Zwischen Güte und Getriebensein

Ich schaue auf die dritte Woche meiner Social-Media-Auszeit zurück. Und bin sowas von dankbar für dieses Selbst-Experiment. Wieviel Zeit plötzlich für andere Dinge bleibt! Ich lade dich ein, schau mit mir gemeinsam zurück auf meine Woche und genieße diesen dritten Auszeit-Wochenrückblick.

Wochenrückblick Kalenderwoche 16

  1. Welche Freiheit habe ich mir gegönnt?
  2. Mit wem fühlte ich mich diese Woche besonders verbunden?
  3. Was war mein größter Erfolg?
  4. Worüber habe ich mich wirklich geärgert?
  5. Was hat mir Energie gegeben?
  6. Was macht mich nachdenklich?
  7. Was hat vergangene Woche überhaupt nicht funktioniert?

Welche Freiheit habe ich mir gegönnt?

Ganz ohne Ängste in die Welt der Zahlen einzutauchen, das gehört für mich mittlerweile zum Leben dazu.

Stell dir vor, du prokrastinierst seit zig Jahrzehnten die gleiche Arbeit. Widerstand. Verzweiflung. Ablehnung. Jahr um Jahr das Selbe. Und der gleiche unglückliche Prozess.

Aber heuer nicht.

Nicht nur trage ich vergangene Woche in einem Rutsch alle Ein- und Ausgaben eines halben Jahres ein und drucke sämtliche Belege aus und hefte sie chronologisch ab. Ich habe auch ausreichend geflucht, weil ich mir immer wieder den Kopf zerbrechen muss, für welche Ausgabe ein Beleg stehen könnte. Ein Jahr später erinnert sich mein zahlenlegasthenes Gehirn schwer daran, welcher berufliche Sinn hinter einer Zahl oder einem Kassenausdruck steht.

Sondern – ich entdecke endlich (!) auch, dass es wenig einfachere Tätigkeiten in meinem Leben gibt, als Zahlen in passende Spalten einzutragen. Weder muss ich mir bei Buchhaltung um ein ganzheitliches und zur Tätigkeit passendes Gesamtkonzept Gedanken machen. Noch frage ich mich bei Zahlen, ob ich empathischer, liebevoller, fordernder mit ihnen umgehen soll. Buchhaltung zählt zur unkreativste Arbeit meiner Laufbahn als Selbstständige. Und genau genommen ist sie die am wenigsten aufwändige.

Und noch eine Freiheit: alles Belege dieses fast neuen Jahres liegen bereits nach Datum geordnet in meiner Ablagemappe und werden kommende Woche in einem weiteren Rutsch eingetragen. Ab Mai mache ich einmal im Monat all die kleinen Eintragung- und Ablegeschritte für den abgelaufenen Monat. Warum ich als Kind von Steuerberatereltern für diese neue Haltung so lange brauchte, weiß ich. Mit 60 Jahren scheine ich dieses Problem überwunden zu haben und atme erleichtert durch.

Mit wem fühlte ich mich diese Woche besonders verbunden?

Papa oder Mama Feuerssalamander im dunklen Reich mit vielen Gängen. Hier sind sie gut geschützt vor räuberischen Katzen und bewegen sich in einem unglaublich langsamen Tempo.

Wenn du in der Stadt lebst, kannst du das vielleicht nicht so gut verstehen. Doch ich lebe seit fünf Jahren den Luxus, in der warmen Jahreszeit der Natur näher zu rücken. Seit vier Jahren wecke ich nach dem Winter meinen Zirkuswagen auf, räume ihn frisch ein und verbringe so viel Zeit als möglich am naturbelassenen Campingplatz unserer Wahl. Der Liebste würde am liebsten noch im urbanen und gemütlichen Winterquartier bleiben. Doch er lässt sich stundenweise von meiner Aufbruchsenergie anstecken.

Fun Fact und Auflösung: vergangenen Montag düsen wir noch einmal zum schwedischen Einkaufsriesen nach Klagenfurt. Du weißt schon, ich habe eine Außenküche gekauft. Und erst beim Auspacken entdeckt, dass sowohl die Spüle als auch die Armatur für den Gartenschlauch fehlen. Die freundliche Beraterin im Möbelhaus stimmt mir zu, dass der Text im Ausstellungsstück nicht hundertprozentig eindeutig ist. Und sucht uns die Bestandteile digital zusammen. Als sie mir nachgelaufen kommt, weil ich bei der gemeinsamen Suche meine Brieftasche (!) bei ihr liegengelassen habe, habe ich das Gefühl: hej, alles ist gut. Ihre Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit war es wert. Und einen gemeinsamen Vormittag zu erleben, das hat uns auch gut getan.

Ich verbringe einen ganzen Tag allein am Platz, um die Küchenelemente zusammen zu bauen. Zum ersten Mal fließt beim Abwaschen Wasser in ein Waschbecken. Keiner muss sich mehr mit zwei klappernden Abwaschschüsseln zum Waschhaus abschleppen. Übrigens: die Familie der Feuersalamander im Wasserschacht hat zwei wunderschöne Kinder bekommen. Amseln, Rotkehlchen und die Gartengrasmücke singen mir Loblieder. Es könnte allerdings auch sein, dass sie den Frühling bejubeln, der nach dem kurzen Regen üppig ausgebrochen ist.

Was war mein größter Erfolg?

Ein Freund, der den Sand bringt.
Ein Liebster, der mithilft.
Werkzeug, das seinem Namen alle Ehre macht.
Wir haben fertig!

Ich habe Ende März davon geträumt, dass wir im April eine Terrasse zwischen unsere Tiny Houses bauen. Vergangene Woche haben wir dafür mehrere wichtige Arbeiten abgeschlossen:

  • warum ich mir ein Atelier am See bauen? ich will am Platz im Sommer zwei oder drei Kurse für Kinder und/oder Erwachsene anbieten – mein See-Atelier mit Terrasse und Zirkuswagen wird nicht direkt am See, sondern 20 Gehminuten vom See entfernt sein – und in diese Vision investiere ich im April alles!
  • der Platz ist ausgemessen: der Liebste berechnet Lärchenholz, die Menge an Stahlschrauben, die ungefähre Menge an Sand und die Menge der Paletten, die wir unterlegen
  • wir schaufeln in einer zweistündigen Aktion händisch zwei Kubikmeter Sand auf den unebenen Platz zwischen den Häusern; ich entdecke, dass ich mit Rechen und Schaufel wesentlich effizienter arbeiten kann als mit der viel zu schweren Schaufel und hui, schon sind wir fertig
  • nun warten wir ab, ob der versprochene Regen das Geschaufelte ausreichend planiert oder ob wir das Gelände noch mit dem Rüttler gerade machen
  • ich träume schon lange davon, verwurzelte Figuren herzustellen – im Sand finden wir wunderschöne Wurzelhölzer von Nachtkerze, Pappel und Ackerschachtelhalm; ich werde sie trocknen und im Laufe des Jahres sehen, ob sie geeignet sind
  • mein süchtiger Social-Media-Konsum ist nur mehr ein entferntes Raunen und wie damals beim Ende des Rauchens eine große Verwunderung
  • als uns unser Freund die Fuhre mit Sand bringt, schenkt er mir auch einen riesigen Wurzelstock mit Schilfgras – Dusche und Außentoilette bekommen heuer einen Sichtschutz

Worüber habe ich mich wirklich geärgert?

Merime ist eine Bienenkönigin, die sich ihrer Würde, ihrer Empathie und Kraft sehr bewusst ist. Entstanden 2020 für ein Theaterstück mit Kindern, das nie zur Aufführung kam. Die Würde ist ihr geblieben.

Ich beschäftige mich noch immer mit alten Märchen. Vergangene Woche habe ich die Möglichkeit, im „Jeux Dramatiques“ tiefer ins Märchen vom „König Drosselbart“ einsteigen. Als Kind höre ich regelmäßig eine Märchenplatte mit diesem Märchen. Als die Husaren mit ihren Pferden die mühsam aufgebaute Keramik am Markt zerdeppern, bin ich inbrünstig der Meinung: geschieht der hochnäsigen Prinzessin ganz recht. Das Leben ist kein Ponyhof, wir müssen uns alle anpassen.

Dieses Mal – mit 60 – packt mich schon beim Zuhören die kalte Wut. Warum muss die verwöhnte Prinzessin den nächsten dahergelaufenen Bettler heiraten, wieso bestimmt der Vater so über sie? Wo ist die Mutter, um ihr zu helfen? Wieso endet dieses Märchen mit der Tatsache, dass sie am Ende glücklich mit dem als Bettler verkleideten König in den Sonnenuntergang reitet? Will sie das überhaupt?!

Missmutig wähle ich im „Jeux Dramatiques“ die Rolle der vier unterschiedlichen Handwerke, die ihr helfen sollen, von ihrem hohen Ross herunter zu kommen. Körbe weben, spinnen, das Haus rein halten und später in der Küche im Schloss des Königs arbeiten. Ich bin voller Widerstand, als ich spiele. Ein Handwerk nach dem anderen muss ich im Spiel der verzweifelten Prinzessin anbieten. Sie pendelt zwischen Weinen um das verlorene Paradies und trotzigem Widerstand gegen das Neue hin und her. Der als Bettler verkleidete König bleibt ruhig, erstaunlich gütig und wachsam an ihrer Seite und arbeitet im Spiel mit mir zusammen, um sie mit ihrem unfreiwilligen neuen Weg vertrauter zu machen. Erst in der abschließenden Gruppen-Reflexion beruhige ich mich, weil im Spiel eine Frau einen so gütigen jungen König spielt, der alles andere in den Hintergrund treten lässt. Jetzt wäre der Zeitpunkt, diese Geschichte neu weiter zu erzählen, darüber sind wir uns einig…

In meiner Rolle als „Handwerk“ lerne ich das Gefühl kennen, dass in solchen Lebensumbrüchen Sicherheit, Liebe und Güte eine wichtigere Rolle spielen als die völlig unbekannte Arbeit mit den Händen. Und dass es für mich ganz schön anstrengend ist, alles gut vorzubereiten, auch auf die Gefahr hin, dass es gar nicht erwünscht ist. Im Spiel tut es mir gut, zu beobachten, was geschieht und mich nicht allzu wichtig zu nehmen. Im Märchen wäre mein Angebot vielleicht nach dem sicheren Ritt in den Sonnenuntergang sinnvoller.

Ich bin immer noch empört, welche Rollen Frauen und Männer in der Zeit der Grimm’schen Märchen einnehmen. Mir ist inzwischen klar, dass Märchen das „Social Media“, das Fernsehen, die Filme oder Bild-Zeitungen unserer Zeit gewesen sein müssen: sie wurden erzählt, gelesen, aufgeführt und ganz bestimmt diskutiert. Es sind Spiegel und Wahrheiten einer alten Zeit. Und gerade jetzt, wo sich so viele wieder ins „alte Normal“ zurückwünschen, in diese EINE Form von Familie, von Mann- oder Frausein, stößt mir dieses Erkennen besonders auf.

Was hat mir Energie gegeben?

Ein kleiner, unscheinbarer Strauch am Hang. Keiner weiß, warum er hier wächst. Aus Knöpfchen werden dichte Büschel aus gelben Blättern. Sie leuchten mir beim Zirkuswagenfenster herein.
  • take action – und zwar freiwillig!
  • wir fahren immer öfter mit dem Zug und entdecken, dass in den letzten Jahren ein Paralleluniversum mit Menschen, Rollkoffern und Rucksäcken entstanden ist, das uns total anspricht
  • Danke an dieser Stelle an die Menschen unserer innerfamiliären nächsten Generation, die uns für neue Mobilitätswege zu begeistern versucht, auch wenn wir im trotzigen Widerstand sind
  • ich finde in einem Newsletter „zufällig“ eine Zwei- Tagesanleitung für eine Zugfahrt mit Nachtfahrt über Zürich und Barcelona nach Lissabon – die Planung für unser Septemberabenteuer per Zug nach Portugal hat begonnen
  • wieder in der Natur leben und den Frühling riechen, spüren und sehen
  • der Regen! endlich bekommt das ausgetrocknete Land wieder Regen – ich atme als Mensch ebenfalls auf!
  • alles draußen machen – kochen, abwaschen, nähen, zeichnen und ausruhen
  • Newsletter lesen, die mich interessieren und jene abbestellen, die ich nicht lese
  • Musik der 70er und 80er Jahre
  • der berührende Film „The Old Oak“ – herzwarme Empfehlung!
  • Video-Telefonate mit meinen Lieben in Portugal und meinem anderen Sohn in Kärnten und der Überraschungsbrunch mit meiner Tochter in Kärnten!
  • das ausgelassene Gelächter in der „Jeux Dramatiques“-Gruppe, als sich jede von uns als höchst an der Prinzessin interessierter Freier mit körperlich sichtbarer Unannehmlichkeit präsentieren muss

Was macht mich nachdenklich?

Hier entsteht aus Schaumstoff, Stoff und giftigem Kleber ein Unikat für eine Theaterproduktion.

Ich arbeite in diesem freien April gemütlich an meinem Klappmauldrachen „Der Muats“ weiter. Mache vieles zwei- oder drei Mal, weil ich aus meinen Fehlern lerne. Arbeite zum ersten Mal intensiv mit Schaumstoff und Kontaktkleber. Als ich eines Abends aus heiterem Himmel eine Magenkolik bekomme, empfiehlt mir der Liebste, ich solle Hafermilch mit einem Schuss Schlagobers trinken. Er kenne diese Magenreaktion von seinen giftigen Holzklebern und das würde ihm helfen. Ich habe eine Stunde lang vergessen, das Fenster zu kippen, als ich flächig Teile aneinanderklebe! Der angefertigte Kakao hilft augenblicklich.

Gemini macht mir bei der nachfolgenden Suche wenig Hoffnung, dass ich ungiftigeren Kleber für mein Arbeitsmaterial finde. Ein Freund lacht herzlich und sagt, andere würden wenigstens high von diesem Geruch! Der Fachmann im Geschäft verkauft mir fürsorglich eine teure Lackiermaske mit Aktivkohlefilter und klärt mich über den richtigen Umgang auf.

Will ich das? Will ich mit so giftigem Material weiterarbeiten? Ich trauere meiner Schafwollzeit hinterher. Wir cool wäre es, solche Klappmaulpuppen aus Schafwolle herzustellen. Ich kann sie mittlerweile locker so formen, wie ich das will. Ich könnte auch Hohlkörper im Nassfilzverfahren herstellen, sie füllen und weiter nadelmodellieren. Aber was mache ich bezüglich ihrer Haltbarkeit? Mein Ältester meint, es gäbe Installationswolle, die mit Salzen bearbeitet wurde, damit keine Motten einfielen.

Hast du eine Idee – zu weniger giftigen Klebern oder gute Haltbarkeitserfahrungen mit Schafwoll-Klappmaulpuppen?

Was hat vergangene Woche überhaupt nicht funktioniert?

Schreiben mit der Hand zählt für mich immer noch zu den wichtigsten Reflexionsmöglichkeiten. Das geeignete Schreibmaterial sind für mich Füllfeder, Bleistift oder Farbstifte.
  • ich komme auch in Woche 3 keinen Schritt mit meiner Website weiter – ich gebe auf und plane sie nächsten Arbeitsmonat in meine Wochenabläufe ein – jetzt ist Erholungszeit
  • ich habe meine neue Füllfeder verloren oder verlegt, also säubere ich den alten Federhalter meines Vaters und befülle sie mit stinknormaler blauer Tinte in der Hoffnung, dass sie nicht mehr so schnell verstopft
  • ich habe wieder eine tolle Episode mit Gemini und staune über das überschwängliche Geschwafel und Gerate, dass sie mir durchaus logisch vermittelt – nur stimmt es halt überhaupt nicht, was sie sich ausdenkt; sie sieht ihren Fehler schnell ein, entschuldigt sich freundlich und macht genauso schwafelig weiter

Wie war deine Woche?

Und sind dir vielleicht auf Social Media oder Dokumentationen Klappmaulfiguren untergekommen, die nicht aus Schaumstoff oder Styropor geformt wurden? Ich bin aus gutem Grund – siehe hier – dankbar für neue Sichtweisen in den Kommentaren!


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