Mein Atelier verwandelt sich am Wochenende in eine Schneiderwerkstatt. Obwohl ich eigentlich entspannt meinen Wochenrückblick der vierten Woche schreiben will. So ist das, wenn frau sich für eine neue Gestaltungsform in ihrem Handwerk interessiert. Und Kindern etwas verspricht. Glücklicherweise schneit es das Wochenende mehr oder weniger durch. Die Männer schaufeln sich durch einen Winter wie anno dazumal. Wir liegen genau im Bereich der Schneefallgrenze. Manchmal mischt sich ein Regentropfen in das Weiß. Der Rest des Niederschlages – er bleibt ein paar Stunden als weißer Schnee liegen. Bis die Mittelmeerwärme durchgreift.
Zurück zum Stress. Und warum Schneiderwerkstatt? Dazu liest du hier später ein bisschen mehr.
- Menschen, Menschen und ein Kater
- Kinder, so ein Theater
- Oh du liebe Technik
- Ohrensausen und der eigene Weg
- Musik und Vielfalt
- Meine Stolperer
- Charity und Mexico
Menschen, Menschen und ein Kater
Es kommt noch nicht sehr oft vor, dass ich eine ehemalige Schulkollegin der noch ehemaligeren Frauenberufschule treffe. Sie erkennt mich vollständig. Mit Namen und allem drum und dran. Ganz im Gegensatz zu mir. Spieleabend in der Künstlerstadt Gmünd. Mit dem Auto ist das von unserer Stadtwohnung zwanzig Minuten Fahrzeit entfernt. „Zwischen Raum“ heißt das Projekt. Im Sommer geben sich hier Artists in Residenz die Galerie-Tür in die Hand. Im Winter nutzen Interessierte die Räumlichkeiten für Workshops, Austausch, Ausstellungen und zwangloses Zusammenkommen. Wir kommen ganz bestimmt wieder. Wir lachen zwei Stunden durch. Kennst du das Spiel „Stadt, Land, Vollpfosten?“ Und denkst du auch so kompliziert?!
Kater Leo, der jetzt Bertl heißt, lässt sich dieses Mal nicht blicken. Letzte Woche hat er, mit dickem Winterfell, durch die Glastür hereingestarrt, weil ein Hund im Raum war. Leo, also Bertl, ist übrigens unser Freigängerkater, der es vor zwei Jahren irgendwie geschafft hat, von Seeboden nach Gmünd umzuziehen. Wir wissen bis heute nicht, wie das gegangen ist. Da er in jedes Auto kraxelt, wird ihn wohl einmal ein Spaziergänger mitgenommen haben. Wir freuen uns einfach, dass unser freiheitsliebende Kater hier so geliebt und offensichtlich auch gefüttert wird. Er freut sich, uns zu sehen. Und dann zieht er weiter.
Zwei Vorgespräche mit Kundinnen vergangene Woche zeigen mir einmal mehr, wie verbunden wir Menschen manchmal sind. Beide Frauen drücken mit eigenen Worten genau das aus, was auch in mir an Prozessen im Gange ist. Ich halte es kaum aus, dass ich noch ein paar Tage 12 Stunden am Tag an einer anderen Sache dran bin. Nächste Woche hüpfe ich in die Arbeit an zwei Auftragsfiguren, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten.

Kinder, so ein Theater
„Darf ich auch ein Baum sein?“, fragt der Knirps. Meine Idee, dass wir Bäume aus Kartons zuschneiden und bemalen könnten, kann ich mir abschminken. Aus diesem Feld kommt er, der Stress. Eigentlich – eigentlich wollte ich mit 29 Kindern einfache Sockenpuppen nähen. Überzeugt von meiner unendlichen Energie – und dem großen Festsaal neben der Schule – entscheide ich, es werden größere Köpfe. Und wenn es schon sein soll, dann bauen wir Rod Puppets mit Klappmaul. Rod ist der Stab für den beweglichen Arm der Figur. Klappmaul ist ein Kopf, der den Mund öffnen und schließen kann.
So weit. So gut. Einen Schnitt finde ich dankenswerterweise online. Chat GPT ist einfach eine tolle Suchmaschine! Das Kartonklappmaul, neunundzwanzig Mal zugeschnitten, ist in ein paar Stunden fertig. Kann ja alles nicht so viel Arbeit sein. Ich durchsuche mein Lager nach dehnbarem, farblich passendem Material. Immer noch greife ich auf tolle Textilien aus den Jahren 2016 bis 2018 zurück, die uns damals geschenkt wurden. Upcycling as usual.

Wieder einmal vergesse ich darauf, zu essen und zu trinken. Ein Glück, dass der Liebste für unsere Familie sorgt. Ich husche kurz an den gemeinsamen Esstisch, dann schneide ich weiter zu, stecke Teile aneinander und nähe sie zusammen. Selbstverständlich genau nach Vorgabe der Kinder. Zwei Katzen, eine ganze Menge Bäume, die Königinmutter und ihre zahlreichen Töchter. Sogar der Glücksdrache gelingt, als ich mich mit dem Sechzehnjährigen bespreche.
Tut mir dieser Stress gut? Nein. Ich habe den Aufwand unterschätzt. Nach zweieinhalb Tagen bin ich heute zu Mittag fertig geworden. Wie immer gibt es etwas Gutes im Wilden: vor drei Jahren scheiterte ich kläglich beim ersten Versuch, eine Klappmaulpuppe zu gestalten. Ich scheiterte vor allem am Kontaktkleber. Nach 29 Klappmäulern aus Karton und Schaumstoff weiß ich, wie der Kontaktkleber gern behandelt werden möchte. Dann dient er mir vorzüglich. Außerdem lerne ich, dass mein weicher Schaumstoff ganz einfach mit der Papierschere geschnitten werden kann.

Oh du liebe Technik
Seit einem Jahr lerne ich Notion. Kennen. Wir sind uns schon ein bisschen vertrauter. Aber noch nicht ganz. Auf der Suche nach Möglichkeiten, wie ich beispielsweise mein Werksverzeichnis als PDF an interessierte Kundinnen weiterleiten könnte, bekomme ich nur zusammengequetschte Hochkantausdrucke, die einfach schrecklich aussehen. Dafür entdecke ich eine Galerieansicht und die Möglichkeit, nicht alle Spalten der Tabelle anzuzeigen. Ob das die Lösung sein wird? Ich probiere es weiter.
Auf Linkedin spricht vergangenes Jahr eine Filmerin über die Möglichkeit, sich ein Display an das iPhone zu heften, um mit der Frontkamera zu filmen und nicht mit der schwachen Selfiekamera. Das fällt mir ein, als ich mich dazu durchringe, endlich wieder meinen Arbeitsprozess mitzufilmen. Dass der Akku so gut wie leer ist, war zu erwarten. Kabel? Im Paket ist eines für Android. Himmel, habe ich was Falsches gekauft? Mir fällt ein, dass beim Refurbed iPhone ein Kabel mit Apple-Anschluss und kleinem USB-Stecker dabei war. Eigentlich will ich ja nähen. Aber gut, das teste ich jetzt. Kabelsuche. Kabel ordnungsgemäß in der Packung. Ich kann das iPhone jetzt mit dem Display verbinden. Der Bildschirm bleibt schwarz. Ich sollte den Beipacktext lesen. Einschalten mit Knopf auf der Seite. Am Display auf English Anweisungen zum „Mirroring“. Ein bissel suchen und yeah! Ich kann die beiden Geräte aufeinander abstimmen! Hält das Display am iPhone, dank Magnet? Aber ja! Und mit Halterung? Leider nein. Also noch ein Stativ gesucht, Display mit Stativ verbunden, iPhone daneben. Nach etwa vier Sekunden friert das Display ein. 4K packt das Baby wohl nicht. Bei den Zeitrafferaufnahmen schaut es besser aus. Ach ja, und ich habe dann noch stundenlang genäht. Und nicht alles aufgenommen.

Ohrensausen und der eigene Weg
Eines Morgens beim Schreiben fällt es mir wie Schuppen von den Augen: mein immer mal wiederkehrender Alptraum, ich habe ihn möglicherweise nie richtig verstanden. Ich träume ihn, seit ich erwachsen bin. Es ist ein Traum, bei dem ich entweder durch einen mir völlig unbekannten Wald, durch Schlamm oder ein fremdes Dorf hetze und ein Rätsel lösen muss. Ich habe keine Ahnung, wie ich in diese Sache hinein geraten bin. Ich weiß nur, ich muss. Auch wenn ich keine Ahnung habe, was ich eigentlich muss. Ich muss einfach. Irgendetwas vollkommen Sinnloses, das nichts mit mir zu tun hat. Einen Zug kreieren und von A nach B bringen. Irgendetwas gestalten, ohne Zusatzinfos. Solche Sachen eben! Mittlerweile schaffe ich es meistens, mich während des Traumes aufzuwecken und erleichtert aufzuatmen, dass es nur dieser blöde Traum war. Und zu hoffen, dass er nicht weiter geht.
Was, wenn mir dieser Traum sagen will, dass ich nicht auf meinem Weg bin? Dass es nicht alte Schul-Traumen sind, die sich immer noch verarbeiten, sondern einfach klare Hinweise, dass ich mehr auf meine Intuition und mein Bauchgefühl hören soll? Meine TCM-Fachfrau sagt, mein Ohrensausen deutet auf Anspannung und Stress hin, Leber- und Gallen Chi. Ob ich etwas verändern könnte? Im Nein-Sagen fällt mir ein – ich habe etwas beendet, das mir zu stressig war. Und ich spüre mich wieder. Meine singenden Ohren und meine Träume, ich nehme mich wieder ernster.

Musik und Vielfalt
Mein Marathonwochenende ist vorbei. Und ich nehme etwas mit, das mir so unglaublich gut tut. Musik ist etwas, das mich schon mein ganzes Leben begleitet. Ich bin keine Künstlerin, was Musik betrifft. Habe keine Melodien im Kopf, die unbedingt auf die Welt wollen. In dieser Welt bin ich einfach Gast und genieße. Was du nicht weißt: als Kind wachse ich mit klassischer Musik auf. Die Mutter spielt immer wieder am Flügel. Wir Kinder lernen sehr früh, ernsthafte Musik zu singen. Mich zieht es relativ schnell zu Filmmusik. Ich kaufe mir sogar Schallplatten und höre diese Musik stundenlang. Auch wenn ich später wie alle Jugendlichen auch Rock und Pop höre und mitsinge, bleibt Filmmusik meine heimliche Liebe.
Dieses Wochenende höre ich mir endlich die aktuelle Filmmusik eines Musikers auf Linkedin an, Selcuk Torun. Fantastisch. Das Gute an TIDAL ist, dass es mir nach Ende dieser einen Filmmusik sofort Ähnliches vorschlägt. So lande ich, wie so oft, bei der wundervollen Filmmusik des Films „Chocolat“ von Rachel Portman. Höre mir da ein paar Alben an. Entdecke auch andere Filmmusik von anderen Musikern, die mich begeistert. Und entdecke am Ende die Gruppe Penguin Cafe Orchestra. Kennst du diese britische Band? Äußerst empfehlenswert, wenn du auch so ein Cross-Over-Fan bist wie ich. Diese Briten mixten überhaupt alles und bringen mich zum Lachen.

Meine Stolperer
Jutefäden jucken. Ein klarer Fall von „so geht das nicht“. Bei 29 Kindern dauert es zu lange, den Namen auf Band zu schreiben und auf die Kleidung zu kleben. Also sorge ich vor, mache Namensschilder und hänge sie den Kindern um. Die Kärtchen landen schnell woanders, weil die Schnur so unangenehm auf der Haut ist.
Die Theaterform „Jeux Dramatiques“ kann auch in ein wildes Durcheinander ausarten. Dann hast du vom Spielen hingerissene und begeisterte Kinder, die ich oft mit der Glocke „einfrieren“ muss, damit wir weiter spielen können. Und die in unserem Fall am Ende zustimmen, dass es vielleicht doch gut wäre, Szenen hintereinander zu spielen. Heute bekomme ich die Zusage, dass ich ab Februar bei einer echten Gruppe in Gmünd dabei sein kann. Ich kann nur besser werden!
Als ich vergangene Woche meine Flipchart für das Schulprojekt aus dem Keller ins Auto packen will, stelle ich fest – da ist keine Flipchart mehr. Nur mehr die hölzerne Variante, die Alexander mal für mich gebaut hat, als gar kein Geld für eine neue da war. Ich erinnere mich, dass ich die aus Metall und Plastik vor einem Dreivierteljahr beim letzten Schulprojekt dabei hatte. Ob ich sie wirklich dort vergessen habe? Und mir ist das gar nicht aufgefallen? Die Direktorin schreibt mir freundlich zurück, dass es ihr leid tue – aber in ihrer Schule sei die Flipchart leider nicht. Ich lasse sie los. Dann eben wieder mit dem hölzernen Ding arbeiten. Freitag Mittag, eine neue Mail: die Flipchart ist doch in der Schule. Ich kann sie jederzeit holen kommen. Manche Stolperer haben einfach ein Happy End.
Was ich diese Woche nicht auf die Reihe gebracht habe: den Wochenrückblick auf die beiden ersten Kalenderwochen. Damit lasse ich sie los. Es wird einen eigenen Beitrag über das Workshopwochenende der zweiten Januarwoche in Heidelberg geben, sobald ich es spüre.
Dafür habe ich es geschafft, mir in Google Forms ein Feedbackformular zu erstellen und die Workshopteilnehmerinnen zu kontaktieren. Was ich nächstes Mal unbedingt machen sollte: die Namen von Beginn an abfragen. Jetzt weiß ich das auch!

Charity und Mexico
Eine Freundin, die lange Zeit in Mexico studiert und gelebt hat, weist mich auf ein Frauenprojekt von Dr. Katrin Feldermann in Mexico hin, für das gerade gesammelt wird. Ein oder zwei Mal pro Jahr unterstütze ich andere Projekte auf diesem Planeten mit meinem Handwerk oder mit meiner Kunst. Ganz besonders, wenn es dem Wohlergehen von Frauen und Kindern dient. Jetzt sind zwei meiner Kinderpuppen auf dem Flug nach Mexico, um dort bei einer Tombola versteigert zu werden. Ich freue mich schon darauf, wenn ich dir mehr darüber erzählen kann!

In wenigen Tagen endet dieser erste Monat des neuen Jahres schon.
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