Finger und Puppen

Wenn ich es zulasse, Wirtschaft anders zu denken als ausschließlich im Austausch von Geld, dann entstehen in allererster Linie Beziehungen. Menschen, die mich kontaktieren, nehmen Anteil an dem, was ich so liebe. Sie wissen oft, worum es mir mit meinen Wesen geht. Sie lassen sich auf einen gemeinsamen kreativen Prozess ein. Solche Beziehungen und dabei stattfindende Begegnungen beseelen. Sie inspirieren und zeigen mir, woran ich weiter arbeiten werde.

Biene, Igel, Blume, Krokodil

Meine heuriges Fingerpuppenprojekt entsteht aus so einer Begegnung. Vollkommen überraschend. Und vermutlich aus der Umstellung meines Schulprojektes von vor Ort zu online. Kein direktes Arbeiten mit den Kindern! Wie ich das heuer vermisse! Ich habe etwas ganz anderes im Kopf, als ich einerseits ein von mir erschaffenes Wesen an eine Kundin übergebe. Und mir andererseits gerade Gedanken über Handpuppen mache, die man beim Vorlesen verwenden kann. Ehrlicherweise denke ich über gefilzte oder textile Wesen nach. Doch dann erzählt mir diese Frau, die mittlerweile eine wundervolle Freundin ist, von ihrem Enkelkind. Und dass in ihrer Familie mit Enkelkind so gern mit Fingerpüppchen gespielt wird. Sie zeigt mir ein Foto dieser „Tulis“. Und es ist Liebe auf den ersten Blick.

Schnecke

Und tja, ein paar Wochen später – hier sind sie. Meine ersten gestrickten, behäkelten und bestickten I-Dolls erblicken täglich das Licht dieser Welt. Sie sind für Erwachsenenhände gemacht. Unter Aufsicht können sie bestimmt auch von Kindern bespielt werden. Ich habe extra unten ein Bündchen angestrickt, das man umschlagen kann, um die Puppe zu verkleinern. Sie sind bewusst einfach gehalten. Vieles ist angedeutet, manches dafür mit Genuss und ohne auf meine Zeit zu achten, aufwändig bestickt. Ich sage nur Libelle. Meine Libelle muss funkeln. Sonst ist es keine Libelle. Gestrickte Libellen funkeln nur mit schimmernden Glasperlen. Diese Fingerpüppchen „passieren“ wie nebenbei. Ganz ohne Schnitt und Anleitung, einfach so. Das ganze Stricken geht wie nebenbei. Beim Lesen. Beim Film. Beim Reden. Ich brauche etwa zwei Abende oder zwei Terrassenbesuche einer Freund*in für eines dieser Wesen. Weißt du eigentlich, dass beidhändiges Arbeiten beide Hirnhälften aktiviert und dabei kreative Prozesse ablaufen? Also – ich breche hiermit eine weitere Lanze fürs beidhändige Arbeiten sprich stricken! Es macht mir zunehmend Freude. Bis auf die Größe wird jedes Wesen ein bisschen anders. Du kennst mich ja. Zwei Mal das Gleiche langweilt mich. Die Fingerpüppchen sind Unikate, die jedes Mal geringfügig anders ausschauen werden. Vieles kommt aus dem Pflanzen- und Naturreich. Und ganz oft steht eine Emotion dahinter. Bei der Häsin beispielsweise, die schüchtern lispelt. Ganz im Gegensatz zur Blume, die jedem erzählt, wie toll sie diesen frühen Sommer findet. Und die schielende Schnecke, die von ihrer Schönheit ganz begeistert ist.

Krokodil

Unser Sami ist ein recht guter Seismograph, was Anziehung betrifft. Ich hab das Gefühl, ihm bleibt immer ein bisschen die Luft weg, wenn ich ihm neue Minis zeige. Für die Fotos reißt er sich drum, mit den Fingerlingen zu spielen. Und Alexander will sich noch beim Abendkrimi das Krokodil mit den Glupschaugen reservieren. Er kann froh sein, dass das Krokodil nur mit gehäkelten Zähnen zubeißt! Er hat sich schon ordnungsgemäß für den Übergriff entschuldigt und erklärt, dass in jedem von uns mindestens (!) zwei Persönlichkeiten wohnen. Und dass es auch ihm als erwachsenen Menschen gut tut, die zum Sprechen zu bringen. Da werde ich wohl noch ein paar Wesen machen müssen…

Hase

Und ja, natürlich, du kannst diese Wesen auch erwerben! Sami darf noch ein paar Tage mit ihnen reden und welche bei mir bestellen. Und dann stelle ich die erste Partie ab 25. Mai 20 Uhr in den Shop. Sie werden wöchentlich aktualisiert, je nachdem, was mir so einfällt. Und wer uns als erstes verlässt. Gern mache ich auch Wesen, die noch nicht da sind. Wir Menschen wachsen ja an unseren Herausforderungen.

Libelle, Biene, Marienkäfer, Blume, Krokodil

Yasemine und das weibliche Handwerk

Wir sind hier in Stoberdorf in der neunten Woche unserer Quarantäne mit einem Homeschooler. Aus Gründen, würde meine Freundin Ina sagen. Irgendwann wurde es mir in den letzten Wochen zu langweilig, am Abend Pullover und Mützen und Socken für meine Wesen zu stricken oder zu häkeln. Abgesehen davon, dass sie diese tollen Stücke nicht übereinander anziehen können, war es vom Prozess her logisch, die Wesen selbst auf diese Art in Angriff zu nehmen. Häkeln fällt mir leicht, nur gefällt mir das Maschenbild nicht für eine Hautoberfläche. Also entscheide ich mich für das Stricken. Raus aus meiner Komfortzone, mal wieder. Yasemine und ein zweites Wesen entstehen. Von den Zehenspitzen bis zum Hals und zu den Handgelenken Strickmaschen. Mit einem Spiel feiner Sockenstricknadeln. Ganz old fashioned, immer in Runden und mit vielen Markern. Die übliche Zettelwirtschaft für auf- und abgenommene Maschen. Immerhin ein Hauch von Struktur. Das intuitive Stricken orientiert sich an meiner räumlichen Vorstellung der Schnitte für die Stoffwesen. Kopf und Hände werden später gefilzt, ich möchte dort keine Maschen sehen. Nach fast drei Jahren probieren und tun und studieren und lernen und wieder ausprobieren kann ich auf Einiges an Fertigkeiten zurückgreifen. Es wird spielerischer, leichter. Ich traue mir mehr zu. Und ich traue mich mehr. Es ist wie mit dem Lernen eines Instrumentes. Am Anfang sind in unserer Kultur die nervtötenden Etüden. Und irgendwann lernst du, dich zu lösen und zu improvisieren.

Ich erinnere mich rund um Yasemine an eine zwei Jahre zurück liegende Diskussion. Eine Freundin findet, dass es falsch sei, bei der Herstellung textiler Wesen und Puppen von „weiblichem Handwerk“ zu sprechen. Es würde zu sehr ausschließen. Wir forschen eine Weile, 2018 war ja DAS Jahr des Handwerks. Vom Bundesministerium beforscht werden Tischler, Schmiede und ähnliches Handwerk mehr. Nähen kommt in der wissenschaftlichen Arbeit vor. Und es ist viel die Rede von kaum mehr existenten Gewerben wie Schneider, Weber, Näher. Viele schöne Worte, tolle Lobgesänge auf das Handwerk und seinen immensen Wert für den Wert des immateriellen Erbes der Kultur einer Region. Aber monetär ineffizient. Häkeln, stricken, sticken? What? Ein Gewerbe? Nö. Als ich 2018 bei der WKO nachfrage, ob es eine Ausbildung oder Lehre für Puppenmacher*innen gibt, wurde mir nach zwei Wochen aus Wien und Klagenfurt beschieden, dass es das definitiv nicht gibt.

Für die Herstellung meiner Wesen braucht es eine Menge von diesem weiblichen Handwerk. Ich nähe von Hand und mit der Maschine. Aquarelliere und maskenbildnere. Ich stricke. Häkle und sticke. Filze und färbe. Webe und pflanze Färbepflanzen in unser Paradies. Ich lerne, mit Draht umzugehen. Ein bisschen florale Gestaltung kommt dazu. Um unser Schaf kümmert sich meine Freundin Hemma. Da fehlt mir jedes Können und Wissen. Ich kann Lara nur viel zu selten gernhaben und ein- oder zweimal im Jahr auf sehr unprofessionelle Weise ihre Wolle verarbeiten. Manchmal bin ich auch bildhauerisch tätig, mit Pappmaché oder Wolle. Für die Stabilisierung mancher Wesen bitte ich meinen Partner und die Maschinen seiner Tischlerwerkstatt um Hilfe. So viel Handwerk!!

Was ist das also? Meine Nähkenntnisse würden derzeit gebraucht. Ihr wisst schon, Masken nähen. Ich denke noch darüber nach. Dazu müsste ich ein passendes Gewerbe anmelden. Die Künstlerin näht nicht. Gewerbetechnisch. Doch was ist mit Fertigkeiten wie häkeln, stricken, sticken? Ein Handwerk wie tischlern und nähen? Ein feines unbezahltes Hobby zugunsten der Familie? Wie so vieles, das Frauen „freiwillig“ und unentgeltlich machen. War dieses Können immer schon „nicht systemrelevant“? Und wurde somit nicht mit Geld entlohnt? Ich weiß selbst zu wenig darüber. Bin bei meinen Nachforschungen allerdings auf Fragmente einer japanischen Tradition gestoßen. Herausragende „Künstler“, und dazu zählen auch kulturtechnische Fertigkeiten, wurden oder werden vom Staat insofern unterstützt, als man ihnen ein staatliches und lebenslanges Gehalt auszahlte. Voraussetzung: die Bereitschaft, dieses Wissen neben ihrer künstlerischen Arbeit in Form von vielen Jahren Lehre an junge Menschen weiter zu geben. Hier stehe ich mit meiner Forschung sprachbedingt an. Falls DU mir darüber etwas erzählen kannst, dann freue ich mich wirklich! Daran könnten wir hier in unserer Kultur vielleicht anknüpfen.

Falls du das Kaffeeservice meiner Kaffeetanten ebenso bewunderst wie ich, dann empfehle ich dir einen Besuch bei Rapunzel Naturkost im deutschen Regau. Dort wird in einem langen Prozess das Besuchercafé umgebaut. Ein Teil des Geschirrs bekam ein neues Design. Du weißt vielleicht, dass Alexander in den Anfängen dieser Firma aktiv dabei war, als Zeichner und Grafiker und Teil der Wohngemeinschaft. Er ist mit den Menschen dort verbunden geblieben. Der Winterauftrag für das Porzellandesign ist wunderschön in der Ausführung. So genial, wenn Alexander’s Arbeit noch ein bisschen sichtbarer wird.

Stricken und stricken

Als Zehnjährige nach einer schweren Lungenentzündung war ich eines Sommers mit Mutter und Schwester zum ersten Mal am Meer. An der italienischen Adria, ein bisschen weiter südlich als es uns Kärntner sonst hin verschlägt. Die Meeresluft sollte mir und meiner hustenden Schwester gut tun. Für mich änderte sich das ganze Leben. Zum ersten Mal keinen Berg unmittelbar vor der Nase zu haben, sondern Weite, scheinbare Endlosigkeit, salzige, fischige Luft. Eine Wasseroberfläche, die gefühlt unmittelbar neben der Straße anfängt. Menschen, die einem nahe kommen, viel und laut lachen und reden. Voller Begeisterung über den Trubel tappten wir Mädchen sofort in die Fotofalle eines Fotografen, dessen Assistent ein winziges Löwenbaby kraulte. Herzklopfen und Neues, wohin wir kamen.

Am Strand sah ich zum ersten Mal strickende mammas und nonnas. Sie fuhrwerkten nicht mit den Nähnadeln herum wie ich und meine Mutter zum damaligen Zeitpunkt. Sondern klemmten sich die langen Nadeln unter die Achseln und erreichten mit sehr flinken Fingern, dass der Wollberg elegant schwand und Gestricktes entstand. Meine Neugier blieb, auch wenn ich keine Antwort bekam. Immer wieder studierte ich später aus den Augenwinkeln diese strickenden Frauen in Italien. Schlau wurde ich nicht daraus.

Bis vor zwei Wochen. Orsola strickt italienisch. Mit richtig dicken Nadeln. Minimum 10, ich sehe zum ersten Mal auch eine Stärke 35. Als ich zu Hause mit Nadelstärke 15 arbeite wird schnell klar, dass was dran ist an dieser anderen Art zu stricken. Ich habe das Gefühl, kleine Äste in der Hand zu halten. Das Strickbild ist ungleichmäßig. Irgendwas scheint an der Art des Andersstrickens dran zu sein. Also frage ich Frau Google um Rat. „Italienisch stricken“ ist meine glorreiche Idee. Das ist eine Art von flexiblem Anschlag für Pullover. Nicht was ich suche. Als ich nach einer Stunde entnervt aufgeben will, fällt mir ein, ich könnte ja im englischsprachigen Raum schauen. Ich lande durch einen Zufall bei einer Strickerin, die den Faden nicht auf der linken Hand sondern auf der rechten hat. Und siehe da, sie macht genau diese Fingerbewegungen, die ich suche. Zwei Stunden später halte ich erste Probestücke in der Hand. Komme mir vor wie die Totalanfängerin, das Hirn verknotet sich dauernd. Aber – ich stricke „english style“. Nicht „continental“ wie wir hier. Wir rätseln via whatsapp, warum die italienischen Frauen diese Art zu stricken lernen. Ob es mit der ehemaligen Seemacht Italien zu tun hat? Ein bisschen nördlich der Karawanken lernen wir als Mädchen nur die andere Art kennen.  Im skandinavischen Raum und bei den Puppenmacherinnen sehe ich dann wieder hauptsächlich die englische Art. Sehr mysteriös. Welche Fragen doch beim Stricken entstehen können 😀

Zwei Wochen später kann ich sagen, ich nutze beide Arten. Für den Rand und das Bündchen gefällt mir das englische Maschenbild besser als das kontinentale. Der Anschlag gefällt mir besser, so wie ich ihn gelernt habe. Und natürlich bin ich auf die vertraute Art wesentlich schneller, obwohl ich „englisch“ die Nadeln nicht mehr ganz so linkisch und verkrampft halte wie vor zwei Wochen. This process is to be continued…

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In meinem Kopf formt sich beim Strickenüben eine neue Puppe. Sie soll die Knie abwinkeln können, um in Regalen und auf Fachböden zu sitzen. Nicht ganz so kindlich sein wie meine Elfen und Babies. Ein bisschen erwachsener, mit entsprechenden Proportionen. Ich zeichne einen Tag lang herum, verpasse ihr längere Beine als üblich, schmalere Arme. Sie soll allerdings einen geformten Kopf haben. Nicht babylike, sondern mindestens eine junge Erwachsene. Monika hat mir ihren schattierten Strickjersey geschenkt, aus dem sie früher für ihre Kinder Puppen gemacht hat. Mir scheint dieser eher grobe Rippenstrick perfekt zum modisch dick gestrickten Pullover zu passen. Gedacht. Gemacht. Die italienische Prinzessin Orsola erwacht zum Leben.

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Meine Freundin Gabi hat mir vor ein paar Wochen eine große Menge weiße, dicke Wollreste geschenkt. Daraus entwickle ich eine sehr schicke Aufsteckfrisur. Und dann die dringend nötige Strickwolle. Ich drösle die ineinander verdrehten Stränge auf und beginne, meine Herausforderung in klein zu stricken. Und tja, seit gestern trägt Prinzessin Orsola einen Jumper Marke #knittedlove. Die Miniaturausgabe. Perfekt zum Üben. Zum Fluchen und Trennen und Neuanfangen mit Übungswolle und nicht mit der kostbaren Merinowolle. Der dreifache Zopf, der mir eine Menge Kopfzerbrechen bereitete, gelingt nun. Ausnahmsweise nicht Dank Frau Google. Zwei völlig falsche Anleitungen später schalte ich mein Hirn ein und komme selber drauf, wie er funktionieren kann.

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Prinzessin Orsola lächelt in der Herbstsonne des Wintergartens milde und wartet geduldig, bis das gute Stück spät Nächtens fertig ist. Ich merke schon, sie ist wirklich eine Dame. Der Raglaneinsatz sei unzufrieden stellend, das bekomme ich zu hören. Dafür bekommt die kleine italienische Prinzessin Overknees aus feinem Verbandsmull. Und als krönenden Abschluss upcycle ich eine Glassteinborte einer Damenjacke, die auf weitere Verarbeitung wartet. Mit all dem Gefunkel und den Weißtönen wirkt sie wie eine italienische Schneeprinzessin. Beim Fotografieren kommt mir, dass ich nach diesem Prototypen eine weitere Puppe machen werde, die im Körperinneren beschwert ist und eine bessere Sitzfläche bekommt. Ich habe schon eine Idee, wie das gehen könnte. Auch die Knie schaue ich mir noch genauer an, sie dürfen damenhafter werden.

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Danke übrigens ihr großzügigen Wissensteilerinnen und Wissensteiler online. Ich habe bei meiner Suche so viel über internationales Handicrafting erfahren wie überhaupt noch nie. Einige Seiten haben mir Fragen beantwortet, die ich mir schon lange stellte.  Brauchbares von Unbrauchbarem trennen muss frau halt selber. Für all die brauchbaren Ergebnisse liebe und schätze ich diese weltweite Plattform.