Köstenberg und seine Kinder

Die Weitergabe von Wissen an Kinder und das Arbeiten mit Kindern ist mir ein echtes Bedürfnis.

Die Arbeit mit und für Kinder ist in meinem Leben gleichrangig mit meiner Arbeit in der Werkstatt und im Atelier. Ich wäre als Kind gern Lehrerin geworden. Die Erfahrungen in meiner Schulzeit sind so, dass ich diesen Plan aufgebe. Als meine drei Kinder in die Schule kommen, entstehen neue Brücken. Und ich werde um Projekte im künstlerisch-kreativen Bereich angefragt. Das passt genau zu mir. Und zu den Kindern, die mir anvertraut werden.

  1. So fängt es manchmal an
  2. Ein Schulangebot. Und eine Absage.
  3. Die Vorbereitung. Und eine Bühne.
  4. Zwei Tage. Zwanzig Kinder. Und ich.
  5. Was dieses Mal nicht so gut klappt
  6. Endspurt. Und Vorführung beim Schulschlussfest.
  7. Reflexion und Ausblick

So fängt es manchmal an

Letztes Jahr bin ich zu Schulbeginn eingeladen, mit einer Gruppe von mehr als 20 Kindern einen Nachmittag mit Schafwolle und Kreativität zu verbringen. Da muss mich niemand zwei Mal bitten. Das mache ich so gerne. Ich packe meine sechs Kisten und allerhand Zubehör und Bücher ins Auto. Habe ein paar Ideen. Weiß, dass die Kinder sowieso alles umschmeißen und lebendigere Vorschläge präsentieren. Sie sind neugierig, was ich mache. Und möchten das lernen. Und dann legen wir los. So ein Nachmittag ist viel zu kurz. Die Kinder und ich, wir halten locker eine Woche durch.

Wieder zuhause setze ich mich hin und entwickle ein Konzept, das mir schon länger im Kopf herum schwirrt. Filzen – alles klar. Und Filmen. Kann ich zwar noch nicht perfekt. Aber ich liebe es. „StopMotion“ ist eine Herausforderung, die mich schon lange sehr reizt. „StopMotion“ als Filmart ist Animation von Gegenständen. Du filmst eine klitzekleine Bewegung, dann die nächste. Und die nächste. Und so weiter und so fort. Durch das Aneinanderreihen entsteht für das Auge ein Film, wenn alles in einer bestimmten Geschwindigkeit abgespielt wird. Falls du jetzt an Daumenkino denkst, liegst du vollkommen richtig.

Streifenkino, wie einfach Stop und Motion erklärt werden kann!

Mittlerweile ist die digitale Technik so weit voran geschritten, dass du mit iPhone, gutem Licht und einem Stativ sehr zufriedenstellende Qualität herstellen kannst. Die Kinder sind teilweise mächtig versiert mit Brick Motion – Lego, das sich filmisch bewegt.

Ein Schulangebot. Und eine Absage.

Erstaunlicherweise klappt es bei mir heuer nicht so gut mit der Mitfinanzierung von Schulprojekten wie in den Jahren vor der Pandemie. Für unser vielstündiges Theaterprojekt bekommen die Schule und ich nur ein niedriges wirtschaftliches Mitfinanzierungs-Angebot. Die Anfrage, ob wir das Projekt verkleinern können, beschäftigt uns alle. Die Projektleitung in der Schule. Die Direktion. Und mich. Schulen haben kaum mehr eigenes Geld für Projekte von außerhalb. Aus meinem anfänglichen entttäuschten „Nein“ wird ein „Ich hab was!“ Mir fällt nämlich das „Filzen und Filmen“ wieder ein.

Ich sage den angefragten Referenten des großen Theaterprojektes ab. Bedanke mich schweren Herzens für die Bereitschaft. Sie hätten gerne dazu beigetragen, dass die Kinder mehr über „ihr“ Dorf erfahren. Es soll dieses Mal nicht sein.

Und dann noch einmal ran an den Computer. Alles umschreiben. Umdenken. Umstrukturieren. Verkleinern und doch in der Qualität hochhalten. Den Kindern zuliebe.

Und dieses Mal bekommen wir eine Zusage. Aus sechs Arbeitstagen werden zwei. Mir ist klar, dass ich daheim schon Einiges vorbereiten muss, wenn wir ein beglückendes Ergebnis erzielen wollen. Vor sinnvoller Arbeit habe ich mich in meinem ganzen Leben nicht gedrückt.

Die Vorbereitung. Und eine Bühne.

Ich weiß, dass 20 Kinder im Alter von 8 bis 10 Jahren mit mir arbeiten werden. Ich treffe den Klassenlehrer und die Projektleiterin, telefoniere mit der Direktorin. Entwerfe ganz grob einen Fahrplan. Teste praktisches Arbeiten mit dem innerfamiliären Vierzehnjährigen. Und stecke das Nachbarskind mit „StopMotion“ Begeisterung an. In der Praxis sehe ich – uiuiui, das wird knapp mit dem Selbermachen der Figuren.

Ergo: verbringe ich einige Tage damit, kegelartige Grundfiguren herzustellen. Der Kern ist geschenkte und gesponnene Schafwolle, die ich nicht verstricken kann. Schafwolle juckt meine Haut wie verrückt. Aber – ich kann sie statt Styropor zu Grundkegeln formen. Ich komme nach einer Handvoll Kegelkörpern davon ab, umständlich Glasmurmeln einzufilzen. Den Kindern bleibt die Aufgabe, „ihre“ Figur einzukleiden. Mit bunter Schafwolle und der Filznadel. Die Figuren werden ein Holzplättchenpodest aus Alexanders Holzwerkstatt bekommen. Hauptsache sie sind später standfest.

Kegelwesen, die auf ihren Auftritt warten

Im Gespräch mit Alexander wird klar, dass ich eine transportable, stabile Bühne brauche. Kaufen? Oh nein. Da ist ein Handwerker. Mein Mann. Sein Wort. Er baut mir eine. Wir entwickeln miteinander eine Idee, wie groß das Stück werden darf, damit es noch gut ins Auto passt. Und dann wird gesägt, gebohrt und gehämmert.

Während es im Keller zischt und kreischt, ziehe ich mir alles aus der Youtube Academy, was ich über StopMotion finde. Zusätzlich zu einem detaillierten und umfassenden Domestika-Kurs der wundervollen Andrea Love, die ich dir verlinke. Komme drauf, ha, ich habe mir doch schon die ProVersion für die Filmbearbeitung geleistet – und jetzt nutze ich sie. Ich lese vier Bücher rund um Kinder-StopMotions. Alles bleibt nicht hängen. Aber einiges.

Beispielsweise lerne ich, dass es praktische Bluetooth-Auslöser gibt, damit die Kamera beim oftmaligen Auslösen nicht wackelt. Mein Mann bietet mir seinen von einem Stativ an. Irgendwie spüre ich, ich brauche einen professionelleren. Sicherheitshalber bestelle ich mir einen. Der Verkäufer verspricht, dass sich das locker ausgeht.

Parallel ergibt es sich, dass ich angefragt werde, ob ich im Sommer und im Herbst bei StopMotion-Arbeiten in einem Klagenfurter Wissenswertwelt-Museum unterstützen könnte. Ob ich kann? Ich will! Ich lerne bei Profis – es wird also weiter gehen. Ich sage begeistert zu.

Zwei Tage. Zwanzig Kinder. Und ich.

Jede Schule ist ein bisschen anders. Das kenne ich nach all den Jahren schon. Köstenberg hat eine recht kleine Landvolksschule. „Meine“ Klasse ist eine jahrgangsübergreifende der dritten und vierten Schulstufe. Als ich frühmorgens vorfahre und einparke, überlege ich mir, was ich alles beim ersten Weg in die Klasse mitnehme. Ich öffne die Autotür. Da stehen vier Knirpse und strahlen mich an. „Guten Morgen, können wir Ihnen etwas in die Schule tragen helfen?“ In nullkommanix sind alle Kisten, das Flipchart, die Lampen und ein paar Säcke an die Jungs verteilt und ich muss schauen, dass ich ihnen nachkomme.

Wir dürfen im großzügigen Werkraum arbeiten, was für ein Vergnügen! Der Klassenlehrer ist leider erkrankt. Zwei Pädagoginnen wechseln sich für ihn ab, um mich zu unterstützen. Sogar die Direktorin kommt vorbei und begeistert sich für unsere Arbeit. Der erste Vormittag dient dem Kennenlernen. Dem theoretischen und praktischen Kennenlernen von Animationsfilm. Und der Entwicklung von fünf Szenen, mit Storyboard und Überlegungen für Hintergrund und Gegenständen.

Auffallend ist heuer eines: ich bin es gewohnt, dass Kinder irgendeine Form von Konflikt darstellen wollen. Doch heuer geht es ernsthafter zur Sache. Ich lasse ihnen den Raum, sich mit Gewalt, dem Krieg in Osteuropa und in Palästina auseinander zu setzen. Es gibt einige bis zu den Zähnen bewaffnete Filzfiguren. Weich. Und doch dran am Thema. Bei zwei wilden Handlungssträngen ist es möglich, demokratischere als ursprünglich ausgedachte Entwicklungen auszuhandeln. Es tut allen sichtlich gut, dass ich nicht kategorisch einschreite sondern mitfühlend und mitdenkend bei ihren Geschichten bleibe. Sehr berührend ist für mich eine Szene: zwei Gruppen haben sich für einen beliebten Ort des Geschehens in der Geschichte entschieden. Beide wollen das Gleiche. Die Lehrerin sagt im Vorbeigehen: „Ihr wisst eh, Schere, Stein, Papier.“ Das Ergebnis nach drei Runden wird ohne Murren akzeptiert.

Ob wir die beiden Buben und ihre Werklehrerin als Berater zu unseren Großmächten schicken?

Schere, Stein, Papier – ganz ohne Krieg!

Der zweite Tag wird technisch. Zuerst eine große Überraschung in der Früh: aus der besprochenen Zeichnung für eine Szene ist ein Labyrinth aus Sperrholz, bemalt und mit Pflanzen beklebt, geworden. Ein echtes, großes Labyrinth, einen Meter mal einen Meter. Auch alle anderen Kinder bringen das Versprochene mit. Ein Duploturm und Figuren und Kanonen und viele Zeichnungen.

Wir nehmen nacheinander Szene für Szene auf. Der Bluetoothauslöser meines Mannes ist nach sechs Auslösern leer. Mein sechster Sinn tat gut daran, einen eigenen zu bestellen. Nur leider – ist er zu Projektbeginn nicht pünktlich lieferbar. Also lösen wir jedes Bild händisch an der Kamera aus. Filmen zwischendurch auch direkt ab, was uns dazu einfällt. Glücklicherweise filmen und fotografieren auch die Lehrerinnen ein bisschen in die arbeitende Klasse hinein. Am Ende des Tages haben wir fünf Szenen im Kasten. Jede Menge zusätzliche Zeichnungen. Begeisterte, glühende Kinder. Und eine glühende Filmerin. Mich.

Alexander begleitet mich an diesem zweiten Tag. Er ist ganz neugierig auf die Kinder, von denen ich ihm vorschwärme. Er übernimmt mit einer Lehrerin die Aufgabe, die Kinder dabei zu begleiten, die Texte am Handy original gesprochen aufzunehmen.

Wieder bekommen wir in der Abschlussrunde zu hören, wie sehr es den Kindern taugt, so zu arbeiten. Die Zeit ist allen viel zu kurz! Die Erwachsenen melden mir zurück, dass sie sich nie hätten vorstellen können, dass wir so weit kommen.

Was dieses Mal nicht so gut klappt

  • wir nehmen aus zeitlichen Gründen keinen Gesang mehr auf
  • die geplanten Theaterübungen führen wir aus zeitlichen Gründen etwa zur Hälfte durch
  • die Kinder kennen sich am Handy nicht so gut aus, dass sie von sich aus Arbeitsprozesse mitfilmen und mitfotografieren, während eine Gruppe dreht – das übernehmen wir Erwachsenen

Endspurt. Und Vorführung beim Schulschlussfest.

Ich mache ein paar Tage Urlaub in Frankreich. Und dann sitze ich bei der Filmbearbeitung. Laie bin ich nach zehn Tagen und vielen Stunden keiner mehr. Ich lerne eine Menge dazu über schneiden, nachvertonen, Texte einfügen, Animationen ausprobieren oder Geräusche einfügen. Die ganze Familie nimmt Anteil an dieser Arbeit. Und tadaaaa, hier ist die Doku, den Link füge ich dir in der Bildunterschrift ein:

Link zur Dokumentation

Ein Dokumentarfilm über das StopMotion Projekt „Filzen und Filmen“. Von Kindern für Kinder gemacht. Danke an alle Erwachsenen, die sich so achtsam zurück gehalten haben, damit den Kindern viel künstlerische und kreative Freiheit zur Verfügung stand. Danke auch allen, die mit angepackt haben, wenn es helfende Hände brauchte. Und danke an den OeAD, der dieses Projekt mitfinanzierte.

Reflexion und Ausblick

  • das Thema Film zieht mich mehr und mehr in seinen Bann
  • im Juli mache ich für einen filmenden LinkedIn-Kollegen zwei StopMotion Figuren, die sich bewegen können
  • im September und im Oktober bin ich Lehrende und Lernende rund um StopMotion Filmerstellung mit Kindern
  • hast du eine Idee, wie mehr meiner „Kind&Kunst“ Schulprojekte finanzierbar werden?
  • führst du ein Unternehmen, das Schulprojekte mitunterstützt, weil die Unterstützung von kindlicher Kreativität zu deinen Unternehmenswerten passt?

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