Eine Folie, der Wind und das Wetter

Wir sind spontane Typen. Spontan bauen wir für unsere Tiny House Baustelle mit einem erfahrenen Freund ein Gerüst für eine wetterfeste Überdachung.

Es geht flott und zackig. Sieht zierlich aus. Alexander sagt, das passt so. Er ist glücklich. Noch die weiße Plane drüber. Acht mal zehn Meter. Nicht die billigste, sie soll ja bis Ende August den Bauplatz vor Regen und Sonne schützen. Ein Freund meiner Tochter hilft uns. Er wirkt skeptisch und sagt, er drückt uns die Daumen.

Der erste Nordwind ein paar Tage später bläst die Plane zum Segel auf. Wir haben alle Hände voll zu tun, die starken Pfosten in den Asphalt zu dübeln. Pffff, gut gegangen. Wir montieren am Rand eine Wäscheleine mit Stahlseil. Starke Gummischnüre ziehen die Plane nach unten. Der zweite Wind, ein paar Tage später. Südwind. Rasch montieren wir an den seitlichen Öffnungen zusätzliche Planen. Gut gegen durchrasenden Südwind. Einige Ecken sind zu verstärken. Zwei Dübel geben nach, ein Eckpfeiler kippt um. Einige Risse entstehen entlang der Dachsparren. Mein Liebster lernt, mit der Angst vor allzu viel Höhe umzugehen. Mit Schrauben zwischen den Lippen geklemmt, Winkel und Akkubohrmaschine Leitern auf und ab zu steigen. Ich – halte die Leiter. Reiche zu. Nehme ab. Er repariert.

Der Wetterbericht sagt nichts Gutes voraus. Wind sowieso, wieder von Süden. Dieses Mal mit Regen. Mit langersehntem Regen. Die Natur rund um uns ist seit vielen Wochen staubtrocken, der Frühling kommt nicht so recht in Schwung. Es regnet zwei Tage. Und zwei Nächte. Es schüttet wie aus Kübeln. Die Natur atmet auf. Ich halte die Luft an. Nacht Eins, vier Uhr. Es knallt. Mein Herz klopft in meinen Ohren. Es ist noch finster. Es schüttet. Okay, ignorieren wird in diesem Fall nicht gut sein. Vom Atelierfenster sehe ich im Licht des Vollmondes, dass ein Dachbalken gebrochen ist. Er hängt noch an einer Stelle des Gerüstes. Der Wassersack, der auf ihm ruhte, schaut bedrohlich aus. Mit Handylicht und mehr oder weniger angezogen wecke ich Alexander. Ich habe eine Idee, traue mich aber nicht allein. Und dann mache ich es einfach, weil ich munterer bin als mein Liebster. Das schärfste Küchenmesser muss her. Mein Teleskop-Spinnweben-Putzer bekommt mit dem absolut genialen T-Rex-Band das Messer umgeschnallt. Der erste Schnitt gelingt gerade so. Leider zu weit über der stürmischen Wasseroberfläche. Ich schlage vor, direkt unten in den Sack zu stechen. Das Messer kommt fast nicht durch die Oberfläche, biegt sich – und schneidet. Der Wassersack entleert sich langsam. Die Folie ist ihr Geld wert, der Schnitt vergrößert sich nicht weiter. Es regnet ununterbrochen weiter. Tagsüber bilden sich neue Wassersäcke an anderen Stellen. Kein Problem, unsere Teleskopstange mit dem Mob packt das. Bei Tageslicht ist alles leichter auszuhalten. Regenwasserduschen sind eine neue Erfahrung. Der Wetterbericht sagt, es hört um Mitternacht auf zu regnen. Kurz vorm Schlafengehen drehe ich noch eine Kontroll- und Entleerrunde, die sich für die Folie und ihren Weiterbestand sowas von auszahlt. So viel Wasser! Bestimmt hört es jetzt gleich auf. Ich schlafe schlecht´, träume wild. Es regnet und regnet. Zwei Stunden später raffe ich mich auf. Ein neuer Wassersack. Dieses Mal hab ich den Dreh‘ raus und kann das Wasser so zum Abfließen bringen. Die Dusche um zwei Uhr Morgens ist mir dann auch schon egal.

Ich merke, dass meine Tränen schon recht knapp vor Über stehen. Ich bin gereizt, reiße mich sehr zusammen. Homeschooling, ängstliche Gedanken, Suche nach Auswegen aus der Misere. Sticken, um meine Nerven zu beruhigen. Tag 14. Statt prognostizierter Wärme eiskalter Sturm ab Mittag. Ein Dachsparren kracht runter. Es knattert und flattert, die Ösen geben nach. Ich spreche nicht mehr, meine Kiefer sind verkrampft. Wieder Reparaturarbeiten mit Metallwinkeln an zwei Dachsparren. Das Gerüst ächzt und wankt. Die Folie reißt an neuen Stellen. Sie ist ausgeleiert von den Wassersäcken und bläht sich immer mehr wie ein Schiffssegel. Das Geknattere hört nicht mehr auf. Ich spüre jede Böe in meinem Atelier, das mit dem Gerüst verbunden wurde. Ich wundere mich, dass ich noch nicht herumschreie. Davonlaufe. Mitgehangen, mitgefangen. Mir fällt die Erzählung einer Freundin ein, die das an die Felsen klatschende Wasser auf einer Insel irgendwann unerträglich fand. Es reizt die Nerven…

Und dann haben wir einfach Glück. Beim nachmittäglichen Reifenwechsel spricht Alexander die Ladenbesitzerin auf leerstehende Hallen in der Umgebung an. Ihr Vater bietet Alexander eine an. Zwei Autominuten von uns entfernt. An einem Ort, an dem wir niemals eine wetterfeste und ausreichend hohe Halle vermutet hätten. Wir lachen seit Tagen wieder, als wir von der Besichtigung heimfahren. Planen Fotostreifzüge im Areal, wir haben das Gefühl, wir sind im Amerika der 50er Jahre gelandet. Die Folie empfängt uns mit übermütigem Geklatsche. Das ist ihr Ende. So viel Kraft haben wir auch Abends noch. Der Wind und mein Spinnwebenputzer helfen uns, sie in einem Stück herunter zu bekommen. So endet ihre Kurzgeschichte. Baba.

Es ist wieder leise in Stoberdorf. Die Schwalben, die Krähen, die Mäusebussarde spielen mit den Windböen. Und ich kann mich mitfreuen. Morgen, morgen soll es laut Wetterbericht regnen. Besonders in unserer Region. Ich werde tief und fest schlafen.

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