Tierisches und Menschliches aus dem Paradies

Wir sitzen im Morgenlicht beim Frühstück vor meinem Atelier. Beim mehr oder weniger veganen Frühstück. Eine der grundsätzlichsten Umstellungen, die dieser Virus mit sich brachte, war die der Ernährung. Wir haben den Wechsel vom tierischen Eiweiß zum pflanzlichen Eiweiß noch keinen Moment bereut. Danke an meine Tochter Isabella. Ihre Konsequenz ist es, die diesen schon länger im Raum stehenden Wunsch möglich macht. Danke auch an meinen Mann, der seine Kreativität so geduldig in der Küche ausübt. Seine Barista-Hafer-Milch im Kaffee ist mittlerweile genauso gut wie die im Packerl. Wir essen noch ab und zu ein Sonntagsei von unserem Lieblingsbauernladen, weil es den Tieren dort gut geht. Auch der „eigene“ Honig wird löffelweise geschätzt. Vor allem von den beiden Männern, die Süßes lieben. Aber Käse und Milch oder Fleisch aus einer Industrie, die Tiere und Menschen derart schlecht behandelt, kaufen wir nicht mehr. Mittlerweile kann ich beim Einkauf auch den Käse im Kühlregal ohne Wehmut ignorieren. Die Aufstriche aus Sonnenblumenkernen, Bohnen und Sesammus schmecken ohnehin interessanter. Derzeit sind wir auf der Suche nach den entbitterten Lupinenprodukten. Einmal mehr. Vor acht Jahren scheiterten wir am Angebot. Mittlerweile haben vor allem junge Menschen gute Vorarbeit geleistet und die Produktpalette heimischer Anbieter wird größer.

Die Terrasse vor meinem Wohnwagen bricht nach fünf Jahren witterungstechnisch zusammen. Also sind wir mit Sack und Pack für die gemeinsamen Sommermahlzeiten in meinen neuen Gartenraum vorm Atelier umgezogen. Alexander mäht heuer entgegen unseren Permakulturwerten jene Flächen sehr kurz, an denen wir uns oft aufhalten. Der tägliche Zeck‘, den vor allem ich mir aus der Haut ziehe, ist normal geworden. Ich kann zuschauen, wie die Kleinsttiere über meine Schuhe die Wadeln entlang an mir hochkrabbeln. Mittlerweile reagiere ich nicht mehr so hysterisch sondern schätze gute, präzise Zeckenzangen. Und eine gut desinfizerende Creme, die wir von einer Reise aus Südtirol mitgebracht haben. Brennt höllisch. Lindert aber den Juckreiz und verhindert erfolgreich eine Entzündung. Seit gestern sind an zwölf Plätzen Zeckenrollen verborgen. In der Hoffnung, dass Mäuse, die Ursprungswirte, tatsächlich die mit dem Wirkstoff der Chrysanthme präparierte Watte in ihre Nester tragen und wir das überwältigende Zeckenwachstum eindämmen können. Die Zecken scheinen überhaupt keine natürlichen Fressfeinde mehr zu haben. Und die milden Winter tragen das ihre zu ihrer rasanten Vermehrung bei.

Salat aus dem Garten

Apropos Tiere: nach den Fliegen im Herbst und im Frühling haben nun Waldameisen Gefallen an meinem Atelier gefunden. Ich bin mir nicht sicher ob wir es geschafft haben, das Atelier genau an ihren natürlichen Arbeitswegen zu platzieren. Oder ob sie die Schafwolle lieben. Oder mich. Was unwahrscheinlich ist. Und einseitig. Jedenfalls – ziehen sie seit Wochen quer durch mein Atelier oder fallen mir von oben auf den Kopf. Vielleicht müssen wir doch noch einmal ausrücken und all die Ritzen und Lücken abdichten, die im Vorjahr offen geblieben sind. Einen Versuch wäre es wert.

Königskerze an Mohnblüte

Der heurige Noch-Nicht-Sommer mit Regen, angenehmen Temperaturen und irr schwülen Hitzetagen macht, dass es im Garten gefühlt subtropisch zugeht. Stoberdorf war, wenn ich den Erzählungen von Alexander’s Kindern zuhöre, schon immer ein wucherndes Paradies. Heuer ist der Garten kaum mehr zu bändigen. Die Wegwarte, die ich vor zwei Jahren bewusst setzte, weil sie mir hier so fehlte, bildet einen dichten Waldzaun vorm Haus, in dessen Schatten unsere Katzenmama ihre Babies stillt. Jeden Morgen freue ich mich, wenn ich an dieser Hecke entlang gehe und die lichtblauen Blüten sich der Sonne entgegen recken. Das ist ein Blau, das meine Seele nährt.

Regentropfen

Ich kuriere nach unserem Jüngsten die erste Sommergrippe oder den ersten Schnupfen dieses Jahres 2020 aus. Gott sei Dank ist die drückende Schwüle des gestrigen Tages mit dem Sturm und dem Starkregen des gestrigen Abends verschwunden. Meine rinnende Nase und das bisschen Temperatur sind für mich ein Zeichen eines nach wie vor gut funktionierenden Immunsystem. Trotz Angst. Trotz Vorsicht. Trotz Rücksicht auf andere, denen dieser Virus mehr schaden könnte als mir. Schon erstaunlich, dass mensch auch einen Schnupfen als erfreulich „normal“ empfinden kann…

Glockenblume

OTELO und Nähen

Monika ist eine dieser Frauen, deren Lebenswege sich regelmäßig mit meinen kreuzen. Ob beim Talentetauschkreis Kärnten, bei meinem jährlichen Fixtermin des Weihnachtsbazars in der Klagenfurter Waldorfschule, bei meiner Freundin von Best of the Rest oder unerwartet und plötzlich: wir sehen uns, wissen sofort tausend Dinge zu besprechen, weil unsere Ausrichtung eine sehr ähnliche ist.

Gestern war es endlich soweit. Wir besuchten Monika und das OTELO in Ferlach. Das ehemalige Apothekerhaus in dieser Kleinstadt am Fuße des Loiblpasses ist hell, hat hohe Altbauräume, bietet Platz für Werk- und Begegnungsräume, eine schöne Küche. Auf der Nordseite des Hauses ist ein gar nicht so kleiner Garten mit vielen Sitzgelegenheiten, einer Brückenbühne, einem kleinen Wasserspiel. Heuer hilft ein Mitglied der Freunde natürlichen Lebens mit, die Kräuter zu katalogisieren, anzubauen, zu verwenden. Zweisprachige Namensschilder (Deutsch/Slowenisch) an Birkenzweigen lassen auf eine rege Jahrestätigkeit in diesen Außenräumen schließen. Die Verwaltung und Leitung von OTELO Ferlach sitzt im zweiten Stock. Monika und ihr Team sorgen für eine Belebung und Belegung der wunderschönen Räume. Da wird getanzt, meditiert, fotografiert, gekocht, genäht, designt, gesungen und es gibt auch Vorträge. Wenn ich es richtig verstanden habe, gibt es die Struktur eines Jahresthemas und viele Kleinprojekte.

Staunend schaue ich mir die professionell genähten Upcycling-Werkstücke aus der Nähabteilung an. Monika erzählt mir, dass mittlerweile vor Ort vor allem geplant und entwickelt, vor großen Ausstellungen und projektbezogen auch gemeinsam genäht und zugeschnitten wird. Dazu nutzen die Menschen mit interkulturellem Background den Raum mit gut sortiertem Lager und den vielen Nähmaschinen sowie den großzügigen Begegnungsraum davor, in dem sie lange Tischreihen aufbauen können. Eigentlich perfekt das, was unsere Studentinnen und Studenten für den Umbau der Kegelbahn geplant haben. Dort soll ja in der Mitte eine lange Tischreihe mit Schienensystem an jenem Podest sein, das vorher die Kegelbahnen voneinander trennte.

Dreieinhalb Stunden lang reden, schauen, fotografieren und filmen wir, was es zu sehen gibt. Die OTELO-Struktur hat mir immer gut gefallen. Nach OTELO-Spittal ist das jetzt das zweite lebendige Labor, das ich unmittelbar erlebe. Wir denken zumindest darüber nach, diese Struktur auch für Klagenfurt mitzudenken. Dort gibt es ebenfalls Interesse, doch kam bisher kein praktisches Projekt zustande. Wir werden sehen, wir wissen ja, an wen wir uns wenden müssen, falls es in diese Richtung geht.

Es sieht außerdem so aus, als käme es zu einer Zusammenarbeit bezüglich meines Puppenprojektes über eine gemeinsame Bekannte, die ich vor vielen Jahren einmal für die Zeitung interviewt habe. Sie nähte im Vorjahr mit afghanischen Frauen einfache Waldorfpuppen  für einen Weihnachtsbazar in Ferlach, ganz genau, ganz sauber und perfekt. Wir werden sie heuer im August gemeinsam treffen und weiter planen. Da ich mir alle Handgriffe der Puppenherstellung selber beibringe und in unserer Praxisgruppe vertiefe und neu erarbeite, freue ich mich riesig darauf, einen Profi zu erleben und von ihr Kniffs und Tricks zu erlernen, die für mich neu sind.

Nach all dem für mich so komplizierten Antragschreiben rückt nun MEIN Herzensprojekt wieder in meinen Fokus. Das übliche Herzklopfen setzt sofort ein…

Wir reden noch über die Möglichkeit eines Fotoprojektes vor Ort und genießen das selbstgemachte Eis des Nachbarkaffeehauses. Ich vergesse ganz darauf, Monika von unserer interkulturellen Fotogruppe zu erzählen, die ich in so ein Projekt einbinden kann.

Auf der Heimfahrt bleiben wir noch bei einer Brandruine an einem Kreisverkehr in Kirschentheuer stehen. Die Hitze des sicher fürchterlichen Brandes hat aus den Luxusjachten, dem vielen Blech, den Holzträgern und den Solarpaneelen wunderbare Skulpturen in Blau und Bronze und Gold geschmiedet. Unsere anfängliche Scheu, so einen Ort des Schreckens zu fotografieren, verschwindet im Tun sofort. Sami bleibt gerne im Auto sitzen, ihm ist der Ort zu unheimlich.

Genießt eure Fenstertage oder euren Arbeitstag, ich hole jetzt geschenkte Kübel für unseren Kübelgarten in Klagenfurt und freu mich am Abend auf Giaconda Beli, die in Klagenfurt gastiert.