Can you hear me?

Es passiert. Gefühlt zum fünfhundertfünfundsiebzigsten Mal. In echt zum siebenten Mal. Sie verliert ihren Job, Ende nächsten Monats trennt man sich „einvernehmlich“. „Du weißt schon, du warst sehr oft krank. Mir kommt das komisch vor. Außerdem kannst du dich nicht gut unterordnen und bist unfreundlich zu den Menschen. Was ist eigentlich los mit dir?“

Ob es sichtbare Anzeichen gab? Sie stopft vielleicht ein bisschen mehr Schokolade als sonst in sich hinein. Abends beim Fernsehen. Manchmal auch schon nach dem Mittagessen. Möglicherweise hat sie sich auch ein bisschen mehr als sonst zurück gezogen in ihre gemütliche kleine Wohnung. Winter. Feine Serienfilme. Sie ist halt müde nach ihrem Job als Sekretärin. Nur Beschwerden. Grantige Menschen mit Masken, die täglich bei der Tür herein kommen. Und hier bei ihr Frust und Sorgen abladen. Ihr Kaffeekonsum ist legendär. Trotz größerer Rosenblütentasse, die ihr den Büroalltag verschönern soll. Der Weg zum Kaffeeautomaten, der Gang auf die Toilette. Das sind ihre Alltagsabenteuer. Da kommt es manchmal zu einem interessanten Pausengespräch. Wenn sie zur Uhr hinaufschaut und den rasend langsamen Vorwärtskampf der Zeiger beobachtet kann sie förmlich spüren, wie Lebenszeit verrinnt. Ihre Lebenszeit. Neundundvierzig Jahre. Ein paar Wochen noch. Dann kommt der Fünfziger. Und sie weiß, dass diese magische Zahl ein Stück weit hinter der Lebensmitte liegt.

grünhaarige Göttin mit Busen, gestrickt und mit Perlen bestickt

Als sie den Zwanzig-Stunden-Job nach einer schlaflosen Nacht annimmt, ist sie vor allem eines: erleichtert. Die Nacht davor war quälend. Ob sie es nicht doch probieren soll mit der Malerei? Sich auf eigene Beine stellt? Workshops für Kinder gibt, für Erwachsene? Ausstellungen macht? Andererseits: sie prokrastiniert. Und braucht jetzt und sofort Struktur. Kommt unter Menschen. Die monatlichen Angsttermine am Arbeitsamt wären dann auch Vergangenheit. „Sie wissen, in Ihrem Alter… Was, Kunst? Und wie wollen Sie davon leben?“ Zwanzig Stunden in der Woche arbeiten. Das geht schon. Sie liebt die kleine Wohnung, die vertrauten Nachbarn. Irgendwann ist der Wohnungskredit auch abgezahlt. Das bisschen arbeiten am Computer, das wird sie schaffen. Vielleicht muss sie einen Excel-Kurs machen. Mit Word kennt sie sich aus. Den Rest wird sie lernen. Außerdem kann sie ihre Nachmittage dazu nutzen, Kunst zu machen. Malen. Schreiben. Singen. Egal was. Der Sohn ist gut in seinem eigenen Leben angekommen. Verdient sein eigenes Geld und macht seine eigenen Fehler. Sie treffen sich regelmäßig zu ausgedehnten Frühstücksorgien beim Lieblingscafetier. Sein Zimmer ist immer noch bereit. Sie ist stolz auf ihn. Er gibt ihr das Gefühl, als Mutter nicht vollständig versagt zu haben. Den Vater erwähnen sie selten.

Wenn sie von der Arbeit nach Hause kommt, legt sie sich hin. Wacht nach Stunden wieder auf. Manchmal kommt sie gar nicht hoch. „Deinen Hobbies kannst am Wochenende nachgehen. Oder in den Ferien. Von Kunst kann man nicht leben.“ Wars der Vater? Die Mutter? Alle beide? Hat eigentlich irgendjemand sie jemals darin bestärkt, eine künstlerische Laufbahn einzuschlagen? Sie schämt sich, Geld zu verlangen für ihre Bilder. Als sie vor drei Jahren eine kinderfreie Woche nutzt und von morgens bis abends malt, entstehen fünf abstrakte Leinwände. Bunt. Wild. Fremd. Sie malt und malt. Sie hat Angst, zu unterbrechen. Und ständig Herzklopfen, das bis in die Ohren pocht. Muss sich manchmal wegen großer Schwindelgefühle hinsetzen, tief durchatmen, um nicht zusammen zu klappen. Sie erwischt sich dabei, dass sie mit angehaltener Luft wie wild pinselt und strichelt. Und aufs Ausatmen vergisst. Es ist wie ein Rausch. Wie leicht ihr das alles fällt! Ja, sie denkt an ihren Sohn. Aber sie vergisst beim Malen auch auf ihn. Am letzten freien Tag fängt sie an aufzuräumen. Alles wieder zu verstauen. Die Bilder lehnen zum Trocknen hinter der Couch an der Wand. Als der Kindesvater anruft, hat sie gar keine Stimme. Wie lange hat sie mit niemandem gesprochen? Ein Jahr?

stilisierte Yoni aus Perlmuttknöpfen mit Goldrand, auf gestricktem grünen menschlichem Körper
oh, it’s a yoni!

Als der ehemalige Gefährte die Bilder sieht, fällt ihm fast der Wäschesack aus der Hand. „Von dir? Wann hast du diese Bilder gemalt? Malst du denn wieder?“ Es ist ihr peinlich. Ob er denkt, dass sie die Bilder absichtlich für ihn hingestellt hat? „Magst eines haben?“ hört sie sich fragen. Er überlegt. Geht von einem zum anderen. Und zeigt dann auf das mit den vielen Rot- und Purpurtönen, das ihr selbst als das gelungenste erscheint. „Verkaufst du mir eines?“ fragt er. Sie schluckt. Wie rechnet sie das? Breite mal Diagonale mal wieviel? Wie viele Stunden hat sie gemalt? Kann sie Geld vom Ex nehmen? Andererseits… „Nimms mal mit, schau ob es bei euch in die Wohnung passt. Und dann reden wir“, plappert ihr Mund. Wie immer ist er schneller als ihr Verstand. Und wie immer wird das Bild ein Weihnachtsgeschenk sein. Passt schon. Jaja, wegen der schönen alten Zeiten. Es hat mir ja so gut getan, endlich wieder zu malen… Zwei weitere verschenkt sie an Freundinnen. Die beiden letzten lagern im Keller. Sie hofft, dass sie nicht schimmeln.

grünhaarige junge Frau, grüne Augen, handgefertigt aus Baumwollstoff und mit gestricktem Körper, begleitet von einer Möwe
Intuition is calling – can you hear me?

Wieso fällt ihr diese Malwoche ein? Die Kündigung jetzt, nach einem Jahr, soll sie als Chance sehen. Sagt ihre beste Freundin. Und dass sie auf ihre Intuition hören möge. Malen, sie rede doch dauernd davon. Und dass das im Büro eh nicht ihres war, nicht wahr? Die Wohnung ist aber ihres. Die freundlichen Nachbarinnen rundherum. Und der Kredit, der noch fünfeinhalb Jahre unerbittlich weiter läuft. Sie hätte gute Lust, die Beste in der Luft zu zerreißen. Mit voller Hose ist leicht stinken liebe Freundin. Die ist wirtschaftlich gut abgesichert, verheiratet. Verkauft hin und wieder ein großes Gemälde, auch wenn sie gar nicht müsste. Und andererseits – worauf wartet sie selbst eigentlich? Sie, die immer künstlerisch aktiv sein wollte? Sie, die jedes Kunstbuch, jedes Magazin kauft und gierig verschlingt? Begeistert liest, was andere aus ihrem Leben machen? Was, wenn sie mit sechzig Jahren tot ist? Ein Krebs, ein Virus, ein Verkehrsunfall? Kann sie dann zurück schauen auf ihr Leben und sagen: „Toll, das wars, genau so habe ich mir das vorgestellt?“

Heute Nacht hat sie davon geträumt, dass sie in der Abenddämmerung am Rande eines Meeres sitzt. Land’s End. Weite. Zusammengerollt in ihrem gemütlichen Klappstuhl vor ihrem großen Bus. Sie hält ein Glas mit ihrem gekühlten Getränk in der Hand und schaut den Möwen dabei zu, wie sie im Sturzflug Muscheln auf den Sand knallen lassen, damit sich die Schalen öffnen. Sie mag das Gezanke und das Gekrächze, das Abjagen der Beute und die kleinen Möwen, die dramatisch bettelnd hinter ihren Eltern her jammern. Möwen. Morgen malt sie den Kampf der Möwen um die Miesmuscheln.

Möwenfüttering im Sommer, ein Mann wirft Brotkrumen in die Luft, die Möwen fangen sie im Flug
hunger!

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