Hand und Hirn, eine Studie

Hast du dir schon einmal darüber Gedanken gemacht, warum du eine rechte oder eine linke Hand dominant verwendest? Das heißt vor allem, warum du mit welcher Hand bevorzugt schreibst, Besteck verwendest, schneidest oder kreativ tätig bist?

Mich hat ein Besuch bei einem Augenarzt vor ein bisschen mehr als zehn Jahren stutzig gemacht. Er erklärte mir, mein linkes Auge sei auffallend aktiver und gesünder als mein rechtes. Ob ich Links- oder Rechtshänderin sei? Mit welchem Fuß ich zuerst losginge? Ob ich auch mit der linken Hand aktiv sei? Das löste in mir Gedankenkaskaden aus. Ich mache sehr viele Dinge mit der rechten Hand. Schreiben beispielsweise. Ich komme allerdings aus einer Familie, in der die väterliche Linie auffallend linkshändig ist. Meine Schwester, das herausragende Mathematikgenie, ist eindeutig linkshändig. Die Kindergärntnerin zwingt ihr Rechtshändigkeit auf. Die Volksschulelehrerin meint es gut und will sie zurück zur Linkshändigkeit erziehen. In einem Fieberanfall schreit sie Worte rückwärts gesprochen heraus und dreht beinahe durch – das vergesse ich nie. Sie schlägt mich in den Folgejahren um Längen, wenn wir rückwärts Worte buchstabieren. Statt zu schlafen. Sie spielt sich, mein Hirn verknotet sich. Mein jüngerer Bruder darf von Anfang an Linkshänder sein. Ich hatte das nie in irgendeiner Form in Frage gestellt. Habe ich mir als anpassungsfähigstes Kind in der Geschwisterreihe mehr das als Vorbild genommen, was ich bei meiner Mutter daheim, später im Kindergarten, in der Volksschule als „normal“ ansah? Und wurde deshalb Rechtshänderin? Oder bin ich so angelegt? In der Volksschule hatte ich eine Freundin, Ulli, die beidhändig ist. Eine großartige Künstlerin, schon in Kindertagen. Sie konnte zeichnen, dass mir die Luft weg blieb. Mit der rechten und mit der linken Hand, im Wechsel. Ich weiß nicht, ob sie je aufgehört hat, beide Hände zu benutzen. Mir ist ihr Talent jedenfalls eindrücklich im Gedächtnis geblieben. Meine beiden Söhne sind Linkshänder, meine Tochter wählte die rechte Hand als dominante Hand. Meine Enkelin ist derzeit „noch“ beidhändig mit einer Tendenz zur Rechtsdominanz.

mit linker und rechter Hand gefertigte Skizze des Sterntaler Mädchens, das von mir mit der rechten und der linken Hand befragt wurde
linkshändige Skizze

In diese Zeit des Augenarztbesuches fiel auch mein zweisemestriges Studium an der Freien Akademie für Bildende Künste. Ich wollte es genauer wissen. Ich probierte in den Stunden der Malklassen aus, mit der linken Hand den Pinsel oder den Stift zu führen. Immer und immer wieder. Und siehe da – das fühlte sich links einfach anders an! Unsicherer, ungeschickter natürlich weil vollkommen ungewohnt. Ich habe immer noch Schwierigkeiten, es richtig gut zu beschreiben, aber am ehesten gilt: ich fühle im ganzen Körper etwas, wenn ich mit der linken Hand male. Oder zeichne. Arbeite ich rechts, dann denke ich vor allem…

Dieser erste intensive Eindruck blieb. Mein Üben nicht. Jahrelang war diese Erfahrung als Sehnen in mir gespeichert. So ist das Leben, der Alltag. Ich schenkte dem keine weitere Zeit, sprach höchstens ab und zu über diese Erfahrung. Vor ein paar Monaten lernte ich online und via Literatur Barb Kobe und ihren „The Healing Doll Way“ kennen. Diese Frau erreicht mich mit ihrer sanften und gütigen Art, mit ihren Worten, Bildern, Beschreibungen und Vorschlägen. Und durch die Online Gespräche in ihrer Facebookgruppe. Eines ihrer Kreativübungsangebote ist eine Form des „Art Journaling“ mit den Wesen. Mit der dominanten und der nichtdominanten Hand. Was bedeutet, dass die rechte Hand mit der linken Hand in eine Form des Interviews geht. Linke und rechte Hirnhälfte werden angesprochen und bekommen ausreichend Zeit, sich zu einem Thema zu äußern, das gerade aktiv ist. Und seither mache ich das. Ich frage mit der rechten Hand und schreibe und zeichne Antworten mit der linken Hand. Immer noch ungeschickt. Immer noch ein bissel verkrampft. Mein Hirn formuliert viel schneller als meine ungeübte Hand das niederschreiben kann. Zeichnen hilft, wenn ich in der Anstrengung in die Spiegelschrift kippe.

Zeichnung linke Hand eines Kopfes mit Riesenohren, die zum Abnehmen sind
bei Bedarf abnehmbare Ohren

Ich weiß noch nicht genau, wohin dieser Weg führt. Weiß mensch das je genau? Mir tut stricken erstaunlich gut, mir fallen beim Stricken die unglaublichsten Sachen ein. Eine beidhändige Angelegenheit. Ich schreibe beidhändig mit der Tastatur. Ich liebe es. Auch das tut mir spürbar gut. In mir bleibt die unbeantwortete Frage, ob wir Menschen nicht grundsätzlich beidhändig angelegt wären. Warum die linke Hand in so vielen Kulturen so negativ aufgeladen ist. Ich lese ein dreißig Jahre altes Buch von Lucia Capacchione und ich staune, dass sich mit der Thematik schon sehr viele Menschen beschäftigt haben. Online werden meine subjektiven und forschenden Überlegungen wie üblich sehr dualistisch diskutiert. Eine Legasthenieseite ist vollkommen dagegen, Beidhändigkeit zu praktizieren, das führe zu psychischen Störungen und Beeinträchtigungen. Eine andere Seite lobt beidhändige Menschen als grenzgenial und überdurchschnittlich intelligent bis in den Himmel. Ich selbst bin mehr als gespannt, was ich jetzt erkennen werde. Und ich merke, dass die Auseinandersetzung mit der Thematik sich auf meine Wesen auswirkt, die Teil dieses Prozesses sind. Sollte DICH diese Frage der Beidhändigkeit, der Links- und Rechtshändigkeit auch immer schon ein bisschen umtreiben, melde dich gerne bei mir. Ich freue mich derzeit über niederschwelligen konkreten Austausch und gemeinsames Üben der nichtdominanten Hand.

eine gezeichnete weibliche Ratte im Menschenkörper, auf der Flucht vor Augen, Sprüchen und hohen Stadtgebäuden
Eine Rättin auf der Flucht

2 Einträge zu „Hand und Hirn, eine Studie

  • Ich habe im Vorschulalter Wörter aus der Zeitung abgeschrieben und mich gewundert, warum das Ergebnis nicht wie in der Zeitung aussah. Heute weiß ich: Spiegelschrift.
    Zu Beginn der Volksschule haben Lehrerin und Mama mit mir geredet, dass wir bis Weihnachten versuchen würden, ob ich rechts schreiben könnte. Später, beim Schreiben mit Tinte wäre es einfacher, nichts zu verwischen.
    Ich konnte und schreibe rechts.
    Als ich mir, bereits im Berufsleben, einmal beim rechten Handgelenk einen Bruch zuzog, schrieb ich ohne zu überlegen mit der linken. Nicht so schnell, nicht so schön, aber nach den 6 Wochen mit Gips ganz selbstverständlich abwechselnd.
    Alles, was ich links nicht lernen konnte, mache ich bis heute rechts: mit Schere schneiden (damals gab es keine für Linkshänder), häkeln und Saum nähen (konnte ich beim Zuschauen nicht übersetzen, die Lehrerin nahm mich auf den Schoß und ich machte ihr nach).
    Mit der Computermaus arbeitete ich automatisch links, infolge rheumatischer Probleme wechselte ich auf rechts.
    Gezeichnet und gemalt hab ich immer mit beiden Händen, mit welcher ich halt gerade besser zu der jeweiligen Stelle hinkam.
    Was ich nie rechts geschafft habe, ist Suppe löffeln.
    Ich bin die einzige in meiner Familie, die nicht ausgeprägt Rechtshänder ist.

    Hierher gekommen bin ich über deinen Kommentar zu den Abschiebungen und die Erinnerung an vor 10 Jahren.

    Zufall.
    Es gibt keine Zufälle?

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    • Danke für deine Erinnerungen Elisabeth!
      Hast du jemals probiert, bewusst rechts und links zu arbeiten? Zeitgleich? Ich bin draufgekommen, wenn ich mit der rechten Hand Fragen an mich, eines meiner Wesen, das Leben… aufschreibe, kurz warte, und dann mit der linken Hand Antworten aufschreibe, ich das Gefühl habe, ich rede mit einer Instanz in mir, die ich sonst überhöre. eine leise, klare innere Stimme. sie spricht klar. sie beschönigt nichts, sie schon niemanden, sie sagt, was sie wirklich denkt.

      Was meinst du mit den Erinnerungen an vor zehn Jahren?

      mei tut es gut von dir zu lesen…

      ich druck dich

      Lisa

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