine Erschöpfung von sechs Jobs und den unsäglichen Schulstundenplänen gibt. Das Leben in Gemeinschaft löst alle Probleme. Alle nutzen ein Gerät, eine Maschine, kochen miteinander, während andere frei haben. Teilen sich die Carearbeit mit den Kindern auf. Und das alles natürlich ganz in Liebe.

Ich recherchiere, sobald das online zu recherchieren ist. Besuche Gemeinschaftstreffen im gesamten deutschsprachigen Raum. Träume mich in diese Lösung hinein. Als wir im alten ehemaligen Gasthaus meines Mannes die Türen für Gemeinschaft öffnen, beziehen wir es auf das Haus und uns, dass es nicht klappt. Zu schlecht teilbar. Die falschen Menschen.

Wir beraten uns lange. Und verkaufen dieses Haus. Mobile Tinyhäuser sind unsere intuitive und verstandesmäßige Lösung, um wieder beweglich zu werden. Wir wissen noch nicht, wohin mit ihnen. Vertrauen voll auf den Prozess. Außerdem liebt mein Mann es, Häuser zu bauen. Mein Sohn springt überraschend ein, als ein Freund ausfällt. Und plötzlich hat das Leben einen Vorschlag für uns. Packt das erste fertige Tinyhouse, zieht es in ein entstehendes Gemeinschaftsprojekt mit geplanter Tinyhouse-Siedlung in Mittelkärnten. Und baut dort den Zirkuswagen weiter. Wir sind Feuer und Flamme und sagen nach anfänglichen Zweifeln zu. Zwei erfahrene Gemeinschaftscoaches aus Siebenlinden bieten ihre Dienste an. Könnte doch gut werden.

Eisschwimmer. Diese Gemeinschaftserfahrung fotografiere ich sicherheitshalber.

Eine sehr bewegte Zeit kommt auf uns zu. Wir lernen, was es wirklich heißt, in einer Gemeinschaft in einem alten Hotel zu leben. Es ist wunderbar und sehr liebevoll, miteinander zu feiern. Projekte umzusetzen. Es entstehen enge und tiefe Verbindungen. Wir verpflichten uns, zusätzlich zu Mietkosten 20 Stunden Gemeinschaftsarbeit einzubringen. Freiwillig. Dazu wöchentliche Gemeinschaftsprozesse, die das Unterste nach oben holen. Bei jeder und jedem. Es gibt Konflikte. Die sind nicht immer liebevoll, die Egos bäumen sich auf. Wir raufen uns zusammen. Es gibt Zeiten, in denen es wie geschmiert läuft. Und es gibt Zeiten, da braucht jeder von uns Rückzug. Menschen kommen. Menschen gehen. Wir bleiben. Wir halten durch.

Die Arbeit wird immer mehr. Vor allem, als wir die leerstehenden Räume im Hotel für Flüchtlinge anbieten. Gut gemeint ist nicht immer gut. Die Arbeit an der Gemeinschaft tritt in den Hintergrund. Von einer Tinyhouse-Siedlung zu träumen wird immer unrealistischer. Im Dezember 2022 ist es nach Grundsatzkonflikten sonnenklar: so wollen wir, so können wir nicht weiterleben. Dieses Projekt ist für etwas anderes als für unseren Traum von Gemeinschaft mit Tinyhouse-Siedlung gedacht. Die Ursprungsintention hinter dem Projekt wird sich nie ändern. Nur wir können etwas verändern. Wir verlassen, einer nach dem anderen, den Ort. Und die Menschen. Eine traurige, eine schwere Zeit.

Für Kinder ist das Leben in Gemeinschaften aufregend und spannend.

Mein Fazit? Nach einem erholsamen Sommer wissen wir rückblickend ganz praktisch, dass diese Gemeinschaftsform nicht zu uns passt. Co-Housing ist das Mindeste an Abstand, den wir benötigen, um unsere Wirkformen als Künstler umzusetzen. Umsetzbar zum Beispiel mit unserer Ursprungsidee des Tinyhouse-Dorfes. Gemeinschaft ist für mich derzeit ein erweiterter Begriff: Wir anerkennen unsere sozialen Netzwerke als Gemeinschaft. Unsere regionale Verbundenheit und Zusammenarbeit. So bleibt uns allen genug Luft zum Atmen.

Der Hausberg Mittagskogel in Saharakulisse

Und weißt du, was so erstaunlich ist? Wir treffen uns mit vielen Menschen aus diesen zwei Jahren. Durch den Gemeinschaftsprozess ist eine besondere Art von Nähe und Vertrautheit entstanden. Auch im Konflikt. Die schönen Erfahrungen sind ebenso präsent wie die überwältigend anstrengenden. Manchmal fühle ich bei solchen Treffen tiefe Wehmut über unser Scheitern. Und zugleich große Erleichterung. Ganz aufgegeben habe ich die Hoffnung auf ein Gemeinschaftsprojekt mit mehr persönlicher Freiheit noch nicht.

Viele Nationen. Viele soziale Schichten. Viele Rituale. Das Sitzen ums Feuer zählt zu meinen schönsten Gemeinschaftserinnerungen. Hier mit dem schönen Zirkuszelt und den Akteuren der Rote-Nasen-Clowndoctors Österreich.

Tagesreisen in Italien und Slowenien

Wir wollen 2023 endlich wieder nach England fahren. Das Geburtstagsfest einer Londoner Cousine meines Mannes steht am Programm. Der Besuch einer Künstlerkollegin ist der andere gute Grund. Wir sagen zu, wie immer mit dem Schlafauto zu kommen und uns vor der Heimfahrt der Geburtstagsgesellschaft anzuschließen. Doch es kommt anders. Unserer Körper und unser Geist ist schon zu Ostern, als wir eigentlich die Blütenpracht in Griechenland bewundern wollen, zu müde und erholungsbedürftig für ein längeres Unterwegssein. Wir wollen lieber ankommen, als schon wieder zu reisen. Wir hören auf unsere Bedürfnisse. Zwei geplatzte Träume. Und weniger Bedauern als befürchtet.

Statt dessen kaufen wir uns Nachschlagewerke, um abenteuerliche Tagesausflüge in die vielen kleinen Täler zu machen, die den Norden Sloweniens und Italiens auszeichnen. Kärnten liegt strategisch sehr günstig. In einer knappen halben Stunde sind wir über jeder Grenze. Und lassen uns in der romanischen oder slawischen Kultur treiben. Wir erkunden das pittoreske und nicht ganz so kleinen Soča-Tal und seine Tröge. Und finden an seinem slowenischen Ende, am Übergang nach Bella Italia, endlich die Colli Orientali wieder, die mein Mann regelmäßig und erfolglos suchte, wenn wir in Cividale sind. Was für eine südliche, mittelalterliche Pracht! Sanfte Hügel, kleine Dörfer und Klöster und Wein, wohin das Auge schaut.

Wir treffen Kärntner Freunde im italienischen Tarcento, die ebenfalls viele Täler kennen und ihre Erfahrungen mit uns teilen. Und wir forschen weiter. Per pedes. Und mit dem Auto. Nie vergesse ich die verwinkelten kleinen italienischen Tunnel, ohne Beleuchtung, mit 360 Grad Kurven im Berg. Die rauschenden türkisen Flüsse, in denen wir uns abkühlen. Die Klammen und Schluchten, in die wir kaum hinunterschauen können. Es geht Hunderte von Metern steil bergab. Die einsamen, autarken Ortschaften in absoluter Alleinlage, ganz oben in den Bergen. Den wunderbar wohlschmeckenden Kaffee in beiden Ländern. Das Gegenteil von verbrannt und sauer. Und viel günstiger als in Österreich. Die Myriaden von Moskitos nach all den Regenfällen. Und die genialste Musik- und Großpuppenveranstaltung, die Slowenien jedes Jahr in Snečnik, mit seinem Wasserschloss im Park, abhält.

Bilder sagen mehr als Worte. Die meisten sind von meinem Liebsten, ich habe heuer im Feuer des Filmens meistens auf Standbilder vergessen. Alexander ergänzt meine Sicht auf die Welt als Fotograf genauso gut wie im restlichen Leben. Enjoy!

Steinwesen im Soča-Tal/Slowenien
Türkises Wassser und Grünschattierungen im Land der 50 Shades of Green. Slowenien ist so voller Grüntöne wie kaum ein Land, das wir kennen. Hier an einem der Tröge und Klammen entlang der Soča.
Die Ortschaft Kanal an der sanften Soča, vermutlich müde nach all den Sprüngen und Schüben und dem Toben weiter im Norden.
Baden vor dem Vollangriff der italienischen Moskitos im eisigkalten italienischen Val Torre. Nur was für Eisschwimmer im Sommer. Und jede Menge Hunde.
Die kleinste Bergstadt, die ich je hoch oben in italienischen Bergen gesehen habe. Dordolla. Mit einem umwerfenden Rundumblick auf gigantische Berge.
Über den Wurzenpass und den Vršič Pass Richtung Slowenien. Und dann steht er dann. Der Gigant Mangart.
Die Russische Kapelle für russische Soldaten, die bei einem Lawinenabgang am Vršič Pass starben.
Riofreddo, bevor der Predilpass losgeht. Eine Baustelle. Wir steigen aus. Und finden uns in einem Ort mit gefühlt 100 kläffenden Hunden. Und fünf Besitzern.
Weil die Straße enger und enger wird, endet unsere Reise ins italienische Resia-Tal in Stolvizza. Und in einem Volkskundemuseum, in dem wir auf Deutsch über Ausgrabungen informiert werden, die geschichtsverändernd sind. Wir verbringen verhagelte zwei Stunden im Museum und werden mit Likör und süditalienischen Keksen vom Allerfeinsten bei Laune gehalten.

Besuch der alten Dame. In der Kleinstadt meiner Kindheit.

Das schöne Renaissanceschloss in Spittal an der Drau steht noch immer. Im Park meiner Mittagspausen wurden in der Zwischenzeit einige Bäume neu gepflanzt. Der Verkehr knattert, jault und rattert lauter als früher. Trotz Umfahrung. Trotz enger, niedriger und alter Stadttore. Trotz nagelneuer Kreisverkehre. Dies scheint immer noch der kürzeste Weg für viele zu sein. Spittal an der Drau. Oder am Millstätter See, wie mir seinerzeit in Frankreich schon erklärt wird. Der Millstätter See ist ein Stückchen entfernt. Dafür ergießen sich die Flüsse Lieser und Möll in die Drau. Mit Höchstständen, dass einem heuer Hören und Sehen vergeht.

Ich habe punktgenau am Ende unseres Umzuges eine große und überraschende Operation. Meine Ärztin empfiehlt mir ausdrücklich die Abteilung des hiesigen Krankenhauses. Und sie hat vollkommen recht. Alles läuft perfekt.

Danach nehme ich mir vor, diese Stadt unvoreingenommen mit den neugierigen Augen meines Liebsten zu betrachten. Sie mit ihm neu zu erkunden. Wir machen viele Spaziergänge. Freuen uns darüber, dass es einen Together Point für Gebrauchtes gibt. Dass im Schloss feine Kulturveranstaltungen stattfinden. Genießen das kärntnerische, slowenische und italienische Obst- und Gemüseangebot, jeden Donnerstag am Bauernmarkt. Das spürbare Pulsieren der Stadt durch die Studentinnen und Studenten der Fachhochschule. Neue Cafés, die es zu meiner Zeit noch gar nicht gab. Wir testen uns durch die Tassen.

Alexander geht viel spazieren und fotografiert alles, was ihm gefällt.

Das für mich noch immer neue Stadthaus meiner Eltern steht seit dem Tod meines Vaters vor 16 Jahren zur Hälfte leer. Mein Bruder nutzte es, um regelmäßig seine Kinder zu treffen. Wir wohnten als Familie ganz im Schatten des Goldecks, bevor wir nach Lendorf übersiedelten. Ich gestehe, dass ich in meiner Kindheit und Jugend von dieser Stadt nicht viel mehr gesehen habe als alles rund um meinen langen Schulweg. Bis auf eine Frau, mit der ich sogar diesen gemeinsamen Schulweg hatte, erkenne ich überhaupt niemanden wieder. Manchmal kommt mir eine weißhaarige Frau bekannter vor als sonst. Oder ein grauhaariger Mann. Es bleibt spannend. Alles neu. Und alles unverändert.

Das Zusammenleben mit meiner Mutter und ihrem süßen Hund Gina gestaltet sich einfacher als gedacht. Wir haben getrennte Küchen, getrennte Bäder, getrennte Wohn- und Lebensräume. Dadurch spießen sich unsere höchst unterschiedlichen Vorstellungen von Ordnung und Schönheit nicht allzu sehr. Unser Zusammenkommen ist freiwillig. Wir kommen einander nach all den Jahren wieder näher als zuvor. Und ich stelle beschämt fest, dass meine Mutter sehr oft einsam gewesen sein muss.

Alexander begeistert sich für eine Eisenbahnkonstruktion über der Lieser. Ich begeistere mich für die vielen Ahornbäume, die seit meiner Kindheit in der ganzen Stadt aufgegangen sind.

Cyanotypie und schreiben in Gemeinschaft

Ich weiß, welche Farbe sich Cyan nennt. Hey, ich bin ausgebildete Fotografin. Cyan ist für Fotografinnen eine Art von Blaugrün und im Farbkreis die Komplementärfarbe von Rot. Wie üblich überfliege ich den Text für diese Ausschreibung. Lese etwas von Blau. Und etwas von Druck. Und erwarte einen Blaudruck mit Indigo. Oder so.

Es ist mein ganz persönliches blaues Wunder, als ich mich in einer motivierten Gruppe von Menschen wiederfinde, die an einem Tag in die Technik der Cyanotypie tauchen. Eine Oberfläche wird mit einer Mischung, unter anderem aus lichtempfindlichen Blutlaugensalz, präpariert. Im Halbdunkel mit gepressten Naturschönheiten belegt. Zur Belichtung an die Sonne gebracht und dann gründlich in reinem Wasser ausgewaschen. Was dabei entsteht, ist umwerfend. Die weißen Formen vor unterschiedlichem Berlin-Blau sehen wunderschön aus. Vor allem auf Stoff. Ich bin so beeindruckt.

Gräser. Efeuranken. Und dieses prachtvolle Berlin-Blau. Schon sehr beeindruckend, was bei dieser natürlichen Entwicklung entsteht.
Mitten in der Altstadt von Krems belichten wir unsere Kompositionen. Sogar Regentropfen machen schöne Umrisse. Viele Interessierte bleiben stehen und wir tauschen uns über diese Form des Fotografierens aus.

Romy Pfyhl, unsere Dozentin, erwähnt in einem Nebensatz, dass sie gerne eine Online-Schreibgruppe zu biografischem Schreiben ins Leben rufen möchte. Schwärmt von einer vage Anleitung durch das Buch der Autorin Liane Dirks. Und hat mich am Haken. Wir sind fünf Künstlerinnen aus dem deutschsprachigen Raum, als wir im Frühsommer starten. Wir sind noch immer fünf, jetzt im Dezember. Die neue Sicht auf meine Biografie ist erfrischend und erhellend. Vieles verwandelt sich rückblickend in Stärken. In Wegweiser. In sinnvolle Abschnitte, die mein Leben geformt haben. Schreibend komme ich an einige dunkle Orte. Schreibend komme ich auch wieder heraus. Die Gruppe ist so eine feine Hilfe. Einmal mehr komme ich im Leben drauf, dass mein Schicksal mit dem Schicksal von so vielen Frauen eng verbunden ist. Und so gehen wir einfach weiter, wir fünf.


Sag Theaterpädagogin zu mir!

Ich habe es geschafft! Meilenstein! Jubel! Abgeschlossen! Seit Herbst bin ich zertifizierte Spiel- und Theaterpädagogin. Die Ausbildung an der kreART in Krems ist kurzweilig. Vielschichtig. Und macht mir Lust auf mehr Praxis. Also schließe ich mich in Villach einer Angewandten Theatergruppe in den Schau.Räumen an. Einmal mehr wird für mich sichtbar, wie viele introvertierte Attitüden ich mit mir herumschleppe. Ich kann aus allem eine Geschichte machen. Mit der Unterstützung von Kindern ganz besonders. Handpuppen für die Hauptfiguren entwickeln. Dialoge schreiben. Hintergründe gestalten, Bühnen und Vordergründe. Doch bitte, wie sehr hindert mich mein Perfektionismus daran, drauflos zu quasseln? Draufloszuspielen, als würde keiner zuschauen? Diese Nuss möchte ich in den nächsten Jahren knacken. Ich freue mich schon auf das nächste Theaterprojekt mit meinen jungen Lehrerinnen und Lehrern, die Aufführungen in den allermeisten Fällen noch als Spiel betrachten.

Fingerpuppenköpfe aus Ton. Nicht nur Kinder hängen gebannt an den Augen dieser Figur, als sie gespielt wird.


Marionettenpuppenbau. Ein erster Einblick in die Bewegung der Gliedmaßen.

Sofort anwenden, was ich gelernt habe. Ich habe mindestens so viel Spaß am Spiel wie das mir anvertraute erste Kind, mit dem ich üben darf.

Rattenträume und andere Wahrheiten

Ich bin als Kind mit Hunden aufgewachsen. Die einzige Begegnung mit einer Ratte in meiner Kindheit war sehr aufregend. Die Dackelhunde versuchten, eine Ratte aufzustöbern, die sich unter der Holzverkleidung versteckt hatte. Sie fauchte. Sie spuckte. Und vertrieb die drei Musketiere erfolgreich. Was für eine Tapferkeit, was für ein Durchhaltevermögen!

Warum ich persönlich 2020 auf die Ratte gekommen bin, kannst du hier in meinem Blogartikel nachlesen. Ratten inspirieren mich nach wie vor. Sie werden in meinem Atelier immer leichtfüßiger. Fröhlicher. Und frecher.

Und heuer passiert etwas, womit ich selbst nicht gerechnet habe. Wer mir schon eine Weile folgt weiß, dass sich zwischen meinen Wesen und mir immer Geschichten entwickeln. So auch bei der Künstlerin Marianne. In Kürze zusammen gefasst sieht es so aus, dass Marianne nach London zu ihrer Rattenfreundin Sonja muss. Will. Was auch immer. Im Frühsommer erreicht mich der Anruf einer treuen Blogleserin. Marianne zu adoptieren würde ihr so große Freude machen. Wir treffen uns. Und dann erfahre ich, dass Marianne mit dem Ehepaar tatsächlich im Herbst nach St. Yves in Cornwall zieht. St. Yves. Die Künstlerstadt an der Westspitze dieser wunderbaren Insel. Ich bekomme im Winter Fotos von Marianne, wie sie in einem typisch englischen Ohrensessel thront und höchst vergnügt aus ihren Rattenaugen in die Kamera schaut. Sollte ich je daran gezweifelt haben dann wäre jetzt damit Schluss. Träume werden wahr. Sogar die meiner Wesen.

Marianne. Die jetzt in St. Yves in Cornwal/GB lebt.

Ateliers. Eine Sache der Flexibilität.

  • Mein bisher schönstes Atelier war ganz bestimmt das selbstgebaute Gartenatelier neben dem ehemaligen Gasthaus meines Mannes. Mit zwei Arbeitstischen, massig Fensterfronten für natürliches Licht. Einem knisternden Kaminofen, meinen Arbeitsbüchern und meinem Bett. Was für eine feine Erinnerung.
Mit unseren Händen aus einer Garagenbaustelle geschaffen. Jedes Brett selbst gestrichen. Mit herrlichem Tageslicht. Mein kuscheliges Gartenatelier, das ich nach dem Verkauf des Hauses am liebsten mit einem Hubschrauber mitgenommen hätte.
  • Wenn ich zu Kindern oder Erwachsenen fahre, um kreativ zu arbeiten, packe ich mein Krimskrams in durchsichtige Plastikkisten und gestalte Räume dort, wo ich gebraucht werde. Mittlerweile bin ich gut ausgerüstet und jederzeit einsatzbereit. Ich träume immer noch vom Mobilen Atelier im ausgebauten Bus. Und bin voller Hoffnung, das auch dieser Traum sich erfüllen wird.
Dieser Bus ist in den letzten drei Jahren vieles. Werkstatt und Lagerplatz für die Baumaterialien der Tinyhouses. Bauplatzatelier für den Jüngsten und mich, um nicht vom Glauben ans gute Leben abzufallen. Und nur einmal Reisebus. Im Frühling Umzugsfahrzeug. Und derzeit wieder Lager für den weiteren Ausbau der Tinyhouses. So kann es gehen. Den Traum vom ausgebauten Projektbus träume ich weiter.
  • In der Gemeinschaft ziehen wir drei Mal um, bis wir in dem Atelierraum landen, der für alle am stimmigsten ist. Eine Mitbewohnerin borgt mir ihre wunderschönen alten Holzmöbel. Mein riesiger Ahornholztisch ist viele Stunden in der Woche gut umrundet mit werkbegeisterten jungen und älteren Menschen.
Unendlich viele Stunden verbringen Kinder und Erwachsene im Textilbereich des Raum der Möglichkeiten in der Gemeinschaft. Meine Wesen lernen interessiert, wie Menschen miteinander umgehen, wenn der kreative Flow einsetzt.
  • Der Wirkraum mit dem feinen Arbeitstisch in Villach füllt sich heuer von Anfang an nicht so gut, wie ich mir das erhoffe. Mein mobiles Atelier im Nebenraum kommt nur ganz selten zum Einsatz. Mit dem Ende der Zusammenarbeit rückt der Zirkuswagen wieder in die Mitte meiner Betrachtungen. Diesen Sommer arbeite ich hauptsächlich an der frischen Luft. Freiluftatelier unter Sonnenschirm. Mein Material lagert wettersicher im Zirkuswagen, Platz ist mehr als genug. Im späten Herbst packe ich meine Sachen und richte mich in unserer neuen Stadtwohnung ein. Mein Schlafzimmer ist bis unters Dach voll mit Material.
Bunte Wolle. Filznadeln und Kissen. Und ein stabiler Tisch. Zutaten für glückliche Stunden in einem Wirk Raum in Villach.
  • Fazit: Ich kann überall arbeiten. Sogar in meinem Bett, wenn ich krank bin. Das beweise ich mir vor ein paar Tagen selbst, als mich 40 Grad Fieber k.o. gehen lassen. Am Jahresrückblick und am Laptop schreiben geht auch mit Polsterunterlage.
Sobald das Fieber sinkt, geht auch Business mit Bettdecke und Kopfpolster wieder. Wäre doch gelacht!

Musik. Singen verleiht meiner Seele Flügel.

Reibende Klänge, die sich wieder auflösen. Stimmen, die einander umtanzen. Ein Körper, der durch den Gesang von innen vibriert. Und das alles eingehüllt von einem Klangteppich, der jede Zelle erreicht und auflädt. Das ist Singen für mich. Es gibt eine Zeit in meinem Leben, da verweigere ich jeden familiären Gesang. Das hat seine Gründe. Mit meinen Kindern singe ich wieder. Nur ohne sie vorsingen zu lassen. Vor zwanzig Jahren erlebe ich mich verliebt und jazzsingend auf einer Bühne. So ins kalte Wasser geschmissen werde ich endlich meine Panik vor Auftritten los. Meine Stimme ist ein Geschenk. Es geht gar nicht darum, wie ich mich finde. Sondern ich schenke mich meinem Publikum und gestalte meinen Zuhörerinnen eine schöne Zeit.

In unserer Gemeinschaft der letzten beiden Jahren singen wir immer wieder. Am Feuer. Bei Veranstaltungen. Mehrsprachig. Einstimmig. Und mit den Kindern. Ganz besonders sind für mich die musikalischen Sommerabende mit den Roten-Nasen-Clowns am Feuerplatz der Gemeinschaft. Kurz vor unserem Auszug aus der Gemeinschaft finden wir uns zu sechst um ein Klavier und singen mehrstimmig in einem Ensemble. So richtig herausfordernd. Genau richtig für mich. Ich bin eine Gehörsängerin. Je öfter ich Noten mitlese, desto besser merke ich mir die Abstände der Töne am Papier. Diese Singstunden vermisse ich derzeit sehr. Mal sehen, wie es mit der neuen Singgruppe hier in unserer Nähe wird. Ich werde nächstes Jahr sicher darüber bloggen.

Eine Welt ohne Musik ist für mich unvorstellbar. Der eigene Körper als Klangraum ist eine ganz besondere Erfahrung.

Wurzeln. Und eine künstlerische Heimat in Prag.

Im Sommer lese ich eine Ankündigung der internationalen Puppenmachergilde NIADA, dass sie zur Ausstellung „Doll Prague Exhibition 2023“ mit Vertreterinnen anreisen. Das goldene Prag. Ich war noch nie in Prag. Meine slowakischen Wurzeln beginnen zu vibrieren. Prag ist für mich das Zentrum einer Region, aus der meine slowakischen Ahnen vor drei Generationen nach Wien und Kärnten einwanderten.

Wir stellen es uns Anfang November so schön vor, von der österreichischen Grenze der Moldau entlang nach Prag zu tuckern. Auch noch das Autobahnpickerl zu sparen und lieber in Prag einen Kaffee mehr zu genießen. Bis Krumau in Tschechien ist die Fahrt ein Traum. Wunderschön verfärbte Herbstbäume. Krumau fast touristenfrei. Und dann auch noch eine spannende Ausstellung.

Dann wird es eintöniger. Frau Googlemaps holt uns folgerichtig rechtzeitig von den Bundesstraßen, sobald sie bemautet sind. Ganz wie in Österreich. Dann durchfahren wir in endlosen Schleifen und auf Nebenstrecken kleine Dörfer. Immer auf Sicht zur schnurgeraden Autobahn. Wir sehen viel Industrie. Abgeerntete Stoppelfelder. Und pechchwarze Regenwolken, die auf uns zukommen.

Illusion Art Museum Prague. Ein zufälliger Volltreffer. Diese Kunstform steht im Zusammenhang mit dem Prager Golem. Alles ziemlich mystisch und spannend.

Dann endlich, nach vielen Stunden, Prag by Night. Mehrspuriger Großstadtverkehr. Ich komme mir vor wie am Gürtel in Wien. Trotz aller Internetreservierung muss Alexander im Hotel noch einmal die ganze Buchung händisch eintragen. Ich bete draußen im Auto, dass ich mit meiner Parkerei am Gehsteig nicht in Konflikt mit der tschechischen Polizei komme. Es gibt keinen einzigen Parkplatz weit und breit. Wie gut, dass wir den im Parkhaus dazu gebucht haben.

Hundemüde trotten wir noch in die Altstadt. Keine fünfzehn Minuten entfernt. Es regnet und regnet. Der Zufall führt uns direkt zum Palais Lucerna. Dort findet am nächsten Tag die Doll Prague Exhibition 2023 statt. Darüber, und was wir noch in Prag erlebt haben, kannst du hier nachlesen.

Jugendstil, wohin das Auge reicht. Ob in Wien auch so viele Jugendstilgebäude so blitzsauber restauriert werden?
David Černý ist der Urheber vieler skurriler Hängefiguren in Prag. Das hier ist angeblich die Figur des Siegmund Freud.
Das Werk „Pferd“ hängt von der Decke der Passage „Lucerna“, nur ein paar hundert Meter von Myslbeks ikonischem Denkmal des Heiligen Wenzel, an das es auf seine Art anschließt. Černýs Wenzel sitzt zwar auch auf dem Pferd, aber auf seinem Bauch. Das tote Pferd, das an seinen zusammengebundenen Hufen aufgehängt ist und dessen Zunge heraushängt, unmittelbar vor dem Eingang zur Doll Prague Exhibition 2023.
An der wunderschönen Moldau. Mit der Erkenntnis, wir können nach eineinhalb Tagen Fußmarsch bei Regen und Sonne keinen einzigen Schritt mehr über Kopfsteinpflaster gehen. Nächstes Mal erwandere ich die Stadt mit Turnschuhen, nicht mit Barfußschuhen.

Die Sache mit dem Geld

Wie man mit fast 58 Jahren noch einmal aus Glaubenskonzepten rund ums Geld aussteigen kann, ohne den Blick auf die Verteilungsungerechtigkeit zu verlieren? Treten Sie näher, treten Sie ein in einen Prozess des Auflösens von steinharten Glaubenskonzepten, tandarradei:

Eigentlich denke ich im Spätsommer über den Archetypen „Scapegoat“ der Kunstpuppenmacherin Barb Kobe nach. Ich kann mit der Inneren Heilerin etwas anfangen, mit der Hüterin. Mit der Güte und dem Talisman. Aber ein Sündenbock? Weder fühle ich, wie es einem Sündenbock in mir selbst geht. Noch kann ich mir vorstellen, wie er oder sie aussieht. Ich kann nicht einmal ein Wesen zeichnen, das einem Sündenbock ähnlich wäre. 

Es dauert Jahre, bis jemand zu mir sagt: „Naja, wem gibst du denn die Schuld für dein Unsichtbarsein als Künstlerin?“ Und da bäumt es sich plötzlich vor mir auf. Zuerst in Form der Erziehung durch Eltern und Lehrerinnen. Doch das reicht nicht. Es ist das männlich dominierte System, unter dem alle leiden, Männer und Frauen. Mit seinem Leistungs- und Wachstumszwang. Mit seinem Konkurrenzdenken. Und mit dem verteilungsungerechten Geldsystem.

Ich lege sofort los. Gerechter Zorn. Na warte, Sündenbock, jetzt führe ich dich vor! Zuerst entstehen nur die Buchstaben des Wortes SYSTEM. Während eines Theaterprojektes im Herbst lerne ich weibliche Symbole aus allen möglichen gesellschaftlichen Schichten kennen. Ich sticke und nähe sie an die Buchstaben. Sie sollen ihre ganze Symbolkraft auf das Wort übertragen. Auch die Symbole der queeren Szene, der neueste Zankapfel im System, kommt dazu. Weil das Ganze viel zu sauber und adrett aussieht, beginne ich damit, die Oberfläche der Textilien mit Sandpapier und harten Gegenständen zu bearbeiten. Dabei kommt eine ganze Menge gestauter Wut in mir an die Oberfläche. Ich schreibe mich in diesen Wochen durch einige Prozesse durch.

Immer noch ist alles nicht zu meiner inneren Zufriedenheit. Also schütte ich erdige und graue Aquarellfarben über die Stickereien auf der textilen Oberfläche. So passt das jetzt. Sagt meine innere Stimme. Wir weiblichen Wesen bringen unsere Liebe, unsere Kraft, unsere Weiblichkeit zum Ausdruck. Und alles wird beschmutzt und in den Dreck gezogen. Bei einem Flohmarkt finde ich mit Mühe einen Spielzeugpanzer und große Autos. Auch die nähe ich an die Buchstaben.

Empowerment, weiblich. Und divers.

Ich hänge die Buchstabenfigur an den Wohnzimmertisch, um weitere Informationen und Ideen einzusammeln, die auftauchen. So kommen zwei weibliche Wesen dazu, die mit einem Transparent aus den Buchstaben hängen: „CHANGE“ steht auf dem Transparent. Aus Angst vor dem „SYSTEM“ wird „SYSTEM CHANGE“. Ich komme einer Lösung für mich näher. Zwei nicht näher definierte menschliche Wesen, eine biologische Frau und ein biologischer Mann, klettern an dicken Seilen von unten nach oben. Sie sind das Neue. Sie kommen von unten, nicht von oben. Wie die Graswurzelbewegungen dieser Welt, die mehr und mehr sichtbar werden und wachsen.

Mein Sündenbock. Ein so wichtiger Schritt am Weg zu mir selbst. In unserer amerikansichen Doll Healing Gruppe sagen nach der Veröffentlichung viele Frauen, dass ich dieses Projekt nicht für mich, sondern für uns alle umgesetzt habe.

Seit dem Beenden dieses Sündenbocks bleibt in meinem Leben kein Stein auf dem anderen. Ich werfe rasch hintereinander Glaubenssätze rund um das Geld und das männliches System aus meinem Leben, die mich blockieren und handlungsunfähig machen, seit ich denken kann. Mir fällt ein Stein vom Herzen. Ich habe derzeit keine Ahnung, wohin mich diese Kraft führen wird. Ich habe große Lust, meine eigene Wirkmächtigkeit als Teil dieser Gesellschaft einzusetzen. Sicher nicht alleine, sondern gemeinsam mit all jenen, die sich bereits auf diesem Weg befinden. 2024, wir kommen!


Meine 3 liebsten eigenen Blogartikel des Jahres


Mein Jahr 2023 in Zahlen

  • 970 Follower auf Instagram
  • 829 Facebook-Fans
  • 18 veröffentlichte Blogartikel

Was 2023 sonst noch los war

Geburtstag in Graz. Mit der Tochter meines Mannes. Und jeder Menge Ausstellungen.
Am Tag nach dem Geburtstag in Trieste. Ohne Meer ist das kein Geburtstag. Alle Jahre wieder!
ArtWalk in Villach. Wenn aus einer Handwerkergasse eine Kunstmeile wird. Bitte mehr solche Projekte in Kärnten!
Der Maler und seine Träume. Früher Frühling in Piran/Slowenien.
Am Carnevale in Venezia/Italien. Mitten im Leben. Auf der Suche nach Masken.
In den Colli Orientali, entweder aus dem Sočatal kommend aus Slowenien. Oder von Cividale kommend aus Italien. Den sanften Hügeln und schönen mittelalterlichen Dörfchen in den Weinbergen ist es egal, wo die menschlichen Grenzen verlaufen. Sie sind damit beschäftigt, einen Hauch Toskana im Norden zu verbreiten.
Gehäkelte Wesen und andere Kreaturen in einer öffentlichen Ausstellung im Zentrum für zeitgenössische Kunst in Graz. Volltreffer. Mitten ins Künstlerinnenherz. So viel Inspiration ist das größte Geschenk für mich.
Einer dieser Zufallsfunde, weil wir Autobahnen vermeiden, wenn wir unterwegs sind. Ceconi Castle in Vito d’Asia. Völlig überrumpelte Kellner servieren uns einen Drink, obwohl das Schloss nicht öffentlich ist. An der Außenfassade der Nachbau von Figuren wie Dante Alighieri, Francesco Petrarca, Ludovico Ariosto und Torquato Tasso. Innen offenbar Fotostudio und Ausstellungsmöglichkeiten.
Es gibt für alles ein erstes Mal. Zum Beispiel einen Tonkopf mit Anleitung anfertigen. Ulli Mertel ist ein geduldiger Lehrer. Ich lerne eine Menge über das Modellieren mit diesem Material.
Familiengespräche. Immer und immer wieder. Nächstes Jahr hoffentlich noch mehr davon.
Silvester in Piran. Zu diesem Zeitpunkt glauben wir noch, dass wir heuer viele Vereinsreisen unternehmen werden. Es bleibt bei dieser einen. Die allerdings ist wunderschön.
Sundowner in Piran/Slowenien. Was für Farben!

Meine Ziele für 2024

  • Jahresthema meiner textilen Kunst: Die Frau in der Gesellschaft. Heute. Gestern. Und vielleicht auch morgen.
  • Kunst-Unternehmerin: Ich freue mich auf mein Online-Studium mit und bei den Menschen der Ikonenschmiede. Ich finde für mich 2024 einen ausbaubaren Weg, meine Kunst und meine Traumkunden zusammenzubringen.
  • Puppentheater: Einer Miniproduktion habe ich für 2024 bereits zugestimmt. Mit weichen Knien.
  • Schule: 2024 gehts zurück zur kreativen Arbeit mit Schulkindern. Es wird wieder eine Schreibwerkstatt und eine Theaterwerkstatt für Neun- und Zehnjährige stattfinden. Ich bin optimistisch, dass uns dieses Jahr kein Virus einen Strich durch Produktionen und Aufführungen macht. Folge mir hier gerne, wenn du zeitnah davon erfahren willst. Ich starte voraussichtlich im Mai.
  • Biografiearbeit: Wir schreiben als Kleingruppe von fünf Künstlerinnen weiter. Ich bin gespannt, was noch auf uns wartet. Vorfreude!
  • Singen: Ich bin auf der Suche nach einem entstehenden oder bestehenden Vokalensemble in meiner Region. Und ich singe endlich wieder.
  • Tanzen: Es gibt keine Sportart, die mich reizt. Außer Tanzen. Auch wenn es derzeit nicht so aussieht, ich finde kommendes Jahr eine Möglichkeit, regelmäßig zu tanzen.
  • Cyanotypie: Zwei Freundinnen und ich wagen uns ans blaue Wunder, sobald die Sonne zu Mittag ordentlich Leistung bringt. Ich lese mich im Winter noch tiefer in diese Zauberei ein.
  • Reisen: England steht so etwas von auf unserer Bucketlist. Und offenbar die Türkei, um eine ausgewanderte Freundin zu besuchen. Wenn das Floating Castle Festival in Snečnik/SLO wieder stattfindet, sind wir dabei. Vier Tage lang.
  • Campingplatz: Ich biete Kindern an, in den Ferien mit mir am Campingplatz kreativ zu arbeiten und dabei sich und ihrem Potenzial zu begegnen. Es könnte sein, dass wir dazu unseren ausgedienten Bus zu einem Kindermagneten umbauen.
  • Fotografieren: Das Filmen war heuer so ansprechend, dass ich kaum Fotos gemacht habe. Sie fehlen mir eindeutig. Zum Beispiel beim Jahresrückblick. Das wird nächstes Jahr wieder anders.
  • Zirkuswagen: Ich schaffe es heuer vor der kalten Jahreszeit Ende Oktober, den Schiffsofen anzuschließen. Der Innenausbau meines Zirkuswagens beginnt. Unsere Trocken-Trenn-Kompost-Toilette und eine Solardusche werden im Freien installiert.
  • Ausstellungen: Egal ob in Austria, in Germany, in Italy oder Slovenia, England oder Turkey – ich besuche Ausstellungen und lasse mich inspirieren.
  • Familie: Ich nehme mir mehr Zeit für meine engste Familie. Ich plane das heuer im Kalender ein.

  • Mein Motto für 2024: Ich verlasse mein gemütliches Schneckenhaus immer öfter und werde sichtbar.

Wird verarbeitet …
Erledigt! Du bist auf der Liste.

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16 Einträge zu „Jahresrückblick 2023: Mein Lebensfaden geht heuer durch viele Nadelöhre

    • Danke dir fürs Lesen! Ja, mein Weg entsteht beim Gehen. Heute fragt mich ein Freund, ob es mir nicht zu anstrengend ist, immer wieder größere Strecken mit dem Auto und zu Fuß zurückzulegen. Für mich ist das eine Form von Lebensenergie, die ich durch Bewegung auf all den Wegen und Seitenwegen und durch die Tunnel meines Lebens bekomme. Ich muss mir das mal notieren. Danke für die Inspiration! Das ist schon wieder ein neuer Blogbeitrag! Herzliche Grüße zu dir rüber! Lisa

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  • Liebe Lisa,
    Vielen Dank für deinen spannenden den Jahresrückblick! Er macht Mut, auch in unserem Alter immer wieder Neuanfänge zu wagen und dem Forschen am eigenen, künstlerischen ICH Raum zu geben.
    Ich freue mich in 2024 weiterhin schreibend mit dir zu erforschen, was das Sein mit dem Werden, auch dem Sein/Werden als Künstlerin, zu tun hat.

    Herzliche Grüße,

    Antje

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    • Liebe Antje, mein Alter hatte ich gar nicht am Radar! Hallelujah! Wie recht du hast. Es ist niemals für irgendwas zu spät, außer man versucht es erst gar nicht. Ich freue mich auf die gemeinsame Schreibzeit mit dir und der Gruppe! Komm gut durch die Weihnachtsfeiertage und ins Neue Jahr!

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  • Was für ein Jahr, Lisa … gebannt bin ich deinen Geschichten gefolgt. Ich liebe dein Erzählen. Berührende Einblicke in dein Leben. Wie schön, dass wir einander heuer begegnet sind. Ich freue mich auf weitere Schreibabenteuer mit dir!
    Alles Liebe Romy

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  • Wow! Ein wirklich spannendes und buntes Leben! Das Thema Geld habe ich dieses Jahr auch für mich bearbeitet… Dein Kunstwerk dazu finde ich grandios!
    Auch Dein Schreibstil gefällt mir sehr gut… Bin gespannt was Du 2024 so teilen wirst…
    Herzliche Grüße
    Martina

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    • Danke liebe Martina für dein freundliches Feedback! Ja, das Geld. Dieses Thema werde ich noch eine Weile auf meine sehr persönliche Art weiter bearbeiten. Und leben. Sehr herzliche Grüße aus Kärnten an dich! Lisa

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  • Was für ein besonderer Jahresrückblick, liebe Lisa, und Glückwunsch zur bestandenen Ausbildung. Ich bin immer noch völlig von den Socken, was in 2023 bei Dir alles passiert ist. Bei Eckmanns ist auch immer Bewegung, aber man sieht sie gar nicht so sehr. Das mit den alten Glaubenssätzen und Konzepten… die fliegen bei mir auch im hohen Bogen raus aus dem Leben. Ein bewegender Prozess.

    Ich wünsche Dir ein tolles 2024 und Grüße Dich aus München.
    Marita

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    • Liebe Marita, ich finde es so besonders, dass du gerade heute reagierst. Heute dachte ich, ich muss jetzt unbedingt mein Headerbild auf diversen Social Media Kanälen ändern, weil es immer noch auf meinen Jahresbericht hinweist. Umso mehr freue ich mich, dass du mit mir mitfühlst. Ja, oh ja. Das war ein wildes Jahr!

      Die innere Bewegung, die äußert sich erst später im Außen. Ganz bestimmt auch bei dir. Ich komm dich jetzt gleich auf deiner Homepage besuchen, du machst mich neugierig.

      Ganz herzliche Grüße aus dem Süden zu dir nach München! Und ein besonders erfolgreiches 2024 auch für dich!
      Lisa

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