August und ein Geburtstag

Habt ihr auch das Gefühl, dass es herbstelt? Birke und Kirsche werfen gelbe Blätter ab. Jeden Morgen, wenn ich über die neu gebaute Außenstiege meines immer weiter entstehenden Studios steige, liegen da neue, raschelnde Blätter. Außenstiege. Richtig gelesen. Keine wackelige und halbmorsche Hühnerleiter mehr. Und weil heute mein jüngster, kräftiger Sohn zum gemütlichen Sonntagsfrühstück vorbei schaut und uns hilft, kommen wir mit dem Einbau der upgecycelten Fensterscheiben, den fixen und denen mit Stock, gut weiter. Von sieben Fenstern sind nun fünf an Ort und Stelle, werden noch eingerichtet und dann verbrettert. Morgen kommen zwei weitere hinzu. Und nächste Woche kommt statt der versprochenen Eingangstüre eine Scheunentüre aus Oberösterreich, die mit ihren zarten Maßen und ihrer kleinen Scheibe perfekt in dieses kleine Außenstudio passen wird. Diese Art von Arbeit fordert mich ganz anders als das Entwerfen und Herstellen von textilen Skulpturen oder Stoffpuppen. Wir kommen viel langsamer voran, als ich mir das Anfang Juli gedacht hatte. Auch nicht wirklich was Neues für mich. Denken geht immer schneller als Tun. Ich spüre meine Wirbelsäule, ich spüre Muskeln an Körperstellen, die ich vergessen hatte. Ein Balken im Eingangsbereich ist mir sehr recht. Ich hänge dort gern ab, um meine Wirbel daran zu erinnern, was sich für sie gehört. Wir schwitzen. Trinken literweise Wasser. Ich bin nun Semiprofi in Hilfsarbeiten an der Kappsäge, im Zureichen der richtigen Schrauben mit noch richtigeren Bits. Ich lackiere schöner als vor fünf Wochen, auch wenn mein Baustellenleiter noch immer nicht zufrieden ist. Lack ist anders als Acrylfarbe. Vielleicht hab ich ja im September den Pinsel besser im Griff. Ich habe freiwillig die Aufgabe übernommen, auf der Baustelle für Ordnung zu sorgen. Deshalb bleibt uns auch kein Restelholz übrig. Meine Fotografenaugen und ich, wir finden jedes passende kleine Brettchen für Ecken und Abschlüsse. Auch wenns schon in die Brennholzschachtel gewandert ist. Wir hupfen in Sami’s Pool, wenn vor lauter Hitze gar nix mehr geht. Oder zergehen vor Liebe zu unseren Katzenbabies, die uns nun schon ganz frech auf der Baustelle besuchen kommen.

Ach die Katzen. Aus den sechs getigerten, rattengroßen Fellknäueln sind sechs höchst unterhaltsame, anspruchsvolle und fröhliche Familienmitglieder geworden. Mama Minnie ist in den Stillpausen vor ihnen nicht mehr sicher, sie turnen überall herum. Alles, was sich bewegt, wird attackiert. Im alten Nest in der Holzscheune hat sich Frau Igel zu ihnen einquartiert. Sie teilen ihr Futter miteinander. Nächste Woche kommen zwei Menschen, um sich weitere Katzen auszusuchen. Mindestens eine wollen wir behalten. Sami ist dauerbeschäftigt, die zutraulichen Seelchen haben ihn voll als einen der ihren akzeptiert.

Es gibt auch dunkle Wolken im Paradies. Ein entsetzlicher Autounfall vor einer Woche ganz in unserer Nähe macht einem klar, wie schnell das Leben zu Ende sein kann. Egal wie alt man gerade ist. Jemand setzt autofahrend eine Handlung, du bist gerade in der Nähe, es kracht. Und tja, das war es dann. Ein paar Stunden später vergifte ich mich mit Pflanzensamen einer meiner Lieblingspflanzen, die im Frühjahr zu meinen favorisierten ersten Wildkräuterpflanzen zählt. Jetzt hat sie in den Samen offensichtlich so viel Saponine, dass mein Stoffwechsel mit einer großangelegten Reinigung reagiert. Mein Magen spinnt noch ein wenig, die Verdauung erholt sich ganz langsam. Ich werde vorsichtiger und bin unendlich dankbar, dass es nur mich erwischt, meine Männer reagieren nur ganz schwach. Nebenbei ernte ich täglich mir gut bekannte Blüten und Blätter, die im Solartrockner vor sich hin rascheln und unseren sonnigen Wintertee ausmachen. Ganz ohne Experimente. Keine Lust, weitere Warnungen à la „Into the Wild“ zu erhalten. Aktuell trocknen Teerosen, Königskerzenblüten, Eibisch, Ringelblume, Aloisienkraut, Minze, Thymian und Rosengeranie vor sich hin. Die Lavendelblüten sind bereits in eine Schachtel gewandert, ich habe große Ambitionen, ihren wundervollen Geruch in textilen Figuren an euch weiterzugeben. Kommt Zeit, kommt Idee. Hab ich schon gesagt, dass ich es kaum erwarten kann, zurück in die Werkstatt zu dürfen? Mir fehlt das Nähen, das Filzen und das mit den Händen spüren, wie sich Wesen entwickeln. Bald…

Mein Herzallerliebster feiert morgen Geburtstag. Nein, er ist nicht von der Baustelle wegzubewegen, mit gutem Zureden nicht. Mit Drohungen sowieso nicht. Also gibts morgen ein Sommer-Geburtstags-Frühstück – und dann wieder Bautätigkeit im Paradies. Interessiert beobachtet von halbwüchsigen Tigerkatzen, es könnte ja Spielzeug zu Boden fallen. Und ab und zu unterstützt von unserem fast Zehnjährigen, der sich schon wieder auf den Lehrer und seine Freunde, nicht auf die Schule freut. Ein bisschen Zeit ohne Stundenplan haben wir ja noch. Habt noch gute Ferien oder kommt gut zurück aus euren Auszeiten!

Mama und Fuchs

Als ich heute am späten Nachmittag in zwei strahlende Augenpaare sehe weiß ich eines mit Sicherheit: dort hin geht mein Weg weiter. Es ist so ein großer Unterschied, ob wir unseren Kindern ein fertiges Tier oder eine Puppe im Supermarkt kaufen. Oder ob wir uns Zeit für einander nehmen, überlegen, wie wir so eine Herzenssache selbst nähen können. Und dann miteinander daran arbeiten und miterleben, wie so ein Wesen eine Seele bekommt.

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Es gibt sie, diese besonderen Kinder, die dein Herz auf der Stelle berühren. Pauli hat sich von seiner Mama zum Geburtstag gewünscht, uns zu besuchen und mit uns gemeinsam einen Fuchs zu nähen. Den ich vor einer Woche als Prototyp geübt habe und den jeder Mensch bei Misty’s Whimseys erstehen kann, derzeit sogar als free pattern. Wir haben es dieses Mal mit einem ganz besonderen Material zu tun. Sehr flauschig, sehr microfaserig würde ich mal meinen. Und vor allem mit zwei rechten Seiten. Keine Chance, den Trickmarker anzuwenden. Ich muss mein Uraltwissen übers Nähen anstrengen, dann fällt mir ein, dass wir früher Linien mit Heftfäden sichtbar gemacht haben. Mutter und Sohn legen sich mächtig ins Zeug, schneiden und heften. Wir sind bald alle übersät mit roten und weißen Stofffutzeln. Unser Jüngster bastelt an einem Kamelmonster aus einem Stück tierfellähnlichem Material aus der Stoffmusterserie von Maria.

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Fertig wird heute ausschließlich der Fuchs. Und das ist schon eine großartige Leistung. Einmal mehr erlebe ich, wie dieses handwerkliche und kreative Tun mit den eigenen Händen Menschen aktiviert, verbindet und beglückt. Ich muss mich gut konzentrieren, all die kleinen Einzelteile richtig aneinander zu fügen. Mein wunderbares Gehirn hat sich im Großen und Ganzen gemerkt, wie die logischen Schritte vor einer Woche aneinander gereiht werden. Bis nach dem Mittagessen halten die beiden Jungs gut durch. Danach müssen sie raus an die frische Luft, sich bewegen und rennen und miteinander spielen. Ich mache einen kapitalen Fehler, stopfe all die Gliedmaßen und den Fuchsschweif bereits aus und halte mich für besonders klug. Mir wird ganz anders, als ich dann die letzte Naht nähen soll und keine Chance mehr habe, alles unter das Maschinenfüsschen zu stopfen. Also – Handnaht.

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Fürs finale Stopfen und Lebendigmachen der Fuchshülle ist Pauli wieder zur Stelle. Diesem roten Fuchs nähen wir ein Säckchen mit alten Murmeln in den Bauch, damit er nicht ganz so leicht ist wie die braun geblümte Fuchsschwester. Gemeinsam mit seiner Mama wird konzentriert gearbeitet. Und wir staunen, wie viel Watte in so ein Wesen passt. Am Ende kleben wir die angenähten Augen noch an, weil sie uns zu sehr herum hängen. Jetzt ist Herr Fuchs fertig und kommt sofort in die Abendsonne mit zum Fotoshooting. Sowohl die Kinder als auch wir Erwachsenen als auch die Tiere verabschieden sich schweren Herzens. Ich höre, dass sich die Fuchsgeschwister Briefe schreiben werden. Ich lass mich überraschen.

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Ende gut, alles gut

Ja, das Kostüm wurde fertig. Inklusive Kronenmütze mit Riesenschnabel des Phönix. Unser jüngstes bei uns lebendes Familienmitglied hat heute seine erste öffentliche, wunderschöne, bunte, laute und lärmende, verspielte und freundschaftliche Geburtstagfete gefeiert. Es tut einfach gut, ihn sozial so gut aufgenommen zu sehen. Seinen Platz zu erkennen in der Gruppe. Die Verbindungen zu erspüren, die sich in eineinhalb Jahren Schule aufgebaut haben. Müde und glücklich beende ich diesen Tag mit ein paar Bildern vom Entstehen und Sein eines Kostüms, das uns näher zueinander gebracht hat. Danke Leben.