Leben, wo andere Urlaub machen

Frühstücks.Raum

„Frühstücken? Es ist so schön im Garten… Und ich möchte gleich jetzt die Puppenhaare machen…“ „Wir haben ein paar Tage kein Kind, komm. Lass uns was unternehmen. Und der Termin um 11 Uhr… Oder soll ich uns wirklich nur was vom Bäcker holen?“ First World Problems in Stoberdorf. Es ist am Morgen schon ganz schön warm. Wir sollten vielleicht. Wirklich. Könnten endlich mal. Müssten das ausnutzen. Na gut. Längsee. Wir frühstücken am Längsee, schauen in welchem der zwei Bäder mein veränderungsbegeisterter Cafetier-Freund mit seiner Genuss-Schmiede gelandet ist. Und dann sofort wieder nach Hause. Weiterarbeiten.

Halbzehn. Bei der Strandbadkasse stehen die Menschen wie in England an. Schön brav hintereinander. Corona sei Dank. Der Parkplatz ist voll. Huch. Um diese Zeit schon. Schlossbad Parkplatz, ein paar hundert Meter weiter. Die Parkplatzreihen sind nicht ganz so dicht gefüllt. Und yes. Genuss-Schmiede Taupe steht an den neuen Holzwänden. Hier sind wir richtig. Jetzt muss es nur noch ein Frühstück geben und unser Morgen ist gerettet. Klar dürfen wir nur auf einen Kaffee hinein, sagt die freundliche junge Frau an der Badekasse. Der Umbau hat dem alten Bad sehr gut getan. Ich war lange nicht mehr hier. Von wegen, dem Wasser ist es egal, welche Figur ich habe. Ich hadere ein bissel mit mir und meinen Denkmustern. Kurz. Es ist viel zu idyllisch. Der Liegeplatz ist locker gefüllt, der Steg mit den zwei Tretbooten und einem Kanu mehr oder weniger leer. Drinnen ist es hell, viel Holz, riesige Fenster. Auf der Terrasse die vertrauten Möbel aus der Stadt. Blick zum See. Geruch nach See. Nach Sommer. „Es war die beste Entscheidung meines Lebens“, strahlt Harald Taupe, Chef der Sommeridylle und Herr über mobilen Backofen, Reindling und die g’schmackigste Schlossbad-Essenskarte, die ich bisher an diesem Platz erlebt habe. Einmal mehr sind wir uns einig, dass die einzige Sicherheit im Leben die Veränderung ist. Und wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Plus Durchhalten. Plus zur Kenntnis nehmen, wer bei Veränderung mitgeht und wer Widerstand leistet. Und weiter leben. Wir kommen mit Familie und Freund*innen wieder, das ist ein Versprechen. Inklusive Hupfer in den spiegelnden See. Ich könnte ja eines meiner textilen Wesen einpacken und daran in anderer Umgebung weiter arbeiten. Inspiration hat viele Gesichter…

Stadt.Raum

Während mein Liebster seinen Termin wahrnimmt, erledige ich ein paar Wichtigkeiten in der Stadt. Tausche mich am Markt mit meinem Seelenbruder über das Leben aus. Vereinbare den Launch meiner homepage für September. Finde in unserem tollen Kunstgewerbegeschäft am Hauptplatz exakt die Ölpastellkreiden, die ich für die nächsten Schritte in der Textilwerkstatt brauche. Und bin viel zu schnell fertig. Einer der wenigen Schattenplätze in einem Café am Hauptplatz muss gegen coronaleugnende Einheimische verteidigt werden, die nicht glauben wollen, dass sie mir mit Tisch und Stühlen nicht so nahe rücken sollten wie sie es gerne möchten. Gell, die Cafétiers der Stadt werden sich schon was dabei gedacht haben, wie sie ihre Tische und Stühle platzieren. Auch diese Übung gelingt. Drei Hochzeiten und ihre aufgehübschten Gesellschaften sehe ich an diesem Samstagvormittag. Streetfood, Bauernmarkt, Flohmarkt. Wären da nicht immer wieder Mund-Nasen-Bedeckungen zu sehen, könnte mensch glauben, alles ist wie immer.

Kunst.Raum Bahnhof

Nein. Es reicht uns noch nicht. Es ist schön, unter Menschen zu sein. Mit Abstand, was ich sowieso liebe. Unsere niederösterreichische Freundin hat uns auf eine Gartenausstellung irgendwo am Wörthersee hingewiesen. Und heute Morgen sehe ich, dass Klakradl im Kunstbahnhof Wörthersee Station machen. Wir lassen uns treiben, wie wir uns sonst auf unseren Sommerreisen treiben lassen. Meiden Autobahnen und Schnellstraßen und fahren gemütlich durch die Mittelkärntner Landschaft. Schön ist es hier. Mit ordentlicher Verspätung genießen wir noch ein paar musikalische Leckerbissen der vier Vollblutmusiker*innen, treffen eine Facebook-Bekannte und vereinbaren einen realen Besuchstermin in unserem Paradies. Plauschen mit Freund*innen. Und lassen uns weiter treiben.

Kunst.Raum Hof

Unseren Hunger stillen wir zwei Reisenden stilecht mit veganer Kost aus dem Supermarkt. Wie leicht das mittlerweile geht. Sitzen gemütlich im Schatten unseres Kofferraums unter einem Baum. Und machen uns auf den Weg zu unserer Freundin. Lachen und stellen fest, dass Beginnzeiten für uns Richtwerte sind. Und kommen auf die Minute pünktlich zur Eröffnung des schönsten Kunstevents an, das ich persönlich bisher erlebt habe. Okay. Stimmt. Ich habe noch nicht so viele Ausstellungseröffnungen erlebt. Dieser Virus zwingt Menschen, neue Formate zu entwickeln. Von mir aus dürfen auch in Zukunft gern Ausstellungen und Konzerte in Scheunen, sich öffnenden Gärten und Innenhöfen, auf schwimmenden Bühnen und zu Hause bei den Menschen stattfinden. Elitäre Vernissagen in heiligen Hallen waren und werden nie so ganz meine Sache sein. Kunst zu den Menschen zu bringen schon viel mehr. Als Newbie in diesem Bereich genieße ich es, ein paar Gesichter zu vertraut klingenden Namen aus der Kärntner Kunst- und Kulturszene direkt zu erleben. Natürlich merke ich mir erst mal gar nichts. Aber das wird schon werden. Wir genießen bildende Kunst, Musik, ein tolles Buffet, gute Gespräche und die Umgebung. Danke ihr Menschen!

Kunst.Raum Waldarena

2015 waren wir hier zum ersten Mal. Damals, als so viele Menschen auf der Flucht vor Krieg und Grauen nach Europa und nach Krumpendorf in eines der ersten Auffanglager kamen. Und auch in Krumpendorf die Wogen hoch gingen wegen Ängsten vor den Veränderungen, die bereits stattfanden. Nie werde ich dieses bunte Fest vergessen, das spätere Freund*innen hier veranstalteten. Unser ganzes Leben hat sich 2015 verändert. Und mit diesen fünf Jahren Erfahrung sitzen wir heute abschließend und für uns selbst überraschend auf den Holztreppen der Waldarena. Und lauschen den feinen und den rockigen Klängen unserer Freunde Elke, Harald und David. Schön mit Abstand, ja klar. Gerne. Das Sonnenlicht wird weniger. Ein langer Tag geht zu Ende, der sich so anders entwickelt hat als wir dachten. Morgen. Morgen sitze ich wieder an meinem Puppen. Heute war ein anderer Tag.

Urlaub Daheim

Nein, keine Sorge. Keine Moralkeule nebst erhobenem Zeigefinger, keine triftigen Gründe außer vielleicht dass uns schade ist um das nicht so leicht verdiente Geld, dass im Juli und August ungefähr die Hälfte wert ist, wenn du in genau dieser Zeit auf Urlaub fahren musst. Wir haben nach einem fordernden Juni lange hin und her überlegt, ob wir auf unsere Sommerreise gehen oder nicht. Und – wir bleiben heuer im Sommer da. Uns geht’s erstaunlicherweise blendend. Kein Warten auf die Abreise, kein so schwer wieder Ankommen im Alltag, den wir eigentlich lieben. Nur ein bissel reduziertes Tempo. Wohnen im Wohnwagen, aufstehen mit Vogelgezwitscher, endlich mal ernten, was wir im Frühling säen und was den Frost in den Frühlingsnächten überlebt hat. Beeren vor allem, jetzt verfärben sich langsam auch die Marillen und die Tomaten. Der Wegwarte beim Blühen zuschauen. Die Maracuja bestaunen, die Tag für Tag eine Wahnsinnsblüte öffnet. Frühstücken auf der Wohnwagenterrasse. Dem Hufgeklapper von Pferden nachsinnen, den Katzenbabies beim Wachsen zuschauen. Menschen besuchen, die wir vermissen. Menschen beherbergen, die wir lieben. Dazwischen ein bisschen arbeiten und meine Tiny-House-Werkstatt weiter bauen und die Wohnwägen des großen und des kleinen Mannes adaptieren. In neuen Kinder- und Jugendbüchern zur Rezension lesen, Handpuppenbücher studieren und hoffentlich demnächst eine Figur bauen. Meine gedrahtete Figur aus Filz verfestigen und ins Leben kommen lassen. Dazwischen kurze Anfälle von Panik, dass der kalte Winter sicher demnächst da ist und wir dann heuer nicht unterwegs waren. Oder dass beinah ALLE Puppenmacherinnen auf diesem Planeten genau jetzt Puppen nähen. Bis auf die halt, die unterwegs sind oder Pause machen. Und dann beruhigende Gedanken ans Meer, das drei Autostunden entfernt geduldig auf uns wartet, auch in einem schönen, langen Herbst. Genug der Worte. Zur Social Media Überbrückung meines verlangsamten Gewissens ein paar Eindrücke unseres ersten Ferienmonates, der glücklicherweise noch nicht vorbei ist. Lasst es euch gut gehen. Und ja, unser Paradies ist für entspannte Besucherinnen und Besucher geöffnet!

Vom Unterwegssein

Nach einem Rundgang durch den morgendlichen Garten, der sich noch unter 30 Grad präsentiert die Entscheidung: wir kaufen keinen Kuchen fürs Fest bei Freunden, wir backen ihn selber. Der Garten geht grad über vor Beeren und Obst. So gut das zu nutzen. Beim Zusammenrühren der Zutaten für Ribiseln, Brombeeren, Pfirsiche und Zwetschken, die darin versinken sollen, geht mir alles mögliche durch den Kopf. Dann schreibt ein Instagramer, dem ich folge, davon, dass im Bus zu leben nicht nur Sonnenuntergang, Gänseblümchen und Spaß bedeutet, sondern dass das Leben einen dabei auch ordentlich fordert. Damit meint er vor allem den Ausbau der Fahrzeuge. Falls es euch interessiert, dann schaut mal unter #instatravel bzw. #vanlife, was sich da so alles tut.

In mir war immer schon der Drang, unterwegs zu sein. Aufgewachsen in der Schattenseite unseres Hausberges in Spittal an der Drau in Kärnten war es mir zu eng, zu überschaubar und fühlte ich mich generell fehl am Platz. Als zugereiste Familie aus Klagenfurt hatten wir wenig Chancen, in die Gesellschaft aufgenommen zu werden. Ich fühlte mich nicht zu Hause. Eine Lungenentzündung brachte seinerzeit die erste Reise ans Mittelmeer. Und die überraschende Erfahrung: ich kann frei atmen, habe Platz zum Schauen, keine Berge, die die Sicht einschränkten. Das Meer, der Ozean, das Sein am Rande des Meeres, das gehört seither zu den lebensspendenden Momenten in meinem Leben. Meine Eltern waren voll eingeteilt mit ihrer beruflichen Arbeit. Mehrwöchiger Urlaub im Süden mit Wegfahren war wohl auch mit Hunden und drei Kindern kaum drin. Und ich glaube gar nicht besonders erwünscht. Abgesehen von der Notwendigkeit, für die Klienten da zu sein.

Vor drei Jahren – Romana, ich fasse es nicht, wie schnell die Zeit verfliegt – in Canada führten wir lange Gespräche übers Auswandern, Umziehen, Reisen, Unterwegssein. Und immer mehr wird mir seither klar, ich will möglicherweise gar nicht an einen bestimmten Punkt auf diesem Planeten ziehen, um glücklich zu sein. Sondern ich mag unterwegs sein. Ja, da höre ich sie wieder, meine fundamentalistischen Freundinnen und Freunde aus der Öko-Ecke, in der ich mich ja auch eingerichtet hab. Wer fliegt, hat überhaupt nichts kapiert. Auto ist natürlich auch bäh, der weniger treibstoffintensive Diesel auf langen Strecken ist mittlerweile ganz besonders pfui. Da ich nie gelernt habe, mit dem Pferd unterwegs zu sein, werde ich weiterhin mit dem Fahrzeug unterwegs sein. Denn wisst ihr was? Ich bin glücklich, wenn ich unterwegs bin. Bei mir ist der Weg das Ziel, auch wenn das keiner versteht – ich bin so gemacht. Und ich brauche mein Klimbim wie Kamera, Schreibzeug, Strick- und Nähzeug. Genieße es, meine kostbaren Rosentassen auch auf den dreckigsten Stationen zu nutzen, mein Besteck dabei zu haben, mein Bettzeug und meine Kleidung. Ich gehe unterwegs gerne zu Fuß und schlafe dann umso lieber im Fahrzeug, ganz besonders, wenn es regnet. Unperfekt. Das bin ich.

Manchmal denke ich, vielleicht sind wir Menschen gar nicht dazu geboren, sesshaft zu sein. Nein. Stop. Falsch. ICH bin nicht dazu geboren. In mir ist eine Zigeunerin, eine Nomadin, eine Reisende. Die neue Eindrücke und andere Kulturen braucht wie manche ihr gut gefülltes Bankkonto. Ich liebe es nicht, mich fremd zu fühlen. Und – es tut mir so gut, mich fremd zu fühlen. Über meinen Schatten zu springen. Es ist ein Erfolgserlebnis, Ängste zu überwinden und out of the box, vielleicht auch noch in einer fremden Sprache, um Hilfe zu bitten. Heuer waren es die schottischen midges, die das so klar aufzeigten. Wir baten nach einer Horrornacht auf einem Campingplatz tief in Schottland in einem Auto voll mit fliegenden Monstern, die das sonst so wirksame Moskitonetz unserer Autofenster locker passiert hatten, um Hilfe. Die midges verzogen sich im morgendlichen Tageslicht hinter die Verkleidung des Autos und verdauten glückselig unsere Proteine, die sie nächtens stundenlang aus unserer Haut gesäbelt hatten. In einem winzig kleinen Lebensmittelladen an der Küste am Weg zur Isle of Skye wartete Hilfe. Eine ältere Dame bedauerte uns und pries gute Mittel für die Haut und einen wirksamen Vernebelungsspray fürs Auto an. Ja, die zugegebenermaßen hohe Investition lohne sich, die zwei Dinge seien derzeit das Beste am Markt. Englisch in Schottland verstehe ich nur, wenn ich ganz entspannt zuhöre. Verstehen am besten ausschalten. In einem magischen Prozess ergibt sich aus Sprachmelodie und Worten und offen bleiben ein Sinn. So auch bei dieser Frau. Die Chemokeule wirkte im hermetisch abgeschlossenen Auto, trotz Skepsis. Wir bekamen noch andere wertvolle Tipps, weil wir jene fragten, die dort wohnen. Parkt am Meer im Wind – sie vertragen keinen Wind, der wirbelt sie davon. Schmiert euch ein – ja, das ist ein gutes Mittel, das ihr da gekauft habt. Und seid froh, dass die Pferdebremsen noch nicht da sind. Haha. Waren wir. Und dankbar für die schönen Gespräche, das Gelächter und Gerate, was gemeint sein könnte. Unbezahlbar und voll das Leben. Übrigens auch dankbar für den Hinweis auf eine App, die die Plage in Schottland in Prozenten benannte und Einfluss auf unsere Reiseroute nahm.

Ich persönlich kann mir vorstellen, noch mehr Zeit unterwegs zu verbringen. Auch arbeitend. Unser PKW derzeit ist praktisch und funktionell für Auszeiten, spielt sogar ein paar technische Stückerln für all die Ladenotwendigkeiten unserer Geräte. Ich träume trotzdem von einem selbst ausgebauten Bus, Marke egal, Hauptsache fahrsicher und treibstoffarm. Mit Büro und Kochmöglichkeit und minimalem Sanitärbedarf für unterwegs. Das Umbauen selbst finde ich spannend. Und das Unterwegssein sowieso. Das Irgendwo-Bleiben, mit den Menschen in Kontakt kommen, wie es heuer so viel öfter der Fall war. So schade, dass Campingplätze so teuer geworden sind. Mit dem Bus könnten wir nicht mehr unsichtbar irgendwo übernachten. Und andererseits bin ich entsetzt, wie viel Müll die Menschen aus dem Fenster schmeißen oder auf Parkplätzen liegenlassen, wenn sie unterwegs sind. Und das ist ganz sicher nicht nur Urlaubsmüll. Ich kann verstehen, dass all das Hinterherräumen eine Gesellschaft überfordert und sie deshalb Tourismusmaßnahmen ergreift, die das Müllproblem in den Griff kriegt.

Wir sind erst kurz wieder da, körperlich. Meine Seele ist noch in England, in Schottland und in Wales. Und von mir aus könnten wir schon wieder packen und weiter fahren. Derzeit machen wir Kurzausflüge im Urlaubsland Kärnten mit unserem jüngsten Familienmitglied. Dabei kommen wir langsam wieder an. Und stellen uns dem Sesshaftsein. Der wild wuchernde Garten unterstützt uns dabei sehr.