Die Volksseele und ein heißes Wochenende

Draußen hängt der Saharastaub überm ganzen Tal. Es wird täglich heißer, nicht einmal Gewitter trauen sich mehr her.

Mein Computer spinnt seit Tagen, einige Programme laufen unrund. WordPress hat offensichtlich auf English umgestellt und gibt mir sprachliche Rätsel auf. Wie gut, dass einige Abläufe sich mir schon in das Körpergedächtnis eingeprägt haben – trial and error und ich komme zurecht. Meine Photoshop Cloud schickt mir Updates und danach haben sich sämtliche Tastatureinstellungen verändert. Kann ich bearbeitete Bilder nicht mehr speichern und die Textfunktion ist weg. Es finden wieder Abstürze wie zu Beginn der digitalen Startjahre statt. Vielleicht sind das ja Sommerzeichen? Hitzezeichen? Oder ich brauche schon wieder ein neues System?

Sei es wie es sei. Vergangenes Wochenende waren wir in der freiwilligen und privilegierten Situation, ein freies Wochenende zu planen. Abstand vom Bauen. Abstand vom Planen. Abstand vom Lernen mit dem Elfjährigen. Einfach mal wieder nur Sein. Zum ersten Mal in meinem Leben lasse ich mich in unserer lokalen Apotheke auf den berüchtigten Virus testen. Wir sind erstaunlich viele, die sich vor der Nebentür versammeln. Der befürchtete Niesanfall bleibt aus. Zehn Minuten später habe ich die offizielle Erlaubnis der freundlichen Angestellten, 48 Stunden sowohl ins Café zu gehen als auch meine Mutter nach ihrer schweren Operation in der Klinik zu besuchen. Ganz offensichtlich reichen das Testen und der Papierwisch nicht aus. Wir müssen uns noch registrieren. Was wir auch grad noch schaffen. Was macht mensch nicht alles für ein Auswärtsfrühstück am See mit den erwachsenen Kindern. First World Problems. Tut ganz gut, das Prozedere einmal direkt zu erleben. Den Nachmittag verbringen wir planend und arbeitend mit einer entstehenden Tiny-House-Siedlungs-Gruppe in Villach. Schauen uns kurz vorher die Kanaltaler Siedlung an, die lukrativen Wohnprojekten weichen soll. Trauern mit den Menschen um diesen interessanten Stadtteil mit all seinen Geschichten, der mehr verdient hat als nur weggeschoben zu werden. Die Stadt kocht. Wir sind froh, uns in die Kühle eines gemauerten Raumes zurück ziehen zu können.

Samstag Morgen. Wo verdammt noch mal sind die zwei Freitestungszettel von gestern? Wir haben sie irgendwo liegen gelassen. Also noch einmal in die Apotheke fetzen, die gestrige Testung noch einmal ausstellen lassen. Vierundzwanzig Stunden, das lassen wir uns nicht nehmen! Wir packen die Badehose ein und es geht ab an einen See in Mittelkärnten. Es ist noch nicht so brüllend heiß. Auffallend viele gleichaltrige Silberhaarige verteilen sich großzügig und gemäß den angeordneten Sicherheitsabständen auf der wunderschönen Liegewiese. Die Welt der Schilda ist sichtbar angewachsen. Covid for Dummies. „Also wirklich, a ‚xunde Watschen hat uns auch nicht zu Stierzlern gemacht…“. Unüberhörbar echauffieren sich Menschen in unserer Nähe. Gefolgt von der alltäglichen Geschichte vom „Poppa“, der im Kaufhaus herumbrüllt, weil die Mutter unfähig ist, ihn ordentlich zu erziehen. „Also wirklich, die jungen Leute… Gleich geben sie wieder auf und dann sind sie überfordert… Ich sags ja, die xunde Watschen hat uns auch nicht geschadet.“ Bespiele über Watschen in der Lehrzeit folgen. Gelächter über Erinnerungen an eine Jugend, als man(n) selbst mit langen Haaren, hohen Absätzen und Ohrringen herumstolzierte. Wir schauen uns an und entscheiden, uns so schnell als möglich in die moorigen Fluten des Sees zu stürzen. Das Wasser ist herrlich. Der erste Kaffee im Café seit vielen Monaten ist bitter, schmeckt aber ein bisschen nach Freiheit. Dieses Mal dürfen wir uns mit Kugelschreiber und Papier registrieren. Für alle Fälle. Mensch weiß ja nie.

In der Klinik wird schon eingehender überprüft, was auf meinem Zettel steht. Es ist kochend heiß unter meiner FFP2-Maske, die ich trotzdem aufsetzen muss. Ich bekomme viel zu schlecht Luft, um mir darüber ernsthaft Gedanken zu machen. Kliniken und Pflegeheime werden heuer offensichtlich länger mit dieser Einschränkung leben müssen. Meiner Mutter geht es erstaunlich gut nach ihrer Operation. Die Schmerzmittel wirken noch. Eine Sorge weniger in diesen turbulenten Zeiten. Sie wird es wahrscheinlich noch einmal schaffen, wieder auf die Beine zu kommen. Hoffentlich.

Beim Weltflüchtlingstag 2021 vor dem Klagenfurter Stadttheater stehen die Menschen entweder unter dem spärlichen Baumschatten bei den Parkplätzen. Oder beschatten sich mit mitgebrachten Regenschirmen. Was für eine Hitze! Unvorstellbar, dass zugleich und seit Wochen in den griechischen Lagern ähnliche und schlimmere Zustände herrschen, was die Hitze betrifft. Jeder Camper, jede Camperin weiß, wie sehr sich Zelte aufheizen. Auch die jungen Organisatorinnen von wochenende4moria, die von Schnee über Regen und Kälte nun auch Hitze erleben, wenn sie vorm Jugendstilgebäude in ihren Zelten übernachten, um auf die extreme Situation geflüchteter Menschen in den Lagern an den EU-Außengrenzen hinzuweisen. Ich brauche nur darüber nachzudenken, wie es wohl einer Frau ergeht, die vielleicht auch noch ein Kind geboren hat und jetzt mit dieser Situation umgehen muss. Schon stehen mir die Tränen in den Augen. Ein Audi-Fahrer brüllt aus dem Autofenster: „Sch… Aktivisten, schleichts eich!“ Vierzehn Nationen sind anwesend. Menschen, die vierzehn verschiedene Kulturen repräsentieren. Mit Musik, mit ihren Geschichten, mit ihrer Sicht auf die Welt. Ihre Sprachen, ihre Religion, ihr Erfahrungsschatz. Die wunderbare Veranstaltung hätte viel mehr Besucher:innen verdient. Und Baumschatten. Ich bin gespannt, wann auch die Verantwortlichen in den Städten in Kärnten entdecken, dass betonierte oder gepflasterte Plätze in der Stadt vielleicht leichter zu reinigen sind. Es den Menschen und auch den Zierpflanzen in den Beeten aber tausendmal besser täte, von großen, ausgewachsenen Bäumen beschattet zu werden.

Sonntag. Wir suchen uns einen Platz in den Bergen mit See. Und werden fündig. Ich lebe schon so lange hier im Süden Österreichs. Und immer wieder verblüffen mich Paradiese, die ich noch nie gesehen habe. Ich komme daher wie die Sommerfrischlerin aus Romanen, über die ich schmunzle. Sandalen. Kurzes Kleidchen. Fotoapparat. Ich ziehe meine unpassenden Schuhe aus, gehe barfuß. Zünftige Wanderinnen in korrekter Wanderkleidung, mit Gehstöcken und Hunden, brüllen sich über den See zu, wie schön es hier ist. Wie viele Fische es gibt. Und diese Pflanzen, schau mal! Sie schicken ihre Social Media Bilder direkt hoch in ihre Stories. Alexander lacht. Sie erinnern ihn an die Vögel, die sich jeden Morgen ihre gezwitscherten Grüße zubrüllen. An Schlaf ist da in diesen Wochen auch nicht mehr zu denken. Zwei Frauen stehen im Wasser, fotografieren sich gegenseitig. Geben sich Tipps, wie frau sich ideal in Szene setzt. Wir hocken schweigend und breit grinsend auf unserer Bank. „Nackert warat halt noch guat“, tönt die Männerstimme aus dem Off. Wir prusten los. Fernsehen ist viel weniger unterhaltsam als diese Ausflüge in die reale Welt.

Me

Mein Nachmittag steht ganz im Zeichen des Anlesens von Anleitungen zum klugen Filmen und Filmschneiden. Kein Wunder, dass meine Dokumentationen mir so fad erscheinen. Was ich da alles bedenken könnte! Ha! Filmen ist halt nicht fotografieren. Und hier angewandte Techniken könnten sich auch positiv auf mein Fotografieren auswirken, meinen autistischen Ansätzen zum Trotz. Ich krame mein „Stop Motion for Dummies“ wieder hervor. Mal sehen, was bei dieser Hitze in meinem Hirn bleibt und den Weg zum Filmen findet.

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