Loslassen in Schritten

Festzustellen, dass es im ganzen Haus keinen Messbecher mit exakterer Einteilung als Viertel oder Halb gibt liegt einerseits am Chaos, das wir derzeit als unser „Normal“ bezeichnen. Und andererseits am Loslassen. Denn ziemlich sicher habe ich in in den letzten Wochen mindestens einen Messbecher verschenkt, verflohmarktet oder entsorgt. Kennst du ja. Lässt du nach Jahrzehnten irgendwas endlich los – dann brauchst du es. Garantiert. Da kann ich persönlich Gift drauf nehmen.

Herbst am Acker

Egal. Ich übe mich weiter im Loslassen. Einem freiwilligen Loslassen und einem Loslassen in Schritten. Niemand zwingt mich, ich mache das aus freien Stücken. Mit den dazu gehörenden Auf und Abs von weinerlichem Gejammer bis zur überschäumenden Begeisterung über die Erleichterung vom Losgelassenen.

Leo der Halbstarke

Ganz anders als die Menschen in den Zelten auf Lesbos, die ihr bisschen Hab und Gut vor Regen, Wind und menschlichen Übergriffen schützen müssen. Ja, ich bekomme das mit, ich lebe nicht im Elfenbeinturm der kindlichen Kaiserin von Michael Ende. Und nein, es ist mir nicht wurscht, wie es anderen Menschen geht. Es zerreißt mir das Herz. Es macht mich wütend. Und dankbar, einen winzigkleinen Beitrag leisten zu können, weil es Menschen gibt, die aktiv werden. Zivilgesellschaft. Und ich weiß es ein bisschen mehr zu schätzen, wie gut es uns hier in Österreich geht. Falls es dich interessiert, wie es auf Lesbos zugeht und wie du in dieser aussichtslosen Lage (nein, parteipolitische österreichische Lippenbekenntnisse und Werbefotos in Athen sind keine Hilfe) in Europa doch mithelfen kannst, lies bei Doro Blancke am Blog mit. Wir. Sind. Europa. Wir alle.

Forschergeist

Bis wir in einem oder zwei mobilen tiny houses mit Werkstatt leben und dann später auch unterwegs sein können, wird noch ein wenig Wasser die Gurk hinunter rinnen. Weder beneide ich meinen Mann um all die (geerbten) und angesammelten Dinge, die nun in neue Kanäle kommen müssen. Noch beneide ich mich selbst, wenn ich mich von geliebten Büchern trenne. Meine größte Hürde. Bücher. Und schöne Stoffe. Außer – tja, außer ich finde so geniale Interessierte, die noch immer vorbei kommen. Oder wie die Menschen in der Leihbibliothek unserer Freund*innen von Verantwortung Erde, die sich wie verrückt über Lesestoff freuen, der mir viele neue Erkenntnisse im Leben öffnete. Nun dient dieser Lesestoff vielen, vor allem jungen Forscher*innen und am Leben Begeisterten. Und das erhöht den Wert eines Buches in meinen Augen enorm. Wäre doch eigentlich überhaupt eine gute Sache, dieses Ausleihen, Herborgen, sich gegenseitig austauschen. Auf allen Ebenen. Je mehr wir in dieses Schenken kommen, desto mehr Möglichkeiten tun sich für uns auf. Und viele Dinge werden wir wieder in die Hand nehmen, weil wir sie geschenkt zur Verfügung stellen. Cool, oder?

My Home is my Wohnwagen

Wofür ich den Messbecher brauche? Ja, genau. Neben Haus ausräumen, im Haus in die kleine Einliegerwohnung mit Küche und Bad zu siedeln und die Werkstatt wie ein tiny house einzurichten arbeite ich konzentriert und intensiv an meinen Kreaturen. Neben mir quillt Paper Clay im Gefriersackerl vor sich hin. In der hoffentlich korrekten Konsistenz, um daraus Köpfe zu formen. Mein Retreat, der so wunderbar geleitete und begleitete Workshop bei Johanna Flanagan und das Buch und Kennenlernen der amerikanischen Puppenmacherin Barb Kobe lösen einen Paradigmenwechsel in meinem Tun aus. Rückblickend sehe ich, dass es kostbar und wertvoll war, Zwerge zu stricken. Wesen für Kinder zu filzen. Zu nähen. Zu stricken und zu häkeln. Mir Methoden anzueignen, mit den Händen Techniken auszuprobieren. Von Anfang an ging es mehr um Wesen als um Puppen. Und vor allem ging es darum, wie ich mich dabei fühlte. Was ich beim Erschaffen dieser Wesen empfand. Und wie intensiv Menschen worauf reagierten. Auch jetzt, auf die ganz neuen Wesenheiten.

Para del Sol

Egal, wie in meinem Leben ich mich künstlerisch betätige, ich komme immer an diese Tür, hinter der es darum geht, ehrlich, tief und im Dreck zu stochern. Das war beim Fotografieren so. Das war beim Schreiben so. Und nun geschieht das mit meinen lieben und netten Wesen. Noch drehe ich mich im Kreis und weiß vage wie ich es angehen könnte, „schiache“ Wesen zu machen. „Schiach“ ist österreichische Mundart und bedeutet Grauslich, Erschreckend und „Ich-will-gar-nicht-Hinschauen“. Gemeinsam mit einer Freundin wage ich mich in die tiefsten Tiefen unseres jeweiligen Unbewussten. Hinunter zu Glaubenskonzepten, Bildern und erlernten Annahmen, die wir so gern als „wahr“ und „normal“ betrachten. Aber auch hinein in eine magische und mystische Welt, die ich gerne ablehne, weil sie mir aus so vielen esoterischen und energet(h)ischen Kreisen wie ein fader Abklatsch dessen erscheint, worum es im Leben geht. Ums ganze Leben, nicht nur um die Rosinen im Kuchen. Um Erfahrungen. Und ums Hinschauen.

Eine Gartenelfe auf Wanderschaft

Parallel arbeite ich weiter an meinen Stoffpuppen, die mich erfreuen und von denen ich mich auch trenne, falls jemand Herzkopfen bekommt und sie gerne haben möchte. Einfach bei mir melden – du findest mich wie gewohnt auf Instagram, Facebook und Linkedin.

Wilder Wein

Für heute lasse ich dir ein paar Bilder unseres wunderschönen Gartenraumes und des daran anschließenden Waldes da. Sehr inspirierend, wie üppig die Farben noch einmal werden, bevor der Winter und die Kälte der Natur die meisten warmen Farben entzieht.

Eierschwammerl

Textile Skulpturen und unsichtbare Mächte

Die Eremitin in mir schränkt die Zeit auf social media auf ein Minimum ein. Das ist kein Alleinstellungsmerkmal. Offensichtlich treffen diese Entscheidung mehr Menschen. Abos von besonders ängstlich nach Kontrolle schreienden Menschen aus der timeline zu entfernen ist eine Erleichterung. Wenn das Recht, recht zu haben, regiert, nehme ich mir das Recht, auf meine Art mit meiner Lebenszeit umzugehen. Und mit Menschen in Verbindung zu bleiben, die zuhören können, ohne zu missionieren, zu belehren oder ihre starren, engen Glaubenskonzepte wie Kriegsgebiete zu verteidigen. Es ist was dran, dass man Menschen erst in Krisenzeiten kennen lernt.

Wohl zum ersten Mal in meinem Leben gibt es keine Ablenkung durch einen geregelten Alltag. Unsere stille Entscheidung im Vorjahr, das große Haus in den nächsten Jahren für andere Menschen in einer Art Nachbarschaftsgemeinschaft mit Werkstätten zu öffnen und mit unseren Händen in kleinen Wohnraum zu investieren war richtig. Für uns. Gott sei Dank haben wir darauf gehört. Nichts geht von heute auf morgen. Abhängig davon, ob wir heuer Material ertauschen oder anschaffen können wird es weiter gehen. Ein Schritt nach dem anderen.

Mein Atelier ist mehr oder weniger fertig. Wie ich mich über die zwei gerade fertig gestellten Fensterumrandungen nach Süden freue! Nach den gefühlt eiskalten Monaten zu Jahresbeginn ist klar, dass noch eine Bodenisolierschicht dazu kommen wird. Fliegen, Wanzen, Marienkäfer und ähnliches Getier brauchen Grenzen, die zu befestigen und zu silikonieren sind. Der neue alte Arbeitstisch im Retrochic ist wunderschön anzuschauen und ein Segen für meinen Rücken. Der ganze Raum hat an Größe und Effizienz gewonnen. Die kleine ausziehbare Traumcouch lebt in meinem Kopf und wird ihren Weg zu mir finden, wenn die Zeit gekommen ist. Derzeit behelfe ich mir mit den Matratzen unseres ungenutzten Reiseautos. Und wir überlegen schon, wie sich eine auszieh- oder ausklappbare Holzkonstruktion gestalten ließe.

Ich arbeite an völlig neuen Köpfen. Es waren wirkmächtige Schritte, Grundsätzliches über den Aufbau von Puppenkörpern und Puppenköpfen aus der Technik der Waldorfpuppen zu lernen und auszuprobieren. Diese Art der Herstellung wird immer die Basis sein, die mir künstlerische Umsetzung ins Figurale ermöglichte. Und für kleine Wesen passt diese Herangehensweise weiter. Das Wort „Puppe“, das mir jahrelang gegen den Strich ging, mich triggerte und ärgerte war rückblickend betrachtet mein Prozess, der Einstieg in meine Kunst. Nun geht es ans freie Formen. Ich studiere Gesichter, Münder, Nasen, Augen und Ohren. Es ist ein Unterschied, ob ein menschliches Wesen lacht, weint oder giftig schaut. Der Ausdruck von Gefühl im Gesicht ist spannend. Zeichnend und malend kam ich nicht so recht weiter. Meine Welt ist das Formen mit den Händen. Daraus kann ich dann Schnitte ableiten, die auf Papier landen. Geometrische Körper und sie als Schnitt auszurollen beschäftigt mich, die Mathematik-Geschädigte. Da heilt wieder etwas. Derzeit scheinen die entstehenden Köpfe meiner Innenwelt zu entsprechen. Sie sind bunt und ich bemale sie mit Fäden, mit gefärbter Wolle, Pailetten und Perlen. Gehäkeltes und Gesticktes kommt zum Einsatz. Unglaublich, wie viele tutorials es dazu im Internet gibt! Im Hinterkopf warten Ideen für freie Applikationen mit Textilien und Stickfuß der Nähmaschine. Für den nächsten Kopf. Groß. Ich muss immer wieder groß arbeiten, mit dem ganzen Körper, unter Einsatz all meiner Kraft. Manchmal ist der entstehende Kopf größer als mein eigener. Immer kommt Material zum Einsatz, das ich bereits daheim habe. Danke Maria für den kostbaren Schatz an wunderschönem Material, auf den ich immer und immer wieder zurück greifen kann. Beim Herstellen der Köpfe entwickeln sich in meiner Fantasie Umsetzungsmöglichkeiten stabiler Körper für eine Ausstellung. Auch die haben mit dem Material zu tun, das ich in unseren Lagern finde. Drähte. Hölzer. Textilien und Dekorationselemente. Dieses Suchen und Finden setzt unglaublich viel kreatives und logisches Potential frei.

Nach Merime und dem Geldfresser beschäftigt mich nun ein Magier. Oder eine Magierin. Es ist vollkommen unklar, ob er eine Sie wird oder ein Er oder beides. Unser Jüngster sucht einen Namen für diese Figur. Immer wieder kommt er vorbei und seine „Aaahs“ und „Oooohs“, seine natürliche Freude an der Entstehung der Kopftätowierungen mit Nähseide und Nadel bestätigen mir meine gefühlten Schritte. „Immer habe ich mir so einen Magier vorgestellt. Der ist ganz sicher nicht aus Österreich, wahrscheinlich auch nicht aus Europa“, hat er mir gestern anvertraut. Und mit seinen einfachen Worten bestätigt, was ich beim Machen des Eierkopfes dauernd fühlte. Für mich ist es wieder eine dieser Phasen, von der ich nicht weiß, wohin sie mich führt. „Es“ ist einfach zu tun. Und es geht leicht, logisch, wie von selbst. Beim Tun kommen Ideen, Bilder, Worte. Und wenn ich glaube, nach diesem Kopf sei Schluss, dann täusche ich mich. Wie sonst soll ich mir erklären, dass sich noch nicht gemachte Augäpfel bis ins Detail und in die Montage in mein Tagesbewusstsein drängen und Formen annehmen. Nur die Gesichtsform kann ich noch nicht klar erkennen. Logisch. Mein Magier ist noch nicht ganz fertig.

Während ich hier an meiner Tastatur des Laptops meine Gedanken ordne und sortiere und verdichte legt mein Liebster draußen ein großes Gemüsebeet an. Die Saatkartoffeln sind am Weg. Ganz viele Pflanzen warten schon im Wintergarten, dass die Eisheiligen da waren. Ich werde heute Nachmittag mein Versprechen einlösen, die Südseite von den wilden Brombeerranken zu befreien. Ich wünsche rundherum ein sonniges, warmes Wochenende!

Wege durch den Wald

Ein bewegter, aufregender, arbeitsamer Sommer geht mit dem ersten Schultag unseres Jüngsten zu Ende. Schon Montag Morgen zwei Meetings. Die drei M’s tun mir erstaunlich gut. Aha, Struktur, welcome back! Ich krame den verstaubten Kalender hervor, trage Termine ein und nach. Die Arbeit macht mir Freude, es fühlt sich richtig gut an, wieder in die Werkstatt und mein Dasein als Künstlerin zurück zu kehren. Neun Wochen grobe Hilfsarbeitertätigkeiten für mein neues Atelier sind genug. Vielleicht schaffe ich es noch vorm Winter mit dem Einziehen. Vielleicht auch nicht. Mein Liebster hat auch schon genug – wir werden unsere Energie nicht überstrapazieren. Niemand steht mit der Peitsche hinter uns, der Raum ist wind- und wasserdicht, was wir jetzt noch schaffen, ist leicht von innen zu erledigen.

Heute Morgen beschließe ich, endlich etwas für mich und meine Gesundheit zu tun und den Waldspaziergang zu machen, den ich seit neun Wochen konsequent verschiebe. DIE Hitze. DIE Baustelle. DER Sami. Schluss jetzt. Als ich zur Tür hinaus gehe, freut sich Katzenmama Minnie und will mich mit ihren sechs Jugendlichen begleiten. Ich habe alle Hände voll zu tun, allein los zu marschieren und rette mich mit einem Sprint durch die morgennasse Wiese. Puh, Kondition fühlt sich anders an. Ich hab ganz schön zu tun, wieder normal Luft zu kriegen. Super, die Schuhe sind waschelnass. Umkehren? Oh nein, ich habe die Katzen ausgetrixt, dieses Mal gehe ich eben mit nassen Füßen.

Schräg leuchtet die Sonne durch den wunderschönen Mischwald, den unser Nachbar hingebungsvoll hegt und pflegt. Seit dem letzten Spaziergang hat sich viel getan. Neue Lichtungen wurden mit frischen Ahorn- und ganz besonderen Eichenbäumchen bepflanzt, mit Esche und Birke und verschiedenen Nadelgehölzen. Der Boden zieht sich gerade selbst eine Erdbeerblätterwiese an, nächstes Jahr werden die Himbeeren als Folgepflanze alles zuwuchern. Ich besuche meine Lieblingsfeenplätze, ein paar neue kommen dazu. Das alles im Morgenlicht, das zart und hell durch das gar nicht herbstlichbunte sondern frühlingsgrüne Blattwerk leuchtet. Ein Traum. Mein Herzschlag ist jetzt schmerzfrei, ich atme tief und ruhig. Wald, du beste Therapeutin von allen! Natürlich habe ich die Kamera dabei. Wie gut es tut, allein zu gehen. Nicht zu reden. Zu spüren. Zu atmen. Den Gedanken beim Denken zuhören und sie wieder ziehen lassen. Schwere Gerätschaften der Waldarbeiter haben tiefe Furchen in den Wegen hinterlassen. Allesamt hundertprozentig mit Wasser gefüllt. Ich hüpfe und springe von Gatsch- zu Grasfläche, um nicht davon zu schwimmen. Das sind definitiv nicht die richtigen Schuhe. Kein Wunder, dass seit einer Weile kaum mehr Wanderer am Haus vorbei kommen. Aber so ist das eben mit der Waldwirtschaft, die Zeit der Holzarbeiter mit Hacke und Säge ist vorbei.

Ein junger Rehbock huscht davon, als er mich mit der Kamera herumtanzen sieht. Ein großer Feldhase duckt sich in sein Versteck und wartet, ob sich die Flucht vor mir lohnt. Eichelhäher, Tauben und Krähen flügeln klatschend zwischen den Bäumen herum und warnen die anderen Waldbewohner vor mir, dem Eindringling. Specht und Kleiber zerklopfen morsche Baumrinden auf der Suche nach essbarem Eiweiß. Das Kunstprojekt #forforest im Klagenfurter Stadion fällt mir ein. Bäume im Topf in einem Fußballstadion, nur von den Rängen aus zu bestaunen, wie wilde Tiere im Zoo. Ich mag das Projekt, passt es doch so perfekt in unsere Zeit, weil endlich ein erschrockenes Bewusstsein für diesen ausgebeuteten Planeten erwacht, der unser aller Lebensbasis bildet. Und mehr mag ich dazu gar nicht sagen. Gestern all die Fotos auf social media und in den Onlineportalen, die „Ich-war-da-Selfies“ der Besucher. Dieser künstliche Wald bewegt, provoziert, macht nachdenklich. Ein toller Künstler sagt mir einmal, Kunst sei nicht die Natur, sondern das, was wir durch unseren Eingriff daraus machen. So definiert sich wohl auch dieses Projekt. Wie immer regt sich hier draußen in der Natur mein Widerstand. Diese schönen Formen des frühlingshaft frischen Farns, das tolle gefärbte Springkraut mit seinen Körbchen, die alte knorrige Eiche, die ihre abgestorbenen Äste in unnachahmlicher Komposition in den Wald hinein streckt. Der kleine Fliegenpilz, der sich aus dem Moos reckt. Ich verstehe heute gut, was dieser Künstler gemeint hat. Er hat so Recht, es ist seine Wahrheit. Für mich ist die Natur der größte Künstler. Ich kopiere sie. Beide Sichtweisen haben Platz auf diesem Planeten. Und noch ein paar mehr.

Ich spüre tiefe Dankbarkeit, dass der Waldbesitzer hier so viel Umsicht und Pflege walten lässt. Abseits der tiefen Furchen bilden Moose und weiche Gräser eine grüne Schicht, die die schlammigen Wunden verbinden. Der Wald wird sich von den Eingriffen erholen. Immerhin pflanzt Mensch hier alles in neuer Vielfalt nach, was der Borkenkäfer und seine Freunde und die Menschen entsorgen. Es gibt hier kaum mehr Monokulturflächen. Und ich beschließe, dass diese Spaziergänge zu einem regelmäßigen Ritual werden sollen. Inklusive Morgenseiten. Doch das ist eine andere Geschichte, die ich ein anderes Mal erzähle.

Elf-Frida und Entscheidungen

Die Mutspenderin

Das neue Jahr beginnt kraftvoll. Viel kraftvoller als die Jännermonate der letzen Jahre. Kein Wunder, dass in den letzten Tagen Elf-Frida entsteht. Sie ist der Prototyp für ein Wesen, das mir schon seit einigen Monaten in Träumen und Überlegungen erscheint. Und deren Herstellung ich immer wieder auf Jänner und das neue Jahr verschob, weil so viel anderes entstand.

Mit Schafwolle und Filznadel handgefilzt und filzmodelliert ist auch Elf-Frida. Sie hat ausreichend Sitzgewicht, um in Regalen und an Tischen zu sitzen oder es sich auf Fensterbänken in der Wintersonne gemütlich zu machen. Elf-Frida ist meine erste große Figur mit gedrahteten Armen und Beinen. Ihren Körper bildet ein Paar Socken eines großen Kaufhauses, das nach dem dritten Mal Tragen ein Loch in den Sohlen hat. Als Verstärkung für den dehnbaren Stoff verwende ich ein ausrangiertes Betttuch aus dem Fundus. Ebenfalls aus dem Gebrauchtkleiderfundus ist das Material für die Arme.

 

5

Zum ersten Mal arbeite ich mit Draht und Zange und Floristenklebeband. Pfeifenputzer hilft mir, die Wolle relativ unkompliziert um die geformten Gliedmaßen zu wickeln und mit der Nadel anzufilzen. Ein bisschen herausfordernd ist das Umdrehen der engen Bezüge der Arme und Beine mit dem Bettzeugstoff, die Dehnbarkeit ist ja dahin. Mein Superwerkzeug, die Arterienklemme, hilft mir aus der Patsche. Auch beim Einfädeln der gefilzten Gliedmaßen. Elf-Frida hätte eigentlich eine elfenhafte Aufsteckfrisur bekommen sollen, duftig und leicht. Dachte ich. Nur ist Elf-Frida keine Süße. Seht ihr den Zug um ihre Mundwinkel? Der ist beim Filzen der Lippen sofort da. Je mehr ich versuche, die Mundwinkel zu glätten, desto stärker wird er. Die große Nase, die spitzen Ohren und das energische Kinn sprechen sowieso Bände. Missbilligend schaut sie in die Tischplatte, als ich einzelne Mohairwollsträhnen in die gestickte Perücke einnähe und sie probeweise hochdrehe und zu Schnecken forme. Sie findet, sie sieht lächerlich aus. Ob ich nicht erkenne, dass sie richtig lange Haare haben will? Und vor allem viele? Derzeit diskutieren wir noch über einen meiner Meinung nach fälligen Schnitt an den Spitzen. Elf-Frida findet nicht, dass das zu diskutieren ist. Und wie so oft bei diesen nun schon vertrauten Diskussionen wird sie entscheiden, wie sie aussehen mag. Ist ja schließlich ihr Kopf.

4

Den grünen Pullover kann ich ihr auch sofort wieder ausziehen. Nein, sie will den roten Pullover. Den dick gestrickten mit dem Zopfmuster. Und die rote Mütze mit dem Zopfmuster. Das passt so gut zu ihren grünen Haaren mit den hellgrünen Strähnen. Wie gut, dass ich diese kalten Winterabende strickend vor diversen Krimis zubringe. Die Auswahl an Winterpullovern ist derzeit noch groß. Und Madame wünscht Wollsocken, aber dalli. Hier im alten Steinhaus ist es kalt. Recht hat sie.

2

Den upgecycelten Batman, den wir als Herzeigeobjekt für unseren Glücksmonsterworkshop aus Upcyclingmaterial hergestellt hatten, schließt sie ins Herz, sobald sie Augen hat. Untrennbar. Love at first sight. Das wird noch lustig. Ich glaube, ich kann mich demnächst ins Studio setzen und weitere Fledermäuse nähen. Die hier wird zu sehr geliebt.

1

Wie Elf-Frida zu ihrem Namen gekommen ist? Das war dieses Mal Sami. Er sieht ihre spitzen Ohren, ihr Grinsen, die grünen Haare. Und gibt ihr den Namen. Passender gehts nicht.

Die Künstlerin

Zu welchen Entscheidungen diese kraftstrotzende, mutige Elfe mir verholfen hat? Ich bin seit vorgestern angemeldete Bildende Künstlerin und wage ein zweites Mal in diesem Leben den Weg in die berufliche Selbstständigkeit. Und ja, ich habe weiche Knie. Und innere Weite zugleich. Endlich geht es dorthin, wohin ich immer wollte. Ich denke, das Maker’s Yearbook 2019 hilft mir dabei, eine Strategie in meinem kreativen Chaos einzuhalten. Und nicht jedem Schmetterling hinter her zu jagen, den meine Kreativität aufsteigen lässt. Ich gebe mir noch Zeit bis Ende des Monats, um ruhig und konzentriert die Aufgaben im Buch durch zu denken und durch zu arbeiten. Illusionen mache ich mir keine, ich weiß, dass es trotz bester Strategien Höhen und Tiefen geben wird, das ist einfach so. Bis jetzt mag ich, was durch dieses Buch am Papier entsteht. Ganz bestimmt klinke ich mich nach drei Jahren Absenz wieder in aktive Gruppen vor Ort ein, die mit Unternehmertum zu tun haben. Da gehören die Menschen der Chefinnen-Supervision rund um Ute Habenicht ebenso dazu wie das UnternehmerInnenfrühstück von Silvia Lindner, die mir vor zwei Jahren ziemlich genau diesen Weg für mich aufgezeigt hat. Und dann gibts ja auch noch das Businesscenter in Ehrenhausen, in dem ich mich vor drei Jahren zu Hause gefühlt habe. Dieses gemeinsame Beraten in Gruppen hat eine eigene Magie für mich. Das Arbeiten im Studio fällt mir mit mir selbst am leichtesten, das mache ich in meinem Tempo und zu meinen Bedingungen. Aus Erfahrung ergänzt sich das fein mit Entwicklungsarbeit und Austausch in diesen Gruppen, die auf Geben und Nehmen und Teilen fußen. Mal sehen, ob das 2019 auch noch so ist.

3

 

 

 

 

Weibliches und Handwerk

Immer wieder werde ich gefragt, warum ich Puppen  forme und anfertige. Und gestern fragt mich eine weitere Frau, ob ich bereit wäre, bei ihr am Lama-Hof Puppenmacherkurse anzubieten. Jaaa, ich habe riesengroße Lust! Ich verstehe selbst noch nicht so recht, was meine Absicht hinter all dem ist. Tu mir unendlich schwer, mit Worten zu beschreiben, was ich empfinde. Also wird es wohl Zeit, sie zu suchen…

Ganz ehrlich: der Verkauf interessiert mich langfristig insofern, als ich Material und Maschinen für mich und andere benötige, um zu kreativ zu arbeiten. Ich will keine Fabrik in einem Billiglohnland beauftragen, meine Wesen billig herzustellen und mich als Chefin dieser Fabrik zu fühlen. Das ist kein Ziel für mich. Ich kriege Bauchweh und Beklemmung, wenn jemand eine bestimmte Stoffpuppe von mir nachgemacht haben möchte. Es geht einfach nicht, diese Wesen entstehen aus mir und meinen Begegnungen heraus. Ich leihe ihnen meine Hände und erschaffe sie nach einer Idee, die zur Welt kommen will. Jede Stoffpuppe wird ein bisschen anders. Und, wie war das, „Unternehmer sein, um mir einen wirtschaftlichen Vorteil zu verschaffen“.  Sorry, tut mir leid. Das passt nicht zu mir.

Ich habe eine lange Geschichte mit den Puppen. Die kann man hier am Blog nachlesen. Kurz gesagt: ich wollte das eh schon immer und habe ein paar Jahrzehnte gebraucht, es zu tun. Ich bin nach wie vor am Lernen und am Verbessern, am Ausprobieren und weiter entwickeln. Ewig dankbar werde ich meinem Mann und guten Freunden sein, die mich bestärkten und unterstützten, das Neue trotz meines Alters anzufangen. Heute schaue ich zurück auf die beiden Jahre. Und bin glücklich und dankbar, angefangen zu haben. Wohin das führt? Bestimmt irgendwohin. Es fühlt sich richtig an.

5

Vier Wege werden derzeit sichtbar:

Einfach machen

Ich mache (mir) Stoffpuppen, wie sie in meiner Fantasie herum geistern. Ich. Und in meinem Textilstudio. Zu denen ich inspiriert werde, wenn ich meinen Kolleginnen weltweit auf Instagram oder in ihren Tutorials zusehe. In den skandinavischen Ländern, in England, in Osteuropa, überall gibt es Puppenmachertraditionen, Zünfte, ExpertInnen. Fällt unter Kunst und muss nicht diskutiert werden.

Wissen teilen

Ich versammle interessierte Menschen um mich und beginne, mein erlerntes und bis jetzt integriertes Wissen in Kursen weiter zu geben. Damit sich eine Community bildet, die all das Wissen um das Puppenmacherhandwerk ausgräbt – hey, in Kärnten war eine Elli Riehl sowas von genial unterwegs! Es gehört neu definiert und mit heutigen Mitteln und mit Upcycling weiter entwickelt. Je mehr VertreterInnen von Kulturen sich versammeln, quer durch alle Altersstufen, desto besser. Ich bin sowas von gespannt, wohin sich jede einzelne von uns entwickelt. Keine Stoffpuppe derzeit schaut aus wie die andere. Alle sind Unikate, handgemacht und entwickeln ein Eigenleben.

Handwerk erlernen

Bei der Anfertigung einer Puppe brauche ich mein Hirn, das designt und entwickelt und forscht und sich in räumlichem und logischem Denken und Zahlenakrobatik übt. Und meine Hände, die auf sehr vielfältige Art und Weise tätig sind. Zeichnend und entwerfend. Nähend. Strickend. Häkelnd. Stickend. Webend. Filzend. Stoff bedruckend.  Färbepflanzen setzend und hegend. Schaf(e) züchtend. Fotografierend und beschreibend. Ahnt ihr, worauf ich hinaus will? Genau. Vorwiegend weibliches, viel zu selten wertgeschätztes Handwerk. Um eine Stoffpuppe herzustellen, benötige ich und gemeinsam mit anderen Fertigkeiten in all diesen Bereichen. Das Wissen um das weibliche Handwerk verschwindet zunehmend. Dabei ist es ein so schöpferischer Vorgang, aus ein bisschen Wolle und Trikotstoff etwas herzustellen, das uns berührt und bewegt. Nebenbei wird sichtbar, dass sich auch mein Mann im Holz.Raum von meinem Tun angesteckt fühlt. Er baut aus sich heraus Möbel, die perfekt zu diesen Wesen passen. Alles sehr englisch, sehr nordisch. Das hat mit ihm und seiner künstlerischen Entwicklung zu tun. Und mich freut es von Herzen, dass wir Hand in Hand arbeiten und auch unseren künstlerischen Weg gemeinsam weiter gehen.

Der Weg zu mir

Ich kann es euch nur so beschreiben: ich verliebe mich in jedes Wesen, das ich erschaffe. Habe weiche Knie, bin gerührt und berührt, wenn sie mit mir in Verbindung treten und ihre Wünsche über Träume, auftauchende Bilder oder herunter gefallen Schachteln mit Bändern ausdrücken. Unser Neunjähriger sagt, ich rede mit ihnen. Mir fällt nur auf, dass er mit seinen Monstern redet, wenn er sie näht. Das scheint also ganz normal zu sein, dieses Zwiegespräch. Dieser Prozess macht etwas mit mir. Mag sein, dass man das erklären kann. Mag aber auch sein, dass das gar nicht nötig ist. Einfach ausprobieren, hinspüren. Und tief in den kreativen Fluss eintauchen, in dem wir alle schwimmen.

3

Kinder und Kinder

Es gibt Zeiten, da komme ich kaum zum Schreiben. Wir sind abwechselnd in Werkstätten, unterwegs mit Freunden oder Familie oder mit Der.Raum. Voll das Leben. Immer wieder in diesen Tagen denke ich dran, dass ich euch was erzählen möchte. Und dann ist es Mitternacht. Und nichts geht mehr.

Am Wochenende gab es das erste echte Morgen:Land Treffen in Perchtoldsdorf. Schon ganz erstaunlich. Unsere Initiative wurde voriges Jahr für würdig befunden, in einem Buch zu erscheinen. Ich glaube, ich habe es in all dem Trubel nicht einmal irgendwo erwähnt. Wow. Man schreibt über uns. Naja. Ich habe über uns geschrieben. Einen Tag lang real mit den Menschen hinter den anderen Initiativen an einem ziemlich großen Tisch zu sitzen hat eine feine Qualität. Parallel hören wir seit einer halben Woche Interviews der pioneers of change. Auch der Schöpfer dieser Initiative war im Buch vertreten. So viele mutmachende, beglückende und auch kontroversielle Wortmeldungen wie bei diesem summit habe ich überhaupt noch nie in dieser Dichte erlebt. Meldet euch noch an oder erwerbt das Konferenzpaket, um alle Beiträge dann zu sehen, wann es sich für euch ausgeht. Für uns zahlt es sich voll aus. Wir fühlen uns bestärkt und nehmen richtig gute Tipps mit.

Nach all dem Filzen und Puppennähen und den vielen Upcyclingarbeiten rund um Altpapier und Co. war heute wieder das interkulturelle Fotografieren an der Reihe. In meiner Vorstellung wollte ich gemeinsam mit Kindern beschauliche Fotos im Freien machen und meinen wissbegierigen Schülern eine weitere Lernbühne zu den praktischen Anwendungen einer Kamera bauen. Weit gefehlt. Statt der geplanten drei Kinder kamen fast alle dreißig. Es summte und quietschte, schrie und jubelte, schimpfte und lachte aus vollen Kinderkehlen. Und wirklich jeder wollte dran kommen. Wir redeten mit Händen und Füßen, auf Deutsch und auf Arabisch oder Farsi. Was für eine bunte Mischung! In meiner Zeit als Berufsfotografin war ich IMMER mit Assistenz bei kleinen Kindern. Heute sprangen wir einfach ins kalte Wasser. Hardcore und sooo lebendig.

Apropos fotografieren. Unsere Plattform für Schenk- und Tauschfotos hat einen ganz neuen Anstrich bekommen. Für eine Weile fliegt unser Elefanten-Logo auf dem Foto.Raum. Danke wie immer an Mario. Ohne einen kreativen und klugen und liebenswürdigen Freund und IT-Menschen wie dich könnten wir online gar nicht sichtbar sein. Wie sehr wir dir wünschen, dass deine genaue und professionelle Arbeit rasch auch anderen Menschen zur Verfügung stehen kann!

Hey, bedient euch! In den nächsten Wochen werden wieder massig Fotos dazu kommen, weil unser kreatives Foto.Raum-Team unterwegs ist. Ruft an, falls ihr glaubt, bei euch fände eine coole Veranstaltung statt, die es wert ist, fotografisch sichtbar zu werden. Einen Teil der Fotos schenken wir in Absprache mit den Fotografierten her.

Und ihr Nutzer, ihr könnt auch gerne den einen oder anderen Fotografen buchen, um Fotos in seiner Handschrift zu bekommen. Wir stellen den Kontakt her.

Und dann wär da noch was. Wir suchen dauernd kreative Fotografen, die uns ihren Zugang zur Welt mit ihren Fotos zeigen und ein paar ihrer schönsten Bilder in der Community teilen und zur Verfügung stellen. Unser Traum wäre derzeit beispielsweise ein neues Foto pro Monat. Der Schwerpunkt in Der.Raum sind lebendige Fotos von der Vielfalt des Lebens. Wir sind interkulturell und global. Weniger geht nicht. Ist angesichts der vielen zugewanderten Menschen und unserer Auseinandersetzung aber simpel und logisch. Für uns auf jeden Fall. In den Räumen vor Ort und bei unseren Kooperationspartnern in Klagenfurt, in Feldkirchen und am Längsee treffen sich derzeit hauptsächlich Österreicher, Syrer, Afghanen und Menschen aus dem Irak. Und das klappt die meiste Zeit wunderbar. Und manchmal gar nicht. Und ganz viel dazwischen. Wir lernen uns kennen. Wir sprechen miteinander. Und vor allem tun wir miteinander. Wir kommen drauf, was uns verbindet und wo wir große Unterschiede wahrnehmen. Das Leben eben. So sollen ja auch die Fotos sein. Lebendig. Bunt. Vielfältig. Funkelnd und mit allem Licht und allen Schatten, die es in diesem Leben gibt.

Wir arbeiten im Hintergrund aktiv an der Verbreitung unserer Plattform. Derzeit nutzen ausgesuchte Initiativen in Österreich, Deutschland, Luxemburg und Canada unsere Fotos. Auch da freuen wir uns über gute Tipps und Tricks und Rückmeldungen und Vorschläge von euch.

Knapp vor Mitternacht. Puh, grad noch geschafft.

Habt eine gute Woche!