Die Wolfsfrau und ich

Ich liebe Märchen. Heute, als Tochter, Mutter und Großmutter einer langen Frauenlinie. Idealerweise Märchen aus allen Kulturen. Irgend etwas kam mir als Kind an den Grimm’schen Märchen komisch vor. Andersen‘ Märchen wurden uns bewusst vorenthalten weil zu grauslich. Manche Buchseiten wurden sogar verklebt, um unsere Kinderseele zu schützen. So richtig warm wurde ich nicht mit all den Geschichten in den Büchern. Die bösen Frauen, die guten Könige und Prinzen. Liebreizende Prinzessinnen und tollkühne potentielle Liebhaber, die unfassbar unmögliche Aufgaben zu bewältigen hatten. Gestellt wurden diese Aufgaben natürlich von bösen Hexen, einer in meinen Augen bösartigen Frau Holle, die nur das Gute, Liebliche, Brave duldete und unterstützte. Et Cetera. PP.

Irgendwann als junge Erwachsene kriege ich „Die Wolfsfrau“ von Clarissa Pinkola Estés in die Finger. Und ich, frisch geschieden und bis unter meine Haarwurzeln und ins erschöpfte Herz hinein voll mit Fragen ans Leben, verschlinge sie mit Buchdeckel und Buchstabe. Wort für Wort. Märchen für Märchen. Interpretation für Interpretation. Trage das Buch eine Weile wie eine Bibel mit mir herum. Missioniere jeden Menschen, der dies zulässt. Sorry for that! Und schiebe „Die Wolfsfrau“ irgendwann zurück ins Buchregal. Fertig. Viele Zitate aus diesem Buch werden Teil meiner Sprache, meines Glaubens an mein Frausein, so sehr inspirieren mich die Schilderungen. Und ich vergesse das Meiste wieder.

Zwanzig Jahre später fängt eine Freundin an, mit diesen Geschichten kunsttherapeutisch zu arbeiten. Ich weiß nicht, ob es zeitgleich mit meinem Bedürnis nach Wiederlesen ist oder nicht. Jedenfalls suche ich das Buch erfolglos in meinem Buchregal. Was mit fast allen Büchern in meinem Leben passiert, die gut sind. Hergeborgt, nie mehr wieder bekommen. Was solls. Ein paar Willhaben-Klicks später landet ein verrauchtes, gebrauchtes Exemplar bei mir. Ich überwinde meinen Ekel vor dem abscheulichen Geruch und falle wieder tief in die Seiten des Buches. Habe das Gefühl, dieses Buch noch nie, nie gelesen zu haben. Fast alles ist neu. Die vertraute Stelle mit dem Narbenmantel, die muss ich ewig suchen. Eine Freundin erklärt sich bereit, sich zur Wolfsfrau von mir fotografieren zu lassen. Wir machen ein unglaublich berührendes Fotoshooting in meinem Tageslichtatelier. Und der Prozess stockt wieder.

Doch dann ist es so weit. Zwei Praxisjahre mit trial and error haben mir genug handwerkliches Wissen vermittelt, um ein gedrahtetes textiles Wesen meiner Vorstellung machen zu können. „Mein“ Narben-Mantel ist sehr schnell als klare Vision da. Die Wolfsmaske kommt später, so passend zur parallelen Arbeit mit Paperclay beim Kindertheater des letzten Schuljahres. Der gefilzte Körper entsteht beim Tun, ändert immer wieder sein Aussehen, die Herangehensweise an die Fertigstellung. Prozessual, wie so oft in meinem Leben. Wochenlang liegt der angefangene Körper der Puppe im Kasten. Immer wieder nehme ich die entstehende Frau heraus, verschicke Fotos von ihr an Vertraute. Rede über sie. Zeige sie her und arbeite an ihr. Trage sie im Herzen. Lese über wilde Frauen, begegne ihnen, begegne dem Ungezähmten, dem Intuitiven, dem Kreativen in mir. Das Leben eben.

Und nun ist sie da. Ein halbes Jahr später. Sie ist vollkommen anders geworden als ich sie mir im Kopf ausgedacht habe. Noch sehr jung, ein Mädchen im Übergang zur Frau. Sehr stark behaart, das muss endlich einmal sein. All der angelernte und übernommene Ekel vor Körperbehaarung stülpt sich über mich und will durchlitten werden. Aus einem zarten Flaum an manchen Körperstellen wird eine fast tierische Durchgangsbedeckung, die sich vollkommen richtig und gut anfühlt. Schützend und wärmend. Das Gesicht ist glatt und angepasst an herkömmliche Schönheitsideale. Der Lippenstift bereitet mir besondere Freude, die Farbe wird sich im Mantel wiederholen. Als eine andere Freundin mir heute Morgen zurück meldet, die Maske sei sehr lieb und nett und nicht ganz wolfstypisch muss ich lachen. Genau. Abgesehen davon, dass ich kaum handwerkliche Ahnung habe, wie „grimmig“ mit Pinsel und Farbe auf eine Maske zu bekommen ist, ist mir die Maske ebenfalls zu brav gewesen. Lieb und nett und angepasst. Ein bissel was an Ausdruck kann ich retten. Der immer geplante Spiegel landet auf der Rückseite. Und ich genieße jetzt einfach einmal, dass sie da sitzt, das Mädchen mit der Wolfsmaske, das irgendwann zur Frau wird. Das in den Spiegel schaut, der eine Wolfsmaske ist. Ob sie sich versteckt? Ob sie droht? Ich habe keine Ahnung. Es ist nur eine Puppe. Und in Wahrheit so viel mehr. Seit heute Morgen klopft die wilde Baba Yaga meiner slawischen Vorfahren an meine innere Türe. Ich geh dann mal aufmachen…

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