Die Bienen und die Kinder

Noch ist es draußen kalt und feucht. Der Graupelschauer hat schöne Punktmuster auf den Asphalt gezeichnet. Die Sonne beginnt zu wärmen. Leute, der Frühling ist schon so nahe. Drinnen summt es wie in einem Bienenstock. Große Fenster lassen viel Tageslicht in die Gänge und Klassen. Schöne Farben, Holz, das übliche Sammelsurium von Winterjacken, Stiefeln und Handschuhen. Vor sieben Jahren ist die Schule hierher gesiedelt. „Wir haben ein Hochbeet gebaut“, erzählt mir eine Pädagogin des Friesacher Schulzentrums. Ich sehe einen großen Rosmarinstrauch, das Hochbeet aus Palettenholz. Ein Insektenhotel, das an der Wand der Mittelschule lehnt. Eines, das in das Hochbeet des Volksschulmodells integriert ist. Ein paar Sträucher, Bäume. Viel Gras. Viele Steine. Die Schuldirektorin erzählt mir von Gartenmodellen, die Kinder vor Jahren entwickelt haben, um ihren Schulgarten lebendiger zu gestalten. Von einer Studentin, deren gute Ideen zwar gut geheißen. Aber nie umgesetzt wurden. Ich speichere alle Infos vorsorglich in meinem Gedächtnis. Hier sind wir mit unseren Ideen willkommen.

„Ist das die Sumsi?“ „Nein, das ist doch die Maja!“ „Aber geh, das ist der Willi!“ Ich sitze in einer lebendigen, aufgeregten Kinderschar von Acht- und Neunjährigen. Wir diskutieren, ob Bienen Nester bauen wie die Wespen. Ob beim Puppentheater Schauspieler sichtbar sind oder sich verstecken müssen. Ob Musik und Tanz dazu gehört. Oder nicht. Ich höre viele Geschichten von Bienen- und Wespenstichen. Und dass sie, die Bienen, „das Gelbe aus den Blumen holen“. Tja, lieber Egon. Nächste Woche bist du als Bienenexperte für Wildbienen dran, dir von uns allen Löcher in den Bauch fragen zu lassen. Und vielleicht finden wir auch einen Bienennamen, der zu unserer (Wild)Biene an meiner Hand passt.

Und wisst ihr was? Ich bin glücklich. Das ist genau mein Element. Wie ich es liebe, mit diesen neugierigen, interessierten Wesen zu arbeiten. Voller Vertrauen gehen sie in die Übungen, die ich heuer aus dem tollen Handbuch „Spiel- und Theater Grundschule“ des Schulverlags Hamburg aussuche. Wieder so ein Glücksfund im Internet! Wir erleben heute Kinder in der vierten und fünften Schulstunde, die einander kaum ausreden lassen vor lauter Begeisterung. „Ich weiß was, ich weiß was!“ pulsiert durch das kindliche Lernsystem. Und das will geteilt werden, und zwar flott. Junge Leute, die schon so viel wissen, selbst wenn Zusammenhänge noch nicht erforscht sind. Kinder wollen nur eines – dazu lernen, ihr Wissen weitergeben. Das ist natürlich in ihnen angelegt. Dieses Bedürfnis, diese Welt zu verstehen, dazu zu gehören. Sich als sinnvollen, erwünschten Teil dieser Welt zu verstehen. Ich werde nie kapieren, warum ihnen Erwachsene diese Kompetenz des Wollens absprechen. In diesem Alter ist sie spürbar noch da.

Wir werden sehen, welche Puppen an Stäben, an Händen oder vor uns her getragen wir heuer entwickeln. Welche Geschichten die Kinder zu erzählen haben. Ich bin einfach dankbar, dass ich hier wieder auftanken und selbst Mensch sein darf. Und dass ich die Kinder mit meiner eigenen Begeisterung anstecke, das Beste aus sich herauszuholen. Onwards!

Proben und spielen

Nun sind wir soweit. Wirklich, wirklich. Die letzten Proben gehen heute zu Ende. Unsere Pop-Up-Werkstatt ist nur mehr Proberaum, die Handwerkerinnen und Handwerker haben ihre Geräte abgeholt, der Raum ist grundgereinigt. Berührend, welch großartige Entwicklungsschritte die Kinder und wir noch machen. Ein Kind hat plötzlich arg mit Lampenfieber zu tun. Drei andere überraschen uns vollkommen mit neuen, lebendigen Auftritten, neuen Formulierungen der Textpassagen. Die Musikstücke gehen jetzt mit links. Sogar in der Jausenpause draußen in der Fußgängerzone entstehen spontane Theatereinlagen. Mir ist noch immer zum Heulen vor Freude, weil leise Kinder sichtbar geworden sind und sich in ihren Körpern wohl fühlen. Wie sehr ich hoffe, dass einige Naturtalente in den nächsten Jahren unterstützt werden, einige der Kinder haben erstaunliches Potenzial. Hinter und vor der Bühne.

Bei den öffentlichen Proben vorbeischauende Erwachsene und Kinder bleiben fasziniert stehen. Ja, wirklich, die Kinder haben alle Handpuppen selbst gemacht. Und ja, tatsächlich, das Stück haben sie selbst geschrieben. Und gell, es ist schön, wenn eine Einkaufsstraße mit Kindergelächter erfüllt wird. Die Nachbarin bringt für die Kinder Schwimmarmbänder vorbei. Der italienische Eiscafebesitzer versorgt uns Erwachsene mit Coffeinnachschub. Ein Urlauberehepaar bedauert, dass es heute Abend abreist, so gern hätten sie die Kinder noch einmal live gesehen. Gestern bekommen die Kinder eine Spontandemonstration des mobilen Drehorgelspielers aus Meiselding zu sehen und zu hören. Wir begegnen uns am Hauptplatz mit unseren mobile Bühnen und er spielt uns zum Abschied ein Zigeunerlied.

Morgen Freitag und am Samstag um jeweils zehn Uhr sind wir mit unseren Abschlussaufführungen in der Innenstadt unterwegs. Wir haben unsere Standorte in den Schatten verlegt, es zahlt sich aus, gleich bei der ersten Station vor der Werkstatt dabei zu sein. Sitzgelegenheiten nicht vergessen, und vielleicht einen Sonnenschirm. Die Kinder sind bestmöglich vorbereitet und motiviert. Wir Erwachsene feiern bereits heute, dass alle Kinder unersetzliche Teile des Projektes geworden sind. Das war unsere Intention – dieses Ausschöpfen ihrer vielseitigen kreativen Möglichkeiten. Möge die Gesundheitsfee mit uns sein und ihnen morgen die Bühne geben, die sie verdienen. Und möge die eine oder andere Wolke uns vor allzu heißer Sonne schützen.

Hinter den Kulissen

Jetzt ist die Zeit, da sich hinter der Probenwelt mindestens so viel tut wie auf den Bühnen in und vor dem upgecycelten Kastentheater. Kommt mal ein bisschen mit hinter diese Glitzerwelt.

Letzten Freitag gehe ich mit drei Mädchen ins hiesige Bürgermeistervorzimmer, um unsere Veranstaltung anzumelden. Gemeinsam mit den freundlichen Damen checken wir ab, ob wir bei unserer mobilen Veranstaltung jemandem im Weg sein könnten. Wir verändern einen problematischen Standplatz gegen einen besseren. Überprüfen, ob wir Strom bekommen können. Als der Bürgermeister überraschend auftaucht und den Kindern die Hand schüttelt, freuen die sich volle. Und noch mehr, als er ihnen Gutscheine in die Hand drückt. Ja, die Veranstaltung wird beworben. Ja, natürlich dürfen wir bei Regen im Rathaushof spielen. Und schon ist der Chef wieder weg. Die Kinder staunen. Und ich bin so konzentriert, keine Frage zu vergessen, dass es kein Foto gibt.

Eva, die Lehrerin, führt perfekte Listen, damit wir nichts übersehen. Die Listen werden nachjustiert, ergänzt und korrigiert. Ich bin inzwischen froh, dass wir diese Listen haben. Mein Hirn ist nicht mehr das Jüngste. Und das Projekt wird immer größer. Und dann noch ein bisschen größer. Eva ist es auch, die das Radiointerview nächste Woche einfädelt. Sie hat sehr viel Verantwortung für die Probearbeit rund um die Szenen und für das Üben der Musikstücke übernommen. Ohne so eine geniale Pädgagogin wäre ein Projekt in dieser Dimension gar nicht umsetzbar. Wir sind einhellig der Meinung, dass wir noch ein Jahr weiter machen könnten, weil so viele Entwicklungsschritte stattfinden. Nicht nur bei den Kindern! Viktoria ist ständig und bei allen Proben da, ausgleichend, beruhigend, beobachtend und mit anpackend, wenn Hilfe benötigt wird. Sie wirkt wie ein Fels in der Brandung, auch die Kinder lieben sie heiß und vertrauen sich ihr an. Unsere wissenschaftliche Begleiterin, Hemma, ist da, so oft es ihre intensive Ausbildung zulässt. Auch sie hat stark die Rolle des Beobachtens, des Helfens, wenn frau gebraucht wird. Wir sind sehr gespannt auf ihren Bericht. Ich bin permanent anwesend. Mache Fotos, versuche mir Situationen zu merken, über die ich später bloggen könnte. Höre den Kindern zu, schaue mir ihre Performances an und biete meine Hilfe an. Höre mir so bezaubernde Geschichten an, sehe die Entwicklungsschritte, höre die selbstbewussteren Stimmen, spüre die Freude und manchmal auch die Frustration der Kinder. In dieser heißen Phase muss ich mir jede Nadel, jeden Stift, jedes kleine Detail aufschreiben, das noch gebraucht wird. Ich staune, wie sehr wir als Gruppe zu einem Team mit Helfern zusammen gewachsen sind. Dreamteam. Aber klassisch.

Die zweite Hälfte der Buttons mit den bezaubernd gezeichneten Kinderraben wird heute von mir gepresst. Ihr Verkauf soll uns dabei unterstützen, mit den Kindern ein massives Danke-Sommer-Fest zu feiern. Ich hab schon ein schlechtes Gewissen – mein Mann verbringt auch viele Stunden vorm Computer. Spinnende Druckerdrüsen, abweichende Größenangaben zwischen Hardware und Software und andere technischen Problemchen fordern ihn volle. Nebenbei entsteht das so einladende Plakat und kleine Flyer, die wir in den Geschäften rund um den Hauptplatz austragen und verteilen werden. Für diese Papiere brauchen wir Logos, Kostenvoranschläge und einen kühlen Kopf. Und immer wieder fällt uns ein Fehler auf. Diskutieren wir auf Whatsapp, wie das Ergebnis aussehen soll. Und ob die Kinder eh einverstanden sein werden. Hier wird spätestens klar – wir setzen um, was sie sich wünschen. Aber nun müssen auch die Erwachsenen voll ran. Die natürliche Arbeit der Kinder direkt in der Stadt ist messbar und unschätzbar wertvoll. Ihre und unsere Anwesenheit rund um die Pop-Up-Werkstatt bringen fremde Erwachsene dazu, mit uns allen zu reden. Und miteinander zu reden. Wir haben nun auch Herrchen und Frauchen des Hundes mit Plastikhuhn persönlich kennen gelernt, die uns schon aufgefallen sind. Kinder aller Altersstufen kleben tagsüber an den Auslagenschreiben und bestaunen die Filzraben. Auch wenn wir vis à vis beim Italiener sitzen und die Türen geschlossen sind. Dieses Projekt belebt die Stadt, das war unser heimlicher Wunsch. Wie sehr ich mir wünsche, dass so etwas in Zukunft öfter geschieht!

Die Subventionsabrechnung wartet auf ihren Abschluss. Das Versenden des Abschlussberichtes nach Wien, das Aussenden der Einladungen an Medien und ihre VertreterInnen stehen an. Alles kein Pipifax, sondern sehr nötig. Die Bühne ist so gut wie fertig, immer wieder müssen Kleinigkeiten nachjustiert oder schon repariert werden. Sie ist ein Traum geworden, mit gemaltem Vordergrund, stilechten roten und ausklappbaren Vorhängen mit goldgelben Borten, die mal wieder wie gerufen vor einer Woche von Maria Slama kamen, mit den fünf farbenfrohen von den Kinder entworfenen und gemalten Hintergründen, dem ausgeklügelten Brett im Showroom, um alles gut auf der Bühne unterzubringen, was nicht mit der Hand bespielt wird. Um diese Bühne darf man die hiesige Volksschule als zukünftige Benutzerin beneiden. Alles nur machbar, weil eine Lehrerin uns den wunderschönen Kasten zur Verfügung gestellt und mein Mann wieder einige Stunden in der Holzwerkstatt verbracht hat. Gott sei Dank hatte er einige Male Hilfe aus unserem tollen Team.

Apropos erste Reparaturen. Vorgestern stehen wir am Abend vor verschlossenen Geschäftstüren. Der Hauptschlüssel war sauber in zwei Teile zerbrochen. Nach meiner Explosion und anschließenden Implosion hilft uns am nächsten Tag der hiesige Schlüsseldienst von Gabi Köppl weiter. Der Hauseigentümer ist unerreichbar, die Kinder müssen in der gewohnten Umgebung weiter proben. Das Gute ist, dass dieser Stress für unfreiwillige Belebung in der Fußgängerzone sorgt. Sich ein weiterer Gast für die Aufführungen ankündigt, die Nachbarn voll Mitgefühl fragen, was denn passiert sei und wir intensiver miteinander in Verbindung treten. Es ist halt nicht immer alles schön, was das Leben daher bringt. Aber wir wünschen. Und es wird gespielt. Die Prüfung in Gelassenheit versemmle ich zu Beginn vollkommen. Stichwort Explosion. Stichwort Implosion. Mein Verantwortungsgefühl für das Projekt und das geliehene Objekt, das mir anvertraut ist, ist größer. Ich beruhige mich erst langsam wieder und bemerke, wie schwer ich mir selbst Fehler zugestehe.

Das war ein unvollständiger Rundgang hinter den Theaterbühnenvorhängen. Falls ihr uns in der Stadt besuchen kommen wollt, hier sind unsere Probentermine. Wir freuen uns, kommt einfach herein und hört zu. Ihr könnt gerne auch vorher anrufen oder uns über social media kontaktieren, weil sich die Dinge manchmal rasant ändern. Morgen proben die Kinder schon ab der ersten Stunde. Es wird spannend.

Raben, die Medien und andere Figuren

Letzte Woche erscheint der erste Medienbericht über die Fortschritte unseres Raben-Theater-Projektes in St. Veit. Danke Michaela Auer von der Mittelkärntenredaktion der Kleinen Zeitung für den lebendigen, umsichtigen Bericht über einen bereits drei Monate währenden Prozess, der nicht so einfach zu beschreiben ist!

Vergangenen Freitag ziehen wir so richtig mit Sack und Pack und Stromkabel und Nähmaschinen in das leerstehende Geschäft in der St. Veiter Innenstadt. Mittlerweile haben wir Licht und Strom und können das WC benutzen. Ein Riesenvorteil mit Sechs- bis Zehnjährigen. Die Kinder rasen mit ihrer Lehrerin Eva Maria Petschnig und unserer Praktikantin Hemma und den selbstgemachten Filzraben durch die Szenen. Die Puppentheaterbühne aus dem ausgeschnittenen Kasten ist noch improvisiert. Szene für Szene wird mit der vorhandenen Geschichte gespielt und improvisiert, Steigerungen im Ausdruck und im Schauspiel sind bemerkbar Viktoria und ich sitzen an den Nähmaschinen und kleiden die Handpuppen mit den schrägen Paperclayköpfen ein. Es stellt sich schnell heraus, dass das Gewölbe für dieses Miteinander zu gut funktioniert – der Lärmpegel ist enorm hoch. Nebenschichten an den Nähmaschinen müssen außerhalb der Probentage eingelegt werden, damit die NachwuchsschauspielerInnen vor allem eines tun können – üben, üben und noch einmal üben. Sprache, Ausdruck, die Haltung der Handpuppen. Und vor allem die eigene Haltung. Ein zum Publikum agierender Rücken schluckt Sprache und löst bei den Zuschauern aus den eigenen Reihen Unverständnis aus.

Viktoria hilft mir heute mit den Kinderkostümen. Es hat sich so entwickelt, dass das Theaterstück mit Handpuppen auf der Bühne und mit menschlichen Darstellern vor der Bühne umgesetzt wird. Keine kleine Herausforderung. Aber durchaus logisch. Also nähen wir einen zweiten Durchgang Kostüme. Upcycling as usual, dank Maria Slama stehen uns genau die richtigen Stoffe zur Verfügung. Aus diesem Fundus schöpfen wir noch eine Weile. Morgen hole ich mir die Handpuppen und mache sie fertig, mal sehen, ob mir wieder jemand Gesellschaft leistet. Ganz ehrlich – nun steigt die Spannung vor allem bei den Erwachsenen. Plötzlich wird doch ein Drehbuch nötig, damit WIR uns auskennen. Es entstehen Listen voller to-do’s und to-bring’s. Für die Erwachsenen wird klarer, welches Kind voraussichtlich in welche Rolle schlüpft, wer Organisatorisches übernimmt, wer Hintergründe ummontiert und wer sich gar nicht auf oder vor die Bühne traut. Ein ganz junger Maler kümmert sich derzeit um die Vorderseite des Puppentheaters und hat mit Bleistift seinen Entwurf auf die grundierte Platte gezeichnet. Alexander baut in der Werkstatt am beweglichen Untergrund der Bühne, eine Riesenherausforderung. Auch das sollte bereits diesen Freitag fertig sein. Wir werden sehen.

Presse und Pop-Up

Die Osterferien sind vorbei. Voller Begeisterung nehmen wir die getrockneten Paperclayköpfe in die Hand und glätten und formen noch ein wenig am Charakter der Handpuppenköpfe. Wie leicht die Dinger sind! Und wie ausdrucksstark!

Kurz entsteht Aufregung. Die Redakteurin einer Kärntner Tageszeitung ist gleich im Morgenkreis mit dabei, um ein Gefühl für unser Projekt zu bekommen. Benjamin und Franziska, zwei unserer großartigen Viert-Stufen-Kinder, wissen eine ganze Menge zu erzählen, als sie interviewt werden. Einmal mehr wird mir klar, auf wie vielen Ebenen unser Projekt wirkt. Einerseits profitieren besonders die stillen Kinder davon, dass sie sich eine Bühne nehmen und mit ihrer Stimme präsent sein dürfen. Andererseits praktizieren wir ständig Recycling und Upcycling und die Kinder sind wie nebenbei mitten im Tun, ohne dass wir ihnen lang und breit erklären müssen, wie pädagogisch und nachhaltig und sinnvoll es ist, dass sie mit alten Zeitungen Köpfe herstellen, aus gebrauchten Stoffen Handpuppenkörper herstellen und einen alten Kasten zur Puppentheaterbühne umbauen. Unsere Herbergsuche für einen Probe- und Arbeitsraum bei den Menschen auf der Stadtgemeinde hat uns zu einem tollen Leerstand mitten in der Innenstadt geführt. Unglaublich, wie entgegen kommend erwachsene Menschen sind, wenn es um Kinder und ihre Projekte geht. Zwei Monate nutzen wir Räume als Pop-Up, das heißt wir sind vorüber gehend da und dann wieder weg. Wie es aussieht hat die Großzügigkeit unseres Herbergsvaters sich bereits auf sein Leben ausgewirkt: der erste Interessierte hat sich die Räume für den Sommer angesehen. Das ist es, was mit der Bespielung und Belebung des Leerstandes ebenfalls geplant war: die praktische Sichtbarmachung kommunaler Intelligenz in der Entwicklung einer Kleinstadt. Und dass es in einer Innenstadt um Einkauf und Geschäfte gehen kann aber nicht muss. Die Kinder werden den Erwachsenen schon zeigen, was möglich ist.

Heute üben unsere Nachwuchsschauspieler den Einsatz ihrer Stimme. Paarweise geben sie Witze wieder, auch wenn sie nicht verstanden wurden. Hach, Kinder schlüpfen einfach in Rollen und spielen. Sie sind die geborenen Dadaisten. Zum ersten Mal hören wir die einstudierten Musikstücke mit Instrumenten. Hemma sagt, sie hat Gänsehaut, so schön klingt alles bereits. Am Ende des Vormittages packen wir Sitzkissen zusammen und wandern durch die Stadt zu unserem zukünftigen Arbeitsraum. Das ist ein Staunen und Jubeln. Ganz spontan, ohne Aufforderung einer Begleitperson haben die Kinder den Wunsch, eines der Rabenlieder zu singen. Und sie setzen sich durch. Ganz ohne Scheu stehen sie mitten am Herzog-Bernhard-Platz im schrägen Licht des heutigen Sahara-Sand-Himmels und geben ihr erstes Livekonzert des Projekts. Wir sind gespannt wie lange es dauert, bis die Italiener vom Eiscafé vis à vis auf uns aufmerksam werden…

Diese kurze Schulwoche nach längeren Ferien zeigt sich an den Kindern. Heute sind nicht wir müde, sondern sie. Und doch freuen sie sich auf die nächste Probe in den neuen Räumen. „Lisa, wir möchten gern Publikum spielen“, vertrauen mir zwei kichernde Schüler an. Oh wie recht sie haben. Auch die Aufführung, der Plan, wie unser Publikum quer durch die Stadt mitgenommen werden soll, ist noch zu proben. Aber das ist, frei nach Michael Ende, eine andere Geschichte, die ein anderes Mal weiter erzählt wird.

Vom Filz zum Papier

Ganz fest hatte ich mir das für den heurigen August vorgenommen. Handpuppen herstellen. Mit und ohne Kinder. Material: vollkommen unklar. Erste Versuche natürlich mit Filz und Trikotstoff. Marionetten. Stellen sich als viel zu aufwändig für Kinder heraus. Und irgendwie zu weit weg von der Kinderhand. Grübeln, tüfteln, herum fragen. Sami bringt mir von irgendwo her ein uraltes Brunnen-Reihe-Büchlein mit, voll mit Kasperlfiguren, Greteln, Krokodilen. Von Kindern und Erwachsenen ausprobiert. Very old fashioned. Hinweise auf Pappmaché sind da. Vage Rezepte ebenfalls.

4

Und siehe da: wer Puppen filzt, kann sich auch mit weicher, formbarer Masse ausprobieren. Meine Ungeduld ist legendär. Also gestern erster Start allein, um meine Familie zu schonen. Meine Freundin Michi hat uns vor einer Weile für genau so einen Zweck einen Schredderapparat geschenkt, der nicht mehr benötigt wurde. Der lief gestern auf Hochtouren. Heißes Wasser dazu, sagen Tutorials online. Aufkochen, sagen andere. Kleister dazu, und nicht zu knapp, sagen wieder andere. Meine alte Küchenmaschine und ihre Rührhaken kommen wieder zum Einsatz. Auch ein Pürierstab, als das Ganze durchgekocht ist. Die ersten Ergebnisse des Formens sind gar nicht so schlecht.

3

Weiterrecherchieren. Sägespäne werden mir empfohlen. Heute bin ich übermütig und gebe viel zu viel Kleister zur nach drei Stunden gut durchweichten Pulpe. Also bettle ich Alexander um Sägemehl aus der Tischlerwerkstatt an. Maiskornstärke, ein weiterer Tipp aus dem Netz. Kartoffelstärke haben wir im Haus. Der klebrige Startteig fühlt sich nach ordentlichem Kneten und Rühren sofort besser an. Und nein, genaue Dosierungen habe ich mir nicht aufgeschrieben. Der Teig fühlt sich einfach richtig an. Noch immer klebrig, aber richtig.

2

Sami und Alexander werkeln heute mit. Wer meinen Mann kennt der weiß, dass er künstlerisch sowieso alles kann. Natürlich auch Köpfe formen. Und nein, ich bin nicht neidfrei. Gar nicht. Ich bin frustriert. Zum ersten Mal mit vollkommen neuem Material zu arbeiten und dann gleich einen Ghandi zu formen, das kann einfach nur er. Sami und ich, wir plagen uns herum. Sami möchte eine Katze formen. Diese Dinge haben ja bekanntermaßen ein Eigenleben, deshalb wird seine Katze eine absolut coole Hund-Löwin-Hyänen-Mischung mit offenem Maul und Zunge. Sensationell. Und mir wird nach zwei viel zu kurz geratenen Köpfen plötzlich klar, dass die Köpfe eine Eierform brauchen, um zu wirken. Liebenswerte Babypüppchen und fast ovale Querköpfe sehen wunderhübsch aus. Diese karikaturartigen Wesen sind erwachsener. Und haben andere Proportionen.

5

Morgen machen wir weiter. Und Sami hat mir versprochen, einen reduzierten Puppenkopf zu probieren – nur Wangen, Mund, Nase und Ohren auf eine runde Hohlkugel, der Rest könne ja aufgemalt werden. So sieht er sich über eine menschliche Puppe drüber. Außerdem machen wir einen einen Teig wie heute und geben noch Nelkenöl, Essig, Backsoda und Öl dazu Auch ein online Tipp. To be continued!

Kindertheater

Die Idee lässt mich einfach nicht los. Kindertheater. Marionetten selbst machen. Figuren grundsätzlich selbst machen. Der erste Prototyp einer drei- bzw. bei Bedarf vierfädigen Marionette hängt bereits herum, begeistert mich vom Aussehen wenig. Doch ein bisschen zu brav für unsere quirligen jungen Menschen. Ist in der Herstellung zu aufwändig für Kinderfinger, das müsste viel einfacher machbar sein. MIR macht die Herstellung Spaß. Sami war nur beim Filzen dabei, danach wurde es zu kompliziert für seine Finger.

Weil grad ein bisschen zu wenig Zeit ist zum Herumprobieren und Tun, träum ich von Pappmaché mit Kleister und selber leichte Figuren modellieren. Anleitungen und Tutorials hab ich mir schon angesehen. Das wird was für den Sommer, wenn es wieder warm ist und wir im Garten arbeiten können. Jetzt ists mir draußen ein bisschen zu nass. Mal sehen, was unsere Englandreise da an Inspiration zu bieten hat.

Mein Ex-Mann ist übrigens seit Monaten in Mexico. Und erzählt mir, dass es dort ebenfalls ein geniales Puppenmuseum mit alten, handgefertigten Puppen gibt. Mal sehen, was er da an Material mitbringen wird, bin schon sehr gespannt.

Als ich heute mit Amira und Samuel fantasiere und mit Händen und Füßen rede und tüftle und rede und mir die Kinder zeichnend zeigen, wo es lang geht, wird mir klar, dass es um Handpuppen gehen wird. Handpuppen, in die sie mit drei Fingern hinein schlüpfen können. Amira kennt keine Marionetten. Wir schauen uns im Internet ein paar Fotos an, ihre sonst überschäumende Begeisterung hält sich in Grenzen. Dat kannste knicken, liebe Lisa. Mal sehen, was wir aus alten Socken zusammenbringen. Ideen hab ich schon wieder massig…

Jedenfalls nimmt die Geschichte mit dem König Dagobert (hieß der nicht mal ganz anders?!) und seiner jetzt doch nicht an einer schweren Erkrankung verstorbenen Frau, die eigentlich seine Schwester ist, Formen an. Zu den vier Hauptfiguren, ihr erinnert euch, die guten Zwei, Jamie und Olivia, die bösen Zwei, Katzenplotz und Hotzenplotz, kommen jetzt zwei niedliche Hauskatzen dazu. Mir ist ihre Funktion noch vollkommen unklar, aber bin ich die Regisseurin? Nein. Ich frage nur. Und schreibe folgsam mit. Ein Regenbogen ist aufgetaucht, der auch irgendeine Wichtigkeit hat. Ahja, und eine Katze, die in einen Hügel gräbt, der mit Wasser gefüllt ist und deshalb erbärmlich und blubbernd um Hilfe miaut.

Fortsetzung folgt…

Cats and Dolls

Manche Tage sind schon besonders. Als ich heute Morgen schweren Kopfes aufwache, wohl wissend, ich muss die Mitschrift der letzten zwei Tage reinschreiben, damit irgendwas von all der Projekt- und Zeitmanagementtheorie verfügbar bleibt, hocke ich mich sofort vor den PC. Der Morgen graut gerade. Und danach – gebe ich mir frei. Kein Projekt heute, ein Tag ohne PC, mehr oder weniger. Das muss nach all dem tagelangen Aufsetzen und Schreiben von einem (!) Projektantrag drinnen sein.

Gesagt, getan. Prof. Dr. Gerald Hüther rät uns, die Puppen vor allem mit und für Kinder herzustellen. Und er meint damit Puppentheater. Solche Ideen, auf dich ich selber nie kommen würde, greife ich sofort auf. Und bevor wir uns beim Fest der Freude in Klagenfurt mit vielen Kindern darüber hermachen, übe ich ein bisschen im Vorfeld. Sami ist begeistert. Innerhalb von zehn Minuten steht ein supergeniales Drehbuch, gemindmappt und geclustert auf meinem Schmierzettel. Opa Alexander fabuliert heiter mit, wir haben eine Riesengaude. Die Geschichte ist mit so viel tagesaktuellem und politischem Bezug, dass mir zwischendurch die Spucke weg bleibt. Unsere Kinder bekommen viel mehr mit, als wir denken. Nur so viel: ein König und seine Königin und ein Reich voller guter und böser Katzen. Ganz sicher wird es Updates hier geben.

Apropos Katzen. Dieses Thema beschäftigt uns seit heute Mittag. Da wuselt ein aufgeregter Achtjähriger daher, eine Katze im Schlepptau. Aber nicht irgendeine Katze. Eine echte Grumpy Cat. Vorbiss. Lange Haare. Hellgrüne Augen. Perserin oder Angora, ich kenn mich da nicht so gut aus. Was aber das Wildeste ist: sie ist bis auf Kopf und Schweif komplett geschoren. Voller Zecken. Jammernd und wehklagend. Sieht mehr wie ein Pudel aus mit ihren bis zu den Pfoten rasierten und dann als Patscherl übrig gelassenen Haaren. So wie sich diese Katze an uns ranschmeißt ist mir relativ schnell klar, dass das eine ausgesetzte Katze ist. Vielleicht hängt es mit dem schwarzen Jeep zusammen, den ich um sieben Uhr herumfahren sah. Vielleicht auch nicht. Irgendwann sagt Sami, beim verlassenen Nachbarhaus im Stroh sei auch Futter. Futter?! Ja, ein Sack stehe da herum. Er saust rüber, kommt mit einem ganzen und einem fast leeren Sack Whiskas daher. Und einer Colaflasche voll Wasser. Am Ende stellt sich heraus, dass auch zwei Schüsseln dabei stehen. Irgendjemand hat sich wenigstens Mühe gemacht, dass das Tier ein paar Tage überlebt.

Während Sami und ich nadelfilzen und die ersten Marionettenkörper testweise und teilweise herstellen – hach, der junge Mann ist unverletzt – begutachtet Klein-Leonie (so muss sie heißen, Sami hat gewählt) das Gelände. Unsere Altkatze ist beleidigt. Nach dem Tod ihres Bruders war sie ein halbes Jahr die Solokatze hier am Hof. Nun kann sie sich wieder mit einer jungen, frechen und in allen Tonlagen knurrenden und jammernden Göre herumärgern. Sie taucht den restlichen Tag nicht mehr auf.

Mal sehen, ob Leonie bleiben darf oder ob sie wer sucht oder sie zu sehr ins Revier der Seniorkatze eindringt. Das werden die nächsten Tage zeigen. Im übrigen: das Wochenthema für unsere Foto-Challenge #derraum365 ist, tadaaaa, #cat 😀