Zwölf Raunächte und drei Gingkos

Draußen wirds still. Innen wirds stiller.

Ich freue mich darauf, heuer in den Raunächten bewusster und intensiver in diese durchscheinende und heilige Zeit zwischen den Welten einzutauchen. Erstaunliche Träume haben mit der Wintersonnenwende eingesetzt. Diese Innenschau im Dezember und hinein in den Jänner war jahrelang als Wunsch da. Heuer wird er wahr.

Als ich zwei Packerln ohne Absender aus Wien bekomme, ahne ich noch nicht, wie viele Gefühle sie auslösen. Es gibt einen mir vollkommen unbekannten weiblichen Engel, der Teile meines Lebens kennt. Ich kenne nur den Vornamen dieses Menschen, mehr nicht. Dieser Engel in Menschengestalt hat mir neben wunderbaren Gaben drei selbstgezogene Gingko-Pflänzchen geschickt. Einfach so. Sie sollen mit mir in meinem Winterquartier ausharren, damit wir uns ein bisschen besser kennen lernen. Nächstes Jahr im Frühling bekommen die Pflänzchen ein mobiles Zuhause in den Töpfen rund ums Tinyhouse und den Zirkuswagen. Sie werden mich persönlich an drei Menschen erinnern, um deren Gesellschaft ich heuer trauere. Es werden ihre Bäume sein. So ein Gingkobaum kann mehrere hundert Jahre alt werden. Was für eine schöne Vorstellung. Danke du Zauberfrau. Deine virtuelle Anwesenheit, deine Worte und deine mitfühlenden Gaben sind Tröstungen, die mehr helfen als du ahnst…

Mir geht es innen drin – besser. Als ich heute durch die Buchseiten eines ganz besonders einfühlsamen Kinderbuches über Orte für die Trauer blättere wird mir bewusst, dass ich genau das noch unbeschwerter und ohne Schuldgefühle und falsche Rücksichtnahme auf andere tun werde. Nämlich Orte meiner Trauer gestalten. Beispielsweise mit einem Baum. Ich für mich. Die Trauer aus den unterschiedlichsten Gründen und der Abschied vom Vertrauten und von geliebten Menschen gehört zum Leben dazu wie die Freude über das Reisen, das Neue, das Ankommen oder sich verlieben. Als ich im November an Covid erkranke stellen sich innerhalb von Tagen Ängste ein, die ich nicht für möglich gehalten hätte. Ängste um mich und mein Leben. Ängste um meine Familie. Schuldgefühle, weil ich auf meine Intuition höre und nicht auf das, was mir angeraten wird. Ängste in der Gruppe. Ängste mit mir alleine, die mich schon ein Leben begleiten und die ich für erledigt gehalten habe. Ich habe inzwischen mit einigen Menschen geredet. Fast alle bestätigen ähnliche Wahrnehmungen. Diese Erkrankung konfrontiert uns, wie jede schwere Erkrankung, mit dem Thema Tod. Wie gerne blende ich aus, dass dieses Leben nicht ewig dauert. Dass das Geschenk eines langen und gesunden Lebens überhaupt nicht selbstverständlich ist. Auch nicht mit der besten medizinischen Versorgung. Angst- und Panikmache sind spezielle Würzmittel, die diese Erfahrung befeuern. Also bei mir. Ich scheine ein guter Nährboden für geschürte Ängste zu sein. Doch da sind auch HelferInnen im Freundes- und Familienkreis, die mir mit Medikamenten und Zuhören, Rat und Tat durch diese Zeit helfen. Ich bin drei Wochen so krank wie schon viele Jahre nicht mehr. Und jetzt wieder gesund. Hinterher redet es sich leicht. Doch rückwirkend betrachtet ist diese Erkrankung eine lehrreiche Erfahrung gewesen. Sie hat einiges zurecht gerückt, das in mir schief war. Auf vielen Ebenen.

Eine Aufstellung hat mich – tausend Dank! – ein weiteres Mal in meinem Leben erinnert, dass Schuldgefühle und Fremdschämen Hinweise auf uralte Strategien sind, die in meinem Leben fehl am Platz sind. Auch das – auf vielen Ebenen. Die mir nicht immer bewusst sind. Verantwortung zu übernehmen ist eine gute Sache. Ungefragt Verantwortung für andere zu übernehmen ist anstrengend für mich und für andere. Und ganz schön ich-bezogen. Ich weiß, dass ich zu diesem Thema ein Wesen machen werde. Vielleicht ist es der Sündenbock, den die wunderbare Barb Kobe in ihrem Buch und in ihren Kursen rund um „The Healing Doll Way“ lehrt. Der Sündenbock, den wir derzeit auch in unserer Gesellschaft gern bemühen, weil er greifbarer ist als diffuse Ängste vor Viren beziehungsweise Impfungen. Der Sündenbock wollte bis jetzt nicht vor meinem geistigen Auge entstehen. Er wird ebenso seinen Raum und meine Aufmerksamkeit und meine Zuwendung bekommen. Genauso wie der Schmerz, die Trauer, die Wut und die Ohnmacht angesichts des Unkontrollierbaren, das sich Leben nennt.

Mein ganz besonderer Dank gilt heute jenen Menschen, die trotz dieser Pandemie mit all ihren Einschränkungen des öffentlichen Lebens den Weg zu mir und meiner Kunst gefunden haben. Egal ob in einer Ausstellung, meinem Wohn- und Arbeitsraum oder online auf meinen Social Media Kanälen. Menschen, die diese Kunst wertschätzen und sie kaufen. Ich bin so dankbar, wenn meine Wesen, die ein Teil von mir sind, ein zu ihnen passendes und gutes neues Zuhause finden. Eine Ausstellung ging sich heuer aus, wir werden sehen, was 2022 möglich ist. Das letzte Wunschpaket ging gestern zur Post und ich weiß, dass es bereits angekommen ist. Danke ihr PartnerInnen von der Post, dass ihr so zuverlässig arbeitet. Danke auch an mein haltbares Netzwerk an Freundinnen und Freunde und WegbegleiterInnen. Und an meine große Patchwork-Familie. Wir sind ganz bestimmt nicht immer einer Meinung. Doch mit den meisten von euch lässt es sich trefflich diskutieren. Ihr versteht es, zuzuhören und eure Gedanken zu teilen. Wir lernen aneinander und miteinander, dass manchmal unterschiedlichste Meinungen nebeneinander stehen bleiben können. Es gibt so viele Wahrheiten und Glaubenssysteme, das einem ganz schwindelig werden kann. Die wirklich Liebenden bauen trotzdem und gerade deshalb Brücken zueinander.

Frohe Festtage rundherum, komm gut und entspannt im neuen Jahr an. Das letzte Wesen dieses Jahres widme ich dir, die du meinem Blog folgst. Es ist mir eine Ehre.

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