Lernzeit und Glück

Irgendwie – typisch ich. Da mache ich eine Sache intensiv. Eineinhalb Jahre. Und dann kommt sie wieder, diese Stimme. Geht das noch anders? Gibt es da noch etwas Anderes? Willst du das wirklich immer und für ewig weiter machen?

Genau. Alles hinzuschmeißen. Meine geliebte Lieblingsstrategie. Liebe Puppen, es war sehr schön. Es hat mich sehr gefreut. Dieses Mal, dieses Mal ist es anders. Drei Kurse mit sechs wunderbaren Frauen und einem wunderbaren Mann mit dem Lehren einfacher Puppen nach Waldorf-Art liegen hinter mir. Sie sind alle bezaubernd geworden, jede einzelne. Und ich weiß, dass bereits neue Wesen entstehen. Puppen machen ist hoch ansteckend. Jede Woche arbeite ich zusätzlich mit einem Dreamteam und Sechs- bis Zehnjährigen an Filzraben, an Paperclay-Köpfen für Handpuppen. Das Lernen löst bei mir Lernen aus. So gut wie täglich übersetze ich Seiten des genialen Buches „Anatomy of a Doll“. Es fühlt sich an wie ein Selbststudium, Puppenmachen und brushing up my English. Im Grunde lerne ich erst jetzt kennen, was sich hinter dieser Kunstform des Puppenmachens verbirgt. Die von mir so geschätzte Villacher Puppenmacherin Elli Riehl hat nicht umsonst großen Eindruck bei der kleinen Lisa hinterlassen. Elli Riehl war eine Künstlerin, durch und durch. Fotografierte Gesichter und Bewegungen im Geist ab und modellierte sie daheim mit Nadel und Faden in Flanell und Baumwollwatte. Im amerikanischen Buch tauchen ähnliche Puppen auf, hier spricht die Autorin vom „needlesculpting“, was ich frei als „mit der Nadel modellieren“ übersetzen würde. Und nein, nicht mit Filznadeln, das ist wieder eine andere Technik.

Bei mir führt all das Lernen und Forschen und Lesen dazu, dass ich noch einmal von vorne beginne. Ich beginne noch einmal bei den einfachsten Umrissformen. Es braucht so wenig, um menschenähnliche und manchmal archaische Wesen zu machen. Ich löse mich von schönen Schnitten, zeichne mir auf, was ich mir vorstelle. All die Themen aus unserer heilsamen „Body Positivity“-Frauengruppe inspirieren mich. Ebenso die eine geliebte Freundin, die wie eine Göttin tanzt, wenn sie sich den Raum dafür nimmt. Beim Tun entstehen sofort neue Ideen. Wie sehr es mir jetzt zugute kommt, dass ich wunderschöne alte Kleidungsstücke, Innenraumstoffmuster und all das andere Klimbim sortiert und aufbewahrt habe. Heute beim Aneinandernähen meiner ersten einfachen Skulptur spüre ich sie wieder: reine Freude gluckst bauchaufwärts, nimmt mir fast die Luft zum Atmen, löst unkontrollierbares Herzklopfen aus. Es ist reine Lust am Tun aus mir heraus. Eine Überdosis Glück. Nebenwirkungsfrei.

Wie immer in solchen Zeiten habe ich absolut keine Ahnung, wohin die Reise geht. Ich reise, also bin ich. Mein ältester Sohn, der jetzt elf Monate auf diesem Planeten allein mit seinem Rucksack unterwegs ist, verspricht, auf allen Kontinenten Puppenformen abzufotografieren und sie auf Instagram hochzuladen. So weiß ich auch, wo er gerade ist. An einem entsprechenden Hashtag tüfteln wir noch. Darüber schreibe ich zu einem späteren Zeitpunkt mehr.

Nebenbei geschieht still und leise Frühling und Frühsommer. Ich übersiedle täglich Teile meines Lebensmittelpunktes in meinen Wohnwagen, der derzeit vor allem Studio und lichtdurchfluteter Arbeitsplatz ist. Möglicherweise schaffen wir heuer den Um- und Ausbau meines Außenstudios nebenan, von dem ich träume. Wir. Ich will ehrlich sein. Alexander und Sami schuften, damit der angeräumte Raum wieder leer wird. Der Raum wird später hauptsächlich aus gesammelten Fenstern und Glastüren bestehen. Schwedenrot für den Außenanstrich, ganz hell und sparsam eingerichtet innen. Herzklopfen auch hier.

Ragdolls und Zufälle

Heute läutet früh am Morgen das Smartphone. Ein Michel. Bezaubernder Akzent, klingt nach Schweiz. Und Puppen und Verein und Interreg. Und ob er vorbei kommen kann. Er kann. Und ich schaue, dass ich munter werde. Mein Liebster wechselt die dreckige Montur der Holzwerkstatt gegen ein pipifeines Sakko. Sehr ungewöhnlich. Ich räume in meinem Studio wenigstens die Kisten und Schachteln weg, die ich gestern wie üblich chaotisch über den ganzen Tisch verstreut habe. Als das Elektroauto um die Kurve schnurrt, sind wir aufnahmebereit. Dieser Mann und seine Funktion in der Region Mittelkärnten sind ein absoluter Glücksfall für uns. Wir werden miteinander das Muttertagswochenende in Treviso verbringen. Inklusive Konferenz und der in Italien so typischen Weinverkostung und spätem Abendessen. Und den Sonntag in einem archäologischen Park verbringen. Um richtige, echte Lumpenpuppen mit Kindern und Eltern anzufertigen.

Der Zufall war es wie so oft in meinem Leben, der mir vor drei Wochen dieses geniale Puppenmacherhandbuch „Anatomy of a Doll“ im Internet vorschlug. Diese Fundgrube an konkretem Handwerk, meine aktuelle Arbeitsbibel, hat natürlich auch zwei Kapitel über Puppen von Damals integriert. Diese Brücke zum archäologischen Park in Treviso möchten wir bauen. Wie wurden früher Puppen hergestellt? Wie machen wir das heute? Welche Werkzeuge sind dazu gekommen? Wie gehen wir es als Eltern generell an, Puppen anzubieten? Machen wir sie noch selbst oder kaufen wir sie im Supermarkt ums Eck?

Rasch wird klar, wie wir mit Kindern ganz einfache Puppen machen werden, idealerweise ohne Nähmaschine, dafür viel Geknüpftes, Gefaltetes, Gerissenes und vor allem Einfaches. Mit Stöckchen, Ästchen, viel upgecycelten Stoffen und Wolle und vielleicht dem einen oder anderen Socken. Und selbstverständlich mit allen menschlichen Hautfarben dieser Welt. Michel möchte bis übermorgen einen Text und – Fotos. Sami, unser großzügiger Jüngster, der sich noch gern vor der Kamera bewegt, beweist mir mit seinen neun Jahren, dass es leicht möglich ist, so eine Ragdoll mit Kindern herzustellen. Ich zeige es vor, er macht es nach. Geschickt wie immer. Wenn Sami will, dann kann er seine Hände ganz gezielt einsetzen. Und Puppen machen will er. Er bedankt sich auch noch überschwänglich, dass ich ihm gezeigt habe, wie einfach es ist, eine Puppe herzustellen. Und er erzählt mir mit leuchtenden Augen von einem Mittelalterbuch, in dem er auch schon einen Text über Lumpenpuppen gelesen hat. Oder war es im Indianerbuch? Oder überhaupt im Schulheftchen? Auf jeden Fall sagt ihm der Begriff „Lumpenpuppe“ ganz viel.

Und ich muss es einfach sagen: ich bin meinem Leben unendlich dankbar. Obwohl draußen das erste Hagelgewitter (!) dieses Frühlings über uns hinweg zieht, climate change, ja, wir stellen es auch fest. Und trotzdem: dieses „Zurück-an-den-Start“ mit meinen Geschöpfen, die nun schon recht fordernd, derzeit ernsthaft und zeitintensiv und arbeitsaufwändig sind, tut mir so gut. Mit einfachen Lumpenpuppen und ihrer Herstellung einen Tag lang herumzuspielen macht riesigen Spaß und stärkt meine Seele. Heute im Internet bei meinen Forschungsgängen durch die Welt der echten ragdolls staune ich, wie viele Menschen sich mit dieser Thematik beschäftigen. Quer durch alle Kulturen. Wie sehr ich hoffe, dass vor allem unsere afghanischen und irakischen Freundinnen und Freunde den Kopf wieder frei bekommen, um dort mit mir weiterzuarbeiten, wo sie in ihrer Not und ihrem Unglück aufgehört haben. Die Herangehensweisen an die Puppenherstellung sind so unterschiedlich, wie es verschiedene Menschen gibt. Und immer wieder linst Frau Kunst um die Ecke und freut sich, dass sie Futter bekommt.

Drei Frauen und ein Schaf

Diese Woche war eine sehr besondere Woche. Nicht nur, dass im Studio zwei neue Wesen entstanden sind, die Prinzessin Orsola zur Grundlage haben.

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Ich bekomme ganz ein weites Herz und weiche Knie, wenn ich sie mir beim Tun anschaue, wie sie so werden, was sie an Haaren einfordern, an Kleidung. Magisch. Übrigens auch, dass Alexander den ersten hölzernen Kleiderständer angefertigt hat. Kleiderbügel folgen.

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Es kommt auch nicht alle Tage vor, dass ich zum Briefkasten gehe und Post aus Mexico heraus klaube. Echte, gute alte snailmail. Meine geliebte Lehrerin hat mir Miss Lollipop geschickt. Als Geschenk, von Puppenmacherin zu Puppenmacherin. Fürs shooting und überhaupt lässt die Wüstenprinzessin mit der bunten Mütze ausrichten, sie friert. Und schnappt sich den neuesten beigen Wintermantel mit der Goldspitze.

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Ich kann gar nicht in Worten ausdrücken, was das mit mir macht. Dankbarkeit, oh ja. Liebe. Oh ja, noch viel mehr. Und diese Riesenlust, einfach immer weiter zu tun. Ich bin glücklich, wenn ich in meinem Puppenstudio sitze, meine Finger langsam aber sicher wissen, was sie zu tun haben. Alle Laden und Kisten und Schachteln ihre Schätze anbieten, um zu einem respektablen und zufriedenstellenden Ergebnis zu kommen. Wenn sich diese wundersame Beziehung aufbaut zwischen der Macherin und ihrem Geschöpf. Danke Fabs, für alles. Einfach alles.

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Als die Puppenmacherin in mir nach unserer heurigen Englandreise im Juli herumfragt, ob jemand diese in Österreich sehr seltenen Wensleydaleschafe und ihre wollenen Produkte hat, findet sie vor allem Viktoria und Martin Kroisleitner. Aus einem e-mail-Kontakt wird ein telefonischer. Meine Schafzüchterfreundin Hemma, die mir vor zwei Jahren die ersten Puppenmacherschritte zeigt und immer wieder mit mir arbeitet, schaltet sich ein. Meine zweite Puppen-Freundin Regina Maria geht mit. Und trotz mancher Unkenrufe – nun ja, warum auch nicht – sind wir drei Frauen, die ein Schaf halten.

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Gestern haben Hemma und ich Lara mit dem Anhänger am Alpakahof Kroisleitner in der wunderschönen Hügellandschaft des Peter Rossegger abgeholt. Und gleich die ganze Familie kennen gelernt. Samt Kindern, Meerschweinchen, Alpakas, dem kleinen Hofladen und den vielen Plänen. Alpakas schauen übrigens nicht nur zum Verlieben aus, mit ihren neugierigen großen Augen und den üppigen Stirnfransen. Sondern ihre Wolle kratzt auch nicht. Was wir erfühlen, als wir Viktoria’s gestrickte Schönheiten in der Hand halten.

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Wie sehr wir euch wünschen, dass eure Wünsche sich erfüllen! Ich bin sehr gespannt, ob dieses Nebengebäude zu dem englischen Cottage wird, das ich derzeit sehen kann. Wir bleiben ganz bestimmt in Kontakt!

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Ganz im Gegensatz zu unseren stillen Befürchtungen eines bockspringenden, wütenden oder verunsicherten Schafes verhält sich Lara auf ihrer ersten Reise so, wie sich Schafe verhalten: neue Situation, einverstanden. Als wir nach den ersten Kilometern unter die Plane des heukuschelig weich ausgepolsterten Anhängers schauen, blinzelt uns eine verschlafene Lara an. Wir haben das Gefühl, einen zotteligen Riesenhund mit heim zu nehmen.

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Lara wohnt ab sofort artgerecht bei Hemma am Berg, gemeinsam mit den anderen Brillenschafdamen. Mit Stall und Auslauf in die Wiesen und Wälder und zurück in den Stall, wenn es dann doch irgendwann mal kalt werden sollte. Wir denken schon über eine gemütlich warme Schafdusche mit Wollshampoo vorm Scheren nach. Ich bin relativ sicher, wir können auch das mit Hilfe von handwerklich geschickten Freunden umsetzen. Und ich kann endlich die in die Flüsse gebauten Holztröge zuordnen, die wir in England, Schottland und Wales auf jeder Schafwiese mit Fließwasser sehen konnten. Ja, aus dieser Schafsidee könnte mehr entstehen. Derzeit ist es einfach, was es ist. Welcome Lara!

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Am Berg, bei dichtem Bodennebel und im Licht unserer Handylampen hätte Madame es vorgezogen, am Anhänger zu übernachten. Stur wie ein Esel reagiert sie nicht sehr überzeugend auf gutes Zureden, dass ein feiner Stall auf sie wartet. Hemma, die lebenspraktische Schafzüchterin, schnappt sich die Scheibtruhe, hebt das dreißig Kilogramm schwere Tier hinein. Ich darf weiterhin die Hundeleine kurz halten und den Weg ausleuchten. Schaftypisch kuschelt sich Lara in das neue Gefährt und wir kutschieren sie in den Stall. Da will sie dann aus der Scheibtruhe nicht mehr heraus. Der Schwerkraft sei Dank geht es jetzt leichter. Lara versteckt sich ein Weilchen. Dann kostet sie das frische Heu und erkundet die Umgebung des neuen Stalles. In ein paar Tagen, sobald der Zaun geflickt ist, darf sie raus zu ihren neuen Freundinnen. Falls die nicht schon vorher im Stall bei ihr vorbei schauen. Wir werden berichten.

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Kreativität und Mathematik

Kommenden Samstag besucht mich ein kleiner Freund mit seiner Mama. Im Sommer habe ich miterleben dürfen, dass er eine echte Sternstunde an unserer Vereins-Nähmaschine erlebte. Mit seinen acht Jahren saß er konzentriert, ruhig und sicher an der großen Maschine und nähte seine ersten geraden Nähte und Ecken, in Zickzackstich und mit normalem Stich. Wir waren ihm vollkommen egal, er hatte auf uns vergessen. Die Nähmaschine, der Stoff und er. Zu seinem Geburtstag darf er sich sein erstes Stofftier mit unserer Hilfe zusammen nähen. Sicherheitshalber von mir voraus studiert und probiert und für kompliziert aber gut befunden. Meine für den Hausgebrauch geeigneten Nähkenntnisse erweitern sich bei jedem Stück, das ich nähe. Es ist wieder einmal ein englischer Schnitt. Was mich bei all den kleinen Nähten und Ecken und vorausschauenden Schritten so umhaut ist die Präzision, mit der so ein Schnitt und die Anleitung gemacht werden muss. Wie Rundungen angelegt werden, dass sie Rundungen sind. Wie das mit den sauberen Ecken funktioniert. Mathematik in Reinkultur. Bestechende Logik. Nicht der kleinste Fehler ist der Schöpferin des Fuchses unterlaufen. Schritt für Schritt stimmt die Anleitung. Hier findet ihr Misty Whimsies übrigens. Und ich entdecke gerade, es gibt ein Tutorial. Hach. Mal sehen, was ich noch verbessern kann. Frau Fuchs aus upgecyeltem Tischtuch- und Regalbretterstoff und mit Füllwatte unserer Partnerin Maria sieht für einen Prototypen sehr passabel aus. Ich freu mich schon auf den flauschigen Gesellen, der am Wochenende in der Werkstatt vom Tisch hüpfen wird.

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Vor zwei Wochen ergab es sich, dass ich mit einer Freundin – endlich! – ins Puppenmuseum der Elli Riehl in Villach ging. Mir sind die kleinen Persönchen der Puppenmacherin seit meiner Kindheit bekannt. In einem gut besuchten Gasthaus in Maria Saal gab es Vitrinen mit ihren Brauchtumspuppen. Ich weiß, dass ich sie mir genau ansah. Wir waren zwei oder drei Mal mit den Eltern dort. Das Ganze war ein bisschen schummrig, gemischt mit Suppengerüchen aus der Wirtshausküche. Danach war ich sicher, ich könnte das auch. Versuchte es voller Herzklopfen. Allein und geheim. Scheiterte am Muttertag kolossal und wagte es gar nicht, die Monster herzuzeigen, die hätten Puppen sein sollen. Ich schämte mich fast zu Tode. Mindestens fünfzehn Jahre lang rührte ich keine herzustellende Puppe mehr an. Erst jetzt wird mir klar, wo all meine irrationalen Schamgefühle beim Herstellen der Puppen herkommen. Manche Minitraumen verpassen wir uns letztendlich selbst. Darüber reden und weinen und dann lachen hätte sicher geholfen. Tat ich aber nicht. Und einmal mehr zeigt sich – Puppenmachen heilt. Mich.

Dieses Mal gehe ich mit ganz anderen Augen in diese Ausstellung mit den 700 Puppen. Wir haben Glück, am Wochenende sperrt das Museum für heuer zu und öffnet erst wieder am Muttertag 2019. Ebenfalls eine Tradition. Ausnahmsweise lässt uns die freundliche Betreiberin schon zu Mittag ins Haus. Meine Freundin sagt mir später, sie ist skeptisch gewesen. Weder von meinem Gefasel über Puppen während unserer gemeinsamen Ausbildung noch über diese Dame habe sie ein klares Bild gehabt. Sie ist einfach offen für Neues. Bei mir setzt beim Rundgang durch die Räume, beim Ansehen des Filmes über die Puppenmacherin das übliche Herzklopfen ein. Wie habe ich die Puppen doch einseitig in Erinnerung! Ja, es ist eine Menge Tracht und Brauchtum zu sehen. Und ja, das ist nicht so mein Ding. Aber diese handgestichelten Wesen leben! Sie lachen, sie weinen, sie sind schelmisch und grantig, unsicher und  strotzend vor Selbstbewusstsein. Die Märchenecke mit ihren Wesen, die Zwerge sind traumhaft schön gemacht. Elli Riehl hatte noch keine trockenfilzende, modellierende Filznadel zur Verfügung. Sie nutzte Baumwollwatte, in Kleister getunkten Flanell, Farbe und Drahtgestell für ihre Figuren, die sie Stich für Stich von außen abnähte und in Form brachte. Die genauen Skizzen und Zeichnungen an der Wand zeigen, dass sie eigentlich eine bildende Künstlerin war und die Welt des Kunstgewerbes, die in Österreich für solche Tätigkeiten schnell zugeordnet wird, schnell hinter sich ließ.  Ich mache Fotos von all den Figuren, die mich begeistern. Wage es nicht, sie hier zu teilen, die neue DSVO liegt mir immer noch ein bisschen im Magen. Lieber selber hinschauen und staunen und sich beeindrucken lassen! Ich komme gerne mit 😀

Schwer begeistert und sehr berührt unterhalten wir uns noch eine lange Weile mit der Betreiberin des Museums. Das ist nicht mein letzter Besuch in der Gemeinde Treffen bei Villach gewesen. Und vielleicht übertreibe ich, einmal mehr bedaure ich, nicht früher auf mein Sehnen und Dehnen bezüglich des Puppenmachens gehört zu haben. Fast spüre ich einen inneren Auftrag, mich mit der Puppenmacherin noch intensiver auseinander zu setzen. Und wie das Leben es so will, schickt es mir die üblichen bestätigenden Zufälle in Form von Büchern und kleinen Texten über diese interessante Frau ins Leben. Das kenne ich schon. Dran bleiben, heißt das. Einverstanden.

monstervegetarisch

Unser Jüngster verblüfft mich immer wieder. Er wächst ganz natürlich mit unserer händischen Arbeit, mit unseren kreativen Ausflügen ins Tun auf. So gesehen hat das Leben einen recht guten Platz für ihn ausgesucht. Seit ein paar Wochen ist es das Monsternähen, das ihn gepackt hat. Er zeichnet seine Figuren selbst. Malt sie mit meinem Trickmarker auf Stoff, fädelt und stichelt und trennt. Und bleibt dran. Dieses Mal biete ich meine Dienste an der Nähmaschine an und wir einigen uns, dass die bis zu einem Zentimeter großen Stiche auch als Heftnaht zu bezeichnen sind, damit ich an der Maschine besser weiß, wo es lang geht. Dass die Watte heraus quellen würde. Und dass man Arme und Beine nicht nur nähen sondern auch aus Fäden entstehen lassen kann. Und wie die einzunähen sind, damit das Umdrehen später so klappt, dass sie außen am Körper sind und nicht innen. Pure Logik. Pure Mathematik. Mit räumlichem Denken. Nun lassen sich die drei Hörnchen am Kopf auch gut ausstopfen. Mal sehen, ob das gestreifte Monster noch den wilden Mund bekommt oder ob das nächste Monster entstehen will. Das hier ist übrigens ein vegetarisches Streifenmonster. Mehr kann ich mich leider nicht mehr erinnern. Und ich schaffe es nicht, die Beschreibung auf der wie so oft genauen Skizze des jungen Designer’s zu entziffern. Mal sehen, ob der kleine Mann auch schon an die Maschine will. Bis jetzt ist er ganz zufrieden, mit der Hand zu nähen. Seine Feinmotorik verbessert sich sichtlich.

Puppen und das Leben

Grad ist recht viel los. Wir feiern in der Familie. Meine Enkelin, die Tochter meiner geliebten Tochter und ihres geliebten Partners, ist am Montag ein Jahr auf diesem Planeten. Ich kann gar nicht sagen, wie sehr auch ich dieses selbstbewusste kleine Mädel liebe. Von ihren Eltern mal abgesehen. Und von der ganzen neuen Familie, durch die sie einen Weg zu uns fand.

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Dann gibt es in meinem direkten und indirekten Umfeld urplötzlich mehrere Konflikte. An manchen bin ich direkt beteiligt, an anderen indirekt. Ich stehe vor der Herausforderung, in Extreme zu verfallen. Dem Wunsch, davon zu laufen. Mich grundsätzlich ein bisschen oder viel schuldig zu fühlen. Nüchtern nachzudenken, worum es hier eigentlich gehen könnte, setzt erst nach mindestens einer Nacht Schlaf ein. Den anderen zu sehen, der auch nur ein Mensch ist und aus irgendeinem ihm vermutlich triftigen und wichtigen Grund handelt, wie er handelt. Zwischendurch setzen Totstellprozesse ein, ich halte die Luft an und warte, was als nächstes geschieht. Pfoah. Manche lieben Streit. Ich gehöre nicht dazu. Aus irgendeinem mir nicht ganz bekannten Grund fällt er mir sogar ganz schön schwer. Kostet Kraft und Mut und Durchhaltevermögen. Die Auseinandersetzung bringt mir durchaus auch Energie zurück, die sich irgendwie eingesperrt anfühlt, lähmend in ihrer Blockiertheit, herzklopfend in der Überwindung. Und sehr erleichternd und herzweitend, wenn mir klar wird, worum es in der Sache eigentlich geht. Dass es tatsächlich nötig ist, Haltung anzunehmen, Stellung zu beziehen, den eigenen Standpunkt auszudrücken. Holy Moly.

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Sehr spannend finde ich, wie sich diese Prozesse an meiner Puppe zeigen, die noch dazu namenlos ist. Noch nie im vergangenen Jahr ist es mir passiert, dass ich einer Puppe ein Gesichtstrikot neu machen musste. Beim diesem ersten Durchgang waren die Augen einerseits zu weit auseinander stehend. Und andererseits viel zu riesig für das zarte Gesicht. Die gemalte Form der Augen lief mir auch irgendwie aus dem Ruder. Gut. Das geschieht. Ist eigentlich auch keine große Sache, solange die Haare noch nicht dran sind. Also – neu machen. Da ich die Ohren vergessen habe, kommen sie nun sofort dran. Dieses Mal stecke ich sicherheitshalber nur Nadelaugen. Ganz klar ist die Augenfarbe. Blitzblau.  Beim zweiten Mal gelingen Iris, Pupille und Lichtpunkt sofort. Ich probiere bei den Augenbrauen und den Sommersprossen meine Aquarellstifte aus, die angeblich so gut funktionieren. Ohne nachzudenken male ich einfach los, ohne vorher etwas auszuprobieren. Sie bekommen was Diabolisches, Entschlossenes. Sanfte Puppe wird das keine, sondern sie entspricht im Ausdruck einer Lösung meines Inneren – komm her, trau dich, wir streiten das jetzt aus. So oft schreibt Fabs darüber, wie heilsam das Puppenmachen ist. So massiv habe ich das noch nicht erlebt.

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Das Machen der Perücke mit den Naturlocken dauert bei mir nicht vier oder fünf Tage sondern eine Woche. Der kleinförmige Kräutermist lässt sich nicht aus den Locken waschen. Also bürste ich irgendwann die Lockenpracht, wovon in allen Foren abgeraten wird. Nun hat meine Puppe einen Struwwelpeter-Look. Wovon ebenfalls in allen Foren geschrieben wird. Ich kann damit leben und muss schon ein wenig lachen. Gelingt dieses Mal gar nichts? Ich frage dann doch in meiner Puppen-MAL nach, was ich gegen die abstehenden, fliegenden aber immerhin sauberen Haare machen kann. Höre Unterschiedlichstes. Und wende heute jene Methode an, die mir am ungefährlichsten scheint: ich wasche die Haare mit kaltem Wasser und knete die Locken ausgiebig. Et voilà, sie hat wieder kleine Locken und Fransen. Ganz ohne Chemie, ganz ohne Öl. Die Augenbrauen rubble ich vorsichtig mit ein bisschen Wasser an. Der Trikot reagiert beleidigt, wirkt leicht beschädigt. Dafür schaut die Kleine jetzt nicht mehr so giftig. Da sie mich nun eine Saison durch die MAL mit all den anderen Puppenmacherinnen begleitet und alles mögliche an Garderobe bekommen wird, passt das gut. Sie muss nicht perfekt sein. Und sie darf mich ein Jahr daran erinnern, dass ich eine Lektion lerne in diesem Workshop, der sich „Leben“ nennt.

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Und ja, es ist auch was ganz Feines gelungen an ihr: sie sitzt selbständig. Dank ihres Popos, den ich dieses Mal schon richtiger hinbekommen habe als letztes Mal. Sie sitzt freihändig. Danke liebe Astrid für den tollen Schnitt.

Upcycling und Puppen

Schafe dürften direkte Verwandte von sich im Dreck wälzenden Schweinen sein. Geringfügig sauberer. Sie schleppen ihre Locken durch den Dreck. Wo sie halt grad wohnen. Ich glaub, Hemma, wir sollten unsere Schafe am Meer leben lassen, Sand löst sich gleich beim ersten Ausbürsten des Lockenansatzes vorm Nähen. Das lernt frau am Weg von der eh nur leicht verschmutzten Wolle bis zur Meterware für die Perücke. Diese Schafe hatten Erde und Wiesen. Ganz bestimmt. Ich weiß jetzt, welche Fragen ich meinen Lehrerinnen stellen werde. Wie sie es schaffen, diesen Mikroschmutz aus den Locken herauszuwaschen, ohne dabei die Lockenstruktur zu zerstören. Ich rede nicht von Kräuterresten und Ästchen. Nein, ich will gar nicht so genau wissen, wovon ich hier rede. Dann möchte ich wissen, wie ich das nächste Mal die Locken weniger verfilze. Vermutlich weniger verzweifelt herum wutzeln. Ob mein Wollwaschmittel wirklich so geeignet ist oder ob es ein schonenderes gibt. Vermutlich im Bioladen. Und vermutlich mit Lanolin, das nach dem Auswaschen des Schmutzes wieder hinein gehört. Die Haare der neuen Stoffpuppe werden nicht mehr so nach Schaf riechen wie die Haare ihrer Brüder und Schwestern. Sie riechen synthetisch und glänzen. Dafür sind sie jetzt ein bissel weniger weich. Konditioner oder Öl hineinkneten, fällt mir grad ein. Irgendwo in einem Tutorial gehört oder gelesen. Unglaublich, was aus den scheinbar weißen Schnittstellen noch an graubrauner Farbe heraus kommt beim Waschen. Fabs schreibt, eine Perücke dauert bei ihr fünf Tage. Wenn sie gut ist, vier Tage. Also, einen ganzen Tag kann ich nun verzeichnen. Klebrige Locken am Ansatz mit der Katzenbürste ausbürsten. Vier (!) Mal in Tüllstreifen hineinnähen und fixieren. Einmal waschen. Ausspülen. Feststellen: noch einmal waschen. Ausspülen. Noch einmal waschen. Ausspülen. Und das alles im Doppelgang, jeweils eineinhalb Meter. So viel braucht der Kopf der Stoffpuppe in meiner Größe.

Jetzt trocknen die Locken in der Herbstsonne im Wintergarten vor sich hin. Sind fast weiß, ein Hauch von Blond in den Spitzen. Und ziemlich sauber. Mal sehen, was meine Kolleginnen in der digitalen Facebook-Mal dazu sagen. Und ob ich nicht auch fertig gebündelte und gewaschene Lockensträhnen kaufe. Möchte ja auch die Haare vom Teeswaterschaf ausprobieren. Auch eine Rarität an Schafen, die in derzeitiger Nochreichweite nur auf meiner britischen Insel leben. Hemma, ich möchte es eh nur gesagt haben.

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Ach ja, Upcycling. Vorgeschichte: es gibt sie, diese peinlichen Fehlkäufe. Ich habe mir eingebildet, unser rustikaler Wintergarten würde so weich und schön ausschauen mit weißen Tüllvorhängen. Der Fehlkauf vor fünf Jahren waren Vorhänge wie Moskitonetze. Es hat eh schön ausgesehen. Das Licht fiel weich durch die Stoffbahnen. Weich fanden allerdings auch alle Spinnen des uralten Gasthauses die vielfältigen Möglichkeiten, Nester zu bauen und Fliegen und Asseln und Schmetterlinge und Bienen und so weiter und so fort zu fangen und zu verspeisen. Nach einem knappen Jahr holten wir wieder alles runter, beutelten Opfer und Täter aus und wuschen und verstauten im letzten Eck, was sich als unbrauchbar heraus gestellt hatte. Wegwerfen ist nicht so unser Ding. Und siehe da, wir sind nur grenzgehende Messies. Upcycling bedeutet nämlich auch, dass etwas Höherwertiges aus etwas Altem entsteht. Also nutze ich die ungeliebten Moskitonetzstoffe für die meterlangen Bahnen meiner blonden Stoffpuppen. Einen Inch breit, 48 Inch lang. Auch daran gewöhnt frau sich beim Stoffpuppennähen. Zurück zum Thema: ich werde mein Lebtag nicht für Perücken verbrauchen können, was ich hier fehlgekauft habe. Sondern ich werde das Material großzügig in meinen Kursen weiterschenken, wenn es wer für ähnliche oder noch bessere Zwecke braucht. Nur dass ihr das wisst, ihr potentiellen StoffpuppennäherInnen da draußen. Ach ja, und ich komme drauf, dass meine Nähmaschinen unterschiedliche Vorstellungen von Garn haben. Also wann sie es anfangen zu fressen. Die mit dem Doppeltransporter packt auch das billige Material, mit dem ich mich vor einem Jahr oder zwei im Großversand eingedeckt hatte, weil mir die Profiqualität schlicht und ergreifend zu teuer war. Geradestich packt sie, Zickzack reißt der Faden wieder permanent. Also – werde ich vorsichtig auch dieses Billiggarn verbrauchen, damit es nicht umsonst hergestellt worden ist.

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So. Und jetzt nix wie unter die Dusche. Unsere Studentin Christina stellt unser Klagenfurter Why-Not-Projekt in Moosburg vor, freu mich sehr drauf, den tollen bürgerbeteiligten Neubau an der Hauptstraße endlich auch mal von innen zu sehen. Doch das ist eine andere Geschichte, die frei nach Michael Ende – ihr wisst schon – ein anderes Mal erzählt werden soll.

Vom Filz zum Papier

Ganz fest hatte ich mir das für den heurigen August vorgenommen. Handpuppen herstellen. Mit und ohne Kinder. Material: vollkommen unklar. Erste Versuche natürlich mit Filz und Trikotstoff. Marionetten. Stellen sich als viel zu aufwändig für Kinder heraus. Und irgendwie zu weit weg von der Kinderhand. Grübeln, tüfteln, herum fragen. Sami bringt mir von irgendwo her ein uraltes Brunnen-Reihe-Büchlein mit, voll mit Kasperlfiguren, Greteln, Krokodilen. Von Kindern und Erwachsenen ausprobiert. Very old fashioned. Hinweise auf Pappmaché sind da. Vage Rezepte ebenfalls.

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Und siehe da: wer Puppen filzt, kann sich auch mit weicher, formbarer Masse ausprobieren. Meine Ungeduld ist legendär. Also gestern erster Start allein, um meine Familie zu schonen. Meine Freundin Michi hat uns vor einer Weile für genau so einen Zweck einen Schredderapparat geschenkt, der nicht mehr benötigt wurde. Der lief gestern auf Hochtouren. Heißes Wasser dazu, sagen Tutorials online. Aufkochen, sagen andere. Kleister dazu, und nicht zu knapp, sagen wieder andere. Meine alte Küchenmaschine und ihre Rührhaken kommen wieder zum Einsatz. Auch ein Pürierstab, als das Ganze durchgekocht ist. Die ersten Ergebnisse des Formens sind gar nicht so schlecht.

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Weiterrecherchieren. Sägespäne werden mir empfohlen. Heute bin ich übermütig und gebe viel zu viel Kleister zur nach drei Stunden gut durchweichten Pulpe. Also bettle ich Alexander um Sägemehl aus der Tischlerwerkstatt an. Maiskornstärke, ein weiterer Tipp aus dem Netz. Kartoffelstärke haben wir im Haus. Der klebrige Startteig fühlt sich nach ordentlichem Kneten und Rühren sofort besser an. Und nein, genaue Dosierungen habe ich mir nicht aufgeschrieben. Der Teig fühlt sich einfach richtig an. Noch immer klebrig, aber richtig.

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Sami und Alexander werkeln heute mit. Wer meinen Mann kennt der weiß, dass er künstlerisch sowieso alles kann. Natürlich auch Köpfe formen. Und nein, ich bin nicht neidfrei. Gar nicht. Ich bin frustriert. Zum ersten Mal mit vollkommen neuem Material zu arbeiten und dann gleich einen Ghandi zu formen, das kann einfach nur er. Sami und ich, wir plagen uns herum. Sami möchte eine Katze formen. Diese Dinge haben ja bekanntermaßen ein Eigenleben, deshalb wird seine Katze eine absolut coole Hund-Löwin-Hyänen-Mischung mit offenem Maul und Zunge. Sensationell. Und mir wird nach zwei viel zu kurz geratenen Köpfen plötzlich klar, dass die Köpfe eine Eierform brauchen, um zu wirken. Liebenswerte Babypüppchen und fast ovale Querköpfe sehen wunderhübsch aus. Diese karikaturartigen Wesen sind erwachsener. Und haben andere Proportionen.

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Morgen machen wir weiter. Und Sami hat mir versprochen, einen reduzierten Puppenkopf zu probieren – nur Wangen, Mund, Nase und Ohren auf eine runde Hohlkugel, der Rest könne ja aufgemalt werden. So sieht er sich über eine menschliche Puppe drüber. Außerdem machen wir einen einen Teig wie heute und geben noch Nelkenöl, Essig, Backsoda und Öl dazu Auch ein online Tipp. To be continued!

Abschied, Ankunft und Geburtstag

Wir versuchen, in unserem Leben wieder Fuß zu fassen. Treffen in den letzten Tagen Menschen, mit denen wir unseren Weg weiter gehen. Die Familie(n)mitglieder, bei Patchworkfamilien sind das immer viele, versammeln sich um unsere Tische. Wir brauchen noch ein bisschen, doch es wird schon leichter.

 

Wir haben uns gestern von Herzen und mental darauf eingerichtet, dass heute das feierliche Abschiednehmen eines geliebten Herzensmenschen in London am Programm steht. Gestern brannte eine Kerze bis tief in die Nacht, heute brannte eine weitere den ganzen Tag. Die Blumen auf unseren Tischen waren auch für dich. Du warst bei uns. Wir haben dich gespürt, dein fröhliches Lachen gehört, dein gepfeffertes Verfechten von Wahrheiten, die unseren so nahe sind. Haben dich als Kind gespürt, das aus Berlin flüchten musste. Als Jugendliche, die aus Bardolino nach London floh. Wir haben dich gespürt in deiner Zeit in London, dein offenes Herz, deine Liebe zu jungen Menschen, zu Hilfesuchenden. Wir haben an deine Kinder und Kindeskinder gedacht, denen heute noch einmal das Herz besonders schwer ist. An deine Freundinnen und Freunde am Kontinent und auf deiner Insel. Du wirst uns so fehlen. Danke, dass wir dich noch einmal sehen, dich spüren und mit dir lachen konnten. Du lebst in unseren Herzen weiter. Fare well, we’ll meet again ❤

 

Alles Gute zum Geburtstag, mein Liebster! Danke all jenen, die es geschafft haben, trotz Urlaub, trotz Hitze, trotz Sommerferien. Sorry all jenen, die auf den Fotos nicht sichtbar sind – die Kamera ist derzeit so sehr Nebensache, die Gespräche und Begegnungen mit euch sind uns viel wichtiger. Danke für das wundervolle schottische Konzert, die Jamsession im schummrigen Wintergarten, ihr seid einfach nur berührend. Danke für all die Pflanzen, sie bekommen eure Namen und gute Plätze. Es ist neu, dass wir den 12. August im Lande verbringen. Und es ist schön, im August hier zu sein. Die heutige evangelische Messe am Wörthersee war eine einzige Bereicherung, ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal freiwillig einem Gottesdienst lauschte. Heute hat es auf so vielen Ebenen gepasst.

 

learning by doing

Langsam finde ich zurück in meine Welt des Handwerks. Unser Jüngster entschleunigt unser Leben mit einer Sommergrippe. Wir wären sonst sicher unterwegs, von einem See zum nächsten. Die derzeitigen Hitzespitzen in meiner kühlen Werkstatt zu verbringen ist auch nicht die schlechteste Idee. Also filze ich wieder vor mich hin.

Geholfen haben mir sicher meine Freundinnen in unserer offenen Puppenmacherpraxisgruppe. Wir tauschen uns aus, ich erfahre viel Neues aus der Praxis jeder Einzelnen. Sommer auf der Terasse, was für ein Genuss. Zwei Kinder plantschen und quietschen im Pool, eine Teenie modelliert interessiert mit und bekommt ein paar Handgriffe gezeigt. Wir geben einander unser Teilwissen weiter, logisch. Hemma war im Sommer bei einem Gathering von Profis in Holland und zeigt und erzählt von Handgriffen, Ticks und Tipps. Ich lechze danach, in so ein Feld einzutauchen, mich mit anderen Frauen anderer Kulturen auszutauschen – und ja, auch heuer waren es Frauen, die lehrten.

 

Es ist eine Sache, sich durch die vielen Tutorials zu arbeiten, die Fotos zu bestaunen, Bücher zu lesen. Davon bekomme ich jedes Mal massives, belebendes Herzklopfen. Und es ist eine ganz andere Sache, das Material in die Hand zu nehmen und anzufangen. Und dann wieder Rat suchend über den Tutorials zu hocken, zwanzig Mal die Pausetaste zu drücken, um den so einfach aussehenden Handgriff zu lernen. Und nein, das ist nicht immer lustig, manchmal tut ein Wutspaziergang durch den Garten gut.

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Vorgestern ging mir ein weiterer Knopf beim Modellieren mit Filz auf. Oft genug sind es kleine und größere Fehler, die zumindest bei mir großes Erschrecken auslösen. Ma, das ging doch schon so gut, warum passiert das jetzt, das wird nix mit diesem Kopf, die ganze Puppe wird nix werden. Und so weiter und so fort. Um dann mit ein wenig Abstand draufzukommen – ja hey, da ist ja ein ganz neuer Gesichtszug entstanden! Wenn die Augenlinie auf diese Art und Weise „falsch“ verläuft, dass der Gesichtsausdruck eben nicht mehr neutral sondern eindeutiger wird, dann ist das ein Lernen. Wenn das Kinn zu weit hinten angesetzt wurde, fliehend wird, dann macht auch das was mit dem ganzen Kopf.  Und so ist das mit den Augen, der Stirn, der Nase, dem Mund, den Augen, mit den Proportionen insgesamt. Ich schaue mir zur Zeit sehr genau Profile und Gesichtszüge von Menschen an. Wie unterschiedlich wir doch sind! Kein Gesicht ist wie das andere, da ist eine ganz eigene Harmonie oder auch Disharmonie in den Formen, Linien und Strukturen, die sich im restlichen Körper fortsetzt. Ganz abgesehen davon, dass kindliche Proportionen ganz anders sind als die Erwachsener – und auch da gibt es keine fixen Dinge. Äußerst interessant.

Das Machen und Gestalten von Puppen ist eine Tradition, die in Österreich kaum (noch) gelebt wird. In den Kindergärten und Schulen nach Rudolf Steiner gibt es ausgezeichnete Expertinnen. Online folge ich einigen, die mit diesem Basiswissen weiter arbeiten und Puppen nach Waldorfart machen. Und praktisch freue ich mich im Herbst auf eine Zusammenarbeit mit einer dieser Lehrerinnen. Doch die Palette ist viel, viel breiter. Und das zu erforschen wird mich vermutlich die nächsten Jahre beschäftigen. Drahtgestelle mit anmodellierten Filzwesen spuken schon geraume Zeit in meinem Kopf herum. Fix am Plan ist dieses Jahr im Herbst ein Projekt mit Handpuppen und Kindern und Schreibwerkstatt, auf das ich mich persönlich sehr freue, weil ich nicht genau abschätzen kann, wohin dieser Weg führt. Und ebenso werden wir mit Erwachsenen beginnen, sehr einfache Wesen in Workshops selbst herzustellen. Basiswissen plus Eigenes. Plus Upcycling. Plus Begeisterung beim Tun. Mensch kommt sich selbst beim Herstellen eines menschenähnlichen Wesens sehr nahe – bei jeder Puppe ein bisschen mehr.

Elfen und Finley

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Dieses Wesen hier hat mich nun ein paar Tage beschäftigt. Eigentlich sollte Er eine Sie werden. Schon wieder. Das Herstellen von diesen Wesen ist weniger eine Sache des Wollens. Obwohl so viel Wolle eine Rolle spielt, harrharr. Es ist eher eine – keine Ahnung, welche Sache eigentlich? Intuition? Herz? Kind? Wesensanteil? Eigentlich eh vollkommen egal. Ich habs schon geahnt, dass die Haare dieses Mal wieder kupferrot werden könnten. Die Mohairwolle von Dolly Mo ist eine feine Sache. Und ich hätte noch gerne Grün-, Rosa- und Blautöne. Schottland, wir kommen! Ich bin das erste Mal richtig zufrieden mit dem Profil. Es darf noch ausgeprägter werden – aber der Weg stimmt jetzt. Danke #figandme für deine superfeinen Tipps. Die Augenform verändert sich, auch eine interessante Sache, die beim Machen entsteht. Oder die mir eingeflüstert wird.

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Sind Elfen androgyne Wesen? Ich hab auch dieses hier eingehend und immer wieder befragt. Und es kam nur Gekicher, Augenrollen und vergnügtes Schenkelklopfen. Wenn ich es richtig deute, dann SIND sie einfach, diese Wesen. Nicht menschlich einordenbar. Das ist neu für mich. Finley heißt der Elf. Sagt er/sie/es. Na gut. Dann eben Finley. Schön dass du da bist.

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Eigentlich wollten wir ja ausgiebig fotografieren. Aber. Finley. Kraxelte. Auf. Bäume. Und blödelte und kasperte in einer Tour. Wollte lieber über den Zaun klettern, statt sich ausgiebig bewundern zu lassen. Er hat es geschafft, das weit entfernte Gewitter so schnell näher zu ziehen, dass wir statt zu fotografieren zur Wäschespinne rennen mussten, um die halbwegs trockenen Sachen auch halbwegs trocken ins Haus zu bekommen. Tja, nun kennst du also auch Regen. Und in feuchter Wäsche neben dem Fotoapparat durchgeschüttelt zu werden. Kaum waren wir herinnen, war auch der Regenguss vorbei. Kerl. Süßer Kerl. Mit einer Menge Temperament und Durchsetzungskraft.

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Elfen und andere Spitzohren

Morgen fahre ich mit der Idee für ein internationales Puppenprojekt zu den drei Tagen der Zukunft nach Arnoldstein. Bin ein wenig bang, ob ich gut genug vorbereitet bin. Und übe mich in zähneknirschender Gelassenheit, dass unser Drucker mal wieder keine Nachfüllpatrone aus dem Fachhandel erkennt und ich mir nicht einmal mein vorbereitetes paper ausdrucken kann. Mal sehen, ob es mit Google-Drive und Smartphone klappt. Wenigstens spare ich so Papier und Druckertinte. Ich möchte dieses Mal im Auto schlafen. Ausprobieren, wie das ist, welche Seen zum morgendlichen Baden ich finde, ein bisschen vom Gailtal kennen lernen. Es wird sich heraus stellen ob ich es schaffe, ein bissel was auf Instagram zu posten.

Auch wenn in den letzten Wochen vor lauter Papierkram und intensivem Nach- und Vorausdenken kaum Zeit für eine neue Figur war, ist sie heute fertig geworden. Geplant war eine Elfe. Prinzessinnenhaft. Mit grünen Locken, spitzen Ohren, dem üblichen Schalk im Nacken. Geworden ists ein Arthur. Tja, so gehts Puppenmacherinnen. Diese Wesen entwickeln in sehr kurzer Zeit ein Eigenleben. Spätestens, wenn das Gesicht dran ist. Und es ist zu spät für eigene Befindlichkeiten, wenn die Puppe Augen bekommt und mir bei jedem Handgriff zusieht. Ab da übernimmt sie die Regie.

Die grünen Locken habe ich wieder eingepackt. Habe sie voll Vorfreude via Internet bestellt. Und stelle fest, mit diesem extrem verfilzten Material (ob das beim Färben passiert?)  kann ich vielleicht einen flotten Wintermantelkragen filzen. Aber sicher keine Perücke mit weichen Locken nähen. Gott sei Dank hat unsere Lehrerin in Holland gutes Material. Und Gott sei Dank lassen sich die Schafe scheren. Sie hat einen Bauern gefunden, der sie mit wunderbarem Material versorgt, dass sie dann verarbeitet und in die Community weiter verkauft. Die nächste Puppe bekommt dann holländische Schafslocken. Auch da habe ich noch viel, viel zu lernen. Mohair und häkeln hat sich bei Arthur allerdings mehr als ausgezahlt, erist ein fescher Elf geworden. Meine ersten (Elfen)-Ohren verschwanden unter dem Lockengemenge, jetzt ragen die spitzinge Dinger klein und fein hervor. Und Sami, unser Spitzohrsami, sagt, das sei eine richtige Elfe. Also ein Elfenmann. Und wenn er das sagt, dann wird das schon stimmen.

 

 

 

Nähte und Wände

Dritter Durchgang unsere Probemoduls fürs Nähen im Rahmen eines Nähmaschinenführerscheins. Bis jetzt durfte die Naht auch mal krumm und schief sein. Seit heute wird genau genäht. Das tolle Metalllineal eingesetzt, eine Naht vorgezeichnet. Und jeder von uns trennt ein bisschen. Auch ich. Heute wird nicht nur gelacht. Das Heften verweigert, weil zu viel Arbeit. Das Heften geliebt weil danach Naht ohne Trennen. Lernen. Lernen. Lernen. Lebenslang. Maxi sagt, heute sei die Stimmung ein bisschen anders als sonst. Ja, genau. Wir arbeiten genau. Bei dieser Arbeit ist Genauigkeit genauso kostbar und wichtig wie das schöne Material. Das sonst nicht ausreichend zur Geltung kommt.

Die Decken werden so wunderschön, ihr könnt euch das gar nicht vorstellen. Vielleicht werden es doch eher Tagesdecken als Picknickdecken, bis jetzt hat sich mit der wasserabweisenden Folie, die wir mit unseren Haushaltsnähmaschinen annähen könnten, noch nichts ergeben. Die Stoffquadrate exquisitester Herkunft haben aneinandergenäht schon jetzt eine ansehnliche Dicke erreicht. Viel mehr geht da nicht mehr. Heute entstanden zwei neue Bahnen in Rot-Beige-Zartgrün-Tönen. Und wir haben alle Vokabeln vom ersten Durchgang wiederholt. Oh das war ein Hallo! Wieviel wir schon aufgeschrieben haben, wieviel uns jetzt schon vertrauter ist. Grüße an Franziska in Wien, wir hoffen alle, du bist beim Abschluss nächste Woche wieder bei uns!

Nach einer flotten Billa-Jausen-Pause gehts ab zur Baustelle. In drei Wochen wollen wir hier feiern und unsere Ideen herzeigen. Zwischendurch zweifeln wir, ob wir groß feiern wollen. Oder nur ganz klein mit den Nachbarn. Jedenfalls werden die Wände immer heller, obwohl die Farbe keine Chance hat, die Flecken zu verdecken, irgendwas Öliges ist am Putz, da wartet noch viel Arbeit auf uns. Alexander malt. Und hat die glorreiche Idee, Gordana’s Vorschlag des „Willkommens“ in vielen Sprachen und natürlich vor allem fürs Fest in einem Wortband an die Wand zu pinseln. Und weil wir von einer Minute auf die andere plötzlich zu sechst sind, wird diese Idee sofort in die Tat umgesetzt. Danke übrigens Sissy, für die gebrauchte Couch, die in unseren Räumen sehr geehrt werden wird. Danke für die Küche, die uns angeboten wurde. Die Großzügigkeit der Menschen geht weiter.

Eva und ich ziehen uns zu einer höchst notwendigen intensiven Besprechung der Schritte der nächsten Wochen zum Nachbarn ins „Fassl“ zurück. Und kommen gerade zurecht, als die Jungs mit dem Schreiben an der Wand fertig sind. Danke ihr Lieben,  die ersten beiden Räume werden immer freundlicher! Baustellenflair, aber ein freundliches, sehr lebendiges.

Gestern war endlich wieder eine Puppe dran. Jetzt hab ich wirklich schon Entzugserscheinungen. Der Körper sieht gut aus, ist fertig. Aber, der Kopf. Omei. Dieser Kopf wird zu einer anderen Puppe passen , er ist sehr kräftig und ausdrucksstark geworden durch viele Versuche, andere Proportionen und ein neues Profil zu filzen. Ich würde sagen: für diesen Körper so richtig daneben gegangen. Genau. Lebenslanges Lernen. Und die Erkenntnis: nutze im kommenden Winter die Stunden besser, im Sommer kannst du dir deine Lieblingsarbeiten für eine Weile abschminken.

 

 

OTELO und Nähen

Monika ist eine dieser Frauen, deren Lebenswege sich regelmäßig mit meinen kreuzen. Ob beim Talentetauschkreis Kärnten, bei meinem jährlichen Fixtermin des Weihnachtsbazars in der Klagenfurter Waldorfschule, bei meiner Freundin von Best of the Rest oder unerwartet und plötzlich: wir sehen uns, wissen sofort tausend Dinge zu besprechen, weil unsere Ausrichtung eine sehr ähnliche ist.

Gestern war es endlich soweit. Wir besuchten Monika und das OTELO in Ferlach. Das ehemalige Apothekerhaus in dieser Kleinstadt am Fuße des Loiblpasses ist hell, hat hohe Altbauräume, bietet Platz für Werk- und Begegnungsräume, eine schöne Küche. Auf der Nordseite des Hauses ist ein gar nicht so kleiner Garten mit vielen Sitzgelegenheiten, einer Brückenbühne, einem kleinen Wasserspiel. Heuer hilft ein Mitglied der Freunde natürlichen Lebens mit, die Kräuter zu katalogisieren, anzubauen, zu verwenden. Zweisprachige Namensschilder (Deutsch/Slowenisch) an Birkenzweigen lassen auf eine rege Jahrestätigkeit in diesen Außenräumen schließen. Die Verwaltung und Leitung von OTELO Ferlach sitzt im zweiten Stock. Monika und ihr Team sorgen für eine Belebung und Belegung der wunderschönen Räume. Da wird getanzt, meditiert, fotografiert, gekocht, genäht, designt, gesungen und es gibt auch Vorträge. Wenn ich es richtig verstanden habe, gibt es die Struktur eines Jahresthemas und viele Kleinprojekte.

Staunend schaue ich mir die professionell genähten Upcycling-Werkstücke aus der Nähabteilung an. Monika erzählt mir, dass mittlerweile vor Ort vor allem geplant und entwickelt, vor großen Ausstellungen und projektbezogen auch gemeinsam genäht und zugeschnitten wird. Dazu nutzen die Menschen mit interkulturellem Background den Raum mit gut sortiertem Lager und den vielen Nähmaschinen sowie den großzügigen Begegnungsraum davor, in dem sie lange Tischreihen aufbauen können. Eigentlich perfekt das, was unsere Studentinnen und Studenten für den Umbau der Kegelbahn geplant haben. Dort soll ja in der Mitte eine lange Tischreihe mit Schienensystem an jenem Podest sein, das vorher die Kegelbahnen voneinander trennte.

Dreieinhalb Stunden lang reden, schauen, fotografieren und filmen wir, was es zu sehen gibt. Die OTELO-Struktur hat mir immer gut gefallen. Nach OTELO-Spittal ist das jetzt das zweite lebendige Labor, das ich unmittelbar erlebe. Wir denken zumindest darüber nach, diese Struktur auch für Klagenfurt mitzudenken. Dort gibt es ebenfalls Interesse, doch kam bisher kein praktisches Projekt zustande. Wir werden sehen, wir wissen ja, an wen wir uns wenden müssen, falls es in diese Richtung geht.

Es sieht außerdem so aus, als käme es zu einer Zusammenarbeit bezüglich meines Puppenprojektes über eine gemeinsame Bekannte, die ich vor vielen Jahren einmal für die Zeitung interviewt habe. Sie nähte im Vorjahr mit afghanischen Frauen einfache Waldorfpuppen  für einen Weihnachtsbazar in Ferlach, ganz genau, ganz sauber und perfekt. Wir werden sie heuer im August gemeinsam treffen und weiter planen. Da ich mir alle Handgriffe der Puppenherstellung selber beibringe und in unserer Praxisgruppe vertiefe und neu erarbeite, freue ich mich riesig darauf, einen Profi zu erleben und von ihr Kniffs und Tricks zu erlernen, die für mich neu sind.

Nach all dem für mich so komplizierten Antragschreiben rückt nun MEIN Herzensprojekt wieder in meinen Fokus. Das übliche Herzklopfen setzt sofort ein…

Wir reden noch über die Möglichkeit eines Fotoprojektes vor Ort und genießen das selbstgemachte Eis des Nachbarkaffeehauses. Ich vergesse ganz darauf, Monika von unserer interkulturellen Fotogruppe zu erzählen, die ich in so ein Projekt einbinden kann.

Auf der Heimfahrt bleiben wir noch bei einer Brandruine an einem Kreisverkehr in Kirschentheuer stehen. Die Hitze des sicher fürchterlichen Brandes hat aus den Luxusjachten, dem vielen Blech, den Holzträgern und den Solarpaneelen wunderbare Skulpturen in Blau und Bronze und Gold geschmiedet. Unsere anfängliche Scheu, so einen Ort des Schreckens zu fotografieren, verschwindet im Tun sofort. Sami bleibt gerne im Auto sitzen, ihm ist der Ort zu unheimlich.

Genießt eure Fenstertage oder euren Arbeitstag, ich hole jetzt geschenkte Kübel für unseren Kübelgarten in Klagenfurt und freu mich am Abend auf Giaconda Beli, die in Klagenfurt gastiert.

Schneckenkinder und der Frühling

Ich muss dauernd hinaus ins Licht, in die Sonne, in den Wald, an die frische Luft. Dankbarkeit ohne Ende, dass es warm wird, dass die Zeit im Haus vorbei ist.

Bei einem dieser Kameraausflüge runter zur Gurk fielen mir die vielen leeren Schneckenhäuser auf, die auf der Erde lagen. Schneckenfriedhöfe? Ich weiß es nicht. Liebste Hemma, ich hab uns hier einen link gefunden, der einige offene Fragen beantwortet 😀 Bei meinem nächsten Spaziergang schlüpfte ich in wasserdichte Winterschuhe, und mit Mann und Kind und Kübel rückten wir aus, um diese Schönheiten einzusammeln. Die schönen, zarten Gebilde in sehr unterschiedlichen Größen und Farbschattierungen dürften zum größten Teil Weinbergschnecken sein. Einige hatten noch Reste der Winterverdeckelung aus Kalk, sehr spannend. Wie wenig wir doch über unsere Tiergeschwister wissen. Was übrigens erklärt, warum unsere Nacktschneckenplage sich in Grenzen hält. Angeblich frisst die Weinbergschnecke die Gelege der spanischen Nacktschnecke. Unsere Hühner haben diesem Gleichgewicht vor ein paar Jahren mächtig zugesetzt, weil sie die Gehäuseschnecken mit Begeisterung verspeisten. Inzwischen dürfte sich der Bestand wieder erholt haben. Und übrigens: die Brunnenkresse ist da! Jihaaa!

Es dauerte eine Weile, bis alle Häuschen unter dem Wasserstrahl gereinigt, gespült, geschrubbt und auch wieder getrocknet waren. Im Kopf hatte ich schon Bilder von kleinen Wesen, die im Schneckenhaus leben, noch schlafen, neugierig heraus blinzeln. Handwerklich wollte ich filzend an die Lösung der Herausforderung heran kommen. Und als gestern Hemma für unseren Puppenpraxiskurs mit ihren halbfertigen Puppen auftauchte war klar, jetzt sind sie dran, die Schneckenkinder. Hemma hatte die gute Idee, dass sie ihre Häuschen auch am Rücken tragen können. Die wunderbar gefärbten Walkstrickreste der Friesacher Firma Boos sind perfekt geeignet für die kleinen Schneckenoveralls, die zu entwickeln waren. Und für die langen Zipfelmützen. Ich werde heute noch ein wenig mit Maria’s Dekoblüten und anderen Resten herumjonglieren. Und möglicherweise entstehen neue Schneckenhausreiche – ich werde einige Bilder im Kopf umsetzen. Draußen, auf der Sonnenterrasse. Neben den Goldfischen, die durchs getaute Wasser schießen und sich wie durch Magie nur um ein oder zwei Fischchen pro Jahr vermehren. Vorgestern schwamm übrigens Frau Kröte mit den Goldfischen im Kreis. Was bedeutet, dass unser Terrassenbiotop bald wieder voll ist mit kleinen Kaulquappen, die sich über das Fischfutter hermachen.

Schönen Sonntag rundherum!

Mogli und die Logik

Tja. Nicht gedacht, dass ich vor Ostern noch an den PC komme. Aber lieber jetzt als nie.

Selten so einen kreativen Fluss gehabt wie mit diesen Puppen. Rückblickend wird klar, dass es irgendwann geschehen würde. Dass es grundsätzlich geschieht, macht mich so glücklich, dass ich es kaum beschreiben kann. DAS war es, was ich immer wollte. Puppen nähen. Puppen entwickeln. Ihnen das Drumherum schaffen. Meine ersten Puppen in der Volksschule waren entsetzlich. Hässlich, unförmig, sinnlos. Ich gab sofort auf. Und wagte es nie wieder. Und das war es, was mir jeder auf seine Art erklärte. An den Wochenenden kannst du kreativ sein. Aber jetzt musst du die Matura machen oder einen Beruf lernen oder Geld verdienen (aber flott) und Geld verdienen für deine drei Kinder und dich und Geld verdienen. Vor allem – Geld verdienen. Und das Kreative, Künstlerische? Nein, zu unsicher. Drei verhungernde Kinder vor Augen. Die schimpfende, mit dem Finger zeigende Verwandtschaft. Die augenrollende Gesellschaft. Nein. Bloß nicht. Und, um der Wahrheit die Ehre zu geben, absolut kein Glaube an mich und meine händischen oder gar kunsthandwerklichen oder überhaupt künstlerischen Fähigkeiten. Obwohl das Fotografieren und das Schreiben ein durchaus künstlerisches Handwerk hätte sein können, habe ich es meistens zum Geldverdienen missbraucht und mir keine Gedanken darüber gemacht, ob ich liebe was ich tue.

Das kann eh nur verstehen, wer das schon erlebt hat. All die Angst vorm Lernen ist zur Zeit wie aufgelöst. Keine Alpträume mehr, wo ich in Mooren herum wandere, irgendeine Aufgabe lösen soll und überall verkehrsartige Schilder sehe, die ich nicht verstehe. Und keine Ahnung habe, was ich denn überhaupt für eine Aufgabe lösen soll. Diese Träume waren die letzten dreißig Jahre konsequent da, sobald ich Neues lernte. Lernen muss bei mir an Panik, Angst und Verzweiflung gekoppelt gewesen sein. Ich erinnere mich voller Grausen an die Volksschullehrerin in der ersten Klasse in Spittal, die mir unvermittelt mit den Knöcheln auf den Kopf schlug, wenn diese bescheuerte Mengenlehre nicht in meinen Kopf wollte. Mit dem Lineal zuschlug. Pfoah. Ich hatte echt noch Glück, dass diese „Pädagogin“ zu Weihnachten suspendiert und dann in Pension geschickt wurde. Ihr und ihrer Lehre verdanke ich, dass logisches und mathematisches Lernen fast durchgehend ein Alptraum wurde. Logik chinesisch für mich blieb und nur Angst und Hirnnebel auslöste. Und ihr verdanke ich auch, dass ich jetzt bewusst miterlebe, wie beglückend lernen sein kann.

Ich lerne nun täglich. Die Puppen von vor zwei Wochen sehen vollkommen anders aus als die Puppen der letzten Tage. Meine Lehrerin in Mexico hat Recht. Die Arbeit an den Puppen ist durch und durch heilend. Durch das Tun mit den Händen. Und auch, weil so viel Liebe für diese Wesen entsteht. Weil ich mir vorstelle, dass ein Kind mit diesen Wesen spielt. Ein Erwachsener Freude daran hat. Da ist eine Engelsgeduld dabei, die ich vor zwanzig Jahren noch nicht hatte, als so eine Nebenbei-Puppen-Phase sich abzeichnete. Da musste alles schnell-schnell gehen. Ich kann eine Puppenhand drei Mal neu annähen, wenn sie dann am Körper besser aussieht. Ein anderes Kleid nähen, wenn es einfach nicht zur Puppe passen will. Sogar einen neuen Körper nähen wie heute, wenn die Proportionen auch mit zugedrücktem Auge nicht passen wollen. Überhaupt kein Problem! Es entstehen logische Abfolgen im Tun. Die Arbeit lässt sich in Schritten darstellen. Ich lerne Logik nach. Unglaublich. Der Hirnforscher Professor Huether hat schon Recht wenn er sagt, dass unsere Hirne nachlernen, nachrüsten, neu schalten. Und auch meine Begleiter im LAIS-System hatten vollkommen Recht, dass der Wunsch nach Lernen natürlich in uns angelegt ist. Da ist oft nur viel Schutt und Geröll wegzuräumen, um diesen Fluss zu befreien.

Nein, ich werde mich hüten, Empfehlungen abzugeben, um die mich keiner gebeten hat. Frage mich heute still und leise, was diese Welt für ein Platz wäre, wenn Menschen in Ruhe ihre kreativen Talente und handwerklichen und denkenden und liebenden Fähigkeiten entwickeln könnten, um ihrer Begeisterung nachzugehen. Für mich ist das der Inbegriff des „Lernens“. Egal was. Jede und jeder hat andere in ihr und in ihm angelegte Talente. Das Herzklopfen beim Tun weist den Weg. Und manchmal auch der Widerstand…

Mogli heißt übrigens die Puppe mit der dunklen Haut. Sie erinnert mich an den Sohn einer lieben Freundin, der auch ein Mogli ist. Dieser hier will sich nicht anziehen lassen. Da heißt es noch warten, ob er sagt, was er braucht. Das Elfchen mit der Ohrenmütze ist ein Minizugeständnis an Ostern. Und die rothaarige Puppe entstand vor einem Jahr. Es liegen Welten in der Ausführung dazwischen. Aber vielleicht kann das auch nur ich sehen.

 

Februar und Figuren

An der Masse der nicht geschriebenen Blogbeiträge ist unschwer zu erkennen, dass ich kaum Zeit habe, hier in Ruhe und mit Genuss Reflexionen zu schreiben.

Ja genau. Nach einer Phase vollkommenen Stillstandes unserer RAUM-Aktivitäten und einem plötzlichen Scheitern aller angedachten Projekte geht es plötzlich wieder dahin.

Gestern saß ich glücklich und zufrieden in meiner Werkstatt und wollte die nächste prototypische Elfe angehen. Die erste war so voller kleiner Fehler, diese Chance muss ich sofort nutzen. Sonst verdränge ich die Fehler und lerne nichts. Der Körper mit den angeschnittenen Beinen war flott gemacht. Leicht gestopft. Der Kopf ging überraschend schnell mit einer neuen Technik, die ich gesehen hatte. Ein bisschen übermütig begann ich, mit Wollvlies und Filznadel Wangen auf den abgebundenen Kopf zu filzen. Ein bisschen hier. Ein bisschen dort. Und weil so schöne Formen machbar und sie nie ganz gleichmäßig waren – ja, ich bin chaotisch – entstand immer mehr Gesicht unter meinen Händen. Ich spielte ein bisschen herum, begann eine kleine Nase zu filzen. Sie zu vergrößern. Baute ein Kinn auf. Und dachte mir, naja, versuchst du es halt – jetzt bastle ich Lippen. Ich trau mich einfach. Sehr naiv. Denn nun begann der Puppenkopf zu leben! Pfoah! Das ist magisch! Plötzlich hast du einen menschlichen Kopf in der Hand. Jeder Stich, jeder Winkel ändert ein wenig den Ausdruck. Herzklopfend stichelte ich Augenhöhlen. Nach zwei Stunden war klar – dieser Kopf ist viel zu groß für die kleine zarte Elfe. Und – ich habe eine Blockierung überwunden. Niemals in meinem Leben hätte ich mir zugetraut, ein Gesicht zu formen. Und schon gar nicht mit Wolle. Beim Zeichnen schossen mir jedes Mal die Tränen in die Augen, wenn ich es aus dem Gedächtnis versuchen sollte. Blockierung und aus und fertig. Jetzt ist es einfach passiert. Mein Körper weiß, wie meine Hände ein Gesicht formen – er spürt es. Ich glaube, das kann nur verstehen, wem Ähnliches geschehen ist…

Bis ein Uhr Nachts saß ich am PC und zog mir jedes Video und jeden Satz von Fabs in Mexico und Astrid in Holland in die zunehmend matter werdende, aber lernbereite Birne. Es ist schon unglaublich, wie großzügig manche Menschen ihr Wissen teilen. Ich schreibe ein anderes Mal mehr darüber, weil bei Fabs auch ein bemerkenswertes Projekt dahinter steckt, das vielleicht viele Kreative nicht kennen. Ach, und auch Astrid macht ein tolles Projekt. Wie gesagt. Das ist eine andere Geschichte und soll frei nach Michael Ende ein anderes Mal erzählt werden…

Ein fast gestorbenes Projekt in Klagenfurt mit unseren Freund*innen vom Verein VOBIS in Klagenfurt feiert Auferstehung. Ich kann gar nicht sagen, wie glücklich ich darüber bin. Noch diesen Freitag geht es weiter. Und wir haben richtig viel vor. Darüber berichte ich ebenfalls ein anderes Mal.

Als wenn das nicht schon genug wäre, kommt unsere geniale Fotochallenge auf Instagram und Facebook nach nicht ganz zwei Monaten in Schwung. Es ist für mich das reine Vergnügen, mich kreativ herauszufordern. Struktur und Raum für Kreativität für viele zu halten. Themen pünktlich am Sonntag Abend für die kommende Woche auszugeben. Täglich ein neues pic hochzuladen, das in MEINEM Fall nicht aus dem Archiv kommt, sondern neu angefertigt wurde. Anfragen zu beantworten. Andere zu begleiten in ihrem Tun. Mich mitzufreuen, dass alle Fortschritte machen, die dran bleiben. Und liebevoll auf jene zu warten, die zwischendurch wegbrechen, weil sich halt der Alltag breit macht. Voll das Leben! Die Gruppe bleibt geöffnet. Jede und jeder ist herzlichst willkommen, mit zu machen. Es ist ein Vergnügen zu sehen, wie einer vom anderen lernt. Langsam und sichtbar eine eigene Handschrift entwickelt. Sich zähneknirschend und beinah mir zuliebe doch mit Themen auseinander setzt. Die Zuschreibung #alleswegenLisa wird mir zeitlebens eine (Herzens)Ehre bleiben. Ach. Ich mag das so gern. Ihr Instagramer, schaut rein unter #derraum365. Und macht mit!

Mit unseren Partner*innen von Kunst & Werk geht es ebenfalls fein weiter. Ein ORF-Beitrag macht uns in der Region und darüber hinaus sichtbar. Intern entwickelt sich nach einer Storming- und Normingphase (tja, so ist das, wenn neue Menschen in Gruppen kommen) in der Formingphase ein Miteinander-Gehen, zu dem langsam auch wir Zutritt finden. Nichts ist jemals konfliktfrei. Aber dieser Weg ist absolut gehenswert und bereichert uns.

Aus einem total gescheiterten, obwohl wohldurchdachten, wohlstrukturierten und sogar durchfinanzierten Projekt entsteht durch menschliche Verbindung in der Auseinandersetzung eine geniale neue Sache. Innerhalb von drei Monaten bekomme ich so viele Schulungen in Projektentwicklung und Antragstellung für Förderungen, dass es nur so raucht. Langsam blicke ich durch, was in Österreich geht. Und was nicht geht. Ich habe vor etwa einem Jahr ein wenig bedauert, dass es diese dahingehenden Studien während meiner suchenden Zeiten an der UNI nicht gab. Ich hätte sie gerne gemacht. Nun bekomme ich all das Wissen auf eine andere Art vermittelt. Und kann es sofort in der Praxis testen. Und wieder scheitern. Und daraus lernen. Und immer weiter und weiter. Dieser ganze normale, natürliche Lernprozess, der mich so begeistert. Wie dankbar ich bin, dass ich im Rahmen meiner Ausbildung im LAIS-Institut dafür sensibilisiert und vor allem daran erinnert wurde.

So. Genug Text für heute. Ich stricke jetzt die Winterstrumpfhose mit Ferse (!) und Zwickel (!!) für meine Elfe. Verkühlte Elfen werden schnell grantig. Das hat mir Romana mit den wilden Schafwollhaaren schon zu verstehen gegeben. Und mich mit ihrem Niesen angesteckt.

 

Ende gut, alles gut

Ja, das Kostüm wurde fertig. Inklusive Kronenmütze mit Riesenschnabel des Phönix. Unser jüngstes bei uns lebendes Familienmitglied hat heute seine erste öffentliche, wunderschöne, bunte, laute und lärmende, verspielte und freundschaftliche Geburtstagfete gefeiert. Es tut einfach gut, ihn sozial so gut aufgenommen zu sehen. Seinen Platz zu erkennen in der Gruppe. Die Verbindungen zu erspüren, die sich in eineinhalb Jahren Schule aufgebaut haben. Müde und glücklich beende ich diesen Tag mit ein paar Bildern vom Entstehen und Sein eines Kostüms, das uns näher zueinander gebracht hat. Danke Leben.

 

 

 

 

 

Phönix und DIY

„Lisa, das bin ich am Samstag!“ Sagt er. Legt mir ein vorn und hinten dicht mit Gelbrot bemaltes Blatt hin und will wieder gehen. Wie jetzt. Was bitteschön ist das? „Na, mein Kostüm. Für meinen Geburtstag!“. Ein bissel entsetzt ist er schon, der beinah Achtjährige. Ich werde doch wohl wissen… Samstag! In eineinhalb Wochen! Ich spür Widerstand. So viel zu tun, so viel vorzubereiten und noch durchzusortieren für anstehende Nähprojekte…

Alle Gesichtslinien bewegen sich nach unten. Die Augen schimmern. Na gut, ich kann es mir ja wenigstens anschauen. Seufzend nehme ich das Blatt in die Hand. Schaue genauer. Eigentlich auf den ersten Blick sonnenklar, worum es hier geht. Ein Kostüm, das dicht an dicht mit gelben, orangen und roten Schuppen bedeckt ist. Ein Schnabel. Oder so. Eine Krone. Himmel, wie soll das gehen? Ich staune über die Genauigkeit der Details. Ansichten von vorne, von der Seite, von unten. Ganz klare Angaben eigentlich.

Wir kommen ins Gespräch. Ich schinde Zeit. Ganz bestimmt habe ich keinen Stoff. Na, ich doch nicht. Nicht jede Lade ist voll mit Möbelstoffen. Na gut. Ich will aber nicht jede Schuppe einzeln versäubern müssen. Also muss es Filz sein. Den brauche ich eigentlich für die heurigen Hühner. Wenn ich überhaupt  Zeit finde. Wie gesagt, Nähprojekte…

Na gut, ich könnte ja mein Filzlager ein bisschen erleichtern. Und da war ein Hemd im Kostnixladen am Samstag, das mich nur vom Material her interessierte, mehroderwenigerdurchfallbraun, das wäre eigentlich die ideale Unterlage für das Kostüm in den warmen Farben.

Sami schlüpft in das große Hemd. Ein schon angeschnittener Ärmel hängt wie ein Flügel herab. Unten aufgeschnitten und geöffnet wäre das eine mögliche Schwinge. Wir schnipseln. Sami will sich jetzt verkrümeln. Da hat er allerdings die Rechnung ohne die Wirtin gemacht. Noch immer beeindruckt vom Vierjährigen meiner Freundin, der am Wochenende unerschrocken mit der scharfen Schneiderschere hantierte, machen wir einen Deal: er schneidet, ich stecke und nähe. Und – noch eine Vorgabe von mir: er schneidet genau. Wird ja schließlich sein Kostüm, nicht meines.

Zwei Stunden später haben wir vier Reihen geschafft. Alle Finger sind noch da. Sogar alle Stecknadeln sind wieder im Kisterl, nachdem ich Schussel sie vom Tisch gewischt habe. Es brauchte nur wenige Hinweise auf die nötige Genauigkeit. Nebenbei witzeln wir, wie das jetzt im Fernsehen bei Art Attack abgelaufen wäre: „Und hier seht ihr Sami. Er hat gestern schon die Schuppen vorbereitet, damit er das heute nicht mehr machen muss.“ Unser Jüngster lacht so, dass er fast vom Sessel fällt. Die Fernsehsendung geht noch eine Weile weiter. Willkommen in der Realität!

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Ich bin heute schlicht und ergreifend berührt und glücklich. Hier wächst von uns vollkommen unbemerkt ein kleiner Designer heran. Merkt euch meine Worte.

Und nein, wir sind noch nicht fertig. Aber bis Samstag nächste Woche werden wir das schon hinbekommen 😀

Schnee im Altglas

Kindernachmittag in der Volksschule Ebenthal. Die Kinder sind sehr erleichtert, dass sie nicht an den Zwergenreichen weiter basteln sollen. Was, Schneekugeln?! Wir basteln Schneekugeln? Heute sind ausnahmslos alle mit Begeisterung dabei. Sogar eine fast kranke Maus mit Halsschmerzen. Der Grippevirus sucht immer noch Opfer.

Was die Kinder nicht wissen: heute praktizieren wir Upcycling vom Allerfeinsten. Beim Ausräumen genialer Reste in den letzten Wochen und Monaten fiel viel Verwertbares an. Für die Schneekugeln muss ich so gut wie nichts besorgen, nur destilliertes Wasser vom Autofachhandel und Glycerin aus der Apotheke. Kleine Restgläser finden sich im Abstellraum. Das Abkratzen und streifenfreie Beseitigen der Etiketten geht manchmal ganz leicht. Und manchmal gar nicht. Alnatura hat sich einen besonders haltbaren Leim ausgedacht. Ich bekomme den von keinem Glas herunter, er pickt noch immer wie die Hölle. Dickes fettes Minus, liebe Firma. So ist das Glas nicht wieder zu verwenden.

Künstlichen Schnee und Glitzer in allen nur vorstellbaren Farben haben wir geschenkt bekommen. Ebenso wunderschöne Bänder und Stoffreste von Möbelstoffen. Sami hat sich bereit erklärt, die Überraschungseierinhalte der letzten beiden Jahre zu spenden. Nur die Dinos klaubt er ganz schnell heraus und verstaut sie in seiner Lade. Und einen kleinen Weihnachtsmann, der für den zu erwartenden Bruder in eine Schneekugel gepackt wird. Gesammelte Steine finden sich im und ums Haus. Und weiße Acrylfarbe und Pinsel sowieso.

Heute haben wir es gemeinsam geschafft, die steinige Landschaft in die Deckel zu kleben und mit Schneeweißacrylfarbe zu überziehen. Kleine Kunstbäume aus Dekoresten bekommen Schneespitzen angemalt. Nun kann alles sehr gut aushärten, bevor wir im nächsten Arbeitsschritt das Schnee-Glitzer-Wasser anrühren.

Wie immer freuen wir uns auf euch in zwei Wochen, let’s glitzer!

 

 

Zwerge, Nähcafé und Fotoanfänge

Am Mittwoch Nachmittag war wieder Zwergeln dran in der Nachmittagsgruppe der Sechsjährigen in Klagenfurt. Vor lauter Moos und Steinen und Tschurtschen und Sackerln herumschleppen vergaß ich endlich wieder etwas Wichtiges – meine heißgeliebte Klebepistole. Was echte Frauen sind, die wissen sich zu helfen. Betreuerin Elisabeth borgte mir ihr Werkzeug, die Rahmen gingen in die Endfertigung. Und dieses Mal war – nach dem Schreck über meine Vergesslichkeit – wieder alles ganz leicht und lustig und entspannt. Und ich muss echt sagen – diese Zwergenrahmen, die sind sehr persönlich geworden. Finstere Bergwerke und blühende Gärten mit Schneefall, von Sternen erleuchtete Nachtszenen und tiefe Höhlen, die Kinder waren sehr großzügig im Teilen ihrer Fantasie und Kreativität. Ich freue mich sehr mit euch über die schönen Ergebnisse!

Das dritte Nähcafé in Althofen wird zu einer lieben Routine. Schon erstaunlich, wie klug das Leben immer wieder Gruppen zusammenwürfelt. Dass wir interkulturell sind, freut mich besonders. Wir Österreicherinnen arbeiten mit einer englischen Lady und einem afghanischen Ehepaar. Und das geht – natürlich – ganz wunderbar. Liebes Christkind, ich wünsche mir bitte dringend eine vierfädige Overlockmaschine. Was für ein Segen die Technik sein kann… Mein erster Restelpullover ist schräg und witzig und bunt geworden. Jetzt habe ich eine Ahnung, wohin es mit dem KleidungsUpcycling gehen könnte.

Zweites Highlight heute: ein gut vorbereiteter Fotoschüler platzt fast vor Wissensdurst und Sofort-ausprobieren-Wollen. Die Fotos, die er in den letzten Tagen auf die Plattform Foto.Raum gestellt hat, zeigen deutlich, wie begabt er beim Sehen ist. Da will jemand ganz viel ausprobieren. Wie ansteckend das ist, brauche ich eh niemandem zu erklären. Wir haben uns wegfotografiert heute Nachmittag. Uns gegenseitig so viel gezeigt und gleichzeitig so viel gesehen, dass es eine Freude war. Und seine Fotos sind schon wieder hochgeladen. Er ist so schnell! So macht das tiefe Freude. Danke einmal mehr, wundervolles Leben!

Während wir drei Fotojunkies mit Licht spielten, arbeiteten zwei weitere Jungs aus Pöckstein an den alten Möbeln im Holz.Raum. Sie stellen sich so geschickt an. Alexander ist heute ebenso glücklich wie ich. Morgen haben wir endlich den Termin wegen der Berufsvolontariate und Arbeitspraktika. Jetzt können wir aus Erfahrung sprechen und Wege für die zuwandernden Menschen suchen.

Sehr zufriedenstellend verläuft auch die Integration der zugewanderten Stadtkatze Haru, die meiner Tochter voller Protest mehrmals am Tag in die Wohnung pinkelte. Einmal Draußenkatze, nie mehr Drinkatze. So ist das. Sie spaziert heute das erste Mal hüpfend und hopsend mit uns mit, verträgt sich mit den alten Hauskatzen und findet glaube ich nur das Futter not amusing. Macht nix, es gibt noch genug Mäuse. Wir freuen uns, wenn wir sie nicht im Haus fangen und mühsam weit weg transportieren müssen. Uns lieben alle Tiere. Doch das, das ist eine andere Geschichte…

 

Danke für diesen wunderwunderbaren Tag. Für ein paar Stunden habe ich all das Morden und Kriegführen und Wegschauen unserer macht- und geldgierigen Systemmanipulierer vergessen….