Ende und Anfang

Die letzten Wochen sind menschlich, körperlich und nervlich fordernd und belastend.

Ich persönlich fange an, mehr oder weniger zu funktionieren, wenn der Lebensdruck groß wird. Und er wird früher oder später groß, wenn du Teil eines Bau- und Arbeitsprozesses bist, der für alle Beteiligten neu ist. Für den es kaum praktische Erfahrungen und Austausch in deinem direkten Umfeld gibt. Du studierst Tutorials, liest seitenweise Bücher – und dann bist du allein mit der Verantwortung, mit dem Material und mit deinen Entscheidungen. Kommt noch dazu, dass deine Zeit von außen mit Deadlines und Vorgaben für Handlungen gepflastert wird, ist der Prozess richtig anstrengend. Voll das Leben. Wissen wir. Und erleben wir heuer hautnah und ohne Beschönigung.

Was tut also ein kreatives Team in der Theorie? Versuchen, so viel Druck als möglich aus dem Prozess zu nehmen. In der Theorie. In der zweiten Juliwoche erfahren wir, dass unsere jetzige Bau-Halle ab August überraschend einer neuen Verwendung zugeführt wird. Familienintern, wie das halt so ist. Muss man doch verstehen. Kann man akzeptieren. Und darf trotzdem Erschrecken, Panik, Stress empfinden. Offensichtlich eine neue Weggabelung, die das Leben vorgibt. Wir rotieren ein bisschen. Wie sollen wir in drei Wochen einen Zirkuswagen fertig bekommen, der fahrtauglich und wetterfest und transportierbar ist? Noch schneller arbeiten? Die nötigen Abschlussarbeiten am Tiny House in der Nacht machen? Gar nicht mehr schlafen? Relativ schnell liegen die Nerven blank. Ein gut miteinander eingespieltes Bauteam wird unrund, kleinere Konflikte tauchen auf. Werden größer. Es kracht. Der Vermieter bietet uns einen überdachten Platz vor der Halle an. Es fühlt sich nicht richtig an. Es wäre eine Möglichkeit, aber – irgendwas stimmt nicht. Stimmt nicht mehr. Samuel’s Schulbeginn im Herbst kommt definitiv, mir liegt viel daran, dass er sich in den Sommerferien im Neuen einlebt, um gut starten zu können. Er hat schon viele neue Freunde gefunden, fährt gar nicht mehr gern aus dem Neuen weg. Die Großfamilie schaut uns skeptisch zu. Das Jugendamt achtet sehr genau darauf, dass das Kindeswohl an erster Stelle steht. Eine exklusive und herausfordernde Mischung entwickelt sich. Ein Lichtblick ist der Familienintensivbetreuer, der Samuel zwei Mal in der Woche abholt und sich mit ihm alleine beschäftigt. Hier entsteht eine wohltuende und nährende Verbindung für unseren Elfjährigen.

Funken fliegen

Vergangenen Sonntag sitzen Alexander und ich beim Frühstück im Garten. Die Stimmung ist schlecht. Angespannt und gereizt. Und nach Tagen von Hirn-Nebel ist mir plötzlich sonnenklar, was zu tun ist. Wir brauchen unsere nächste Bauhalle ganz nahe an dem Gemeinschaftsprojekt, in das wir ziehen wollen. Das wird das Projekt Live-Together am Mittagskogel bei Ledenitzen sein. Ich schicke eine Nachricht an Julia, dass wir eine Halle so nahe als möglich am neuen Lebensmittelpunkt suchen und bitte um Unterstützung. Informiere Freund*innen in Villach, dass wir südlich der Drau neuen und trockenen Bauraum finden wollen. Und wir haben unfassbar großes Glück! Direkt im Ort wird ein überdachter und ausreichend hoher Abstellplatz bei einem Bauern frei. Ab Ende Juli. Luftlinie nicht einmal tausend Meter vom endgültigen Standplatz entfernt. Wir können zu Fuß oder mit dem Rad hin und her fahren. Unser Bus wird eineinhalb Monate lang eine zusätzliche wetterfeste Holzwerkstatt bei der Halle sein. Eineinhalb Monate, um die Außenhaut des Zirkuswagens von Grund auf zu bauen und wetterfest zu bekommen. Parallel können wir weit in den Herbst und Winter hinein die Innenräume unserer beiden Tiny Houses ausbauen. Wir nehmen uns ohnehin eine Wohnung direkt im Projekt, schon wegen unserem Elfjährigen. Und wir können meinen ältesten Sohn in einer dritten Bauphase dabei unterstützen, sein eigenes kleineres und beweglicheres Tiny House auf einer Wechselbrücke zu bauen. Wir hoffen auf einen langen, warmen und halbwegs trockenen späten Sommer und Herbst. Und was wir 2021 nicht hinbekommen, das machen wir im Jahr darauf. Und in den Folgejahren. Ein Schritt nach dem anderen.

Die letzten Tage in der alten Halle zeigen, dass die getroffene Entscheidung eine gute war. Wir reden wieder normal miteinander UND die Fassade des Tiny Houses wird fertig und sieht einfach toll aus. Kommenden Montag schickt die Dachdeckerin ihren Monteur und das hübsche Haus bekommt sein wetterfestes Dach. Zwei Monate, ungefähr 50 Bautage. So lange hat das für uns absolut neue, erste Projekt gedauert. Ungefähr vier Wochen länger als geplant. Und so ist das eben mit Projekten. Mensch denkt. Und sieht dann beim Tun, was wie und in welcher Zeit geht. Neben einem ohnehin fordernden Alltag mit einem Elfjährigen. Einer plötzlich und hoffentlich nur vorübergehend schwer erkrankten Mutter. Dem Wohnen auf kleinstem Raum in der Einliegerwohnung im verkauften Haus, dem bevorstehenden endgültigem Auszug und dem langsamen Ankommen als Großfamilie in einem auch für uns neuen Gemeinschaftsprojekt.

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