Lernzeit und Glück

Irgendwie – typisch ich. Da mache ich eine Sache intensiv. Eineinhalb Jahre. Und dann kommt sie wieder, diese Stimme. Geht das noch anders? Gibt es da noch etwas Anderes? Willst du das wirklich immer und für ewig weiter machen?

Genau. Alles hinzuschmeißen. Meine geliebte Lieblingsstrategie. Liebe Puppen, es war sehr schön. Es hat mich sehr gefreut. Dieses Mal, dieses Mal ist es anders. Drei Kurse mit sechs wunderbaren Frauen und einem wunderbaren Mann mit dem Lehren einfacher Puppen nach Waldorf-Art liegen hinter mir. Sie sind alle bezaubernd geworden, jede einzelne. Und ich weiß, dass bereits neue Wesen entstehen. Puppen machen ist hoch ansteckend. Jede Woche arbeite ich zusätzlich mit einem Dreamteam und Sechs- bis Zehnjährigen an Filzraben, an Paperclay-Köpfen für Handpuppen. Das Lernen löst bei mir Lernen aus. So gut wie täglich übersetze ich Seiten des genialen Buches „Anatomy of a Doll“. Es fühlt sich an wie ein Selbststudium, Puppenmachen und brushing up my English. Im Grunde lerne ich erst jetzt kennen, was sich hinter dieser Kunstform des Puppenmachens verbirgt. Die von mir so geschätzte Villacher Puppenmacherin Elli Riehl hat nicht umsonst großen Eindruck bei der kleinen Lisa hinterlassen. Elli Riehl war eine Künstlerin, durch und durch. Fotografierte Gesichter und Bewegungen im Geist ab und modellierte sie daheim mit Nadel und Faden in Flanell und Baumwollwatte. Im amerikanischen Buch tauchen ähnliche Puppen auf, hier spricht die Autorin vom „needlesculpting“, was ich frei als „mit der Nadel modellieren“ übersetzen würde. Und nein, nicht mit Filznadeln, das ist wieder eine andere Technik.

Bei mir führt all das Lernen und Forschen und Lesen dazu, dass ich noch einmal von vorne beginne. Ich beginne noch einmal bei den einfachsten Umrissformen. Es braucht so wenig, um menschenähnliche und manchmal archaische Wesen zu machen. Ich löse mich von schönen Schnitten, zeichne mir auf, was ich mir vorstelle. All die Themen aus unserer heilsamen „Body Positivity“-Frauengruppe inspirieren mich. Ebenso die eine geliebte Freundin, die wie eine Göttin tanzt, wenn sie sich den Raum dafür nimmt. Beim Tun entstehen sofort neue Ideen. Wie sehr es mir jetzt zugute kommt, dass ich wunderschöne alte Kleidungsstücke, Innenraumstoffmuster und all das andere Klimbim sortiert und aufbewahrt habe. Heute beim Aneinandernähen meiner ersten einfachen Skulptur spüre ich sie wieder: reine Freude gluckst bauchaufwärts, nimmt mir fast die Luft zum Atmen, löst unkontrollierbares Herzklopfen aus. Es ist reine Lust am Tun aus mir heraus. Eine Überdosis Glück. Nebenwirkungsfrei.

Wie immer in solchen Zeiten habe ich absolut keine Ahnung, wohin die Reise geht. Ich reise, also bin ich. Mein ältester Sohn, der jetzt elf Monate auf diesem Planeten allein mit seinem Rucksack unterwegs ist, verspricht, auf allen Kontinenten Puppenformen abzufotografieren und sie auf Instagram hochzuladen. So weiß ich auch, wo er gerade ist. An einem entsprechenden Hashtag tüfteln wir noch. Darüber schreibe ich zu einem späteren Zeitpunkt mehr.

Nebenbei geschieht still und leise Frühling und Frühsommer. Ich übersiedle täglich Teile meines Lebensmittelpunktes in meinen Wohnwagen, der derzeit vor allem Studio und lichtdurchfluteter Arbeitsplatz ist. Möglicherweise schaffen wir heuer den Um- und Ausbau meines Außenstudios nebenan, von dem ich träume. Wir. Ich will ehrlich sein. Alexander und Sami schuften, damit der angeräumte Raum wieder leer wird. Der Raum wird später hauptsächlich aus gesammelten Fenstern und Glastüren bestehen. Schwedenrot für den Außenanstrich, ganz hell und sparsam eingerichtet innen. Herzklopfen auch hier.

Ragdolls und Zufälle

Heute läutet früh am Morgen das Smartphone. Ein Michel. Bezaubernder Akzent, klingt nach Schweiz. Und Puppen und Verein und Interreg. Und ob er vorbei kommen kann. Er kann. Und ich schaue, dass ich munter werde. Mein Liebster wechselt die dreckige Montur der Holzwerkstatt gegen ein pipifeines Sakko. Sehr ungewöhnlich. Ich räume in meinem Studio wenigstens die Kisten und Schachteln weg, die ich gestern wie üblich chaotisch über den ganzen Tisch verstreut habe. Als das Elektroauto um die Kurve schnurrt, sind wir aufnahmebereit. Dieser Mann und seine Funktion in der Region Mittelkärnten sind ein absoluter Glücksfall für uns. Wir werden miteinander das Muttertagswochenende in Treviso verbringen. Inklusive Konferenz und der in Italien so typischen Weinverkostung und spätem Abendessen. Und den Sonntag in einem archäologischen Park verbringen. Um richtige, echte Lumpenpuppen mit Kindern und Eltern anzufertigen.

Der Zufall war es wie so oft in meinem Leben, der mir vor drei Wochen dieses geniale Puppenmacherhandbuch „Anatomy of a Doll“ im Internet vorschlug. Diese Fundgrube an konkretem Handwerk, meine aktuelle Arbeitsbibel, hat natürlich auch zwei Kapitel über Puppen von Damals integriert. Diese Brücke zum archäologischen Park in Treviso möchten wir bauen. Wie wurden früher Puppen hergestellt? Wie machen wir das heute? Welche Werkzeuge sind dazu gekommen? Wie gehen wir es als Eltern generell an, Puppen anzubieten? Machen wir sie noch selbst oder kaufen wir sie im Supermarkt ums Eck?

Rasch wird klar, wie wir mit Kindern ganz einfache Puppen machen werden, idealerweise ohne Nähmaschine, dafür viel Geknüpftes, Gefaltetes, Gerissenes und vor allem Einfaches. Mit Stöckchen, Ästchen, viel upgecycelten Stoffen und Wolle und vielleicht dem einen oder anderen Socken. Und selbstverständlich mit allen menschlichen Hautfarben dieser Welt. Michel möchte bis übermorgen einen Text und – Fotos. Sami, unser großzügiger Jüngster, der sich noch gern vor der Kamera bewegt, beweist mir mit seinen neun Jahren, dass es leicht möglich ist, so eine Ragdoll mit Kindern herzustellen. Ich zeige es vor, er macht es nach. Geschickt wie immer. Wenn Sami will, dann kann er seine Hände ganz gezielt einsetzen. Und Puppen machen will er. Er bedankt sich auch noch überschwänglich, dass ich ihm gezeigt habe, wie einfach es ist, eine Puppe herzustellen. Und er erzählt mir mit leuchtenden Augen von einem Mittelalterbuch, in dem er auch schon einen Text über Lumpenpuppen gelesen hat. Oder war es im Indianerbuch? Oder überhaupt im Schulheftchen? Auf jeden Fall sagt ihm der Begriff „Lumpenpuppe“ ganz viel.

Und ich muss es einfach sagen: ich bin meinem Leben unendlich dankbar. Obwohl draußen das erste Hagelgewitter (!) dieses Frühlings über uns hinweg zieht, climate change, ja, wir stellen es auch fest. Und trotzdem: dieses „Zurück-an-den-Start“ mit meinen Geschöpfen, die nun schon recht fordernd, derzeit ernsthaft und zeitintensiv und arbeitsaufwändig sind, tut mir so gut. Mit einfachen Lumpenpuppen und ihrer Herstellung einen Tag lang herumzuspielen macht riesigen Spaß und stärkt meine Seele. Heute im Internet bei meinen Forschungsgängen durch die Welt der echten ragdolls staune ich, wie viele Menschen sich mit dieser Thematik beschäftigen. Quer durch alle Kulturen. Wie sehr ich hoffe, dass vor allem unsere afghanischen und irakischen Freundinnen und Freunde den Kopf wieder frei bekommen, um dort mit mir weiterzuarbeiten, wo sie in ihrer Not und ihrem Unglück aufgehört haben. Die Herangehensweisen an die Puppenherstellung sind so unterschiedlich, wie es verschiedene Menschen gibt. Und immer wieder linst Frau Kunst um die Ecke und freut sich, dass sie Futter bekommt.

Drei Frauen und ein Schaf

Diese Woche war eine sehr besondere Woche. Nicht nur, dass im Studio zwei neue Wesen entstanden sind, die Prinzessin Orsola zur Grundlage haben.

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Ich bekomme ganz ein weites Herz und weiche Knie, wenn ich sie mir beim Tun anschaue, wie sie so werden, was sie an Haaren einfordern, an Kleidung. Magisch. Übrigens auch, dass Alexander den ersten hölzernen Kleiderständer angefertigt hat. Kleiderbügel folgen.

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Es kommt auch nicht alle Tage vor, dass ich zum Briefkasten gehe und Post aus Mexico heraus klaube. Echte, gute alte snailmail. Meine geliebte Lehrerin hat mir Miss Lollipop geschickt. Als Geschenk, von Puppenmacherin zu Puppenmacherin. Fürs shooting und überhaupt lässt die Wüstenprinzessin mit der bunten Mütze ausrichten, sie friert. Und schnappt sich den neuesten beigen Wintermantel mit der Goldspitze.

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Ich kann gar nicht in Worten ausdrücken, was das mit mir macht. Dankbarkeit, oh ja. Liebe. Oh ja, noch viel mehr. Und diese Riesenlust, einfach immer weiter zu tun. Ich bin glücklich, wenn ich in meinem Puppenstudio sitze, meine Finger langsam aber sicher wissen, was sie zu tun haben. Alle Laden und Kisten und Schachteln ihre Schätze anbieten, um zu einem respektablen und zufriedenstellenden Ergebnis zu kommen. Wenn sich diese wundersame Beziehung aufbaut zwischen der Macherin und ihrem Geschöpf. Danke Fabs, für alles. Einfach alles.

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Als die Puppenmacherin in mir nach unserer heurigen Englandreise im Juli herumfragt, ob jemand diese in Österreich sehr seltenen Wensleydaleschafe und ihre wollenen Produkte hat, findet sie vor allem Viktoria und Martin Kroisleitner. Aus einem e-mail-Kontakt wird ein telefonischer. Meine Schafzüchterfreundin Hemma, die mir vor zwei Jahren die ersten Puppenmacherschritte zeigt und immer wieder mit mir arbeitet, schaltet sich ein. Meine zweite Puppen-Freundin Regina Maria geht mit. Und trotz mancher Unkenrufe – nun ja, warum auch nicht – sind wir drei Frauen, die ein Schaf halten.

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Gestern haben Hemma und ich Lara mit dem Anhänger am Alpakahof Kroisleitner in der wunderschönen Hügellandschaft des Peter Rossegger abgeholt. Und gleich die ganze Familie kennen gelernt. Samt Kindern, Meerschweinchen, Alpakas, dem kleinen Hofladen und den vielen Plänen. Alpakas schauen übrigens nicht nur zum Verlieben aus, mit ihren neugierigen großen Augen und den üppigen Stirnfransen. Sondern ihre Wolle kratzt auch nicht. Was wir erfühlen, als wir Viktoria’s gestrickte Schönheiten in der Hand halten.

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Wie sehr wir euch wünschen, dass eure Wünsche sich erfüllen! Ich bin sehr gespannt, ob dieses Nebengebäude zu dem englischen Cottage wird, das ich derzeit sehen kann. Wir bleiben ganz bestimmt in Kontakt!

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Ganz im Gegensatz zu unseren stillen Befürchtungen eines bockspringenden, wütenden oder verunsicherten Schafes verhält sich Lara auf ihrer ersten Reise so, wie sich Schafe verhalten: neue Situation, einverstanden. Als wir nach den ersten Kilometern unter die Plane des heukuschelig weich ausgepolsterten Anhängers schauen, blinzelt uns eine verschlafene Lara an. Wir haben das Gefühl, einen zotteligen Riesenhund mit heim zu nehmen.

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Lara wohnt ab sofort artgerecht bei Hemma am Berg, gemeinsam mit den anderen Brillenschafdamen. Mit Stall und Auslauf in die Wiesen und Wälder und zurück in den Stall, wenn es dann doch irgendwann mal kalt werden sollte. Wir denken schon über eine gemütlich warme Schafdusche mit Wollshampoo vorm Scheren nach. Ich bin relativ sicher, wir können auch das mit Hilfe von handwerklich geschickten Freunden umsetzen. Und ich kann endlich die in die Flüsse gebauten Holztröge zuordnen, die wir in England, Schottland und Wales auf jeder Schafwiese mit Fließwasser sehen konnten. Ja, aus dieser Schafsidee könnte mehr entstehen. Derzeit ist es einfach, was es ist. Welcome Lara!

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Am Berg, bei dichtem Bodennebel und im Licht unserer Handylampen hätte Madame es vorgezogen, am Anhänger zu übernachten. Stur wie ein Esel reagiert sie nicht sehr überzeugend auf gutes Zureden, dass ein feiner Stall auf sie wartet. Hemma, die lebenspraktische Schafzüchterin, schnappt sich die Scheibtruhe, hebt das dreißig Kilogramm schwere Tier hinein. Ich darf weiterhin die Hundeleine kurz halten und den Weg ausleuchten. Schaftypisch kuschelt sich Lara in das neue Gefährt und wir kutschieren sie in den Stall. Da will sie dann aus der Scheibtruhe nicht mehr heraus. Der Schwerkraft sei Dank geht es jetzt leichter. Lara versteckt sich ein Weilchen. Dann kostet sie das frische Heu und erkundet die Umgebung des neuen Stalles. In ein paar Tagen, sobald der Zaun geflickt ist, darf sie raus zu ihren neuen Freundinnen. Falls die nicht schon vorher im Stall bei ihr vorbei schauen. Wir werden berichten.

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Kreativität und Mathematik

Kommenden Samstag besucht mich ein kleiner Freund mit seiner Mama. Im Sommer habe ich miterleben dürfen, dass er eine echte Sternstunde an unserer Vereins-Nähmaschine erlebte. Mit seinen acht Jahren saß er konzentriert, ruhig und sicher an der großen Maschine und nähte seine ersten geraden Nähte und Ecken, in Zickzackstich und mit normalem Stich. Wir waren ihm vollkommen egal, er hatte auf uns vergessen. Die Nähmaschine, der Stoff und er. Zu seinem Geburtstag darf er sich sein erstes Stofftier mit unserer Hilfe zusammen nähen. Sicherheitshalber von mir voraus studiert und probiert und für kompliziert aber gut befunden. Meine für den Hausgebrauch geeigneten Nähkenntnisse erweitern sich bei jedem Stück, das ich nähe. Es ist wieder einmal ein englischer Schnitt. Was mich bei all den kleinen Nähten und Ecken und vorausschauenden Schritten so umhaut ist die Präzision, mit der so ein Schnitt und die Anleitung gemacht werden muss. Wie Rundungen angelegt werden, dass sie Rundungen sind. Wie das mit den sauberen Ecken funktioniert. Mathematik in Reinkultur. Bestechende Logik. Nicht der kleinste Fehler ist der Schöpferin des Fuchses unterlaufen. Schritt für Schritt stimmt die Anleitung. Hier findet ihr Misty Whimsies übrigens. Und ich entdecke gerade, es gibt ein Tutorial. Hach. Mal sehen, was ich noch verbessern kann. Frau Fuchs aus upgecyeltem Tischtuch- und Regalbretterstoff und mit Füllwatte unserer Partnerin Maria sieht für einen Prototypen sehr passabel aus. Ich freu mich schon auf den flauschigen Gesellen, der am Wochenende in der Werkstatt vom Tisch hüpfen wird.

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Vor zwei Wochen ergab es sich, dass ich mit einer Freundin – endlich! – ins Puppenmuseum der Elli Riehl in Villach ging. Mir sind die kleinen Persönchen der Puppenmacherin seit meiner Kindheit bekannt. In einem gut besuchten Gasthaus in Maria Saal gab es Vitrinen mit ihren Brauchtumspuppen. Ich weiß, dass ich sie mir genau ansah. Wir waren zwei oder drei Mal mit den Eltern dort. Das Ganze war ein bisschen schummrig, gemischt mit Suppengerüchen aus der Wirtshausküche. Danach war ich sicher, ich könnte das auch. Versuchte es voller Herzklopfen. Allein und geheim. Scheiterte am Muttertag kolossal und wagte es gar nicht, die Monster herzuzeigen, die hätten Puppen sein sollen. Ich schämte mich fast zu Tode. Mindestens fünfzehn Jahre lang rührte ich keine herzustellende Puppe mehr an. Erst jetzt wird mir klar, wo all meine irrationalen Schamgefühle beim Herstellen der Puppen herkommen. Manche Minitraumen verpassen wir uns letztendlich selbst. Darüber reden und weinen und dann lachen hätte sicher geholfen. Tat ich aber nicht. Und einmal mehr zeigt sich – Puppenmachen heilt. Mich.

Dieses Mal gehe ich mit ganz anderen Augen in diese Ausstellung mit den 700 Puppen. Wir haben Glück, am Wochenende sperrt das Museum für heuer zu und öffnet erst wieder am Muttertag 2019. Ebenfalls eine Tradition. Ausnahmsweise lässt uns die freundliche Betreiberin schon zu Mittag ins Haus. Meine Freundin sagt mir später, sie ist skeptisch gewesen. Weder von meinem Gefasel über Puppen während unserer gemeinsamen Ausbildung noch über diese Dame habe sie ein klares Bild gehabt. Sie ist einfach offen für Neues. Bei mir setzt beim Rundgang durch die Räume, beim Ansehen des Filmes über die Puppenmacherin das übliche Herzklopfen ein. Wie habe ich die Puppen doch einseitig in Erinnerung! Ja, es ist eine Menge Tracht und Brauchtum zu sehen. Und ja, das ist nicht so mein Ding. Aber diese handgestichelten Wesen leben! Sie lachen, sie weinen, sie sind schelmisch und grantig, unsicher und  strotzend vor Selbstbewusstsein. Die Märchenecke mit ihren Wesen, die Zwerge sind traumhaft schön gemacht. Elli Riehl hatte noch keine trockenfilzende, modellierende Filznadel zur Verfügung. Sie nutzte Baumwollwatte, in Kleister getunkten Flanell, Farbe und Drahtgestell für ihre Figuren, die sie Stich für Stich von außen abnähte und in Form brachte. Die genauen Skizzen und Zeichnungen an der Wand zeigen, dass sie eigentlich eine bildende Künstlerin war und die Welt des Kunstgewerbes, die in Österreich für solche Tätigkeiten schnell zugeordnet wird, schnell hinter sich ließ.  Ich mache Fotos von all den Figuren, die mich begeistern. Wage es nicht, sie hier zu teilen, die neue DSVO liegt mir immer noch ein bisschen im Magen. Lieber selber hinschauen und staunen und sich beeindrucken lassen! Ich komme gerne mit 😀

Schwer begeistert und sehr berührt unterhalten wir uns noch eine lange Weile mit der Betreiberin des Museums. Das ist nicht mein letzter Besuch in der Gemeinde Treffen bei Villach gewesen. Und vielleicht übertreibe ich, einmal mehr bedaure ich, nicht früher auf mein Sehnen und Dehnen bezüglich des Puppenmachens gehört zu haben. Fast spüre ich einen inneren Auftrag, mich mit der Puppenmacherin noch intensiver auseinander zu setzen. Und wie das Leben es so will, schickt es mir die üblichen bestätigenden Zufälle in Form von Büchern und kleinen Texten über diese interessante Frau ins Leben. Das kenne ich schon. Dran bleiben, heißt das. Einverstanden.

monstervegetarisch

Unser Jüngster verblüfft mich immer wieder. Er wächst ganz natürlich mit unserer händischen Arbeit, mit unseren kreativen Ausflügen ins Tun auf. So gesehen hat das Leben einen recht guten Platz für ihn ausgesucht. Seit ein paar Wochen ist es das Monsternähen, das ihn gepackt hat. Er zeichnet seine Figuren selbst. Malt sie mit meinem Trickmarker auf Stoff, fädelt und stichelt und trennt. Und bleibt dran. Dieses Mal biete ich meine Dienste an der Nähmaschine an und wir einigen uns, dass die bis zu einem Zentimeter großen Stiche auch als Heftnaht zu bezeichnen sind, damit ich an der Maschine besser weiß, wo es lang geht. Dass die Watte heraus quellen würde. Und dass man Arme und Beine nicht nur nähen sondern auch aus Fäden entstehen lassen kann. Und wie die einzunähen sind, damit das Umdrehen später so klappt, dass sie außen am Körper sind und nicht innen. Pure Logik. Pure Mathematik. Mit räumlichem Denken. Nun lassen sich die drei Hörnchen am Kopf auch gut ausstopfen. Mal sehen, ob das gestreifte Monster noch den wilden Mund bekommt oder ob das nächste Monster entstehen will. Das hier ist übrigens ein vegetarisches Streifenmonster. Mehr kann ich mich leider nicht mehr erinnern. Und ich schaffe es nicht, die Beschreibung auf der wie so oft genauen Skizze des jungen Designer’s zu entziffern. Mal sehen, ob der kleine Mann auch schon an die Maschine will. Bis jetzt ist er ganz zufrieden, mit der Hand zu nähen. Seine Feinmotorik verbessert sich sichtlich.

Puppen und das Leben

Grad ist recht viel los. Wir feiern in der Familie. Meine Enkelin, die Tochter meiner geliebten Tochter und ihres geliebten Partners, ist am Montag ein Jahr auf diesem Planeten. Ich kann gar nicht sagen, wie sehr auch ich dieses selbstbewusste kleine Mädel liebe. Von ihren Eltern mal abgesehen. Und von der ganzen neuen Familie, durch die sie einen Weg zu uns fand.

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Dann gibt es in meinem direkten und indirekten Umfeld urplötzlich mehrere Konflikte. An manchen bin ich direkt beteiligt, an anderen indirekt. Ich stehe vor der Herausforderung, in Extreme zu verfallen. Dem Wunsch, davon zu laufen. Mich grundsätzlich ein bisschen oder viel schuldig zu fühlen. Nüchtern nachzudenken, worum es hier eigentlich gehen könnte, setzt erst nach mindestens einer Nacht Schlaf ein. Den anderen zu sehen, der auch nur ein Mensch ist und aus irgendeinem ihm vermutlich triftigen und wichtigen Grund handelt, wie er handelt. Zwischendurch setzen Totstellprozesse ein, ich halte die Luft an und warte, was als nächstes geschieht. Pfoah. Manche lieben Streit. Ich gehöre nicht dazu. Aus irgendeinem mir nicht ganz bekannten Grund fällt er mir sogar ganz schön schwer. Kostet Kraft und Mut und Durchhaltevermögen. Die Auseinandersetzung bringt mir durchaus auch Energie zurück, die sich irgendwie eingesperrt anfühlt, lähmend in ihrer Blockiertheit, herzklopfend in der Überwindung. Und sehr erleichternd und herzweitend, wenn mir klar wird, worum es in der Sache eigentlich geht. Dass es tatsächlich nötig ist, Haltung anzunehmen, Stellung zu beziehen, den eigenen Standpunkt auszudrücken. Holy Moly.

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Sehr spannend finde ich, wie sich diese Prozesse an meiner Puppe zeigen, die noch dazu namenlos ist. Noch nie im vergangenen Jahr ist es mir passiert, dass ich einer Puppe ein Gesichtstrikot neu machen musste. Beim diesem ersten Durchgang waren die Augen einerseits zu weit auseinander stehend. Und andererseits viel zu riesig für das zarte Gesicht. Die gemalte Form der Augen lief mir auch irgendwie aus dem Ruder. Gut. Das geschieht. Ist eigentlich auch keine große Sache, solange die Haare noch nicht dran sind. Also – neu machen. Da ich die Ohren vergessen habe, kommen sie nun sofort dran. Dieses Mal stecke ich sicherheitshalber nur Nadelaugen. Ganz klar ist die Augenfarbe. Blitzblau.  Beim zweiten Mal gelingen Iris, Pupille und Lichtpunkt sofort. Ich probiere bei den Augenbrauen und den Sommersprossen meine Aquarellstifte aus, die angeblich so gut funktionieren. Ohne nachzudenken male ich einfach los, ohne vorher etwas auszuprobieren. Sie bekommen was Diabolisches, Entschlossenes. Sanfte Puppe wird das keine, sondern sie entspricht im Ausdruck einer Lösung meines Inneren – komm her, trau dich, wir streiten das jetzt aus. So oft schreibt Fabs darüber, wie heilsam das Puppenmachen ist. So massiv habe ich das noch nicht erlebt.

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Das Machen der Perücke mit den Naturlocken dauert bei mir nicht vier oder fünf Tage sondern eine Woche. Der kleinförmige Kräutermist lässt sich nicht aus den Locken waschen. Also bürste ich irgendwann die Lockenpracht, wovon in allen Foren abgeraten wird. Nun hat meine Puppe einen Struwwelpeter-Look. Wovon ebenfalls in allen Foren geschrieben wird. Ich kann damit leben und muss schon ein wenig lachen. Gelingt dieses Mal gar nichts? Ich frage dann doch in meiner Puppen-MAL nach, was ich gegen die abstehenden, fliegenden aber immerhin sauberen Haare machen kann. Höre Unterschiedlichstes. Und wende heute jene Methode an, die mir am ungefährlichsten scheint: ich wasche die Haare mit kaltem Wasser und knete die Locken ausgiebig. Et voilà, sie hat wieder kleine Locken und Fransen. Ganz ohne Chemie, ganz ohne Öl. Die Augenbrauen rubble ich vorsichtig mit ein bisschen Wasser an. Der Trikot reagiert beleidigt, wirkt leicht beschädigt. Dafür schaut die Kleine jetzt nicht mehr so giftig. Da sie mich nun eine Saison durch die MAL mit all den anderen Puppenmacherinnen begleitet und alles mögliche an Garderobe bekommen wird, passt das gut. Sie muss nicht perfekt sein. Und sie darf mich ein Jahr daran erinnern, dass ich eine Lektion lerne in diesem Workshop, der sich „Leben“ nennt.

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Und ja, es ist auch was ganz Feines gelungen an ihr: sie sitzt selbständig. Dank ihres Popos, den ich dieses Mal schon richtiger hinbekommen habe als letztes Mal. Sie sitzt freihändig. Danke liebe Astrid für den tollen Schnitt.

Upcycling und Puppen

Schafe dürften direkte Verwandte von sich im Dreck wälzenden Schweinen sein. Geringfügig sauberer. Sie schleppen ihre Locken durch den Dreck. Wo sie halt grad wohnen. Ich glaub, Hemma, wir sollten unsere Schafe am Meer leben lassen, Sand löst sich gleich beim ersten Ausbürsten des Lockenansatzes vorm Nähen. Das lernt frau am Weg von der eh nur leicht verschmutzten Wolle bis zur Meterware für die Perücke. Diese Schafe hatten Erde und Wiesen. Ganz bestimmt. Ich weiß jetzt, welche Fragen ich meinen Lehrerinnen stellen werde. Wie sie es schaffen, diesen Mikroschmutz aus den Locken herauszuwaschen, ohne dabei die Lockenstruktur zu zerstören. Ich rede nicht von Kräuterresten und Ästchen. Nein, ich will gar nicht so genau wissen, wovon ich hier rede. Dann möchte ich wissen, wie ich das nächste Mal die Locken weniger verfilze. Vermutlich weniger verzweifelt herum wutzeln. Ob mein Wollwaschmittel wirklich so geeignet ist oder ob es ein schonenderes gibt. Vermutlich im Bioladen. Und vermutlich mit Lanolin, das nach dem Auswaschen des Schmutzes wieder hinein gehört. Die Haare der neuen Stoffpuppe werden nicht mehr so nach Schaf riechen wie die Haare ihrer Brüder und Schwestern. Sie riechen synthetisch und glänzen. Dafür sind sie jetzt ein bissel weniger weich. Konditioner oder Öl hineinkneten, fällt mir grad ein. Irgendwo in einem Tutorial gehört oder gelesen. Unglaublich, was aus den scheinbar weißen Schnittstellen noch an graubrauner Farbe heraus kommt beim Waschen. Fabs schreibt, eine Perücke dauert bei ihr fünf Tage. Wenn sie gut ist, vier Tage. Also, einen ganzen Tag kann ich nun verzeichnen. Klebrige Locken am Ansatz mit der Katzenbürste ausbürsten. Vier (!) Mal in Tüllstreifen hineinnähen und fixieren. Einmal waschen. Ausspülen. Feststellen: noch einmal waschen. Ausspülen. Noch einmal waschen. Ausspülen. Und das alles im Doppelgang, jeweils eineinhalb Meter. So viel braucht der Kopf der Stoffpuppe in meiner Größe.

Jetzt trocknen die Locken in der Herbstsonne im Wintergarten vor sich hin. Sind fast weiß, ein Hauch von Blond in den Spitzen. Und ziemlich sauber. Mal sehen, was meine Kolleginnen in der digitalen Facebook-Mal dazu sagen. Und ob ich nicht auch fertig gebündelte und gewaschene Lockensträhnen kaufe. Möchte ja auch die Haare vom Teeswaterschaf ausprobieren. Auch eine Rarität an Schafen, die in derzeitiger Nochreichweite nur auf meiner britischen Insel leben. Hemma, ich möchte es eh nur gesagt haben.

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Ach ja, Upcycling. Vorgeschichte: es gibt sie, diese peinlichen Fehlkäufe. Ich habe mir eingebildet, unser rustikaler Wintergarten würde so weich und schön ausschauen mit weißen Tüllvorhängen. Der Fehlkauf vor fünf Jahren waren Vorhänge wie Moskitonetze. Es hat eh schön ausgesehen. Das Licht fiel weich durch die Stoffbahnen. Weich fanden allerdings auch alle Spinnen des uralten Gasthauses die vielfältigen Möglichkeiten, Nester zu bauen und Fliegen und Asseln und Schmetterlinge und Bienen und so weiter und so fort zu fangen und zu verspeisen. Nach einem knappen Jahr holten wir wieder alles runter, beutelten Opfer und Täter aus und wuschen und verstauten im letzten Eck, was sich als unbrauchbar heraus gestellt hatte. Wegwerfen ist nicht so unser Ding. Und siehe da, wir sind nur grenzgehende Messies. Upcycling bedeutet nämlich auch, dass etwas Höherwertiges aus etwas Altem entsteht. Also nutze ich die ungeliebten Moskitonetzstoffe für die meterlangen Bahnen meiner blonden Stoffpuppen. Einen Inch breit, 48 Inch lang. Auch daran gewöhnt frau sich beim Stoffpuppennähen. Zurück zum Thema: ich werde mein Lebtag nicht für Perücken verbrauchen können, was ich hier fehlgekauft habe. Sondern ich werde das Material großzügig in meinen Kursen weiterschenken, wenn es wer für ähnliche oder noch bessere Zwecke braucht. Nur dass ihr das wisst, ihr potentiellen StoffpuppennäherInnen da draußen. Ach ja, und ich komme drauf, dass meine Nähmaschinen unterschiedliche Vorstellungen von Garn haben. Also wann sie es anfangen zu fressen. Die mit dem Doppeltransporter packt auch das billige Material, mit dem ich mich vor einem Jahr oder zwei im Großversand eingedeckt hatte, weil mir die Profiqualität schlicht und ergreifend zu teuer war. Geradestich packt sie, Zickzack reißt der Faden wieder permanent. Also – werde ich vorsichtig auch dieses Billiggarn verbrauchen, damit es nicht umsonst hergestellt worden ist.

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So. Und jetzt nix wie unter die Dusche. Unsere Studentin Christina stellt unser Klagenfurter Why-Not-Projekt in Moosburg vor, freu mich sehr drauf, den tollen bürgerbeteiligten Neubau an der Hauptstraße endlich auch mal von innen zu sehen. Doch das ist eine andere Geschichte, die frei nach Michael Ende – ihr wisst schon – ein anderes Mal erzählt werden soll.