Die Wände, der Wandel und ein Dach

Ja, bei uns sind ein paar Schrauben locker. Und ja, in unserem Oberstübchen zieht es.

Und trotzdem kann ich sagen: es ist schon ganz erstaunlich, wie rasch zwei Männer, die gut zusammen arbeiten, ein Tiny House auf den Trailer bringen. Nach den vier Wänden ist jetzt die Konstruktion für den Dachstuhl dran. Es geht immer höher hinauf. Nicht jede Leiter hält, was die Werbung verspricht. Eine neue ist so wackelig, dass ich sie gerne und ausdauernd halte, damit der Leiterkletterer nicht ins Schaukeln kommt. Wenn ich nicht gerade Leitern halte, dann liebe ich die Arbeit mit Winkelschleifer und Handhobel am meisten. Duftende Kieferlöckchen, die sich aus dem Handhobel drehen. Ich werde vielleicht einen Holzengel mit Holzlöckchen machen. Unter den durchsichtigen Stegplatten wird es auch in einer Werkshalle heiß. Meine beiden Männer schwitzen aus Angst vor schwindelnder Höhe. Und weil der Sommer – vorübergehend oder nicht – Einzug hält. Heute Abend kommt der zweite Trailer angerollt. Dieses Mal das Untergestell für mein Wohnatelier, mein Zirkuswagen. Mein Lebenstraum. Herzklopfen. Sobald das erste Tiny House wetterfest ist, geht es hier weiter.

Ich siedle mein Büro und einen winzigen Teil meines textilen Ateliers in den Projektbus. Das Leben ist Veränderung. Ausgelöst durch meine Träume, die mir sowieso immer den Weg zeigen, den ich mit meinem Tagesbewusstsein übersehe. Dieses Mal ist es ein Lern-Alptraum. Ich kenne das schon. Ich soll etwas lösen, von dem ich absolut keine Ahnung habe, warum ich in der Situation bin geschweige denn, was die nächsten Schritte sind. Und schon gar nicht, was ich lösen soll. Dieses Mal versuche ich einer unsichtbaren Person zu erklären, wie ich die Bodenplatte mit den Wänden meines Zirkuswagens verbinden werde. Stress. Angst. Unsicherheit. Ich habe absolut nichts mitgeschrieben – mein uraltes Schultrauma. Das Gefühl, mich davon stehlen zu wollen. Mein Hirn, mein Herz, der ganze Körper lernt. Auf vielen Ebenen, ganz praktischen. Und auf denen mit den blinden Flecken. Das ist die Ebene mit den alten Mustern und Glaubenssätzen, die immer noch wirken. Seit drei Tagen bin ich dabei, wenn es auf die Baustelle geht. Packe mit an, wenn rasch etwas zuzureichen ist. Halte frisch geklebte und geschraubte Übergänge. Sortiere Schrauben. Breite Folien aus. Und filme und fotografiere. Ich fühle mich wieder als Teil des Teams „Bauschule Tiny Houses“. Danke liebe Michi an dieser Stelle für deinen Backofen – jetzt wird er zu Mittag in Aktion treten!

Der Wandel. Es wandelt sich. Wir wandeln uns. Ich weiß, dass Veränderung Teil meines Lebens, Teil unseres Lebens ist. Und ich merke, meine Belastungsgrenze rückt in greifbare Nähe. Wir sind wieder viel mehr unter Menschen als noch vor einem Jahr oder zwei Monaten. Setzen uns intensiv mit ihnen und in der Reflexion mit uns selbst auseinander. Unsere herbstliche Zukunft beginnt, ihre eigenen Weichen zu stellen. No na, ein Elfjähriger hat klare Vorgaben durch den Schulbesuch und in unserem Fall durch das Jugendamt, da er uns ja anvertraut ist und viele Menschen darauf achten, dass es ihm gut geht. Und immer, wenn wir glauben, wir wissen, wohin es geht – passiert etwas Unerwartetes und es verändert sich wieder. Ich kann mich täuschen. Ich habe das Gefühl, das erleben viele Menschen um uns herum. Das Leben wirbelt so viel Altes drunter und drüber. Da geht auch gefühlt Gutes und Feines zu Bruch. Und es wird sich erst heraus stellen, wozu das gut war. Wenn wir am Lagerfeuer mit neuen Menschen sitzen und zuhören, dass sie ebenfalls solche massiven Veränderungen erleben – dann gibt mir das Hoffnung. Das Leben als Prozess. Ich denke an Anne Wilson-Schaef, die immer und immer wieder darauf hinwies, dass Veränderung normal und nicht automatisch leicht sei. Dass es Mut und Zuversicht und Vertrauen in den Prozess braucht. Kontrolle funktioniert in meinem Leben immer weniger. Was grundsätzlich ein gutes Zeichen für Heilung ist. Das weiß ich im Kopf. Und das integriert sich jetzt. Zwischendurch kann ich kurz aus den Dramen aussteigen und von weiter weg erkennen, dass die Richtung stimmt. Dass das jetzt nötig ist, um Lebensträumen die Möglichkeit zu geben, sich zu erfüllen. Dann geht es wieder zurück in den Körper und ich erlebe Kränkungen, von denen ich nicht gedachte hätte, dass sie noch möglich sind. Kränkungen, mein Selbstwert und meine Würde. Und die ungeliebten blinden Flecken. Da ist noch Luft nach oben. Ich lasse die dabei entstehenden starken Gefühle zu. Schöne und ungeliebte und viele dazwischen. Versuche zu erkennen, welches Bedürfnis sich dahinter verbirgt. Was zu mir gehört, was zu anderen Menschen. Alles in allem ist dieser Mai und Juni eine Zeit massiver inwendiger spiritueller und zugleich schwerer körperlicher Arbeit im Außen. Das Überschreiten eigener Grenzen gehört dazu. Das auf der Schnauze liegen und nicht mehr weiter wissen. Ich erlebe glückliche Augenblicke ebenso wie den ganz normalen Alltag mit pubertierendem Kind, der gelebt werden will. Würde eine Freundin mir diese Geschichte erzählen, würde ich sie beglückwünschen zu ihrem lebendigen Leben. Hahaha. Ich versuche derzeit, mehr oder weniger bewusst einen Schritt nach dem anderen zu setzen. Mich irgendwo oder an irgendwem festzuhalten, wenn ich stolpere. Aufmerksam zu sein. Achtsam zu bleiben. Nicht genau zu wissen, wohin es geht. Pausen zu machen. Und weiter zu gehen, ohne mich allzu sehr in Ängsten zu verlieren. Oder im Trugschluss, Kontrolle des Prozesses würde mir Sicherheit geben. Ich weiß aus Lebenserfahrung, dass dieser Schein trügt.

viele bunte Smarties, durch Auslassungen entsteht das Wort BUNT auf dem weißen Untergrundpapier

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