Prag und das Paradies

Was im Sommer weit entfernt klingt, rückt im September und Oktober rasend schnell näher.

Auf Social Media entstehen Gruppen. Die Doll Prague Exhibition 2023, mitten in Prag, wird vorbereitet. Mein Herzklopfen wird spürbarer. Es ist klar, dass wir im November nicht mit dem kleinen Schlafauto reisen können. Also mietet mein Liebster ein Zimmer mitten in Prag. Inklusive Abstellplatz für das Auto. Es sei so gefährlich in Prag. Alle Autos werden aufgebrochen. Und überhaupt. Und außerdem. Wir hören ja manchmal auf gut gemeinte Ratschläge.

Über Krumau nach Prag

Wir fahren Donnerstag in der Früh los. Ohne Kind. Und quer durch das nebelige Österreich. Unsere erste Station ist das sonnige Krumau an der tiefdunklen Moldau. Trotz Herbstferien ist die bezaubernde Stadt nicht überlaufen. Wir fotografieren uns durch die bunten Gässchen und Straßen mit ihren zahlreichen Brücken. Die Ausstellung des österreichischen Malers Janz Franz im Egon Schiele Art Centrum begeistert vor allem Alexander. Ich entdecke die Arbeiten des Otto Placht in einem Ausstellungskatalog und bin noch immer sehr beeindruckt von seinen bunten und wilden Bildern des peruanischen Dschungels. Sehr magisch. Sehr eindrücklich. Sehr bunt.

Weil wir gern der Moldau entlang fahren wollen, pfeifen wir aufs tschechische Mautpickerl und fahren in endlosen Schleifen viereinhalb Stunden nach Norden, auf die Landeshauptstadt zu. Google Maps holt uns von allen Landesstraßen, sobald sie mautpflichtig werden. Unterwegs sehen wir viel Industrie. Kleine Dörfer und auffallend hübsche Schrebergärten mit spitzen Dachgiebeln, die Alexander zu neuen Tinyhouse Experimenten inspirieren. Es wird dunkel, als wir zur Rushhour in Praha ankommen. Drei- und vierspurig wälzt sich der Abendverkehr durch die breiten Straßen. Ich komme mir ein bisschen vor wie in Wien am Gürtel. Stoßstange an Stoßstange pulsiert der Verkehr durch die Adern der Stadt. Nur die Ampelphasen sind deutlich länger. Inzwischen regnet es heftig. Mir wird mulmig, als ich daran denke, dass ich vorm Hotel parken soll, bis das Anmeldeprozedere vorbei ist. Ich stehe mit dem halben Auto am Gehsteig, hier ist kein Fuzzelchen Platz. Wir beziehen das schallisolierte Zimmer und wagen uns zu Fuß in die Stadt.

Doll Prague Exhibition 2023

Wie durch Magie stehen wir auf einmal vorm Palais Lucerna. Hier soll morgen das stattfinden, worauf ich seit Sommer warte. Die Doll Prague Exhibition 2023. International besetzt. Und mit Vertreter:innen der internationalen NIADA Familie. Auf der Suche nach einem Papierplan der Altstadt erzähle ich der Angestellten im Tourist InfoPoint von der Doll Prague. Sie hat keine Ahnung und forscht sofort online, ob stimmt, was ich behaupte. Sie ist sehr erstaunt, dass sie nichts von der Ausstellung weiß. Nach einem ersten Stadtbummel bei Tageslicht und einer wundervollen Ausstellung im Illusion Art Museum Prague reihen wir uns in die Schlange vorm Einlass. Ich höre alle möglichen Sprachen. Als mir das Eintrittsband ums Handgelenk gebunden wird, beglückwünscht mich die junge Frau am Empfang. Ich bin nämlich genau die 1ooste Besucherin des ersten Tages und bekomme einen Gutschein fürs Buffet. Wenn das kein Glück ist!

Die nächsten Stunden bin ich im Paradies. Ich lerne zum ersten Mal jene Künstlerinnen kennen, die mich online mit ihren Inspirationen, Workshops und Bildern durch die lange Zeit der Pandemie begleiten. Jetzt sind einige von ihnen ganz und gar präsent und leibhaftig vor mir. Und ich begegne mir völlig neuen Künstlerinnen. Alle Wesen sind einzigartig. Aus den unterschiedlichsten Materialien. Und von überall her. Ich überwinde meine Hemmschwelle und fotografiere und filme, was mir auffällt. Immer nach Rücksprache. Doch hier hat niemand Angst vor Konkurrenz. So ein hoher Grad an künstlerischem Handwerk braucht Jahrzehnte, um zu wachsen und zu reifen. Und ich weiß jetzt, wohin sich meine eigenen Wesen entwickeln können, wenn ich dran bleibe. Ich lasse dir hier ein paar Bilder da, damit du verstehst, was ich mit Worten auszudrücken versuche.

Wir sehen uns bald wieder!

Am letzten Tag reihen wir uns in die Touristenströme der Altstadt, spazieren an der Moldau entlang, bestaunen die Astronomische Uhr, hören Musikern auf der Karlsbrücke zu und genießen das samstägliche Treiben dieser pulsierenden Stadt. Wir träumen davon wie es sein könnte, wenn unsere Städte autofrei wären. Der Prager Golem ist allerorts präsent. Und überall sehe ich Marionetten, Puppen und andere Wesen. Eindeutig mehr als hier in Österreich. Der Jugendstil ist in dieser Stadt so präsent wie in keiner anderen, in der ich bis jetzt war. Es ist einfach nur inspirierend, wohin das Auge schweift. Mir fällt auf, dass ich sehr oft und wie natürlich auf tschechisch angesprochen werde. Ob ich mit meinen tschechisch-slowakischen Wurzeln hier mehr daheim bin als sonst im Ausland? Es wird Zeit, dass ich zumindest so viele tschechische Phrasen lerne wie kroatische.

Prag, wir haben noch lange nicht genug von dir – du siehst uns definitiv wieder!

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Juhuuu! Willkommen in meiner Liste!

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