Yaruna und der Jahreswechsel

Da ist sie nun. Reisefertig. Ihr Name hat sich um ein Ypsilon an erster Stelle geändert. Aus ganz logischen und nachvollziehbaren Gründen, die mir ins Ohr geflüstert wurden. Sie ist heute ganz schön aufgeregt und ein bisschen ungeduldig. Kein Wunder. Wir hatten Fotoshooting, trotz Nebel und sich auflösendem Schnee. Es ist wieder grau und trist da draußen und ziemlich unweihnachtlich. Deshalb aktivieren wir das Tageslichtatelier und haben schlussendlich sogar Spaß am Tun. Ja genau. Ein bisschen Wehmut. Von meiner Seite. Das kenne ich schon, ist im Grunde immer so. Wenn ich so viel Zeit mit einem Wesen verbringe, dann liebe ich es. Nicht ein bisschen, sondern voll. Seine Eigenheiten, seine Auffälligkeiten. Seinen Charme. Yaruna sieht das anders. Wenn es nach ihr ginge, wäre sie schon vor einer Woche gesiedelt. Sie wird in ihrem neuen Zuhause liebevoll erwartet. Das weiß sie. Das spürt sie. Und ich weiß, dass sie das tun wird, was eine Yaruna am besten kann: Leuchten. Strahlen. Ihr Licht auch dorthin richten, wo es duster oder finster ist. Und mir ihrer sonnigen Art Aufmerksamkeit auf die Geschenke des Lebens richten. Selbst wenn das Geschenkpapier schon ein bisschen zerknüllt ist. Und nicht dem entspricht, was die Beschenkte oder der Empfänger erwartet hat. Sie wird außerdem pünktlich zur längsten Nacht, der Wintersonnenwende, dort sein, wohin sie gewünscht wurde. Und genau so soll es sein.

Yaruna

Zuerst sah es ja so aus, als würde Yaruna mit leichtem Gepäck reisen. Doch im Laufe von Gesprächen und nicht zuletzt den Ansprüchen von Madame „Ich-weiß-genau-was-ich-nicht-Will“ kommen in diesen Wochen ein verspielter Leopard dazu. Eine strahlend weiße Schaukel, die in Bäumen hängen kann. Und ein Mantel. Fluffig leicht und sich liebevoll und schützend um die Trägerin schmiegend. Und Perlen. Noch nie zuvor hat ein Wesen ständig Glasperlen verlangt. Auch dieser Wunsch ist zu erfüllen gewesen.

Wäre Yaruna noch eine Woche hier, hätte sie weitere Ideen. Problemlos. Sie sprudelt vor Ideen. Und neigt ein bisschen dazu, sich mit schönen Dingen zu überladen. Nobody is perfect. Gleichzeitig ist sie großzügig mit ihrer Magie und ihrer Liebe. Sogar meine Coachin musste zwei Mal schmunzeln über ihre Ideen. Ein bisschen. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen! Keine Ausrede!!!

Yaruna ist das letzte liebenswürdige Wesen, das heuer mein Studio verlässt. Es war ein volles, erstes Jahr als angehende Künstlerin. Mit den üblichen turbulenten Auf und Abs dieser ersten zwölf Monate. Das nächste Jahr strukturiert sich bereits. Ich bin ehrlich gespannt, welche Überraschungen auf mich warten, auf mich und auf meine Arbeit. Ich wünsche auf diesem Weg eine erfreuliche und kerzenerleuchtete Wintersonnenwende, frohe Weihnachten, schöne Feiertage und einen feinen Jahreswechsel. Ab der zweiten Jännerwoche bin ich wieder für euch und eure Wünsche da.

Werkstattgeflüster

„Rosa? Ja spinnt jetzt die Welt? Und Spitzohren und vielleicht auch noch Elfenschmuck?“ Unverständnis. Das zwingende Bedürfnis, mich zurück auf den Pfad der Normalität zu bringen. Zunehmende Verzweiflung, weil ich es mir mit dem neuen Wesen in der Werkstatt so gemütlich mache. Und mir Zeit lasse, mir und ihr Raum gebe für das, was kommen mag. Und jetzt rutscht der Coachin auch noch die überdimensionale Wärmflasche vom Magen. Die Welt, die dreht sich nimmer lang.

„Einfach weitermachen, bitte, mach einfach weiter“, flüstert mir die Elfenkönigin auf meinem Schoß zu. Ja, sie ist vollkommen zufrieden, dass die Haare jetzt nicht mehr weiß und rosa sind. Sondern rosa und weich und füllig. Strähnchenweise heller und dunkler. Und ja, Stirnfransen könnten gut ausschauen, lässt sie mich wissen. Und diese Silberdrahtohrkostbarkeiten, die sie mir seit gestern einflüstert. Und sie möchte dann endlich Arme bekommen, beweglich, wie schon die Beine. Und hach, der Mantel. Die luftige Kleidung. Eine Schaukel. Und ein Geheimnis. So viel, worauf wir uns beide freuen.

„Ist der Winter und Weihnachten bald vorbei?“ wispert die Wolfsfrau zu Frau Herbst, die neben König Winter und dem Glöckchenschaf steht. Frau Herbst und Herr König haben schon etwa zehn Jahre am Buckel. Standen Jahr für Jahr in der vorweihnachtlichen Krippe für die heranwachsenden Kinder. Beide nicken weise. Die Schafsglocke klingelt. Frau Wolf wundert sich ein bisschen über die Glitzerbäume, die ihr seit ein paar Wochen vor der Nase stehen. Sie genießt die Wärme des Ofens an ihrem luftigen Platz, meldet sich selten zu Wort. Ruht in sich. So eine gute Seele. Sie beobachtet viel und schaut. Sie ist einfach da, braucht uns alle nicht. Ich bin es, die froh ist, dass ich sie da oben spüre.

Prinzessin Orsola ist nach einem langen Aufenthalt im Gemeinschaftsladen Kunst&Werk wieder daheim. Wie gut sie mit ihrem Glitzerband und dem vielen Weiß ins neue Studio passt. Orsola und ihre Freundinnen, die Plaudertaschen, freuen sich so, dass ich gestern endlich den geschälten Ast mit den geschliffenen Glassteinen und der Lampe an die Decke montiert habe. Sie werden sich noch mehr freuen, wenn diese Lampe am Sonntag von meinem Lieblingselektrikersohn mit Strom versorgt wird und mir den Abend über dem Arbeitstisch erhellt.

„Ma, diese Fliegen nerven, sind die immer noch nicht erfroren? Und, tust du jetzt weiter an den Armen, oder worauf wartest du?“ meldet sich Frau Coach wieder. Was für eine quengelige Stimme sie heute hat! Mir kommt sie vor wie meine innere Kritikerin, die mich jahrzehntelang sabotiert und mich vorm spielerischen Arbeiten mit Material abhält. Kein Geld, Hunger, Tod. Ihr wisst schon. „Dein Puppenmachen ist ein Hobby, kein Beruf. Von einem Hobby kannst du nicht leben. Hobby ist unentgeltlich und fürs Wochenende oder deine Freizeit. Basta.“ Diese Einflüsterin auf meiner Schulter, die mir statt dessen zum übermäßigen Konsum von Zeitschriften und Büchern rät, die diese kreative und künstlerische praktische Auseinandersetzung von anderen Menschen zeigt. Von Anderen, nur nicht von mir. Mich ständig ein bisschen schlecht macht. Mich mit anderen vergleicht, an deren Arbeit ich sowieso nie heran reichen werde. Ich finde es ganz praktisch, dass sie nun an der Rückenlehne meiner Studiobank lehnt. Und sich an ihre heiße Wärmflasche klammert. Immer noch an meiner Schulter, aber eben sichtbar. Auf Augenhöhe, sozusagen. Die Drohung, sie vor die Tür in die Eiseskälte und zur verspielten Katze zu setzen, wenn sie mir zu anstrengend wird, genügt meistens. Sie bringt mich so zum Lachen, wie sie da sitzt, grantig, untätig, meckernd, immer auf der Suche nach Fehlern. Ja, genau, du meinst es nur gut. Ich auch. Trink deinen Tee und genieß das Leben. Die Elfe und ich, wir haben heute noch Einiges vor…

Eine Adventüberraschung und Wa(h)re Weihnachten

Seit Oktober fühle ich es. Und ein so cooles Facebook-Posting heute Morgen mit dem Wortspiel um die Ware und das wahre Weihnachten haben mich motiviert, meine Gedanken zu teilen. Es ist heuer ein seltsames Rumoren, wenn ich an Weihnachten denke. Mein Sohn kehrt von seiner Weltreise zurück, obwohl er Weihnachten auf Hawaii verbringen wollte. Er möchte aber rund um den 24. Dezember mit uns und seiner Herkunftsfamilie zusammen sein. Rundherum die Puppenmacherinnen fangen im Oktober an, weihnachtlich angehauchte Texte und Wesen zu präsentieren. Ganz vorsichtig. Sehr achtsam. Und doch. Es ist sommerlich warm. Der Garten geht über vor Gemüse, Früchten und Blumen. Wie jedes Jahr. Spätsommer in Südösterreich. Und ich? Ich werde im Oktober unruhig. Ich sollte. Auch. Müsste doch. Mag nicht.

Mitte November treffen mein Mann und ich eine Entscheidung, die uns heuer ganz leicht fällt. Für uns fängt die Adventzeit am ersten Adventwochenende an. Privat und beruflich. Wir ignorieren sogar den geliebten Spekulatius, den wir seit September kaufen könnten. Bis zu diesem Wochenende sind wir mit dem, was wir tun, weihnachtlich nicht präsent. Diese Freiheit nehmen wir uns. Und es fühlt sich sowas von richtig an!

Unbedingt anführen möchte ich, dass ich die vier Wochen vor Weihnachten liebe. Ich liebe den Kitsch, den Glanz, das Gloria. Schnee. Hey, ich liebte Weihnachten mit den Kindern. Und seit Jana auf der Welt ist, sehe ich Weihnachten wieder mit den Augen der Zweijährigen. Ich liebe Keksgeruch, vielleicht weil ich eine grottenschlechte Bäckerin bin. Seit zwanzig Jahren feiern wir Advent und Weihnachten so gut wie ohne Geschenke. Im Dezember. Wir „wichteln“. Und es darf nach Herzenslust getauscht, geratscht, getrascht und gegessen werden. Für mich ist diese Zeit, bevor am 21ten das Licht anfängt, zurück zu kehren, eine der magischsten Zeiten im Jahresverlauf. Bei uns überbrückt mit flackerndem Kerzenschein, mit zusätzlichen Lichtquellen, um das fehlende Tageslicht zu kompensieren. Und mit großräumigem Ausweichen von Einkaufszentren. Es geht einfach nicht. Ich ertrage es nicht, das Gewusel, den Wirbel, den Stress des Shoppens. Nach dem Weihnachtsabend und den Feiertagen und Ferien freue ich mich auf den Frühling und genieße das bissel Schnee, das in Mittelkärnten ab und zu vom Himmel fällt.

Ich bin so glücklich, euch ins St. Veiter Kunst&Werk einzuladen. Seit heute Vormittag ist das fertig, womit sich mein Mann kurzfristig beschäftigt hat. Wir haben unsere Präsentationsfläche auf Kinderhöhe mit einer Überraschungskrippe für Kinder ausgestattet. Unverkäuflich. Sie ist einfach vier Wochen lang da. Entstanden ist sie, weil unsere Freundin Sladana aus dem Friesacher Kost-Nix-Laden uns vor einem Jahr einen beweglichen Werbeaufsteller für Plastikspielzeug schenkte. Ein Jahr lang drehte ein Drachenbaby auf der Bühne seine Runden im Stoberdorfer Bubenzimmer. Nun – dreht sich was anderes. Kommt und schaut nach. Re-Use auf verspielte Art, ganz mein Mann, ganz unsere Einstellung zur stillsten Zeit des Jahres. Staunen, schauen, träumen. Kinder haften für ihre Eltern!

Voll begeistert bin ich von den Weihnachtselfen Friedolin und Pamino auf ihrem roten Samtstuhl in der Auslage des Klagenfurter Gemeinwohlladens. Sie sehen zum Anbeißen bezaubernd aus. Und in Villach verbreiten die nordischen textilen Helfer Niklas, Jule und Aengel ihre weihnachtliche Magie. Laden zum Staunen ein, zum Liebhaben und zur Inspiration, was Weihnachten in der Tiefe bedeutet. Und dort ist es eben keine Ware, sondern ein Gefühl, ein Spüren, ein Zusammenrücken. Schönen ersten Advent ihr Lieben!

Adventüberraschung

Rag und Doll

 

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Lumpenpuppe. Das ist die korrekte Übersetzung der ragdoll. Nach Anleitungen für Ragdolls habe ich vor zwei Jahren in England gesucht. Und das ist es, was ich mache – ich suche Stoffe zusammen und nähe all die Figuren, die mir durch den Kopf gehen. Ich bin seit Tagen im geheizten Atelier, gehe nur hinaus, wenn es sein muss. Essen ist unwichtig geworden, ich trinke über den Tag verteilt meinen Morgentee. Und meistens rettet mich mein Liebster mit einem Zwischendurchessen, weil er gekocht hat. Ich mag gar nicht aufhören, so viele Ideen sind da.

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Gut. Jetzt ist ein paar Wochen lang Advent- und Weihnachtszeit. Mit den kleinen Kindern liebte ich diese Zeit. Die Erinnerung daran macht wohl, dass ich die Wochen vor dem Heiligen Abend immer noch schätze. Und es wäre gelogen, wenn sich diese alte Liebe nicht auch zeigen würde. Da ist ein bisschen mehr Lust auf Gold und Glitzer als sonst. Beste Vorsätze, heuer das Haus vorweihnachtlich zu schmücken, bevor der 24. Dezember da ist. Wir werden sehen, ob es beim Denken bleibt. Derzeit sind meine Hände morgens bis abends am Machen von Körpern. Ich lerne immer noch dauernd dazu. Vor allem, dass ich wenig mitzureden habe, was da unter meinen Fingern entstehen will.

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Bestes Beispiel sind die Standfiguren, die sich eigentlich mein Mann gewünscht hat. Ich hatte ein relativ klares Bild von einer Horde Weihnachtswichtel, die sehr norwegisch und edel und elegant und vor allem rasch zu machen sind. Doch dann fallen mir die Strickwalkreste der Firma Boos ein, die jetzt eigentlich ganz gut als Körper wären. Schnitte müssen umgezeichnet werden, weil ich keine Naht mitten durch das Gesicht verlaufen sehen möchte. Und dann wieder Schnittänderungen, weil der geplante Mantel so nie über das breite Gesicht passt. Statt des schneeweißen Kunstengelhaarbartes in meinem Kopf nehme ich Schafwolle, zupfe und nähe und probiere herum. Und weil gar keine Nase auf der flachen Ragdoll blöd ausschaut, wühle ich mich durch alte Holzperlen und werde fündig. Und wieder ist ein Tag um. Ein Weihnachtswichtel im wattierten roten Mantel aus einem zwanzig Jahre alten Stoffrest grinst mich an und freut sich auf morgen, wenn Frau Weihnachtswichtel entsteht. Oder doch noch ein langbeiniger Engel, weil mir beim Suchen ein güldener Stoffrest unterkommt.

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Mein Tischler-Liebster spielt drüben in der Holzwerkstatt und bringt mir mal ein Mini-Bücherregal. Oder diese sensationell geschwungenen Kleiderhaken für die gestrickten Schätze, die allabendlich entstehen. Seit Tagen schiebe ich vor mir her, dass ich rauf ins Tageslichtatelier muss, um all die bunten Wesen zu fotografieren. Und mit diesen Fotos lass ich euch jetzt mal. Ich muss zwei Stockwerke runter sausen und im Ofen Holz nachlegen. Es ist Winter geworden im Paradies.

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