Retreat und Wiederkehr

Wenn sogar meine eigene homepage mich nicht wieder erkennt, dann könnte das bedeuten, dass ich eine Weile nicht hier war. Ja, ich hatte einen wunderbaren fünfwöchigen Rückzug inklusive allen Schritten, die ich mir seit Beginn des Puppenmachens vor drei Jahren für mich wünschte. Danke liebe Johanna für deine feinsinnige, zurückhaltende und inspirierende Begleitung durch deinen e-mail-Workshop. Deine Lektionen werden ihre volle Wirkung entfalten, ein bisschen etwas ist schon zu spüren. Sich erfolgreich dagegen zu wehren, einen bestimmten Schritt zu machen, ist eine Sache. Und ihn dann zu machen, weil der Raum geschützt genug ist, eine andere. Das nenne ich dann Geschenke des Lebens.

Wenn frau sich auf den Tag genau am letzten Workshop-Tag einen Zehenknochen bricht, dann hat das auch etwas zu bedeuten. Geduld? Ja, aber flott. Das wäre meine Devise. Mein Körper sagt allerdings „autsch“ bei jedem Schritt zu viel und zwingt mich in eine Ruhe, die ich selten habe. Ist ja nicht so, dass ich nicht auch gerade jetzt ganz viel zu schleppen hätte, um unser Haus aus- und für die nachfolgenden Besitzer*innen frei zu räumen. Hätte. Könnte. Würde. Ich habe aber hier zu sitzen und mich weiterhin in meinem Atelier meinen Wesen zu widmen. Den alten. Und den neuen. Und diesen Fuß hoch zu lagern, der das sonst schmerzhaft einfordert. Auch so ein kleines Knöchelchen hat seine Wichtigkeit in der großen Kunstform „Körper“.

Hier an meinem Arbeitsplatz steht Ricarda Rose und trällert und singt. Wir hatten heute schon intensive Gespräche wegen frierenden, schmalen Schultern. Sie erinnerte mich – seeehr vorwurfsvoller Blick unter dem Rand des riesigen Häkelhutes mit den Riesenblüten – an einen nassgefilzten Stoff, der eine Lampe hätte werden sollen. Der doch jetzt perfekt und wunderbar um ihre Schultern… Okay, so läuft das. Ich stelle mein Atelier auf den Kopf. Finde das Prachtstück. Grabe einen Schnitt der wunderbaren Jill Maas aus, der Ricarda Rose den Körper verleiht. Mache einen Bolero. Nähe einen riesigen Knopf an. Ich sehe aus den Augenwinkeln, dass sie murmelt und nickt und an den Blüten ihrer Gartenschürze herum zupft. Also passt es. Und seitdem – singt sie. Oder übt sie? Jedenfalls schmettert sie Arien. Mit den Kohlmeisen und dem Buntspecht um die Wette, die schon rund ums Vogelhäuschen fliegen. Es könnte ja schon was da sein für die Körndlspezialisten, n’est pas? Die schmale Ricarda Rose jubiliert. Vom Herbst, der jetzt ein bisschen arg schnell kommt. Vom Häuschen, das ich jetzt ein bisschen flott putzen soll – das mit der roten Eingangstür. Weil lang, lang kann sie nicht mehr „Bin im Garten“ an der Türe hängen haben. Die Nächte sind schon sehr kühl. Der Morgennebel ist sehr feucht. Und außerdem hat der kleine Tiger-Halbstarke Leo sie aufgestöbert und maunzt sie an, dass sie endlich mit ihm auf Mäusejagd gehen soll. Wo sie doch Veganerin ist. Sieht man an ihrer Hautfarbe. Schafgarben-Buchenblatt-Wegerich-Gün. Und nur Pflanzen und Tautropfen verträgt. Eijeijei. Ein strenger Blick trifft mich. Ob mir ihr Gesang vielleicht nicht gefalle? Sie könne auch gehen und ihre Musenqualtiät in den Gartenkorb packen. Zu den schönen letzten Lilien, die sie gepflückt hat. Weil pflanzen lasse sie sich nicht. Auch nicht von mir.

Ihr seht, immer was zu tun hier im Atelier. Oder ein paar Stengel grad zu biegen. Ich lasse euch noch ein paar Fotos hier von Ricarda Rose und von Marie Fitzgerald und ihren Freundinnen. Die beiden meiner englischen Damen haben mich ganz überraschend verlassen. Aber ich kann sie besuchen, sie sind in Kärnten geblieben. Danke Maria Regina und Melitta, dass ihr ihnen ein neues Zuhause gegeben habt. Und falls Marie Fitzgerald auch so viel singt – bringt sie raus in den Garten. Die nächste Gärtnerin schweigt vielleicht. Sag ich jetzt mal, so aus dem Bauch heraus. Wir werden dann eh sehen…