Gemeinschaft und Kunst

Ich zeige euch die Technik. Ihr müsst nicht genau das machen, was ich euch beibringe. Baut es in eure eigene Arbeit ein, spielt, werdet kreativ!“ So klingt es, wenn meine Freundin Helen Layfield einen englischsprachigen Workshop abhält. Begleitend zu ihrem Kunststudium, davon profitieren alle. Draußen ist es schon dunkel. Drinnen sitze ich vorm Computerbildschirm. In dem ich viele andere Köpfe sehe. Zooooom. Mit Tages- und Kunstlicht. Im Bett sitzend, im Atelier oder am Küchentisch. Ausgerüstet mit Stoffresten, Schere, Nadeln und Fäden harren wir der Dinge, die da kommen mögen. Nämlich Kwandi. Boro. Slow Stitch.

Sagt dir nix? Langsames Sticken, also Slow Stitch, ist selbst erklärend. Vermutlich ohne Nähmaschine. Kwandi und Boro sind traditionelle Kulturtechniken, um aus alten, gebrauchten Stoffen neue zu machen. Indem man sie mit der Hand aneinander näht. Fällt auch unter Patchwork und Quilt. Während ich Filzstücke zerschneide, sehe ich vor meinem inneren Auge Frauen zusammen sitzen. In Küchen, Nähzimmern und Herrschaftshäusern. Sie nähen, häkeln, stricken, sticken, zeichnen. Nippen an ihren Tees oder am Brunnenwasser, die eine oder andere knabbert Kekse dazu. Generationsübergreifend. Docke ich an kollektives Unbewusstes an, das uralt ist? Und zutiefst weiblich? Miteinander sitzen. Reden und zuhören. Essen und trinken. Die Finger arbeiten lassen. Voneinander lernen. Eine eigene Handschrift entwickeln. Etwas Neues ausprobieren.

kunterbuntes Allerlei von Fäden und Stoffstücken eines handgenähten Quilts
colours

Weibliches Handwerk also. Mal wieder in meinem Leben. Ich erinnere mich, dass vor wenigen Jahren eine Beraterin zurück schreckt, als ich ihr von meinem Puppen-Projekt erzähle, das ich gerne formulieren und auf die Erde bringen würde. Bei der Herstellung von Puppen geht es um viel „weibliches“ Handwerk. Stricken und sticken. Nähen und filzen. Häkeln und färben. Sie entwickelt zunehmend Widerstand bei der Vorstellung, dass ich mich mit meinen Wesen dafür stark mache, typisch weibliches Handwerk zu favorisieren und als Handwerk und Kunst zu etablieren. Ich bin damals ein bisschen hilflos und wir beenden die Zusammenarbeit. Wann habe ich persönlich so eine Angst vor zu viel Weiblichkeit in meiner Kunstform entwickelt? Hat die Angst mit Begriffen wie „Hausfrauenkunst“ zu tun?

angefangener Kwandi Quilt, weiße Basisfläche, zwei bunte Reihen rundherum, handgenäht mit Steppstichen
every beginning…

Nun sitze ich hier, im Verbund mit Frauen aus aller Herren Länder. Helen zeigt uns online moderne Kwandi Quilts, die heute, im 21. Jahrhundert, hergestellt werden und in Ausstellungen hängen. Es ist nicht mehr vorrangig und notwendigerweise das Herstellen von Stoffen für neue Kleidung. Obwohl die wunderbaren Stücke sicher auch dafür verwendet werden. Oder verwendet werden könnten. Es ist offensichtlich Kunst. Die für sich alleine steht. Und praktisch verwendbar ist. Mir geht viel durch den Kopf. Mein künstlerischer Mentor und Türöffner in die Welt der Kunst, der sich wundert, dass ich daheim Wände anmale, weil ich malen muss. Er sagt damals, er sei noch nicht auf die Idee gekommen, seine Wohnung mit seiner Kunst zu gestalten. Und ich erinnere mich gut daran, wie sehr er es hasst, dass Frauen Näpfchen und Schüsselchen zum Malen mitbringen. Mir dämmert da etwas… Die Trachtennähkursgruppe als Jugendliche, aus der ich flüchte, weil strenge Tradition über individuelle Versuche des Dirndl-Blusen-Nähens gestellt werden. Ist weibliche Kunst grundsätzlich anders als männliche Kunst? Glauben wir das? Wer definiert Kunst? Wir praktisch veranlagten weiblichen Wesen, gehen wir Kunst entzweckt und praktisch zugleich an? Darf Kunst nur an der Wand hängen oder darf sie sich auch in den Alltag integrieren? Fragen über Fragen…

eine blaue, rote und grüne Plastikperle auf gelbem Rechteck, das alles auf Ebenen von vielen anderen Farben, handgenähter Quilt
upcycling as usual

Ich habe das starke Bedürfnis, nach dieser covidbedingten Pause von Gruppen im realen Leben eine Form von „community crafting“ ins Leben zu rufen, die es meines Wissens verstärkt im englischsprachigen Kulturraum gibt. Ich kann der Motor sein, der den Prozess ins Leben ruft. Und die Mitmachende, Lernende und Lehrende. Ich bin ziemlich sicher, dass wir dieses kreative Arbeiten gut in unseren wunderbaren Frauenkreis integrieren können. Jede so, wie sie mag. Reden und werkeln. Zuhören und mit den Händen arbeiten. Dabei vielleicht ein Thema finden, dass gerade eine oder uns alle bewegt. Und möglicherweise die entstehenden Werke zu einem Gemeinschaftswerk verbinden. Ich habe im Hinterkopf den prachtvollen handgenähten, bestickten und bemalten Mantel einer Künstlerin, die gemeinsam mit vielen anderen Frauen weltweit an diesem Kunstwerk tätig war. Auch er ist ein Ausstellungsstück geworden. Und wurde von Frauen getragen, zumindest fürs Foto. Wenn mir eines in diesem Jahr der Isolation bewusst geworden ist, dann die Tatsache, wie gern ich ein aktiver Bestandteil von menschlichen Netzwerken bin. Ich arbeite sehr gern allein vor mich hin, hier im Atelier. Und ich liebe den Austausch mit anderen Menschen. Er fördert nicht nur mein Wachstum und meine Entwicklung. Er inspiriert und erinnert auch andere daran, wer sie eigentlich sind. Wir Frauen. Einzeln. Und gemeinsam. Derzeit sind die Gruppen, in denen ich mich bewege, ausschließlich weiblich. Das wird seine Gründe haben.

eine Nadel mit rotem Faden durchsticht bunte Filzfarbschichten eines handgenähten Quilts
red

Mein erster Kwandi Quilt ist nach vier intensiven Tagen fertig. Ich beobachte meine Ungeduld, wenn ich mal wieder mit der Zange ran muss, um den Faden durch drei oder vier Filzschichten zu ziehen. Ob das nicht mit der Nähmaschine schneller, gerader, gesicherter ginge? Ungeduld mit Fransen, mit Stücken, die auseinander driften, statt übereinander zu liegen. Drei Farben. Ich habe mir vorgenommen, den Quilt in drei Farben zu machen, die gut miteinander harmonieren. Meine Intuition entwickelt beim Tun eine solche Gier nach komplementären Farben und Mustern, dass ich ihr neugierig nachgebe. Das Resultat ist bunt. So richtig bunt. Geschrumpft, weil die Basis für so viel formstabilen Woll-Filz zu weich ist. Meine Fingerkuppen zeigen konkrete Einstichspuren. Ich freue mich auf Freitag Abend. Da geht es nämlich weiter.

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Wird verarbeitet …
Erledigt! Du bist auf der Liste.
fertiger bunter Kwandi Qilt aus Filzstücken und Möbelstoff
ready!

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