Das Heute und Tage der Zukunft

Ja, ich habs wieder getan. Ich war bei den Tagen der Zukunft in Arnoldstein, veranstaltet vom Institut für Zukunftskompetenzen. Ich bin seit vielen Jahren entweder Teil des ehrenamtlichen Teams. Oder mit einem Projekt dabei. Oder ich mache beides, bin Teilnehmerin und Projekteinreicherin. Zehn Jahre. Zehn Jahre ist mir diese Seelenfamilie, die jedes Jahr größer wird, ans Herz gewachsen. Und wachse ich mit.

Heuer habe ich zum ersten Mal Schwierigkeiten, drei Tage dabei zu sein. Ein ORF-Interview für unser Puppen-Theater-Projekt lässt sich terminlich nicht anders einrichten als am Freitag Vormittag. Gott sei Dank ist Otto da, ein Kollege, der auch entweder als Coach oder als Fotograf oder als Filmer dabei ist. Er übernimmt meinen Freitag, ohne zu murren.

Heuer ist es für mich anders als sonst. Ist es die Gewohnheit, das Älterwerden, oder eine gewisse Routine? Ich empfinde die zwei ehrenamtlichen Fototage wie eine dringend nötige Auszeit vom Alltag. Tropennächte, glühend heiße Klosterruinenmauern, die Übernachtung im rasch umgebauten PKW, der im kühlenden Schatten großer Ahorne ganz in der Nähe der Klosterruine parkt. Idylle pur. Fotografieren kann ich fast im Schlaf. Meine Intuition funktioniert sowieso besser, wenn der Verstand und mein innerer Kritiker die Klappe halten. Und so bewege ich mich durch den heißen Mittwoch und den noch heißeren Donnerstag. Treffe fotografierend und austauschend alte FreundInnen und WegbegleiterInnen. Begegne Menschen, mit denen der Kontakt vor Jahren abriss. Lerne ganz neue Menschen kennen. Und weiß jetzt, was ein Chairwalk ist! Freue mich von Herzen über die jungen, vielfältigen, engagierten Menschen aus der Villacher CHS und aus der Klagenfurter Waldorfschule. Traut euch, redet, verschafft euch den Raum, gehört zu werden. Es ist eure Zukunft, um die es geht. Wir älteren Erwachsenen können locker einen Schritt zurück treten und euch mit all unseren Erfahrungen und unserem Wissen unterstützen, wenn ihr uns brauchen könnt. Junge Erwachsene gehen sowieso an eurer Seite. Nutzt das Angebot der engagierten Coaches, die euch dabei unterstützen, eure fantastischen Ideen umzusetzen. Und wundert euch nicht, dass einige von uns erst zuhören lernen. Viele Menschen wurden nie gehört. Das Geniale dieser Jahre ist, dass der Wandel begonnen hat. Erst jetzt ist die Zeit reif, auf die so viele seit Jahrzehnten warten. Erst jetzt stellt sich heraus, dass die Ideen der Spinner, der Träumer, der Visionäre der letzten Jahrzehnte euren Träumen von einer guten Zukunft sehr ähnlich sind. Das kann für Ältere echt frustrierend sein. Ich danke euch von Herzen für diese Tage, die ich genießen kann, weil ich sehe, höre und spüre, dass ihr in unserem Sinne übernehmt.

All das Leuchten zu fotografieren, all die Begegnungen, das ist es, warum ich jedes Jahr wieder dabei bin. Ich habe heuer keinen Auftrag, mich an den Fragen zu beteiligen, an der Lösungsfindung. Höre viel lieber zu, was an Ideen da ist, an umgesetzter Realität, an Lösungen, die bereits an die Herausforderungen des Lebens angepasst werden. Ich kaufe mir das aktuelle Buch Der Zukunftskompass meiner Freundin und Institutsgründerin, das sie auf ihren langen Reisen am Boot entwickelte. Die Coaches in Arnoldstein verwenden die zwölf Kompetenzen, die sie in diesem Buch vorstellt. Ich freue mich auf den Videomitschnitt der Abschlusspräsentationen, dort wird hörbar sein, wie diese menschlichen Kompetenzen praktisch anzuwenden und auszubauen sind.

Mit meiner Coachin des Vorjahres unterhalte ich mich über die Entwicklung, die mein Projekt in einem Jahr genommen hat. Von der geplanten ehrenamtlichen Puppenmacherin, die sich noch immer ein bisschen schämt, Puppen zu machen. Zur selbstständigen und zumindest am Papier angemeldeten Künstlerin, die mit visual stories & textile sculptures experimentiert. Ich erzähle ihr von den beinah aufdringlichen Zufällen mit Puppentheater und Co, von unserem genialen Rabenpuppentheater, das ein Stadtentwicklungsprojekt geworden ist. Sie lacht und fragt, ob ich mich eigentlich erinnere, wie mein Pitch aus dem Vorjahr ausgesehen hat. Tja. Ich habe meine beiden mitgebrachten Puppen miteinander reden lassen. Und ich habe das total vergessen! Auch die Ideen meiner damaligen Mitgeherin, die immer nur von Puppentheater redete, der meine Puppen zu sehr weibliches Handwerk und deshalb gar nie so richtig angenehm waren. Und jeder, dem ich in Arnoldstein erzähle, dass ich Spundus habe vor Theater und der Kombination Puppen und Theater, lacht mich fast aus. Es scheint mal wieder allen anderen klarer zu sein als mir, dass das mein Weg ist. Grad und weil ich aus (m)einer weiteren Komfortzone raus müsste. Ich spüre, dass der Widerstand verpufft…

Eine abschließenden Geschichte rund um meine Erlebnisse mit Puppentheater habe ich noch. Es war einmal vor ziemlich genau zwei Wochen, es können auch ein paar Tage mehr vergangen sein. Die wunderbare Andrea schenkt mir eine aus Tschechien importierte Marionette, die die Größe eines sechs Monate alten Kindes hat. Bei genauerem Zerlegen stellt sich heraus, dass diese bezaubernde Stoffpuppe vor allem aus Schaumstoff und PU-Schaum besteht. Alles ist handgemacht, jede Naht, jeder Schnitzer am Körper und am Kopf. Ich entwickle den Ehrgeiz, dass so eine Marionette auch aus Schafwolle machbar sein müsste. Außerdem borgt mir Andrea ein Buch, das 1966, in meinem Geburtsjahr, in vielen Sprachen zugleich veröffentlicht wird. „Puppentheater der Welt“, von Professor Jan Malik aus Prag. Ich trage es ständig mit mir herum und hüte es wie einen Schatz. Die mich kennen, wissen schon – meine mütterlichen Wurzeln werden wieder genährt. Meine multikulturelle Seele jubelt auf. Als ich im Buch blättere, begeistern mich nicht nur die Fotos unterschiedlichster Wesen. Diese Wesen wurden aus allen Ländern dieser Erde zusammengetragen. Im Jahr 1966! Zusammengestellt von der Union Internationale des Marionettes (UNIMA), die es ebenfalls noch gibt, auch mit einer Vertretung in Österreich. Von Puppentheater und Tschechien ganz zu schweigen, unsere Nachbarn haben das noch locker drauf. Ich sehe auch an meinen russischen Instagram-Favoriten, dass Osteuropa die Puppenmachertradition nie aufgegeben hat. Die tschechische Stoffpuppe sitzt mir derzeit gegenüber und schaut verständnisvoll. Abwartend. Sie fremdelt ein bisschen, so wie ich, wenn ich mich an eine neue Umgebung gewöhne. Danke liebes Leben, für diese so offensichtlichen Zufälle, die du mir brotkrumenartig auf meinen Weg zu mir selbst streust. Und danke Andrea, für deine Großzügigkeit und deine kluge Intuition!

Hinter den Kulissen

Jetzt ist die Zeit, da sich hinter der Probenwelt mindestens so viel tut wie auf den Bühnen in und vor dem upgecycelten Kastentheater. Kommt mal ein bisschen mit hinter diese Glitzerwelt.

Letzten Freitag gehe ich mit drei Mädchen ins hiesige Bürgermeistervorzimmer, um unsere Veranstaltung anzumelden. Gemeinsam mit den freundlichen Damen checken wir ab, ob wir bei unserer mobilen Veranstaltung jemandem im Weg sein könnten. Wir verändern einen problematischen Standplatz gegen einen besseren. Überprüfen, ob wir Strom bekommen können. Als der Bürgermeister überraschend auftaucht und den Kindern die Hand schüttelt, freuen die sich volle. Und noch mehr, als er ihnen Gutscheine in die Hand drückt. Ja, die Veranstaltung wird beworben. Ja, natürlich dürfen wir bei Regen im Rathaushof spielen. Und schon ist der Chef wieder weg. Die Kinder staunen. Und ich bin so konzentriert, keine Frage zu vergessen, dass es kein Foto gibt.

Eva, die Lehrerin, führt perfekte Listen, damit wir nichts übersehen. Die Listen werden nachjustiert, ergänzt und korrigiert. Ich bin inzwischen froh, dass wir diese Listen haben. Mein Hirn ist nicht mehr das Jüngste. Und das Projekt wird immer größer. Und dann noch ein bisschen größer. Eva ist es auch, die das Radiointerview nächste Woche einfädelt. Sie hat sehr viel Verantwortung für die Probearbeit rund um die Szenen und für das Üben der Musikstücke übernommen. Ohne so eine geniale Pädgagogin wäre ein Projekt in dieser Dimension gar nicht umsetzbar. Wir sind einhellig der Meinung, dass wir noch ein Jahr weiter machen könnten, weil so viele Entwicklungsschritte stattfinden. Nicht nur bei den Kindern! Viktoria ist ständig und bei allen Proben da, ausgleichend, beruhigend, beobachtend und mit anpackend, wenn Hilfe benötigt wird. Sie wirkt wie ein Fels in der Brandung, auch die Kinder lieben sie heiß und vertrauen sich ihr an. Unsere wissenschaftliche Begleiterin, Hemma, ist da, so oft es ihre intensive Ausbildung zulässt. Auch sie hat stark die Rolle des Beobachtens, des Helfens, wenn frau gebraucht wird. Wir sind sehr gespannt auf ihren Bericht. Ich bin permanent anwesend. Mache Fotos, versuche mir Situationen zu merken, über die ich später bloggen könnte. Höre den Kindern zu, schaue mir ihre Performances an und biete meine Hilfe an. Höre mir so bezaubernde Geschichten an, sehe die Entwicklungsschritte, höre die selbstbewussteren Stimmen, spüre die Freude und manchmal auch die Frustration der Kinder. In dieser heißen Phase muss ich mir jede Nadel, jeden Stift, jedes kleine Detail aufschreiben, das noch gebraucht wird. Ich staune, wie sehr wir als Gruppe zu einem Team mit Helfern zusammen gewachsen sind. Dreamteam. Aber klassisch.

Die zweite Hälfte der Buttons mit den bezaubernd gezeichneten Kinderraben wird heute von mir gepresst. Ihr Verkauf soll uns dabei unterstützen, mit den Kindern ein massives Danke-Sommer-Fest zu feiern. Ich hab schon ein schlechtes Gewissen – mein Mann verbringt auch viele Stunden vorm Computer. Spinnende Druckerdrüsen, abweichende Größenangaben zwischen Hardware und Software und andere technischen Problemchen fordern ihn volle. Nebenbei entsteht das so einladende Plakat und kleine Flyer, die wir in den Geschäften rund um den Hauptplatz austragen und verteilen werden. Für diese Papiere brauchen wir Logos, Kostenvoranschläge und einen kühlen Kopf. Und immer wieder fällt uns ein Fehler auf. Diskutieren wir auf Whatsapp, wie das Ergebnis aussehen soll. Und ob die Kinder eh einverstanden sein werden. Hier wird spätestens klar – wir setzen um, was sie sich wünschen. Aber nun müssen auch die Erwachsenen voll ran. Die natürliche Arbeit der Kinder direkt in der Stadt ist messbar und unschätzbar wertvoll. Ihre und unsere Anwesenheit rund um die Pop-Up-Werkstatt bringen fremde Erwachsene dazu, mit uns allen zu reden. Und miteinander zu reden. Wir haben nun auch Herrchen und Frauchen des Hundes mit Plastikhuhn persönlich kennen gelernt, die uns schon aufgefallen sind. Kinder aller Altersstufen kleben tagsüber an den Auslagenschreiben und bestaunen die Filzraben. Auch wenn wir vis à vis beim Italiener sitzen und die Türen geschlossen sind. Dieses Projekt belebt die Stadt, das war unser heimlicher Wunsch. Wie sehr ich mir wünsche, dass so etwas in Zukunft öfter geschieht!

Die Subventionsabrechnung wartet auf ihren Abschluss. Das Versenden des Abschlussberichtes nach Wien, das Aussenden der Einladungen an Medien und ihre VertreterInnen stehen an. Alles kein Pipifax, sondern sehr nötig. Die Bühne ist so gut wie fertig, immer wieder müssen Kleinigkeiten nachjustiert oder schon repariert werden. Sie ist ein Traum geworden, mit gemaltem Vordergrund, stilechten roten und ausklappbaren Vorhängen mit goldgelben Borten, die mal wieder wie gerufen vor einer Woche von Maria Slama kamen, mit den fünf farbenfrohen von den Kinder entworfenen und gemalten Hintergründen, dem ausgeklügelten Brett im Showroom, um alles gut auf der Bühne unterzubringen, was nicht mit der Hand bespielt wird. Um diese Bühne darf man die hiesige Volksschule als zukünftige Benutzerin beneiden. Alles nur machbar, weil eine Lehrerin uns den wunderschönen Kasten zur Verfügung gestellt und mein Mann wieder einige Stunden in der Holzwerkstatt verbracht hat. Gott sei Dank hatte er einige Male Hilfe aus unserem tollen Team.

Apropos erste Reparaturen. Vorgestern stehen wir am Abend vor verschlossenen Geschäftstüren. Der Hauptschlüssel war sauber in zwei Teile zerbrochen. Nach meiner Explosion und anschließenden Implosion hilft uns am nächsten Tag der hiesige Schlüsseldienst von Gabi Köppl weiter. Der Hauseigentümer ist unerreichbar, die Kinder müssen in der gewohnten Umgebung weiter proben. Das Gute ist, dass dieser Stress für unfreiwillige Belebung in der Fußgängerzone sorgt. Sich ein weiterer Gast für die Aufführungen ankündigt, die Nachbarn voll Mitgefühl fragen, was denn passiert sei und wir intensiver miteinander in Verbindung treten. Es ist halt nicht immer alles schön, was das Leben daher bringt. Aber wir wünschen. Und es wird gespielt. Die Prüfung in Gelassenheit versemmle ich zu Beginn vollkommen. Stichwort Explosion. Stichwort Implosion. Mein Verantwortungsgefühl für das Projekt und das geliehene Objekt, das mir anvertraut ist, ist größer. Ich beruhige mich erst langsam wieder und bemerke, wie schwer ich mir selbst Fehler zugestehe.

Das war ein unvollständiger Rundgang hinter den Theaterbühnenvorhängen. Falls ihr uns in der Stadt besuchen kommen wollt, hier sind unsere Probentermine. Wir freuen uns, kommt einfach herein und hört zu. Ihr könnt gerne auch vorher anrufen oder uns über social media kontaktieren, weil sich die Dinge manchmal rasant ändern. Morgen proben die Kinder schon ab der ersten Stunde. Es wird spannend.

Grenzüberschreitender Muttertag

Niemals regnet es bei dieser Veranstaltung. Sagte Michel von der Plattform Mittelkärnten vor ein paar Wochen. Dass es dann real wie aus Kübeln schüttet, verblüfft uns alle. Regen heißt in Schottland „liquid sunshine“. Und so war es auch an diesem Wochenende. Es war eine der schönsten Begegnungen mit KünstlerInnen und VeranstalterInnen für uns. Grenzüberschreitend und herzwarm. Doch ein bisschen der Reihe nach.

Am Samstag meiden wir wie üblich die Autobahn und fahren gemütlich übers Kanaltal und entlang des Tagliamento in Richtung der Provinz Treviso. Pordenone begeistert uns einmal mehr mit seinem südlichen Flair und seiner Lebendigkeit, mit seinem bunten Lebensmittel- und Kleidermarkt und den gepflegten Parkanlagen. Zum zweiten Mal kommen wir durch Vittorio Veneto und versprechen uns, beim nächsten Mal endlich auszusteigen und uns dieses beeindruckende Stück Altitalien zu gönnen. Dieses Mal müssen wir rasch weiter. Wir beziehen unser Luxuszimmer am Revine Lago. Werden wegen einer Hochzeitsgesellschaft in ein Appartement abseits vom Trubel gebracht. Und staunen, wie toll hier alte Balken und Hölzer in ein einladendes, cooles Raumdesign verarbeitet wurden. Bis jetzt hat das Wetter halbwegs gehalten. Doch nun beginnt es zu schütten. Wollen wir hoffen, dass das dem Hochzeitspaar wirklich Glück bringt. Für das erste Kennenlernen lesen wir von einer cantina in San Pietro di Feleto (TV). Wir fahren aus dem Regen hinaus in die sonnigen Weinberge. Zypressen und sanfte Hänge, wohin das Auge reicht. Wir fühlen uns wie in der Toskana. Und stellen fest, wir sind in einer echten Prosecco-Region gelandet. Zwei absolut ungeübte Alkoholtrinker. Das kann ja berauschend werden.

Als das Ortsendeschild von San Pietro vor uns auftaucht, finden uns recht zufrieden damit ab, dass wir dieses Mal sicher keinen Wein testen sondern direkt zur Konferenz fahren werden. Da biegen unsere Scouts Michel und Mara ums Eck. Im Konvoi fahren wir zum Bürgermeisteramt. Eine Projektleiterin nimmt uns mit und wir kosten den ungezuckerten (!) Prosecco, der überraschend hervorragend schmeckt. Die frische Salami und der Parmesan verpassen dem Alkohol eine gute Unterlage. Die grenzenlose Konferenz, an der auch ein Vertreter aus Gmünd teil nimmt, ist sprachlich auf Italienisch begrenzt. So schade. Mein Französisch reicht nicht aus, um alle Details zu verstehen. Doch wir bekommen mit, dass dieses Stream-Projekt, für das wir eingeladen wurden, genau zu uns passt. Kunst und Handwerk im ländlichen Raum, erstaunliche Entwicklungen durch ehrenamtliche Initiativen in kleinen Ortschaften, die mich an die Anfänge der Künstlerstadt Gmünd in Kärnten erinnern. Wir wissen bereits beim Betrachten der Präsentationen, dass wir uns die nächsten Monate an den Wochenenden in vielen kleinen Ortschaften Norditaliens herum treiben werden. Ein sehr spätes Abendessen, viel Austausch und Gelächter mit unseren neuen Kolleginnen und Kollegen, Sturm und Gewitter und ein gut geheiztes Zimmer bescheren uns eine kurze Nacht, bevor wir am Sonntag nach einem fulminanten Frühstück unseren künstlerischen Einsatz haben.

Am Muttertag hat der Revine Lago mindestens Hochstand. Das Wasser schwappt bereits in den wunderschönen archäologischen Park mit seinen gepflegten Lärchen-Pfahl-Bauten, ich komme mit dem vollgepackten Auto grad so durch die Pfützen zu unserem trockenen Arbeitsraum. Mit vier KünstlerInnen aus der Region machen wir künstlerisches Muttertagsprogramm für Familien. Eigentlich rechnen wir nicht damit, dass irgendwer bei dem Wetter einen Fuß vor die Türe setzt. Aber wir täuschen uns. Immer wieder tauchen Besucher mit Gummistiefeln und Regenmänteln auf. Wir reden mit Händen und Füßen, radebrechen auf English und mit den wenigen italienischen Brocken, die uns zur Verfügung stehen. Die italienischen Kinder, die dieses Mal unsere Gäste sind, kommen gemeinsam mit ihren Eltern in den Genuss einer Ein-zu-Eins-Betreuung von Alexander und mir und gehen mit ihrer bunten Stoffpuppe zur nächsten Station, der Mosaikkünstlerin Carolina Zanelli. Wir lernen anhand der Kinder viel über logische Arbeitsabläufe bei Puppenworkshops. Eine Mutter erzählt mir, dass sie gemeinsam mit ihrer Mutter und später mit der Großmutter Puppen hergestellt hat. Hier bei uns fällt es ihr wieder ein. Sie begeistert sich so sehr für diese einfachen Bindetechniken der Ragdoll. Eine andere Künstlerin erzählt mir von einer Puppenmacherin in Tramonti di Sotto. Dieser Ort und seine Mosaikexperimente stehen ohnehin ganz oben auf unserer aktuellen Wunschliste. Sie will uns miteinander bekannt machen. Der Korbflechter wird von Groß und Klein ebenso besucht wie der Portraitmaler und der junge Siebdrucker. Als wir den nassen aber wunderschönen Platz verlassen, gehen wir mit dem guten Gefühl, Wesensverwandte getroffen und Brücken über die Grenzen zwischen diesen Ländern der auslaufenden Alpen gebaut zu haben. Wir kommen bald wieder!

Pure and simple

Tag der Arbeit. Was auch immer das bedeutet. Wir genießen einfach, dass nach so viel Grau und Kälte und Regen die Sonne wieder herauskommt. Es hat weit unter 1000 Meter herunter geschneit. Und trotzdem explodiert draußen und bei mir im Wintergarten der Frühling. Habt ihr auch so auffallend viel Vergissmeinnicht, Knoblauchrauke und Taubnessel im Garten? Es dürfte das Jahr dieser Pflanzen sein. Im benachbarten Gurktal schläft sommertouristisch noch alles. Sogar der Zwergenpark, den ich mir morgen in der Früh genauer anschauen werde. Wir begegnen ein paar trachtenbewehrten Musikern und Musikerinnen. Dem nicht umgesägten Maibaum. Ein paar Spaziergängern. Und von der anderen Zaunseite einem Rasenroboter, der nicht mal kleine Gänseblümchen stehen lassen darf. Tag der Arbeit eben. Ich bin für die neue Instagram-Fotochallenge #shape und #puppetshape auf der Suche nach coolen Gestalten. Die menschlichen Trachtenpärchen mit ihren in der Sonne leuchtenden Hutfedern und den weißen Kniestrümpfen sind schon mal ein Hit. Die Zwerge? Nun ja, nicht so ganz meine Vorstellung von Erdwesen, dafür sind sie schön bunt. Eine Hofmeister-Skulptur im Stiftsinnenhof zieht mich ebenfalls an. Und die Klo-Hinweissymbole, aus denen ich nicht schlau werde. Keine Ahnung, was da Mann und Frau bedeuten soll.

Inzwischen knallt die Sonne mehr als genug herunter. Es geht sich wärmetechnisch wieder aus, auf der Wohnwagenterrasse zu sitzen. Das Gras rund um den Wohnwagen ist einen Viertelmeter hoch. Ich verbinde das Nützliche mit dem Spielerischen und mache mir eine Ragdoll aus ausgerissener Quecke und Löwenzahn und Schnur. Die Ribiseln freuen sich, weil ihnen das Gras nicht mehr so auf den Stamm rückt. Sami ist voll begeistert. Eine Sache von einer gemütlichen halben Stunde. Und eine Gestalt, die bereits als Puppe erkannt wird. Auch mit der Wolfsfrau geht es ein bisschen weiter. Mein vierter Anfang. Ohne Schnitt. Mit viel Überlegung und Ausprobieren. Sie wird genial. Ich bin selbst gespannt, ob diese hier der Figur in meinem Kopf entspricht. Sie hat bessere Chancen als ihre Vorgängerinnen.

Don’t forget to dance!

Ich lese etwas über das Muttersein, über die Herausforderungen, über das Schöne, über das Schmerzliche. Erinnere mich noch sehr gut an diese Zeit mit drei Kindern, so voll mit Eindrücken, Gefühlen zwischen überfließender Liebe und Angst vor der Zukunft der mir anvertrauten Wesen. Wie schnell diese Zeit vergangen ist. Viel zu schnell, wenn ich zurück schaue. Seit eineinhalb Jahren bin ich selbst Großmutter. Erlebe noch einmal und dieses Mal viel entspannter mit, wie sich ein Neugeborenes hier auf diesem Planeten einfindet und der Welt zuwendet, die es umgibt. Ich denke an meine Großmutter mütterlicherseits, eine jener Trümmerfrauen, die an den inneren und äußeren Auswirkungen des dritten Weltkrieges zerbricht und so früh stirbt, dass sie nicht einmal die Hochzeit und erwachsene Entwicklung ihrer Tochter und Enkelkinder erlebt. Ganz im Gegensatz zu meiner anderen Großmutter, die ihre höchst eindeutige Rolle als Frau eines überzeugten Nationalsozialisten bis ans Ende ihres Lebens verklärt und stolz verteidigt. Ich habe auch diese Frau als Kind geliebt. Und mich später enttäuscht abgewandt. Heute erlebe ich indirekt mit, was sie gesellschaftlich erlebt hat. Als Jugendliche war sie mir einfach ein Rätsel und ich habe mich zutiefst für sie geschämt.

Ich fühle mich in dieser Lebensphase Mutter Erde, all ihren Bewohnern und der allgemeinen Vergänglichkeit, dem Werden und Sterben, mehr verbunden denn je. Endlich scheinen mehr Menschen aufzuwachen und mitzubekommen, dass dieser Planet und seine Bewohner unsere Lebensgrundlage in einem überhaupt nicht greifbaren größeren und Ganzen ist, für das auch wir Menschen Verantwortung tragen.

Es war ein Muttertag, an dem ich meiner Mutter die erste Puppe schenken wollte. Die Wassermanngeborene in mir, ein Ausbund an Leichtigkeit und Fantasie, hatte die Elli-Riehl-Puppen in Maria Saal gesehen und scheiterte kläglich an der Reproduktion einer solchen Stoffpuppe. Muttertag ist für mich auch mit dem Geschichtsunterricht, den nationalsozialistischen Idealen rund um Mutterkreuz und Muttertag, verbunden. Kein Grund für mich, ihn aus diesen Motiven zu feiern. Und trotzdem ein Tag, an dem ich mich mit meiner Mutter, meinen weiblichen Ahninnen, meinen Kindern und der Enkelin stark verbunden fühle.

Und nun stelle ich fest, zwei Wochen vor dem österreichischen Muttertag am 12. Mai, wird eine mütterliche textile Skulptur fertig. Ich habe an viel gedacht beim Tun, beim Entwickeln. Ganz sicher nicht an diesen Muttertag. Es ist die reine Freude am künstlerischen Arbeiten mit Nadel und Faden, Stoff, Sand und Füllmaterial die tanzende, gewichtige Urfrau darzustellen, die sich vom Gewicht ihrer Aufgaben nicht herunter ziehen lässt. Gewidmet allen Müttern auf dieser Erde, vor allem meiner eigenen, die sich für mich entschied und mir das Leben schenkte, als so viele dagegen waren. Gewidmet allen Müttern mit Kindern genauso wie jenen, die Mütter von umgesetzten Ideen und Projekten sind. Gewidmet auch jener Mutter, die jedes Jahr dafür sorgt, dass es Frühling wird. Und Sommer und Herbst und Winter.

Ich habe es schon einmal angekündigt, und ich werde es in den nächsten Wochen verstärkt tun – das heurige Muttertagswochenende verbringen wir unter anderem mit meinem Workshop „Rag-a-Doll“ im Archeologiepark Livelet im Bezirk Treviso in Italien. Das ist ein entzückendes Dorf an einem wunderschönen See in einem Gebiet in Italien, das ich bisher nicht kannte. Die Pfahlbauten haben es mir total angetan. Aufgefallen sind uns in der Karwoche die vielen Wandmalereien an den Häusern rund um den See, die unterschiedlicher nicht sein können – es sind auffallend viele. Vielleicht wissen wir nach dem Muttertag, was es mit diesen Bemalungen auf sich hat. Gemeinsam mit anderen KünstlerInnen und HandwerkerInnen werden wir den Park am Sonntag beleben. Von uns aus ist das eine Reise von knapp dreieinhalb Stunden. Und wenn ich es richtig verstanden habe, dann spezialisiert sich dieses Dorf aktuell auf Künstler und ihre Bedürfnisse, was die Unterkünfte betrifft. Wollte es nur gesagt haben. Ich weiß um unsere reiselustigen FreundInnen im Netzwerk!

Lernzeit und Glück

Irgendwie – typisch ich. Da mache ich eine Sache intensiv. Eineinhalb Jahre. Und dann kommt sie wieder, diese Stimme. Geht das noch anders? Gibt es da noch etwas Anderes? Willst du das wirklich immer und für ewig weiter machen?

Genau. Alles hinzuschmeißen. Meine geliebte Lieblingsstrategie. Liebe Puppen, es war sehr schön. Es hat mich sehr gefreut. Dieses Mal, dieses Mal ist es anders. Drei Kurse mit sechs wunderbaren Frauen und einem wunderbaren Mann mit dem Lehren einfacher Puppen nach Waldorf-Art liegen hinter mir. Sie sind alle bezaubernd geworden, jede einzelne. Und ich weiß, dass bereits neue Wesen entstehen. Puppen machen ist hoch ansteckend. Jede Woche arbeite ich zusätzlich mit einem Dreamteam und Sechs- bis Zehnjährigen an Filzraben, an Paperclay-Köpfen für Handpuppen. Das Lernen löst bei mir Lernen aus. So gut wie täglich übersetze ich Seiten des genialen Buches „Anatomy of a Doll“. Es fühlt sich an wie ein Selbststudium, Puppenmachen und brushing up my English. Im Grunde lerne ich erst jetzt kennen, was sich hinter dieser Kunstform des Puppenmachens verbirgt. Die von mir so geschätzte Villacher Puppenmacherin Elli Riehl hat nicht umsonst großen Eindruck bei der kleinen Lisa hinterlassen. Elli Riehl war eine Künstlerin, durch und durch. Fotografierte Gesichter und Bewegungen im Geist ab und modellierte sie daheim mit Nadel und Faden in Flanell und Baumwollwatte. Im amerikanischen Buch tauchen ähnliche Puppen auf, hier spricht die Autorin vom „needlesculpting“, was ich frei als „mit der Nadel modellieren“ übersetzen würde. Und nein, nicht mit Filznadeln, das ist wieder eine andere Technik.

Bei mir führt all das Lernen und Forschen und Lesen dazu, dass ich noch einmal von vorne beginne. Ich beginne noch einmal bei den einfachsten Umrissformen. Es braucht so wenig, um menschenähnliche und manchmal archaische Wesen zu machen. Ich löse mich von schönen Schnitten, zeichne mir auf, was ich mir vorstelle. All die Themen aus unserer heilsamen „Body Positivity“-Frauengruppe inspirieren mich. Ebenso die eine geliebte Freundin, die wie eine Göttin tanzt, wenn sie sich den Raum dafür nimmt. Beim Tun entstehen sofort neue Ideen. Wie sehr es mir jetzt zugute kommt, dass ich wunderschöne alte Kleidungsstücke, Innenraumstoffmuster und all das andere Klimbim sortiert und aufbewahrt habe. Heute beim Aneinandernähen meiner ersten einfachen Skulptur spüre ich sie wieder: reine Freude gluckst bauchaufwärts, nimmt mir fast die Luft zum Atmen, löst unkontrollierbares Herzklopfen aus. Es ist reine Lust am Tun aus mir heraus. Eine Überdosis Glück. Nebenwirkungsfrei.

Wie immer in solchen Zeiten habe ich absolut keine Ahnung, wohin die Reise geht. Ich reise, also bin ich. Mein ältester Sohn, der jetzt elf Monate auf diesem Planeten allein mit seinem Rucksack unterwegs ist, verspricht, auf allen Kontinenten Puppenformen abzufotografieren und sie auf Instagram hochzuladen. So weiß ich auch, wo er gerade ist. An einem entsprechenden Hashtag tüfteln wir noch. Darüber schreibe ich zu einem späteren Zeitpunkt mehr.

Nebenbei geschieht still und leise Frühling und Frühsommer. Ich übersiedle täglich Teile meines Lebensmittelpunktes in meinen Wohnwagen, der derzeit vor allem Studio und lichtdurchfluteter Arbeitsplatz ist. Möglicherweise schaffen wir heuer den Um- und Ausbau meines Außenstudios nebenan, von dem ich träume. Wir. Ich will ehrlich sein. Alexander und Sami schuften, damit der angeräumte Raum wieder leer wird. Der Raum wird später hauptsächlich aus gesammelten Fenstern und Glastüren bestehen. Schwedenrot für den Außenanstrich, ganz hell und sparsam eingerichtet innen. Herzklopfen auch hier.

Ragdolls und Zufälle

Heute läutet früh am Morgen das Smartphone. Ein Michel. Bezaubernder Akzent, klingt nach Schweiz. Und Puppen und Verein und Interreg. Und ob er vorbei kommen kann. Er kann. Und ich schaue, dass ich munter werde. Mein Liebster wechselt die dreckige Montur der Holzwerkstatt gegen ein pipifeines Sakko. Sehr ungewöhnlich. Ich räume in meinem Studio wenigstens die Kisten und Schachteln weg, die ich gestern wie üblich chaotisch über den ganzen Tisch verstreut habe. Als das Elektroauto um die Kurve schnurrt, sind wir aufnahmebereit. Dieser Mann und seine Funktion in der Region Mittelkärnten sind ein absoluter Glücksfall für uns. Wir werden miteinander das Muttertagswochenende in Treviso verbringen. Inklusive Konferenz und der in Italien so typischen Weinverkostung und spätem Abendessen. Und den Sonntag in einem archäologischen Park verbringen. Um richtige, echte Lumpenpuppen mit Kindern und Eltern anzufertigen.

Der Zufall war es wie so oft in meinem Leben, der mir vor drei Wochen dieses geniale Puppenmacherhandbuch „Anatomy of a Doll“ im Internet vorschlug. Diese Fundgrube an konkretem Handwerk, meine aktuelle Arbeitsbibel, hat natürlich auch zwei Kapitel über Puppen von Damals integriert. Diese Brücke zum archäologischen Park in Treviso möchten wir bauen. Wie wurden früher Puppen hergestellt? Wie machen wir das heute? Welche Werkzeuge sind dazu gekommen? Wie gehen wir es als Eltern generell an, Puppen anzubieten? Machen wir sie noch selbst oder kaufen wir sie im Supermarkt ums Eck?

Rasch wird klar, wie wir mit Kindern ganz einfache Puppen machen werden, idealerweise ohne Nähmaschine, dafür viel Geknüpftes, Gefaltetes, Gerissenes und vor allem Einfaches. Mit Stöckchen, Ästchen, viel upgecycelten Stoffen und Wolle und vielleicht dem einen oder anderen Socken. Und selbstverständlich mit allen menschlichen Hautfarben dieser Welt. Michel möchte bis übermorgen einen Text und – Fotos. Sami, unser großzügiger Jüngster, der sich noch gern vor der Kamera bewegt, beweist mir mit seinen neun Jahren, dass es leicht möglich ist, so eine Ragdoll mit Kindern herzustellen. Ich zeige es vor, er macht es nach. Geschickt wie immer. Wenn Sami will, dann kann er seine Hände ganz gezielt einsetzen. Und Puppen machen will er. Er bedankt sich auch noch überschwänglich, dass ich ihm gezeigt habe, wie einfach es ist, eine Puppe herzustellen. Und er erzählt mir mit leuchtenden Augen von einem Mittelalterbuch, in dem er auch schon einen Text über Lumpenpuppen gelesen hat. Oder war es im Indianerbuch? Oder überhaupt im Schulheftchen? Auf jeden Fall sagt ihm der Begriff „Lumpenpuppe“ ganz viel.

Und ich muss es einfach sagen: ich bin meinem Leben unendlich dankbar. Obwohl draußen das erste Hagelgewitter (!) dieses Frühlings über uns hinweg zieht, climate change, ja, wir stellen es auch fest. Und trotzdem: dieses „Zurück-an-den-Start“ mit meinen Geschöpfen, die nun schon recht fordernd, derzeit ernsthaft und zeitintensiv und arbeitsaufwändig sind, tut mir so gut. Mit einfachen Lumpenpuppen und ihrer Herstellung einen Tag lang herumzuspielen macht riesigen Spaß und stärkt meine Seele. Heute im Internet bei meinen Forschungsgängen durch die Welt der echten ragdolls staune ich, wie viele Menschen sich mit dieser Thematik beschäftigen. Quer durch alle Kulturen. Wie sehr ich hoffe, dass vor allem unsere afghanischen und irakischen Freundinnen und Freunde den Kopf wieder frei bekommen, um dort mit mir weiterzuarbeiten, wo sie in ihrer Not und ihrem Unglück aufgehört haben. Die Herangehensweisen an die Puppenherstellung sind so unterschiedlich, wie es verschiedene Menschen gibt. Und immer wieder linst Frau Kunst um die Ecke und freut sich, dass sie Futter bekommt.

Fräulein Valentina und der Frühling

Willkommen Februar! Ich verschiebe alle geplanten Jänneraktivitäten in diese Februarwochen. Alle. So ein Monat kann ganz schön schnell um sein. Familie ist mir von Herzen wichtiger. Und wenn schon Tochter und Enkelin wegens eines Gaslecks (!) im Haus am Gürtel für zweieinhalb Wochen nach Kärnten siedeln, dann schreibt das Leben eine berufliche Auszeit vor. Natürlich hat uns alle das Kranksein erwischt, im Schnitt zwei Mal. Ich ernähre mich seit einer Woche von frisch gemachtem Obst-Gemüse-Saft und hoffe, dass es mit diesem Vitaminschub für mich jetzt gesünder weiter geht.

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Umso erfreulicher ist die Tatsache, dass Fräulein Valentina durchgehalten hat. Sie kann ganz schön posen und sich ins Zeug legen, ihre beweglichen Arme und Beine und der Nacken sorgen dafür. Gegen den Schnupfen hat sie tapfer an den ersten Frühlingsblumen gerochen und ihr Näschen in die grünen Blätter geschneuzt.

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Valentina besteht auf rosa Haaren. Wie gut, dass wir im Dezember bei meiner webenden Freundin Karin zu Besuch waren. In ihrem unerschöpflichen Mohairwolldepot finden sich für unsere Zwecke tolle Materialien. Ebenfalls aus dem Vollen kann ich im mittlerweile nach Farben sortierten Stoffmusterfundus von Maria schöpfen. Der Mantel ensteht nach einem Tutorial meiner wieder in Canada lebenden Lehrerin Fabiola. Das nächste Mal probiere ich das Modell mit Kragen, dieses Mal wurde ein dicker Strickschal mit großem Knopf gewünscht.

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Wie immer ist Valentina einzigartig, ihre Garderobe ist von mir höchstpersönlich nach ihren Wünschen angefertigt. Die Stiefelchen sind der absolute Knüller, auf so etwas wäre ich ohne Fräulein Valentina nie gekommen.

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Manchmal muss Fräulein Valentina staunen, weil sich noch zwei Weihnachtselfen im Studio herum treiben. Eine Kollegin aus Ontario unterweist uns erst im Jänner in der Kunst des Elfenmachens aus einem Weihnachtsstrumpf. Wenns ihr zu winterlich wird, gibt sie meiner Enkeltochter Jana zu verstehen, dass sie jetzt zum Herumtragen sei. Und schüttelte ihr zierliches Köpfchen ob all der Weihnachtsdeko, die auch nach Maria Lichtmess im ganzen Haus sichtbar ist. Ja. Einverstanden. Wir räumen nun auf, sobald der letzte Fieberpatient das Bett verlassen hat. Derzeit liegt nur mehr einer, der andere trotzt dem wunden Hals.

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Elf-Frida und Entscheidungen

Die Mutspenderin

Das neue Jahr beginnt kraftvoll. Viel kraftvoller als die Jännermonate der letzen Jahre. Kein Wunder, dass in den letzten Tagen Elf-Frida entsteht. Sie ist der Prototyp für ein Wesen, das mir schon seit einigen Monaten in Träumen und Überlegungen erscheint. Und deren Herstellung ich immer wieder auf Jänner und das neue Jahr verschob, weil so viel anderes entstand.

Mit Schafwolle und Filznadel handgefilzt und filzmodelliert ist auch Elf-Frida. Sie hat ausreichend Sitzgewicht, um in Regalen und an Tischen zu sitzen oder es sich auf Fensterbänken in der Wintersonne gemütlich zu machen. Elf-Frida ist meine erste große Figur mit gedrahteten Armen und Beinen. Ihren Körper bildet ein Paar Socken eines großen Kaufhauses, das nach dem dritten Mal Tragen ein Loch in den Sohlen hat. Als Verstärkung für den dehnbaren Stoff verwende ich ein ausrangiertes Betttuch aus dem Fundus. Ebenfalls aus dem Gebrauchtkleiderfundus ist das Material für die Arme.

 

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Zum ersten Mal arbeite ich mit Draht und Zange und Floristenklebeband. Pfeifenputzer hilft mir, die Wolle relativ unkompliziert um die geformten Gliedmaßen zu wickeln und mit der Nadel anzufilzen. Ein bisschen herausfordernd ist das Umdrehen der engen Bezüge der Arme und Beine mit dem Bettzeugstoff, die Dehnbarkeit ist ja dahin. Mein Superwerkzeug, die Arterienklemme, hilft mir aus der Patsche. Auch beim Einfädeln der gefilzten Gliedmaßen. Elf-Frida hätte eigentlich eine elfenhafte Aufsteckfrisur bekommen sollen, duftig und leicht. Dachte ich. Nur ist Elf-Frida keine Süße. Seht ihr den Zug um ihre Mundwinkel? Der ist beim Filzen der Lippen sofort da. Je mehr ich versuche, die Mundwinkel zu glätten, desto stärker wird er. Die große Nase, die spitzen Ohren und das energische Kinn sprechen sowieso Bände. Missbilligend schaut sie in die Tischplatte, als ich einzelne Mohairwollsträhnen in die gestickte Perücke einnähe und sie probeweise hochdrehe und zu Schnecken forme. Sie findet, sie sieht lächerlich aus. Ob ich nicht erkenne, dass sie richtig lange Haare haben will? Und vor allem viele? Derzeit diskutieren wir noch über einen meiner Meinung nach fälligen Schnitt an den Spitzen. Elf-Frida findet nicht, dass das zu diskutieren ist. Und wie so oft bei diesen nun schon vertrauten Diskussionen wird sie entscheiden, wie sie aussehen mag. Ist ja schließlich ihr Kopf.

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Den grünen Pullover kann ich ihr auch sofort wieder ausziehen. Nein, sie will den roten Pullover. Den dick gestrickten mit dem Zopfmuster. Und die rote Mütze mit dem Zopfmuster. Das passt so gut zu ihren grünen Haaren mit den hellgrünen Strähnen. Wie gut, dass ich diese kalten Winterabende strickend vor diversen Krimis zubringe. Die Auswahl an Winterpullovern ist derzeit noch groß. Und Madame wünscht Wollsocken, aber dalli. Hier im alten Steinhaus ist es kalt. Recht hat sie.

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Den upgecycelten Batman, den wir als Herzeigeobjekt für unseren Glücksmonsterworkshop aus Upcyclingmaterial hergestellt hatten, schließt sie ins Herz, sobald sie Augen hat. Untrennbar. Love at first sight. Das wird noch lustig. Ich glaube, ich kann mich demnächst ins Studio setzen und weitere Fledermäuse nähen. Die hier wird zu sehr geliebt.

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Wie Elf-Frida zu ihrem Namen gekommen ist? Das war dieses Mal Sami. Er sieht ihre spitzen Ohren, ihr Grinsen, die grünen Haare. Und gibt ihr den Namen. Passender gehts nicht.

Die Künstlerin

Zu welchen Entscheidungen diese kraftstrotzende, mutige Elfe mir verholfen hat? Ich bin seit vorgestern angemeldete Bildende Künstlerin und wage ein zweites Mal in diesem Leben den Weg in die berufliche Selbstständigkeit. Und ja, ich habe weiche Knie. Und innere Weite zugleich. Endlich geht es dorthin, wohin ich immer wollte. Ich denke, das Maker’s Yearbook 2019 hilft mir dabei, eine Strategie in meinem kreativen Chaos einzuhalten. Und nicht jedem Schmetterling hinter her zu jagen, den meine Kreativität aufsteigen lässt. Ich gebe mir noch Zeit bis Ende des Monats, um ruhig und konzentriert die Aufgaben im Buch durch zu denken und durch zu arbeiten. Illusionen mache ich mir keine, ich weiß, dass es trotz bester Strategien Höhen und Tiefen geben wird, das ist einfach so. Bis jetzt mag ich, was durch dieses Buch am Papier entsteht. Ganz bestimmt klinke ich mich nach drei Jahren Absenz wieder in aktive Gruppen vor Ort ein, die mit Unternehmertum zu tun haben. Da gehören die Menschen der Chefinnen-Supervision rund um Ute Habenicht ebenso dazu wie das UnternehmerInnenfrühstück von Silvia Lindner, die mir vor zwei Jahren ziemlich genau diesen Weg für mich aufgezeigt hat. Und dann gibts ja auch noch das Businesscenter in Ehrenhausen, in dem ich mich vor drei Jahren zu Hause gefühlt habe. Dieses gemeinsame Beraten in Gruppen hat eine eigene Magie für mich. Das Arbeiten im Studio fällt mir mit mir selbst am leichtesten, das mache ich in meinem Tempo und zu meinen Bedingungen. Aus Erfahrung ergänzt sich das fein mit Entwicklungsarbeit und Austausch in diesen Gruppen, die auf Geben und Nehmen und Teilen fußen. Mal sehen, ob das 2019 auch noch so ist.

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Weibliches und Handwerk

Immer wieder werde ich gefragt, warum ich Puppen  forme und anfertige. Und gestern fragt mich eine weitere Frau, ob ich bereit wäre, bei ihr am Lama-Hof Puppenmacherkurse anzubieten. Jaaa, ich habe riesengroße Lust! Ich verstehe selbst noch nicht so recht, was meine Absicht hinter all dem ist. Tu mir unendlich schwer, mit Worten zu beschreiben, was ich empfinde. Also wird es wohl Zeit, sie zu suchen…

Ganz ehrlich: der Verkauf interessiert mich langfristig insofern, als ich Material und Maschinen für mich und andere benötige, um zu kreativ zu arbeiten. Ich will keine Fabrik in einem Billiglohnland beauftragen, meine Wesen billig herzustellen und mich als Chefin dieser Fabrik zu fühlen. Das ist kein Ziel für mich. Ich kriege Bauchweh und Beklemmung, wenn jemand eine bestimmte Stoffpuppe von mir nachgemacht haben möchte. Es geht einfach nicht, diese Wesen entstehen aus mir und meinen Begegnungen heraus. Ich leihe ihnen meine Hände und erschaffe sie nach einer Idee, die zur Welt kommen will. Jede Stoffpuppe wird ein bisschen anders. Und, wie war das, „Unternehmer sein, um mir einen wirtschaftlichen Vorteil zu verschaffen“.  Sorry, tut mir leid. Das passt nicht zu mir.

Ich habe eine lange Geschichte mit den Puppen. Die kann man hier am Blog nachlesen. Kurz gesagt: ich wollte das eh schon immer und habe ein paar Jahrzehnte gebraucht, es zu tun. Ich bin nach wie vor am Lernen und am Verbessern, am Ausprobieren und weiter entwickeln. Ewig dankbar werde ich meinem Mann und guten Freunden sein, die mich bestärkten und unterstützten, das Neue trotz meines Alters anzufangen. Heute schaue ich zurück auf die beiden Jahre. Und bin glücklich und dankbar, angefangen zu haben. Wohin das führt? Bestimmt irgendwohin. Es fühlt sich richtig an.

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Vier Wege werden derzeit sichtbar:

Einfach machen

Ich mache (mir) Stoffpuppen, wie sie in meiner Fantasie herum geistern. Ich. Und in meinem Textilstudio. Zu denen ich inspiriert werde, wenn ich meinen Kolleginnen weltweit auf Instagram oder in ihren Tutorials zusehe. In den skandinavischen Ländern, in England, in Osteuropa, überall gibt es Puppenmachertraditionen, Zünfte, ExpertInnen. Fällt unter Kunst und muss nicht diskutiert werden.

Wissen teilen

Ich versammle interessierte Menschen um mich und beginne, mein erlerntes und bis jetzt integriertes Wissen in Kursen weiter zu geben. Damit sich eine Community bildet, die all das Wissen um das Puppenmacherhandwerk ausgräbt – hey, in Kärnten war eine Elli Riehl sowas von genial unterwegs! Es gehört neu definiert und mit heutigen Mitteln und mit Upcycling weiter entwickelt. Je mehr VertreterInnen von Kulturen sich versammeln, quer durch alle Altersstufen, desto besser. Ich bin sowas von gespannt, wohin sich jede einzelne von uns entwickelt. Keine Stoffpuppe derzeit schaut aus wie die andere. Alle sind Unikate, handgemacht und entwickeln ein Eigenleben.

Handwerk erlernen

Bei der Anfertigung einer Puppe brauche ich mein Hirn, das designt und entwickelt und forscht und sich in räumlichem und logischem Denken und Zahlenakrobatik übt. Und meine Hände, die auf sehr vielfältige Art und Weise tätig sind. Zeichnend und entwerfend. Nähend. Strickend. Häkelnd. Stickend. Webend. Filzend. Stoff bedruckend.  Färbepflanzen setzend und hegend. Schaf(e) züchtend. Fotografierend und beschreibend. Ahnt ihr, worauf ich hinaus will? Genau. Vorwiegend weibliches, viel zu selten wertgeschätztes Handwerk. Um eine Stoffpuppe herzustellen, benötige ich und gemeinsam mit anderen Fertigkeiten in all diesen Bereichen. Das Wissen um das weibliche Handwerk verschwindet zunehmend. Dabei ist es ein so schöpferischer Vorgang, aus ein bisschen Wolle und Trikotstoff etwas herzustellen, das uns berührt und bewegt. Nebenbei wird sichtbar, dass sich auch mein Mann im Holz.Raum von meinem Tun angesteckt fühlt. Er baut aus sich heraus Möbel, die perfekt zu diesen Wesen passen. Alles sehr englisch, sehr nordisch. Das hat mit ihm und seiner künstlerischen Entwicklung zu tun. Und mich freut es von Herzen, dass wir Hand in Hand arbeiten und auch unseren künstlerischen Weg gemeinsam weiter gehen.

Der Weg zu mir

Ich kann es euch nur so beschreiben: ich verliebe mich in jedes Wesen, das ich erschaffe. Habe weiche Knie, bin gerührt und berührt, wenn sie mit mir in Verbindung treten und ihre Wünsche über Träume, auftauchende Bilder oder herunter gefallen Schachteln mit Bändern ausdrücken. Unser Neunjähriger sagt, ich rede mit ihnen. Mir fällt nur auf, dass er mit seinen Monstern redet, wenn er sie näht. Das scheint also ganz normal zu sein, dieses Zwiegespräch. Dieser Prozess macht etwas mit mir. Mag sein, dass man das erklären kann. Mag aber auch sein, dass das gar nicht nötig ist. Einfach ausprobieren, hinspüren. Und tief in den kreativen Fluss eintauchen, in dem wir alle schwimmen.

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Rag und Doll

 

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Lumpenpuppe. Das ist die korrekte Übersetzung der ragdoll. Nach Anleitungen für Ragdolls habe ich vor zwei Jahren in England gesucht. Und das ist es, was ich mache – ich suche Stoffe zusammen und nähe all die Figuren, die mir durch den Kopf gehen. Ich bin seit Tagen im geheizten Atelier, gehe nur hinaus, wenn es sein muss. Essen ist unwichtig geworden, ich trinke über den Tag verteilt meinen Morgentee. Und meistens rettet mich mein Liebster mit einem Zwischendurchessen, weil er gekocht hat. Ich mag gar nicht aufhören, so viele Ideen sind da.

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Gut. Jetzt ist ein paar Wochen lang Advent- und Weihnachtszeit. Mit den kleinen Kindern liebte ich diese Zeit. Die Erinnerung daran macht wohl, dass ich die Wochen vor dem Heiligen Abend immer noch schätze. Und es wäre gelogen, wenn sich diese alte Liebe nicht auch zeigen würde. Da ist ein bisschen mehr Lust auf Gold und Glitzer als sonst. Beste Vorsätze, heuer das Haus vorweihnachtlich zu schmücken, bevor der 24. Dezember da ist. Wir werden sehen, ob es beim Denken bleibt. Derzeit sind meine Hände morgens bis abends am Machen von Körpern. Ich lerne immer noch dauernd dazu. Vor allem, dass ich wenig mitzureden habe, was da unter meinen Fingern entstehen will.

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Bestes Beispiel sind die Standfiguren, die sich eigentlich mein Mann gewünscht hat. Ich hatte ein relativ klares Bild von einer Horde Weihnachtswichtel, die sehr norwegisch und edel und elegant und vor allem rasch zu machen sind. Doch dann fallen mir die Strickwalkreste der Firma Boos ein, die jetzt eigentlich ganz gut als Körper wären. Schnitte müssen umgezeichnet werden, weil ich keine Naht mitten durch das Gesicht verlaufen sehen möchte. Und dann wieder Schnittänderungen, weil der geplante Mantel so nie über das breite Gesicht passt. Statt des schneeweißen Kunstengelhaarbartes in meinem Kopf nehme ich Schafwolle, zupfe und nähe und probiere herum. Und weil gar keine Nase auf der flachen Ragdoll blöd ausschaut, wühle ich mich durch alte Holzperlen und werde fündig. Und wieder ist ein Tag um. Ein Weihnachtswichtel im wattierten roten Mantel aus einem zwanzig Jahre alten Stoffrest grinst mich an und freut sich auf morgen, wenn Frau Weihnachtswichtel entsteht. Oder doch noch ein langbeiniger Engel, weil mir beim Suchen ein güldener Stoffrest unterkommt.

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Mein Tischler-Liebster spielt drüben in der Holzwerkstatt und bringt mir mal ein Mini-Bücherregal. Oder diese sensationell geschwungenen Kleiderhaken für die gestrickten Schätze, die allabendlich entstehen. Seit Tagen schiebe ich vor mir her, dass ich rauf ins Tageslichtatelier muss, um all die bunten Wesen zu fotografieren. Und mit diesen Fotos lass ich euch jetzt mal. Ich muss zwei Stockwerke runter sausen und im Ofen Holz nachlegen. Es ist Winter geworden im Paradies.

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Drei Frauen und ein Schaf

Diese Woche war eine sehr besondere Woche. Nicht nur, dass im Studio zwei neue Wesen entstanden sind, die Prinzessin Orsola zur Grundlage haben.

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Ich bekomme ganz ein weites Herz und weiche Knie, wenn ich sie mir beim Tun anschaue, wie sie so werden, was sie an Haaren einfordern, an Kleidung. Magisch. Übrigens auch, dass Alexander den ersten hölzernen Kleiderständer angefertigt hat. Kleiderbügel folgen.

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Es kommt auch nicht alle Tage vor, dass ich zum Briefkasten gehe und Post aus Mexico heraus klaube. Echte, gute alte snailmail. Meine geliebte Lehrerin hat mir Miss Lollipop geschickt. Als Geschenk, von Puppenmacherin zu Puppenmacherin. Fürs shooting und überhaupt lässt die Wüstenprinzessin mit der bunten Mütze ausrichten, sie friert. Und schnappt sich den neuesten beigen Wintermantel mit der Goldspitze.

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Ich kann gar nicht in Worten ausdrücken, was das mit mir macht. Dankbarkeit, oh ja. Liebe. Oh ja, noch viel mehr. Und diese Riesenlust, einfach immer weiter zu tun. Ich bin glücklich, wenn ich in meinem Puppenstudio sitze, meine Finger langsam aber sicher wissen, was sie zu tun haben. Alle Laden und Kisten und Schachteln ihre Schätze anbieten, um zu einem respektablen und zufriedenstellenden Ergebnis zu kommen. Wenn sich diese wundersame Beziehung aufbaut zwischen der Macherin und ihrem Geschöpf. Danke Fabs, für alles. Einfach alles.

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Als die Puppenmacherin in mir nach unserer heurigen Englandreise im Juli herumfragt, ob jemand diese in Österreich sehr seltenen Wensleydaleschafe und ihre wollenen Produkte hat, findet sie vor allem Viktoria und Martin Kroisleitner. Aus einem e-mail-Kontakt wird ein telefonischer. Meine Schafzüchterfreundin Hemma, die mir vor zwei Jahren die ersten Puppenmacherschritte zeigt und immer wieder mit mir arbeitet, schaltet sich ein. Meine zweite Puppen-Freundin Regina Maria geht mit. Und trotz mancher Unkenrufe – nun ja, warum auch nicht – sind wir drei Frauen, die ein Schaf halten.

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Gestern haben Hemma und ich Lara mit dem Anhänger am Alpakahof Kroisleitner in der wunderschönen Hügellandschaft des Peter Rossegger abgeholt. Und gleich die ganze Familie kennen gelernt. Samt Kindern, Meerschweinchen, Alpakas, dem kleinen Hofladen und den vielen Plänen. Alpakas schauen übrigens nicht nur zum Verlieben aus, mit ihren neugierigen großen Augen und den üppigen Stirnfransen. Sondern ihre Wolle kratzt auch nicht. Was wir erfühlen, als wir Viktoria’s gestrickte Schönheiten in der Hand halten.

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Wie sehr wir euch wünschen, dass eure Wünsche sich erfüllen! Ich bin sehr gespannt, ob dieses Nebengebäude zu dem englischen Cottage wird, das ich derzeit sehen kann. Wir bleiben ganz bestimmt in Kontakt!

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Ganz im Gegensatz zu unseren stillen Befürchtungen eines bockspringenden, wütenden oder verunsicherten Schafes verhält sich Lara auf ihrer ersten Reise so, wie sich Schafe verhalten: neue Situation, einverstanden. Als wir nach den ersten Kilometern unter die Plane des heukuschelig weich ausgepolsterten Anhängers schauen, blinzelt uns eine verschlafene Lara an. Wir haben das Gefühl, einen zotteligen Riesenhund mit heim zu nehmen.

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Lara wohnt ab sofort artgerecht bei Hemma am Berg, gemeinsam mit den anderen Brillenschafdamen. Mit Stall und Auslauf in die Wiesen und Wälder und zurück in den Stall, wenn es dann doch irgendwann mal kalt werden sollte. Wir denken schon über eine gemütlich warme Schafdusche mit Wollshampoo vorm Scheren nach. Ich bin relativ sicher, wir können auch das mit Hilfe von handwerklich geschickten Freunden umsetzen. Und ich kann endlich die in die Flüsse gebauten Holztröge zuordnen, die wir in England, Schottland und Wales auf jeder Schafwiese mit Fließwasser sehen konnten. Ja, aus dieser Schafsidee könnte mehr entstehen. Derzeit ist es einfach, was es ist. Welcome Lara!

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Am Berg, bei dichtem Bodennebel und im Licht unserer Handylampen hätte Madame es vorgezogen, am Anhänger zu übernachten. Stur wie ein Esel reagiert sie nicht sehr überzeugend auf gutes Zureden, dass ein feiner Stall auf sie wartet. Hemma, die lebenspraktische Schafzüchterin, schnappt sich die Scheibtruhe, hebt das dreißig Kilogramm schwere Tier hinein. Ich darf weiterhin die Hundeleine kurz halten und den Weg ausleuchten. Schaftypisch kuschelt sich Lara in das neue Gefährt und wir kutschieren sie in den Stall. Da will sie dann aus der Scheibtruhe nicht mehr heraus. Der Schwerkraft sei Dank geht es jetzt leichter. Lara versteckt sich ein Weilchen. Dann kostet sie das frische Heu und erkundet die Umgebung des neuen Stalles. In ein paar Tagen, sobald der Zaun geflickt ist, darf sie raus zu ihren neuen Freundinnen. Falls die nicht schon vorher im Stall bei ihr vorbei schauen. Wir werden berichten.

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Kreativität und Mathematik

Kommenden Samstag besucht mich ein kleiner Freund mit seiner Mama. Im Sommer habe ich miterleben dürfen, dass er eine echte Sternstunde an unserer Vereins-Nähmaschine erlebte. Mit seinen acht Jahren saß er konzentriert, ruhig und sicher an der großen Maschine und nähte seine ersten geraden Nähte und Ecken, in Zickzackstich und mit normalem Stich. Wir waren ihm vollkommen egal, er hatte auf uns vergessen. Die Nähmaschine, der Stoff und er. Zu seinem Geburtstag darf er sich sein erstes Stofftier mit unserer Hilfe zusammen nähen. Sicherheitshalber von mir voraus studiert und probiert und für kompliziert aber gut befunden. Meine für den Hausgebrauch geeigneten Nähkenntnisse erweitern sich bei jedem Stück, das ich nähe. Es ist wieder einmal ein englischer Schnitt. Was mich bei all den kleinen Nähten und Ecken und vorausschauenden Schritten so umhaut ist die Präzision, mit der so ein Schnitt und die Anleitung gemacht werden muss. Wie Rundungen angelegt werden, dass sie Rundungen sind. Wie das mit den sauberen Ecken funktioniert. Mathematik in Reinkultur. Bestechende Logik. Nicht der kleinste Fehler ist der Schöpferin des Fuchses unterlaufen. Schritt für Schritt stimmt die Anleitung. Hier findet ihr Misty Whimsies übrigens. Und ich entdecke gerade, es gibt ein Tutorial. Hach. Mal sehen, was ich noch verbessern kann. Frau Fuchs aus upgecyeltem Tischtuch- und Regalbretterstoff und mit Füllwatte unserer Partnerin Maria sieht für einen Prototypen sehr passabel aus. Ich freu mich schon auf den flauschigen Gesellen, der am Wochenende in der Werkstatt vom Tisch hüpfen wird.

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Vor zwei Wochen ergab es sich, dass ich mit einer Freundin – endlich! – ins Puppenmuseum der Elli Riehl in Villach ging. Mir sind die kleinen Persönchen der Puppenmacherin seit meiner Kindheit bekannt. In einem gut besuchten Gasthaus in Maria Saal gab es Vitrinen mit ihren Brauchtumspuppen. Ich weiß, dass ich sie mir genau ansah. Wir waren zwei oder drei Mal mit den Eltern dort. Das Ganze war ein bisschen schummrig, gemischt mit Suppengerüchen aus der Wirtshausküche. Danach war ich sicher, ich könnte das auch. Versuchte es voller Herzklopfen. Allein und geheim. Scheiterte am Muttertag kolossal und wagte es gar nicht, die Monster herzuzeigen, die hätten Puppen sein sollen. Ich schämte mich fast zu Tode. Mindestens fünfzehn Jahre lang rührte ich keine herzustellende Puppe mehr an. Erst jetzt wird mir klar, wo all meine irrationalen Schamgefühle beim Herstellen der Puppen herkommen. Manche Minitraumen verpassen wir uns letztendlich selbst. Darüber reden und weinen und dann lachen hätte sicher geholfen. Tat ich aber nicht. Und einmal mehr zeigt sich – Puppenmachen heilt. Mich.

Dieses Mal gehe ich mit ganz anderen Augen in diese Ausstellung mit den 700 Puppen. Wir haben Glück, am Wochenende sperrt das Museum für heuer zu und öffnet erst wieder am Muttertag 2019. Ebenfalls eine Tradition. Ausnahmsweise lässt uns die freundliche Betreiberin schon zu Mittag ins Haus. Meine Freundin sagt mir später, sie ist skeptisch gewesen. Weder von meinem Gefasel über Puppen während unserer gemeinsamen Ausbildung noch über diese Dame habe sie ein klares Bild gehabt. Sie ist einfach offen für Neues. Bei mir setzt beim Rundgang durch die Räume, beim Ansehen des Filmes über die Puppenmacherin das übliche Herzklopfen ein. Wie habe ich die Puppen doch einseitig in Erinnerung! Ja, es ist eine Menge Tracht und Brauchtum zu sehen. Und ja, das ist nicht so mein Ding. Aber diese handgestichelten Wesen leben! Sie lachen, sie weinen, sie sind schelmisch und grantig, unsicher und  strotzend vor Selbstbewusstsein. Die Märchenecke mit ihren Wesen, die Zwerge sind traumhaft schön gemacht. Elli Riehl hatte noch keine trockenfilzende, modellierende Filznadel zur Verfügung. Sie nutzte Baumwollwatte, in Kleister getunkten Flanell, Farbe und Drahtgestell für ihre Figuren, die sie Stich für Stich von außen abnähte und in Form brachte. Die genauen Skizzen und Zeichnungen an der Wand zeigen, dass sie eigentlich eine bildende Künstlerin war und die Welt des Kunstgewerbes, die in Österreich für solche Tätigkeiten schnell zugeordnet wird, schnell hinter sich ließ.  Ich mache Fotos von all den Figuren, die mich begeistern. Wage es nicht, sie hier zu teilen, die neue DSVO liegt mir immer noch ein bisschen im Magen. Lieber selber hinschauen und staunen und sich beeindrucken lassen! Ich komme gerne mit 😀

Schwer begeistert und sehr berührt unterhalten wir uns noch eine lange Weile mit der Betreiberin des Museums. Das ist nicht mein letzter Besuch in der Gemeinde Treffen bei Villach gewesen. Und vielleicht übertreibe ich, einmal mehr bedaure ich, nicht früher auf mein Sehnen und Dehnen bezüglich des Puppenmachens gehört zu haben. Fast spüre ich einen inneren Auftrag, mich mit der Puppenmacherin noch intensiver auseinander zu setzen. Und wie das Leben es so will, schickt es mir die üblichen bestätigenden Zufälle in Form von Büchern und kleinen Texten über diese interessante Frau ins Leben. Das kenne ich schon. Dran bleiben, heißt das. Einverstanden.

monstervegetarisch

Unser Jüngster verblüfft mich immer wieder. Er wächst ganz natürlich mit unserer händischen Arbeit, mit unseren kreativen Ausflügen ins Tun auf. So gesehen hat das Leben einen recht guten Platz für ihn ausgesucht. Seit ein paar Wochen ist es das Monsternähen, das ihn gepackt hat. Er zeichnet seine Figuren selbst. Malt sie mit meinem Trickmarker auf Stoff, fädelt und stichelt und trennt. Und bleibt dran. Dieses Mal biete ich meine Dienste an der Nähmaschine an und wir einigen uns, dass die bis zu einem Zentimeter großen Stiche auch als Heftnaht zu bezeichnen sind, damit ich an der Maschine besser weiß, wo es lang geht. Dass die Watte heraus quellen würde. Und dass man Arme und Beine nicht nur nähen sondern auch aus Fäden entstehen lassen kann. Und wie die einzunähen sind, damit das Umdrehen später so klappt, dass sie außen am Körper sind und nicht innen. Pure Logik. Pure Mathematik. Mit räumlichem Denken. Nun lassen sich die drei Hörnchen am Kopf auch gut ausstopfen. Mal sehen, ob das gestreifte Monster noch den wilden Mund bekommt oder ob das nächste Monster entstehen will. Das hier ist übrigens ein vegetarisches Streifenmonster. Mehr kann ich mich leider nicht mehr erinnern. Und ich schaffe es nicht, die Beschreibung auf der wie so oft genauen Skizze des jungen Designer’s zu entziffern. Mal sehen, ob der kleine Mann auch schon an die Maschine will. Bis jetzt ist er ganz zufrieden, mit der Hand zu nähen. Seine Feinmotorik verbessert sich sichtlich.

Stricken und stricken

Als Zehnjährige nach einer schweren Lungenentzündung war ich eines Sommers mit Mutter und Schwester zum ersten Mal am Meer. An der italienischen Adria, ein bisschen weiter südlich als es uns Kärntner sonst hin verschlägt. Die Meeresluft sollte mir und meiner hustenden Schwester gut tun. Für mich änderte sich das ganze Leben. Zum ersten Mal keinen Berg unmittelbar vor der Nase zu haben, sondern Weite, scheinbare Endlosigkeit, salzige, fischige Luft. Eine Wasseroberfläche, die gefühlt unmittelbar neben der Straße anfängt. Menschen, die einem nahe kommen, viel und laut lachen und reden. Voller Begeisterung über den Trubel tappten wir Mädchen sofort in die Fotofalle eines Fotografen, dessen Assistent ein winziges Löwenbaby kraulte. Herzklopfen und Neues, wohin wir kamen.

Am Strand sah ich zum ersten Mal strickende mammas und nonnas. Sie fuhrwerkten nicht mit den Nähnadeln herum wie ich und meine Mutter zum damaligen Zeitpunkt. Sondern klemmten sich die langen Nadeln unter die Achseln und erreichten mit sehr flinken Fingern, dass der Wollberg elegant schwand und Gestricktes entstand. Meine Neugier blieb, auch wenn ich keine Antwort bekam. Immer wieder studierte ich später aus den Augenwinkeln diese strickenden Frauen in Italien. Schlau wurde ich nicht daraus.

Bis vor zwei Wochen. Orsola strickt italienisch. Mit richtig dicken Nadeln. Minimum 10, ich sehe zum ersten Mal auch eine Stärke 35. Als ich zu Hause mit Nadelstärke 15 arbeite wird schnell klar, dass was dran ist an dieser anderen Art zu stricken. Ich habe das Gefühl, kleine Äste in der Hand zu halten. Das Strickbild ist ungleichmäßig. Irgendwas scheint an der Art des Andersstrickens dran zu sein. Also frage ich Frau Google um Rat. „Italienisch stricken“ ist meine glorreiche Idee. Das ist eine Art von flexiblem Anschlag für Pullover. Nicht was ich suche. Als ich nach einer Stunde entnervt aufgeben will, fällt mir ein, ich könnte ja im englischsprachigen Raum schauen. Ich lande durch einen Zufall bei einer Strickerin, die den Faden nicht auf der linken Hand sondern auf der rechten hat. Und siehe da, sie macht genau diese Fingerbewegungen, die ich suche. Zwei Stunden später halte ich erste Probestücke in der Hand. Komme mir vor wie die Totalanfängerin, das Hirn verknotet sich dauernd. Aber – ich stricke „english style“. Nicht „continental“ wie wir hier. Wir rätseln via whatsapp, warum die italienischen Frauen diese Art zu stricken lernen. Ob es mit der ehemaligen Seemacht Italien zu tun hat? Ein bisschen nördlich der Karawanken lernen wir als Mädchen nur die andere Art kennen.  Im skandinavischen Raum und bei den Puppenmacherinnen sehe ich dann wieder hauptsächlich die englische Art. Sehr mysteriös. Welche Fragen doch beim Stricken entstehen können 😀

Zwei Wochen später kann ich sagen, ich nutze beide Arten. Für den Rand und das Bündchen gefällt mir das englische Maschenbild besser als das kontinentale. Der Anschlag gefällt mir besser, so wie ich ihn gelernt habe. Und natürlich bin ich auf die vertraute Art wesentlich schneller, obwohl ich „englisch“ die Nadeln nicht mehr ganz so linkisch und verkrampft halte wie vor zwei Wochen. This process is to be continued…

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In meinem Kopf formt sich beim Strickenüben eine neue Puppe. Sie soll die Knie abwinkeln können, um in Regalen und auf Fachböden zu sitzen. Nicht ganz so kindlich sein wie meine Elfen und Babies. Ein bisschen erwachsener, mit entsprechenden Proportionen. Ich zeichne einen Tag lang herum, verpasse ihr längere Beine als üblich, schmalere Arme. Sie soll allerdings einen geformten Kopf haben. Nicht babylike, sondern mindestens eine junge Erwachsene. Monika hat mir ihren schattierten Strickjersey geschenkt, aus dem sie früher für ihre Kinder Puppen gemacht hat. Mir scheint dieser eher grobe Rippenstrick perfekt zum modisch dick gestrickten Pullover zu passen. Gedacht. Gemacht. Die italienische Prinzessin Orsola erwacht zum Leben.

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Meine Freundin Gabi hat mir vor ein paar Wochen eine große Menge weiße, dicke Wollreste geschenkt. Daraus entwickle ich eine sehr schicke Aufsteckfrisur. Und dann die dringend nötige Strickwolle. Ich drösle die ineinander verdrehten Stränge auf und beginne, meine Herausforderung in klein zu stricken. Und tja, seit gestern trägt Prinzessin Orsola einen Jumper Marke #knittedlove. Die Miniaturausgabe. Perfekt zum Üben. Zum Fluchen und Trennen und Neuanfangen mit Übungswolle und nicht mit der kostbaren Merinowolle. Der dreifache Zopf, der mir eine Menge Kopfzerbrechen bereitete, gelingt nun. Ausnahmsweise nicht Dank Frau Google. Zwei völlig falsche Anleitungen später schalte ich mein Hirn ein und komme selber drauf, wie er funktionieren kann.

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Prinzessin Orsola lächelt in der Herbstsonne des Wintergartens milde und wartet geduldig, bis das gute Stück spät Nächtens fertig ist. Ich merke schon, sie ist wirklich eine Dame. Der Raglaneinsatz sei unzufrieden stellend, das bekomme ich zu hören. Dafür bekommt die kleine italienische Prinzessin Overknees aus feinem Verbandsmull. Und als krönenden Abschluss upcycle ich eine Glassteinborte einer Damenjacke, die auf weitere Verarbeitung wartet. Mit all dem Gefunkel und den Weißtönen wirkt sie wie eine italienische Schneeprinzessin. Beim Fotografieren kommt mir, dass ich nach diesem Prototypen eine weitere Puppe machen werde, die im Körperinneren beschwert ist und eine bessere Sitzfläche bekommt. Ich habe schon eine Idee, wie das gehen könnte. Auch die Knie schaue ich mir noch genauer an, sie dürfen damenhafter werden.

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Danke übrigens ihr großzügigen Wissensteilerinnen und Wissensteiler online. Ich habe bei meiner Suche so viel über internationales Handicrafting erfahren wie überhaupt noch nie. Einige Seiten haben mir Fragen beantwortet, die ich mir schon lange stellte.  Brauchbares von Unbrauchbarem trennen muss frau halt selber. Für all die brauchbaren Ergebnisse liebe und schätze ich diese weltweite Plattform.