Schreibend finde ich meinen roten Faden. Und das hat im goldenen Herbst mit einem goldenen Buch zu tun.
Mein Ausbildungslehrgang zur zertifizierten Spiel- und Theaterpädagogin führt mich im Mai zur Künstlerin Romy Pfyl und zur Cyoanotypie. Nicht nur, dass ich denke, ich würde Blaufärben lernen. Ich habe ein bisschen ungenau gelesen und falsch gedacht. Es geht um das Belichten lichtempfindlicher Papiere und Stoffe mit Sonnenlicht und um Haltbarmachung von Motiven in Blautönen und Weiß. Wenn dich ein Rückblick auf diesen Workshop interessiert, schau mal hier.
Die Fotografin in mir staunt, dass sie sich mit dieser uralten Fotografie- und Entwicklungsart noch nie auseinander gesetzt hat. Irgendwann zwischen Belichten, Entwickeln und Trocknen unserer Werkstücke erzählt Romy etwas vom biografischen Schreiben, das sie gern in der Gruppe machen würde. Von einem Tag- und Nachtbuch, das sie veröffentlicht. Und ich hänge am schreibenden Haken.
Seit damals sind wir fünf Frauen, die sich anhand des Buches „Sein und Werden – Schätze und Chancen unserer Biografie neu erkennen“ von Liane Dirks durch die Kapitel schreiben. Fünf Künstlerinnen. Jede arbeitet in einem anderen künstlerischen Feld. Wir treffen uns wöchentlich online. Ermuntern uns, schreibend dran zu bleiben. Den Impulsen zu folgen. Nicht zu sehr abzuschweifen oder zum Thema zurück zu kehren. Einen Alltag zu leben und weiter zu schreiben. Wir teilen unsere Texte miteinander. Überwinden Ablenkungs- und Ausredehürden und ermuntern uns gegenseitig, im geschützten Raum unserer Gruppe sichtbar zu sein.

Parallel arbeite ich intensiv daran, meine bunten Mixed Media Werke, die meiner Fantasie entspringen, professioneller herzuzeigen. Hinauszugehen in die Öffentlichkeit und meine Wesen und mich mit meinem Portfolio und einem passenden Künstlerinnen-Statement zu präsentieren. Ein bisschen geordneter und übersichtlicher als üblich. Ein bisschen mehr die bunte Tochter von Steuerberatereltern, die Experten waren in Struktur und Form. Das geht nicht von heute auf morgen.
Schreibend nähern wir uns in der Gruppe derzeit dem für mich ungreifbaren Thema Seele. Wie soll ich über eine Sache schreiben, die ich wie jeder andere Mensch schon ein Leben lang spüre? Wie drücke ich mich so aus, dass mich andere Menschen auch verstehen? Ohne sie zu verschrecken? Wie verschriftliche ich mein vielschichtiges Spüren in verständlichen Worten? Und wie passt das zu meinem Statement als Künstlerin?

Beim Herstellen meiner Wesen geschieht etwas, das wir alle gut kennen: ich verliebe mich Hals über Kopf in sie. Oder eben nicht. Wenn sich die knieweiche Verliebtheit einstellt, dann geht es weiter. Herzklopfend filze, nähe, sticke oder häkle ich mich durch den Entstehungsprozess. Ich bin eingebunden in ein Gefühl von vorfreudiger Weite. Da ist ein Raunen, ein Wispern und Ahnen. Wir diskutieren über Äußerlichkeiten. Über die Körperhaltung. Wir haben auch Konflikte. Ich will. Die Figur nicht. Nadeln brechen. Ich finde einen bestimmten Stoff nicht, obwohl er die ganze Zeit da war. Mir geht die Lust aus und ich putze lieber den Zirkuswagen. Ich ärgere mich. Träume viel und intensiv. Ich bringe meine Ideen zum Thema ein. Es wird wieder runder. In mir entsteht ein Gefühl, was die Skulptur ausdrücken will, ausdrücken soll. Ich nenne dieses Gefühl Intuition. Andere nennen das Seelensprache. Lieben. Flow. Zufall. Träumen. Und noch so viel mehr.
Ich weiß ganz tief innen immer genauer, was der nächste Schritt ist. Dieses Zuhören und Umsetzen dauert vier Wochen. Oder drei Monate. Und mit Pausen auch Jahre. Und dann sind wir von einem Moment zum anderen fertig. Es fühlt sich bereits wie Abschied an. Mein Liebster arbeitet an der passenden Kulisse. Ein bisschen feilen hier. Ein paar Änderungen dort. Ich fotografiere und filme mein Wesen jetzt öfter. Handgriffe an der Kleidung. Möglicherweise eine andere Frisur und Accessoires, die wie von selbst in mein Leben kommen. Wieder fotografieren. Und dann bin ich bereit, das geliebte Wesen loszulassen. Es an einen anderen Menschen weiter zu geben, der etwas in der Figur spürt, das er gern als Erinnerung in seinem Leben hätte. Und der ihr ein neues Zuhause geben wird.
Ich bin unendlich dankbar für die schöne und intensive Zeit, die wir miteinander hatten. Für erstaunliche Erkenntnisse. Erinnerungen, die aus dem Nebel des Vergessens auftauchen. Für neue Ideen und deren Umsetzung.
Ist es ein Zufall, das mich Archetypen wieder beschäftigen? Da gibt es Archetypen wie Fürsprecher, Sportler, Intellektuelle und Führungskräfte. Helden und Weise. Könige und Rebellen. Ihre Charaktere malen Urbilder in unsere Köpfe, die wir kennen. Ihr Bildsprache ist einfach und komplex zugleich. Und überall auf diesem Planeten zu verstehen. Wir bedienen uns dieser Bildsprache in Märchen, Mythen und Ritualen menschlicher Kulturen. Und bei einigen von uns schlüpft die Sprache in die bildende Kunst von Skulpturen. Ich mag es, diesen Worten einen weichen, biegsamen und stabilen Körper zu geben. Es ein Stück weit dieser Gestalt zu überlassen, wie sie sich zeigen will. Den Prozess zuzulassen, der geschieht. Ich bin als Kind oft in dieser magischen Welt hinter der Realität gewesen. Durch meine künstlerische Arbeit repariert sich die Brücke in diese magische Welt.

Du magst meine Wesen und kennst Ausstellungsmöglichkeiten für sie? Das ist der nächste Schritt auf meiner abzuarbeitenden Liste. Ich bin dankbar für hochwertige und gute Tipps. Sowohl im deutschsprachigen Raum als auch über die Grenzen hinaus. Ich habe Herzklopfen und spüre Vorfreude, wenn ich darüber nachdenke. Wir sind so weit.
P.S. Ich musste zwischendurch hinaus und den Herbst am Campingplatz fotografieren. Diese Farben! Ich hoffe du kannst sie so genussvoll betrachten und in dich aufnehmen wie ich.

Entdecke mehr von Lisa Engel
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.



Wunderschön liebe Lisa, ein Augen-, Ohren- und Seelenschmaus. Ich freue mich mit dir und schicke dir Herzensgrüße Romy
LikeLike
danke liebe Romy! am Wochenende würde ich mich gern zu dir in deine wundervolle Ausstellung beamen. muss leider noch viel üben mit dem beamen 😂 sehr herzliche Grüße nach Norden zu dir! Lisa
LikeLike