Der Traum von den dänischen Fenstern. Eine Liebeserklärung.

In meinem Traum gehen Fenster vom Boden bis zur Decke.

In meinem Traum sind Häuser aus Naturmaterialien. Rund(lich) oder mindestens gerundet, wo es nur geht. Mit anderen Häusern über Brücken und Wege verbunden. Umgeben von Gärten, Wassergräben, Bäumen. Habe ich schon erwähnt, was noch wichtig ist? Die riesigen, lichtdurchlässigen weißen Fenster reichen vom Boden bis zur Decke. Idealerweise lagern am Boden vor den Fenstern eine Schicht Pölster, Matratzen und ähnliches, um auch in der kalten Jahreszeit direkt mit der Natur um mich verbunden zu sein. Genau dieser Traum erfüllt sich nun im Tiny House. Und einen Tick mehr im Zirkuswagen.

Ich glaube, ich habe in Filmen aus England zum ersten Mal Häuser gesehen, die riesige, weiße Fenster mit diesen typischen vertikalen und horizontalen Fensterleisten zeigten. Nach außen öffnend. Seit dem Bau meines kleinen Ateliers mit mehr Fenster- als geschlossenen Wandflächen schätzt mein Liebster meine in mir angelegte Liebe zum natürlichen Tageslicht ähnlich kostbar ein. Diese Fenster öffnen sich nach innen und verkleinern den Raum. Seit unseren Überlegungen im November, wie wir Tiny House und Zirkuswagen gestalten könnten, sind Fenster ein Thema, das wir eingehend beforscht und durchwühlt und abgewogen haben. Wir finden unsere Traumfenster sowohl auf der Gebraucht-Waren-Plattform „Willhaben“ als auch im deutschsprachigen „Tiny-House-Forum“. Der Anbieter scheint erscheint irgendwie zwielichtig. Aber er hat genau die Fenster, von denen wir träumen! Eine sehr merkwürdige Mailadresse lässt uns noch skeptischer werden. Wir hoffen, dass er einfach ein fantasiebegabter Zeitgenosse ist. Er taucht unter verschiedenen Namen auf. Auf ihn und seine Fenster beziehen sich allerdings viele Menschen im Tiny House Forum. Alles ein bisschen spooky. Es folgt ein ewiger virtueller Briefwechsel um Maße, die wir brauchen. Und um Maße von Fenstern, die er im Lager stehen hat. Die Fotos, die er sendet, stimmen nicht mit den Maßangaben überein. Alexander hat ein paar schlaflose Nächte. Und dann muss es plötzlich schnell gehen. Der Verkäufer braucht ein geleertes Lager. Stichtag XY. Also sofort. Über eine befreundete Speditionsfirma bekommen wir Kontakt zu einem Spediteur, der sich bereit erklärt, bei der Rückfahrt diese Fenster auf Paletten nach Österreich mitzunehmen. Alles in Zeiten von Corona, mit Grenzregelungen, Transportregelungen, Vorgaben und Vorsichtsmaßnahmen ohne Ende. Alexander verlässt sich auf sein Gefühl, überweist mit Bauchweh den offenen Betrag für die Fenster. Weitere Probleme tauchen auf, als es zum Verladetermin kommt. Viele Telefonate, E-Mails, Whats-Apps fetzen hin und her. Stündlich. Der Spediteur ist plötzlich nicht mehr kontaktierbar, der Verkäufer leicht gereizt. Wir warten. Und hoffen. Und vertrauen. Und dann eine knappe Mail: alles hat geklappt. Die Fenster wurden plötzlich wie vereinbart abgeholt und sind am Weg nach Kärnten. Erst später hören wir, was für ein Verkehrschaos das Umladen auf einer Nebenfahrbahn auslöste. Wir sind zu diesem Zeitpunkt unwissend und einfach glücklich.

Wir dürfen das Riesenpaket mit den Fenstern zwischenlagern. Hören die Story vom Umladen. Sind froh, dass alles schlussendlich geklappt hat wie vereinbart. Alexander’s Tochter mit Freund helfen uns eines frühlingshaften Tages, die schweren Teile von A nach Stoberdorf zu holen und hier wieder im Trockenen zwischenzulagern. Wir haben jetzt keine Autogarage mehr. Dafür trockene Holzfüße für dänische, weiße Fenster. Sie schauen sehr viel wuchtiger aus als ich mir das vorstellte. Doch es stimmt: die Außenrahmen sind wesentlich schmäler als Fensterrahmen, die man hier bei uns kauft. Und yeah, die Flügel öffnen sich nach außen! Da gibt es Sturmhaken und Verschlüsse, die ich nicht kenne. Nordisch exotisch, irgendwie. Und ganz klar. Die Fenster weisen ordentliche Gebrauchsspuren auf. Und Spuren, dass sie sehr akkurat aus Häusern geschnitten wurden.

Meine Aufgabe letzte Woche ist es, diese Fenster zu renovieren. Also erst mal die fürs Tiny House. Zwei Dreier-Fenster und ein einzelnes. Zwei Tage hatte ich mir gegeben, um die Traumfenster wieder strahlen zu lassen. Fünf sind es schlussendlich geworden. Eine kleine Einführung in Fensterrenovierung, aus weiblicher Sicht und mit viel Liebe gemacht: Entfernen aller Messingteile und Einlegen in Hochprozentiges, um alte Lacke abzuziehen. Händisches Abschleifen der hölzernen Innenleisten. Entfernen der wild abgeflexten Schrauben im Rahmen. Die Männer dabei um Hilfe bitten. Schleifen mit dem Winkelschleifer, zuerst grob. Dann fein. Glasscheiben sollten mit dem Winkelschleifer besser gar nicht in Berührung kommen. Ich lerne dazu. Ein Fensterrahmen hat immer zwei Seiten. Der Fensterflügel auch. Händisches Nachschleifen von Leisten und Ecken, Kanten und Zierleisten. Ausbessern von groben Verletzungen der Oberfläche mit Kunstharz. Dann Abkleben der Glasscheiben, der Isolierung. Meterweise genauestes Abkleben. Und dann endlich – malen. Pinselstrich für Pinselstrich neue Farbe für die alten Fenster. Mein Sohn tröstet mich, weil ich scheinbar überhaupt nicht voran komme. Der Geruch von nassem Holz erinnert mich an die Doppelfenster meiner Kindheit, wenn ich sie putzte. Es sind schöne Erinnerungen an unser erstes Haus in Oberkärnten.

Das nun auch mit Dämmung und Windfolie eingepackte Haus verändert sich vollkommen, als die Männer die Fensterrahmen einpassen. Wir sind völlig perplex, was ein bisschen weißes Holz um Löcher in Holzwänden ausgibt. Feierlich verschließt einer nach dem anderen von uns einen Fensterflügel. Alles noch sehr frisch gestrichen. Alles noch sehr neu. Zur Feier dieser Woche holen wir eine Lichterkette hervor, die meine Tochter mir voriges Jahr schenkte. Welch weise Voraussicht! Bunt und freundlich hängt sie an den Deckenbalken und bescheint den Campingtisch und die Campingsessel, die in der zukünftigen Küche stehen. Es wird wohnlich im gedämmten Rohbau. Morgen kommen die italienischen Haustüren und ein paar kleine Fenster. Gerade rechtzeitig. So wie es aussieht, montieren wir kommende Woche die noch zu streichenden Fassadenbretter und dann ist das erste Mobile Home bereit, von unserer Spenglerin mit Dachfolie bedacht und nach draußen gefahren zu werden. Auf den Platz in der Halle wartet nämlich ungeduldig ein Trailer, der seine Zirkuswagenhaut montiert haben will. Und schlussendlich ein ähnlich schönes Gebäude spazieren fahren darf wie der große Bruder. Und wenn sie sich nicht verfahren haben, dann kommen sie in ein paar Wochen ganz und gar unbeschädigt an ihrem neuen Platz in Mittelkärnten an. Doch das ist eine Geschichte, die ein anderes Mal geschrieben wird.

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