Das Heute und Tage der Zukunft

Ja, ich habs wieder getan. Ich war bei den Tagen der Zukunft in Arnoldstein, veranstaltet vom Institut für Zukunftskompetenzen. Ich bin seit vielen Jahren entweder Teil des ehrenamtlichen Teams. Oder mit einem Projekt dabei. Oder ich mache beides, bin Teilnehmerin und Projekteinreicherin. Zehn Jahre. Zehn Jahre ist mir diese Seelenfamilie, die jedes Jahr größer wird, ans Herz gewachsen. Und wachse ich mit.

Heuer habe ich zum ersten Mal Schwierigkeiten, drei Tage dabei zu sein. Ein ORF-Interview für unser Puppen-Theater-Projekt lässt sich terminlich nicht anders einrichten als am Freitag Vormittag. Gott sei Dank ist Otto da, ein Kollege, der auch entweder als Coach oder als Fotograf oder als Filmer dabei ist. Er übernimmt meinen Freitag, ohne zu murren.

Heuer ist es für mich anders als sonst. Ist es die Gewohnheit, das Älterwerden, oder eine gewisse Routine? Ich empfinde die zwei ehrenamtlichen Fototage wie eine dringend nötige Auszeit vom Alltag. Tropennächte, glühend heiße Klosterruinenmauern, die Übernachtung im rasch umgebauten PKW, der im kühlenden Schatten großer Ahorne ganz in der Nähe der Klosterruine parkt. Idylle pur. Fotografieren kann ich fast im Schlaf. Meine Intuition funktioniert sowieso besser, wenn der Verstand und mein innerer Kritiker die Klappe halten. Und so bewege ich mich durch den heißen Mittwoch und den noch heißeren Donnerstag. Treffe fotografierend und austauschend alte FreundInnen und WegbegleiterInnen. Begegne Menschen, mit denen der Kontakt vor Jahren abriss. Lerne ganz neue Menschen kennen. Und weiß jetzt, was ein Chairwalk ist! Freue mich von Herzen über die jungen, vielfältigen, engagierten Menschen aus der Villacher CHS und aus der Klagenfurter Waldorfschule. Traut euch, redet, verschafft euch den Raum, gehört zu werden. Es ist eure Zukunft, um die es geht. Wir älteren Erwachsenen können locker einen Schritt zurück treten und euch mit all unseren Erfahrungen und unserem Wissen unterstützen, wenn ihr uns brauchen könnt. Junge Erwachsene gehen sowieso an eurer Seite. Nutzt das Angebot der engagierten Coaches, die euch dabei unterstützen, eure fantastischen Ideen umzusetzen. Und wundert euch nicht, dass einige von uns erst zuhören lernen. Viele Menschen wurden nie gehört. Das Geniale dieser Jahre ist, dass der Wandel begonnen hat. Erst jetzt ist die Zeit reif, auf die so viele seit Jahrzehnten warten. Erst jetzt stellt sich heraus, dass die Ideen der Spinner, der Träumer, der Visionäre der letzten Jahrzehnte euren Träumen von einer guten Zukunft sehr ähnlich sind. Das kann für Ältere echt frustrierend sein. Ich danke euch von Herzen für diese Tage, die ich genießen kann, weil ich sehe, höre und spüre, dass ihr in unserem Sinne übernehmt.

All das Leuchten zu fotografieren, all die Begegnungen, das ist es, warum ich jedes Jahr wieder dabei bin. Ich habe heuer keinen Auftrag, mich an den Fragen zu beteiligen, an der Lösungsfindung. Höre viel lieber zu, was an Ideen da ist, an umgesetzter Realität, an Lösungen, die bereits an die Herausforderungen des Lebens angepasst werden. Ich kaufe mir das aktuelle Buch Der Zukunftskompass meiner Freundin und Institutsgründerin, das sie auf ihren langen Reisen am Boot entwickelte. Die Coaches in Arnoldstein verwenden die zwölf Kompetenzen, die sie in diesem Buch vorstellt. Ich freue mich auf den Videomitschnitt der Abschlusspräsentationen, dort wird hörbar sein, wie diese menschlichen Kompetenzen praktisch anzuwenden und auszubauen sind.

Mit meiner Coachin des Vorjahres unterhalte ich mich über die Entwicklung, die mein Projekt in einem Jahr genommen hat. Von der geplanten ehrenamtlichen Puppenmacherin, die sich noch immer ein bisschen schämt, Puppen zu machen. Zur selbstständigen und zumindest am Papier angemeldeten Künstlerin, die mit visual stories & textile sculptures experimentiert. Ich erzähle ihr von den beinah aufdringlichen Zufällen mit Puppentheater und Co, von unserem genialen Rabenpuppentheater, das ein Stadtentwicklungsprojekt geworden ist. Sie lacht und fragt, ob ich mich eigentlich erinnere, wie mein Pitch aus dem Vorjahr ausgesehen hat. Tja. Ich habe meine beiden mitgebrachten Puppen miteinander reden lassen. Und ich habe das total vergessen! Auch die Ideen meiner damaligen Mitgeherin, die immer nur von Puppentheater redete, der meine Puppen zu sehr weibliches Handwerk und deshalb gar nie so richtig angenehm waren. Und jeder, dem ich in Arnoldstein erzähle, dass ich Spundus habe vor Theater und der Kombination Puppen und Theater, lacht mich fast aus. Es scheint mal wieder allen anderen klarer zu sein als mir, dass das mein Weg ist. Grad und weil ich aus (m)einer weiteren Komfortzone raus müsste. Ich spüre, dass der Widerstand verpufft…

Eine abschließenden Geschichte rund um meine Erlebnisse mit Puppentheater habe ich noch. Es war einmal vor ziemlich genau zwei Wochen, es können auch ein paar Tage mehr vergangen sein. Die wunderbare Andrea schenkt mir eine aus Tschechien importierte Marionette, die die Größe eines sechs Monate alten Kindes hat. Bei genauerem Zerlegen stellt sich heraus, dass diese bezaubernde Stoffpuppe vor allem aus Schaumstoff und PU-Schaum besteht. Alles ist handgemacht, jede Naht, jeder Schnitzer am Körper und am Kopf. Ich entwickle den Ehrgeiz, dass so eine Marionette auch aus Schafwolle machbar sein müsste. Außerdem borgt mir Andrea ein Buch, das 1966, in meinem Geburtsjahr, in vielen Sprachen zugleich veröffentlicht wird. „Puppentheater der Welt“, von Professor Jan Malik aus Prag. Ich trage es ständig mit mir herum und hüte es wie einen Schatz. Die mich kennen, wissen schon – meine mütterlichen Wurzeln werden wieder genährt. Meine multikulturelle Seele jubelt auf. Als ich im Buch blättere, begeistern mich nicht nur die Fotos unterschiedlichster Wesen. Diese Wesen wurden aus allen Ländern dieser Erde zusammengetragen. Im Jahr 1966! Zusammengestellt von der Union Internationale des Marionettes (UNIMA), die es ebenfalls noch gibt, auch mit einer Vertretung in Österreich. Von Puppentheater und Tschechien ganz zu schweigen, unsere Nachbarn haben das noch locker drauf. Ich sehe auch an meinen russischen Instagram-Favoriten, dass Osteuropa die Puppenmachertradition nie aufgegeben hat. Die tschechische Stoffpuppe sitzt mir derzeit gegenüber und schaut verständnisvoll. Abwartend. Sie fremdelt ein bisschen, so wie ich, wenn ich mich an eine neue Umgebung gewöhne. Danke liebes Leben, für diese so offensichtlichen Zufälle, die du mir brotkrumenartig auf meinen Weg zu mir selbst streust. Und danke Andrea, für deine Großzügigkeit und deine kluge Intuition!

#tdz18 Gegenwart und Zukunft

Ja, wir waren da. Michaela und ich, mit unserem Puppenprojekt. Bei den Tagen der Zukunft 2018 in Arnoldstein vom Institut für Zukunftskompetenzen. Mit genialen Coaches und Expertinnen und Experten aus dem Alltag, empathisch, klug, erfahren und mit der Fähigkeit, zuzuhören.

Wenn ich gedanklich in einem Projekt drinstecke, mit anderen drüber rede, in der Werkstatt sitze und darüber nachdenke und versuche, die nächsten Schritte zu sehen, dann ist das eine Möglichkeit. Gruppe ist die andere. Es bedeutet, sich zu zeigen, sich zu öffnen. Draufzukommen, holla, wir haben uns eine Sprache angeeignet, die andere nicht mehr verstehen, weil sie in einer anderen Realität leben. Ich sehe manchmal den Wald vor lauter Bäumen nicht (mehr), das Naheliegende wird unsichtbar und ist oft genug die perfekte Lösung. Wir haben Zeit, auszuformulieren, was uns wichtig ist. Nachzufragen, was das Gegenüber nicht versteht. Oder, wie es Maria Maunz-Ranacher mit uns machte, eine papierene Struktur füllen. Die relativ schnell sichtbar macht, wo wir schon gut unterwegs sind. Und wo wir es noch nicht geschafft haben, hinzuschauen. Wir sind gut unterwegs. Schon die ganze Zeit. Aus dem kreativen Chaos der Ideen zu diesem Projekt ist eine derzeitige Struktur geworden, wo sogar chronologisch Schritte ablesbar sind. Keine der Ideen ist weg, sie sind logisch geordnet. Als speziell meine Formulierungen für den Pitch begannen, sehr hölzern und unlebendig zu werden, erinnerte ich mich an Maria’s Angebot zur Bewegung. Gott sei Dank. Bewegt und mit Frischluft außerhalb der Seminarräume gings leicht und fröhlich weiter. Seit letztem Donnerstag Abend ist für die nächste überschaubare Phase klar, wofür  der Prozess des Herstellens von Puppen und anderer Wesen steht. Wohin er führt. An wen wir uns mit diesem Angebot wenden. Wer sich mit uns vernetzen kann, damit das Angebot noch mehr vom Umfeld abdeckt und dem Weg auch andere Ziele gibt. Und dass die Herstellung einer Puppe keineswegs die kindische Sache ist, die ich immer wieder befürchte. Und Danke all den „Hummeln“, die kurz bei uns blieben und ihre Ideen da ließen, bevor sie zur nächsten Gruppe weiter zogen und dort ihre Impulse fallen ließen. Ihr ward immer genau am Punkt mit euren Wahrnehmungen, das war sehr hilfreich.

Überall, in allen 12 Projekten, wurde intensiv gearbeitet. Und wir hatten, wie immer zum Abschluss der Tage, am Ende eine Minute Zeit, unser Projekt zu präsentieren. Nein, ich mag dieses Pitchen, wie das neudeutsch genannt wird, überhaupt nicht. Und – es hat mir, wie immer, geholfen, eine sehr einfache Sprache zu finden und Menschen damit zu erreichen.

Danke, liebes Dreamteam rund um Harald und Cornelia, dass ihr dieses Schenken, dieses Geben und Nehmen möglich macht. Dass jede Teilnehmerin, jeder Teilnehmer durchgehend das Gefühl hatte, willkommen und wichtig zu sein. Danke all den Coaches, die sich jedes Jahr zur Verfügung stellen. Einfach so. Danke den Mitarbeitern der Gemeinde Arnoldstein und dem Burgherrn, der ununterbrochen für uns alle da war.  Und Danke Marco für das Foto von mir beim Pitch, nichts ist unmöglich mit Freunden! Mögen all die Projekte, die ich heuer gehört habe, blühen und gedeihen und andere anstecken, ihre Träume und Herzensangelegenheiten zum Wohle unseres Planeten und der Kinder dieser Gesellschaft, die nach uns hier leben wollen, zu verwirklichen.