Prag und ein Geburtstag

Alice lebt nicht in Wonderland. Sondern in Prag.

Ich würde am liebsten nur ein großes, dickes, glänzendes Herz hierher zeichnen. Und Prag hinein ritzen. So fühle ich mich, obwohl ich schon wieder daheim bin. Unser zweiter Besuch in Prag ist anders als der erste. Ich verlinke dir den ersten hier. Dieses Mal ist es ein geplanter Ausflug mit Familie. Die mich mit diesem Prag-Besuch zu meinem Geburtstag beschenkt. Die Obercheckerin in der Familie, meine Tochter, ist mit an Bord des knallroten Reiseautos. Und ein gewisser Don Alfonso.

  1. Reisen bildet
  2. John Lennon und Yellow Submarine
  3. Touristenalarm auf und rund um die Karlsbrücke
  4. Alice lebt gar nicht in Wonderland
  5. Don Alfonso und eine Lush-Liebe
  6. Graffitiliebe in Prag
  7. Übernachten und genießen
  8. Pragliebe – to be continued

Reisen bildet

Falls dir der Name Alfons Maria Mucha etwas sagt, du sogar weißt, dass das ein tschechischer Maler und Zeichner war, dann bist du mir einige Wissensschritte voraus. Ich nehme diesen Namen erst bewusst wahr, als mein Mann darauf besteht, dass wir ins Mucha-Museum in Prag gehen. Müssen. Ich höre Jugendstil. Und bin gespannt. Meine Tochter blinzelt ein bisschen – ich habe sie schon in Wien mit Jugendstilausstellungen genervt. Aber gut. Es ist ja meine Geburtstagsreise. Sie kommt mit.

Und dann staune ich. Ich sehe, lese und höre von einem Mann, der kontinuierlich malt, lithografiert, zeichnet und entwirft. Egal ob Theaterbühne, Plakat, Riesenmalerei oder Schmuck, er ist für alles offen. Und er steigt in der Kunstwelt derartig erfolgreich auf, dass er auch in Wien, in Paris und in den Vereinigten Staaten Fuß fasst. Und von seiner Kunst sehr gut leben kann. Er kehrt nach der Entstehung der Tschechoslowakei zurück in seine Heimat und arbeitet weiter, bis 1939 die Nationalsozialisten einmarschieren. Es wird als bekennender Freimaurer und Fan der Pan-Slawischen Bewegung verhört. Und stirbt noch im selben Jahr an einer Lungenentzündung.

Der Jugendstil ist nur scheinbar Dekoration und schöner Schein. Als im 19. Jahrhundert die industrielle Technokratisierung und die Massenproduktion beginnt, sind es Künstler, die einen Kontrapunkt setzen. Sie holen mit ihrer Kunst die Natur in die Städte und zu den Menschen, um das Leben ins Gleichgewicht zu bringen. Der Jugendstil ist politischer, als man auf den ersten Blick vermuten möchte. Es geht rund um das 19. Jahrhundert auch darum, Kunst, Kunsthandwerk, Handwerk, Architektur und Alltag wieder näher zusammen zu bringen. Prag und seine Gebäude sind voll mit dieser Kunstform und mit Art Deco. Wir bestellen noch während der Reise eine Biografie von Alfons Mucha. Und ein Kunstbuch, um uns mit diesem Künstler und seiner Liebe zur slawischen Kultur vertrauter zu machen.

In echt noch viel toller als hier auf dem Foto. Das nicht so Tolle liegt an einer Kamera, die zu Hause geblieben ist.

John Lennon und Yellow Submarine

Auf diesen Ausflug habe ich mich gefreut wie verrückt. Wir kommen am „The Wall Pub“ vorbei, in dem das gelbe Beatles-U-Boot en miniature im Türrahmen hängt. Schon am Vormittag um 11 Uhr geht es hier rund. Wir gehen weiter zur Lennon-Wall. John Lennon, der singende Friedensheld meiner Jugend. Als er am 8. Dezember 1980 in New York erschossen wird, trauern auch die Menschen aus Prag um ihn. Unbekannte zeichnen an der Außenmauer des Malteserordens ein Porträt des Sängers und stellen Kerzen auf. Die Kerzen werden immer mehr. Bald kommen Liedzitate Lennons dazu. Später regimekritische Parolen. Immer wieder wird die Mauer im Laufe der Jahre mit Weiß übermalt. Um unmittelbar hinterher wieder voller neuer Parolen und Bilder zu sein.

Heuer, im Februar 2021, wirkt die Wand nicht mehr wie eine Tribute-Wall für John Lennon. Wir stehen in Zehnerreihen vor der Wand. Jeder will ein Selfie haben. Einige schreiben mit Markern, was ihnen wichtig ist. Angeblich ist die Wand voll mit internationalen Botschaften. Ich muss gestehen, vom künstlerischen Aspekt kann ich mit der Wand wenig anfangen. Am ehesten ist das StreetArt, temporäre Kunst, die sich lebendig verwandelt. Die Idee, dass diese Mauer wie eine politische Statement-Leinwand für alle Menschen freigegeben ist, gefällt mir. Meiner Tochter gefällt die Buntheit auch künstlerisch. Wir Alt-Hippies kaufen im Shop hinter der Wall Ansichtskarten. Ansichten, wie die Wand früher ausgesehen hat.

Ob es hier das allgegenwärtige Beer gibt, das haben wir nicht herausgefunden. Wir mussten zu lange an der Lennon-Wall anstehen, um das obligate Selfie zu machen.

Touristenalarm auf und rund um die Karlsbrücke

Wenn du im eisigen Februar in eine Stadt fährst, könntest du eigentlich annehmen, dass du relativ alleine unterwegs bist. Stimmt überhaupt und ganz und gar nicht. Prag quillt über vor dick eingemummten Touristen aus aller Herren und Frauen Länder. Wir flüchten uns nach dem bummvollen jüdischen Viertel für einen Kaffee in die Mensa der Kunstuniversität. Dann sind wir ausreichend coffeiniert und reihen uns ein in den endlosen Touristenstrom auf und über die Karlsbrücke. Wie gut, dass wir alle orange Kennzeichen am Körper tragen, wir finden uns immer ganz leicht. Alexander bekommt einen Hundebegleiter, der wie selbstverständlich mit ihm mitgeht. Dessen Baby-Hundebruder wackelt vor uns dahin, mit seinem Menschen. Ganz ohne Halsband. Und es funktioniert einwandfrei. Ein Pfiff, und das Hundebaby schmiegt sich an die Beine seines Herrchens. Die beiden haben offensichtlich Übung.

Keine Partei dieser Welt kann uns unser Orange stehlen. Oder das Pink. Wir sind einfach ein bunter Haufen.

Alice lebt gar nicht in Wonderland

Sondern in Prag. Die bunten Cafés der Alice quellen über vor noch bunteren Macrons. Wir gehen staunend über den schwarz-weiß-karierten Fliesenboden. Rattenkönig Don Alfonso streckt seine Nase in die Luft und wittert köstliche Köstlichkeiten. Und schon wieder sehen wir diese herrlichen Luster aus böhmischem, geschliffenem Kristall. Die Damentoilette ist rosarot vom Spiegelrahmen bis zum Waschbecken. Die heiße Schokolade ist fast so cremig wie in Italien und Slowenien. Dafür mit mehr Kakaogeschmack. Köstlich!

Achtung, Hut fällt! Im Wonderland einer Alice und meiner Isabella sind sogar die Toiletten rosarot. Und diesen Luster im Hintergrund, den hätte ich bitte gerne für meinen Zirkuswagen.

Don Alfonso und eine Lush-Liebe

Ja, sorry. Ich muss ein bisschen Werbung hier hinterlassen. First things first. Ich liebe die Firma Lush und ihre Produkte. In Prag gibt es eine duftende, große Filiale im Center Palladium am Platz der Republik. Das riesige Center ist einerseits ein toller Platz, um sein Auto sicher in der Garage abzustellen. Wir finden im vierten Stock endlich vegane Produkte für meine Tochter. Ich glaube, ich war noch nie in meinem Leben in so einem transparenten Shoppingcenter. Alles schwebend, mit unglaublich viel Glas und Rolltreppen, die aus dem Irgendwo ins Nirgendwo fetzen. Mir wird ein bisschen mulmig, als ich aus der vierten Etage in die Tiefe schaue.

Ich habe mir dieses Wochenende vorgenommen, endlich eine meiner Figuren mitzunehmen und in Filmsequenzen einzubauen. Das wäre jetzt die zweite Werbung. Dieses Mal in eigener Sache. Don Alfonso sitzt in meiner bunten Tasche und schaut oben heraus, als ich meine Tochter auf eine Badeperle einlade. Die junge Verkäuferin flippt fast aus. Wer den süßen Kerl gemacht hat, will sie wissen. Und wie er heißt und warum er hier ist. Und ob das wirklich filzmodelliert ist. Weil sie kennt sich aus! Ich bin so perplex, dass mir fast das bisschen Englisch aus dem Gesicht fällt. Sie kann dafür nicht mehr rechnen, erzählt, dass sie selbst Kunst studiert und solche Figuren so toll findet. Und ob ich auch Handpuppets mache, die fürs Theater.

Was für eine unterstützende, bereichernde Begegnung in Tschechien! Ich muss meine Figuren wirklich öfter mitnehmen und sie in meinen Alltag integrieren.

Wo eine Ratte ist, da gibt es immer was zu entdecken. Folge ihr unauffällig auf meinen Youtube Kanal oder diesem Link. Don Alfonso ist so verliebt, der bekommt nicht viel mit.

Graffitiliebe in Prag

Auch in Prag finden wir kunstvolle Graffitis an Wänden, in Tunneln und riesig an Häuserfronten. Die Menschen der StreetArtSzene scheinen auch hier nicht müde zu sein, sich auszudrücken. Mir fallen wunderschöne Geschäftsschilder auf, die wirken, als wären sie früher Tiefdrucke gewesen. Wie Stempel aus einer anderen Zeit. Heute auf Alluminium oder mit Kreide handgezeichnet auf schwarzen Tafeln.

John Lennon Wall, Graffiti und Orange. Niemand wurde verletzt. Versprochen.

Übernachten und genießen

Unser tolles Appartement und den noch tolleren Service unserer Hosts empfehlen wir nach den drei Tagen aus ganzem Herzen. Es war einfach alles da für den ersten Kaffee und Morgentee. Die Küche ist gut genug mit Töpfen und Küchenwerkzeug bestückt, um selbst zu kochen. Und im Appartement zu essen. Die Farben in der Wohnung sind traumhaft schön. Und die Fenster lassen den Wirbel der Großstadt draußen. Den Link dazu hinterlasse ich dir hier. Genau dieses Appartement ist in einer Seitenstraße zum Wenzelsplatz, mit der Möglichkeit, einen überwachten und geschlossenen Garagenplatz vier Minuten entfernt dazu zu buchen. Das mit dem sicheren Abstellen war schon vor einem Jahr eine sehr gute Lösung. Wir behalten das sicherheitshalber bei.

Schlafen wie im Sonnenschein. So lässt es sich gut in einer Großstadt aushalten.

Pragliebe – to be continued

Das war es noch nicht für uns. Prag sieht uns ganz bestimmt wieder. Wir kennen es mit Herbstlaub und jetzt im kahlen Winterkleid. Frühling muss wunderbar sein in Prag. Und wir wollen unbedingt eine Bootsrunde auf der Moldau drehen. Zur Burg hinaufwandern. Weitere Museen besuchen. Und noch tiefer in die Prager Geschichte des Jugendstils eintauchen. Und – nicht zu vergessen in die Geschichten rund um den Prager Golem. Das Leben von Franz Kafka. Und dann gibt es ein Puppentheater, das wir nur zufällig entdeckt haben. Das und viel mehr wartet noch auf uns.


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