Kreta und ein Regenbogen

Was hat der Regenbogen mit der minoischen Kultur auf Kreta zu tun?

Erst einmal gar nichts. Mich beschäftigt der Regenbogen als Symbol schon ein Leben lang. Im Religionsunterricht höre ich, dass der christliche Gott des Alten Testaments als Zeichen seiner Treue zu den Menschen einen Regenbogen schickt. Nachdem er vorher eine Sintflut über die Erde geschickt hat, um seine Schöpfung zu vernichten. Als der Krieg in Bosnien ausbricht, hole ich mir eine Regenbogenfahne mit dem Schriftzug „PACE“ und hänge ihn wie viele andere kriegskritische Menschen an unseren Balkon. Frieden, wir brauchen Frieden. Und keinen Krieg. Mein Vater liebt es in unserer Kindheit, Regenbögen mit dem Sprühnebel des Gartenschlauches in die Luft zu zaubern. Nach seiner Verabschiedung aus diesem Leben und der Urnenbeisetzung fahre ich durch einen riesigen, unfassbar großen talübergreifenden doppelten Regenbogen und habe das Gefühl, er will uns vermitteln, dass es ihm jetzt gut geht. Heuer im Sommer erlebe ich in Niederösterreich bei einer Autofahrt einen doppelten, riesigen Regenbogen, der sich im nassen Asphalt zum vierfachen Rundumregenbogen spiegelt. Ich bade in Farbe und ertrage vor lauter rasendem Herzklopfen beinahe mein Glück nicht. Farben! Überall und spürbar Farben! Und ich gefühlt mitten drin. Als Künstlerin klinke ich mich während eines Lockdowns im Juni in eine Pridemonth-June-MAL ein und stricke und fertige Wesen in Regenbogenfarben. Ich beschäftige mich als interessierte Ally zum ersten Mal ernsthaft mit der LGBTQ+ Bewegung. Frage nach. Höre zu. Denke nach. Frage weiter. Und nutze seither intensiv jede Möglichkeit der künstlerischen Auseinandersetzung mit weiblicher und männlicher Zuordnung in unseren Menschenleben. Brücken durch Zuhören und Mitfühlen bauend und nicht Mauern errichtend. Mauern trennen.

Nach dieser MAL und nach vielen Online-Gesprächen und Auseinandersetzungen entsteht meine Minoische Muttergöttin. Auch nicht ganz zufällig. Die in Wien geborene und vor den Nazis geflohene Riane Eisler forschte und schreibt über diese Kultur. Sie begeisterte mich schon vor zwanzig Jahren mit den Betrachtungen in ihrem Buch „Kelch und Schwert“. Sie ist Kulturhistorikerin, Systemwissenschaftlerin, Soziologin, Anwältin, Rednerin, Politikberaterin und Autorin, deren Anstöße zu kulturellem Wandel von zahlreichen WissenschaftlerInnen, PolitikerInnen und SozialaktivistInnen weltweit aufgegriffen werden. Die Schlangenpriesterinnen dieser Kultur sind Muttergöttinnen und Göttinnen der Wandlung. Auch dazu finde ich mit ein bisschen Internetrecherche hochinteressante Betrachtungen.

Ich stricke viel in diesen Wochen und Monaten der aufeinanderfolgenden Lockdowns. Es macht mir einerseits Freude, mich mit einer partnerschaftlichen Kultur auf Kreta auseinander zu setzen, die ihre Frauen selbstverständlich wertschätzt. Und andererseits ist es ein Genuss, dass sich dieses Wesen von unten nach oben auf meinen Rundstricknadeln entwickelt. Ich brauche keine Anleitung. Ich lese. Ich schaue mir Bilder an. Meine Finger folgen. Während des Strickens entsteht die Idee und Umsetzung für den nächsten Schritt, die nächste Körperform, die Arme, den Busen. Den Kopf modelliere ich tagelang mit der Filznadel, ich mag auch kein noch so feines gestricktes Maschenmuster im Gesicht haben. Wieder wird die Skulptur eine ältere Frau, gütig und liebevoll und voller Lebensweisheit. Du weißt schon, die Figur schafft an. Ich folge. Ich häkle und stricke und sticke die typischen Spiral- und Kreisformen in den langen Rock. Sie bekommt eine Armatur aus Draht, damit ich sie schwungvoll biegen kann. Mein Mann lebt in den 6oer-Jahren eine Weile in Höhlen auf Kreta. Diese Zeit prägt ihn. Er steuert zu dieser Figur ein wunderbares Schmuckstück von einem kretischen Hippie-Markt bei. Das schöne alte Amulett deutet den Schoßraum meiner Göttin an und ziert ihn auf eine ganz besondere Art. Ich trenne eine sehr alte Borte von einer Jacke und wickle sie zu den typischen Hüten dieser Wesen. Und statt mit Schlangen tanzt meine Göttin mit einer gehäkelten Regenbohnenfahne. Übrigens aus frischen Strängen handgefärbter Wolle meiner Wollfreundin Sandra. Schaut doch mal in ihrem Shop vorbei, ihre leuchtenden Färbungen sind ein Traum!

Morgen Abend verlässt mich meine Göttin, weil sie mit ihrer Ausstrahlung und ihrem Glanz in den Veldener Kunstbahnhof Wörthersee zieht und einem guten Zweck dienen wird. Ich spüre, dass sie sich freut. Schaut Freitag nächste Woche am Hausbahnhof vorbei bei der Solidarischen Kunstaktion 2023 Frau Leben Freiheit. Unterstützen wir uns über alle Grenzen hinweg gegenseitig. The Times, they are a’changin.


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