Der späte Sommer und ein Tabuthema

Winterhose. Winterpullover. Dicke Socken und jede Menge Taschentücher zum Schnäuzen. Ende August 2023. Planet Erde, Europa, Südösterreich.

Vor drei Tagen sitze ich hier mit feuchtem, kühlenden Waschlappen. Den spanischen Fächer griffbereit. Und um Worte ringend, weil mir die Hitze zu Kopf steigt und nichts Intelligentes sich formt. Und jetzt, zwanzig Grad kühler, passt es mir auch nicht. Ist aber erträglicher. Vor allem mit der Aussicht auf einen kommenden Altweibersommer in ein paar Tagen. Gemäßigten Temperaturen. Und dem Herbstbeginn.

Viele haben es in meinem Leben gut mit mir gemeint. Wirklich helfen konnten mir die Wenigsten. Ich rede hier so leicht über mein Leben als Künstlerin. Da wären als Kind schon Chancen gewesen, diesen Weg einzuschlagen. Halbherzig. Unwissend, wie und wo. Und als Jugendliche und Erwachsene letztendlich zu feige und zu beschäftigt, um die Sache mit der Künstlerin in mir anzugehen.

Nun sind da Blockaden wie „Zu alt“ oder „Zu spät“ oder „Im nächsten Leben“, die mir manchmal die Suppe versalzen. Und es ist gerade mein Alter, das mich dranbleiben lässt. Plötzlich sitze ich vorm PC und schaue dir nicht bei deinen Reels zu, wie du dein Leben liebst und meisterst, sondern lerne ganz viel über Typografie. Über Kompositionen von Portfolios. Ich führe ein digitales Tagebuch über Ideen zu Konzeptprojekten und über schon fertige Projekte, die in die Welt sollen.

Ausgelöst hat das Marie van Piepen. Meine schlitzohrige Geldwäscherin, die augenfunkelnd und Visionen ausheckend alte Geldscheine wäscht und in die trocknende Sonne hängt und sie dann bügelt. Mit dem Tabuthema „Geld“ bin ich noch lange nicht fertig. Marie hat Schwestern und Brüder, die nur darauf warten, das Licht der Welt zu erblicken.

Ich schaue auf mein Bankkonto. Und weiß eh, was mich erwartet. Der Tidenhub ist gewaltig in diesen Spätsommertagen. Ganz normal. Ganz logisch nach dieser zweimonatigen, plötzlichen und so nötigen Auszeit. Und ein Grund, ausgeruht und erfrischt wieder loszulegen.

Business ist auch ein Teil meines Lebens. Ich habe ganz sicher den Vorteil, dass mir das Meiste an meiner Berufung tiefe Freude macht. Dinge rund um Zahlen, die mir Schwierigkeiten bereiten, sind schon zu erledigen. Aber – ich kann das Nicht-so-sehr-Geliebte gut kompensieren, wenn ich mich danach im Atelier belohne, eine Wanderung inklusive Filmen und Fotografieren mache oder auf meiner Terrasse vorm Zirkuswagen sitze und mein Hirn ausruhe.

Die Tür zum Verein „Brücken Werke“ und seinem Ladenlokal in Villach habe ich nach einem Jahr hinter mir geschlossen. Ich weiß aus dieser Erfahrung ein Stück besser, was zu mir passt und was nicht. Und in welche Richtung ich weiter gehe. Und wie. Speziell meine praktischen Erfahrungen rund um die Funktion unseres Gehirns, die der Neurowissenschaftler und wunderbare Mensch Gerald Hüther so gut beschreibt, haben einen Weg geebnet, weitere künstlerische Absichten, Wünsche und Visionen für mein Leben zu formulieren und an erste Stelle zu stellen. Endlos Zeit habe ich nicht. In meinem Alter schon gar nicht.

Business und Künstlerin sein, geht das? Wie passt das zusammen, das Logische, die Schritte – und das Lebendige, das Kreative? Was kann ich selbst nach 57 Lebensjahren schon gut genug, was frische ich besser noch ein bisschen auf, was lerne ich von Grund auf neu und was lagere ich aus? Und – bleibt meine Kreativität, meine Liebe zum künstlerischen Tun, dabei auf der Strecke oder tut eine Struktur gut, damit sie fix in meinen Tages-, Wochen- und Monatsablauf integriert ist?

Plötzlich geht es wieder, dass ich morgens schreibe und arbeite. Und nicht am iPhone hänge. Diese digitale Welt frisst unnötig viel meiner Zeit. Also ist sie auf ein Minimum reduziert. Ich halte mit Freundinnen und Freunden lieber wieder persönlich Verbindung. Verbindung auf Augenhöhe, die unsere Herzen berührt. Ich plane meinen Tag derzeit sehr klar und bin immer wieder dankbar, dass ich mir diese abscheulich logische Planung für praktische Aktivitäten herholen und mich daran orientieren kann. Es gibt kleine, sichtbare Fortschritte, an die ich vor zwei Wochen noch nicht geglaubt habe. Hirn und Herz und das Leben tun die Arbeit, die sie tun sollen. Das Feld fürs Gelingen der Absicht ist bereit, die Saat kann aufgehen.

Marie van Piepen steht leise lächelnd vor mir, während ich das hier in die Tasten klopfe. Wenn alle Stricke reißen, sagt sie, hätte sie ja einen Plan B. Sie erinnert mich daran, dass ich mich an Galerien wenden soll. Dass ich meine Zielgruppen definiere, an weiteren Personas feile und sie nebenbei ein bisschen besser herausstellen soll. Während sie tänzelnd die gewaschenen Geldscheine an der Wäscheleine in die Sonne hängt, sieht sie schon, wie sich Menschen in ganz anderen Sprachen Ausdrücke von Entzücken über ihr mutiges Wesen zurufen. Sie gerne adoptieren würden. Sie, allein auf einem Sockel. Ganz ohne all die anderen Wesen, mit denen sie sich derzeit den Platz in meinem Atelier teilen muss.

Danke liebe Menschen, mit denen ich mich in den letzten Wochen übers Geld, übers Geschäft und über die Kunst austauschen konnte. Die, die es betrifft, wissen Bescheid und füllen eine Leere in meinem Herzen. Und ja, lasst uns das öfter machen! Lasst uns Verbindung herstellen, uns gegenseitig unterstützen. Netze weben, die uns weiterhelfen. Gerade wir Frauen, wir können das! Gemeinschaft ist nicht nur, miteinander an einem örtlichen Platz zu wohnen. Gemeinschaft ist die gegenseitige Unterstützung, das Sichtbarwerden von verdrängten Themen, zu sein, wie mensch ist. Und uns gegenseitig dabei unterstützen, den nächsten Schritt zu wagen.

Ich schenke dir hier einen klitzekleinen Einblick in mein Leben in der Villacher Lederergasse, der sich „Walk of Art“ nennt und der ein bisschen repräsentiert, wie ich mir Wirtschaften und Miteinander vorstelle. Abseits von Konkurrenz, Neid und Missgunst. Danke Christine Mirnig für dein Dranbleiben an einem Projekt, das du dir ausgedacht hast. Wie sehr ich dir und uns wünsche, dass es nächstes Jahr mindestens die ganze Innenstadt und vielleicht sogar den Alpe-Adria-Raum mit einbezieht. Das Potential hätte es. Es waren viel mehr aktive Künstlerinnen und Künstler da, als ich dir hier zeigen kann. So sorry! Es ist nicht möglich, selbst vor Ort zu sein und auch noch zu filmen und zu fotografieren. Ich lerne und lerne…

Ich freue mich sehr, wenn du meinem Blog hier folgst!


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