Der Hugo und der Herbst

Als Marie Fitzgerald gestern Abend waschelnass und heulend mit ihrem sperrigen Koffer vor der Tür steht, schüttelt Ethel Rose erst einmal den tropfenden Regenschirm in die Nacht. Dann holt sie den guten schottischen Whiskey unter der Abwasch hervor. Ihr ganz besonderes Fensterputzmittel für ganz besondere Anlässe. Jetzt hat sie eh schon Ewigkeiten nicht mehr getrunken. Also mindestens seit ihrem Geburtstag. „Dieser Schuft hat seit Jahren eine Beziehung, wenn er auf seine Baustellen fährt“, schluchzt Marie ins zweite halbleere Glas. Und so weiter und so fort. Wie gemein. Wie verblödet diese Männerwelt ist. Ab jetzt lebt sie nur mehr mit Frauen. Und Basta. Ob sie nicht Platz für sie hätte in der großen Wohnung? Sie brauche eh nur ein Bett. Und vielleicht einen Kasten. Den Rest könne man doch teilen. Ethel Rose trauert dem Abendkrimi hinterher, den sie gerade verpasst. Freundin ist Freundin. Sie nimmt sich vor, eine Stunde widerspruchslos zuzuhören. Reicht wortlos ein Schneuztuch nach dem anderen. Füllt Gläser nach. Zündet eine Kerze an. Steht ein Weilchen am offenen Fenster und saugt gierig die regenfrische Luft ein. Viele dramatische „Mhmmmms“ und „Oh mein Gott, wie kann er nur“ später ruft sie den Pizzadienst an. Brokkoli und Pilz und ohne Käse bitte. Marie will alles. Plus Ananas und extra viel Mozarella und Oliven und Artischocken. Und pronto.

Heute Morgen bemüht sie sich, das Chaos in der weißen Küche zu entfernen. Sie haben sogar gequalmt, der Whiskey hat ihren Verstand benebelt. Zum Glück wollte Marie ihren Freund dann doch nicht anrufen. Sie lallte schon. Dankbar genießt sie den heißen Bohnenkaffee mit Hafermilch in der Rosentasse und überlegt, womit sie ihrer Freundin heute eine Freude machen könnte. Sie rührt noch einen Löffel braunen Zucker ein. Die glühenden Nadeln in ihrem Kopf weichen bleierner Müdigkeit. Aber heute kann sie sich nicht ins Bett legen. Dort liegt Marie und schnarcht ihren Rausch aus. „Hast du Lust, heute mit Marie und mir ins Einkaufszentrum zu gehen und zu shoppen?“ fragt sie Eloise. Sie ist die Erste, die heute zu erreichen ist. Als die Freundin die Geschichte des gestrigen Abends hört, ist sie voller Verständnis. „Aber shoppen? Mit Nasen-Mund-Bedeckung? Und müssen wir für den Frühstücksprosecco dann mit oder ohne Schutz zum Italiener gehen?“ Alles klar. So wird das nichts. Sie ruft Claire an. Unterbreitet auch ihr den Vorschlag, um die gemeinsame Freundin ein wenig von ihrem Schmerz abzulenken. „Quatsch“, lacht Claire. „Ich habe gestern so eine coole Doku gesehen. Wir packen jede fünf ausrangierte Teile in eine Tasche, die uns nicht mehr passen. Schuhe, Taschen, Kleidungsstücke. Aber sie müssen noch schön sein. Und wir machen einen Kleidertausch, bei dir daheim. Das sah gestern voll spannend aus“, sprudelt sie ins Telefon. Sie bringe Frühstück und Prosecco mit. Eloise sei natürlich auch eingeladen. Je mehr kämen, desto lustiger wäre so etwas. Haben sie in der Doku gesagt. Seufzend lässt Ethel Rose das Handy sinken. Als sie aus den Augenwinkeln das Aufblinken des Displays sieht, schaut sie in ihren Facebook Newsfeed. Und siehe da. Google schlägt vor, endlich mal wieder beim Versandriesen nach Kleidung zu suchen. Hört dieses Handy mit? Sie schickt Eloise eine Whatsapp Einladung zum späten Brunch und beschließt, sich eine Dusche zu gönnen. Beine enthaaren ist sowieso dringend nötig. Nicht auszudenken, wenn ihre Freundinnen sehen, wie nachlässig sie mit der Entfernung ihrer Körperbehaarung ist.

Als sie den Rumpler aus dem ersten Stock unter ihren Füßen in der Duschtasse spürt, spült sie gerade das Shampoo aus ihren Haaren. Dann hört sie auch schon, dass Marie weint. Na prima. Rettung. Krankenhaus. Drama. Kleidertausch findet heute eher nicht statt. Während sie dem Notarzt ihre Adresse durchgibt, versucht sie Marie vom Boden hochzuhelfen. Dann reicht sie ihr in einen bequemen Pullover und Leggings und beide sehen, wie angeschwollen der linke Knöchel ist. „Lass uns das jetzt von einem Arzt anschauen“, beruhigt sie die aufgeregte Freundin, die auf keinen Fall ins Krankenhaus will. „Und am Nachmittag, wenn du wieder daheim bist, haben wir eine Überraschung für dich!“

Als die Sanitäter Marie mit dem Rollstuhl aus der Wohnung fahren, verschiebt sie den Kleidertermin auf den Nachmittag. Ja, Prosecco ist auch am Nachmittag gut. Mit Hollerblütensirup und Minze einfach perfekt. So ein Hugo hilft sicher, den anderen Hugo zu vergessen. Oder wie der hieß. Als sie zum Bus rennt, um ins Krankenhaus zu fahren, rutscht sie fast aus. Der ganze Boden ist voller nasser, gelber Blätter. Der Sommer neigt sich seinem Ende entgegen.