Dem eigenen Weg vertrauen

Ich habe große Lust, meinen Beitrag zur Blogparade „Jahresmotto 2026: Welches Leitwort begleitet dich durchs Jahr?“ von Korina Dielschneider zu gestalten. Sie meint, ich könnte damit Menschen in meinem Alter Mut machen. Warum? Ich habe vor zehn Jahren, an meinem 50. Geburtstag in diesem Leben entschieden, endlich dem Weg der Künstlerin in mir zu folgen.

Wie es mir mit dieser Entscheidung ergangen ist und warum ich heuer ein spezielles Jahresthema gewählt habe, darüber liest du hier mehr.

Inhaltsangabe:

  1. Ein kurzer Rückblick
  2. Mein Jahresthema 2026
  3. Das Thema findet mich
  4. Das JA zum eigenen Weg
  5. Die NEINs dieses Weges
  6. Kontrolle und Erlaubnis
  7. Jahresthema und Hoffnung

Ein kurzer Rückblick

Und so hat es begonnen…

Ja, ich habe vor zehn Jahren, mit 50, tatsächlich meinen Beruf als Freie Journalistin und Fotografin abgemeldet. Und dann sogar den bezahlten Teilzeitjob als Verwaltungsassistentin an einer großen Volksschule gekündigt. Mensch, hatte ich weiche Knie! Und sofort waren sie da, alte, vergessene und neue Glaubenssätze, die hochkochten:

  • Kunst ist brotlos
  • von Kunst kannst du nicht leben, mach lieber was G’scheites
  • ist ja nett, was du machst, aber vielleicht lieber am Wochenende?
  • das ist nur Basteln
  • das ist nur Kunsthandwerk, keine Kunst
  • ohne Studium wird das nix
  • als Frau hast du damit keine Chance

Jetzt war es so weit. Ohne irgend eine Ahnung, was auf mich zukommen würde. Haha, was für ein Glück! Sonst wäre ich nie gesprungen! Ich war in einer Lebensphase mit einem Künstler als Partner, der mir gut zuredete. Der viel mit mir zeichnete und ausprobierte. Und der mich voll unterstützte. Ich wollte es mir und ihm beweisen, dass es möglich ist, von und mit Kunst zu leben. Was für mich bedeutet: ich entwickle mich als Mensch weiter. Und ich kann ganz praktisch meine Sozialversicherung und meine Pensionsversicherung fürs Alter selbst einzahlen und mir das leisten, was ich zum Leben brauche.

2015 – wir erforschen gemeinsam mit anderen Menschen das Wesen der Kreativität

Zehn Jahre später bin ich noch immer auf diesem Weg. Mit so viel mehr Erfahrung. Der Liebste, er hat recht behalten. Schon nach den ersten Jahren schaue ich erstaunt und glücklich zurück auf meine Babyschritte als Künstlerin. Queenagerin und im fortgeschrittenen Alter zu sein bedeutet noch lange nicht, alles im Neuen zu wissen. Ich zweifle. Fühle mich zu alt. Wünschte, ich hätte schon früher studiert. Kann viel Lebenserfahrung beisteuern. Das Handwerk muss ich trotzdem lernen. Und lange ist nicht einmal klar, für welche Richtung der Kunst ich mich entscheide. Ich probiere ein Medium nach den anderen aus. Wir binden zugewanderte Menschen aus Kriegsgebieten in diesen Prozess ein. Unzählige Workshops für Malerei, Holzarbeit, Fotografieren, Grenzenlos Kochen, Upcycling finden statt. Das endet nach zweieinhalb Jahren. Die Ausrichtung wird in dieser Suche klarer. Ich forme unzählige Kinderpuppen und lerne das Handwerk.

Wir malen, spielen in einem Bürgertheaterstück mit, nähen, filzen, essen und kochen gemeinsam – eine intensive Zeit mit unfassbar vielen Begegnungen.

2019 melde ich die Bildendende Künstlerin offiziell an. Es ist ein innerer Impuls. Ich weiß nicht, warum ich genau in diesem Jahr das Gefühl habe, jetzt, jetzt ist es so weit. Ich möchte Künstlerfiguren für Erwachsene herstellen. Und es soll ganz offiziell ablaufen. Ich fange in diesem Jahr an, berufliche Kontakte zu knüpfen. 2020 dann der Rundum-Kahlschlag für uns alle. Ich nähe Stoffmasken, um ein bisschen Geld zu verdienen. Und ziehe mir online jeden Workshop hinein, in dem es um die Gestaltung von Figuren geht. Bin im Schlafanzug und Pulli frühmorgens im englischen Sprachraum unterwegs, weil wir zeitlich so weit auseinanderliegen. Es ist eine Zeit ohne Stress von außen.

Ich fange an, ganz eigene Figuren zu entwickeln.

Der alte Glaubenssatz „Jeder braucht Druck. Nur so wird das was mit dir.“ beginnt zu zerbröseln. Ich arbeite Tag und Nacht. Freiwillig und mit Begeisterung. Ich nutze all das Material, das mir zur Verfügung steht. Werde wie nebenbei zur Upcyclerin. Jedes Handwerk, das ich jemals erlernt habe, fließt in diese Figuren. Meine Regale im Gartenatelier füllen sich mit den unterschiedlichsten Charakteren. Ich veröffentliche die Geschichten und meine Entwicklung online auf meiner neuen Website.

Die wohl strahlendste Sonne in meinem Atelier

Die Zeit mit dem daheim zu beschulenden Enkelkind meines Mannes ist das Einzige, das uns fordert. Wir strukturieren unsere Tage nach unserem persönlichen Dafürhalten.

Dann die Rückkehr in die „normale“ Businesswelt. Parallel eine Entscheidung: in vielen Gesprächen dieser Pausenzeit wird klar: es zieht es uns als Familie weg aus dem Haus meines Mannes. Wir bauen mit meinem ältesten Sohn zwei Tiny Houses und testen das Leben in einer Gemeinschaft. Dann ein schrecklicher Trauerfall in der engsten Familie. Wir fliegen als Familiensystem vollkommen aus der Kurve. Die Gemeinschaft und wir, das scheitert auch. Wir ziehen mit Kind und Häusern weiter. Die Künstlerin in mir hat keine Luft zum Atmen.

Da blicken wir noch sehr entspannt in unsere Zukunft mit dem Gemeinschaftsprojekt und den Tiny Houses.

Ich beginne in meiner größten Sinnkrise dieses Lebens ein Studium zum Thema „Kunst und Business“. Kümmere mich zum ersten Mal nur um mich und meine Bedürfnisse als Selbstständige. Ich bin eine Business-Analphabetin und lerne eine vollkommen neue Sprache. Beginne, Zusammenhänge zu verstehen. Vor lauter Kopfarbeit komme ich seltener ins Atelier. Und ich merke das. Ich bin gereizt und ungeduldig und immer wieder stark am Wasser gebaut. Die Menopause tut das ihre dazu. Meine Hormone spielen verrückt.

Die Erschafferin einer Klappmaulpuppe aus alten Socken spricht mit ihrem Sockenmonster mit Armen, das ein oranges Maul und riesige Augen hat.
Immer öfter kommen Theaterfiguren in mein Leben. Als der Verein Blooom uns ruft, nähe ich mit Kindern Klappmaulpuppen aus alten Socken.


Ich ziehe 2025 die Reißlinie. Verordne mir eine zu mir und nicht zum Studium passende menschliche Wochen- und Jahresstruktur. Teilweise übernehme ich Vorschläge aus dem Studium. Vor allem räume ich mir wieder großzügig Atelier- und Lebenszeit ein.

Ende des Jahres steige ich ganz aus dem Studium aus. Und nehme mir Zeit für ausgiebige Reflexion und Ausrichtung. Ich gehe in Dankbarkeit. Ich habe unglaublich viel dazu gelernt. Jetzt geht es wieder um mich.

Mein Jahresthema 2026

Wieder auf meine Intuition hören. So wie meine Lieblinge, die Katzen.

Für mich ist es vollkommen logisch, dass ich mich heuer dem Jahresthema „Dem eigenen Weg vertrauen“ verschrieben habe. Mein eigener Weg, das fühlt sich von der Formulierung schon gut an. Ihm auch zu vertrauen und ihn praktisch zu gehen, das ist die größere Herausforderung.

  • Inwieweit vertraue ich meinem Bauchgefühl, meiner inneren Stimme, meiner Lebenserfahrung?
  • Was verunsichert mich so, dass ich wieder Abkürzungen durch selbstoptimierende Angebote suche?
  • Wann ordne ich mich unter, wann ist es Zeit, meinem Bauchgefühl zu vertrauen?
  • Und wie gehe ich mit inneren Widerständen um, welche Art von Wegweiser sind sie und wann übertönen sie mein Bauchgefühl?

Das Thema findet mich

Ich beginne, mich erschöpft und ausgelaugt zu fühlen.

Im Herbst des letzten Jahres bin ich wiederholt am Kränkeln. Mich begeistert gerade alles, was ich tue. Es werden tolle Möglichkeiten für 2026 sichtbar. Beim letzten Durchgang des Kränkelns klettert die Fiebersäule auf über 39 Grad. Ich fange an, tiefer in mich hineinzuspüren. Ich entdecke eine sehr alte Wurzel in mir. Ich leiste, also bin ich. Je mehr ich leiste, desto mehr bin ich wert. Und wenn ich anderen Menschen oder Projekten helfe, dann bin ich überhaupt am meisten wert. Das hat durchaus Suchtqualität.

Mit einigem Entsetzen entdecke ich auch an meinen erwachsenen Kindern Stresssymptome, die aus dieser Ecke unserer gemeinsamen Vergangenheit kommen könnten. Ich tauche tiefer in diese Symptome ein. Kann ich jemals Pause machen, ohne vorher fiebrig zusammen zu brechen? Plane ich in meinem Arbeits- und Lernjahr Pausen ein, in denen ich nichts tue? Reicht es wirklich, am Wochenende für einen Tag ans Meer zu fahren, den Tapetenwechsel zu genießen und dann sofort wieder weiter zu machen?

Und was wäre mein Weg? Das zu beobachten, das nehme ich mir für dieses Jahr vor. Und es ist ganz erstaunlich – es kristallisieren sich schon jetzt, im Februar, To-Dos & Don’ts heraus.

Das JA zum eigenen Weg

  • Geplante Pausen in Form von Urlaub
  • ungeplante Pausen und Nichtstun, wenn sich der Körper spürbar meldet
  • die wöchentliche, angeleitete Präsenz Qi Gong Gruppe tut mir und meinem Körper ausgesprochen gut
  • Suche nach einer Tanzgruppe, in der ich allein, als Frau, tanzen gehe
  • Freundinnen und Freunde in echt treffen
  • Austausch mit echten Menschen im Businesskontext: redend formuliere ich oft die Lösung für ein Problem
  • den Zirkuswagen zum Atelier mit Schlafplatz umbauen und ihn frühlings- und herbstfest machen
  • eine überdachte Terrasse zwischen die Tiny Houses bauen
  • ausreichend trinken und gezielt essen
  • schreiben mit Struktur: ein Buch fürs Schreiben nach dem Aufwachen; eines für Ideen; ein stark strukturiertes Buch für den Wochenrückblick und unter Zuhilfenahme von Fragen aus dem #reflectandlearn von Maren Martschenko, erweitert um Empfehlungen aus dem alten Studium
  • ich lasse nach ausreichender Reflexion los, wenn meine Träume und mein Körper mir ein Nein zu einem Menschen oder einem Projekt vermitteln
  • ich orientiere mich an persönlichen Quartals- und Lebenszielen und sortiere unerschrocken aus, was nicht (mehr) dazu passt
  • ich ändere meinen Weg, wenn er unstimmig wird
  • ich bin, die ich nach 60 Jahren bin – bunt, wild und wunderbar

Die NEINs dieses Weges

  • Social Media technisch einschränken, meine Lebenszeit ist wertvoller denn je
  • politische NEWS maximal einmal pro Tag aufnehmen, technisch einschränken
  • Neues nur, wenn es wirklich nötig ist, ansonsten im Ausprobieren vertiefen, was bereits da ist
  • kein fluchtartiges Unterwegssein, sondern, wenn es zu meinem beruflichen und privaten Weg und Ziel passt
  • ich verabschiede mich konsequent von Menschen, die mir Energie kosten, beruflich und privat
  • kein Helfen, wenn ich den Sinn meines Energieeinsatzes nicht fühle
  • wenn Schamgefühle auftauchen, nachspüren und umarmen und nicht nachgeben

Kontrolle und Erlaubnis

Die Sache mit der Kontrolle, der menschlichen.

Ich muss gerade so lachen. Korina wirft die Frage in den Schreibraum, ob sich diese Liste der Jas und Neins eher nach Druck oder nach Erlaubnis anfühlen. Ganz ehrlich? Bei einigen Dingen, die bei mir Suchtstrukturen haben, gebe ich mir die Erlaubnis zur Kontrolle. Social Media und Verbindung herstellen. Essen, wann mir danach ist. Neues lernen – das alles braucht ein bisschen Struktur und Kontrolle. Ich kenne mich schon recht gut. Was für andere Druck macht, hilft mir, aus ungesunden Mustern auszusteigen.

Ich gebe mir also die Erlaubnis, mich ein bisschen zu kontrollieren, um eine gesunde Struktur für den eigenen Weg in diesem Jahr zu entwickeln. Und wenn ich scheitere? So what! Ich bin 60. In jedem Scheitern ist ein mindestens ein Funken Erkenntnis und Dazulernen verborgen. Manchmal auch mehr.

Jahresthema und Hoffnung

Meine Mädels, sie wissen auf alle Fälle, was kommt.

Ausblick auf einen Rückblick

  • Ich bin konsequent im Atelier – der Zirkuswagen im Sommer und im Herbst ist ebenfalls mein bezahlbares Atelier geworden
  • Ich höre meiner bunten und ausufernden Gedanken- und Gefühlswelt, den Glaubenssätzen, dem in der Nacht geklärten Gedankenkarussell morgens schreibend zu und lasse mich von dieser inneren Stimme leiten
  • Ich mache meine eigenen Serien von Figuren zu Themen, die mich beschäftigen
  • Ich spüre mich wieder zuverlässig und höre auf meinen Körper
  • Bei Aufträgen arbeite ich weder als Coachin, Mentorin oder Therapeutin, sondern als offene Zuhörerin und praktische Umsetzerin von Kunstfiguren
  • Bei Workshops zu inneren Themen kooperiere ich mit erfahrenen Begleiterinnen, die zu mir passen
  • Ich bin im dritten Akt meines persönlichen Lebens eine bunte, lebendige, lebenserfahrene Künstlerin, die individuelle Figuren umsetzt

Danke liebe Korina, für die Möglichkeit, dein Thema der Blogparade gründlich schriftliche auszukosten. Das Schreiben hat mir wesentlich mehr Insights vermittelt als erwartet. Ich freue mich übrigens von Herzen auf alles, was wir beide noch auf die Beine stellen werden!

Um 10:10 Abfahrt nach Heidelberg. Glückszahlen! Wir werden immer optimistischer.

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2 Einträge zu „Dem eigenen Weg vertrauen

  • Liebe Lisa,
    was für eine Reise … ich bin begeistert, fasziniert, fühle mich mitgenommen und dir irgendwie sehr nah.
    Meine Lebens-Schritte sind, äußerlich betrachtet, sehr viel kleiner und unauffälliger als Deine –
    aber innendrin fühlt es sich ähnlich an wie das worüber Du schreibst.
    In eine Deiner Figuren habe ich mich gerade eben schockverliebt –
    die zarte, mit blondem Pferdeschwanz, die im Blümchenanzug versonnen ihre Knie umarmt und mich anschaut.
    Hat(te) sie einen Namen?
    Ich wünsche mir, Dir auch einmal live zu begegnen, vielleicht führt uns das Leben ja mal zusammen.
    Und aus Deinem Blogbeitrag nehme ich viel Inpirationskraft mit für meinen eigenen Maltisch,
    der nach mir ruft und dem ich zu oft in den letzten Monaten einen Korb gegeben habe ….
    Danke!
    Alles Liebe
    Lydia

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    • Liebe Lydia,

      danke für dein wunderschönes Feedback! Lass dich unbedingt von deinem Maltisch rufen und anziehen. Unsere uns allen innewohnende Kreativität will sich so gern ausdrücken. Bin gespannt, was du zauberst.

      Ich glaube, diese Figur hatte keinen Namen. Ich habe sie damals für mich gemacht, es ging um mein Mädchensein. Um all das, was ich damals spürte und wie ich mich fühlte. Es schaut auch nicht so aus, als hätte ich über sie etwas geschrieben. Gerade bedauere ich das sehr, ich hätte dir gern mehr von ihr berichtet.

      Warum sie jetzt gerade aus den Tiefen meines Archivs auftaucht? Ich war auf der Suche nach Fotos dieser Jahre zwischen 50 und 60. Und staune selbst, wie reichhaltig es ist. Das war schon eine sehr besondere Zeit.

      Ich wünsche dir ein schönes Vorfrühlingswochenende und freue mich schon drauf, mehr von dir zu lesen!

      Lisa

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