Verletzlichkeit und Stärke

Und das hat dich jetzt verletzt?

Sie zuckt zusammen. Verletzt ist sie nicht. Sondern überfordert. Sie sucht beim Italiener im Supermarkt nach reifen Granatäpfeln. Die Ärztin hat ihr empfohlen, mehr „Rot und Grün“ zu essen, um aus dem grauen, vernebelten Jänner-Tief zu kommen. Sie kennt das. Im ersten Monat des Jahres sind ihre Batterien leer. Ähnlich einer Pflanze, die in der lichtarmen Zeit oberirdisch mehr oder weniger abstirbt. Und alles Leben in die Wurzeln zieht. Der Mann an ihrer Seite hat keine Lust mehr, nach gutem Obst zu suchen. Und drängt zur Eile. Die Freunde warten beim Bier auf ihn.

Überall im Geschäft werden Mimosenpflänzchen in Töpfen angeboten. Wie die Menschen auf die Mimose kommen, um Verletzlichkeit und Stärke auszudrücken, ist ihr ein Rätsel. Die grüngelben flauschigen Bällchen ihrer Blüte verströmen sogar unter dem Plastik einen eigenartigen Geruch. Seltsam süß und ein bisschen sauer. Ihre zarten, grünen gefiederten Blättchen schmiegen sich an den Stamm. Blättchen, die schon zusammenklappen, wenn sie nur berührt werden.

Dieses Zusammenziehen der antennenförmigen Seitenrispen am Blatt kostet der Mimose angeblich ganz viel Kraft. Und die Menschen meinen, es sei Ausdruck von Kraft, wenn sich die Blättchen wieder ausbreiten. Womöglich spart sich das Pflanzenwesen beim Zuklappen Kraft, um stark zu bleiben?

Ethel Rose Campell möchte sich in Frankreich ein erschwingliches Grundstück kaufen und eigene Hühner halten

Sind Menschen genauso? Wenn die Reize zu viel werden, hält das der sogenannte gesunde Mensch gefälligst aus. Sie staunt so sehr, dass Menschen von Krankheit sprechen, wenn andere sich vor Überreizung mit lärmreduzierenden Kopfhörern schützen. Große Menschenmengen meiden. Sie reden von Hochsensibilität als Störung. Ist es wirklich verwunderlich, wenn Menschen in Großstädten rasch an ihre sensorische Belastungsgrenze kommen? Wäre es nicht logisch und klug für alle, ihre Tagesenergie vernünftig einzuteilen, um nicht in Burnout und seelische und körperliche Überlastung zu schlittern? Was ist gesund und was ist hier krank?

Sie seufzt. Der Mann hat inzwischen seine Geduld verloren und den Laden verlassen. Sie hat reife Birnen gefunden, zwei Granatäpfel und eine duftende Ananas. Sie wird gemütlich durch den Park heimwandern. Die kalte, klare Winterluft genießen und sich später eine gemütliche Wanne mit warmem Wasser einlassen.

  1. NACHTSCHATTEN NUMMER 2
  2. DER MONTAG UND DAS KRÄUTERSEITLING-WALNUSS-FASCHIERTE
  3. DER DIENSTAG UND DAS LICHT-ATELIER
  4. DER MITTWOCH UND EINE GESCHENKTE ORCHIDEE
  5. DER DONNERSTAG UND MEIN KNIE
  6. DER FREITAG UND KNUSPRIGES BROT HÖREN
  7. DER SAMSTAG UND VITAMINREICHER BESUCH
  8. DER SONNTAG UND EIN AUSFLUG IN DEN WINTER

NACHTSCHATTEN NUMMER 2

Das Studium wird vergangene Woche intensiver. Ich habe erstaunlich viel Mühe, meinen Fokus auf eine Aufgabe und ihre Unteraufgaben zu richten. Die Dualität in Themen beispielsweise. Die zu mir passenden Erzählungen, die zu diesen Themen passen. Das Verbinden scheinbarer Gegensätze. Mein Hirn würde gern auf Wanderschaft gehen und sich schnell mit etwas „Leichterem“ ablenken. Das tut es dann in der Nacht. Meine Träume sind seltsam. Und ich kann eindeutig zuordnen, dass der Verstand lernt, sortiert und ordnet.

DER MONTAG UND DAS KRÄUTERSEITLING-WALNUSS-FASCHIERTE

Kräuterseitlinge liebe ich, seit diese knackigen Pilze auf Bauernmärkten angeboten werden. Dieses Mal testen wir ein Instagram-Rezept für veganes Faschiertes, das mir das Wasser im Mund zusammen laufen lässt. Es sieht einfach aus und soll schnell gehen. Im Grunde geschieht alles im Mixer und wird angeröstet. Es geht auch in meiner kleinen Küche sowohl einfach, als auch schnell. Und was soll ich sagen – es schmeckt himmlisch! Mit dem Vogerlsalat vom Lieblingsbauern vom Faaker See ist das Ganze ein richtig feines Gericht für den Frühling, der sich noch gut versteckt. Die Konsistenz ist von Faschiertem, der Geschmack überwältigend neu und köstlich. Das kommt definitiv öfter auf unsere Mittagsteller. Und ist ein Gericht mehr in unserer Palette mit viel Gemüse, tierischem und Pflanzeneiweiß. Und ohne Fleisch.

DER DIENSTAG UND DAS LICHT-ATELIER

Du hast auch noch nichts oder nur ein bisschen von der italienischen Reggio-Pädagogik gehört? Willkommen im Club. Und falls doch – bitte erzähle mir gern Praktisches und Anwendbares! Ich hänge sowas von am Haken und ziehe mir alles in meine Studienordner, was Chat GPT mir zusammen sucht. Mein Interesse ist so etwas von geweckt.

Kleinstkinder im Lichtatelier, die innen und außen auf reflektierenden Böden ihren eigenen Schatten fangen und vertieft sind ins Spiel mit Licht und Schatten. Größere Kinder, die mit durchscheinendem Material Gebäude bauen. Aus Verpackungsmaterial Schatten an weiße Wände projizieren und diese Szenen bespielen. Oder am Overheadprojektor Farbe ins Wasser tropfen lassen und staunend an der Wand stehen, um sich den berückend schönen Mischvorgang der Flüssigkeiten aus der Nähe anschauen. Lichttische, auf denen Kompositionen mit Sand, mit Ton, mit beschriebenen Overheadfolien entstehen und von den Kindern fotografiert werden. Und ganze Lichtshows von größeren Kindern, die Eltern und kleineren Kindern vorgeführt werden. Ich kann während des Vortrag kaum aufhören, nebenher mit Taschenlampe und Licht und Schatten zu experimentieren.

DER MITTWOCH UND EINE GESCHENKTE ORCHIDEE

Sie ist vor mindestens fünf Jahren ein Geburtstagsgeschenk. Schafft vor drei Jahren den Umzug in unser Projekt mit der Gemeinschaft. Treibt dort aber nur Luftwurzeln und geht wenigstens nicht in die ewigen Pflanzengründe ein. Als wir vor einem Jahr in die Stadtwohnung ziehen, gebe ich ihr einen Platz am Ostfenster und kümmere mich wieder um sie. Sie dankt es mir mit zwei überraschenden Seitentrieben und vielen zarten Blüten.

Heuer ist sie zwei Monate früher dran. Offenbar genießt sie die Sommerzeit am Balkon. Und die regelmäßigen Wasserbäder mit dem fast kalkfreien Wasser hier vor Ort. Ihre Schwester vom HOFER, die letztes Jahr berstend voll mit Blüten zu ihr auf die Fensterbank kommt, riskiert bis jetzt nur einen Seitentrieb. Der auch eine Luftwurzel sein könnte. Abwarten und weiter Wasserbäder anbieten.

Orchidee mit weißen Blütenblättern, zur Mitte hin purpurfarben mit gelben Einschlüssen. Blüten und Knospen an einem Seitenarm.
Zartheit in Perfektion. Die Natur ist die begabteste Architektin.

DER DONNERSTAG UND MEIN KNIE

Meine neue Heilpraktikerin meint, das Ausleiten von Giftstoffen aus meinem Körper hat meine Gelenkregion am Knie angeregt, sich von Schlacken zu befreien. Nun gehe es darum, das zu unterstützen und abzuwarten. Nach dem Besuch und ihrer Behandlung mit dem Bioresonanzgerät bin ich fast schmerzfrei.

Und so bescheuert, fröhlich aus der Unterstadt in die Oberstadt zu stapfen. Ist ja nicht weit. Ich brauche dringend Arbeitsmaterial, um meine Paperclay-Kopfformen weiter zu üben. Also los, ich kann ja wieder auftreten! Beim Gehen auf den kleinen Stadthügel starte ich viel zu schnell und belaste mein Knie so ungeschickt, dass mir übelst schlecht wird. Irgendwie schaffe ich es, das Material zu besorgen und wieder heimzukommen. Den restlichen Nachmittag gebe ich die Ruhe, die ich dem Heilungsprozess von Anfang an hätte zugestehen sollen. Also wieder alles auf Anfang. Es dauert drei Tage, bis diese Dummheit ausgebadet ist.

DER FREITAG UND KNUSPRIGES BROT HÖREN

Ja, genau! Ich lerne Brot mit Sauerteig zu backen. Irgendwer sagt einmal zu mir, dass ich das erst probieren soll, wenn ich älter bin. Nun. Wenn nicht jetzt, wann dann. Ich bestaune die profimäßig fotografierenden und filmenden Sourdough-Bäckerinnen und Bäcker auf Instagram, die seit der Zwangspause ihre knisternden Brotrinden in die Mikrofone unserer Handies halten.

Glücklicherweise kann ich meine Freundin Roswitha kontaktieren, die mir erfahrene Profi-Tipps gibt. Warum mein Sauerteig am Anfang noch nicht so geht, wie er soll. Wie ich Weizen ersetzen kann. Und nicht so scheitere wie vor Wochen. Die nicht gegangenen und sitzen gebliebenen Teige erspare ich dir hier. Wie und wann frau den Sauerteig für den nächsten Backdurchgang „anfüttert“. Toll, so eine Expertin im Freundinnenkreis zu wissen!

Das Rezept für das Griechische Bauernbrot meiner Lieblingsköchin Leila Lindholm ist eine gute Basis für meine Experimente mit allen möglichen Getreidesorten. Kennst du eigentlich Gofiomehl? Ich lasse dir hier einen Link von einem Produzenten, den ich persönlich kenne und schätze. Ziemlich beeindruckend, wie gut verträglich Sauerteigbrot ist. Und wie saftig und knusprig es über Tage bleibt. Hier in der Familie stürzen sich mittlerweile alle drauf. Inklusive Gina, dem Hund meiner Mutter. Sie gibt mir mit hypnotisierende Kuller-Hunde-Augen zu verstehen, dass ich besser freiwillig mit ihr teile. Sie weiß nun, wo der Schatz versteckt ist.

Sauerteilgbrot. Saftig. Großporig. Frisch.
Zweiter Sauerteigbrot-Versuch. Ein Glück.

DER SAMSTAG UND VITAMINREICHER BESUCH

Eine liebe Bekannte von einem interkulturellen Projekt meldet sich, weil sie sich für ein Interview anlässlich ihrer hochgelobten und mit Preisen ausgezeichneten Doktorarbeit meine Wesen in allen Hautfarben ausleihen möchte. Sie beschenkt uns für die Leihgabe mit einem riesigen Obstbouquet, der unsere Ernährung wesentlich Richtung Vitamin C und vielen anderen gesunden Nährstoffen anreichert. Ich bin so gespannt auf das Interview und auf ihre wissenschaftliche Arbeit über die Projekte mit nach Kärnten zugewanderten Frauen. Sie hat mir immer nur davon erzählt. Wir versprechen uns, in Zukunft öfter kreativ und mit den Händen arbeitend miteinander zu kooperieren.

DER SONNTAG UND EIN AUSFLUG IN DEN WINTER

Am Sonntag geht es meinem Knie so gut, dass wir einen Spaziergang in den Winter planen. Der letzte Schnee hat unsere Stadt nicht einmal so richtig gestreift. Außer eisiger Kälte und ein paar Flöckchen ist das ein echtes Trauerspiel gewesen. Wir steuern also Kranjska Gora und einen Lieblingsplatz zum Gehen auf ebenen Wegen und am Wasser an. Schon in Villach staunen wir neidisch über die weiße Pracht, die auch nach Tagen noch auf den Ästen liegt und alles verzaubert. In Slowenien erwartet uns ein blitzblauer Himmel. Gut gelaunte Menschen aus dem Dreiländereck Kärnten, Italien und Slowenien. Und prachtvoll schimmernde Stockentenerpel, die die Entendamen mit viel Geschnatter umkreisen.

Ich fotografiere endlich wieder mit meiner Spiegelreflexkamera. Und filme. Dieses Mal auch das Spiel mit Licht und Schatten. Ein natürliches Lichtatelier wie so ein Wintersonntag muss keine künstliche Lichtquelle haben. Mein Knie macht recht gut mit, ich kann vorsichtig und behutsam mit meinen Männern mithalten. Ich bin echt dankbar für diese Zeit an der Sonne und an der frischen Luft.

Zwei Männer, ein Großvater und sein Enkel, strahlen vor winterlich angeschneiten Bäumen in die Kamera.
Die Sonne strahlt vom Himmel. Sami schält sich nur für mich aus dem doppelten Kopfschutz seiner Jacken. Es ist eiskalt im Schatten. Und wunderschön hell und winterlich. Ein glücklicher Großvater und sein heranwachsender Enkel.

Wir verarbeiten deine Eingabe…
Juhuuu! Geschafft!

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