24 Kinder und zwei Naturwesen

Erinnerst du dich daran, wie in deinem Leben als Kind der umgedrehte Tisch zum Boot wurde, das in Seenot geriet? Oder hast du davon geträumt, gemeinsam mit Hanni und Nanni Streiche auszuhecken und die Erzieherinnen zur Weißglut zu bringen?

Hoops, we did it again! Wir Erwachsenen schaffen Räume für Kinder, um ihre Kreativität auszuleben und in Rollen zu schlüpfen. „Ich kann das nicht!“ wird im Lauf von acht Vormittagen über Bord geschmissen. Und zu Rollen umfunktioniert, die Lady Lydia, Herr Moos oder Fuchs im Schmarotzwald heißen.

Doch eines nach dem anderen.

  1. Die Einladung
  2. Die Vorbereitung
  3. Der Anfang und die Gerüchteküche
  4. Der schöne Schmarotzwald und sein Förster
  5. Auf die Plätze, fertig, Theater!
  6. Und die Handpuppen?
  7. Was lange währt, wird endlich gut

Die Einladung

Dieses Mal klappt die Co-Finanzierung unseres eingereichten Schreibwerkstätten- und Kindertheater-Projektes „Gemeinsam sind wir stark!“ an der Volksschule Köstenberg in Kärnten sofort.

Darum soll es dieses Mal gehen: Die Kinder da oben in Köstenberg! Sie sind stolz auf ihren schönen Wald, sprechen beim Arzt slowenisch und sind insgesamt anders. Die Kinder da unten am Wörthersee sind eingebildet, reich und wollen jeden Tag baden gehen und Eis essen. Wie blöd die jeweils anderen doch sind! Da ist es kein Wunder, dass es zwischen den Wald- und den Wasserwesen nur Unfrieden gibt. Und dann hat der Waldgeist vom der Schwarzen Schloss genug davon, sich um den Wald zu kümmern. Er will mit allen Waldwesen für immer hinunter an den See ziehen. Das gefällt den Seewesen überhaupt nicht. Der See ist doch jetzt schon voll bewohnt! Ob die Kinder den Naturwesen helfen können, wieder miteinander auszukommen?

Die Vorbereitung

Einer meiner höchsten Businesswerte ist Professionalität. Das gilt für die Arbeit mit allen Menschen. Selbstverständlich auch mit den kleinen und jungen. Künstlerische Ideen in meinem Kopf werden Wochen vorher ausprobiert und auf Tauglichkeit überprüft. Gemeinsam mit einer jungen Helferin forme ich die ersten beiden Köpfe aus Paperclay für das Kindertheaterstück, dessen Beginn ich mir ausdenke. Das Waldwesen „Herr Moos“ und das Wasserwesen „Lady Lydia“ entstehen.

  • Formen.
  • Trocknen.
  • Weiterformen.
  • Trocknen.
  • Weiterformen.
  • Trocknen.
  • Mit gefärbtem Gesso grundieren.
  • Trocknen.
  • Augen malen.
  • Haare entwickeln.
  • Den Stoffkörper nähen und befestigen.
  • Auf Funktionialität überprüfen.

Der Anfang und die Gerüchteküche

Ich stelle mir vor, dass es für Kinder im deutsch-slowenisch-sprachigen Gebiet interessant sein könnte, Ernst Dragaschnig kennenzulernen. Er ist der langjährige Leiter des „Museum für Alltagsgeschichte Köstenberg/Kostanje„.

Er nimmt sich die Zeit und erzählt den Kindern bereitwillig wahre Geschichten über die slowenische Kultur und Sprache. Wir fragen nach, warum Kinder in Slowenien im Wald dazu angehalten werden, am Fahrrad die Glocke zu läuten. Die Kinder staunen, dass es in Slowenien tatsächlich Bären gibt, die durch Lärm abgeschreckt werden. Wir hören vom stürmischen Märzentule, vom mütterlichen Tscherfeltaxi und den herunterfallenden Tschurtschen im Wald. Die Kinder sind sich irgendwann einig, dass Slowenisch oder Deutsch eigentlich Familiensprache und nicht Muttersprache heißen sollte.

Ernst Dragaschnig und Kinderfragen

Als wir über Vorurteile reden, stellen wir fest, dass der Name Köstenberg nicht von der slowenischen Koztanj/Kastanie abstammen kann. Erstens gibt es in ganz Köstenberg vielleicht drei dieser Bäume. Zweitens sind die paar Bäume maximal 30-40 Jahre alt, der Name Köstenberg stammt aber aus dem 17. Jahrhundert. Viel eher geht es ursprünglich um das Wort „Gozd“. Und das bedeutet Wald. Köstenberg war Rodungsgebiet. Also geht es im Ortsnamen eher darum, dass Köstenberg ein Wald am Berg ist. So schnell kann es gehen mit Gerüchten!

Auch das Gerücht, dass Ernst nicht mehr lange im Museum arbeiten und deshalb das Museum demnächst zusperren wird, können wir entlarven. Für die Nachfolge ist bereits bestens gesorgt! Die Kinder versprechen dafür, den Direktor bald wieder zu besuchen.

Zum ersten Mal hören die Kinder von mir den Anfang der möglichen Geschichte, die sie weiterentwickeln werden. Die beiden Handpuppen werden respektvoll bestaunt und staunend akzeptiert. Es ist schnell spürbar, dass wir auf einer interessanten Fährte sind.

Der schöne Schmarotzwald und sein Förster

Beim nächsten Treffen wandern wir in den Wald. Theo Hippel, der hiesige Förster, lädt die neugierigen Kinder der beiden Klassen in seinen wunderbaren Naturwald ein. Einen Vormittag lang erklärt er ihnen, wie abgeholzt und tot der Wald war, als sein Großvater ihn übernahm. Während vieler Jahrzehnte durften Bäume und Sträucher wieder wachsen. Hier wollen wir auch mehr zum Schwarzen Schloss erfahren, dessen verfallende Ruinen die Fantasie vieler Menschen anregt. Schon im Wald wird sonnenklar, dass unsere eigene Geschichte einen Förster, Ritter, Räuber und Diebe haben muss. Bei Lagerfeuer, Stockbrot und Grillwürstel verarbeiten die Kinder bereits den aufregenden Waldtag. Die Geschichten beginnen sich in ihren Köpfen zu formen.

Theo Hippel und Kinderfragen

Mit einem iPhone voll aufgeregter Sprachmemories kehre ich heim und transkribiere Geschichte für Geschichte in den Computer. Nun beginnt sich der rote Geschichtsfaden zu entrollen.

Auf die Plätze, fertig, Theater!

Ab nun wird jeden einzelnen Vormittag fleißigst gearbeitet. Ich führe „Jeux Dramatiques“ ein, um den Kindern gleich zu Beginn jede Bühnenangst zu nehmen. Mit einem Koffer voller Tücher bereiten sie die ersten Standorte des entstehenden Stückes vor.

Darf ich vorstellen? Ein Wörthersee mit Wasserfall!
  • den Schmarotzwald
  • das schwarze Schloss und die Höhle von Herrn Moos
  • den Wasserfall mit der Oberdorfer Kirche
  • den Wörthersee
Herr Pilzprinzessin ist mit vollem Einsatz dabei, wenn Kinder fehlen

Im Laufe der Spieldurchgänge kommen ein Biberbau, ein Eichhörnchenkobel, die Höhle des freundichen Pumas und ein Käfig für einen pinken Papagei vor. Schon nach wenigen Durchgängen wird klar, dass die Kinder nicht in Gestik und Mimik bleiben werden, sondern sprechen wollen. Also probieren wir auch das aus. Ich lese die von den Kindern entwickelte Geschichte vor. Unermüdlich. Die ersten Mutigen beginnen, die gespielten Szenen zu sprechen und zu spielen. „Jeux Dramatiques“ hat uns gut gedient. Jetzt kommen wir so richtig ins freie Theaterspiel.

Der legendäre Schwarze Ritter vom Schwarzen Schloss

Ich bleibe in der Rolle der Erzählerin, die einspringt, wenn es mal nicht weiter geht. Das gibt den Kindern Sicherheit. Am vorletzten gemeinsamen Tag wird klar – die Texte sitzen! Neue interessante Wendungen kommen dazu, weil die Kinder mitfühlen und mitdenken. So genial!

Wir arbeiten nun mit Theatermitteln an der Stimme und an der Haltung. Die Kinder lernen, dass es ein Publikum geben wird. Ob es eine gute Idee ist, ihnen den Rücken zuzudrehen? Step by step by step entrollt sich vor den Augen der erwachsenen Begleiter ein tolles Theaterstück mit den wahnwitzigsten Szenen. Einige Kinder saugen Tipps auf wie Schwämme. Andere wollen ihre Rolle anders ausbauen. Es ist so ein Vergnügen, sich aufmerksam zurückzulehnen und abzuwarten, was geschieht. So wenig als möglich einzugreifen, auch wenn das für Erwachsene manchmal wirklich schwer auszuhalten ist.

Und die Handpuppen?

Der halbe Vormittag gehört dem Theaterspiel. In der anderen Hälfte bauen die Kinder aus alten Zeitungen, Paperclay, Wasser und viel Fantasie jene Köpfe der Protagonisten, mit denen sie sich am meisten anfreunden. Auch hier lernen sie, dass Kunst und Handwerk Zeit und Geduld braucht. Die Köpfe müssen mehrmals trocknen, bevor sie weiter geformt und bemalt und mit Haaren versehen werden. Ich nähe die Körper aus Musterstoffen vor. In einem Kraftakt – Neun- und Zehnjährige ächzen und schwitzen, als sie Nadel und Faden anwenden müssen – werden alle Körper mit Köpfen verbunden. Wir staunen gemeinsam, wie toll diese so lange trocknenden Köpfe mit Körpern aussehen.

Es braucht Zeit und Geduld, bis die Köpfe trocken sind

Was lange währt, wird endlich gut

Wenn ich hier sitze und dir beschreibe, wie sich dieses Theaterstück entwickelte, bin ich noch ein bisschen knieweich. Die Kinder haben ihre Eltern eingeladen, um ihnen das selbst ausgedachte Stück vorzuspielen. Co-Finanzierer, die diese Arbeit wirtschaftlich unterstützen, haben ihre Teilnahme an der Abschlusspräsentation zugesagt. Danke an dieser Stelle auch an den Oead, der solche Kunstprojekte in Schulen mitfinanziert.

Eine Seite des Turnsaales wird eine Bühne aus Tüchern, Turngeräten und Kinderfantasie. Es gibt viele Diskussionen, was an die Wand, was an den Boden soll. Wie schon im Spiel der letzten Wochen sind selbst gebaute Schutzräume aus Hockern, Tüchern und Wäscheklammern heiß begehrt, in denen sich Menschen und Tiere und Wesen häuslich niederlassen.

Wer hat behauptet, dass Kinder sich nicht konzentrieren können?

Einige Kinder waren dieses Mal zum zweiten Mal dabei, als es um das Entwickeln von Erzählungen und die dramaturgische Bearbeitung und Umsetzung geht. Wir sind wieder einmal sprachlos, welche Sieben-Meilen-Schritte Kinder in ihrer persönlichen Entwicklung innerhalb weniger Wochen hinlegen. Gib ihnen Raum für Kreativität, Selbstbestimmtheit und spielen, und du erfährst, wer sie wirklich sind! Wenn es nach mir ginge, sollte Theaterspiel an Schulen ein fixer Bestandteil sein. Halte uns die Daumen, dass die Eltern am Abend sehen, wozu diese jungen Menschen fähig sind!

Ist es André Stern, der postuliert, Kinder sind Riesen? Ich gebe ihm wieder einmal recht!

Hast du Erinnerungen in deiner Kindheit an angeleitetes, spontanes oder freies Theaterspiel? Ich freue mich darüber, wenn du mir davon erzählst!


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9 Einträge zu „24 Kinder und zwei Naturwesen

  • Ich erinnere mich an ein angeleitetes Theaterspiel im Rahmen eines Schulgottesdienstes zu Weihnachten. Ich ging damals in die 6. Klasse und zusammen mit Mitschüler/innen führten wir im Gottesdienst ein kleines Theaterstück auf. Darin bereitete sich ein Herr auf Weihnachten und den Besuch von Gott vor. Und im Laufe des Tages erhält er auch von einigen Menschen Besuch, die ihn um Hilfe bitten. Aber Gott lässt auf sich warten. Doch dann bekommt der Herr die Nachricht von Gott, dass er ihn in Form dieser Menschen besucht hatte und er sich für seine Hilfe bedankt.

    LG

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  • es ist immer wieder eine helle Freude, deine Geschichten zu lesen … Geschichten über all deine außergewöhnlichen Projekte, Projekte mit Kindern und Jugendlichen – Projekte mit deinen phantastischen Wesen. Du versetzt mich mit deinen Worten voll ins Geschehen – als hätte ich Mäuschen spielen können. einfach bewundernswert! Danke für DICH, Danke für dein Tun. Alles Liebe Renate

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    • Danke liebe Renate für deine herzberührenden, warmen und liebevollen Worte!

      So eine Segens-Dusche am Ende des Jahres freut mich von Herzen. Und noch mehr freue ich mich auf alles, was wir miteinander noch auf die Welt bringen – schon jetzt alles Gute zum heurigen Geburtstag und komm gut rüber ins neue Jahr!

      Wir sehen uns demnächst! Lisa

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