EPU und andere Abkürzungen

Nach sechs Stunden ist mein unternehmerisches Gründungsjahr 2019 als in Österreich noch nicht anerkannte Künstlerin in Spalten und Zahlen zerlegt. Einnahmen. Minus Ausgaben. Es wird hinten und vorne nicht reichen für einen Ausgleich aus dem Härtenotfallfond. Irgendwie schaffe ich das mit der SVS (Gewerbliche Sozialversicherung), andere Fixkosten habe ich glücklicherweise nicht. Und ich habe als ehemalige Pressefotografin und Journalistin gelernt, wie man bescheiden aber gut lebt, wenn man ständig wirtschaftlich am Limit entlang schrammt. Pimperlbuchhaltung für die Pimperlunternehmerin. Stimmt schon, was ein Facebook-User von uns Freischaffenden und EPUs so sagt. Wir sollen jetzt gefälligst daheim bleiben und nicht jammern. Keine Rücklagen gebildet? ja, was soll dann diese Scheinselbstständigkeit? Vor wenigen Jahren sah mich meine coachende Freundin als Chefin eines größeren Unternehmens, das Puppen herstellt. Ich. Mich. Nicht. Gar nicht. Ich bin keine begeisterte Konsumentin. Also fast nicht. Bücher. Material zum Tun. Weiterbildung und Reisen mit unserem selbst umgebauten Personenkraftwagen. Dafür gebe ich Geld aus. Für Fertiges fehlt mir meistens das Bedürfnis.

An meiner Haltung zum Geld stimmt was nicht? Zum Loslassen? Ach, lasst mich in Ruhe mit Empfehlungen für meine Haltung. Wenn ich heute die erschütternden Berichte von (alleinerziehenden) Menschen lese, die mit kleinen Betrieben vor dem wirtschaftlichen Nichts stehen, dann dreht sich mir der Magen um. Wir nennen sie EPUs. Ein-Personen-Unternehmen. Oder KMUs. Klein- und Mittelbetriebe, besser kann es die WKO (Wirtschafskammer) auch nicht übersetzen. Hinter dieser Abkürzung verbergen sich echte Menschen aus Fleisch und Blut. Mit echten Bedürfnissen und Gefühlen. Manche mit Familien, Kindern, Enkelkindern. Manche für sich alleine. Ihre haarscharfe Gratwanderung kenne ich aus eigener Erfahrung. Mit drei Kindern. Solche Menschen, die es aus eigenem Antrieb und aus eigener Begeisterung für ihr Tun schaffen, diesem Staat nicht auf der Tasche zu liegen. Ohne Urlaubs- und Weihnachtsgeld, meistens ohne Arbeitslosenversicherung – die Pensionsversicherung frisst schon genug. Diese Menschen werden nun von Menschen angegriffen, die nicht nachvollziehen können, wie mensch von so wenig Geld leben kann. Tja. Ich muss nicht Steuerberaterin sein um mir aus ihren Zahlen auszurechnen, wo sie sparen, wo sie investieren und was sie sich vom Mund absparen. Jede Geschichte ist ein bisschen anders. Dass das sehr oft Menschen sind, die für ihre „Arbeit“ für und in der Familie oder fürs Gemeinwohl nicht bezahlt werden – dieses Fass lasse ich für heute lieber zu. Und wir sollten dringend darüber reden.

Ich weiß, dass ich subjektiv bin. Aus meiner Sicht argumentiere. Ich nehme mir diese Freiheit, subjektiv zu sein. Unternehmer*innen tragen meiner Meinung nach das ganze Risiko, die ganze finanzielle Verantwortung dieser Geldwirtschaft. Für sich. Für ihre Angestellten. Fürs Gemeinwohl. Für eine Wirtschaft, die ständig wachsen muss. Sie zahlen die Gehälter unserer politischen Vertreter, die zukunftsweise und nachhaltige Entscheidungen für unser gemeinsames Wohlergehen treffen sollen. Dazu treten Politiker*innen bei Wahlen an. Eigentlich. Wirtschaftlich erfolgreich ist die Unternehmerin, der Unternehmer, wenn sie und er günstig(st) herstellt oder einkauft und gewinnbringend weiter verkauft. An so viele Kund*innen als möglich. Selbermachen in der Region rechnet sich in dieser wachstumsgezwungenen Wirtschaft immer weniger. All die kleinen Handwerksbetriebe fallen dieser Ratio zum Opfer. Was ist der Zauber am Geldverdienen, außer dass ich muss, weil alles Geld kostet? Warum stelle ich nicht selbst her, was ich brauche? Warum brauche ich Berater*innen, die mir sagen, wie ich mein selbst Geschaffenes besser verkaufe, indem ich nicht verkaufe sondern Geschichten erzähle, damit du kaufst? Wo ist die Lust am schöpferischen Tun? Habe ich ein Brett vorm Hirn?

Können wir bitte Wirtschaft weiter denken? Das Wohlergehen dieses Planeten mit einbeziehen in unsere Überlegungen? Nicht dass sie uns braucht, diese Erde. Sie kann sich wunderbar ohne uns weiter drehen. Aber wir leben nun einmal hier. Auch das wird seine Gründe haben. Geld war bei seiner Erfindung ein geniales Tauschmittel. Und das ist gar nicht so lange her, wie uns eingeredet wird. Neben den Überlegungen eines jetzt dringend nötigen Grundeinkommens oder des geldlosen Nutzens von Gebäuden und Böden – was gibt es da noch? Komplementäre Wege des Tauschens von Zeit, ein super Übungsfeld. Schenkwirtschaft, Regionalwährungsbewegungen, Permakultur, Repair-Cafés, TransitionTownBewegungen, Lebens- und Arbeitsprojekte, in denen es mehr um Beziehung als um Geld geht – schauen wir dort bitte hin? Probieren wir es aus, solange uns die Puste nicht ganz ausgeht. Nicht nur einzelne Menschen und kleine Gruppen – sondern wir als Gemeinschaft. Die Zeit scheint gekommen, das „Alte“ genauer anzuschauen. Auszusortieren, was davon keinen Bestand hat. Heute. Das Funktionierende mitzunehmen. Mit Neuem zu arbeiten und zu experimentieren. Selten hat sich die Abhängigkeit des Menschen von diesem starren Geld- und Wirtschaftssystem so ehrlich gezeigt wie jetzt.

Quarantäne und Wirtschaft

Meine „Wirtschaft“ ist aufgeräumt. Zwei Tage intensivsten Nähens für einen Alles-andere-als-Nähprofi liegen hinter mir. Langsam biegt sich mein Kreuz wieder gerade. Mein Arbeitsplatz mit Nähmaschine am tiefergelegten Tisch mit Hocker hat endgültig sein Ablaufdatum erreicht. Draußen in der Garage wartet der aufgehübschte Upcycling-Schreibtisch. Ein ehemaliger Arztschreibtisch aus Sperrholzresten, nach dem Krieg gebaut. Der Umbau vor etwa 10 Jahren verkleinerte das wuchtige Ding. Der weiße Anstrich vor vier Tagen gibt ihm nun das Aussehen, das er für mein Atelier haben muss. Meine Eckbank ist gemütlich, wandert aber zurück in den Seminarraum. Das wird mein Osterprojekt. Frühjahrsputz und so.

Als Mittwoch Morgen mein Handy brummt und mir signalisiert, ich möge einen Kommentar auf der homepage freigeben und kommentieren, ahne ich noch nichts. Ich bin VOR meinem Morgenkaffee. Und ich bin so ein Morgenmuffel, sei froh, dass du mir zu dieser Zeit nicht über den Weg läufst. Eine Dame schreibt mir „Ich möchte Masken bestellen“. Liebe Grüße und eine Telefonnummer. Mein Hirn, schlafgrantig, ächzt. Wo um Himmels Willen hab ich geschrieben, dass ich Masken mache? Bei meiner Coachin? Ich reiße mich zusammen, schreibe Unverfängliches und das Versprechen, mich zu melden.

Zehn Minuten später. Ich richte mir gerade meinen lebenserhaltenden Kaffee. Telefon. Eine total freundliche Frau erzählt mir, da wäre eine Artikel in der Kleinen Zeitung. Ob ich die Künstlerin sei, die auch Atemschutzmasken näht. Jetzt fällt der Groschen! Genau! Ich wurde ja letzte Woche interviewt. In dem Einerlei der Quarantäne habe ich das sofort wieder vergessen. Danke geschätzte Mittelkärnten Redaktion, das war ein super Bericht über Einige von uns, die nun das tun, was eben nötig ist. Genau. Nähen.

Zwei Tage lang rattern Maschine und Hirn. Natürlich geht auch mir der Einziehgummi aus. Die gewohnte gute Nähseide. Und mir wird so Einiges klar, was jetzt möglich ist. Nämlich andere fragen, ob sie noch Material haben. Beziehungsweise kreativ werden mit Ersatz für Ausgehendes. Danke Barbara für den Tipp mit den Jerseywürschteln, na klar! T-Shirt-ReUse! Und ich kann Garn eindrehen. Du weißt schon. Türgriff, Garnfäden, Bleistift – und drehen! Und irgendwann kann ich auch sagen: Danke, genug! Es gibt so viele andere Menschen, die diesen Dienst an der Gemeinschaft leisten und ihre Nähfähigkeiten zur Verfügung stellen. Ich muss nicht alles allein tun. Wir können die Arbeit gut untereinander verteilen. Wirtschaften miteinander. Wirtschaften ohne Wachstumszwang. Eine Form von Wirtschaften, das auch andere Menschen zum Zug kommen lässt. Frauen-Wirtschaft?

Als mir das so richtig klar wird, nehme ich Tempo aus dem Zuschnitt, aus dem ratternden Nähen wie im Schlaf. Bügle ich liebevoller jede Kante. Denke beim Nähen herzwarm an die zukünftigen Träger*innen. Wir haben ja immerhin ein Weilchen miteinander telefoniert, um uns über den Stoff und die Trageweise zu einigen. Ich höre von panischer Angst vor dem Virus bis zur Notwendigkeit, die Maske den ganzen Tag zu tragen. Ich nähe nicht für Geld. Ich nähe für Menschen, um Ängste zu verkleinern. Um Gesundheit zu erhalten. Um sie zu stärken. Und ja klar, die Post will sich den Transport bezahlen lassen. Ich verbrauche Material und Strom. Das wird ausgeglichen. Und ist so stimmig für mich, für meine Situation, die mit keiner einzigen anderen Situation von anderen Freiberufler*Innen oder EPUs zu vergleichen ist. So viel wird gerade sichtbar. Es ist überhaupt nicht nur zum Lachen.

Was mich durch diese Tage trägt ist Musik. Bis zum Anschlag aufgedreht. Oder leise im Hintergrund. Allein im Studio singe ich so laut vor mich hin, dass ich nicht einmal meinen Mann höre, der mich zu den Mittagessen ruft. Der blitzeblankeblaue Himmel aus meiner Kindheit. Freundliche Wölkchen, keine Streifen. Genau. Freundlichkeit. Die Freundlichkeit der Menschen. Unser Teilzeit-Hippie-Auto ist arg beleidigt, weil es nur mehr von Stoberdorf zur Volksschule. Von Stoberdorf zur Post. Von Stoberdorf zu Billa und Hofer. Fahren darf. Es ist daran gewöhnt, am Wochenende Richtung Meer zu düsen. Uns in sich zu beherbergen. Und was tut ein beleidigtes Auto? Genau. Nicht mehr anspringen. Der junge gelbe Engel lacht. Wie viele Kilometer das Auto schon hätte? Waaaaaas? So viel? Und dann ist es Gott sei Dank doch nur eine leere Batterie. Und wir müssen eine halbe Stunde sinnlos durch die Gegend fahren, um sie wieder zu laden. Okay, lieber Gefährte, ab sofort werden wir einmal in der Woche ausfahren. Mal sehen, wem wir das unterwegs erklären müssen. Ist ja doch sowas wie ein Zwangsausflug, gell?

Freundliche Handytelefonate mit Video tun mir gut. Mitten drin im Alltag von Freund*innen. Und ich bekomme snail mail aus Wien. Von der geliebten Tochter und Enkeltochter, die auf zwanzig Quadratmeter in der Quarantäne hocken. Eine so tolle Zeichnung. Eine so tolle Kette. Quarantäneschmuck. Restelverwertung, weil für die Kinderküche Spielnahrungsmittel aus selber gemachtem Salzteig hergestellt wurde.

Ich habe gefühlt drei Wochen Nähen gelernt. Petra, meine Lehrerin, sie wäre stolz auf mich. Meine alte Nähmaschine kann viel mehr, als ich ihr zutraue. Vor allem finde ich die Einstellung der Nadel in der Mitte, links und rechts sehr hilfreich. Es tut einer Maschine gut, sie zu reinigen. Ihr ab und an einen Tropfen Öl ins Getriebe zu gönnen. Zu meiner Freude ist heute das Packerl mit den Stickfüßchen gekommen. Dem free motion embroidering steht nun nichts mehr im Weg. Doch wie immer ist das eine andere Geschichte…

Mund Nasen Schutz