FRANZI

Franzi ist nach ihrem Aufenthalt im Klagenfurter Gemeinwohlladen wochenlang im Studio um mich herumgeschlichen. Hat um eine Osterhasenmütze gebettelt. Das musste sie. Es war einfach sowas von nicht auf meinem Plan. Aber nun gut, ihr kennt das ja schon. Der Mensch denkt. Die Puppe lenkt. Franzi kann ausnahmsweise sitzen. Ansonsten fällt sie in die Kategorie der einfachen Stoffpuppen. Wer ihr tief in die grünen Augen schaut sieht, dass sie nicht einfach ist. Sie ist liebenswürdig. Aber nicht einfach.

Osterbunny FRANZI
Handliche Stoffpuppe aus Naturmaterialien, handgemacht, eigenes Design

geboren am 10.1.2020 in Stoberdorf/Österreich

Preis € 225,–
ohne Deko, exklusive Versandkosten

Vorauskasse, Kontodaten werden auf e-mail Anfrage zugesendet, nach Bezahlung wird die Puppe versandfertig gemacht und zugeschickt

MIRA

Mira ist eines der Wesen, das mich seit einem halben Jahr zu Kursen begleitete und vielen zukünftigen Puppenmacherinnen zeigte, wie so einer Zauberwesen aussehen kann. Sie trägt einen Pullover in meinen absoluten Lieblingsfarben, den Farben der dreifärbigen Bougainvillea und ist überhaupt ein Sonnenschein.

Mira

Handliche Stoffpuppe aus Naturmaterialien, handgemacht, eigenes Design
geboren am 27. September 2019 in Stoberdorf/Österreich

Preis € 195,–
exklusive Versandkosten

Vorauskasse, Kontodaten werden auf e-mail Anfrage zugesendet, nach Bezahlung wird die Puppe versandfertig gemacht und zugeschickt

Jarah

Nachlesen über Jarah auf meinem Blog


Jarah

Handliche Stoffpuppe aus Naturmaterialien, handgemacht, eigenes Design
geboren am 18. März 2019 in Stoberdorf/Österreich

Preis € 195,–
exklusive Versandkosten
Vorauskasse, Kontodaten werden auf e-mail Anfrage zugesendet, nach Bezahlung wird die Puppe versandfertig gemacht und zugeschickt

Allegra

Hier auf meinem Blog kannst du über Allegra nachlesen!

Allegra
Handliche Stoffpuppe aus Naturmaterialien, handgemacht, eigenes Design
geboren am 9. März 2019 in Stoberdorf/Österreich

Preis € 195,–
exklusive Versandkosten
Vorauskasse, Kontodaten werden auf e-mail Anfrage zugesendet, nach Bezahlung wird die Stoffpuppe versandfertig gemacht und zugeschickt.



FINN ist wieder da!

Finn hat ganz rasch ein neues Zuhause gefunden!
Finn has found a new home, he is no longer available!

FINN hat seine Zeit im Klagenfurter Deins-und-meins-Shop sehr genossen. Da kam ein kleiner Kronenvirus. Und er wollte heim. Flott und sapperlott. Er vermisst Minnie, seine Katzenfreundin. Das hat er mir schon im Auto erzählt. Und noch Einiges mehr. Jetzt darf er sich mal ein Wochenende lang ausruhen. Und dann schauen wir weiter. Seine Freundin Greta war heute ganz traurig, dass er sie verlässt. Die beiden haben sich gut unterhalten in der lichtdurchfluteten Auslage. Aber Greta verlässt ihr neues Zuhause nicht mehr, sie fühlt sich wohl bei Ingun und den Damen ihres Teams.

Hier ist noch mal FINN’s Geburtstsgeschichte aus dem Nicht-Winter dieses Jahres 2020.

Und ja, natürlich – FINN freut sich auf ein neues Zuhause. Ab Montag. Wie gesagt, ich will ihn jetzt mal ordentlich drücken und ein Weilchen um mich haben. Bis ich es geschafft habe, hier als Laie übers Wochenende einen Webshop auf die Beine zu stellen, bitte einfach direkt bei mir melden!

Innere Stimmen und das Jetzt

Es geht mir gut. Innen drinnen. Unten drunter. Innen ist Klarheit, ist Ruhe. Weite und Zuversicht. Lust am Leben und Lust am Tun. Und zugleich erlebe ich mich im Alltag, vorm Einschlafen, beim Aufwachen wie ein aufgescheuchtes Hendel, dass von Nachrichten bezüglich Pandemien, Menschen auf der Flucht, vom Entsetzen vor sexistischen und zutiefst frauenverachtenden Texten im Rudel mit anderen Aufgescheuchten flattert und zittert und zwischendurch emotional vollkommen ausklinkt. Von diversen Existenzängsten und den üblichen Selbstsabotagewesen, die latent auf Futtersuche sind, einmal ganz zu schweigen. Die bringen mich in diesen Tagen eher zum Lachen. Ich habe vor ein paar Tagen so geweint wie schon lange nicht mehr. Das Fass zum Überlaufen brachten Bilder von flüchtenden Menschen, Frauen, Männern, Kindern an der griechischen Grenze. Vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben habe ich angesichts dieser Bilder das Gefühl gespürt, dass es irgendwann reicht, dieses Erdenleben. Dass es auch für mich vorstellbar wird, dass er kommt. Dieser Zeitpunkt. Dieser Zeitpunkt zu sagen: „Danke, es genügt mir dann. Danke für all die Erfahrungen. Wir entwickeln uns als Menschheit nicht weiter. Ich kann keinen nachhaltigen Beitrag leisten, der wirklich etwas verändert. Ich bin müde. Ich fühle mich vollkommen hilflos. Mir tut alles weh vor Mitgefühl, und ja, all ihr Coaches und Mentoren, ich leide mit! Ich spüre den Schmerz meiner Schwestern und Brüder. Und ich mag nicht mehr.“

Was mir hilft? Ausweinen. Einen Tag lang. Oder länger, wenn es nötig sein sollte. Meiner erwachsenen Tochter zuhören, die mir am Telefon all die Sachen sagt, die ich ihr sagen würde, wenn sie zusammen bricht. Bloß nichts zurückhalten von all dem Schmerz. Spüren, bis in die letzte Zelle. Die Ohnmacht, die Wut, die Hoffnung und die Liebe für alles, was auf diesem Planeten leben will. Ich packe die Gleichgültigkeit nicht mehr. Die Selbstverliebtheit, die in unseren Wohlstands-Breiten epidemieartig um sich greift. Statt den Nächsten zu lieben wie uns selbst lieben manche Menschen nur sich selbst. Yeah, gut haben wir das gelernt in all den gutgemeinten Selbsthilfe- und Selbstliebekursen. Narzissmus an den Hebeln der Macht. Und mitten unter uns. Wir zerstören den nächsten, verbal und wirtschaftlich, bevor er uns etwas weg nimmt. Mir einzugestehen, ja genau, ich kann gerade überhaupt nichts tun. Ich, die Macherin, die Anpackerin und Voraus-Rennerin. Ich wirke nur in meinem direkten, kleinen Umfeld. Und bin nicht immer sicher, dass es gut ist, was ich tue. Auch ich mache Fehler. Schätze Dinge falsch ein. Ich „faste“ social media in diesen Tagen. Freiwillig, ohne große Ankündigung. Zwei Drittel der Kommentare dort machen mich unglücklich und ich bin der Argumentationen so müde, in denen es nur darum geht, Recht zu bekommen. Das schlagkräftigere Argument zu haben. Den anderen zu vernichten. Oder es besser zu wissen und ihm einen weiteren Selbsthilfekurs aufzudrängen. Nein. Danke.

Es hilft mir, mich auf meine klare innere Stimme, auf meinen inneren Ruf auszurichten. Ich bin Künstlerin. Ich bin so zur Welt gekommen und ich habe das sehr lange sehr erfolgreich überhört. In meiner Fantasie entstehen lebensgroße Wesen und Texte, die all das ausdrücken, was ich derzeit empfinde. Einiges wird das Licht dieser Welt erblicken. Da sind tragische und anklagende Wesen dabei. Aber auch humorvolle und augenzwinkernde. Sie und ich, wir beschäftigen uns mit dem, was hinter dem Alltäglichen schwer fassbar und oft unsichtbar ist. Und wie so oft im Leben, wenn mensch auf seine innere Stimme hört, so geschieht es auch jetzt. Eines fügt sich zum anderen. Eine Einladung zur Kunstausstellung hier. Ein Angebot für kostbarstes textiles Material dort. Tiefgehende Gespräche mit Menschen, ihre andere Sicht auf das Leben, die meine Batterien aufladen und meine Fantasie wieder bunter machen. Und Kinder. Volksschulkinder, die Träume haben für ihr Leben in einer Stadt. Für das, was sie mitgestalten wollen. Für ein Leben, das sie hier leben möchten. Und die Erkenntnis, wie dankbar ich sein kann, dass ich lebe, wie ich lebe. Dass ich eine Wahl habe. Dass ich sagen kann, was ich denke. Und sogar die Möglichkeit habe, anderen Menschen zu helfen, wenn sie um Hilfe bitten. Nicht weil ich muss. Sondern weil es möglich ist.

Wie ihr im Titelbild sehen könnt, helfen mir auch „unsere“ gefiederten Freunde, die die neue Futterstation vor meinem Atelierfenster fast zweitäglich leeren. So viele verschiedene Meisenarten. Die lärmenden Spatzenschwärme, die zwar für Aufregung sorgen aber irgendwie nicht ans Futter heran gelassen werden. Außer im Rudel. Ein wunderschönes Kleiberpärchen, das sich artgerecht von oben rennend Futter holt, während sich unten die pickenden Horden auf die zarten Krallen treten. Es ist laut da draußen. Und abends vorm Schlafengehen bekomme ich wunderbare Ständchen zu hören. Das Leben geht weiter. So lange es dauert. Und es ist nicht immer nur schön und positiv und rosarot. Sondern verwirrend und schmerzhaft zugleich. Rollercoaster. Ich weiß das. Ich lebe schon fünf Jahrzehnte und ein paar Jahre mitten unter euch.

Die Bienen und die Kinder

Noch ist es draußen kalt und feucht. Der Graupelschauer hat schöne Punktmuster auf den Asphalt gezeichnet. Die Sonne beginnt zu wärmen. Leute, der Frühling ist schon so nahe. Drinnen summt es wie in einem Bienenstock. Große Fenster lassen viel Tageslicht in die Gänge und Klassen. Schöne Farben, Holz, das übliche Sammelsurium von Winterjacken, Stiefeln und Handschuhen. Vor sieben Jahren ist die Schule hierher gesiedelt. „Wir haben ein Hochbeet gebaut“, erzählt mir eine Pädagogin des Friesacher Schulzentrums. Ich sehe einen großen Rosmarinstrauch, das Hochbeet aus Palettenholz. Ein Insektenhotel, das an der Wand der Mittelschule lehnt. Eines, das in das Hochbeet des Volksschulmodells integriert ist. Ein paar Sträucher, Bäume. Viel Gras. Viele Steine. Die Schuldirektorin erzählt mir von Gartenmodellen, die Kinder vor Jahren entwickelt haben, um ihren Schulgarten lebendiger zu gestalten. Von einer Studentin, deren gute Ideen zwar gut geheißen. Aber nie umgesetzt wurden. Ich speichere alle Infos vorsorglich in meinem Gedächtnis. Hier sind wir mit unseren Ideen willkommen.

„Ist das die Sumsi?“ „Nein, das ist doch die Maja!“ „Aber geh, das ist der Willi!“ Ich sitze in einer lebendigen, aufgeregten Kinderschar von Acht- und Neunjährigen. Wir diskutieren, ob Bienen Nester bauen wie die Wespen. Ob beim Puppentheater Schauspieler sichtbar sind oder sich verstecken müssen. Ob Musik und Tanz dazu gehört. Oder nicht. Ich höre viele Geschichten von Bienen- und Wespenstichen. Und dass sie, die Bienen, „das Gelbe aus den Blumen holen“. Tja, lieber Egon. Nächste Woche bist du als Bienenexperte für Wildbienen dran, dir von uns allen Löcher in den Bauch fragen zu lassen. Und vielleicht finden wir auch einen Bienennamen, der zu unserer (Wild)Biene an meiner Hand passt.

Und wisst ihr was? Ich bin glücklich. Das ist genau mein Element. Wie ich es liebe, mit diesen neugierigen, interessierten Wesen zu arbeiten. Voller Vertrauen gehen sie in die Übungen, die ich heuer aus dem tollen Handbuch „Spiel- und Theater Grundschule“ des Schulverlags Hamburg aussuche. Wieder so ein Glücksfund im Internet! Wir erleben heute Kinder in der vierten und fünften Schulstunde, die einander kaum ausreden lassen vor lauter Begeisterung. „Ich weiß was, ich weiß was!“ pulsiert durch das kindliche Lernsystem. Und das will geteilt werden, und zwar flott. Junge Leute, die schon so viel wissen, selbst wenn Zusammenhänge noch nicht erforscht sind. Kinder wollen nur eines – dazu lernen, ihr Wissen weitergeben. Das ist natürlich in ihnen angelegt. Dieses Bedürfnis, diese Welt zu verstehen, dazu zu gehören. Sich als sinnvollen, erwünschten Teil dieser Welt zu verstehen. Ich werde nie kapieren, warum ihnen Erwachsene diese Kompetenz des Wollens absprechen. In diesem Alter ist sie spürbar noch da.

Wir werden sehen, welche Puppen an Stäben, an Händen oder vor uns her getragen wir heuer entwickeln. Welche Geschichten die Kinder zu erzählen haben. Ich bin einfach dankbar, dass ich hier wieder auftanken und selbst Mensch sein darf. Und dass ich die Kinder mit meiner eigenen Begeisterung anstecke, das Beste aus sich herauszuholen. Onwards!

Alleinunterhalter Finn und der Nichtwinter

Finn ist nach dem erstaunlich langen Hin und Her der letzten Tage reisefertig. Kein Wunder, muss er doch mit meiner Enkelin telefonieren. Unfassbar, wen Finn zum Reden bringt. Meine Tochter bekommt immer wieder den Auftrag: „Oma anrufen!“ Wenn ich am Bildschirm erscheine, ist die Sache für meine Enkelin ehrlich gesagt erledigt. Sie wartet. Ich rede. Sie schweigt. Ganz anders ist es dieses Mal, als ich mir Finn auf die Knie setze und in die Kamera Bussis hinein schmeißen und andere Faxen machen lasse. Jana spricht! Und zwar geschlagene fünfzehn Minuten. Die beiden unterhalten sich über Mama’s Kopfhörer, singen sich ein Lied vor. Als Finn kurz auszuckt, weil er auch unbedingt mit Jana schaukeln will, wird er eingeladen: „Komm, hier ist noch Platz!“, sagt die Zweieinhalbjährige und rutscht auf ihrer Marienkäferschaukel nach vor. Ich führe Finn’s Hände, bin ständig im Bild – aber Jana spricht mit diesem Wesen! Es ist so unglaublich, wie Menschen auf diese Geschöpfe reagieren. Und ich freue mich schon so auf alles, was wir heuer in dieser Richtung vorhaben…

Finn und die Handküsschen

Vorerst wandert Finn einmal in den Klagenfurter Gemeinwohlladen zu Ingun und ihrem genialen Team. So schön zu erleben, wie meine Wesen dort willkommen geheißen und wertgeschätzt werden. Da streicht ihnen mal wer über den Kopf. Werden sie herum getragen und her gezeigt. An ihm gibt’s schon ein paar Sachen zu bestaunen. Die extra coolen gestreiften Schuhsohlen beispielsweise, Ton in Ton mit dem handgestrickten Pullover. Die spitzen Elfenohren, seine voll beweglichen Arme und Beine. Und den Blumenstrauß, den er direkt für den heurigen Valentinstag mitbringt. Mal sehen, wer ihn bekommt!

Finn und Minnie

Bevor ich meine Wesen ziehen lasse, müssen sie mit mir eines oder mehrere Shootings absolvieren. Finn brauchte insgesamt drei. Eines im Abendlicht, noch ganz ohne Beinkleidung. Ein absolut lustiges mit unserer interessierten Katze. Die sich nicht immer sicher ist, ob Finn ernst zu nehmen, ein Feind oder was ganz Anderes sei. Jedenfalls untersucht sie ihn genauestens, als sie meint, niemand würde es sehen.

Finn und der Kunstschnee

Und heute löse ich mein Schneeversprechen ein. Müßig zu erzählen, dass der für vergangenen Samstag prognostizierte Schneefall nicht ausreicht, Finn in heftigem Schneetreiben abzulichten. Es fällt ungefähr eine Flocke alle zwei Minuten. So helfen wir heute nach. Mit Kunstschnee. Angeblich garantiert abbaubar. Finn ist glücklich. Endlich eine Art Schneeball in den beweglichen Fingern. Endlich pulverleichte Flocken. Und endlich auch wieder eine Katze. Die sich mit Begeisterung auf meinen Aufheller legt. Sie lässt es sich auch heute nicht nehmen, durchs Foto zu spazieren, wie es ihr gefällt. Möglicherweise hat sie den smarten Kerl ins Herz geschlossen.

Finn und sein Sonnenyoga

Künstliche Schneeflocken rieseln wunderbar. Und dann, dann kleben sie. Sie fühlen sich wie Maiswaffeln an. Und verbinden sich innig mit Mohairhaaren, Strickpullovern und gewalkten Hosen. Abschütteln. Niente. Abstreifen. Nada. Ich rücke ihnen mit einer Katzenbürste an den Flockenleib. Ein paar kleben nun zwischen den feinen Borsten. Ein paar wandern rüber auf meine Kleidung und feiern dort ihr neues Daheim. Ein bisschen ratlos wandern wir zurück ins Atelier. Wir glitzern und funkeln. Die Katze staunt.

Drinnen fällt mir ein, ha, Staubsauger. Und der hilft uns endlich. Ich bekomme fast alle Flocken von uns beiden runter. Auch von der Kamera. Von der Linse und dem Gehäuse. Wir sind wieder im Frühling angekommen.

Es ist nie zu spät, neu anzufangen

Ich leihe mir diesen Titel bei der von mir so geschätzen Julia Cameron. Mit der Empfehlung, dieses Buch bei Bedarf in der lokalen Buchhandlung deines Vertrauens anzuschauen und zu kaufen. Nein, keine Werbung. Empfehlung aus praktischer Erfahrung. Mir haben Morgenseiten, Künstlertreffs und das Aufraffen zum Gehen in meinem Leben immer weiter geholfen.

Seit Wochen staune ich selbst über mich, dass ich diesen oder einen ähnlichen Satz in mir herumtrage: „Zu spät für mich. Hätte ich das vor 30 Jahren gehört, gewusst, ausprobiert, dann hätte das Sinn gemacht. Jetzt ist es zu spät!“ Ich ahne, dass mein Kopf sich dabei leicht zur Seite neigt, ich im Gespräch gekonnt diesen leicht frustrierten Ausdruck in die Augen bringe, den ich in meiner Opferrolle perfektioniert habe. Und dass ich damit meiner Umgebung noch mehr auf den Wecker gehe als mir selber. Die Umstände. Die Menschen. Alles hat mich davon abgehalten, damals einen Weg zu gehen. Und jetzt. Ist es halt zu spät. Riesenseufzer. Wie arm ich bin.

Bullshit! sagt meine Freundin Stefanie, wenn es ihr reicht. Und hier passt dieser Ausdruck so richtig gut. Was für ein riesiger Scheibendreckkleister! Hätte ich vor 30 Jahren auf mich gehört, dann hätte ich – vielleicht, unter Umständen, eventuell – eine Karriere als Künstlerin, als Psychotherapeutin oder als Sozialarbeiterin mit Studium und Abschluss angepeilt. Das weiß ich aber erst, weil ich seit drei Jahren nicht denke, dass ich etwas Bestimmtes tun sollte. Sondern meinem Herzklopfen nachgebe und genau das tue, was mir von innen sehr ruhig und klar angesagt wird. Nicht umsonst schenke ich (!) meinem Allerliebsten zu Weihnachten ein Buch. Für Menschen in der Pension. Damit sie die neue Freiheit ihrer Zeit kreativ zu nutzen, falls bisher dafür kein Platz war. Und eben auch mit dieser Frage: „Wenn es nicht zu spät wäre, würde ich …. “ Mich reizt es derzeit überhaupt nicht, meine Biografie zu schreiben. Und – es reizt mich, Neues auszuprobieren. Selbst wenn es zu spät ist.

Und ja! Für eine herkömmliche und wirtschaftlich erfolgreich Unternehmer*innenkarriere ist es möglicherweise zu spät. Ich schließe keine Überraschung aus. Aber für mich, für mich als Mensch, ist es niemals zu spät. Mir steht diese Zeitspanne zwischen meiner Geburt und meiner Geburt in was Unbekanntes in einer relativ gesicherten Umgebung eines ziemlich demokratischen Landes zur Verfügung. Ich lerne ständig dazu. Entwickle mich lebenslang weiter. Kann auf Erfahrungen zurück greifen, die ich vor 30 Jahren nicht hatte. Die mich damals ängstigten und blockierten. Weiß, dass Krisen riesengroße Chancen in sich tragen, wenn mensch durchhält und sich den Herausforderungen stellt. Dass das Leben liebevoll mit uns umgeht. Dass sich Türen sehr oft zurecht schließen und andere dafür aufgehen. Meine Coachin sitzt da drüben beim Wasserspender und verdreht lachend die Augen. „Hat sie endlich wieder einen Mikroschritt kapiert? Was für Geschütze ich immer auffahren muss, damit sie wütend wird und sich einfach traut?“ Danke du mein wundervolles Alter Ego. Du erzeugst nach wie vor Heiterkeitsausbrüche in mir.

Danke all jenen, die mir in den letzten Tagen und genau genommen Monaten Tipps und Hinweise in die richtige Richtung gegeben haben. Herausforderung angenommen, ich beschäftige mich aktiv mit Handpuppen! Auf mich rollt gerade eine kleine Bücherlawine zu. Recht passend rund um meinen Geburtstag und für jene, die unrund werden, weil sie nicht wissen, womit sie mir an diesem Tag eine Freude machen könnten. Und unserem jüngsten Familienmitglied danke ich, dessen aktuelle Bedürfnisse mich reizen, diesen zusätzlichen Weg rund um Stoffpuppen und Wesen anzugehen, der meine ohnehin geliebte Arbeit ergänzen wird. Wie so oft sind es in meinem Leben mir anvertraute Kinder, die als große Lehrer*innen daher kommen und Veränderungen und Paradigmenwechsel einleiten.

Der Frühling und sein Anklopfen

Finn begleitet mich seit den Weihnachtsfeiertagen. Krank und gesund. Also ich, ich bin krank. Er ist schüchtern, aber kerngesund. Die Kopfgrippe, die zwischen meiner Lunge und den Stirnhöhlen hin- und herwandert und zwischendurch sogar die Zähne in die Mangel nimmt, sie ist ausdauernd. Genau genommen macht mich die Arbeit an ihm und mit ihm gesund.

Irgendwann nach dem Vierzundzwanzigsten ist es mir zu viel, herumzusitzen und meiner bezaubernden Enkelin und ihrer Mama, meiner Tochter, und Sami beim Spielen zuzuschauen. Heuer schaffen wir es, dass wir alle mehr oder weniger fiebrig herumsitzen und Weihnachten bis Silvester verlängern. Ein russisches Tutorial fesselt mich zu diesem Zeitpunkt besonders. Ich verstehe kein Wort. Bin aber mittlerweile so tief in den Prozess des Machens eingedrungen, dass ich mir die Handgriffe selbst erklären kann. Jedenfalls genügend, um selbst auszuprobieren, was ich russisch besprochen sehe. Habe ich schon mal gesagt, dass die russischen Puppenmacher*innen ein Traum sind? Jana, das ist die Enkelin, erklärt mir beim Filzen und Sticheln, dass ich den Mond mache. Wie recht sie hat. Sie staunt, als ich einen meiner nicht mehr ganz sooo passenden Bikinis zerschneide und zu einem Kopf zusammen nähe. Tja, Upcycling beziehungsweise ReUse as usual, ich brauche mich nur durch meine japanisch sortierten Kisten zu wühlen. Jana schaut sich den Kopf ganz genau an, von allen Seiten. Ganz, ganz leise regt sich in mir die Hoffnung, dass sie dieses Interesse beibehalten wird. Ich hätte ihr so viel zu zeigen, sobald sie es ausprobieren will…

Finn ist sehr geduldig mit mir. Ich langweile euch jetzt nicht mit handwerklichen Details. Nur so viel, dass ich euch verrate, dass an ihm fast alles anders und neu ist. Und dass er der Auslöser ist, mich noch mehr ins Filzen zu vertiefen. Es liegt mir einfach mehr, nur mit Wolle zu arbeiten. Ganz ohne Stoffüberzug. Sage ich jetzt einfach mal so. Das ändert sich eh wieder. Ich kenne mich.

Heute Morgen jedenfalls fordert er mich auf, mit ihm die erste Fotorunde im Garten zu drehen. Wir staunen beide, wie warm es ist. Wir sehr der Frühling schon darauf wartet, zu explodieren. Auch wenn der Kalender sagt, wir sind verrückt, wir zwei. Bei den Bienen sehen wir, dass ein paar den Winter nicht überlebt haben. Eine dafür außen herum spaziert und Flugreisen rund um den Stock veranstaltet. Und mich böse anbrummt und mal wieder stirnwärts zwischen die Augen stupst, weil ich ihr Finn zu nahe ans Flugloch setze. Auf gut bienisch heißt das „Schleich‘ dich, wir brauchen unser bisschen Futter, um über die nächsten Wochen zu kommen. Der Winter ist noch nicht vorbei. Das war die letzte Warnung, das nächste Mal steche ich!“ So ist das, wenn man mit Finn im Garten unterwegs ist. Dann versteht mensch sogar die Sprache der Bienen.

Ich muss jetzt los. Ich habe mir für heuer die Aufgabe gestellt, mehr von mir und meiner Arbeit sichtbar zu machen. Nicht nur die Ergebnisse, sondern ehrliche, tiefe Einblicke in mein Tun. Dazu benötige ich ein gutes Stativ, sagt die Dame aus dem Instagrambuch. Und eine Menge Nerven, um tiefer in die Tiefen des I-Phones der vorletzten Generation einzudringen, das mir mein Jüngster geschenkt hat. Das weiß ich selber. Nun hat sich auch dieser Wunsch erfüllt, den ich vor zwei Jahren aussprach. Yeah. Veränderungen, wohin ich schaue.

Das Schreiben und seine Prozesse

Brrr, minus vier Grad hat es da draußen. Gerade habe ich zähneklappernd den Kaminofen in meinem Gartenatelier mit Holz gefüttert. So bleibt mir eine knappe Stunde vorm PC, um ein paar Überlegungen mit euch zu teilen. Bevor ich mich wieder meinem Elfenkönig, der neuen Stoffpuppe, widme.

Ich schreibe, seit ich es kann. Waren es am Anfang gezeichnete und mit gelochtem Zeichenpapier und Bindfäden zusammengehalten Heftchen rund um Märchen, unseren Hund und unseren Alltag in der Kindheit, kamen später Reflexionen dazu. Heute würde ich „Morgenseiten“ zu diesen Ergüssen sagen. Sehr frei übersetzt und interpretiert als Teil von „Der Weg des Künstlers“ von Julia Cameron. Ausgekotztes. Gelangweiltes. Unverstandenes. Tagebuchartiges. Schreibend reflektiere ich nach wie vor meine Wahrheit dieser Welt, mache mir bewusst, wie sie auf mich wirkt, wie ich in ihr funktioniere und kann dadurch eigene Schritte gehen.

Literarisches Schreiben war nie erwünscht. Mit Abstand, aus der Distanz, in Rollen schlüpfend. In der Schule wurde es nicht unterstützt. Ich war eine superangepasste, brave Schreiberin mit römischen Einsen. Blümchen und Bienchen in der Sprache. Mit rosa Mascherl, ein bisschen plüschweiche Kritik hier und da. Und aus. Literarisches Schreiben gab es nicht im begonnenen Germanistik- und Publizistikstudium. Eine herbe Enttäuschung. Dazu hätte ich in den englischsprachigen Sprachraum reisen müssen, das wusste ich nicht. Creative Writing kommt bei uns im deutschen Sprachraum langsam an. Oh ihr Glücklichen, die ihr bereits in den Genuss kommt, von Anfang an so zu schreiben! Als Journalistin versuchte ich mich kurz und knackig und fachlich objektiv auszudrücken. Meine Meinung, meine Art die Welt zu spüren, waren der gewünschten Objektivität eher hinderlich.

Und nun sitze ich also wieder an den Zeilen, die mir vor zwanzig Jahren in die Tasten geflossen sind. Schön von außen das Leben betrachtend. Nie mitten drin. Träume und Wünsche. Sehnsüchte und Vorstellungen, wie das Leben sein könnte, wenn es nur endlich das machen würde, was ich mir von ihm wünsche.

Als ich am Samstag bei unserem Schreibmeeting vorlese, was ich vor einem Monat geschrieben habe, wird mir ganz anders. Was für ein Durcheinander. Zeitlich. Inhaltlich. Ich spüre, wie in mir Frust und Beklemmung aufsteigt. Das, das soll ich vor einem Monat verfasst haben? Mehr ist echt nicht da? Meine Freundin beruhigt mich. Findet die Story immer noch gut, die Herangehensweise. Fragt, wo sie sich logischerweise nicht auskennt. Dann höre ich ihr bei ihren neuen Texten zu. Frage ebenfalls nach. Gebe Feedback. Und dann kommt er zurück, der lustvolle Fluss des Fabulierens. Langsam finde ich wieder in die Rollen, die ich mir ausgesucht habe. In die Sprachmelodie, in die Erfahrenswelt meiner Protagonist*innen. Genau DAS habe ich in der Schreibwerkstatt mit Susanne Axmann doch eineinhalb Jahre lang praktiziert! Den Raum zu erschaffen, in dem sich die Geschichte abspielt. In diesem selbst geschaffenen Raum zu fühlen, zu spüren, mit allen Sinnen wahrzunehmen. Das passende Sprachmuster zu entwickeln und Unterschiede in der Sprache klar zu definieren, damit nicht alles zu einem Einheitsbrei, zum Monolog verkommt, der vor 20 Jahren dominierte und aus dem ich nicht heraus fand.

Nach einer sehr tief durchschlafenen Nacht die Erkenntnis: Struktur, oh ja! Die brauche ich als Rahmen für diese Texte. Aber ich schreibe kein Buch. Diese Struktur des fertig geschriebenen Buches macht mir unnötig Druck, logisch Szene an Szene zu reihen. Beschneidet meine Freude am schreibenden Erzählen und Wahrnehmen. Mir liegt es, mit Sprachmelodie und ihrer Musik zu spielen. Mit unterschiedlichen Sprachmustern von Menschen zu experimentieren und sie zu erforschen. Ich bleibe bei den Grundzügen meiner Geschichte. Bei den Szenen, die mir nach wie vor wichtig und kostbar sind. Alles andere fliegt hinaus. Federleichten Herzens. „Fleckerlteppich“ nennt meine versierte Schreibfreundin diese Herangehensweise. Der Teilzeithippie in mir jubelt. Ich spüre förmlich, dass dieses Schreiben meine anderen künstlerischen Anteile verbindet und zugleich einer meiner vielfältigen Anteile ist. Das Bedürfnis, unterwegs sein zu müssen und zugleich einen Garten zu pflegen, damit er uns ernährt. Meine künstlerischen, handwerklichenen Ausdruck des Seins auf diesem Planeten. Schreibend halte ich das alles irgendwie zusammen, ohne verrückt zu werden. Der Prozess des Hineinfühlens in Rollen ist mir hundert Mal wichtiger als ein mögliches Ergebnis. Ziemlich magisch. Mal wieder.

Mein Beitragsbild stammt übrigens von einem Wochenende in Caorle mit einer schreibenden Freundin. Wir haben uns lustvoll Gedanken gemacht, wie wir Menschen dabei begleiten können, kreative Texte am Rande des Meeres zu entwickeln. Diese Einladung werden wir auch heuer wieder aussprechen und ausschicken. Ab Ostern kann mensch ja wieder die Zehen ins Meer hängen und Salzluft schnuppern…

Yaruna und der Jahreswechsel

Da ist sie nun. Reisefertig. Ihr Name hat sich um ein Ypsilon an erster Stelle geändert. Aus ganz logischen und nachvollziehbaren Gründen, die mir ins Ohr geflüstert wurden. Sie ist heute ganz schön aufgeregt und ein bisschen ungeduldig. Kein Wunder. Wir hatten Fotoshooting, trotz Nebel und sich auflösendem Schnee. Es ist wieder grau und trist da draußen und ziemlich unweihnachtlich. Deshalb aktivieren wir das Tageslichtatelier und haben schlussendlich sogar Spaß am Tun. Ja genau. Ein bisschen Wehmut. Von meiner Seite. Das kenne ich schon, ist im Grunde immer so. Wenn ich so viel Zeit mit einem Wesen verbringe, dann liebe ich es. Nicht ein bisschen, sondern voll. Seine Eigenheiten, seine Auffälligkeiten. Seinen Charme. Yaruna sieht das anders. Wenn es nach ihr ginge, wäre sie schon vor einer Woche gesiedelt. Sie wird in ihrem neuen Zuhause liebevoll erwartet. Das weiß sie. Das spürt sie. Und ich weiß, dass sie das tun wird, was eine Yaruna am besten kann: Leuchten. Strahlen. Ihr Licht auch dorthin richten, wo es duster oder finster ist. Und mir ihrer sonnigen Art Aufmerksamkeit auf die Geschenke des Lebens richten. Selbst wenn das Geschenkpapier schon ein bisschen zerknüllt ist. Und nicht dem entspricht, was die Beschenkte oder der Empfänger erwartet hat. Sie wird außerdem pünktlich zur längsten Nacht, der Wintersonnenwende, dort sein, wohin sie gewünscht wurde. Und genau so soll es sein.

Yaruna

Zuerst sah es ja so aus, als würde Yaruna mit leichtem Gepäck reisen. Doch im Laufe von Gesprächen und nicht zuletzt den Ansprüchen von Madame „Ich-weiß-genau-was-ich-nicht-Will“ kommen in diesen Wochen ein verspielter Leopard dazu. Eine strahlend weiße Schaukel, die in Bäumen hängen kann. Und ein Mantel. Fluffig leicht und sich liebevoll und schützend um die Trägerin schmiegend. Und Perlen. Noch nie zuvor hat ein Wesen ständig Glasperlen verlangt. Auch dieser Wunsch ist zu erfüllen gewesen.

Wäre Yaruna noch eine Woche hier, hätte sie weitere Ideen. Problemlos. Sie sprudelt vor Ideen. Und neigt ein bisschen dazu, sich mit schönen Dingen zu überladen. Nobody is perfect. Gleichzeitig ist sie großzügig mit ihrer Magie und ihrer Liebe. Sogar meine Coachin musste zwei Mal schmunzeln über ihre Ideen. Ein bisschen. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen! Keine Ausrede!!!

Yaruna ist das letzte liebenswürdige Wesen, das heuer mein Studio verlässt. Es war ein volles, erstes Jahr als angehende Künstlerin. Mit den üblichen turbulenten Auf und Abs dieser ersten zwölf Monate. Das nächste Jahr strukturiert sich bereits. Ich bin ehrlich gespannt, welche Überraschungen auf mich warten, auf mich und auf meine Arbeit. Ich wünsche auf diesem Weg eine erfreuliche und kerzenerleuchtete Wintersonnenwende, frohe Weihnachten, schöne Feiertage und einen feinen Jahreswechsel. Ab der zweiten Jännerwoche bin ich wieder für euch und eure Wünsche da.

Nähen und in die Zukunft planen

Transition Town Friesach. Friesach im Wandel. Klingt gut, oder? Was man drunter versteht? Das ist so wie mit dem Begriff „Permakultur“. Jeder erklärt das aus seiner Logik, aus seiner Erfahrung. Die Transitionbewegung gibt es schon eine Weile. Ich füge jenen unter euch hier einen link der Transition Austria Hub ein, falls ihr tiefer forschen wollt. Für euch andere: für mich sind es erlebbare Wandelstrukturen. Ursprünglich ging es stark um den Oil Peak und die Resilienz von Städten für eine Zeit nach der Nutzung von Öl. Das Ganze bottom up, also von unten nach oben, was das gesellschaftliche Gefüge betrifft. Für mich sind es heute Gruppen von Menschen, die nicht an den Auswirkungen scheinbarer Handlungsunfähigkeit politischer und wirtschaftlicher Systeme verzweifeln. Stark vereinfacht ausgedrückt. Menschen, die dieser mittlerweise sicht- und spürbaren Hoffnungslosigkeit sinnvolles Tun entgegen setzen. Liebevolles und konfliktbereites Auseinandersetzen mit dem Anderen, auch jenen am Rande der Gesellschaft. Zivilgesellschaft in ihrer logischen, regionalen Notwendigkeit dörflicher und kleinstädtischer Strukturen. Nicht (partei)politisch. Sondern politisch im Sinne des Wortes. Also der Regelung der Angelegenheiten eines Gemeinwesens durch verbindliche Entscheidungen. Wo mensch sich noch kennt. Generationsübergreifend. Jeder einen Platz in der Gemeinschaft findet, seine Wirkmächtigkeit erlebt. In Friesach ist es ein unglaublich großes Team Ehrenamtlicher, das seit drei Jahren einen essbaren Hang, Gemeinschaftsgärten, Wandelbienen, Lebensmittelrettung und einen Kost-Nix-Laden am Leben und in Bewegung halten. Seit vier Monaten gibt es auch eine Nähgruppe.

Ich fahre heute mit meinen üblichen vorauseilenden Erwartungen zum vierten Treffen in diesem Jahr. Was soll ich machen, so bin ich. Ich habe heute zum ersten Mal Zeit für die Nähgruppe. Ich rechne mit drei oder vier Frauen. Frage mich, was ich gern einbringen würde. Und stapfe durch den frischen Schnee ins Jugendzentrum „Kistl“. Gleich beim Eingang begeistert mich eine Scheibtruhe (Schubkarre, ihr lieben Mitlesenden aus nördlich von Österreich) mit einem bunten Häkelüberzug. Drinnen wuselt es. Durchzählen kann ich gar nicht, so sehr bin ich damit beschäftigt, Hände zu schütteln, freundliche Nachfragen zu beantworten und mich vorzustellen. Bekannte Gesichter. Fremde Gesichter. Bis auf zwei Jugendliche, die miteinander ein Computerspiel spielen, sind es ausschließlich Frauen. Pfoah, ein Raum ist voll mit mitgebrachten Maschinen und arbeitenden Menschen. Im zweiten Raum wird am Billardtisch im großen Stil zugeschnitten und überlegt. Riesige Taschen in den Maßen eines schwedischen Möbelhauses für den Kost-Nix-Laden sind eine mögliche Vorgabe. Kleine Taschen aus alten Jeans werden bereits genäht. Ein sechsjähriges Mädchen ist mit seiner Mama feuereifrig dabei, eine eigene Tasche zu nähen.

Ich habe Nähmaschinen im Auto, die wir dieser Gruppe zur Verfügung stellen. Mehr oder weniger hochwertige Haushaltsnähmaschinen, die sich seit 2015 bei uns ansammelten und jahrelang wertvolle Dienste in unseren gemischtsprachigen Gruppen leisteten. Draußen im Zuschneidebereich türmen sich Kuchen und Kekse auf der Theke. Kaffee duftet vor sich hin. Ich freue mich so, endlich Marianne kenne zu lernen, die Leiterin des Jugendzentrum’s. Und Edith ist da, die Lehrerin, die 2020 mit mir und den Kindern einer Volksschulklasse ein Transitionmärchen zur Aufführung bringen wird. Sie ist eine Meisterin an der Nähmaschine, im Zuschnitt und im räumlichen Denken. Da werde ich sofort und bereitwillig zur Schülerin. Sladana ist da, die gute Seele hinter dieser Bewegung in der Burgenstadt. Sie kümmert sich um die Menschen und koordiniert Abläufe. Und schon bin ich mitten drin. Schneide zu. Nähe. Bringe mich ein. Taschen nähen habe ich in den letzen Jahren autodidaktisch gelernt. Ich beherrsche sogar den Umkrempeltrick. Wir witzeln über Perfektionismus. Über Ängste und Fortschritte. Unterhalten uns über eine alte Bernina, die seit über 30 Jahren vor sich hin schnurrt, während Maschinen von großen Diskontern schon nach eineinhalb Jahren irreparabler Sondermüll sind. Eine meiner beiden Maschinen streikt, als ich den Retourgang einlege. Marianne beruhigt mich. Ein Experte sieht sich das nächste Woche an. Vielleicht reicht es ja, die alte, gute Maschine zu zerlegen, zu ölen und ihr liebevoll zuzureden. Einige Damen entdecken wohl zum ersten Mal die Lust am Upcycling und am Re-Use, am Auftrennen und Neuzusammensetzen. Pläne werden geschmiedet. Tipps und Ratschläge sausen hin und her.

Und ich? Normalerweise fremdle ich in mir unbekannten Gruppen. Das kann ich richtig gut. Doch hier bin ich sofort zu Hause. Und ich weiß jetzt, wohin mit den wunderschönen schweren Stoffen, den kostbaren Accessoires, die sich bei uns ansammelten. Hier werden die Dinge, eines nach dem anderen, endlich wieder gebraucht und können in ihr zweites Leben abbiegen. Und ja, es ist noch Platz für Mittäter*innen!

Werkstattgeflüster

„Rosa? Ja spinnt jetzt die Welt? Und Spitzohren und vielleicht auch noch Elfenschmuck?“ Unverständnis. Das zwingende Bedürfnis, mich zurück auf den Pfad der Normalität zu bringen. Zunehmende Verzweiflung, weil ich es mir mit dem neuen Wesen in der Werkstatt so gemütlich mache. Und mir Zeit lasse, mir und ihr Raum gebe für das, was kommen mag. Und jetzt rutscht der Coachin auch noch die überdimensionale Wärmflasche vom Magen. Die Welt, die dreht sich nimmer lang.

„Einfach weitermachen, bitte, mach einfach weiter“, flüstert mir die Elfenkönigin auf meinem Schoß zu. Ja, sie ist vollkommen zufrieden, dass die Haare jetzt nicht mehr weiß und rosa sind. Sondern rosa und weich und füllig. Strähnchenweise heller und dunkler. Und ja, Stirnfransen könnten gut ausschauen, lässt sie mich wissen. Und diese Silberdrahtohrkostbarkeiten, die sie mir seit gestern einflüstert. Und sie möchte dann endlich Arme bekommen, beweglich, wie schon die Beine. Und hach, der Mantel. Die luftige Kleidung. Eine Schaukel. Und ein Geheimnis. So viel, worauf wir uns beide freuen.

„Ist der Winter und Weihnachten bald vorbei?“ wispert die Wolfsfrau zu Frau Herbst, die neben König Winter und dem Glöckchenschaf steht. Frau Herbst und Herr König haben schon etwa zehn Jahre am Buckel. Standen Jahr für Jahr in der vorweihnachtlichen Krippe für die heranwachsenden Kinder. Beide nicken weise. Die Schafsglocke klingelt. Frau Wolf wundert sich ein bisschen über die Glitzerbäume, die ihr seit ein paar Wochen vor der Nase stehen. Sie genießt die Wärme des Ofens an ihrem luftigen Platz, meldet sich selten zu Wort. Ruht in sich. So eine gute Seele. Sie beobachtet viel und schaut. Sie ist einfach da, braucht uns alle nicht. Ich bin es, die froh ist, dass ich sie da oben spüre.

Prinzessin Orsola ist nach einem langen Aufenthalt im Gemeinschaftsladen Kunst&Werk wieder daheim. Wie gut sie mit ihrem Glitzerband und dem vielen Weiß ins neue Studio passt. Orsola und ihre Freundinnen, die Plaudertaschen, freuen sich so, dass ich gestern endlich den geschälten Ast mit den geschliffenen Glassteinen und der Lampe an die Decke montiert habe. Sie werden sich noch mehr freuen, wenn diese Lampe am Sonntag von meinem Lieblingselektrikersohn mit Strom versorgt wird und mir den Abend über dem Arbeitstisch erhellt.

„Ma, diese Fliegen nerven, sind die immer noch nicht erfroren? Und, tust du jetzt weiter an den Armen, oder worauf wartest du?“ meldet sich Frau Coach wieder. Was für eine quengelige Stimme sie heute hat! Mir kommt sie vor wie meine innere Kritikerin, die mich jahrzehntelang sabotiert und mich vorm spielerischen Arbeiten mit Material abhält. Kein Geld, Hunger, Tod. Ihr wisst schon. „Dein Puppenmachen ist ein Hobby, kein Beruf. Von einem Hobby kannst du nicht leben. Hobby ist unentgeltlich und fürs Wochenende oder deine Freizeit. Basta.“ Diese Einflüsterin auf meiner Schulter, die mir statt dessen zum übermäßigen Konsum von Zeitschriften und Büchern rät, die diese kreative und künstlerische praktische Auseinandersetzung von anderen Menschen zeigt. Von Anderen, nur nicht von mir. Mich ständig ein bisschen schlecht macht. Mich mit anderen vergleicht, an deren Arbeit ich sowieso nie heran reichen werde. Ich finde es ganz praktisch, dass sie nun an der Rückenlehne meiner Studiobank lehnt. Und sich an ihre heiße Wärmflasche klammert. Immer noch an meiner Schulter, aber eben sichtbar. Auf Augenhöhe, sozusagen. Die Drohung, sie vor die Tür in die Eiseskälte und zur verspielten Katze zu setzen, wenn sie mir zu anstrengend wird, genügt meistens. Sie bringt mich so zum Lachen, wie sie da sitzt, grantig, untätig, meckernd, immer auf der Suche nach Fehlern. Ja, genau, du meinst es nur gut. Ich auch. Trink deinen Tee und genieß das Leben. Die Elfe und ich, wir haben heute noch Einiges vor…

Eine Adventüberraschung und Wa(h)re Weihnachten

Seit Oktober fühle ich es. Und ein so cooles Facebook-Posting heute Morgen mit dem Wortspiel um die Ware und das wahre Weihnachten haben mich motiviert, meine Gedanken zu teilen. Es ist heuer ein seltsames Rumoren, wenn ich an Weihnachten denke. Mein Sohn kehrt von seiner Weltreise zurück, obwohl er Weihnachten auf Hawaii verbringen wollte. Er möchte aber rund um den 24. Dezember mit uns und seiner Herkunftsfamilie zusammen sein. Rundherum die Puppenmacherinnen fangen im Oktober an, weihnachtlich angehauchte Texte und Wesen zu präsentieren. Ganz vorsichtig. Sehr achtsam. Und doch. Es ist sommerlich warm. Der Garten geht über vor Gemüse, Früchten und Blumen. Wie jedes Jahr. Spätsommer in Südösterreich. Und ich? Ich werde im Oktober unruhig. Ich sollte. Auch. Müsste doch. Mag nicht.

Mitte November treffen mein Mann und ich eine Entscheidung, die uns heuer ganz leicht fällt. Für uns fängt die Adventzeit am ersten Adventwochenende an. Privat und beruflich. Wir ignorieren sogar den geliebten Spekulatius, den wir seit September kaufen könnten. Bis zu diesem Wochenende sind wir mit dem, was wir tun, weihnachtlich nicht präsent. Diese Freiheit nehmen wir uns. Und es fühlt sich sowas von richtig an!

Unbedingt anführen möchte ich, dass ich die vier Wochen vor Weihnachten liebe. Ich liebe den Kitsch, den Glanz, das Gloria. Schnee. Hey, ich liebte Weihnachten mit den Kindern. Und seit Jana auf der Welt ist, sehe ich Weihnachten wieder mit den Augen der Zweijährigen. Ich liebe Keksgeruch, vielleicht weil ich eine grottenschlechte Bäckerin bin. Seit zwanzig Jahren feiern wir Advent und Weihnachten so gut wie ohne Geschenke. Im Dezember. Wir „wichteln“. Und es darf nach Herzenslust getauscht, geratscht, getrascht und gegessen werden. Für mich ist diese Zeit, bevor am 21ten das Licht anfängt, zurück zu kehren, eine der magischsten Zeiten im Jahresverlauf. Bei uns überbrückt mit flackerndem Kerzenschein, mit zusätzlichen Lichtquellen, um das fehlende Tageslicht zu kompensieren. Und mit großräumigem Ausweichen von Einkaufszentren. Es geht einfach nicht. Ich ertrage es nicht, das Gewusel, den Wirbel, den Stress des Shoppens. Nach dem Weihnachtsabend und den Feiertagen und Ferien freue ich mich auf den Frühling und genieße das bissel Schnee, das in Mittelkärnten ab und zu vom Himmel fällt.

Ich bin so glücklich, euch ins St. Veiter Kunst&Werk einzuladen. Seit heute Vormittag ist das fertig, womit sich mein Mann kurzfristig beschäftigt hat. Wir haben unsere Präsentationsfläche auf Kinderhöhe mit einer Überraschungskrippe für Kinder ausgestattet. Unverkäuflich. Sie ist einfach vier Wochen lang da. Entstanden ist sie, weil unsere Freundin Sladana aus dem Friesacher Kost-Nix-Laden uns vor einem Jahr einen beweglichen Werbeaufsteller für Plastikspielzeug schenkte. Ein Jahr lang drehte ein Drachenbaby auf der Bühne seine Runden im Stoberdorfer Bubenzimmer. Nun – dreht sich was anderes. Kommt und schaut nach. Re-Use auf verspielte Art, ganz mein Mann, ganz unsere Einstellung zur stillsten Zeit des Jahres. Staunen, schauen, träumen. Kinder haften für ihre Eltern!

Voll begeistert bin ich von den Weihnachtselfen Friedolin und Pamino auf ihrem roten Samtstuhl in der Auslage des Klagenfurter Gemeinwohlladens. Sie sehen zum Anbeißen bezaubernd aus. Und in Villach verbreiten die nordischen textilen Helfer Niklas, Jule und Aengel ihre weihnachtliche Magie. Laden zum Staunen ein, zum Liebhaben und zur Inspiration, was Weihnachten in der Tiefe bedeutet. Und dort ist es eben keine Ware, sondern ein Gefühl, ein Spüren, ein Zusammenrücken. Schönen ersten Advent ihr Lieben!

Adventüberraschung

Gewohnheiten und neue Wege

Kennst du das? Du nimmst dir herzklopfend etwas Neues in deinem Leben vor. Du bist voller Begeisterung. Der Termin ist, dem Gott und der Göttin sei es gedankt, noch Mooonaaate weit entfernt. Alles erscheint dir möglich. Und dann schmelzen die Monate zu Wochenenden, zu Tagen, zu Stunden. Und du fängst an zu hoffen, dass dieser Kelch an dir vorüber geht. Möchtest wie in meinem Fall eigentlich mit einer Klappmaulpuppe anfangen, die dich schon ein Jahr lang reizt. Oder zumindest mit dem Aufräumen des ohnehin noch nicht angeräumten neuen Studios. Wenn du Glück hast, hast du dir in deinem Terminkalender rechtzeitig eingetragen, wann deine Vorbereitungsarbeiten für „DAS NEUE“ entspannt beginnen und enden sollen. Und du wehrst dich zwar innerlich. Siehe Klappmaulfigur. Ahnst aber, dass sich alles fein ausgehen, du optimal vorbereitet sein wirst, wenn du dich an den von dir selbst ausgedachten, selbst erstellten und optimalen Terminplan hältst. Und tust dann in den ersten Stunden murrend. Später zunehmend begeistert.

Schnitt. Großeinstellung auf erwachsene Kursteilnehmerinnen an der Volkshochschule Villach in Südösterreich. „DAS NEUE“ zeigt sich in konzentrierten Gesichtern. Puppenmacherinnen, die ihre halbfertigen Wesen anlächeln. Durchhalteprozessen, weil diese Art des kreativen Tuns gar nicht geläufig ist. Nicht nur mich, die Lehrende, vollkommen herausfordert. Menschen, die aus ihrem Nähkästchen plaudern. Ideen und Material teilen und zusammen helfen. Mein dreijähriges, praktisches Erfahrungswissen aufsaugen wie ein Schwamm. Und am Ende mit den entzückendsten und wie für sie gemachten Stoffpuppenwesen nach Hause gehen, die man sich vorstellen kann.

Ich kann es Stunden später noch immer kaum fassen. Ich, ich gebe auswärts Kurse für textile Wesen! Für Erwachsene, nicht für Kinder, mit denen es mir so leicht fällt. Nichts, aber auch gar nichts an vielschichtigstem Material aus ganz Europa fehlt. Die Vorbereitungsarbeiten sind genau richtig dosiert. Genießt die Fotos die dokumentieren, was geschieht, wenn Menschen ihre Gewohnheiten verlassen und sich allein oder mit anderen Menschen auf Neues einlassen. Und auf mich. Was Wundervolles entsteht, das sich unserer Kopfsteuerung entzieht, aus der Intuition und unserem kreativen Anteil kommt. Sorry, ich muss das jetzt sagen – sehr magisch das Ganze. Es wird garantiert wieder Kurse an der Volkshochschule geben, der nächste dieser Art ist Anfang März 2020 in Villach und Ende März 2020 in Hermagor, einfach im Programm nachschauen unter den Standorten und „Kreatives Gestalten/Ich nähe eine Stoffpuppe“. Und ich komme ab fünf Teilnehmer*innen auch gerne mobil an einen Ort deiner Wahl.

Danke Anita, dass du mich in diesen aufrüttelnden Monaten im Herbst 2015 wirklich gesehen und nun an die Volkshochschule geholt hast! Danke Fe, dass du mir begegnet bist, als ich ganz schön planlos in dieser auf 2015 folgenden Ehrenamtszeit in meinem Leben „Management für Ehrenamtliche“ bei dir und deinen Kolleginnen in Villach studiert habe. So schnell sehen wir uns wieder! Danke an diese fünf tollen Frauen, die so begeistert mitgemacht haben. Ihr ward einfach nur ein Geschenk! Und Danke Leben – du mein heraus forderndster Workshop. Dass du mich an meine Ängste führst, mir Werkzeuge gibst, genau die richtigen Menschen in mein Leben schupfst und mich durchaus lebendig begleitest. Auch ohne Samthandschuhe. Die Benutzung sturer und einseitiger elektronischer Türöffner und ihre Schlüsselpositionen habe ich mit der Hilfe meiner Kursteilnehmerinnen gemeistert. Jawohl. Da war der ganze Kurs ein Klacks dagegen.

Und weil wir grad dabei sind, ich hätte da noch eine Hürde, Leben. Eine weitere bequeme comfortzone, die ich ungern verlassen möchte obwohl ich sowas von weiß, dass dieser Schritt dran ist. Ich, die Profifotografin hinter der Kamera, mit der Macht des Gerätes, ohne je davor stehen zu müssen. Ich fürchte mich vor Live-Videos – vorm Aufnehmen, vorm Sichtbarsein, vor der Technik, vorm Versagen. Ob du wohl…?! Bitte, danke…

Orient loves Okzident

Auch eine Nacht drüber schlafen hat nicht viel bewirkt. Ich bin noch immer ganz bewegt, sehr berührt und emotional, wenn ich an den gestrigen Tag in Villach denke. Ich versuche euch ein wenig logisch strukturiert mitzunehmen.

Wer uns kennt, meinen Mann und mich, der weiß, dass sich unser Leben seit 2015 völlig verändert hat. Damals bin ich knapp vor meinem fünfzigsten Geburtstag, arbeite als Verwaltungsassistentin und weiß ganz sicher, dass diese Beschäftigung nur eine vorübergehende Lösung ist. Nach monatelangem Hin und Her, Ängsten und Zweifeln löse ich das mir vor Jahrzehnten gegebene Versprechen ein, nach meiner Zeit der Kinderbetreuung ein Jahr meiner Lebenszeit zu nützen, um MEINEM Weg nachzugehen. Diesem verdrängten, vernachlässigten Wunsch, Puppen herzustellen. Oder grundsätzlich irgendwas Richtung Künstlerin, weg vom reinen Geldverdienenmüssen, um zu überleben.

Das Leben ist 2015 auf seine ganz eigene Art mit meiner Bitte einverstanden. Es sendet uns direkt in die Nachbarschaft Menschen aus Syrien, dem Irak, Afghanistan, Afrika, Marokko und Armenien. Zuerst mit dem Transitlager Krumfelden. Danach mit dem ORS-Wohnhaus und begleiteten asylwerbenden Familien und Alleinstehenden in Pöckstein. Außerdem sendet es uns Österreicher*innen, die ich bis zu diesem Zeitpunkt wenig oder gar nicht kannte. Menschen aus der Zivilgesellschaft, aus kirchlichen Institutionen, aus der unmittelbaren und weiteren Nachbarschaft und über Österreichs Grenzen hinaus. Ihr könnt das alles im Archiv unserer Blogbeiträge des Vereins DER.RAUM nachlesen. Dieses menschliche, herzwarme Netz trägt uns noch immer. Bis 2018 arbeiten wir fast nur ehrenamtlich. Künstlerisch, kochend, miteinander redend, Projekte entwickelnd, aufbauend, erfolgreich abwickelnd und scheiternd. Voll das Leben. Ich bekomme die Chance, alles an Material künstlerisch auszuprobieren, was es gibt. Wir forcieren das Upcycling und das Recycling, weil wir so viel Material geschenkt bekommen. Was sich für unsere Freund*innen als sinnvolle Beschäftigung, Deutsch lernen und Menschen kennen lernen herausstellt, formt meinen Weg zurück zu mir. Ich finde die Tür zu meinen textilen Skulpturen, den ich seit heuer gehe. Und meinen Geschichten, die ich fotografierend, skulpturierend und bloggend erzähle.

Ah, ich schweife ab! Zurück zu gestern. Als unsere Freund*innen 2017/18 nach und nach ihre positiven Bescheide bekommen, wird die Begleitung zu Ämtern und Behörden noch einmal sehr intensiv. Und dann – lassen wir die erwachsenen Männer und Frauen und ihre Familien los. Es tut weh – und es ist unserer Meinung nach nötig. Es fühlt sich an wie das Abschiednehmen von den Kindern in der Pubertät. Es sind immer noch die gleichen, geliebten Menschen unserer bunten Seelenfamilie. Doch sie gehen selbstständig in ihre neuen Leben. Einige hören darauf, dass wir Villach als nächstes Ziel vorschlagen. Es sind Vorschläge, weil wir wissen, dass in Villach eine sehr junge und nachhaltige Wandelbewegung aktiv ist, eine dynamische Veränderung, die Neues möglich macht. Einige gehen nach Wien, nach Linz und Salzburg, einige verlieren wir fast ganz aus den Augen. Social Media sei Dank, dass wir losen Kontakt halten können.

Als ich gestern mit Charlotte, einer Freundin aus dieser Zeit des Ehreamtes, bei Adnan, Lamis und ihren Söhnen in der nagelneu eröffneten arabischen Rösterei in der Villacher Postgasse stehe, fühle ich, dass die so oft gehörten Geschichten über den erfolgreichen Unternehmer aus Dar’a in Syrien wahr sind. Adnan ist in seinem Element, checkt, organisiert, lädt ein, bietet selbstbewusst sein Wissen und seine Produkte an. Er ist ganz Unternehmer, ganz Gentlemen. Nun endlich auch in Österreich. Seine Frau sprüht und funkelt vor Leben, kocht unermüdlich arabischen Kaffee im mit Sand gefüllten Heizbecken, dessen Fachname ich nicht kenne. Nein, das ist keine alte Tradition, sondern so ziemlich das Aktuellste, das die arabische Kultur anbietet, erklärt mir Adnan. Der Quarzsand speichert die Hitze der Kochplatte des Beckens. Die Spiegel an der Decke reflektieren die luxuriös anmutende Einrichtung in Schwarz, Gold und Weiß. Es duftet nach Kaffee, Nüssen – und Süßem. Mit von der Partie ist nämlich der Süßwarenhersteller und Schwager Aiman, der wunderbares arabisches Konfekt in Deutschland fertigen lässt. Erst jetzt kapiere ich, dass ich dieses Konfekt schon im Deutschkurs in Pöckstein genossen habe! Und das es nicht ein Geschenk aus irgendeinem Duty Free Laden war, sondern immer schon aus der Familie kam. Wäre der Krieg nicht gewesen, würde es immer noch in Syrien produziert und im angrenzenden arabischen Raum verkauft werden! Sehr schnell finde ich gestern eine optische und kulinarische Sensation aus Rosenblättern, Pistazien und Granatapfelkernen. Ja, die rosenwasserduftenden Köstlichkeiten sind wunderschön, köstlich und ein tolles Geschenk. Dieses Hellgrün-Magenta-Rot mit dem süß-sauren orientalischen Geschmack erobert allerdings mein Herz im Sturm und ich stelle mich gern hinter den anderen Käufer*innen an. Weihnachten ist schon erstaunlich nahe, gell?

Während wir arabischen Kaffee mit Cardamom verkosten, winkt mir vis à vis aus dem hellerleuchteten Schaufenster eine junge Frau zu. Sie kommt mir vage bekannt vor. Adnan lacht. Ja, ich sehe richtig! Das ist Azima! Die zweite Familie aus Pöckstein, die mit ihren Kindern Tür an Tür mit unseren Freunden wohnte und mit uns Deutsch lernte. Ich fasse es nicht! Die „Änderungsschneiderei Rosella“ besteht seit genau einem Monat und wird vom Schneidermeister Aref und Azima geleitet! Lachend umarmen wir uns. Wie immer gibt es schwarzen Tee und Azima’s Kuchen – Ausreden werden ignoriert. Wir aktualisieren unsere Kontaktinfos und reden und lachen. Der kleine Ivan, der mir noch als Baby in Erinnerung ist, lächelt mich schüchtern an.

Genug Überraschungen? Sorry, eine hab ich noch. Nach der Mittagspause steht in meinem Terminkalender, dass ich im Deins & Meins Gemeinwohlladen vorbei schauen will, um einen Platz für meine weihnachtlich angehauchten Wesen auszukundschaften. Also schnappe ich mir Mohammad und einige Visitkarten und wir statten der freundlichen Ladenhüterin einen Besuch ab. Der Gemeinwohlladen ist nicht irgendwo in der Postgasse. Natürlich nicht. Sondern unmittelbar daneben! Wie blind ich bin, ich habe doch die Fassade von außen fotografiert. Ich stelle vor, mache bekannt, erzähle die Geschichte der Familie und lade zum nachbarschaftlichen Austausch ein. Als meine Freundin und Betreiberin des Gemeinwohlladens, Ingun, gegen Abend tatsächlich auf einen arabischen Kaffee vorbeischaut, ist das Hallo groß. Mohammad und Hasan waren bereits bei den Tagen der Zukunft in Arnoldstein dabei, dort haben sie sich kennengelernt. Die Welt ist so klein und es tut so gut zu sehen, wie die schon gebauten Brücken gestärkt und genutzt werden. Ammar und Bakir stehen plötzlich vor mir, strahlen mich an. Ammar wartet noch immer auf seinen Bescheid, es ist unfassbar! Der irakische Theatermann, der bei unserer Bürgertheateraufführung so sehr glänzt, zittert immer noch, ob er in Österreich bleiben darf…

Als ich am Abend ganz bewegt von all den Gesprächen, Eindrücken und dem Gespürten in ein Philharmoniekonzert im Villacher Konzerthaus gehe, fällt mir noch aus den Augenwinkeln der Barbier auf, zwei Haustüren nach der Änderungsschneiderei. Diese Postgasse mit den gerade noch sterbenden Geschäften lebt wieder! Ich freue mich so auf meinen Puppenmacherkurs nächstes Wochenende in der VHS Villach. Ich weiß, wo ich meinen arabischen Morgenkaffee mit Cardamom trinken werde. Und ich bin gespannt, wen von euch ich im arabischen Kaffee treffe!

Baba Yaga und die Coachin

Wie stellst du dir die weise Frau im Märchen vor? Ist sie der Typ Frau Holle? Die grausliche Hexe mit der Warze? Oder führt sie als Sirene herumirrende junge Männer und Frauen in die Irre? Mit meiner ganz persönlichen Frage an mich hat vor ein paar Wochen ein Prozess eingesetzt, der einmal mehr in der Auseinandersetzung mit der Geschichte der „Wolfsfrau“ wurzelt. Da ist die Baba Yaga die schroffe Alte, die zwei Kinder in ihr Knusperhäuschen lockt und mästet, damit sie besser munden. Und ihnen wie nebenbei zu persönlichen Entwicklungsschritten verhilft. Sie kommt alles andere als nett rüber. Das Leben eben.

Soweit. So gut. In diese persönliche Auseinandersetzung mit der Spiegelwelt unserer kulturellen Märchen funkt in mein Leben die russische Künstlerin Anna Potapova mit ihren nur aus Schafwolle gefilzten figürlichen Darstellungen. Ich halte zum ersten Mal vor drei Jahren gesponnene Schafwolle in der Hand und lasse mir von meiner Freundin Maria Regina zeigen, wie man kleine gedrahtete Wichtel mit diesem Material anfertigen kann. Das Wollfieber packt mich sofort. Mein Material! Endlich finde ich, wonach ich schon so lange suche! Ich spüre es. Absolute Klarheit.

Mit Hilfe des englischen Tutorials aus Russland bringe ich mir tagelang bei, wie ich Figuren ausschließlich aus Wolle filze. Natürlich nicht brav mit den kleinen Maßen, wie sie im Tutorial vorgeschlagen werden. Gleich so richtig übertrieben groß, in A3. Sie soll ausladende Formen bekommen, einen ordentlichen Busen, starke Beine. Und keine liebliche, kindliche Elfe sein. Sondern alt und weise. Der Mensch denkt. Das Leben lenkt. Wieder einmal forme ich ein langbeiniges, zartgliedriges Wesen. Ja, sie bekommt Hüften und starke Oberschenkel. Und immer wieder diese Auseinandersetzung beim Filzen – wer ist die Baby Yaga heute, außerhalb unserer Märchen? Wie sieht sie aus? Wie lebt sie, woran erkenne ich sie?

Auf Social Media sehe ich Videos von Coaches, Männern und Frauen, die enthusiastisch versprechen, sie könnten „Es“ mit mir schaffen. „Es“ steht naturgemäß für Erfolg, der sich in mehrstelligen Eurobeträgen auf meinem Konto abzeichnet. Wenn ich diesen Gratiskurs buche und mich registriere. Sie hätten da noch den einen oder anderen Kurs als Ass im Ärmel, also speziell für mich. Wenn ich das Wochenende jetzt noch nicht zahle sondern später, wenn ich dann weiß, wie gut ich durch den Workshop zu leben, zu atmen, zu antworten, zu handeln, zu denken gelernt habe. Und vor allem endlich zu meinem tribe gehöre – nämlich zu den Suchenden und Findenden. Endlich, gell, nach diesen 53 sinnentleerten, nutzlosen Jahren. Mit meiner Haltung geht das nicht, mit der stimmt was nicht. Siehe Kontoauszüge. Freude und Liebe zum Tun und täglich sprudelnde neue Ideen allein sind kein Erfolg, also kein hundertprozentiger. Merkt ihr es? Genau. Ich bemerke eine gewisse Genervtheit mit dem Social Media Überangebot. So viele Coaches, Mentoren, Lebensberater und wie sie sich alle nennen. Ich frage mich natürlich, woher diese Genervtheit kommt. Könnte mir ja egal sein, was man mir aufdrängt. Ja, auch mir sind selbsternannte Besserwisser begegnet, denen ich blind vertraute, dass sie „Es“ aus mir herausholen würden. Die Gier nach dem schnellen Geld ist in mir angelegt. Meine Sozialisierung war ja nicht von einem anderen Planeten. „Es“ ist mir halt nie gelungen. Meine Haltung. Zu realistisch, öhm, zu kritisch, zu viele Fragen. Antworten auf meine Fragen finde ich teilweise. Und meine innere, kluge, klare und sehr menschliche Stimme. Menschen, die gut zuhören können. Mit mir sortieren und strukturieren und mir zutrauen, meinen Weg zu gehen. Sorry. Wirtschaftlicher Geldfluss steht nicht im Zentrum meines Lebens sondern zeigt sich als manchmal mehr, manchmal weniger angenehme Begleiterscheinung. Und sehr oft als kreative Herausforderung, Dinge anders anzugehen. Macht es mir Freude? Tut mir die Auseinandersetzung mit dem Material und damit entstehenden Themen langfristig gut, entwickle ich mich weiter, überwinde ich innere Widerstände? Begegne ich dabei mir, der Künstlerin auf Augenhöhe? Mein Erfolg lässt sich mit Worten schwer beschreiben. Ich spüre Begeisterung, prickelndes Leben, Vorfreude und Freude beim Tun. Und ja! Klar! Es freut mich volle, wenn meine Wesen in ihre neue Familie ziehen und ihr Glück verbreiten, ihre Stärke, ihren Zugang zum Mysterium Leben. Und klar kosten sie den Interessenten auch Geld. Das ermöglicht mir ja, weiter zu tun. Nicht mehr. Und auch nicht weniger.

Wirklich hilfreich in den letzten Jahren sind persönliche Gespräche im vertrauten, oft langjährigen FreundInnenkreis. Zu denen durchaus auch Coaches gehören! Meine Bubble ist bunt und vielfältig! Da ist die Frau, die intuitiv eine meiner schwer verdrängten Unsicherheiten ans Licht holt. Die Klarheit einer anderen. Die vollkommene neue Perspektive einer dritten, eines vierten. Vielleicht fehlt das ja in unserer Gesellschaft, der Familien- und Freundeskreis, der ehrliches, schonungsloses feedback gibt. Und vielleicht bin ich gesegnet, auf so ein Netzwerk zugreifen zu können. Mit und ohne Geld. Langjährige Freundinnen, die meine Abwehrmechanismen kennen und sie ansprechen, sind fixer Bestandteil meines Lebens. Ein Partner, der immer wieder beruhigt und das Kreative und Künstlerische über das Wirtschaftliche stellt. Die Morgenseiten, die mich täglich zu mir zurück holen. Dieser offene, ehrliche Austausch in Gruppen, die um Klarheit ringenden Fragen, die berührenden Geschichten der anderen, die im Grunde immer auch mit mir zu tun haben. Einseitig, meine Betrachtungsweise? Ganz bestimmt. Es gibt gute Leute da draußen, davon gehe ich aus. Es gibt auch gute Literatur. Und ich bin durch all die gemachten Erfahrungen die glückliche Frau und endlich auch Künstlerin geworden, die ich heute bin. Das Genervte hat sich verzogen. Und sitzt nun mir gegenüber.

Die Coachin. Baba Yaga 4.0. Mindestens. Eine wild gelockte Alte mit Silbermähne. Ihr Blick ist eigentümlich, die Augen schauen in zwei Richtungen. Sie ist verschlafen und noch nicht ganz in dieser Welt angekommen. Lehnt im zerschlissenen Hauskleid, das schon mal bessere Tage gesehen hat, und den warmen Filzpatschen vorm Laptop. Die heiße Wärmflasche dämpft den leichten Magenschmerz, den sie seit ein paar Tagen spürt. Die warme Strickjacke rutscht ihr von den schmalen Schultern. Der Morgenkaffee wird sie hoffentlich beleben. Gleich geht ihr Tag los, drei Skypeberatungen stehen im Terminkalender. Sie muss die Protokolle der letzten Beratungen endlich fertig formatieren und verschicken. Es gibt unzählige Beitrittsanfragen in die geheime Facebookgruppe. Die Instagram-Follower werden nicht mehr, so viel und so regelmäßig sie auch postet. Viel lieber würde sie eine ausgiebige Runde im Wald drehen, den Vögeln zuhören, den Herbst willkommen heißen. Und außerdem sollte sie Winterreifen am Auto montieren lassen. Es hat Minusgrade da draußen. Morgen. Morgen nimmt sie sich ganz sicher einen Tag frei. Da piepst das Handy. Einer Frau aus der Whatsapp-Gruppe geht es heute besonders schlecht. Seufzend stöpselt sie die Kopfhörer ein und nimmt einen großen Schluck vom kalten Kaffee.

Die Wolfsfrau und ich

Ich liebe Märchen. Heute, als Tochter, Mutter und Großmutter einer langen Frauenlinie. Idealerweise Märchen aus allen Kulturen. Irgend etwas kam mir als Kind an den Grimm’schen Märchen komisch vor. Andersen‘ Märchen wurden uns bewusst vorenthalten weil zu grauslich. Manche Buchseiten wurden sogar verklebt, um unsere Kinderseele zu schützen. So richtig warm wurde ich nicht mit all den Geschichten in den Büchern. Die bösen Frauen, die guten Könige und Prinzen. Liebreizende Prinzessinnen und tollkühne potentielle Liebhaber, die unfassbar unmögliche Aufgaben zu bewältigen hatten. Gestellt wurden diese Aufgaben natürlich von bösen Hexen, einer in meinen Augen bösartigen Frau Holle, die nur das Gute, Liebliche, Brave duldete und unterstützte. Et Cetera. PP.

Irgendwann als junge Erwachsene kriege ich „Die Wolfsfrau“ von Clarissa Pinkola Estés in die Finger. Und ich, frisch geschieden und bis unter meine Haarwurzeln und ins erschöpfte Herz hinein voll mit Fragen ans Leben, verschlinge sie mit Buchdeckel und Buchstabe. Wort für Wort. Märchen für Märchen. Interpretation für Interpretation. Trage das Buch eine Weile wie eine Bibel mit mir herum. Missioniere jeden Menschen, der dies zulässt. Sorry for that! Und schiebe „Die Wolfsfrau“ irgendwann zurück ins Buchregal. Fertig. Viele Zitate aus diesem Buch werden Teil meiner Sprache, meines Glaubens an mein Frausein, so sehr inspirieren mich die Schilderungen. Und ich vergesse das Meiste wieder.

Zwanzig Jahre später fängt eine Freundin an, mit diesen Geschichten kunsttherapeutisch zu arbeiten. Ich weiß nicht, ob es zeitgleich mit meinem Bedürnis nach Wiederlesen ist oder nicht. Jedenfalls suche ich das Buch erfolglos in meinem Buchregal. Was mit fast allen Büchern in meinem Leben passiert, die gut sind. Hergeborgt, nie mehr wieder bekommen. Was solls. Ein paar Willhaben-Klicks später landet ein verrauchtes, gebrauchtes Exemplar bei mir. Ich überwinde meinen Ekel vor dem abscheulichen Geruch und falle wieder tief in die Seiten des Buches. Habe das Gefühl, dieses Buch noch nie, nie gelesen zu haben. Fast alles ist neu. Die vertraute Stelle mit dem Narbenmantel, die muss ich ewig suchen. Eine Freundin erklärt sich bereit, sich zur Wolfsfrau von mir fotografieren zu lassen. Wir machen ein unglaublich berührendes Fotoshooting in meinem Tageslichtatelier. Und der Prozess stockt wieder.

Doch dann ist es so weit. Zwei Praxisjahre mit trial and error haben mir genug handwerkliches Wissen vermittelt, um ein gedrahtetes textiles Wesen meiner Vorstellung machen zu können. „Mein“ Narben-Mantel ist sehr schnell als klare Vision da. Die Wolfsmaske kommt später, so passend zur parallelen Arbeit mit Paperclay beim Kindertheater des letzten Schuljahres. Der gefilzte Körper entsteht beim Tun, ändert immer wieder sein Aussehen, die Herangehensweise an die Fertigstellung. Prozessual, wie so oft in meinem Leben. Wochenlang liegt der angefangene Körper der Puppe im Kasten. Immer wieder nehme ich die entstehende Frau heraus, verschicke Fotos von ihr an Vertraute. Rede über sie. Zeige sie her und arbeite an ihr. Trage sie im Herzen. Lese über wilde Frauen, begegne ihnen, begegne dem Ungezähmten, dem Intuitiven, dem Kreativen in mir. Das Leben eben.

Und nun ist sie da. Ein halbes Jahr später. Sie ist vollkommen anders geworden als ich sie mir im Kopf ausgedacht habe. Noch sehr jung, ein Mädchen im Übergang zur Frau. Sehr stark behaart, das muss endlich einmal sein. All der angelernte und übernommene Ekel vor Körperbehaarung stülpt sich über mich und will durchlitten werden. Aus einem zarten Flaum an manchen Körperstellen wird eine fast tierische Durchgangsbedeckung, die sich vollkommen richtig und gut anfühlt. Schützend und wärmend. Das Gesicht ist glatt und angepasst an herkömmliche Schönheitsideale. Der Lippenstift bereitet mir besondere Freude, die Farbe wird sich im Mantel wiederholen. Als eine andere Freundin mir heute Morgen zurück meldet, die Maske sei sehr lieb und nett und nicht ganz wolfstypisch muss ich lachen. Genau. Abgesehen davon, dass ich kaum handwerkliche Ahnung habe, wie „grimmig“ mit Pinsel und Farbe auf eine Maske zu bekommen ist, ist mir die Maske ebenfalls zu brav gewesen. Lieb und nett und angepasst. Ein bissel was an Ausdruck kann ich retten. Der immer geplante Spiegel landet auf der Rückseite. Und ich genieße jetzt einfach einmal, dass sie da sitzt, das Mädchen mit der Wolfsmaske, das irgendwann zur Frau wird. Das in den Spiegel schaut, der eine Wolfsmaske ist. Ob sie sich versteckt? Ob sie droht? Ich habe keine Ahnung. Es ist nur eine Puppe. Und in Wahrheit so viel mehr. Seit heute Morgen klopft die wilde Baba Yaga meiner slawischen Vorfahren an meine innere Türe. Ich geh dann mal aufmachen…

Wiederauferstehung der fetzigen Stoffpuppe

Ragdoll sagen die englischsprechenden Menschen zu dieser Urform der Puppe. Für meine Ohren klingt das schöner als Fetzen- oder Lumpenpuppe. Sprache ist Geschmacks- und Auslegungssache. Fast in allen Kulturen auf diesem Planeten wurden Lumpenpupen hergestellt. Aus natürlichen Materialien mit interessant geformten Holzstöcken, Steinen oder Gräsern. Verbunden mit Pelz und Leder, später mit Wolle, Stoffresten und allerlei Fundmaterial. Die Puppenmacherinnen und Puppenmacher von heute spielen mit den natürlichen, einfachen Formen. Große Menschen und kleine Menschen. Und manchmal auch miteinander.

Die letzten zwei Tage bin ich gemeinsam mit der Mosaikkünstlerin Angela, der Holztrumm-Künstlerin Ruth und mit dem Meisterdrechsler Alfred Teil der Interreg-Veranstaltungsreihe STREAM. Erinnert ihr euch an den Muttertag im Archeologiepark Livelet? Genau diese Menschen kommen nun als große Gruppe ein Wochenende zu Besuch nach St. Veit an der Glan und präsentieren ihre Mosaikkünstlerin Carolina. Und die temperamentvolle italienische Musikgruppe Na Fouia, die wir live hören.

Wirklich berührt und auch angerührt bin ich nach zwei Tagen hochkonzentrierten Arbeitens, was das Herstellen von textilen Wesen mit Kindern macht. Einmal mehr in meinem Leben, wenn ich in Gruppen arbeite. Die Puppen werden von den Kindern fast im Alleingang vorgezeichnet, als Papierschnitt freigestellt und auf gebrauchte Kleidungsstücke gesteckt. Für viele ist es ein Tag Arbeit, um mit dem Wesen fertig zu werden. So viele kleine Arbeitsschritte. Der Körper, die Gliedmaßen, alles wird mit Füllwatte gestopft, Augen und Mund und Nase sind zu malen. Von den Kindern wird Einiges an Fingergeschick gefordert. Sie bauen innerhalb ganz kurzer Zeit Beziehung zu diesen Wesen auf. Da geht es ihnen wie mir in meinem Atelier. Die Puppe beginnt, ihre Ideen zu übermitteln, sich einzumischen, macht Vorgaben. Wir staunen alle, was für interessante Wesen das Licht der Welt erblicken. Mit kariertem Körperstoff, blau, grün, rosa. Ausnahmslos alle Haare sind lang. Und bis auf einen Jungen sind Mädchen die Erschafferinnen.

Ich muss mich immer wieder zurücknehmen, weil die Kinder alles selbst machen wollen, was sich nur irgendwie zeitlich ausgeht. Einige lernen in diesen zwei Tagen das Nähen, weil es sonst niemand für sie macht. Andere malen so rasant Augen und Nase und Mund hin, dass mir schwindelig wird. Und immer, immer passt die Puppe zum Kind. Fällt anderen auf, wie ähnlich sich die Erschafferin und das Wesen sind. Zum ersten Mal werde ich von allen Seiten gefragt, ob ich das nicht öfter machen könnte. Na klar, ich werde mir etwas einfallen lassen.

Die Kinder erzählen, beginnen bereits mit den halbfertigen Puppen zu spielen. Ich höre, dass Winterkleidung herzustellen sein wird, es soll ja wieder kälter werden. Und ob das vielleicht im Werkunterricht in der Schule geht? Auch die Erwachsenen erzählen aus der Schulzeit. Und wirklich nicht alle haben schöne Erinnerungen an die Zeit des Werkens, des kreativen Tuns. Jedes Mal beim gemeinsamen Tun entsteht dieses Feld, in dem sich Menschen zeigen, wie sie sind. Mit ihren Verletzungen, mit ihren schönen Erinnerungen, mit dem, wie sie heute sind. Ganz wunderbare, tiefgehende Gespräche entstehen, obwohl so intensiv gearbeitet wird. Ganz schwer zu beschreiben, was hier entsteht. Aber es scheint zu nähren, zu kräftigen und die Menschen in ihrem Sein zu unterstützen.