Der Frühling und sein Anklopfen

Finn begleitet mich seit den Weihnachtsfeiertagen. Krank und gesund. Also ich, ich bin krank. Er ist schüchtern, aber kerngesund. Die Kopfgrippe, die zwischen meiner Lunge und den Stirnhöhlen hin- und herwandert und zwischendurch sogar die Zähne in die Mangel nimmt, sie ist ausdauernd. Genau genommen macht mich die Arbeit an ihm und mit ihm gesund.

Irgendwann nach dem Vierzundzwanzigsten ist es mir zu viel, herumzusitzen und meiner bezaubernden Enkelin und ihrer Mama, meiner Tochter, und Sami beim Spielen zuzuschauen. Heuer schaffen wir es, dass wir alle mehr oder weniger fiebrig herumsitzen und Weihnachten bis Silvester verlängern. Ein russisches Tutorial fesselt mich zu diesem Zeitpunkt besonders. Ich verstehe kein Wort. Bin aber mittlerweile so tief in den Prozess des Machens eingedrungen, dass ich mir die Handgriffe selbst erklären kann. Jedenfalls genügend, um selbst auszuprobieren, was ich russisch besprochen sehe. Habe ich schon mal gesagt, dass die russischen Puppenmacher*innen ein Traum sind? Jana, das ist die Enkelin, erklärt mir beim Filzen und Sticheln, dass ich den Mond mache. Wie recht sie hat. Sie staunt, als ich einen meiner nicht mehr ganz sooo passenden Bikinis zerschneide und zu einem Kopf zusammen nähe. Tja, Upcycling beziehungsweise ReUse as usual, ich brauche mich nur durch meine japanisch sortierten Kisten zu wühlen. Jana schaut sich den Kopf ganz genau an, von allen Seiten. Ganz, ganz leise regt sich in mir die Hoffnung, dass sie dieses Interesse beibehalten wird. Ich hätte ihr so viel zu zeigen, sobald sie es ausprobieren will…

Finn ist sehr geduldig mit mir. Ich langweile euch jetzt nicht mit handwerklichen Details. Nur so viel, dass ich euch verrate, dass an ihm fast alles anders und neu ist. Und dass er der Auslöser ist, mich noch mehr ins Filzen zu vertiefen. Es liegt mir einfach mehr, nur mit Wolle zu arbeiten. Ganz ohne Stoffüberzug. Sage ich jetzt einfach mal so. Das ändert sich eh wieder. Ich kenne mich.

Heute Morgen jedenfalls fordert er mich auf, mit ihm die erste Fotorunde im Garten zu drehen. Wir staunen beide, wie warm es ist. Wir sehr der Frühling schon darauf wartet, zu explodieren. Auch wenn der Kalender sagt, wir sind verrückt, wir zwei. Bei den Bienen sehen wir, dass ein paar den Winter nicht überlebt haben. Eine dafür außen herum spaziert und Flugreisen rund um den Stock veranstaltet. Und mich böse anbrummt und mal wieder stirnwärts zwischen die Augen stupst, weil ich ihr Finn zu nahe ans Flugloch setze. Auf gut bienisch heißt das „Schleich‘ dich, wir brauchen unser bisschen Futter, um über die nächsten Wochen zu kommen. Der Winter ist noch nicht vorbei. Das war die letzte Warnung, das nächste Mal steche ich!“ So ist das, wenn man mit Finn im Garten unterwegs ist. Dann versteht mensch sogar die Sprache der Bienen.

Ich muss jetzt los. Ich habe mir für heuer die Aufgabe gestellt, mehr von mir und meiner Arbeit sichtbar zu machen. Nicht nur die Ergebnisse, sondern ehrliche, tiefe Einblicke in mein Tun. Dazu benötige ich ein gutes Stativ, sagt die Dame aus dem Instagrambuch. Und eine Menge Nerven, um tiefer in die Tiefen des I-Phones der vorletzten Generation einzudringen, das mir mein Jüngster geschenkt hat. Das weiß ich selber. Nun hat sich auch dieser Wunsch erfüllt, den ich vor zwei Jahren aussprach. Yeah. Veränderungen, wohin ich schaue.

Werkstattgeflüster

„Rosa? Ja spinnt jetzt die Welt? Und Spitzohren und vielleicht auch noch Elfenschmuck?“ Unverständnis. Das zwingende Bedürfnis, mich zurück auf den Pfad der Normalität zu bringen. Zunehmende Verzweiflung, weil ich es mir mit dem neuen Wesen in der Werkstatt so gemütlich mache. Und mir Zeit lasse, mir und ihr Raum gebe für das, was kommen mag. Und jetzt rutscht der Coachin auch noch die überdimensionale Wärmflasche vom Magen. Die Welt, die dreht sich nimmer lang.

„Einfach weitermachen, bitte, mach einfach weiter“, flüstert mir die Elfenkönigin auf meinem Schoß zu. Ja, sie ist vollkommen zufrieden, dass die Haare jetzt nicht mehr weiß und rosa sind. Sondern rosa und weich und füllig. Strähnchenweise heller und dunkler. Und ja, Stirnfransen könnten gut ausschauen, lässt sie mich wissen. Und diese Silberdrahtohrkostbarkeiten, die sie mir seit gestern einflüstert. Und sie möchte dann endlich Arme bekommen, beweglich, wie schon die Beine. Und hach, der Mantel. Die luftige Kleidung. Eine Schaukel. Und ein Geheimnis. So viel, worauf wir uns beide freuen.

„Ist der Winter und Weihnachten bald vorbei?“ wispert die Wolfsfrau zu Frau Herbst, die neben König Winter und dem Glöckchenschaf steht. Frau Herbst und Herr König haben schon etwa zehn Jahre am Buckel. Standen Jahr für Jahr in der vorweihnachtlichen Krippe für die heranwachsenden Kinder. Beide nicken weise. Die Schafsglocke klingelt. Frau Wolf wundert sich ein bisschen über die Glitzerbäume, die ihr seit ein paar Wochen vor der Nase stehen. Sie genießt die Wärme des Ofens an ihrem luftigen Platz, meldet sich selten zu Wort. Ruht in sich. So eine gute Seele. Sie beobachtet viel und schaut. Sie ist einfach da, braucht uns alle nicht. Ich bin es, die froh ist, dass ich sie da oben spüre.

Prinzessin Orsola ist nach einem langen Aufenthalt im Gemeinschaftsladen Kunst&Werk wieder daheim. Wie gut sie mit ihrem Glitzerband und dem vielen Weiß ins neue Studio passt. Orsola und ihre Freundinnen, die Plaudertaschen, freuen sich so, dass ich gestern endlich den geschälten Ast mit den geschliffenen Glassteinen und der Lampe an die Decke montiert habe. Sie werden sich noch mehr freuen, wenn diese Lampe am Sonntag von meinem Lieblingselektrikersohn mit Strom versorgt wird und mir den Abend über dem Arbeitstisch erhellt.

„Ma, diese Fliegen nerven, sind die immer noch nicht erfroren? Und, tust du jetzt weiter an den Armen, oder worauf wartest du?“ meldet sich Frau Coach wieder. Was für eine quengelige Stimme sie heute hat! Mir kommt sie vor wie meine innere Kritikerin, die mich jahrzehntelang sabotiert und mich vorm spielerischen Arbeiten mit Material abhält. Kein Geld, Hunger, Tod. Ihr wisst schon. „Dein Puppenmachen ist ein Hobby, kein Beruf. Von einem Hobby kannst du nicht leben. Hobby ist unentgeltlich und fürs Wochenende oder deine Freizeit. Basta.“ Diese Einflüsterin auf meiner Schulter, die mir statt dessen zum übermäßigen Konsum von Zeitschriften und Büchern rät, die diese kreative und künstlerische praktische Auseinandersetzung von anderen Menschen zeigt. Von Anderen, nur nicht von mir. Mich ständig ein bisschen schlecht macht. Mich mit anderen vergleicht, an deren Arbeit ich sowieso nie heran reichen werde. Ich finde es ganz praktisch, dass sie nun an der Rückenlehne meiner Studiobank lehnt. Und sich an ihre heiße Wärmflasche klammert. Immer noch an meiner Schulter, aber eben sichtbar. Auf Augenhöhe, sozusagen. Die Drohung, sie vor die Tür in die Eiseskälte und zur verspielten Katze zu setzen, wenn sie mir zu anstrengend wird, genügt meistens. Sie bringt mich so zum Lachen, wie sie da sitzt, grantig, untätig, meckernd, immer auf der Suche nach Fehlern. Ja, genau, du meinst es nur gut. Ich auch. Trink deinen Tee und genieß das Leben. Die Elfe und ich, wir haben heute noch Einiges vor…

Baba Yaga und die Coachin

Wie stellst du dir die weise Frau im Märchen vor? Ist sie der Typ Frau Holle? Die grausliche Hexe mit der Warze? Oder führt sie als Sirene herumirrende junge Männer und Frauen in die Irre? Mit meiner ganz persönlichen Frage an mich hat vor ein paar Wochen ein Prozess eingesetzt, der einmal mehr in der Auseinandersetzung mit der Geschichte der „Wolfsfrau“ wurzelt. Da ist die Baba Yaga die schroffe Alte, die zwei Kinder in ihr Knusperhäuschen lockt und mästet, damit sie besser munden. Und ihnen wie nebenbei zu persönlichen Entwicklungsschritten verhilft. Sie kommt alles andere als nett rüber. Das Leben eben.

Soweit. So gut. In diese persönliche Auseinandersetzung mit der Spiegelwelt unserer kulturellen Märchen funkt in mein Leben die russische Künstlerin Anna Potapova mit ihren nur aus Schafwolle gefilzten figürlichen Darstellungen. Ich halte zum ersten Mal vor drei Jahren gesponnene Schafwolle in der Hand und lasse mir von meiner Freundin Maria Regina zeigen, wie man kleine gedrahtete Wichtel mit diesem Material anfertigen kann. Das Wollfieber packt mich sofort. Mein Material! Endlich finde ich, wonach ich schon so lange suche! Ich spüre es. Absolute Klarheit.

Mit Hilfe des englischen Tutorials aus Russland bringe ich mir tagelang bei, wie ich Figuren ausschließlich aus Wolle filze. Natürlich nicht brav mit den kleinen Maßen, wie sie im Tutorial vorgeschlagen werden. Gleich so richtig übertrieben groß, in A3. Sie soll ausladende Formen bekommen, einen ordentlichen Busen, starke Beine. Und keine liebliche, kindliche Elfe sein. Sondern alt und weise. Der Mensch denkt. Das Leben lenkt. Wieder einmal forme ich ein langbeiniges, zartgliedriges Wesen. Ja, sie bekommt Hüften und starke Oberschenkel. Und immer wieder diese Auseinandersetzung beim Filzen – wer ist die Baby Yaga heute, außerhalb unserer Märchen? Wie sieht sie aus? Wie lebt sie, woran erkenne ich sie?

Auf Social Media sehe ich Videos von Coaches, Männern und Frauen, die enthusiastisch versprechen, sie könnten „Es“ mit mir schaffen. „Es“ steht naturgemäß für Erfolg, der sich in mehrstelligen Eurobeträgen auf meinem Konto abzeichnet. Wenn ich diesen Gratiskurs buche und mich registriere. Sie hätten da noch den einen oder anderen Kurs als Ass im Ärmel, also speziell für mich. Wenn ich das Wochenende jetzt noch nicht zahle sondern später, wenn ich dann weiß, wie gut ich durch den Workshop zu leben, zu atmen, zu antworten, zu handeln, zu denken gelernt habe. Und vor allem endlich zu meinem tribe gehöre – nämlich zu den Suchenden und Findenden. Endlich, gell, nach diesen 53 sinnentleerten, nutzlosen Jahren. Mit meiner Haltung geht das nicht, mit der stimmt was nicht. Siehe Kontoauszüge. Freude und Liebe zum Tun und täglich sprudelnde neue Ideen allein sind kein Erfolg, also kein hundertprozentiger. Merkt ihr es? Genau. Ich bemerke eine gewisse Genervtheit mit dem Social Media Überangebot. So viele Coaches, Mentoren, Lebensberater und wie sie sich alle nennen. Ich frage mich natürlich, woher diese Genervtheit kommt. Könnte mir ja egal sein, was man mir aufdrängt. Ja, auch mir sind selbsternannte Besserwisser begegnet, denen ich blind vertraute, dass sie „Es“ aus mir herausholen würden. Die Gier nach dem schnellen Geld ist in mir angelegt. Meine Sozialisierung war ja nicht von einem anderen Planeten. „Es“ ist mir halt nie gelungen. Meine Haltung. Zu realistisch, öhm, zu kritisch, zu viele Fragen. Antworten auf meine Fragen finde ich teilweise. Und meine innere, kluge, klare und sehr menschliche Stimme. Menschen, die gut zuhören können. Mit mir sortieren und strukturieren und mir zutrauen, meinen Weg zu gehen. Sorry. Wirtschaftlicher Geldfluss steht nicht im Zentrum meines Lebens sondern zeigt sich als manchmal mehr, manchmal weniger angenehme Begleiterscheinung. Und sehr oft als kreative Herausforderung, Dinge anders anzugehen. Macht es mir Freude? Tut mir die Auseinandersetzung mit dem Material und damit entstehenden Themen langfristig gut, entwickle ich mich weiter, überwinde ich innere Widerstände? Begegne ich dabei mir, der Künstlerin auf Augenhöhe? Mein Erfolg lässt sich mit Worten schwer beschreiben. Ich spüre Begeisterung, prickelndes Leben, Vorfreude und Freude beim Tun. Und ja! Klar! Es freut mich volle, wenn meine Wesen in ihre neue Familie ziehen und ihr Glück verbreiten, ihre Stärke, ihren Zugang zum Mysterium Leben. Und klar kosten sie den Interessenten auch Geld. Das ermöglicht mir ja, weiter zu tun. Nicht mehr. Und auch nicht weniger.

Wirklich hilfreich in den letzten Jahren sind persönliche Gespräche im vertrauten, oft langjährigen FreundInnenkreis. Zu denen durchaus auch Coaches gehören! Meine Bubble ist bunt und vielfältig! Da ist die Frau, die intuitiv eine meiner schwer verdrängten Unsicherheiten ans Licht holt. Die Klarheit einer anderen. Die vollkommene neue Perspektive einer dritten, eines vierten. Vielleicht fehlt das ja in unserer Gesellschaft, der Familien- und Freundeskreis, der ehrliches, schonungsloses feedback gibt. Und vielleicht bin ich gesegnet, auf so ein Netzwerk zugreifen zu können. Mit und ohne Geld. Langjährige Freundinnen, die meine Abwehrmechanismen kennen und sie ansprechen, sind fixer Bestandteil meines Lebens. Ein Partner, der immer wieder beruhigt und das Kreative und Künstlerische über das Wirtschaftliche stellt. Die Morgenseiten, die mich täglich zu mir zurück holen. Dieser offene, ehrliche Austausch in Gruppen, die um Klarheit ringenden Fragen, die berührenden Geschichten der anderen, die im Grunde immer auch mit mir zu tun haben. Einseitig, meine Betrachtungsweise? Ganz bestimmt. Es gibt gute Leute da draußen, davon gehe ich aus. Es gibt auch gute Literatur. Und ich bin durch all die gemachten Erfahrungen die glückliche Frau und endlich auch Künstlerin geworden, die ich heute bin. Das Genervte hat sich verzogen. Und sitzt nun mir gegenüber.

Die Coachin. Baba Yaga 4.0. Mindestens. Eine wild gelockte Alte mit Silbermähne. Ihr Blick ist eigentümlich, die Augen schauen in zwei Richtungen. Sie ist verschlafen und noch nicht ganz in dieser Welt angekommen. Lehnt im zerschlissenen Hauskleid, das schon mal bessere Tage gesehen hat, und den warmen Filzpatschen vorm Laptop. Die heiße Wärmflasche dämpft den leichten Magenschmerz, den sie seit ein paar Tagen spürt. Die warme Strickjacke rutscht ihr von den schmalen Schultern. Der Morgenkaffee wird sie hoffentlich beleben. Gleich geht ihr Tag los, drei Skypeberatungen stehen im Terminkalender. Sie muss die Protokolle der letzten Beratungen endlich fertig formatieren und verschicken. Es gibt unzählige Beitrittsanfragen in die geheime Facebookgruppe. Die Instagram-Follower werden nicht mehr, so viel und so regelmäßig sie auch postet. Viel lieber würde sie eine ausgiebige Runde im Wald drehen, den Vögeln zuhören, den Herbst willkommen heißen. Und außerdem sollte sie Winterreifen am Auto montieren lassen. Es hat Minusgrade da draußen. Morgen. Morgen nimmt sie sich ganz sicher einen Tag frei. Da piepst das Handy. Einer Frau aus der Whatsapp-Gruppe geht es heute besonders schlecht. Seufzend stöpselt sie die Kopfhörer ein und nimmt einen großen Schluck vom kalten Kaffee.

Wiederauferstehung der fetzigen Stoffpuppe

Ragdoll sagen die englischsprechenden Menschen zu dieser Urform der Puppe. Für meine Ohren klingt das schöner als Fetzen- oder Lumpenpuppe. Sprache ist Geschmacks- und Auslegungssache. Fast in allen Kulturen auf diesem Planeten wurden Lumpenpupen hergestellt. Aus natürlichen Materialien mit interessant geformten Holzstöcken, Steinen oder Gräsern. Verbunden mit Pelz und Leder, später mit Wolle, Stoffresten und allerlei Fundmaterial. Die Puppenmacherinnen und Puppenmacher von heute spielen mit den natürlichen, einfachen Formen. Große Menschen und kleine Menschen. Und manchmal auch miteinander.

Die letzten zwei Tage bin ich gemeinsam mit der Mosaikkünstlerin Angela, der Holztrumm-Künstlerin Ruth und mit dem Meisterdrechsler Alfred Teil der Interreg-Veranstaltungsreihe STREAM. Erinnert ihr euch an den Muttertag im Archeologiepark Livelet? Genau diese Menschen kommen nun als große Gruppe ein Wochenende zu Besuch nach St. Veit an der Glan und präsentieren ihre Mosaikkünstlerin Carolina. Und die temperamentvolle italienische Musikgruppe Na Fouia, die wir live hören.

Wirklich berührt und auch angerührt bin ich nach zwei Tagen hochkonzentrierten Arbeitens, was das Herstellen von textilen Wesen mit Kindern macht. Einmal mehr in meinem Leben, wenn ich in Gruppen arbeite. Die Puppen werden von den Kindern fast im Alleingang vorgezeichnet, als Papierschnitt freigestellt und auf gebrauchte Kleidungsstücke gesteckt. Für viele ist es ein Tag Arbeit, um mit dem Wesen fertig zu werden. So viele kleine Arbeitsschritte. Der Körper, die Gliedmaßen, alles wird mit Füllwatte gestopft, Augen und Mund und Nase sind zu malen. Von den Kindern wird Einiges an Fingergeschick gefordert. Sie bauen innerhalb ganz kurzer Zeit Beziehung zu diesen Wesen auf. Da geht es ihnen wie mir in meinem Atelier. Die Puppe beginnt, ihre Ideen zu übermitteln, sich einzumischen, macht Vorgaben. Wir staunen alle, was für interessante Wesen das Licht der Welt erblicken. Mit kariertem Körperstoff, blau, grün, rosa. Ausnahmslos alle Haare sind lang. Und bis auf einen Jungen sind Mädchen die Erschafferinnen.

Ich muss mich immer wieder zurücknehmen, weil die Kinder alles selbst machen wollen, was sich nur irgendwie zeitlich ausgeht. Einige lernen in diesen zwei Tagen das Nähen, weil es sonst niemand für sie macht. Andere malen so rasant Augen und Nase und Mund hin, dass mir schwindelig wird. Und immer, immer passt die Puppe zum Kind. Fällt anderen auf, wie ähnlich sich die Erschafferin und das Wesen sind. Zum ersten Mal werde ich von allen Seiten gefragt, ob ich das nicht öfter machen könnte. Na klar, ich werde mir etwas einfallen lassen.

Die Kinder erzählen, beginnen bereits mit den halbfertigen Puppen zu spielen. Ich höre, dass Winterkleidung herzustellen sein wird, es soll ja wieder kälter werden. Und ob das vielleicht im Werkunterricht in der Schule geht? Auch die Erwachsenen erzählen aus der Schulzeit. Und wirklich nicht alle haben schöne Erinnerungen an die Zeit des Werkens, des kreativen Tuns. Jedes Mal beim gemeinsamen Tun entsteht dieses Feld, in dem sich Menschen zeigen, wie sie sind. Mit ihren Verletzungen, mit ihren schönen Erinnerungen, mit dem, wie sie heute sind. Ganz wunderbare, tiefgehende Gespräche entstehen, obwohl so intensiv gearbeitet wird. Ganz schwer zu beschreiben, was hier entsteht. Aber es scheint zu nähren, zu kräftigen und die Menschen in ihrem Sein zu unterstützen.

Hinter den Kulissen

Jetzt ist die Zeit, da sich hinter der Probenwelt mindestens so viel tut wie auf den Bühnen in und vor dem upgecycelten Kastentheater. Kommt mal ein bisschen mit hinter diese Glitzerwelt.

Letzten Freitag gehe ich mit drei Mädchen ins hiesige Bürgermeistervorzimmer, um unsere Veranstaltung anzumelden. Gemeinsam mit den freundlichen Damen checken wir ab, ob wir bei unserer mobilen Veranstaltung jemandem im Weg sein könnten. Wir verändern einen problematischen Standplatz gegen einen besseren. Überprüfen, ob wir Strom bekommen können. Als der Bürgermeister überraschend auftaucht und den Kindern die Hand schüttelt, freuen die sich volle. Und noch mehr, als er ihnen Gutscheine in die Hand drückt. Ja, die Veranstaltung wird beworben. Ja, natürlich dürfen wir bei Regen im Rathaushof spielen. Und schon ist der Chef wieder weg. Die Kinder staunen. Und ich bin so konzentriert, keine Frage zu vergessen, dass es kein Foto gibt.

Eva, die Lehrerin, führt perfekte Listen, damit wir nichts übersehen. Die Listen werden nachjustiert, ergänzt und korrigiert. Ich bin inzwischen froh, dass wir diese Listen haben. Mein Hirn ist nicht mehr das Jüngste. Und das Projekt wird immer größer. Und dann noch ein bisschen größer. Eva ist es auch, die das Radiointerview nächste Woche einfädelt. Sie hat sehr viel Verantwortung für die Probearbeit rund um die Szenen und für das Üben der Musikstücke übernommen. Ohne so eine geniale Pädgagogin wäre ein Projekt in dieser Dimension gar nicht umsetzbar. Wir sind einhellig der Meinung, dass wir noch ein Jahr weiter machen könnten, weil so viele Entwicklungsschritte stattfinden. Nicht nur bei den Kindern! Viktoria ist ständig und bei allen Proben da, ausgleichend, beruhigend, beobachtend und mit anpackend, wenn Hilfe benötigt wird. Sie wirkt wie ein Fels in der Brandung, auch die Kinder lieben sie heiß und vertrauen sich ihr an. Unsere wissenschaftliche Begleiterin, Hemma, ist da, so oft es ihre intensive Ausbildung zulässt. Auch sie hat stark die Rolle des Beobachtens, des Helfens, wenn frau gebraucht wird. Wir sind sehr gespannt auf ihren Bericht. Ich bin permanent anwesend. Mache Fotos, versuche mir Situationen zu merken, über die ich später bloggen könnte. Höre den Kindern zu, schaue mir ihre Performances an und biete meine Hilfe an. Höre mir so bezaubernde Geschichten an, sehe die Entwicklungsschritte, höre die selbstbewussteren Stimmen, spüre die Freude und manchmal auch die Frustration der Kinder. In dieser heißen Phase muss ich mir jede Nadel, jeden Stift, jedes kleine Detail aufschreiben, das noch gebraucht wird. Ich staune, wie sehr wir als Gruppe zu einem Team mit Helfern zusammen gewachsen sind. Dreamteam. Aber klassisch.

Die zweite Hälfte der Buttons mit den bezaubernd gezeichneten Kinderraben wird heute von mir gepresst. Ihr Verkauf soll uns dabei unterstützen, mit den Kindern ein massives Danke-Sommer-Fest zu feiern. Ich hab schon ein schlechtes Gewissen – mein Mann verbringt auch viele Stunden vorm Computer. Spinnende Druckerdrüsen, abweichende Größenangaben zwischen Hardware und Software und andere technischen Problemchen fordern ihn volle. Nebenbei entsteht das so einladende Plakat und kleine Flyer, die wir in den Geschäften rund um den Hauptplatz austragen und verteilen werden. Für diese Papiere brauchen wir Logos, Kostenvoranschläge und einen kühlen Kopf. Und immer wieder fällt uns ein Fehler auf. Diskutieren wir auf Whatsapp, wie das Ergebnis aussehen soll. Und ob die Kinder eh einverstanden sein werden. Hier wird spätestens klar – wir setzen um, was sie sich wünschen. Aber nun müssen auch die Erwachsenen voll ran. Die natürliche Arbeit der Kinder direkt in der Stadt ist messbar und unschätzbar wertvoll. Ihre und unsere Anwesenheit rund um die Pop-Up-Werkstatt bringen fremde Erwachsene dazu, mit uns allen zu reden. Und miteinander zu reden. Wir haben nun auch Herrchen und Frauchen des Hundes mit Plastikhuhn persönlich kennen gelernt, die uns schon aufgefallen sind. Kinder aller Altersstufen kleben tagsüber an den Auslagenschreiben und bestaunen die Filzraben. Auch wenn wir vis à vis beim Italiener sitzen und die Türen geschlossen sind. Dieses Projekt belebt die Stadt, das war unser heimlicher Wunsch. Wie sehr ich mir wünsche, dass so etwas in Zukunft öfter geschieht!

Die Subventionsabrechnung wartet auf ihren Abschluss. Das Versenden des Abschlussberichtes nach Wien, das Aussenden der Einladungen an Medien und ihre VertreterInnen stehen an. Alles kein Pipifax, sondern sehr nötig. Die Bühne ist so gut wie fertig, immer wieder müssen Kleinigkeiten nachjustiert oder schon repariert werden. Sie ist ein Traum geworden, mit gemaltem Vordergrund, stilechten roten und ausklappbaren Vorhängen mit goldgelben Borten, die mal wieder wie gerufen vor einer Woche von Maria Slama kamen, mit den fünf farbenfrohen von den Kinder entworfenen und gemalten Hintergründen, dem ausgeklügelten Brett im Showroom, um alles gut auf der Bühne unterzubringen, was nicht mit der Hand bespielt wird. Um diese Bühne darf man die hiesige Volksschule als zukünftige Benutzerin beneiden. Alles nur machbar, weil eine Lehrerin uns den wunderschönen Kasten zur Verfügung gestellt und mein Mann wieder einige Stunden in der Holzwerkstatt verbracht hat. Gott sei Dank hatte er einige Male Hilfe aus unserem tollen Team.

Apropos erste Reparaturen. Vorgestern stehen wir am Abend vor verschlossenen Geschäftstüren. Der Hauptschlüssel war sauber in zwei Teile zerbrochen. Nach meiner Explosion und anschließenden Implosion hilft uns am nächsten Tag der hiesige Schlüsseldienst von Gabi Köppl weiter. Der Hauseigentümer ist unerreichbar, die Kinder müssen in der gewohnten Umgebung weiter proben. Das Gute ist, dass dieser Stress für unfreiwillige Belebung in der Fußgängerzone sorgt. Sich ein weiterer Gast für die Aufführungen ankündigt, die Nachbarn voll Mitgefühl fragen, was denn passiert sei und wir intensiver miteinander in Verbindung treten. Es ist halt nicht immer alles schön, was das Leben daher bringt. Aber wir wünschen. Und es wird gespielt. Die Prüfung in Gelassenheit versemmle ich zu Beginn vollkommen. Stichwort Explosion. Stichwort Implosion. Mein Verantwortungsgefühl für das Projekt und das geliehene Objekt, das mir anvertraut ist, ist größer. Ich beruhige mich erst langsam wieder und bemerke, wie schwer ich mir selbst Fehler zugestehe.

Das war ein unvollständiger Rundgang hinter den Theaterbühnenvorhängen. Falls ihr uns in der Stadt besuchen kommen wollt, hier sind unsere Probentermine. Wir freuen uns, kommt einfach herein und hört zu. Ihr könnt gerne auch vorher anrufen oder uns über social media kontaktieren, weil sich die Dinge manchmal rasant ändern. Morgen proben die Kinder schon ab der ersten Stunde. Es wird spannend.

Lernzeit und Glück

Irgendwie – typisch ich. Da mache ich eine Sache intensiv. Eineinhalb Jahre. Und dann kommt sie wieder, diese Stimme. Geht das noch anders? Gibt es da noch etwas Anderes? Willst du das wirklich immer und für ewig weiter machen?

Genau. Alles hinzuschmeißen. Meine geliebte Lieblingsstrategie. Liebe Puppen, es war sehr schön. Es hat mich sehr gefreut. Dieses Mal, dieses Mal ist es anders. Drei Kurse mit sechs wunderbaren Frauen und einem wunderbaren Mann mit dem Lehren einfacher Puppen nach Waldorf-Art liegen hinter mir. Sie sind alle bezaubernd geworden, jede einzelne. Und ich weiß, dass bereits neue Wesen entstehen. Puppen machen ist hoch ansteckend. Jede Woche arbeite ich zusätzlich mit einem Dreamteam und Sechs- bis Zehnjährigen an Filzraben, an Paperclay-Köpfen für Handpuppen. Das Lernen löst bei mir Lernen aus. So gut wie täglich übersetze ich Seiten des genialen Buches „Anatomy of a Doll“. Es fühlt sich an wie ein Selbststudium, Puppenmachen und brushing up my English. Im Grunde lerne ich erst jetzt kennen, was sich hinter dieser Kunstform des Puppenmachens verbirgt. Die von mir so geschätzte Villacher Puppenmacherin Elli Riehl hat nicht umsonst großen Eindruck bei der kleinen Lisa hinterlassen. Elli Riehl war eine Künstlerin, durch und durch. Fotografierte Gesichter und Bewegungen im Geist ab und modellierte sie daheim mit Nadel und Faden in Flanell und Baumwollwatte. Im amerikanischen Buch tauchen ähnliche Puppen auf, hier spricht die Autorin vom „needlesculpting“, was ich frei als „mit der Nadel modellieren“ übersetzen würde. Und nein, nicht mit Filznadeln, das ist wieder eine andere Technik.

Bei mir führt all das Lernen und Forschen und Lesen dazu, dass ich noch einmal von vorne beginne. Ich beginne noch einmal bei den einfachsten Umrissformen. Es braucht so wenig, um menschenähnliche und manchmal archaische Wesen zu machen. Ich löse mich von schönen Schnitten, zeichne mir auf, was ich mir vorstelle. All die Themen aus unserer heilsamen „Body Positivity“-Frauengruppe inspirieren mich. Ebenso die eine geliebte Freundin, die wie eine Göttin tanzt, wenn sie sich den Raum dafür nimmt. Beim Tun entstehen sofort neue Ideen. Wie sehr es mir jetzt zugute kommt, dass ich wunderschöne alte Kleidungsstücke, Innenraumstoffmuster und all das andere Klimbim sortiert und aufbewahrt habe. Heute beim Aneinandernähen meiner ersten einfachen Skulptur spüre ich sie wieder: reine Freude gluckst bauchaufwärts, nimmt mir fast die Luft zum Atmen, löst unkontrollierbares Herzklopfen aus. Es ist reine Lust am Tun aus mir heraus. Eine Überdosis Glück. Nebenwirkungsfrei.

Wie immer in solchen Zeiten habe ich absolut keine Ahnung, wohin die Reise geht. Ich reise, also bin ich. Mein ältester Sohn, der jetzt elf Monate auf diesem Planeten allein mit seinem Rucksack unterwegs ist, verspricht, auf allen Kontinenten Puppenformen abzufotografieren und sie auf Instagram hochzuladen. So weiß ich auch, wo er gerade ist. An einem entsprechenden Hashtag tüfteln wir noch. Darüber schreibe ich zu einem späteren Zeitpunkt mehr.

Nebenbei geschieht still und leise Frühling und Frühsommer. Ich übersiedle täglich Teile meines Lebensmittelpunktes in meinen Wohnwagen, der derzeit vor allem Studio und lichtdurchfluteter Arbeitsplatz ist. Möglicherweise schaffen wir heuer den Um- und Ausbau meines Außenstudios nebenan, von dem ich träume. Wir. Ich will ehrlich sein. Alexander und Sami schuften, damit der angeräumte Raum wieder leer wird. Der Raum wird später hauptsächlich aus gesammelten Fenstern und Glastüren bestehen. Schwedenrot für den Außenanstrich, ganz hell und sparsam eingerichtet innen. Herzklopfen auch hier.

Presse und Pop-Up

Die Osterferien sind vorbei. Voller Begeisterung nehmen wir die getrockneten Paperclayköpfe in die Hand und glätten und formen noch ein wenig am Charakter der Handpuppenköpfe. Wie leicht die Dinger sind! Und wie ausdrucksstark!

Kurz entsteht Aufregung. Die Redakteurin einer Kärntner Tageszeitung ist gleich im Morgenkreis mit dabei, um ein Gefühl für unser Projekt zu bekommen. Benjamin und Franziska, zwei unserer großartigen Viert-Stufen-Kinder, wissen eine ganze Menge zu erzählen, als sie interviewt werden. Einmal mehr wird mir klar, auf wie vielen Ebenen unser Projekt wirkt. Einerseits profitieren besonders die stillen Kinder davon, dass sie sich eine Bühne nehmen und mit ihrer Stimme präsent sein dürfen. Andererseits praktizieren wir ständig Recycling und Upcycling und die Kinder sind wie nebenbei mitten im Tun, ohne dass wir ihnen lang und breit erklären müssen, wie pädagogisch und nachhaltig und sinnvoll es ist, dass sie mit alten Zeitungen Köpfe herstellen, aus gebrauchten Stoffen Handpuppenkörper herstellen und einen alten Kasten zur Puppentheaterbühne umbauen. Unsere Herbergsuche für einen Probe- und Arbeitsraum bei den Menschen auf der Stadtgemeinde hat uns zu einem tollen Leerstand mitten in der Innenstadt geführt. Unglaublich, wie entgegen kommend erwachsene Menschen sind, wenn es um Kinder und ihre Projekte geht. Zwei Monate nutzen wir Räume als Pop-Up, das heißt wir sind vorüber gehend da und dann wieder weg. Wie es aussieht hat die Großzügigkeit unseres Herbergsvaters sich bereits auf sein Leben ausgewirkt: der erste Interessierte hat sich die Räume für den Sommer angesehen. Das ist es, was mit der Bespielung und Belebung des Leerstandes ebenfalls geplant war: die praktische Sichtbarmachung kommunaler Intelligenz in der Entwicklung einer Kleinstadt. Und dass es in einer Innenstadt um Einkauf und Geschäfte gehen kann aber nicht muss. Die Kinder werden den Erwachsenen schon zeigen, was möglich ist.

Heute üben unsere Nachwuchsschauspieler den Einsatz ihrer Stimme. Paarweise geben sie Witze wieder, auch wenn sie nicht verstanden wurden. Hach, Kinder schlüpfen einfach in Rollen und spielen. Sie sind die geborenen Dadaisten. Zum ersten Mal hören wir die einstudierten Musikstücke mit Instrumenten. Hemma sagt, sie hat Gänsehaut, so schön klingt alles bereits. Am Ende des Vormittages packen wir Sitzkissen zusammen und wandern durch die Stadt zu unserem zukünftigen Arbeitsraum. Das ist ein Staunen und Jubeln. Ganz spontan, ohne Aufforderung einer Begleitperson haben die Kinder den Wunsch, eines der Rabenlieder zu singen. Und sie setzen sich durch. Ganz ohne Scheu stehen sie mitten am Herzog-Bernhard-Platz im schrägen Licht des heutigen Sahara-Sand-Himmels und geben ihr erstes Livekonzert des Projekts. Wir sind gespannt wie lange es dauert, bis die Italiener vom Eiscafé vis à vis auf uns aufmerksam werden…

Diese kurze Schulwoche nach längeren Ferien zeigt sich an den Kindern. Heute sind nicht wir müde, sondern sie. Und doch freuen sie sich auf die nächste Probe in den neuen Räumen. „Lisa, wir möchten gern Publikum spielen“, vertrauen mir zwei kichernde Schüler an. Oh wie recht sie haben. Auch die Aufführung, der Plan, wie unser Publikum quer durch die Stadt mitgenommen werden soll, ist noch zu proben. Aber das ist, frei nach Michael Ende, eine andere Geschichte, die ein anderes Mal weiter erzählt wird.

Fräulein Valentina und der Frühling

Willkommen Februar! Ich verschiebe alle geplanten Jänneraktivitäten in diese Februarwochen. Alle. So ein Monat kann ganz schön schnell um sein. Familie ist mir von Herzen wichtiger. Und wenn schon Tochter und Enkelin wegens eines Gaslecks (!) im Haus am Gürtel für zweieinhalb Wochen nach Kärnten siedeln, dann schreibt das Leben eine berufliche Auszeit vor. Natürlich hat uns alle das Kranksein erwischt, im Schnitt zwei Mal. Ich ernähre mich seit einer Woche von frisch gemachtem Obst-Gemüse-Saft und hoffe, dass es mit diesem Vitaminschub für mich jetzt gesünder weiter geht.

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Umso erfreulicher ist die Tatsache, dass Fräulein Valentina durchgehalten hat. Sie kann ganz schön posen und sich ins Zeug legen, ihre beweglichen Arme und Beine und der Nacken sorgen dafür. Gegen den Schnupfen hat sie tapfer an den ersten Frühlingsblumen gerochen und ihr Näschen in die grünen Blätter geschneuzt.

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Valentina besteht auf rosa Haaren. Wie gut, dass wir im Dezember bei meiner webenden Freundin Karin zu Besuch waren. In ihrem unerschöpflichen Mohairwolldepot finden sich für unsere Zwecke tolle Materialien. Ebenfalls aus dem Vollen kann ich im mittlerweile nach Farben sortierten Stoffmusterfundus von Maria schöpfen. Der Mantel ensteht nach einem Tutorial meiner wieder in Canada lebenden Lehrerin Fabiola. Das nächste Mal probiere ich das Modell mit Kragen, dieses Mal wurde ein dicker Strickschal mit großem Knopf gewünscht.

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Wie immer ist Valentina einzigartig, ihre Garderobe ist von mir höchstpersönlich nach ihren Wünschen angefertigt. Die Stiefelchen sind der absolute Knüller, auf so etwas wäre ich ohne Fräulein Valentina nie gekommen.

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Manchmal muss Fräulein Valentina staunen, weil sich noch zwei Weihnachtselfen im Studio herum treiben. Eine Kollegin aus Ontario unterweist uns erst im Jänner in der Kunst des Elfenmachens aus einem Weihnachtsstrumpf. Wenns ihr zu winterlich wird, gibt sie meiner Enkeltochter Jana zu verstehen, dass sie jetzt zum Herumtragen sei. Und schüttelte ihr zierliches Köpfchen ob all der Weihnachtsdeko, die auch nach Maria Lichtmess im ganzen Haus sichtbar ist. Ja. Einverstanden. Wir räumen nun auf, sobald der letzte Fieberpatient das Bett verlassen hat. Derzeit liegt nur mehr einer, der andere trotzt dem wunden Hals.

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Elf-Frida und Entscheidungen

Die Mutspenderin

Das neue Jahr beginnt kraftvoll. Viel kraftvoller als die Jännermonate der letzen Jahre. Kein Wunder, dass in den letzten Tagen Elf-Frida entsteht. Sie ist der Prototyp für ein Wesen, das mir schon seit einigen Monaten in Träumen und Überlegungen erscheint. Und deren Herstellung ich immer wieder auf Jänner und das neue Jahr verschob, weil so viel anderes entstand.

Mit Schafwolle und Filznadel handgefilzt und filzmodelliert ist auch Elf-Frida. Sie hat ausreichend Sitzgewicht, um in Regalen und an Tischen zu sitzen oder es sich auf Fensterbänken in der Wintersonne gemütlich zu machen. Elf-Frida ist meine erste große Figur mit gedrahteten Armen und Beinen. Ihren Körper bildet ein Paar Socken eines großen Kaufhauses, das nach dem dritten Mal Tragen ein Loch in den Sohlen hat. Als Verstärkung für den dehnbaren Stoff verwende ich ein ausrangiertes Betttuch aus dem Fundus. Ebenfalls aus dem Gebrauchtkleiderfundus ist das Material für die Arme.

 

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Zum ersten Mal arbeite ich mit Draht und Zange und Floristenklebeband. Pfeifenputzer hilft mir, die Wolle relativ unkompliziert um die geformten Gliedmaßen zu wickeln und mit der Nadel anzufilzen. Ein bisschen herausfordernd ist das Umdrehen der engen Bezüge der Arme und Beine mit dem Bettzeugstoff, die Dehnbarkeit ist ja dahin. Mein Superwerkzeug, die Arterienklemme, hilft mir aus der Patsche. Auch beim Einfädeln der gefilzten Gliedmaßen. Elf-Frida hätte eigentlich eine elfenhafte Aufsteckfrisur bekommen sollen, duftig und leicht. Dachte ich. Nur ist Elf-Frida keine Süße. Seht ihr den Zug um ihre Mundwinkel? Der ist beim Filzen der Lippen sofort da. Je mehr ich versuche, die Mundwinkel zu glätten, desto stärker wird er. Die große Nase, die spitzen Ohren und das energische Kinn sprechen sowieso Bände. Missbilligend schaut sie in die Tischplatte, als ich einzelne Mohairwollsträhnen in die gestickte Perücke einnähe und sie probeweise hochdrehe und zu Schnecken forme. Sie findet, sie sieht lächerlich aus. Ob ich nicht erkenne, dass sie richtig lange Haare haben will? Und vor allem viele? Derzeit diskutieren wir noch über einen meiner Meinung nach fälligen Schnitt an den Spitzen. Elf-Frida findet nicht, dass das zu diskutieren ist. Und wie so oft bei diesen nun schon vertrauten Diskussionen wird sie entscheiden, wie sie aussehen mag. Ist ja schließlich ihr Kopf.

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Den grünen Pullover kann ich ihr auch sofort wieder ausziehen. Nein, sie will den roten Pullover. Den dick gestrickten mit dem Zopfmuster. Und die rote Mütze mit dem Zopfmuster. Das passt so gut zu ihren grünen Haaren mit den hellgrünen Strähnen. Wie gut, dass ich diese kalten Winterabende strickend vor diversen Krimis zubringe. Die Auswahl an Winterpullovern ist derzeit noch groß. Und Madame wünscht Wollsocken, aber dalli. Hier im alten Steinhaus ist es kalt. Recht hat sie.

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Den upgecycelten Batman, den wir als Herzeigeobjekt für unseren Glücksmonsterworkshop aus Upcyclingmaterial hergestellt hatten, schließt sie ins Herz, sobald sie Augen hat. Untrennbar. Love at first sight. Das wird noch lustig. Ich glaube, ich kann mich demnächst ins Studio setzen und weitere Fledermäuse nähen. Die hier wird zu sehr geliebt.

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Wie Elf-Frida zu ihrem Namen gekommen ist? Das war dieses Mal Sami. Er sieht ihre spitzen Ohren, ihr Grinsen, die grünen Haare. Und gibt ihr den Namen. Passender gehts nicht.

Die Künstlerin

Zu welchen Entscheidungen diese kraftstrotzende, mutige Elfe mir verholfen hat? Ich bin seit vorgestern angemeldete Bildende Künstlerin und wage ein zweites Mal in diesem Leben den Weg in die berufliche Selbstständigkeit. Und ja, ich habe weiche Knie. Und innere Weite zugleich. Endlich geht es dorthin, wohin ich immer wollte. Ich denke, das Maker’s Yearbook 2019 hilft mir dabei, eine Strategie in meinem kreativen Chaos einzuhalten. Und nicht jedem Schmetterling hinter her zu jagen, den meine Kreativität aufsteigen lässt. Ich gebe mir noch Zeit bis Ende des Monats, um ruhig und konzentriert die Aufgaben im Buch durch zu denken und durch zu arbeiten. Illusionen mache ich mir keine, ich weiß, dass es trotz bester Strategien Höhen und Tiefen geben wird, das ist einfach so. Bis jetzt mag ich, was durch dieses Buch am Papier entsteht. Ganz bestimmt klinke ich mich nach drei Jahren Absenz wieder in aktive Gruppen vor Ort ein, die mit Unternehmertum zu tun haben. Da gehören die Menschen der Chefinnen-Supervision rund um Ute Habenicht ebenso dazu wie das UnternehmerInnenfrühstück von Silvia Lindner, die mir vor zwei Jahren ziemlich genau diesen Weg für mich aufgezeigt hat. Und dann gibts ja auch noch das Businesscenter in Ehrenhausen, in dem ich mich vor drei Jahren zu Hause gefühlt habe. Dieses gemeinsame Beraten in Gruppen hat eine eigene Magie für mich. Das Arbeiten im Studio fällt mir mit mir selbst am leichtesten, das mache ich in meinem Tempo und zu meinen Bedingungen. Aus Erfahrung ergänzt sich das fein mit Entwicklungsarbeit und Austausch in diesen Gruppen, die auf Geben und Nehmen und Teilen fußen. Mal sehen, ob das 2019 auch noch so ist.

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