Kalter Kaffeeentzug und Ein erster Sündenbock

Bitte, frag mich nach dem ersten Kaffee, wie es mir geht. Ich kann sonst für nichts garantieren.

Genau so fühle ich mich morgens, wenn ich wieder in die Kaffeesucht geplumpst bin. Das passiert mir regelmäßig. Ich komme monatelang gut damit zurecht, nur ab und zu einen Kaffee zu genießen. Und dann plötzlich brauche ich ihn wieder täglich. Meine Kinder lachen mich schallend aus, wenn ich ihnen davon erzähle, wie migränig arg die Kopfschmerzen beim Entzug sind. Sie trinken Kaffee oder nicht. Völlig losgelöst von Abhängigkeiten. Wenigstens DAS haben sie genetisch nicht von mir mitbekommen. Nach sieben Tagen ohne Coffein lache ich auch wieder. Vorsichtig. Die Kopfschmerzen sind fast weg. Ich habe, wie schon im Sommer geplant, die erste Erkrankung des Herbstes genutzt, das krankheitsbedingte Kopfweh zum obligaten Entzugskopfschmerz zu addieren und alles in einem Aufwasch zu erledigen. Die von meinem physiotherapeutisch begabten Sohn empfohlene Lymphdrainage direkt am Kopf und ein Akkupressurpunkt haben dieses Mal geholfen. Fürs Schwören ist es noch zu früh. Aber vielleicht habe ich es jetzt doch kapiert, was zu viel Kaffee mit mir macht. Die Dosis – und so weiter und so fort.

Ich muss einmal mehr in diesem Leben sagen, ich spüre es, wenn ich Kaffee nicht regelmäßig trinke. Mein Umgebung spürt es. Ich bin nach dem körperlichen Entzug entspannter. Lebe mein Leben wieder in meinem Tempo. Bin nicht so – fremdbestimmt? Erstaunlicherweise kommt es mir dieses Mal so vor, als wäre mein Geschmackssinn verfeinert. Also ist auch Kaffee ein Teil meines Sündenbockthemas, an dem ich gerade arbeite. An dem ich seit drei Jahren arbeite. Mir hat sich der Sinn des Sündenbockes nie so recht erschlossen. Was möglicherweise eine Form meines Widerstandes gegen meine eigenen Schattenthemen ist.

Der Sündenbock ist eine Transformationsfigur aus dem „The Healing Doll Way“-Buch der von mir sehr geschätzten amerikanischen Künstlerin Barb Kobe. Bis zu diesen zwei Jahren mit einem Virus, der die Menschheit auf diesem Planeten erschüttert, kann ich mit dem Gefühl, ein Sündenbock zu sein, wenig anfangen. Nun weiß ich mehr darüber. Wir wurden nicht gefragt. Sondern von erschreckend vielen Menschen in einen Topf mit all den anderen, höchst individuellen Skeptikerinnen und Skeptikern geschmissen, kräftig durchgerührt und – in dieser undefinierbaren Masse zum Sündenbock erklärt. Die da. Die alle. Objektivierung nennt das Gerald Hüther. Und Verlust von Würde. Erst mit dieser Erfahrung wird mir klar, wie leicht es ist, anonyme Personengruppen zum Sündenbock zu erklären. „Die“ und „alle“ sind leicht zum Sündenbock zu machen. Die sind schuld. Und ich bin wegen ihnen handlungsunfähig. „Die da“ verhindern, dass ich eigentlich ein guter Mensch sein würde. Wenn sie mich ließen.

Es gibt und gab in meinem Leben schon immer einen Sündenbock, den ich für fast alles verantwortlich mache, das mir nicht gelingt. Und das ist das von meist männlichen Menschen erschaffene und so definierte Patriarchale System und seine Mechanismen. Es schließt das sogenannte Weibliche noch immer stark aus. Ich schaue es mir als Mensch mit einem weiblichen Körper und weiblicher Sozialisation ein weiteres Mal in diesem Leben intensiver an. Bestimmt nicht zum ersten Mal. Aber nun als Künstlerin. Vielleicht tappe ich auch in die Falle des Objektivierens. Vielleicht auch nicht. Wir werden sehen. Es bedeutet auf alle Fälle, dass ich seit Wochen zu diesem Thema und zum Thema Feminismus schreibe, reflektiere, zeichne. Mich informiere, recherchiere und mit anderen darüber spreche. In einer Theatergruppe habe ich die großartige Gelegenheit, auch meinen Körper und seine Erinnerungen in die Thematik mit einzubeziehen. Es wird für mich Zeit, aufzustehen, Farbe zu bekennen und zu sprechen. Eine Sündenbockfigur könnte helfen, all das sichtbar zu machen, was sich unbewusst in mir angesammelt hat. Wenn ich all den Groll, all das Unterdrückte, das gar nicht mehr Spürbare anfertige, annähe, zuerst einmal für mich sichtbar mache. An diesem Wesen. Durch dieses Wesen. Und im geschützten Raum meiner Werkstatt. Da gärt Einiges in mir vor sich hin. Ich fürchte mich ein bisschen, schlafende Hunde zu wecken. So eine Figur könnte allerdings hilfreich sein, mir ein paar Themen bewusster zu machen. Mit Abstand. Dann bin ich nicht das Gefühl, sondern ich sehe meinen künstlerischen Ausdruck dafür an meinem archetypischen Sündenbock. Das ist der Plan. Ich bezweifle bei meinem Herzklopfen stark, dass es bei dieser einen Figur bleibt.

Meine erste Patriarchats-Figur zum Sündenbockthema wird ein äußerst farbenprächtiges Buchstabenwesen. Buchstabenwesen sind neu für mich. Derzeit besticke ich die einzelnen Stoffbuchstaben mit vielen, vielen weiblichen Symbolen. Das tut mir gut, das tut der Enge in mir gut, wenn ich über das Thema nachdenke und mit meinem ganzen Sein hin spüre. Beim Sticken habe ich das Gefühl, es ist alles viel zu schön, zu brav, zu nett. Also bearbeite ich das textile Material mit Holzwerkzeug, reibe, schlage, beschädige die Oberfläche. Wie gut, dass es nur textile Buchstaben sind. Ich flicke sie wieder. Reparaturstickerei, um den Schaden zu minimieren. Höre, sehe und lese ich die schrecklichen Nachrichten aus den Kriegsgebieten der Ukraine und dem Gazastreifen in Israel, dann spüre ich mehrmals täglich Nadeleinstiche in der Herzgegend. Mir ist es überhaupt nicht egal, wie es meinen Schwestern und Brüdern und ihren Kindern während sinnloser Kriegshandlungen wortloser und machtprotzender Männer auf diesem Planeten geht. So wird das nichts mit dem Frieden. Auch das wird in den Entstehungsprozess einfließen. In meinen Gedanken schlängeln sich grüne Pflanzenarme um diese Sündenbock-Figur, die entsteht. Auch das hat seinen tieferen Sinn. Der Weg ist das Ziel.

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7 Einträge zu „Kalter Kaffeeentzug und Ein erster Sündenbock

  • Wow, liebe Lisa, dein Blog hat bei mir gesessen, und ich habe den Titel für mich erweitert auf: kalter Kaffeeentzug und ein erster Sündenbock mit mir, sein Opfer. Danke für deine, mich bewegenden Worte 😘.
    Herzliche Grüße Roswitha

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  • Wie spannend, liebe Lisa, auch ich habe das Kranksein diese Woche genutzt, um mich von meiner Kaffeesucht zu befreien. Es lebe die neue Freiheit. Alles Liebe dir Romy

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    • ja wunderbar Romy, dann sind wir also mindestens zwei! nein drei, eine Freundin am Berg hat auch gerade aufgehört, Kaffee zu trinken. es lebe die Freiheit, jawohl! du hast auch von Kopfschmerzen geschrieben, gell? meine kranken Männer haben diese Woche Kopfschmerzen, allerdings nicht die von der Sorte Migräne. und denen geht es auch täglich besser. das war eine eigenartige Krankenwelle… und jetzt geht es los in einen schönen Herbst. Herzensgrüße, Lisa

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