Tanz der Kulturen

Mein Liebster sagt, ich muss darüber schreiben, wie sehr ich der Kunst und dem Handwerk von Kulturen auf diesem Planeten auf der Spur bin. Wie sehr mich das begeistert, wie ich dafür brenne, wenn ich ihm erzähle, was ich wieder entdeckt habe. Ich spreche zu selten darüber. Gut. Dann mache ich das.

Alexander erzählt mir, dass er beobachtet, dass ich immer tiefer in eine Materie eintauche, die ich als zutiefst weiblich empfinde. Weibliches Handwerk. Wenn du mir schon eine Weile folgst, dann weißt du was ich meine. Ein Thema, das mich seit etwa fünf Jahren intensiv beschäftigt. Tendenz steigend. Wie so oft höre ich staunend zu. Ich sehe nicht, was er in meinem Prozess sieht. Logisch. Ich erlebe mich in meinem Körper. Mit meinen fünfundfünfzig Jahren und meinen Erlebnissen. Empfinde mich bunt und chaotisch und sehr intuitiv, was meine Schritte betrifft. Rein zufällig scheint es von einem zum anderen Projekt zu gehen. Rückblickend erkenne ich manchmal einen ganz erstaunlich logischen und konsequenten Weg. Aber soweit bin ich bei diesem Thema noch nicht. Ich bin mitten drin.

Ich habe das riesige, unfassbare, große Glück, dass mein Erstgeborener uns hilft, unseren Traum von den Mobile Homes tatsächlich zu verwirklichen. Er und Alexander verschaffen mir immer wieder freie Stunden, in denen ich dem nachgehen kann, was mich nährt, stärkt und belebt. Einer meiner Grundmotoren im Leben ist die Liebe zu Menschen aller Kulturen auf diesem Planeten. Wie kocht jemand in den Wüstengebieten dieser Erde? Wie ernähren Eltern ihre Kinder mit Nahrung und Zuwendung, wenn draußen der Krieg tobt? Bekommen die Kinder handgemachtes Spielzeug, wenn es nichts zu kaufen gibt? Wie reparieren Menschen alte, zerschlissene Kleidung und andere textile Waren? Auf der Flucht? Was lernen sie in der Schule und wo lernen Menschen überhaupt? Machen sie sogar stickend, häkelnd, strickend und webend Kunstwerke aus Alltagsfertigkeiten? Was treibt sie an, was fordert sie heraus? Welche Geschichten werden weiter gegeben? Wie ähnlich sind wir uns? Wie sehr unterscheiden wir uns?

Ich weiß, dass mich vor allem Frauenthemen interessieren. Da wir in einer Welt leben, in der nichts getrennt sondern alles engstens miteinander verbunden ist, geht es dabei allerdings immer um miteinander verwobene Menschheitsthemen. Ich sehe sie als Frau aus Frauensicht. Als Urenkelin, Enkelin, Tochter, Mutter, Großmutter, Freundin und Weggefährtin. Ich spüre die Geschichten meine Ahninnen manchmal mehr, als mir lieb ist. Und ich spüre ihre Liebe, ihr Aufatmen, wenn ich mich einem Thema stelle, das mich gruselt und vor dem ich mich fürchte. Vor dem sie sich gruselten und fürchteten. So bin ich geboren, so gehe ich durch diese Welt. Und so drücke ich mich als Künstlerin, als Kreative, als Frau aus.

Meine multikulturelle Freundin Helen Layfield hat lange Zeit in Afrika gelebt und bringt einen gigantischen Erfahrungsschatz mit. Sie hat uns in der Gruppe mit gestickten Traditionen vertraut gemacht, die ich überhaupt nicht kannte. Indisches „Kwandi“, japanisches „Boro“ und länderübergreifendes „Slow Stitching“. Die beiden ersten Traditionen entstehen recht klar aus der Notwendigkeit, Textilien aller Art zu erhalten beziehungsweise aus Altem Neues herzustellen. Wir sagen heute neudeutsch Upcycling und Re-Use dazu. Frauen und Männer dieser Welt haben das immer gemacht, wenn es nötig war. Aus diesem Stopf- und Repariervorgang entstehen heute auch zeitgenössische künstlerische Projekte, die optisch und haptisch umwerfend sind. Überall auf diesem Planeten. Künstlerinnen plagen sich damit, die tollen Farben, geometrischen Formen und intuitiven Muster ähnlich lebendig hinzukriegen. Mit ihrer ganz eigenen Geschichte, mit ihrem eigenen Zugang zu Tradition und Kreativität. Und einigen gelingen neue Richtungen. Traumhaft schön und aufwühlend und inspirierend. Kunst eben. Diese Leichtigkeit des Auswählens der Form, der Farbe, die ich in traditionellen Tutorials sehe, ist begeisternd. Japanische und indische Stoffmuster sind für mein Empfinden durchwegs traumhaft schön. Wenn du des Englischen halbwegs mächtig bist, empfehle ich dir, einmal bei Helen einen Online Kurs zu buchen. Die für den Kurs entstandene Homepage, die Helen für ihr derzeitiges Studium auf die Beine gestellt hat, ist eine Fundgrube für Forscherinnen und Macherinnen. Und erklärt noch vieles genauer.

Meine Liebe zu Fäden aller Art, zu all den technischen Möglichkeiten unterschiedlichster Nadeln kommt ganz bestimmt aus meiner Kindheit. Auch die Absicht, damit Nützliches, Schönes und Sinnloses für mein Leben herzustellen. Meine Eltern verdienten am Anfang ihrer gemeinsamen Zeit als Bankangestellte wenig Geld. Also war es für die Mutter von zwei kleinen Mädchen normal, alte Schwangerschaftskleider aufzutrennen und Kleidung herzustellen. Ich war lange Zeit stolz, selbst Genähtes und Gestricktes am Körper zu tragen. Ich erinnere mich noch gut an die alte, ratternde Nähmaschine, die in der Küche am Tisch stand. Grüngrau und funkend und nach Ozon riechend. Daneben das Vokalbelheft für Englisch, aus dem heraus ich abgeprüft wurde. Es konnte auch Mathematik oder irgendein Lerngegenstand sein. Beim Homeschooling mit Sami ist es mir wieder eingefallen. Auch er sitzt hier zwischen meinen Projekten und bessert stundenlang seine legasthenen Fehler aus. Meine väterliche Großmutter war eine begnadete Strickerin, die immer irgendein Projekt für ihre Enkelkinder auf den Nadeln hatte. Und in den Sommerferien wurden wir, meine Schwester und ich, vorsichtshalber mit Stick-, Strick- und Häkelaufgaben eingedeckt, während meine Mutter im Büro war. Müßiggang ist aller Laster Anfang. Nein, ich habe diese eingehäkelten Kleiderhaken und die Herstellung der brauntönigen Kreuzstichtischdecken nicht geliebt. Das Handwerk habe ich dabei trotzdem gelernt.

Derzeit forsche und arbeite ich zu indischer Sticktradition. Auch sie ist eingebettet in viele kulturelle Einflüsse. Saima Kaur lebt in England und teilt ihr Wissen in Online Kursen. Bei ihr bleibe ich jetzt bestimmt eine Weile hängen. Was für eine Farbenwelt! Sie arbeitet mit Komplementärfarben, die sich an den Rändern reiben. Spürbar. Es gibt aber auch Kontraste der Stichreihen und gestalteter Flächen und mir völlig fremder Muster. Einige erinnern mich an unsere Techniken in den österlichen Kreuzstichdecken oder Tischläufern. Andere sind extrem verspielt und bringen mich zum Lachen. Das ist ihr einziger Sinn. Und immer, immer ist alles bunt und wild und lebendig. Von klaren Stichreihen zusammen gehalten. Dann bricht die Farbe wieder aus. Wird scheinbar kindlich durcheinander gewürfelt und dann wieder streng grafisch geordnet. Das knallt, erzeugt Spannung und löst sich mit einer Serie ganz anderer Stiche wieder harmonisch auf. Saima erzählt außerdem mit Nadel und Faden Alltagsgeschichten. Das verbindet uns zutiefst. Sie reflektiert und verarbeitet ein Leben, das sehr herausfordernd ist. Jede von uns hat ihre Aufgaben und Probleme. Derzeit zeichne ich mir viele Muster aus dem großzügigen Angebot im Internet ab. Und bin gespannt, welches meiner Muster ich in diese Patterns integrieren könnte. Was ich sowieso immer schon sagen wollte und jetzt sticken werde. Ich habe wieder begonnen, abends oder morgens mit der linken Hand zu zeichnen. Das sind meine Vorlagen. Es tut mir so gut, mit einer jungen Mutter wie Saima zumindest online in Austausch zu gehen, wie sie ihre Kunst entwickelt, was sie spürt, wie sie Dinge angeht. Um später selbst umzusetzen, was mich beschäftigt, berührt, aufregt und antreibt.

Ich bin mir nach wie vor sicher, dass Puppen und Wesen und meine Seelenfiguren ein wichtiger Teil meines künstlerischen Weges sind. Sie stärken meine Intuition. Und sie tun das auch bei meinen Kundinnen. Es gibt diese handgefertigten Wesen in allen Kulturen auf diesem Planeten. Manchmal sichtbarer, manchmal unsichtbarer. Die Herstellung dieser Geschöpfe erfordert einerseits so wenig Wissen, dass man es sich jederzeit aneignen könnte. Und andererseits sind so unfassbar viele handwerkliche Fähigkeiten anwendbar, dass es mir scheint, ein Menschenleben reicht gar nicht aus, alle auszuprobieren. Als sehr spät künstlerisch Berufene war ich eine Weile der Meinung, ich bräuchte das gar nicht mehr anzufangen. Hör bei dir bloß nicht auf solche Stimmen! Ich bin nach drei Jahren intensiven Arbeitens froh und dankbar, dem täglich zu folgen. Derzeit ist es vor allem das zweidimensionale Sticken und all seine Möglichkeiten des Ausdrucks. Ich staune, was ich in englischsprachigen Büchern für Schätze finde, von denen ich noch nie hörte. Geniale Sticktechniken, die immer noch weiter entwickelbar sind. Ich freue mich, ab spätestens Winter auch Gemeinschaftsprojekte durchzuführen. Analog oder online, das wird sich zeigen. Aber auf jeden Fall gemeinsam mit anderen Menschen. Embodied Stitching, sagt Helen dazu. Ich kann das schwer übersetzen – aber es hat damit zu tun, Ideen umzusetzen. Sie in den eigenen künstlerischen Prozess einzubetten, der beim Tun entsteht. Das Ergebnis dieser Auseinandersetzung mit sich selbst in diesem Prozess angreifbar und sichtbar zu machen. Für die Erschafferin genauso wie für die Betrachterin. Es erinnert mich an meine intensive Zeit mit Farbe und Pinsel, an den prozessualen Realismus, den Luka Anticevic entwickelt hat. Es ist nur ein anderes Material.

Ich weiß jetzt nicht, ob mein Liebster das alles auch so sieht wie ich. Und ob er gestern Morgen darauf hinaus wollte, wohin mich der heutige Beitrag führt. Ich glaube aus Erfahrung, dass er etwas anderes meint. Und ich hoffe nach wie vor darauf, dass er das verschriftlicht. Er kann das nämlich richtig gut und glaubt nicht an dieses Schreibenkönnen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Ich persönlich brauche sie dringend, diese Projekte, die Menschen verbinden. Interkulturell. Wir sind verbunden. Bei all den tobenden Glaubenskriegen wird es zunehmend wichtig, wieder Brücken zueinander bauen, das Zuhören zu stärken und das in uns angelegte Mitgefühl zu erleben. Ich bekomme Herzklopfen, wenn ich nur daran denke. Ich freue mich übrigens, falls genau DU etwas aus deiner Kultur dazu beitragen möchtest. Jemanden kennst, der eine Tradition, ein Handwerk kennt, das mir neu ist. Wissen, das sie oder er gerne teilen möchte. Bitte gerne bei mir melden!

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Wird verarbeitet …
Erledigt! Sie sind auf der Liste.

2 Einträge zu „Tanz der Kulturen

  • Du liebste Freundin … Du bist mir so nah mit deinem Tun, deinem Sein… selbst wenn Nadel und Faden nicht zu meinen Ausdrucksformen zählen empfinde ich nach, wie du eintauchst in diese mir fremde, aber doch sehr bewundernswerte Welt. Und das ist sooo schön und sooo ergreifend. Danke für dein SEIN liebste Freundin, liebstes Wesen des globalen Menschseins …
    Ich glaube, dein Liebster tut dir echt gut. Fühlt euch von ganzem Herzen 💞 umarmt

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    • liebe Renate, jetzt hab ich vor lauter verschwommener Sicht nach deinen Worten meinen Kommentar gelöscht… Danke dir so sehr für deine Freundschaft. Ich schätze es sehr, einen Menschen wie dich an meiner Seite zu wissen. Ich freue mich drauf, dir im Herbst die Tür zu „meiner“ Welt der Farben und Formen ein bisschen aufzumachen. Es ist eine sehr ähnliche Welt welche ich durch dich in deinem wunderbaren Blumenpark kennen lernen durfte, die ich so gern fotografierte, in der ich einfach so gern war. Und Ja!! Alexander lässt mich so sein, wie ich bin – und wir zwei wissen, dass das nicht immer einfach ist 😀 ich drück dich!

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