Orient loves Okzident

Auch eine Nacht drüber schlafen hat nicht viel bewirkt. Ich bin noch immer ganz bewegt, sehr berührt und emotional, wenn ich an den gestrigen Tag in Villach denke. Ich versuche euch ein wenig logisch strukturiert mitzunehmen.

Wer uns kennt, meinen Mann und mich, der weiß, dass sich unser Leben seit 2015 völlig verändert hat. Damals bin ich knapp vor meinem fünfzigsten Geburtstag, arbeite als Verwaltungsassistentin und weiß ganz sicher, dass diese Beschäftigung nur eine vorübergehende Lösung ist. Nach monatelangem Hin und Her, Ängsten und Zweifeln löse ich das mir vor Jahrzehnten gegebene Versprechen ein, nach meiner Zeit der Kinderbetreuung ein Jahr meiner Lebenszeit zu nützen, um MEINEM Weg nachzugehen. Diesem verdrängten, vernachlässigten Wunsch, Puppen herzustellen. Oder grundsätzlich irgendwas Richtung Künstlerin, weg vom reinen Geldverdienenmüssen, um zu überleben.

Das Leben ist 2015 auf seine ganz eigene Art mit meiner Bitte einverstanden. Es sendet uns direkt in die Nachbarschaft Menschen aus Syrien, dem Irak, Afghanistan, Afrika, Marokko und Armenien. Zuerst mit dem Transitlager Krumfelden. Danach mit dem ORS-Wohnhaus und begleiteten asylwerbenden Familien und Alleinstehenden in Pöckstein. Außerdem sendet es uns Österreicher*innen, die ich bis zu diesem Zeitpunkt wenig oder gar nicht kannte. Menschen aus der Zivilgesellschaft, aus kirchlichen Institutionen, aus der unmittelbaren und weiteren Nachbarschaft und über Österreichs Grenzen hinaus. Ihr könnt das alles im Archiv unserer Blogbeiträge des Vereins DER.RAUM nachlesen. Dieses menschliche, herzwarme Netz trägt uns noch immer. Bis 2018 arbeiten wir fast nur ehrenamtlich. Künstlerisch, kochend, miteinander redend, Projekte entwickelnd, aufbauend, erfolgreich abwickelnd und scheiternd. Voll das Leben. Ich bekomme die Chance, alles an Material künstlerisch auszuprobieren, was es gibt. Wir forcieren das Upcycling und das Recycling, weil wir so viel Material geschenkt bekommen. Was sich für unsere Freund*innen als sinnvolle Beschäftigung, Deutsch lernen und Menschen kennen lernen herausstellt, formt meinen Weg zurück zu mir. Ich finde die Tür zu meinen textilen Skulpturen, den ich seit heuer gehe. Und meinen Geschichten, die ich fotografierend, skulpturierend und bloggend erzähle.

Ah, ich schweife ab! Zurück zu gestern. Als unsere Freund*innen 2017/18 nach und nach ihre positiven Bescheide bekommen, wird die Begleitung zu Ämtern und Behörden noch einmal sehr intensiv. Und dann – lassen wir die erwachsenen Männer und Frauen und ihre Familien los. Es tut weh – und es ist unserer Meinung nach nötig. Es fühlt sich an wie das Abschiednehmen von den Kindern in der Pubertät. Es sind immer noch die gleichen, geliebten Menschen unserer bunten Seelenfamilie. Doch sie gehen selbstständig in ihre neuen Leben. Einige hören darauf, dass wir Villach als nächstes Ziel vorschlagen. Es sind Vorschläge, weil wir wissen, dass in Villach eine sehr junge und nachhaltige Wandelbewegung aktiv ist, eine dynamische Veränderung, die Neues möglich macht. Einige gehen nach Wien, nach Linz und Salzburg, einige verlieren wir fast ganz aus den Augen. Social Media sei Dank, dass wir losen Kontakt halten können.

Als ich gestern mit Charlotte, einer Freundin aus dieser Zeit des Ehreamtes, bei Adnan, Lamis und ihren Söhnen in der nagelneu eröffneten arabischen Rösterei in der Villacher Postgasse stehe, fühle ich, dass die so oft gehörten Geschichten über den erfolgreichen Unternehmer aus Dar’a in Syrien wahr sind. Adnan ist in seinem Element, checkt, organisiert, lädt ein, bietet selbstbewusst sein Wissen und seine Produkte an. Er ist ganz Unternehmer, ganz Gentlemen. Nun endlich auch in Österreich. Seine Frau sprüht und funkelt vor Leben, kocht unermüdlich arabischen Kaffee im mit Sand gefüllten Heizbecken, dessen Fachname ich nicht kenne. Nein, das ist keine alte Tradition, sondern so ziemlich das Aktuellste, das die arabische Kultur anbietet, erklärt mir Adnan. Der Quarzsand speichert die Hitze der Kochplatte des Beckens. Die Spiegel an der Decke reflektieren die luxuriös anmutende Einrichtung in Schwarz, Gold und Weiß. Es duftet nach Kaffee, Nüssen – und Süßem. Mit von der Partie ist nämlich der Süßwarenhersteller und Schwager Aiman, der wunderbares arabisches Konfekt in Deutschland fertigen lässt. Erst jetzt kapiere ich, dass ich dieses Konfekt schon im Deutschkurs in Pöckstein genossen habe! Und das es nicht ein Geschenk aus irgendeinem Duty Free Laden war, sondern immer schon aus der Familie kam. Wäre der Krieg nicht gewesen, würde es immer noch in Syrien produziert und im angrenzenden arabischen Raum verkauft werden! Sehr schnell finde ich gestern eine optische und kulinarische Sensation aus Rosenblättern, Pistazien und Granatapfelkernen. Ja, die rosenwasserduftenden Köstlichkeiten sind wunderschön, köstlich und ein tolles Geschenk. Dieses Hellgrün-Magenta-Rot mit dem süß-sauren orientalischen Geschmack erobert allerdings mein Herz im Sturm und ich stelle mich gern hinter den anderen Käufer*innen an. Weihnachten ist schon erstaunlich nahe, gell?

Während wir arabischen Kaffee mit Cardamom verkosten, winkt mir vis à vis aus dem hellerleuchteten Schaufenster eine junge Frau zu. Sie kommt mir vage bekannt vor. Adnan lacht. Ja, ich sehe richtig! Das ist Azima! Die zweite Familie aus Pöckstein, die mit ihren Kindern Tür an Tür mit unseren Freunden wohnte und mit uns Deutsch lernte. Ich fasse es nicht! Die „Änderungsschneiderei Rosella“ besteht seit genau einem Monat und wird vom Schneidermeister Aref und Azima geleitet! Lachend umarmen wir uns. Wie immer gibt es schwarzen Tee und Azima’s Kuchen – Ausreden werden ignoriert. Wir aktualisieren unsere Kontaktinfos und reden und lachen. Der kleine Ivan, der mir noch als Baby in Erinnerung ist, lächelt mich schüchtern an.

Genug Überraschungen? Sorry, eine hab ich noch. Nach der Mittagspause steht in meinem Terminkalender, dass ich im Deins & Meins Gemeinwohlladen vorbei schauen will, um einen Platz für meine weihnachtlich angehauchten Wesen auszukundschaften. Also schnappe ich mir Mohammad und einige Visitkarten und wir statten der freundlichen Ladenhüterin einen Besuch ab. Der Gemeinwohlladen ist nicht irgendwo in der Postgasse. Natürlich nicht. Sondern unmittelbar daneben! Wie blind ich bin, ich habe doch die Fassade von außen fotografiert. Ich stelle vor, mache bekannt, erzähle die Geschichte der Familie und lade zum nachbarschaftlichen Austausch ein. Als meine Freundin und Betreiberin des Gemeinwohlladens, Ingun, gegen Abend tatsächlich auf einen arabischen Kaffee vorbeischaut, ist das Hallo groß. Mohammad und Hasan waren bereits bei den Tagen der Zukunft in Arnoldstein dabei, dort haben sie sich kennengelernt. Die Welt ist so klein und es tut so gut zu sehen, wie die schon gebauten Brücken gestärkt und genutzt werden. Ammar und Bakir stehen plötzlich vor mir, strahlen mich an. Ammar wartet noch immer auf seinen Bescheid, es ist unfassbar! Der irakische Theatermann, der bei unserer Bürgertheateraufführung so sehr glänzt, zittert immer noch, ob er in Österreich bleiben darf…

Als ich am Abend ganz bewegt von all den Gesprächen, Eindrücken und dem Gespürten in ein Philharmoniekonzert im Villacher Konzerthaus gehe, fällt mir noch aus den Augenwinkeln der Barbier auf, zwei Haustüren nach der Änderungsschneiderei. Diese Postgasse mit den gerade noch sterbenden Geschäften lebt wieder! Ich freue mich so auf meinen Puppenmacherkurs nächstes Wochenende in der VHS Villach. Ich weiß, wo ich meinen arabischen Morgenkaffee mit Cardamom trinken werde. Und ich bin gespannt, wen von euch ich im arabischen Kaffee treffe!

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